Die Ring Chroniken 2 - Befreit - Erin Lenaris - E-Book

Die Ring Chroniken 2 - Befreit E-Book

Erin Lenaris

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Beschreibung

Das Lügengebäude ist eingestürzt. Wen begräbt es unter seinen Trümmern? Emony ist ein lebender Lügendetektor – jeder Schwindel brennt in ihren Ohren wie hundert Ameisenbisse. Als Wahrheitsfinderin entlarvte sie die skrupellosen Geschäfte des WERT-Konzerns mit dem lebenswichtigen Wasser in der Rauring-Wüste. Doch kaum hat sie sich den rebellischen Ringbrechern angeschlossen, wird ihre große Liebe Kohen verhaftet und zum Tode verurteilt. Emony setzt alles daran, ihn vor der Hinrichtung zu bewahren. Doch wie perfide WERT wirklich ist, wird erst nach und nach klar …

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Jessica Strang

Stapenhorststraße 15

33615 Bielefeld

www.tagtraeumer-verlag.de

E-Mail: [email protected]

Buchsatz: Laura Nickel

Lektorat/ Korrektorat: Veronika Carver

Umschlaggestaltung: Anna Hein

www.fuchsias-weltenecho.de

Bildmaterial: © Shutterstock.com

© Canstockphoto.de

ISBN: 978-3-946843-69-6

Alle Rechte vorbehalten

© Tagträumer Verlag 2019

Dieser Titel wurde durch die Autoren- und Projektagentur

CastleGate Agency vermittelt.

Erin Lenaris

Die Ring

Chroniken

Befreit

1. Kapitel

Wir jagen über die aufgerissene Teerstraße, als wäre sie eine Rennstrecke. Immer wenn unser Wüstenfahrzeug über eine Spalte rumpelt, krachen wir auf die harten Sitze. Doch niemand beklagt sich über die halsbrecherische Fahrt. Wir sind schließlich auf der Flucht.

Durch die zerschossenen Fenster unseres Gefährts dringt heißer Staub. Ich blinzle und kneife die Augen zusammen, um klare Sicht nach draußen zu haben. Die verfallene Asphaltpiste führt vorbei an Ruinen, deren Umrisse unter den Sandverwehungen kaum noch zu erahnen sind. Nur die Skelette der höchsten Gebäude ragen darüber hinaus. Hinter den leeren Fensterhöhlen wohnten vor 150 Jahren noch Menschen. Jetzt existieren hier nur noch Hitze und Staubstürme. In den alten Filmen marschierten die Leute frei in der Gegend herum und legten sich im Badeanzug in die Sonne. Wir brauchen Schutzkleidung gegen die aggressive Sonnenstrahlung und müssen uns in unterirdischen Wohnungen verkriechen.

Dort schweißen sie uns einen Register-Ring an den Arm, damit wir ja nicht weglaufen. Den Rauring. Wir nennen ihn so wie unsere Heimat, immerhin ist er genauso kratzig wie die trockene Wüstenluft. Den nervigen Armreif bin ich inzwischen los, aber dem rauen Klima entkomme ich nicht. Das größte Problem hier ist der Wassermangel. Der Durst. Der permanente, unerträgliche Durst. Wieder einmal ist die Zunge in meinem Mund zu einer trockenen Pflaume verschrumpelt.

Es geht auf Mittag zu und die Wüstensonne brennt glühend heiß herunter. Unter dem Metalldach unseres Gefährts sitzen wir zusammengepfercht wie in einem Backofen. Der Schweiß fließt in Strömen. In der stickigen Luft kann ich kaum schnaufen. Aber da ist noch ein anderer Geruch, der mir den Atem nimmt: Der metallische Geruch von Blut.

Kohens Blutungen sind vorerst gestoppt, nun müsste er dringend seinen Flüssigkeitsverlust ausgleichen. Aber wir haben nichts mehr zu trinken. Bei jedem neuen Rumpeln verzieht er das Gesicht. Er will sich nichts anmerken lassen, aber ich kann mir gut vorstellen, wie jeder Stoß durch sein zerschossenes Bein fährt. Wenn mein Knie das von Kohen berührt, flattert mein Magen, auch wenn wir gerade nicht durch ein Schlagloch rasseln. Die Angst um ihn drückt mir den Hals zu, gleichzeitig will mein Kopf davonschweben.

Er hat mich geküsst.

Mich!

Ausgerechnet mich, die unscheinbare Emony mit der aufgekratzten Haut. Ich kann es immer noch nicht glauben.

Jetzt hat Kohen die Augen geschlossen. Sein Gesicht glänzt schweißnass. Die langen Wimpern sind feucht, gekräuselte schwarze Haarsträhnen kleben ihm an der Stirn. Sein Atem geht flach. Als ich seine kalte Hand drücke, öffnet er kurz die Augen und lächelt die Schmerzen weg. Für mich.

Er achtet nicht auf das rote Blinklicht an seinem Arm und den Warnton, der gedämpft unter seinem Schutzanzug heraus piepst. Das Nomen-Implantat in seinem Nacken und das Bedienteil in seinem Handgelenk schlagen Alarm und melden Kohens Verletzungen an die Medizin-Zentrale im Norden. Blutverlust, Kreislauf instabil, keine medizinische Versorgung. Ein sinnloser Notruf: Selbst wenn die Ärzte ihm aus der Ferne helfen könnten, dürften sie das nicht. Kohen gilt als Staatsfeind Nummer Eins, seit er sich mit den Aufständischen verbündet hat. Und mit den medizinischen Daten meldet das Nomen auch die Position seines Trägers.

Unsere Verfolger wissen genau, wo wir sind.

Als mich ein trockener Husten durchschüttelt, schaue ich in vier besorgte Augen. Zwei von rechts und zwei vom Vordersitz. Während Kohen die Lider schnell wieder schließt, um eine neue Schmerzattacke wegzudrücken, bleibt der sorgenvolle Blick von Felix an mir haften. Er verrenkt seine bandagierte Schulter und dreht sich erst wieder nach vorne, als ich ihm durch ein Nicken zeige, dass mit mir alles in Ordnung ist.

Felix ist mein bester Freund. Auch wenn er gerne mehr für mich wäre und meine Zurückweisung unsere Kameradschaft auf eine schwere Probe gestellt hat, steht er doch immer wieder zu mir. Die dramatischen Ereignisse der letzten Stunden lassen jede Eifersucht verblassen und schweißen uns zusammen. Wir können froh sein, dass wir mit dem Leben davongekommen sind – wer denkt da noch an Liebeskummer?

Felix wirkt blass, seine aschblonden Fransenhaare stehen verstaubt und verstrubbelt in alle Richtungen. Der Tod unserer besten Freundin Mila, die auf der Flucht von einer explodierenden Drohne getötet wurde, hat selbst das unverwüstliche Stehaufmännchen umgehauen. Während er normalerweise ununterbrochen quatscht, sitzt er nun in sich zusammengesunken auf dem Beifahrersitz und schaut schweigend durch die trübe Frontscheibe.

Erst nach mehreren Kilometern hält er die drückende Stille nicht mehr aus.

„Unsere Enthüllungen werden bestimmt etwas bewirken“, sagt er. Weil wir ihm nicht gleich antworten, hebt er die Stimme. „Wie eine Bombe werden sie in Polaris einschlagen! Dann stürzt das Lügengebäude von WERT in sich zusammen.“ Felix war immer ein Optimist, aber jetzt klingt seine Zuversicht erzwungen. „Angeblich steht WERT ja für Wasser, Energie und revolutionäre Technologie“, verkündet er. „Ha! In Wirklichkeit bedeutet das ‚Welch – eine – riesige – Täuschung‘. Die WERT-Bonzen lassen sich im Regenring das Wasser auf ihre Glatzköpfe prasseln, quetschen die Energie für ihr Luxusleben aus dem Rauring heraus und spielen dann noch die großen Wohltäter für den Süden.“

Die forschen Sprüche klingen mit jedem Satz schräger. Das weiß auch unser Fahrer, der nicht darauf antwortet. Dass er sich nicht ablenken lässt, ist ganz in meinem Sinn, denn er jagt den Buggy im Affenzahn über die Buckelpiste. Er muss blitzschnell entscheiden, ob er ein Hindernis überrollt oder ihm ausweicht. Als sich das Gefährt aufbäumt und umzukippen droht, umklammert er den Steuerknüppel mit aller Kraft. Dabei fällt mein Blick auf die seltsamen schwarzen Carbonschienen, die sich wie ein zweites Skelett an seine Finger und Arme schmiegen. Auch entlang seiner Wirbelsäule und in seinem Nacken zeichnen sie sich unter dem schwarzen Schutzanzug unseres Fahrers ab. Mit den leise surrenden Motoren an den Gelenken geben sie dem Rebellenkommandanten etwas Roboterhaftes. Warum trägt er dieses Körpergerüst? Als wir durch das nächste Schlagloch rumpeln, quietscht es scharf.

Felix greift sich an seine verletzte Schulter. „Hey, Arkert! Machst du das absichtlich?“

Weil er nur einen finsteren Blick zur Antwort bekommt, brummt er durch die zusammengebissenen Zähne: „Hauptsache, bei Tarmo hinten kracht‘s genauso. So wie Nea ihn verschnürt hat, schlägt er sich bestimmt den Kahlschädel blutig.“ Der Gedanke an die resolute WERT-Frau, die sich auf unsere Seite schlug und Tarmo das Fürchten lehrte, scheint Felix ein wenig aufzuheitern. „Sein Gesicht, als ich ihm die Pistole aus der Hand geschossen habe! Tausend Liqui wert. Der hielt sich wohl für unglaublich clever, als er im Senderaum auf uns gewartet hat. Wollte uns seinem Vater servieren, dem großen Energie-Senator, dem WERT-Chef! Damit Tarmo Sark endlich auch mal was gilt. Ist wohl nicht gelaufen, eh? Dieser Flachstecker hat wohl nicht gedacht, dass wir seine drei Gehirnzellen austricksen und mit seinem Nomen senden. Die Wahrheit über WERT und seinen verlogenen Alten.“

Den letzten Satz hat Felix mehr ausgespuckt als gesprochen. In dem Spott schwingt sein tiefer Groll auf Tarmo mit. Doch die lockeren Töne täuschen nicht über seine Angst vor den Verfolgern aus dem Norden hinweg. Trotzdem legt Felix nochmal nach. „Das Beste ist ja, Tarmo hilft uns schon wieder. Als Anti-Drohnen-Schutzschild ist der mehr wert als jeder Raketenwerfer! So lang‘ wir den Sohn in der Hand haben, frisst uns der alte Sark aus der Hand.“

Felix und sein Wunschdenken!

