Erhalten Sie Zugang zu diesem und mehr als 300000 Büchern ab EUR 5,99 monatlich.
Was tut man, wenn man im Jahr 1979 als 16-jähriger Westberliner nach Hamburg ziehen muss? Weg von der Freundin, weg von den Kumpels, weg aus dem schützenden Kokon der Mauerstadt? Richtig, man gründet inmitten des Auflebens von Punk und New Wave eine Band. Tim und "Die Rote Gefahr" sind bereit, das Land zu erobern... oder zumindest Hamburg. Doch es sind gleich mehrere elementare Probleme zu überwinden, und alle haben mit Mädchen zu tun...
Sie lesen das E-Book in den Legimi-Apps auf:
Seitenzahl: 333
Veröffentlichungsjahr: 2015
Das E-Book (TTS) können Sie hören im Abo „Legimi Premium” in Legimi-Apps auf:
Haiko Herden
Die Rote Gefahr
Eindimensional in die Zukunft (inkl. Soundtrack-Download-Gutschein)
Dieses ebook wurde erstellt bei
Inhaltsverzeichnis
Titel
Erweitertes Impressum
30. MÄRZ 1979, FREITAG
31. MÄRZ 1979, SAMSTAG
02. APRIL 1979, MONTAG
06. APRIL 1979, FREITAG
07. APRIL 1979, SAMSTAG
08. APRIL 1979, SONNTAG
09. APRIL 1979, MONTAG
11. APRIL 1979, MITTWOCH
13. APRIL 1979, FREITAG
22. JUNI 1979, FREITAG
23. JUNI 1979, SAMSTAG
27. JUNI 1979, MITTWOCH
28. JUNI 1979, DONNERSTAG
29. JUNI 1979, FREITAG
30. JUNI 1979, SAMSTAG
01. JULI 1979, SONNTAG
Danksagung
Impressum neobooks
Die Rote Gefahr
Eindimensional in die Zukunft
Haiko Herden
PIPAPO VERLAG
Haiko Herden wurde am 13.05.1968 in Hamburg geboren. Er arbeitet als Mediendienstleister, Musiklabel-Betreiber und Musiker im Wave- und Electro-Bereich (u.a. „The Evasion On Stake“, „Charles Lindbergh n.e.V.“, „Anti Trust“), bescherte der Welt zusammen mit Freunden ein Tape-Label namens „Beton Tapes“, zehn Jahre laufende Fernseh- als auch Radioshows im Offenen Kanal Hamburg, ein Online-Filmlexikon, ein Online-Musik-Zine sowie eine ganze musikalische Stilrichtung namens „Neue Luruper Welle“. „Die Rote Gefahr“ ist das erste Buch einer kleinen Reihe von Musikromanen, die kaum autobiografisch sind.
Für alle Menschen, die finden, dass Musikgeschmack unterbewertet wird.
Zu diesem Buch ist ein Soundtrack erschienen, der kostenlos unterwww.klang-downloader.deruntergeladen werden kann. Bitte besuchen Sie dort die Rubrik „Free Downloads“.
Der Gutscheincode lautet: die-rote-gefahr
Auf der Seite kann man sich zudem auch für einen Newsletter des Autoren anmelden.
1. Auflage 2015
ISBN: 9783945937006 (Papierbuch)
© Haiko Herden, Pipapo Verlag, Hamburg 2015
Am Mittwoch flog das Atomkraftwerk in Harrisburg in die Luft. Am Freitag kamen wir in Hamburg an.
»Das ist dein Zimmer, Tim«, meinte meine Mutter zu mir.
Es war der kleinste Raum in dieser 3-Zimmerwohnung in der Stresemannstraße, aber immer noch größer als mein altes Reich in Berlin. Morgen würde der Umzugswagen kommen mit all unseren Sachen, heute Nacht mussten wir irgendwie irgendwo in dieser total leeren Wohnung übernachten. Meine Eltern hatten Luftmatratzen und Wolldecken dabei.