„Sark ist sowieso am Ende“, fügt er hinzu. „Hier im Rauring will keiner mehr für seinen Lügenladen arbeiten. Die Kraftwerksarbeiter werden streiken. Kein Gas mehr für Polaris! Ihr werdet schon sehen, da oben wird es bald zappenduster.“

Aber ohne das Pipeline-Wasser aus dem Norden sind wir auch erledigt.

Felix schlägt mit der rechten Faust auf das Armaturenbrett, wo er sich mit der linken Hand einstemmt, um die Stöße der Buckelpiste zu dämpfen. „Wenn die Regenringler merken, dass sie einen Verbrecher zum Staatschef gewählt haben – einen Mörder! - dann jagen sie ihn von ihrer grünen Insel.“ Sein Redefluss stockt. Was Felix da erzählt, glaubt er selbst nicht so recht. Meine Ohren kribbeln. „Warte nur, Emo“, schiebt er nach. „Die Wahrheit setzt sich durch. Ganz bestimmt. Da bin ich mir sicher.“

Seine Schwindelei treibt mir die Hitze vom Hals über die Schultern bis in die Arme. Gegen diese Reaktion bin ich machtlos. Es ist, als würden Feuerameisen unter meiner Haut herumkrabbeln. Ich kralle mich krampfhaft am Vordersitz fest, weil ich weiß, was jetzt kommt. Das Beißen und Brennen in der Haut, der Juckreiz – und der unbändige Zwang, mich zu kratzen. Kratzen, kratzen!

Seit ich denken kann, brennen mir Lügen wie Feuer auf der Haut. Mein körpereigener Lügendetektor schlug schon immer an, wenn Senator Sark seine Dreckspropaganda verbreitete. Nun wissen wir, warum – und werden dafür von Killerdrohnen gejagt.

Als sich Felix zu mir umdreht, klappt sein Mund zu. Verschämt lässt er die Luft ab. Mit einem Mal graben sich Kummerfalten in sein sommersprossiges Gesicht. „Mila darf einfach nicht umsonst gestorben sein“, sagt er leise. Ich nicke und schlucke den Kloß in meinem Hals hinunter.

Jetzt schaltet sich Arkert ein. Er spricht mit rauer Stimme, leise, wie einer, der es gewohnt ist, dass man ihm zuhört. „Wir können den Sark-Sohn nicht lange bei uns behalten. Der Senator wird alles daransetzen, ihn zu befreien.“ Kohen dreht sich zum Fenster und sucht den Himmel mit zusammengekniffenen Augen nach Jägerdrohnen ab. Felix holt Luft, um etwas einzuwenden, doch Arkert spricht ungerührt weiter. „Dann wird er Kopfgelder auf euch ansetzen. Euch im Rauring zu Freiwild erklären. Deshalb steht ihr unter dem Schutz meiner Division.“

Arkert beschleunigt das Fahrzeug, wobei sein Außenskelett knirscht. Weil ein Streifschuss die linke Oberarmschiene beschädigt hat, knackt sein Ellbogen-Motor im Leerlauf als verstörende Erinnerung an den Kampf, dem wir entkommen sind. Vorerst.

Felix rutscht nervös auf seinem Sitz herum. „Wie weit ist es noch bis zu eurem Schutzbunker?“

„Zum Hauptquartier meinst du? Ich kann euch nicht direkt dorthin bringen.“

„Warum nicht?“

Arkert starrt durch die lädierte Windschutzscheibe nach vorne, wobei ein grimmiger Zug um seinen Mund erscheint. „Solange eure Nomen unsere Koordinaten funken, dürft ihr dem Stützpunkt nicht zu nahekommen. Erst müssen wir euch von den Sendern befreien.“

„Wie das denn?“ Felix fährt hoch. „Das Nomen-Kernstück hängt an unserer Wirbelsäule. Das kann man doch nicht einfach rausreißen?“ Mit aufgerissenen Augen wartet er auf die Antwort. „Oder?“

„Es bleibt drin“, sagt Arkert. „Wir legen es per Magnetstoß lahm.“

Mein Mund öffnet sich zum Protest, doch ich klappe ihn wieder zu. Kohen starrt auf das Nomen-Display an seinem Handgelenk, das seinen Blutverlust mit roter Leuchtschrift anzeigt. Ich taste nach der Wölbung an meinem Nacken. Das Implantat ist eingewachsen. Es schickt Botenstoffe ins Blut, die meine zerkratzte Haut heilen. Sobald das Nomen zerstört wird, ist es auch mit der Schönheit vorbei.

„Ihr habt keine Wahl“, sagt Arkert. „Diskussion beendet.“

Felix dreht aufgeregt den Kopf hin und her, wagt aber keinen Widerspruch mehr. Arkert hat ja recht. Solange unsere Nomen ihre Position senden, kann Sark seine Drohnen mit einem Klick auf uns hetzen. Die Mordmaschinen finden ihr Ziel in kürzester Zeit. Und das Ziel sind wir. Wir müssen die Implantate schnellstmöglich zerstören.

Vor uns tauchen die Ausläufer einer Ruinenstadt auf. Als Arkert abrupt bremst, hebt es mich fast aus dem Sitz. Die Reifen quietschen und eine braune Staubwolke steigt auf. Bevor das Fahrzeug hinter uns richtig angehalten hat, ist Nea schon herausgesprungen. Der dritte Buggy bremst sachte - ein Leichentransport ist kein Rennwagen.

„Los, raus mit dir!“ Nea klingt resolut wie immer. Sie richtet ihre Magnetpistole auf den an Armen und Beinen gefesselten Tarmo, den der Fahrer mit beiden Händen nach draußen schiebt. Als Nea mit einem Ruck an dem fest verschnürten Koloss zieht, verliert dieser das Gleichgewicht und kippt mit dem Gesicht voraus in den Sand. Der Glatzkopf grollt dumpfe Verwünschungen und verstummt erst, als Neas Waffe an seine Schläfe stößt. „Halt‘s Maul, bevor ich die Geduld mit dir verliere“, faucht sie ihn an. Verächtlich spuckt Tarmo den Dreck aus, der ihm beim Sturz in den Mund geraten ist. Dieses Ekel weiß genau, dass wir ihn lebend brauchen.

Nea lockert Tarmos Fußfesseln, doch der bewegt sich nur unwillig. Er hat Kohen aus purer Bosheit zweimal ins Bein geschossen und tut jetzt so, als wären seine Füße unter den Fesseln eingeschlafen. Ein hinterhältiger Heuchler, genau wie sein Vater.

Kohen beißt die Zähne zusammen, schiebt sich mühsam von dem engen Rücksitz des Wüstenfahrzeugs und lässt sich langsam vom Trittbrett herunter. Ich laufe zu ihm und fasse ihn am Oberarm, um ihn zu stützen. Mit meiner Hilfe richtet er sich auf, wobei neue Schweißtropfen aus seiner Stirn hervorquellen. Beim Versuch, sein verletztes Bein zu belasten, knickt er ein und fängt sich gerade noch an mir ab. Besorgt schaue ich zu ihm auf. Unter dem glänzenden schwarzen Haar wirkt er leichenblass.

Ich lege seinen Arm um meine Schulter, um ihm beim Gehen zu helfen. Sein linkes Bein kann er nur schlaff hinterherziehen, sodass sein ganzes Gewicht bei jedem zweiten Schritt auf mir lastet. Ich taumele und unterdrücke ein Ächzen. Kohens Kiefer ist verkrampft. Er muss unglaubliche Schmerzen leiden.

Arkert stapft energisch voraus und führt uns zielsicher durch die sandverwehten Betonruinen. Kohen muss immer wieder innehalten und stoßweise durchatmen, bevor er sich zum Weitergehen zwingt. Vor einer unscheinbaren Metalltür bleibt unser Anführer stehen. Er holt einen altertümlichen Schlüssel hervor und dreht ihn zweimal im Schloss, woraufhin das schwere Tor aufschwingt. Wir treten hindurch und stolpern durch einen düsteren Gang. In der plötzlichen Dunkelheit können wir kaum etwas sehen, doch am Ende des Korridors erkenne ich eine beleibte Gestalt in schwarzer Ringbrechermontur. Der Rebell klopft sich zum Gruß mit der Faust auf die Brust. Wir ahmen die Geste nach, was den pausbäckigen Kameraden grinsen lässt.

„Ich bin Sani“, sagt er. „So nennen mich alle, weil ich kürzlich noch Sanitäter war, bei den mobilen Medizinern, die alle Siedlungen abklappern. Aber hier gibt es für mich viel mehr zu tun. Weniger zu essen, dafür ein Riesenjob.“ Er mustert uns neugierig. „Was haben wir denn da? Viermal Rauring knacken?“ Die gutmütige Miene rutscht ihm aus, als er Kohens blutverklebte Hose sieht. „Und einmal Zusammenflicken? Kriegen wir alles hin. Machen wir alles. Alles der Reihe nach ...“

„Die Neuen sind Nomen-Träger“, unterbricht Arkert das nervöse Geplapper.

Sanis Augen werden rund. „Nomen? Sag‘ das doch gleich, Kommandant!“ Er greift in das Regal hinter sich, wuchtet eine verstaubte Kiste auf den Plastiktisch daneben und klappt den Deckel hoch. Wir treten näher und beäugen eine ringförmige Metallspule, die von einem Kunststoffgriff mit rotem Schalter eingefasst ist. An dessen Ende führt ein langes Spiralkabel zu einem kastenförmigen Akku.

„Ist das ein Elektromagnet?“, fragt Nea, die auf Zehenspitzen über Felix‘ Schulter lugt.

„Genau“, sagt Sani. „Wir haben einen Lastenmagneten vom Schrottplatz erbeutet und für unsere Zwecke umgebaut.“ Er hebt das Gerät wie einen Schatz aus der Kiste.

„Ein Lastenmagnet?“ Felix‘ Mund formt ein erstauntes O. „Krasser Scheiß!“

Sanis Augen blitzen und ein Grinsen zieht sich über sein rundes Gesicht. „Ein heftiger Stoß mit dem Magnethammer und euer Nackenteufel ist tot!“ Dann fällt Sanis Blick auf Kohen, der sich auf mich stützt und sein verletztes Bein leicht angewinkelt entlastet. Sein Lächeln erstirbt. „Trägst du auch ein Nomen?“, fragt er in Kohens Richtung.

„Warum?“, werfe ich ein, „ist dieser ‚Magnethammer‘ denn gefährlich?“

„Naja …“ Sani kratzt sich unentschlossen im Nacken und schaut mit zweifelndem Blick auf Kohens blutverklebte Hose. „Bisher haben es noch alle überlebt. Aber wir hatten auch noch nie einen Neuling mit frischen Wunden!“

„Es muss sein“, sagt Arkert.

„Muss sein, ja, natürlich.“ Sani schnauft geräuschvoll und reibt die Handflächen aneinander, wie um sich selbst Mut zu machen. „Lasst mich nur noch den Magneten prüfen.“

„Tut das eigentlich weh?“, fragt Felix in leicht piepsigem Ton.

Sani öffnet den Mund, doch Kohen antwortet an seiner Stelle. Seine Stimme klingt gepresst. „Schmerzhaft ist ein Magnetstoß nicht wirklich, aber er ändert die Spannung in deinen Muskeln ...“

Felix muss Kohens Zögern bemerkt haben, denn er reckt alarmiert den Kopf. „Und für normale Menschen ohne Medizinerschule: Was passiert da mit uns?“

„Der Magnetimpuls lässt eure Muskeln zucken“, springt Sani ein. „Ihr hampelt herum wie die Marionetten.“ Weil Felix ihn entgeistert anstarrt, fügt er eilig hinzu: „Das ist nicht so schlimm, wie es aussieht. Meistens jedenfalls.“ Er greift nach Kohens Hand, um das Warnsignal an dessen Nomen zu prüfen. Als er den Blutverlust davon abliest, verschluckt er sich und hustet.

„Wir haben keine Wahl“, sagt Kohen und macht einen Schritt in Richtung der niedrigen Liege neben dem Tisch.

„Nein, tu das nicht!“ Ich bleibe stocksteif stehen und halte ihn zurück. „Sani hat doch gerade gesagt, wie riskant das für dich ist.“ Kohen presst die Lippen zusammen und wendet sich ab.

„Sani, gibt es denn keine andere Möglichkeit?“

Kopfschütteln.

„Dann lass zumindest mich anfangen“, beschwöre ich Kohen. „Ich bin gesund. Mein Körper hat Kraft. Wenn du zuschaust, wie das bei mir läuft, kannst du Sani bei der Einstellung des Magnethammers für dich selbst besser beraten. Bitte!“ Sani nickt eifrig.

Sanft rüttle ich an Kohens Ärmel, bis er mich wieder anschaut, und halte seinen Blick fest. Seine großen Pupillen spiegeln Schmerz, Unsicherheit – und Bewunderung? Einen Moment lang ringt er mit sich. Anscheinend bringt er sich lieber selbst in Gefahr, als mich vorangehen zu lassen. Doch schließlich nickt er stumm. Er macht einen schwankenden Schritt zu Sanis Arbeitstisch, stemmt sich hoch und legt sein verletztes Bein darauf ab.

Nun drängt sich Felix zu mir vor. „Hier, Emo, nimm‘ meinen Talisman! Der soll dir genauso viel Glück bringen wie mir.“ Er legt mir eine glänzende kleine Weltkugel in die Hand, die er in seiner Hosentasche ganz warm gerubbelt hat. Der Globus-Anhänger zeigt die Erdteile, wie sie noch vor zweihundert Jahren ausgesehen haben, mit grünen Wäldern, mäandernden Flüssen und tiefblauen Seen. Ich streiche über die glitzernde Polkappe. Fast scheint es mir, als würde der Talisman lebendig in meiner Hand vibrieren.

„Nein, den kannst du nicht behalten“, sagt Sani. „Für den Magnethammer musst du alle Metallteile ablegen.“ Als ich den schwarzen Rebellenanzug abstreife, sieht er meine Halskette. „Die Kette auch. Die müssen wir abzwicken.“ Bevor ich protestieren kann, hat er schon eine Zange in der Hand.

Meine Finger schließen sich um das kantige Metallstück an der Kette. „Sei vorsichtig. Das ist der letzte Splitter vom Rauring meines Vaters. Das war das Einzige, was mir von ihm geblieben ist, als er verunglückt ist.“ Sanis Gesicht wird zu einem großen Fragezeichen. „Sein Shuttle ist explodiert“, erkläre ich. „Bis heute Mittag hielt ich ihn für tot.“

„Das ist Emony Keller“, wirft Arkert ein. „Elrings Tochter.“

Sani schnappt nach Luft. „Was, du bist Emony? Die hübsche kleine Lügenhörerin, von der Elring immer erzählt?“ Er rückt ein Stück von mir ab, um mich zu betrachten.

Verlegen drücke ich die Knie zusammen. „Ein Jahr lang dachte ich, die Terroristen hätten ihn in die Luft gejagt“, sage ich.

Sani schluckt und wirft Arkert einen fragenden Blick zu. „Ja, das ... das solltest du wohl glauben. Wie alle anderen auch. Nur mit diesem Deckmanöver konnte dein Vater untertauchen, ohne dich und deine Mutter in Gefahr zu bringen. Aber jetzt weißt du ja, dass ihm nicht wirklich etwas passiert ist! Deinem Vater geht es bestens. Er ist einer von uns.“ Sani legt mir feierlich die Hand auf die Schulter. „Er ist sehr stolz auf seine mutige Tochter.“

Mutig? Meine weichen Knie sagen etwas Anderes. Aber ich nicke tapfer.

Nun muss ich meine Schuhe und den Overall ausziehen und mich bäuchlings auf dem rissigen Kunstleder der Liege ausstrecken, wo er mich an Armen und Beinen festschnallt. Ich höre das Klicken eines Schalters. „Ladezustand okay“, murmelt Sani.Mit zugekniffenen Augen halte ich den Atem an. Meine heiße Stirn klebt an der staubigen Liege und meine Nase drückt in ihren harten Bezug. Der Magnethammer surrt, alarmierend hoch, schrill und bedrohlich.

Dann fährt der Stoß durch meinen Körper.

2. Kapitel

Der Impuls überfällt mich voller Gewalt. Sofort verkrampfen sich meine Arme und Beine. Meine Gesichtsmuskeln verzerren sich und die Sehnen in meinem Hals werden steinhart. Ein gepresster Laut entringt sich meiner Kehle. Spastische Zuckungen schütteln mich. Ich habe jede Kontrolle über meinen Körper verloren, reiße an meinen Fesseln, ohne es zu wollen. Es ist, als wäre ich von einem Dämon besessen, der sich bis zum letzten gegen die Austreibung wehrt.

Genau so ist es ja auch, fährt es mir durch den Kopf. Mein ‚Nackenteufel‘ will einfach nicht sterben.

Plötzlich ist der Spuk vorbei. Meine Glieder erschlaffen. Keuchend liege ich auf der Bahre. Ich horche in mich hinein, bewege meine Finger und spanne meine Schenkel an. Erleichtert stelle ich fest, dass sie mir wieder gehorchen. Nur ein leichtes Ziehen wie bei einem Muskelkater zeugt von den Krämpfen, die mich soeben noch im Griff hatten.

Warme Hände lösen die Schnallen meiner Gurte. Mit einem leisen Ächzen rapple ich mich auf. Kohen sitzt auf der Kante meiner Liege. Sein Blick ruht so besorgt auf mir, dass ich mich beeile, ihn zu beschwichtigen. „Alles okay … glaube ich.“

Da löst sich seine Miene und ein Lächeln erstreckt sich über sein Gesicht. „Emony. Emony! Du hast es geschafft.“

Vielstimmige Jubelschreie hallen von den Wänden. „Willkommen bei den Ringbrechern“, sagt Sani und strahlt über sein rundes Gesicht. Er holt eine Rolle mit schwarzem Tape aus seinem Regal, reißt mit den Zähnen ein Stück davon ab, legt mir die Rauring-Kette um den Hals und fixiert sie mit dem Klebeband. Mein dankbarer Blick tut ihm sichtlich gut.

Da zieht Kohen sein verletztes Bein auf die Liege und legt den Oberkörper zurück. „Ist der Automat wieder aufgeladen?“, fragt er in Sanis Richtung. Dem klappt das stolze Lächeln abrupt zusammen. Er nickt langsam.

Farbige Punkte tanzen vor meinen Augen. Mich hat der Magnethammer schon stark mitgenommen – für den geschwächten Kohen ist das bestimmt zu gefährlich. „Nein, Kohen!“ Ich halte mich an ihm fest. „Das darfst du nicht machen!“

„Nein, Kohen, das darfst du nicht machen“, äfft Tarmo in übertrieben hohem Quietschton nach. Von Neas Pistole in Schach gehalten hat er uns die ganze Zeit beobachtet. „Du darfst dich nicht so einfach von einem Magneten erschlagen lassen, Kohen.“ Er ruckelt mit dem Kopf und schaltet auf seine aggressive Normalstimme um. „Ich will dich nämlich eigenhändig massakrieren. Und zwar gaaanz langsam.“ Nea stößt den Lauf seiner Pistole in Tarmos Stiernacken, um ihn zum Schweigen zu bringen.