»Die Tapeten sind vielleicht nicht ganz dein Geschmack«, meinte sie, »aber wenn wir uns hier etwas eingelebt haben, kannst du dir den Raum ja richtig chic und modern mit einer Raufasertapete machen. 22 Uhr, ich denke, wir sollten mal alle schlafen gehen, die Sachen kommen ungefähr gegen 8 Uhr. Es wird zwar alles hochgetragen, doch der Tag wird trotzdem anstrengend werden.«
Mein Vater reckte sich: »Ich bin auch wirklich müde, die Fahrt hat mich echt fertiggemacht.«
War zu verstehen, wir waren satte sieben Stunden auf der Straße gewesen, den ganzen Weg von Berlin bis hierher nach Hamburg. Es war ja, trotz März, immer noch jede Menge Schnee überall. Und über eine Stunde verloren wir an der Grenze, weil da so ein Stau war. Doch als wir dran kamen, waren wir fix durch, da wir wohl kein größeres Aufsehen erweckten. Meine Eltern hatten sich ziemliche Sorgen gemacht, denn meine Haare waren extrem wirr, ich hatte mit Edding gestern Abend schnell noch ein paar Strähnen reingemalt. Mein Vater wollte, dass ich sie mir kämme und eventuell eine Schirmmütze aufsetze, doch ich hatte mich standhaft geweigert, ich wollte auf keinen Fall allzu spießig in die neue Stadt kommen. Mein Vater meinte noch, dass die Grenzsoldaten auf solche Typen wie mich allergisch reagieren würden und uns deshalb extrem tyrannisieren würden an der Grenze. Aber es war nicht so. Siehste wohl.
Es kotze mich extrem an, von Berlin nach Hamburg zu ziehen, doch mein Erzeuger hatte einen neuen Job bekommen und wir waren zum Umzug gezwungen. Ich war leider noch nicht volljährig, sonst wäre ich in Berlin geblieben, alleine schon aus dem Grund, weil ich mit Wohnort Hamburg dann auch zum Bund musste. Ich hatte mich in Berlin aber noch vor der Abreise schnell umgemeldet und wohnte nun auf dem Papier bei einem Freund in Berlin, sodass das Militär nicht auf mich aufmerksam werden würde. So hoffte ich zumindest. Meine Eltern hatten dem zugestimmt, sie konnten mich in dieser Hinsicht verstehen, auch wenn sie mich ansonsten eher weniger verstanden und sich etwas mehr Disziplin meinerseits wünschten. Besonders meinen Musikgeschmack konnten sie nicht teilen. Aber das war ja auch egal, es gab sicherlich niemanden in meinem Alter, der den gleichen Musikgeschmack wie seine Eltern hatte. Wobei in meiner alten Klasse schon einige so aussahen, bei denen es wahrscheinlich doch so war.
»Ich denke«, fing ich zögernd an, »ich gehe noch etwas raus. Ich will mich mal umgucken hier, wo wir gelandet sind.« Ich hatte echt noch keine Lust, unnötig rumzuliegen, während draußen eine neue Stadt darauf wartete, entdeckt zu werden. Besonders schrieben wir heute Freitagabend und wer geht da um 22 Uhr ins Bett? Wer geht überhaupt an einem Freitagabend ins Bett?
»Jetzt noch?«
»Ja, Mutter, ist doch noch nicht spät.«
»Na gut, aber bitte sei um Mitternacht wieder da. Denk dran, morgen wird ein anstrengender Tag, du solltest dich noch einmal richtig ausschlafen.«
»Ja ja, klar. Ich bin dann also weg«, sagte ich und zog mir die schwarze Jacke mit den Buttons über. »Gibst du mir bitte noch meinen Schlüssel?«
»Ja klar, hier ist er.«
Meine Mutter überreichte mir mit beinahe feierlichem Gesicht meinen eigenen Schlüssel. Ich dankte, drehte mich ansonsten wortlos um und ging die Treppen hinunter – wir wohnten im dritten Stockwerk - und stand dort unten erst einmal vor der Tür. In welche Richtung sollte ich gehen? Ich entschied mich für rechts, denn in die Richtung ging es Richtung Innenstadt und ich dachte, die Wahrscheinlichkeit sei größer, dass man dort irgendetwas von Interesse finden würde.