Ich drücke Kohen nur noch fester an mich. Erst, als er das Gesicht verzieht, merke ich, dass ich ihm wehtue, und lasse ihn los.

Kohen atmet tief. „Wird schon nichts passieren. Sani hat doch gesagt, dass bisher noch keiner zu Schaden gekommen ist.“ Er dreht mein Kinn sanft zu sich und schaut mich eindringlich an. „Außerdem muss das sein.“ Seine volle, warme Stimme ist rau vor Entschlossenheit. „Erst, wenn auch mein Nomen nicht mehr sendet, seid ihr – bist du – sicher.“ Kohen zieht seine dunklen Brauen hoch und seine Gesichtszüge werden weich. „Emony, deine Sicherheit ist das Allerwichtigste für mich.“

Seine Worte durchströmen mich wie eine warme Welle. Ich bin ihm wichtig, er sorgt sich um mich, denkt selbst unter Höllenqualen und Lebensgefahr noch an mich! Mein Kohen. Nie mehr will ich ihn loslassen.

Sanft, aber bestimmt löst er sich aus meinem Klammergriff. Widerstrebend stehe ich auf und beobachte, wie er mit zusammengebissenen Zähnen versucht, seine Schuhe abzustreifen. Ich knie mich vor ihn, ziehe ihm vorsichtig die metallbeschlagenen Stiefel von den Füßen und helfe ihm aus dem schweren schwarzen Schutzanzug. Kohen verbeißt sich den Schmerz, als er sich bäuchlings auf die Liege sinken lässt. Während Sani seine Hände und Füße festschnallt, flackert das rote Warnlicht an seinem Nomen. Glänzende Schweißtropfen sammeln sich in dem Graben entlang seiner Wirbelsäule.

Als der Magnethammer anläuft, wedelt Sani ungeduldig mit den Händen. „Abstand halten!“ Gegen meinen Widerstand zieht mich Felix mit sich, während ich mich zu Kohen umdrehe. Ich würde so gern bei ihm bleiben. Seine Hand drücken. Ihm Kraft geben. Aber Felix schleift mich aus dem Raum, hinter den Türrahmen, wo ich nicht zusehen kann und muss.

Ich lehne mein glühendes Genick gegen die raue Betonwand. Das Gerät surrt. Viel lauter als bei mir. Warum? Was ist los? Der Apparat gerät ins Stottern. Er wird doch jetzt nicht versagen? Endlich kommt der hohe Ton, schwillt zu einem stechenden Pfeifen an. Die Füße der Liege klappern, ein schwerer Körper klatscht auf ihr Leder. Immer und immer wieder. Kohens tiefes und langgezogenes Stöhnen fährt mir ins Mark, bevor es schlagartig erstirbt.

Ich reiße mich von Felix los und eile zu Kohen. Der rührt sich nicht mehr. Reglos liegt er da, mit kreidebleichem Gesicht. Kalte Schweißtropfen stehen auf seiner Stirn. Vor meinen Augen kreisen rote Blitze.

„Scheiße, Scheiße, Scheiße“, stößt Sani hervor und schubst mich unsanft beiseite. Seine Anspannung ist greifbar. Hektisch bindet er Kohen los und ächzt, als er dessen leblosen Leib in die stabile Seitenlage wälzt. Er rüttelt Kohen an den Schultern. Einmal, zweimal, ohne Erfolg.

Fassungslos starre ich auf Kohens leeres Gesicht. Balle die Fäuste und horche auf einen Atemzug, höre aber nur Sanis nervöses Schnaufen.

„Scheiße, verdammt“, zischt dieser noch einmal, beugt sich tief über seinen Patienten und legt seine Finger an Kohens Hals. Endlose Sekunden lang scheint die Zeit still zu stehen, dann lässt Sani erleichtert Luft ab. „Atmet und hat Puls.“ Er schüttelt Kohen noch einmal. Vergeblich.

„Tut mir leid, Kumpel“, sagt er und kneift den Bewusstlosen mit den Fingernägeln in die Nasenlöcher. Ich zucke schon beim Zuschauen zusammen, doch Kohen liegt immer noch wie tot vor mir.

„Wach auf! Kohen, bitte, wach auf! Ich drücke seine feuchte Hand, bettle um sein Leben. Flehe ihn an, die Augen zu öffnen. Sani umfasst Kohens Gesicht mit seinen schweißfeuchten Händen und drückt mit den Zeigefingern in den Kieferwinkel unter dessen Ohr.

Da.

Kohens Arm zuckt. Ein Pfeifen kommt aus seinem Hals, dann flattern seine Lider. Ich werfe mich über ihn und presse ihn an mich, als er die Augen aufschlägt und mich wiedererkennt.

„Du oder ich?“ Nea wendet sich an Felix, der ungewöhnlich still geworden ist. Weil sie keine Antwort bekommt, fährt sie mit den Fingern durch ihre Stoppelfrisur und tritt vor. Bei ihr läuft alles reibungslos und sie steht schon eine Minute nach dem Magnetstoß wieder auf schwankenden Beinen. Auch Felix übersteht die Nomen-Zerstörung wohlbehalten. Als er die Hand an sein heißes Nackenmodul hält und sich theatralisch auf die Finger pustet, blitzt schon wieder sein altes Grinsen auf.

Sani strahlt ebenfalls über das ganze Gesicht. Er bildet mit Arkert und den beiden anderen Rebellen einen Kreis um uns. Die Männer nicken uns feierlich zu und beginnen im Chor zu skandieren:

„Wächter der Wüste,

Streitmacht des Südens,

Vorhut der Freiheit,

Brüder im Bund!“

Im Takt mit ihren Worten klopfen sie sich auf die Brust. Als die letzte Silbe von den Ruinenwänden widerhallt, strecken sie die Fäuste nach oben und schlagen sie über unseren Köpfen aneinander. Auch wir reißen unsere geballten Fäuste hoch. „Willkommen bei den Ringbrechern!“ Sani zieht Nea in eine stürmische Umarmung. Ihre Augen glänzen feucht.

Tarmo hat mit einer Mischung aus Faszination und Verachtung zugeschaut. „Ringbrecher nennt ihr euch? Ver-Brecher seid ihr!“ Er beglückwünscht uns dafür, dass wir der WERT-Zentrale im Norden mit der Ausschaltung unserer Nomen-Implantate soeben verraten haben, wo die Rebellen ihren Außenposten haben. Am liebsten würde ich ihm sein süffisantes Grinsen aus dem Gesicht schlagen.

Nea erledigt das für mich.

Die Ringbrecher packen bereits für einen eiligen Aufbruch und ich wische mir erschöpft den Schweiß von der Stirn, da spüre ich die Bandage über meiner linken Handfläche. Erschrocken schaue ich auf die weißen, von Staub und Ölschmierern befleckten Mullbinden. Fast hätte ich es vergessen! Ich wende mich an Sani, der gerade einen Wasserkanister hinaustragen will. „Du musst mir noch Blut abnehmen.“

Sani stutzt und dreht sich zu mir um. „Was? Wieso?“

„Naja“, ich kratze an dem erloschenen Bedienfeld in meinem Handgelenk. „Das Nomen hat uns nicht nur die Drohnen auf den Hals gehetzt, es hat uns auch eine Menge Daten ins Blut gespeichert.“ Mit gerunzelter Stirn hört Sani zu. Er weiß natürlich, dass das Implantat als Datenspeicher dient und dafür Millionen von DNA-Päckchen in unsere Adern pumpt. Lauter setze ich nach. „Und ich habe brandheiße WERT-Daten in meinem Blut, die wir gegen die Schweine verwenden können!“

Sani lässt den Kanister sinken. Irritiert schüttelt er den Kopf. „Du hast was?“

Ungeduldig schwenke ich meine bandagierte Hand. „Rev … euer Kamerad, der heute erschossen wurde …“ Sanis Schultern sacken zusammen und ich schaue zu Arkert auf. „Du hast ihm schon von Revs Tod erzählt, oder? Per Funk?“ Der Anführer nickt schwermütig, daher fahre ich eilig fort. „Ihr wisst doch, dass Rev ins WERT-Archiv eingebrochen ist, bevor er zu euch überlief, massenweise Ampullen mit Datenplasma zerbrochen hat und sich die Scherben in die Haut gestochen?“ Sanis Mund bleibt offen stehen, aber ich rede einfach weiter. „Bevor Rev starb, habe ich mein Blut mit seinem gemischt, also trage ich die geheimen Daten jetzt auch.“

Der rundliche Ringbrecher starrt mich nur an wie ein seltsames Tier.

In eindringlichem Ton fahre ich fort. „Aber wenn mein Nomen die DNA-Datenpäckchen nicht mehr nachkopiert, werden sie bald aus meinem Blut verschwunden sein. Wir müssen sie rausholen, solange sie noch da sind.“

Wieder schüttelt Sani den Kopf. Er zeigt auf meinen Verband. „Du hast dir in die Hand geschnitten und in Revs Wunden gefasst? Glaubst du wirklich, dass du damit genug Blut von ihm abgekriegt hast?“

„Allemal besser als nichts“, wirft Felix ein. „Das ist scheiß-heißes Material! Top Secret! Irgendwas werden wir schon finden.“ Er klingt ganz aufgeregt beim Gedanken an die Geheimnisse in meiner Blutbahn.

„Ihr habt nur eine kleine Datenmenge übertragen“, überlegt Kohen. „Aber das Nomen kopiert alle neuen DNA-Päckchen zigtausendfach nach. Der Transfer ist jetzt schon ein paar Stunden her, also könnte der Kopiervorgang schon abgeschlossen sein.“

„Mach einfach“, brummt Arkert an Sani gewandt. „Wir haben keine Zeit zum Diskutieren.“

Dieser ringt die Hände. „Aber wir sind hier nicht auf sowas eingerichtet. Ich habe doch gar keine Kühlakkus, um die Blutkonserve frisch zu halten! Im Hauptquartier …“ Er sieht meine zusammengepressten Lippen und gibt sich seufzend geschlagen. „Also gut, also gut. Wenn du nur halb so stur bist wie Elring …“ Sani kramt einen angestaubten Sanitätskoffer aus dem Regal und zieht eine in Plastik verpackte Spritze heraus. „Noch eine frische da“, murmelt er erleichtert. „Und da habe ich noch …“ Wieder wühlt er in seiner Ausrüstung und räumt unter großem Getöse sandfarbene Munitionsboxen, abgewetzte Handschuhe und verkratzte Schutzbrillen beiseite. „Da!“, ruft er schließlich und zieht mit triumphierendem Lächeln einen silbrig glänzenden Beutel mit Klettverschluss hervor. „Eine Isoliertasche! Die sollte dein Blut frisch halten, bis wir es im Hauptquartier kühlen können.“

Ich sitze schon auf der Behandlungsliege und halte ihm meinen entblößten Unterarm hin. Eilig säubert Sani meine Armbeuge, holt die Spritze aus ihrer raschelnden Verpackung und zieht sie aus einer bläulichen Vene auf. Dann nimmt er das dunkelrot gefüllte Röhrchen aus der Kanüle, verschließt es mit einem kleinen Plastikdeckel und schiebt es in den Isolierbeutel.

Felix schnappt ihm die Tasche aus der Hand und drückt ihren luftdichten Gummiverschluss sorgfältig zusammen. „Damit kippen wir Sark von seinem Podest“, sagt er mit grimmiger Genugtuung.

„Jetzt aber los“, drängt Arkert. „Wir müssen schleunigst von hier verschwinden!“

Klar, der Außenstützpunkt ist wertlos geworden. Wir trinken, bis uns der Magen gluckert und laden die übrigen Wasservorräte in einen bereitstehenden Buggy. Arkert hat schon die Magnethammer-Kiste verschlossen und klappt nun mit schnellen Griffen die Liege ein. „Bring das Gerät zum Ausweichposten“, weist er den Ringbrecher an, der gerade die restliche Ausrüstung in das Gefährt wuchtet. „Es muss immer einsatzbereit sein, wenn neue Rekruten ihr Nomen loswerden müssen.“

„Wird gemacht.“ Der Gefolgsmann verabschiedet sich mit dem Ringbrecher-Gruß und braust in die Wüste hinaus.

Als wir nach draußen stapfen, habe ich nur Augen für Kohen, der über meinen Schultern hängend bei jedem zweiten Schritt in den Sand einsinkt. Die Luft pfeift ihm durch die Zähne. Während ich ihm in den Buggy helfe, entfährt ihm ein Schmerzenslaut.

Währenddessen schubst Nea den gefesselten Tarmo vor sich her ins Freie. Dann kickt sie ihm in die Beine und drückt ihn auf die Knie. „Was machen wir mit dem Gefangenen?“, fragt sie den Rebellenkommandanten.

„Er wird uns weiterhin die Drohnen vom Hals halten“, erwidert Arkert und schaut auf Tarmo herunter. „Wir werden uns jetzt von dir trennen, Sark. Mein Adjutant bringt dich in sichere Entfernung von unserer Basis, während wir zu unserem Stützpunkt fahren. Bis wir dort angekommen sind, wird Polaris die Suchdrohnen zurückhalten.“

Tarmo spuckt demonstrativ in den Sand.

„Dein Vater wird diese Bedingungen absegnen. Persönlich. Ruf‘ ihn an.“

Tarmo schüttelt verächtlich den Kantschädel. „Das kannst du vergessen.“

„Ruf. Ihn. An.“ Kohens drohende Stimme kommt aus der geöffneten Tür des Wüstenfahrzeugs. Er hebt seine Pistole, schaltet ihren Magneten ein und richtet den Lauf demonstrativ auf Tarmos Beine, erst auf die Wade, dann auf den Oberschenkel, genau dorthin, wo er selbst vor wenigen Stunden getroffen wurde. Das ist die Sprache, die Tarmo versteht. Er kapituliert und lässt widerstandslos zu, dass Nea die Nachrichtentaste an seinem Nomen aktiviert.

Ein holografischer Bildschirm leuchtet über seinem Handgelenk auf. Nea zappt mit ungeduldigem Fingerschnippen durch sein Adressbuch zum Buchstaben S. Tarmo schluckt, als der Name Santos Sark vor ihm erscheint. Kohen muss mehrfach mit seiner Pistole auf die Fahrzeugtür klopfen, bis Tarmo das Passwort einspricht. Seine vorher so trotzige Stimme wird dabei ganz dünn.

Schon nach zweimal Anklingeln klappt Sark Seniors Holobild hoch. Tarmos Vater tritt öffentlich als WERT-Vorsitzender und Energiesenator auf, lenkt aber auch die Wasser-, Gesundheits- und Informationssenatoren aus dem Hintergrund wie Marionetten. Und jetzt soll er nach unserer Pfeife tanzen? Das klingt fast zu schön, um wahr zu sein.

In der gleißenden Sonne sind Sarks feiste Backen und seine dünnen grauen Haare nur schemenhaft zu erkennen, doch mir scheint, dass er wieder sein typisches Pokerface aufgesetzt hat. „Ich habe Ihre Bedingungen ausnahmslos erfüllt“, sagt er mit öliger Stimme. „Nun vertraue ich darauf, dass Sie im Gegenzug meinen Sohn freilassen.“

„Noch nicht ganz.“ Arkert hält seine Pistole demonstrativ an Tarmos Schläfe. „Er kommt frei, sobald unsere Truppe in Sicherheit ist. Dann können Sie ihn unversehrt abholen lassen.“

Der Holo-Sark nickt und geht in aalglattem Tonfall auf Arkerts Bedingungen ein. „Keine Luftüberwachung – keine Verfolgung durch Soldaten oder Drohnen.“ Ich zucke zusammen. Hat mich da eine Ameise ins Ohrläppchen gebissen? Lügt uns der Senator also an?

„Bis unser Trupp in Sicherheit ist, werden wir mit den Bewachern Ihres Sohnes ein Funksignal austauschen“, erklärt Arkert. „Sollte unser Signal ausbleiben, wird Tarmo sofort erschossen.“

Sark verzieht keine Miene. „Wir werden Ihre Bedingungen erfüllen.“ Ich lausche angestrengt und spüre der Hitze in meinen Ohren und an meinem Hals nach. Sind es nur die unbarmherzige Wüstensonne und die Verbrennungen durch den Nomen-Kurzschluss, die meine Haut glühen lassen, oder hat mein Lügenfeuer gerade angeschlagen? Ich wünsche mir, der Senator möge weitersprechen, um mir zusätzliche Anhaltspunkte zu geben, doch er starrt uns nur feindselig aus seinen kalten Augen an, bevor sein Bild wegklappt.

Ich reibe meinen heißen Nacken. Dieser Machtmensch geht über Leichen. Gerne über unsere, ungern über die von Tarmo. Seinen einzigen Sohn braucht er schließlich, um die Sark-Herrschaft weiterzuführen. Also spielt er wahrscheinlich mit. Vorerst.

Was dann kommt, will ich gar nicht wissen. Das Spiel hat gerade erst begonnen.

Nea meldet sich als zweite Wache für Tarmo. „Ich fahre mit Zander. Vier Augen sehen mehr als zwei.“ Der Genannte willigt sofort ein, denn die resolute Neu-Rebellin hat es ihm sichtlich angetan. Auch Arkert nickt zustimmend. Nea hat mehr Biss als viele Männer und ist damit die ideale Verstärkung für seine Division. Siegessicher winkt sie mit der Pistole, als das Fahrzeug mit dem prominenten Gefangenen in einer Staubwolke davonbraust.

Kaum sind wir in die Gegenrichtung gestartet, schnarrt schon die erste Statusmeldung aus dem Funkgerät. „Arkert okay“, bellt der Kommandant zurück. Auf verschlungenen Wegen, aber absolut zielsicher, fährt er immer tiefer in die Ruinenstadt hinein. Sani folgt uns mit dem Leichentransport.

Beim Gedanken an die drei Toten in dem Buggy hinter uns schnürt sich meine Kehle zusammen. Meine beste Freundin Mila wurde von einer explodierenden Drohne zerfetzt. Die zierliche, schüchterne Mila hatte zuletzt ihr Kämpferherz entdeckt und musste sofort dafür sterben. Neben ihr liegen zwei gefallene Ringbrecher, die für unseren Einbruch in die Sendestation ihr Leben ließen. Doch sie sind nicht die Ersten, die für unsere Sache gestorben sind. Auch die alte Eneye, die in unserem Kraftwerk den Energiefluss überwachte, wurde von Drohnen zu Tode gejagt, sobald sie sich mutig gegen das Unrecht des WERT-Konzerns stellte. Die Erinnerung an sie lässt meine Augen brennen und mein Herz klopfen.

Werden wir den Verfolgern aus dem Norden entkommen? Oder enden wir genau wie sie?

Während sich die Wüstenfahrzeuge im Schatten immer höherer Häusergerippe vorarbeiten, markieren unsere Signale die Minuten. Als sich nach einer Viertelstunde immer noch keine Drohne blicken lässt, klingen die Meldungen allmählich ruhiger. Arkerts Armschienen knirschen leiser, während sich die Spannung aus seinen Muskeln löst.

Auch Felix kann sich langsam von der Uhr auf dem Funkgerät losreißen. Er hat den Isolierbeutel mit meiner Blutkonserve wie einen Schatz an sich gepresst. Immer häufiger schielt er auf unseren Fahrer, der ein befremdliches Bild abgibt. Mit dem martialischen Carbonkorsett könnte man ja noch leben. Das wirklich Verstörende sind die Apparaturen an Arkerts Gelenken: Sie stehen nie still. Ständig vollführen sie kleine Bewegungen, als müssten sie ihre eigene Funktionsfähigkeit testen. Felix beglotzt sie inzwischen völlig ungeniert. Mal sehen, wie lange er es noch aushält, bis ...