Auch in Hamburg lag Schnee, wie in Berlin. Der Winter war heftig gewesen und offenbar immer noch nicht zu Ende. Ich ging ein paar Meter weiter, da kam tatsächlich schon die erste Kneipe. Sie hatte den Namen »Andrea Doria«, ich guckte kurz rein und es sah schon mal recht interessant aus. Allerdings ging ich dann weiter, ich konnte ja wohl kaum in einer Kneipe um die Ecke ein Bierchen trinken. Womöglich würde mein Vater diesen Laden später als seine neue Stammkneipe auserwählen. Ich ging nach rechts in die Schützenstraße, doch da kam lange Zeit gar nichts. Ich wollte schon kehrt machen, um die Hauptstraße weiter runter zu gehen, doch da kam mir ein Typ aus einer Seitenstraße entgegen, der schön punkig aussah. Ich beschloss, den einfach mal anzuquatschen, auch wenn er ein wenig bedröhnt wirkte.
»He, ich bin neu hier, weißt du, wo man hingehen kann?«, fragte ich ihn.
»Echt? Das tut mir leid. Hast du Geld?«, fragte er zurück, nachdem er mich ein paar Sekunden musterte.
»Ich weiß nicht. Nur ein bisschen.«
Ich hatte Angst, dass der Kerl mich vielleicht ausrauben wollte. Andererseits konnte ich mir nicht vorstellen, dass er bei meinem Aussehen Geld vermuten würde. Er hatte eine Lederjacke an, wild bemalt mit Parolen, wahrscheinlich mit Autolack irgendwie besprüht, und ein paar Buttons. Eine schwarze Jeans dazu, irgendwie Standard-Punkaussehen mit wirren Haaren, Sid-Vicious-Frisur, blondiert. Ich hatte zwar knapp 90 Mark in der Tasche, doch das wollte ich ihm erstmal nicht unter die Nase reiben. Das wäre echt toll, kaum in einer neuen Stadt und schon ausgeraubt.
»Echt, wenn du mich einlädst«, meinte er, »zeige ich dir einen netten Laden. Da spielt heute so eine deutsche Punkband.«
»Kommt drauf an, was das kostet.«
»7 Mark ist der Eintritt«, er hatte wohl nicht erwartet, dass ich auf sein interessantes Angebot eingehen würde und wollte es mir noch schmackhafter machen: »Dafür gebe ich dir auch ein Bier.«
Er zog eine Dose aus seiner Tasche und hielt sie mir vor die Nase. Ich guckte sie an, 0,5 Liter Holsten. Hatte ich schon von gehört, ein Hamburger Bier. Das war die Gelegenheit, einen Hamburger Laden und gleichzeitig ein Hamburger Bier zu testen, ein wirklich perfekter Einstieg, besonders, wenn man bedachte, dass ich gerade mal 10 Minuten auf der Straße war. Und eine deutsche Punkband war ja auch nicht schlecht. Ich schnappte mir die Dose, machte sie auf und trank erst einmal einen größeren Schluck. Schmeckte gut, beinahe hanseatisch.
»Na gut«, meinte ich daraufhin und trank noch einen Zug, »dann zahl ich den Eintritt. Wo ist denn das?«
»Komm mit. Das ist nicht weit von hier, in der ›Fabrik‹.«
Wir marschierten also los, gingen zwei Minuten schweigend nebeneinander her. Dann fragte der Typ: »Wo kommst du noch her?«
»Berlin.«
»Berlin?«
»Ja.«
Er guckte mich an, doch ich konnte nicht erkennen, was er dachte. Die Augen wirkten ein wenig leer. Wir gingen weiter, gingen unter einer Brücke durch und schwiegen uns erst einmal weiter an.