„Was sind das für Schienen?“, fragt er unverblümt.

„Ein Exoskelett“, antwortet Arkert. „Es unterstützt meine Bewegungen.“

„Also ein zweiter Satz Knochen, der außen an deinem Körper klebt? Macht der dich stärker?“

„So in etwa.“

„Sowas brauche ich auch“, verkündet Felix, spannt den Bizeps und posiert wie ein Bodybuilder. Weil Arkert nicht darauf eingeht, klappt er seine Arme wieder ein und wechselt das Thema. „Warst du der erste Ringbrecher?“

„Nein. Die Ersten leben nicht mehr. Sie wurden schnell gefasst. Ich war bei der zweiten Division dabei.“

„Wie viele Ringbrecher gibt es denn momentan?“

„Das weiß niemand. Die einzelnen Divisionen operieren unabhängig und voneinander getrennt. Das ist wichtig, denn immer wieder dringt ein Spitzel ein. So gehen nicht gleich alle hoch.“

Unwillkürlich ducke ich mich in meinen Sitz. In meinem Kopf erscheinen die Bilder von den Hinrichtungen gefangener Ringbrecher. Kein Rauring-Bewohner entkommt der Übertragung, denn unsere Zimmerbildschirme schalten sich für Regierungsnachrichten automatisch ein. Meine Haut brennt bei der Erinnerung an die unsäglichen Gräueltaten, die man den vermeintlichen Terroristen andichtet, bevor ein Bolzen in die Stirn ihr Leben beendet.

Kohen späht besorgt durch das trübe Seitenfenster. Ich taste nach seiner Hand und streiche über sein erloschenes Nomen-Schaltfeld – Elektroschrott in Seide gebettet, totes Metall auf pulsierender Lebenskraft, die auf mich übergeht, als Kohen meine Finger drückt. „Die Aufständischen brauchen mehr Unterstützung aus der Bevölkerung“, sagt er. „Solange WERT alle Nachrichten manipuliert, ist die öffentliche Meinung gegen uns.“

Arkert sieht plötzlich erschöpft aus. „Das ist der Punkt. Unsere Gegenpropaganda zündet nicht. Im Gegenteil: WERT benutzt die Ringbrecher als Sündenböcke für alles Mögliche. Vor allem für den Wassermangel.“

Felix schnaubt. „Dass das meiste Wasser für die Gasbohrungen der feinen Firma draufgeht, ist seit unserer Sendung ja nun endlich klar.“

„So neu dürfte das eigentlich gar nicht sein“, meint Arkert. „Das müsste jeder Adopt nach kurzer Zeit selbst herausgefunden haben. Ich weiß, wovon ich rede. War schließlich selbst einer.“

Kohen schaut überrascht auf.

„Aber ich habe die erste Gelegenheit genutzt und mich abgesetzt.“ Ruckartig beschleunigt der Rebellenanführer sein Fahrzeug und ich spüre den harten Sitz in meinem Rücken.

„Wie wir“, wirft Felix ein.

„Nach der Flucht habe ich die ersten Tage in einem alten Bergwerk verbracht, wo der Norden mein Nomen nicht empfangen konnte. Aber da konnte ich nicht bleiben.“ Arkert umkurvt einen offenen Kanaldeckel. Wir hängen an seinen Lippen, bis er endlich weiterspricht. „Mit einem Kameraden habe ich herausgefunden, dass sich das Nomen durch ein starkes Magnetfeld zerstören lässt. Das habe ich an mir selbst erprobt.“

„Wie krass!“ Felix pfeift beeindruckt. „So bist du den Nackenschmarotzer als erster losgeworden. Ohne ‚Nanotechnologische Optimierung, Medizin und Nachrichten‘ lebt es sich ganz gut, oder?“

Arkert verzieht den Mund, wobei ein gelber Eckzahn erscheint, antwortet jedoch nicht. Die Rädchen seines Exoskeletts knacken in der plötzlichen Stille. „Die Langzeitwirkung der Ausschaltung habe ich unterschätzt“, sagt er nach einer langen Pause. Dann gibt er so viel Energie, dass die Räder unseres Fahrzeugs durchdrehen. Ich hole Luft, um nachzufragen, doch als ich Arkerts verschlossenes Gesicht sehe, schließe ich den Mund wieder. Seine zusammengebissenen Zähne und der düstere Blick zeigen deutlich, dass die Unterhaltung für ihn beendet ist.

Ich taste nach dem erkalteten Implantat in meinem Nacken. Das Nomen ist tot. Wird es uns trotzdem noch heimsuchen?

3. Kapitel

Um das unbehagliche Schweigen zu durchbrechen, frage ich nach meinem Vater. Die Ablenkung scheint Arkert zu erleichtern. „Elring hat sich nach dem Schock über das Kraftwerksunglück vom vorletzten Jahr meiner Division angeschlossen. Weil die Familien von Überläufern in Sippenhaft genommen werden, mussten wir einen Bombenanschlag auf sein Pipeline-Shuttle vortäuschen. So einen wie wir Terroristen angeblich reihenweise auf die WERT-Arbeiter verüben.“ Nach einer Pause fügt er hinzu: „Dein Vater ist sehr wichtig für uns.“ Arkert dreht sich kurz zu mir um. „Er hat schließlich die gleiche Wahrheitsgabe wie du.“

Ein Ruck geht durch meinen Rücken. Erst seit wenigen Stunden weiß ich, dass mein Vater meine schmerzhafte Gabe teilt. Erfahren habe ich das von einem wildfremden Wüstenkämpfer, während er selbst mir meine ganze Kindheit hindurch nie davon erzählt hat. Der Gedanke versetzt mir einen schmerzhaften Stich.

„Elring ist zu uns übergelaufen, weil er das verlogene System nicht länger ertragen konnte“, sagt Arkert. „Er wollte sein Talent endlich wirksam einsetzen.“ Nun sehe ich das erste Lächeln auf dem ausgezehrten Gesicht des Ringbrecherkommandanten. „Wirklich, Emony. Er ist unser wertvollster Berater. In unserer Truppe hat ein Spion keine Chance. Ohne Elring wären wir schon zweimal aufgeflogen.“

Die restliche Fahrt verläuft in tiefem Schweigen, während ich an meine Kindheit zurückdenke. Wie konnte ich nur übersehen, dass auch mein Vater ein Wahrheitsfinder ist? Er bekam oft Hautausschläge, aber ich dachte immer, die kämen vom stundenlangen Schwitzen im Schutzanzug bei der Pipeline-Arbeit. Er hatte wohl ein dickeres Fell als ich. Oder er konnte sich besser beherrschen. Wahrscheinlich habe ich die Anzeichen für Vaters Lügenfeuer auch nur deshalb nicht bemerkt, weil ich viel zu sehr mit meinen eigenen Schmerzen beschäftigt war, wann immer uns jemand anlog. Egal, Hauptsache ich bin mit den Ameisenbissen nicht mehr allein.

Im Schatten einer ehemaligen Halle halten wir an, steigen aus und schauen uns neugierig um. Das Gebäude ist genauso verfallen wie alle anderen, die Fenster fast restlos zerschlagen. An einigen Stellen ragen schon die Stahlträger aus dem bröckelnden Beton. Nur die sonst allgegenwärtigen Anti-WERT-Graffitis fehlen. Die Ringbrecher entlarven die wahre Natur des teuflischen Konzerns, indem sie das WERT-Logo, eine Nordhalbkugel mit Steckerkontakten an der Unterseite, zu einem Schlangenkopf mit blitzenden Giftzähnen verfremden. Man findet es überall im Rauring, nur nicht am Eingang ihres geheimen Stützpunkts.

Sani steigt aus dem Buggy hinter uns und verteilt Stirnlampen. Arkert winkt uns durch einen schmalen Mauerriss ins Innere der Ruine. Trotz seiner surrenden Gelenkrädchen umrundet er die herabgestürzten Teile der Deckenverkleidung so geschickt, dass wir ihm kaum folgen können. Jetzt stehen wir vor einer verdeckten Falltür, die Felix interessiert beäugt.

Diese unscheinbare Metallklappe ist also der Zugang zum Geheimstützpunkt der Ringbrecher. Irgendwo dort unten wartet mein Vater, den ich so lange für tot hielt! Ich bin so aufgeregt, dass ich mich beim Abstieg auf einer steilen Gittertreppe mehr an Kohen festhalten muss, als dass ich ihn stützen kann.

Unten ist es dunkel, stickig und staubig. Das dumpfe Echo unserer Schritte klingt seltsam hohl. Die Lichtkegel der Stirnlampen bewegen sich unruhig, tauchen einzelne Flecken der rußigen Betonmauern in helles Licht und lassen den Rest im Finsteren.

„Da muss früher die U-Bahn gefahren sein.“

...ren sein, ...ren sein. Felix duckt sich, als er vor dem Nachhall seines eigenen Rufs erschrickt. Wir schlurfen durch einen langen Gang mit brüchigen Kabelsträngen an der Decke und längst aufgegebenen Verteilerkästen an den Wänden, stolpern verfallene Stufen hinauf und tapsen auf der anderen Seite wieder hinunter. Das Knirschen unter unseren Stiefeln verrät, ob der Untergrund mit Schutt bedeckt oder glatt ist. Bei Kohen wechselt immer ein schwerer Schritt mit einem schnellen leichten. Vor jeder neuen Treppe stöhnt er leise. Nach einigen Minuten auf unebenem Boden zittert auch sein gesundes Bein immer stärker. Höchste Zeit für seine Behandlung!