»Das ist auch eine große Stadt«, meinte er ohne Vorwarnung. »Die liegt doch aber in der DDR, oder?«
»Nur halb«, versuchte ich ihn aufzuklären. »Also eigentlich schon ganz, aber die eine Hälfte gehört zu Westdeutschland.«
»Ich weiß, bin ja nicht ganz blöd. Hab ich doch drauf«, er war fast beleidigt und trank erstmal einen weiteren Schluck Holsten und rülpste herzerfrischend. »Hast du Urlaub gekriegt?«
»Nee, meine Eltern sind hierher gezogen, mein Vater arbeitet hier irgendwas.«
»Ach. Dein Vater?«
»Ja.«
Wir gingen weitere zehn Meter und genossen unser leckeres Pils. Es war echt kalt hier draußen, die letzten Winterausläufer eben. Und Schneereste säumten die Ränder der Fußwege und der Straßen, und der Schnee war auch schon längst nicht mehr weiß, sondern voller Dreck und Müll.
»Der hatte bestimmt Angst davor, weil die Russen bald die Stadt überrennen«, fing der Typ plötzlich an.
»Was?«, fragte ich. Ich hatte ganz vergessen, worum es ging.
»Na, dass dein Vater nach Hamburg kommt und Berlin verlässt«, meinte der Kerl ein bisschen gelangweilt. »Das ist doch sicher, weil die Russen bald kommen, stimmt’s?«
»Echt?«, fragte ich etwas überrascht. »Hab ich noch gar nichts von gehört.«
»Klar, liegt doch mitten im Feindesland, diese Stadt. Wenn eine Atombombe fällt, dann als erstes auf Berlin, ist doch klar.«
Ich warf meine leere Dose auf den Boden und zündete mir eine Zigarette an. Der Kerl guckte bittend und ich gab ihm auch eine und gab ihm Feuer.
»Meinst du nicht«, begann ich dann wieder, »die würden erstmal eine auf Bonn werfen, um die ganzen Politiker zu töten?«
»Ja, vielleicht auch parallel«, es arbeitete in seinem Gehirn, das war offenbar ein Thema, das ihn wirklich beschäftigte. Ich vermutete, ein wenig Alkohol spielte zudem noch mit hinein in diese Unterhaltung. Tatsächlich sollte sich später herausstellen, dass der immer so ist.
»Das würden die ganz genau planen«, sagte er, »dass die gleichzeitig eine Bombe auf Bonn und auf Berlin werfen. Um die Politiker wäre das ja auch nicht schade. Und um Bonn selbst auch nicht, da kennt man ja keinen von.«
»Warum sollten die eine Bombe auf Berlin werfen?«, fragte ich.
»Weil da so viele Amerikaner sind. Und auch sonst viel Militär.«
»Aber wenn die da eine raufwerfen«, meinte ich, »geht doch auch deren Hälfte von Berlin kaputt. Das wäre doch unklug. Und auch die Umgebung. So eine Bombe hat ja einen Radius, verstehst du?«
»Da hast du eigentlich recht«, er war nun etwas verwirrt. Aspekte, die er anscheinend noch nicht bedacht hat. »Aber ich denke«, fing er dann an, nachdem er etwas nachgedacht hatte, »die werfen da nur eine kleine rauf, die nur die eine Hälfte der Stadt verseucht. Das kann man sicher dosieren.«
»Wenn du meinst.«
»Das soll echt scheiße sein, wenn eine Atombombe auf einen fällt, da fallen die Haare aus, habe ich gehört.«
»Das wäre schlecht für die Berliner.«
»Ja, aber «, er riss die Augen auf vor Entsetzen, »es würden sogar viele sterben. Ist doch klar, oder?«
»Ja, ist schon klar«, ich dachte nach, um die Sache zu dramatisieren, »und die Leute, die überleben, denen fallen die Haare aus.«
»Und sind auch sonst verseucht«, rief der Typ aufgeregt. »Das soll übel sein. Da sollten die mal einen Film drüber drehen.«
»Das stimmt. Die mutieren dann teilweise wohl, das könnte man so drehen. Hast du ›Zombies im Kaufhaus‹ gesehen? Läuft der hier eigentlich schon?«
»In den USA ist der angelaufen, glaube ich. »Was hörst du für Musik?«
»Ich weiß nicht, nur gute Sachen«, meinte der Kerl nach einigem Nachdenken. »Also, wenn die Sachen gut sind, dann höre ich sie. Also hören kann ich natürlich vieles, aber gut finden meine ich, finde ich nur gut, wenn die Sachen auch gut sind. Verstehst du? Also, ich meinte, ich kann alles hören, aber ich mag nicht alles hören, klaro?«
»Ja ja, schon gut, kapiert. Was magste denn so?«
»Zum Beispiel ›Wire‹. Die sind echt gut. Und damit meine ich richtig einwandfrei.«
»Also so gut, dass du die gut findest?«, fragte ich. »Doch, ich finde die auch gut.«
Der Typ nickte, wir gingen weiter und stierten vor uns auf die Gehwegplatten. Schwiegen uns erstmal an, das war einfach ein bisschen zu viel Kommunikation auf einmal. Und die Übereinstimmungen mussten ebenfalls erst verdaut werden. Schon faszinierend, ein Berliner und ein Hamburger, getrennt durch ein kommunistisches Land und trotzdem reichlich Gemeinsamkeiten.