Endlich öffnet sich der Gleisschacht zu einem Tonnengewölbe. Der hohe Raum ist noch teilweise mit orangen Fliesen ausgekleidet, die jedoch schon weitgehend herabgefallen sind und den nackten Beton darunter freigeben. Rechteckige Halterungen jenseits des Gleisbetts deuten an, wo früher einmal Bildschirme oder Hinweisschilder hingen. Vor zweihundert Jahren muss dieser Ort als U-Bahnhof gedient haben, als belebter Verkehrsknotenpunkt, durch den jeden Morgen Tausende von Menschen im grellen Neonlicht zur Arbeit eilten und abends wieder müde nach Hause trotteten.

Nun brennt nur noch eine einzige schummrige Lampe am Ende des Raums. Darunter sitzen drei Männer. Einer springt auf und stürmt auf uns zu. Seine schnellen Schritte hallen von dem großen Gewölbe wider. Zielsichere, beschwingte Schritte. Mein Herz fängt wild an zu schlagen.

„Papa?“

„Emony!“

Plötzlich fühle ich mich ganz leicht. Besorgt schaue ich mich zu Kohen um, doch er hat sich auf ein altes Geländer gestützt, damit ich loslaufen kann. Sein Mundwinkel zuckt beim Versuch eines aufmunternden Lächelns. Dankbar nicke ich ihm zu.

Dann wirble ich herum, stürze auf meinen Vater zu und werfe mich in seine Arme. Er wirkt kleiner, als ich ihn in Erinnerung hatte, dünner. Unter seinem viel zu großen Hemd zeichnen sich knochige Schultern ab und sein Hals ist faltiger geworden. Doch er hat den Bart frisch rasiert, mit einer kleinen Schnittwunde am Kinn, genau wie früher. Seine Augen blitzen lebendig wie eh und je. Das ganze Gesicht ist voller Lachfalten.

„Emony, meine Emony!“ Er schlingt die Arme um mich und drückt mich so heftig an sich, dass ich in seiner Brust versinke.

„Papa“, japse ich und inhaliere den bekannten Vaterduft meiner Kindheit.

„Emony, wie schön, dass du da bist. Endlich – endlich!“ Während er leise auf mich einredet, streichelt er mir unaufhörlich über meine sandverdreckten Haare, die Schultern und die Arme wie er es früher mit seiner kleinen Emony getan hat, wenn sie sich beim Spielen blaue Flecken geholt hatte. Seine erdig warme Stimme versetzt mich zurück nach Hause, zurück in die einfachen Zeiten ohne Drohnen, Verfolgung und Tod.

Ich schließe die Augen, um diesen glücklichen Augenblick festzuhalten, doch nach einer Weile schiebt mich mein Vater sanft von sich weg. Er greift nach meiner Stirnlampe und schaltet sie aus, um mich zu betrachten. Wie schon als Kind bereitet mir sein aufmerksamer Blick leichtes Unbehagen, denn es fühlt sich an, als würde er in mir lesen wie in einem offenen Buch. Seine Augenwinkel glänzen feucht vor Rührung, doch da ist noch etwas anderes in seiner Miene. Ist es Sorge? Oder gar ein Gefühl von Verlust? Was erkennt er jetzt gerade in mir? Sicher nicht mehr die unsichere und unschuldige Fünfzehnjährige mit den roten Wangen, die er zu Hause zurückgelassen und seither vermisst hat. Das Jahr der Trauer um ihn, die harte Ausbildung bei WERT und die Erlebnisse der letzten Stunden haben mich entschlossener gemacht, erwachsener, härter. Vater streicht mir die verfilzten Strähnen aus dem Nacken und betrachtet stirnrunzelnd mein zerstörtes Hautimplantat. „Alles gut, Papa“, sage ich, um seine Sorgenfalten zu glätten. „Sani hat uns profihaft von dem Sender befreit. Kohen wurde kurz ohnmächtig, aber auch den hat er schnell wieder aufgeweckt. Kohen ist ...“

Ja, was ist Kohen für mich?

Mein Freund?

Ich bin über beide Ohren in ihn verliebt, das steht fest. Er hat mir versichert, wie wichtig ich für ihn bin, hat mich geküsst … aber liebt er mich auch?

Mein Zögern lässt Vater aufhorchen. Erst jetzt nimmt er den jungen Mann wahr, der sich mit weißen Fingerknöcheln an einer rostigen Stange festhält, von der die blaue Farbe abblättert. Nur für den Bruchteil einer Sekunde kneift Vater die Augen zusammen, aber ich habe seinen unwillkürlichen Reflex schon gesehen. Kohen ebenfalls. Er richtet sich auf, so gut es seine Verletzung erlaubt.

Ich eile zu ihm und helfe ihm auf. „Ohne Kohen wäre ich nicht hier“, beeile ich mich zu sagen. „Er hat uns bei der Flucht aus dem Kraftwerk geholfen.“

Gemeinsam treten wir vor. Kohen beugt den Kopf zum Gruß und streckt die Hand aus. „Darf ich mich vorstellen? Kohen Sander, ehemaliger WERT-Sanitäter und Neu-Ringbrecher.“ Mein Vater mustert ihn eine Sekunde lang, bevor er einschlägt. Die Anspannung der beiden Männer ist förmlich spürbar. Der Ältere taxiert den Jüngeren. Der nimmt all seine ganze Kraft zusammen.

Um die peinliche Stille zu überspielen, erzähle ich, wie ich Kohen kennengelernt habe, wie er mich trainiert und mir zweimal das Leben gerettet hat. Vaters Augenbrauen wandern dabei immer höher und mir schießt das Blut in den Kopf. Ich muss gar nicht erzählen, was ich für Kohen empfinde – er hört es an meiner Stimme, sieht es in meinem Gesicht. Und er weiß nicht, was er davon halten soll.

Als mein Redeschwall endet, steht Vater mit verschränkten Armen da. Ich schaue ihn bittend an. „Du bist verletzt?“, stellt er schließlich mit Blick auf das trockene Blut an Kohens Hose fest.

Das ist das Stichwort für Sani, der von hinten an uns herantritt. „Zwei Durchschüsse in Wade und Oberschenkel“, berichtet er. „Erheblicher Blutverlust. Möglicherweise sind Fetzen von seinem Schutzanzug in die Wunde geraten, wir müssen also schnellstmöglich operieren. Ich bereite gleich alles vor.“

„Nimm den mit“, sagt Felix und hält den Beutel mit meiner Blutprobe hoch. „Höchste Zeit fürs Kühlfach!“

„Kühlfach, sehr wohl, die Herrschaften“, raunzt Sani und schnappt die Tasche mit einer unwirschen Geste aus Felix‘ Hand. „Wenn der Generator da bloß nicht schlapp macht.“ Kopfschüttelnd brummelt er vor sich hin, während er durch die Hintertür verschwindet.

„Felix!“ Vater klopft dem Strubbelkopf freundschaftlich auf die Schulter. „Schön, dich zu sehen.“

„Ebenfalls, Herr Keller“, erwidert Felix. „Sie hier zu treffen ist die beste Überraschung aller Zeiten!“

Sein Strahlen steckt an, denn nun wendet sich mein Vater deutlich freundlicher an Kohen. „Bis Sani soweit ist, kannst du dich zu uns setzen und dein Bein hochlagern.“ Er deutet in Richtung der beleuchteten Sitzecke am Ende der unterirdischen Halle. „Eine kleine Stärkung gibt‘s auch.“

„Vielen Dank“, sagt Kohen und wir folgen meinem Vater zum Tisch seiner Kameraden.

„Das war einmal ein Bahnsteig“, erklärt Vater auf dem Weg und zieht uns gleichzeitig von einer Kante weg, damit wir nicht ins Gleisbett hinunterfallen. „Da hinten stand ein Imbisskiosk, den haben wir zur Küche umfunktioniert. Und die alten Wartebänke geben eine nette Kantine ab.“

Ich schaue mich in dem großen dunklen Gewölbe um. Gelbliche Leuchtröhren werfen schummriges Licht auf die kahle Wand hinter den Esstischen. In zwei Metern Höhe hat dort jemand in schwarzer Farbe überlebensgroße Köpfe auf den Beton gesprüht. Die markanten Charaktergesichter schauen allesamt entschlossen in die Ferne. Ich kann mich kaum von den Porträts losreißen, so eindringlich wachen sie über der düsteren Szenerie.

Felix hat schon vor uns mit Arkert und unseren anderen Begleitern Platz genommen. Irritiert schaut er zu, wie sich Kohen auf die lange Metallbank sinken lässt und sein verletztes Bein mühsam auf die Sitze neben sich zieht, wie ich an seiner Seite Platz nehme und Vater uns von gegenüber nicht aus den Augen lässt. Doch dann lässt sich Felix von dem herzhaften Bratenduft ablenken. Auch mich erinnert der Essensgeruch daran, dass ich schon seit zwanzig Stunden nichts mehr in den Magen bekommen habe.

Ein hünenhafter Ringbrecher stellt ein Tablett mit kleinen Fleischstückchen auf den abgewetzten Tisch vor uns. „Greift nur zu!“, fordert er uns mit tiefem Brummbass auf. „Heiß schmeckt es am besten!“ Er leckt sich die Lippen und zeigt auf sich selbst. „Hat Ted gekocht.“

Mit stolzgeschwellter Brust teilt Ted die Essensrationen aus. Der Name passt zu ihm. Mit seinem zottigen Vollbart, der stämmigen Statur und seinen bedächtigen Bewegungen wirkt er tatsächlich wie ein großer Teddybär. Er bedient den hageren Rebellen neben ihm, der nur ungnädig winkt, wenn er etwas braucht. Sein Name ist Mac, schließe ich aus der Unterhaltung.

Sobald alle ihren abgemessenen Anteil erhalten haben, eröffnet Arkert das Mahl mit dem ersten langsamen Schluck aus seinem Becher. Dieses Ritual kenne ich von zu Hause. Es ist eine Erinnerung an die durstigen Kehlen, das kostbare Wasser sorgfältig einzuteilen und jeden Tropfen zu genießen, bevor der Becher leer ist. Denn Nachschlag gibt es fast nie.