Inzwischen waren wir bei der »Fabrik« angekommen. Die Zuschauer waren fast alle schon drin, doch vor der Tür hingen noch diverse Punks rum, die ihr Dosenbier tranken. Es war wohl kurz vor 23 Uhr, ich dachte mir, dass die Vorstellung schon begonnen hätte.
»Ey«, zischte der Typ plötzlich zu mir, »wir müssen jetzt das Bier verstecken. Steck dir zwei Dosen in die Unterhose, die tasten ab.«
Guckte ich entgeistert? Nein, ich glaube nicht. Aber in die Unterhose? Die Dosen sind doch kalt!
»Du musst die richtig zwischen die Beine stecken«, meinte der Typ und zeigte mir gleichzeitig, was er damit meinte, »da greifen die nur ganz selten hin. Ich stecke mir auch zwei Dosen rein, dann haben wir vier Dosen da drin. Da haben wir 2 Mark gespart. Ist doch knorke, was? Knorke, das sagt ihr Berliner doch immer, oder?«
Wir steckten uns also beide je zwei Dosen in die Unterhose, die verbliebene fünfte Dose teilten wir uns schnell, dann ging ich an die Kasse und holte zwei Karten. Inzwischen waren mir auch die Eier abgefroren, man glaubt gar nicht, wie viel Kälte so eine Bierdose in einer frostigen Märznacht so abgeben kann, es war alles so zusammengeschrumpelt, dass es weh tat. Und blau war es da sicherlich auch schon. Ich musste an den Physikunterricht denken und stellte mir vor, wie Eier und Bier sich temperaturtechnisch aneinander anglichen. 38 Grad Körpertemperatur und etwa 5 Grad Biertemperatur. Ließe ich die Dose also lange genug drin, würden Sack und Dose sich bei 16,5 Grad einpendeln, wenn ich mich nicht verrechnet hatte. Zu warm für Bier, zu kalt allerdings für Eier. Na ja, das war nur bloße Theorie...
Wir mussten etwas warten, da ein paar Leute vor uns gerade abgetastet wurden. Ich wurde etwas nervös, da die Türsteher das ziemlich gründlich taten, aber zwischen die Beine griff tatsächlich niemand. Wir hatten auch Glück, wir kamen problemlos durch und meine Begleitung zog mich in eine dunkle Ecke, wo wir dann beide die Dosen wieder an die Luft förderten. Ich hatte da unten wahrscheinlich einen Schaden fürs Leben erhalten, alles war schmerzhaft zusammenschrumpelt. Und das nur, um 2 Mark zu sparen. Egal, es hatte sich sicherlich gelohnt. Hinter uns waren zwei andere Typen, die offenbar den gleichen Trick kannten und Getränke aus ihren Hosen fingerten.
Die Band spielte natürlich schon, die Stimmung war okay, die Leute tanzten Pogo wie die Irren, praktisch der ganze Saal, bis fast hinten zum Eingang hin.
»Was jetzt?«, schrie ich den Typen an, es war unglaublich laut.