Ich schiebe meine Wasserration zu Kohen, denn er sollte seinen Blutverlust mit viel Flüssigkeit ausgleichen. Er lächelt mich dankbar an, schiebt den Becher dann aber wieder zurück. Ich seufze innerlich. Einerseits bewundere ich Kohen für sein Durchhaltevermögen, andererseits müsste er wirklich nicht immer den Helden spielen.

Die anderen haben sich bereits dem Essen zugewandt. Während Kohen nur kleine Bissen nimmt und sie lange kaut, macht sich Felix energisch über seinen Teller her und stopft sich drei der kleinen Bratenstücke auf einmal in den Mund. „Mmmh, genial lecker“, nuschelt er mit vollen Wangen. „Bei uns daheim kostet Fleisch ein Vermögen. Habt ihr das Zeug auch von WERT geklaut?“

Ted rutscht auf dem für sein breites Gesäß viel zu kleinen Sitz herum und linst listig zu Arkert. Sein verschmitztes Grinsen zeigt, dass er etwas loswerden will. „Darf‘s Ted sagen?“, fragt er. Man sieht ihm an, dass er vor Ungeduld schon fast platzt. Er darf und bricht in dröhnendes Gelächter aus. „Ted ist hier der Grillmeister“, prustet er und hält sich vor Lachen den Bauch. „Hoho – ein richtiger Meister! Und Teds Spezialität – Hohoho – sind Rattenschenkel!“

Felix hört schlagartig auf zu kauen und weiß plötzlich nicht mehr, was er mit seinem vollen Mund anfangen soll. Weil ihn alle beobachten, rollt er mit den Augen, schluckt und würgt, bis die Ratte endlich unten ist.

Mein Vater lacht mit den Ringbrechern wie einer von ihnen, hat dabei jedoch immer ein Auge auf Kohen. Was sieht er in ihm? Sicherlich einen attraktiven, ernsthaften jungen Mann, der großen Mut bewiesen hat. Wahrscheinlich aber auch einen Wildfremden, einige Jahre älter als seine Emony, noch dazu mit zweifelhafter Vergangenheit. Welchen Einfluss hat der wohl auf sie? Und ist die kleine Tochter nicht noch viel zu jung für einen Freund?

Wie gern würde ich ihm die Antworten auf diese und viele andere unausgesprochene Fragen geben. Ich möchte ihm so viel erzählen und möchte selbst so viel von ihm wissen, doch ich muss mich gedulden.

Die meisten Ringbrecher reden und kauen gleichzeitig. Ted schmatzt besonders genüsslich, wenn er von der Trinkwasserbeschaffung spricht, für die er und Mac zuständig sind. Mit dröhnender Stimme erzählt er, wie sie gestern Nacht eine WERT-Pipeline angezapft haben, trotz der immer dichteren Drohnen-Überwachung. „Wir sind ewig weit gefahren, bis zum Streckenabschnitt 67 C“, berichtet er, während er sich das Bratfett von den Fingern ableckt.

„Aber die verdammten Killermaschinen haben uns trotzdem entdeckt, bevor der Tank voll war“, ergänzt Mac.

„Ted hat zwei Drohnen abgeschossen und Mac drei“, fügt sein hünenhafter Kamerad mit pfiffigem Grinsen hinzu.

„Das war knapp“, meint Mac. „Verflucht knapp.“

„Jetzt werden sie auch diesen Abschnitt stärker kontrollieren“, stellt Arkert fest. „Ihr müsst beim nächsten Mal noch weiter fahren.“ Seine Stimme knarrt. „Und statt zehn Kanistern haben wir diese Woche nur sieben.“ Düster mustert er die Runde. Noch mehr durstige Hälse, noch weniger zu trinken. „Das Wasser wird weiter rationiert. Ein Liter pro Tag und Person.“

Mutlos schaue ich in meine abgewetzte Blechtasse. Das Wasser ist so warm wie die stickige Luft hier im Untergrund; es schmeckt abgestanden, schal und gechlort. Ein Liter am Tag ist viel zu wenig für einen gesunden Wasserhaushalt im Körper. Ich spüre schon, wie meine ausgetrocknete Haut weiter verschrumpelt. Arkerts Gesicht wirkt bereits gegerbt wie Leder.

Als ich dem Kommandanten beim Essen zusehe, fällt mir auf, dass er schon seit einiger Zeit den Funkaustausch mit Tarmos Buggy eingestellt hat. Was bedeutet das? Ist die Aktion geglückt? Haben sie den Gefangenen freigelassen? Konnten sich Nea und Zander danach in Sicherheit bringen? Mein fragender Blick trifft meinen Vater. Der legt den Finger an den Mund und nagt die Fleischreste von den Knöchelchen, die ich mir am lebendigen Tier gar nicht vorstellen mag.

Kohen schiebt seinen halbvollen Teller beiseite. „Der feine Herr ist wohl Besseres gewohnt“, kommentiert Ted in beleidigtem Ton. „Hier unten haben wir uns die guten Manieren schon längst abgewöhnt“, fügt er hinzu, während er sich weit über den Tisch gebeugt die Fleischreste schnappt.

Alle Blicke ruhen nun auf Kohen, der sich zu einem entschuldigenden Lächeln zwingt. Ihm verschlägt bestimmt nicht der Ekel vor Rattenfleisch den Appetit, sondern die höllischen Schmerzen in seinem Bein. Wahrscheinlich hätte er vor der OP gar nichts essen sollen und hat Teds Braten nur aus Höflichkeit angenommen. Er sollte längst im Operationsraum liegen, anstatt sich hier schief anschauen zu lassen.

Die Ringbrecher wenden sich wieder ihrer Mahlzeit zu. Sie beäugen Kohen nur noch ab und zu verstohlen von der Seite, während Felix ihn beflissen ignoriert. Kohens Augen werden dunkel und ich spüre, wie er sich ganz in sich selbst zurückzieht. Sein ebenmäßiges Gesicht nimmt wieder diesen unnahbaren, düsteren Ausdruck an, den ich schon so oft an ihm gesehen habe. Irgendetwas frisst in solchen Momenten an seinem Inneren, alte Schuldgefühle kommen nach oben und ziehen ihn in die Dunkelheit. Jedes Mal möchte ich seinen Blick festhalten, über seine verschwitzten Schläfen streichen und seine Sorgen mit meiner Berührung vertreiben. Doch Kohen schaut nur durch mich hindurch, als wäre er unendlich weit weg.

Erst jetzt merke ich, wie unruhig ich auf der Bank hin und her gerutscht bin. Ted gestikuliert mit seinen haarigen Armen und erzählt von Schlangen, die er angeblich mit bloßen Händen gefangen hat. Seine haarsträubenden Geschichten lassen meine Ohren jucken. Ich spüre die Fingernägel in meinen Fäusten, aber mein Vater schaut gar nicht von seinem Teller auf. Falls er die Schwindelei fühlt, lässt er sich nichts anmerken. Genau wie früher. Warum hat er mir die ganze Zeit verschwiegen, dass es ihm genauso geht wie mir? Ich habe doch so darunter gelitten, anders zu sein. Warum ließ er mich denken, ich sei der einzige arme Freak? Und warum hat er mich und Mutter im Glauben gelassen, er sei tot?

Ich zupfe an seinem Ärmel. „Kann ich mal mit dir allein reden?“ Er sträubt sich erst, steht dann aber zögernd auf und verlässt mit mir den Aufenthaltsraum. Im Gleisschacht ist es stockfinster, daher müssen wir unsere Stirnlampen wieder einschalten. Ihr Licht blendet so stark, dass ich meinen Vater nicht direkt anschauen kann. Mit den scharfen Schatten im Gesicht wirkt er müde und viel älter als früher.

„Warum hast du mir nie erzählt, dass du auch ein Wahrheitsfinder bist?“, frage ich mit belegter Stimme.

Das Licht an Vaters Stirn flackert unruhig. Nervös wischt er sich die Finger an seinem staubigen Hemd ab. „Ich hätte es tun sollen“, sagt er nach einer drückenden Pause. „Es tut mir so leid, dass ich dich nie ins Vertrauen gezogen habe.“ Er seufzt tief. „Als du noch klein warst, hatte ich Angst, du könntest es ausplaudern. Man weiß ja nie, was Kinder so erzählen. Und niemand durfte von meinem Lügenfeuer wissen, sonst hätte ich meinen Job verloren.“

Vater klingt so gedrückt, dass ich ihn am liebsten umarmen möchte, doch gleichzeitig flutet Bitternis in meinen Mund. So lange ließ er mich glauben, ich sei mit den Feuerameisen allein. „Ich war 15, als du dich abgesetzt hast“, entfährt es mir. „Fünfzehn! Hast du mich da immer noch für ein plapperndes Baby gehalten?“

Vater schrumpft ein Stück in sich zusammen. „Nein, Emony, natürlich nicht ...“ Seine Worte laufen ins Leere. „Irgendwie ergab sich nie die richtige Gelegenheit ...“

„Und dann bist du einfach abgehauen.“

Vater zuckt zurück, als hätte ich ihm einen Faustschlag versetzt. Aus seiner Kehle kommt ein kratzendes Geräusch. „Emony, ich weiß ja, dass es schwer für euch war“, bringt er mühsam hervor. „Es hat mir unendlich leidgetan und das tut es immer noch. Aber ich konnte einfach nicht mehr weitermachen. Sarks Lügen wurden von Woche zu Woche schlimmer, mein Hautausschlag war immer schwerer zu verbergen ...“ Vater kratzt sich am Kehlkopf. „Ich wurde schon zu einer Sonderuntersuchung bestellt und wäre bestimmt bald gekündigt worden. Und dann ist das Unglück in 48Alpha passiert - eine eingestürzte Siedlung, viele Tote und Sark täuscht einen Anschlag vor!“ Immer heftiger brechen Vaters Worte hervor. „Ich hatte solche Angst, dass es uns als nächstes trifft, dass du in unserer Wohnung verschüttet wirst. Ich musste einfach herausfinden, was wirklich vorging, musste meine Gabe einsetzen!“