»Kennst du ›PVC‹? Die sind aus Berlin, hab ich gehört«, schrie er mir direkt ins Ohr zurück.
»Klar, die kenn ich. Hab die auch schon live gesehen. Supergeil, das kann ich dir sagen.«
»Ja, aus Berlin«, sein Blick schweifte durch die Gegend, »lässig. Da gibt es viele Bands. In der Mauernstadt.«
Er stand mit offenem Mund und guckte rüber zur Bühne. Allzu intelligent wirkte er nicht, aber das war ja egal, Hauptsache nett.
»Und du? Kennst du Alfred Hilsberg?«, schrie ich ihm ins Ohr zurück. Wäre es nicht so laut und würde sein Trommelfell nicht eh schon so vibrieren, wäre es jetzt spätestens gerissen.
»Ich?«, er grölte zurück. »Nee, also kennen schon, aber nicht richtig kennen. Also ich habe den noch nicht getroffen oder mit dem gesprochen, aber ich kenne den schon. Also, nicht richtig. Ich weiß, wer das ist, hab schon gehört von dem. Aber ich kenne den nicht richtig. Eigentlich gar nicht. Hab nur den Namen vernommen. Und weiß, was der macht.«
»Der ist doch aus Hamburg. Schreibt Plattenkritiken!«
»Ja, ich spiele auch in einer Band übrigens.«
»Echt?«, ich war begeistert, »ich auch. Eigentlich nicht mehr, nein, ich hatte gespielt. In Berlin. Was machst du denn?«
»Gitarre natürlich. Und du?«
»Synthesizer natürlich. Ich habe einen MS-20, das neueste und genialste Teil überhaupt.«
»Da müssen wir noch mal drüber reden, aber später.«
»Ja, später. Ist echt zu laut zum Quatschen.«
»Hä?«
»Später.«
»Lass nachher reden.«
So schwiegen wir. Wir fanden uns ganz klar irgendwie sympathisch. Echt super, schon am ersten Abend in Hamburg einen Gleichgesinnten getroffen. Das fing wirklich gut an. Wir hörten uns das Konzert zu Ende an, ohne noch ein Wort zu sprechen oder uns anzugucken, ganz klar bahnte sich hier eine echte Männerfreundschaft an.
Der Auftritt war auch echt gut. Es gab sogar eine fette Schlägerei, die im Saal anfing und sich später auf den kleinen Platz vor der »Fabrik« ausweitete. Wir guckten uns das an und tranken Bier, das der Typ aus irgendeiner Getränkehalle schnell besorgt hatte. Mittlerweile war es schon 2 Uhr nachts, vielleicht sollte ich mal nach Hause gehen, morgen wird wirklich ein anstrengender Tag werden und ich würde garantiert einen schlimmen Kater haben, das war schon jetzt klar.
»Hey«, meinte ich zu dem Typen, »schreib mir doch mal eine Telefonnummer auf, vielleicht können wir ja mal was trinken.«
»Ja, ist gut. Trinken. Hast du einen Stift?«
Ich guckte in einer Tasche nach, doch: »Nee, hab ich nicht du?«
»Nee, guck doch noch mal nach?«
Ich guckte noch mal in einer Tasche nach, doch: »Nee, echt nicht.«
»Lass mal, treffen wir uns morgen wieder hier.«
»Okay«, meinte ich. »Bis dann dann.«
»Ja, bis dennimausi.«
Ich ging von dannen, schwankte nach Hause und hatte Glück, dass ich es wiederfand. Ich erkannte die Eckkneipe wieder und fand dann auch irgendwann die Haustür. Ich schlich mich in die Wohnung und hatte Glück, dass ich nirgendwo anstieß. War ja auch noch gar nichts in der Wohnung, an das man hätte stoßen können.
Wenn meine Mutter mitkriegen würde, dass ich erst so spät kam, würde sie Ärger machen. Meinem Vater wäre das wohl scheißegal, abgesehen davon, dass der nie nachts aufwachte und erst recht nie freiwillig aus dem Bett aufstehen würde.
Da fiel mir ein, dass ich gar nicht wusste, wie der Typ von vorhin überhaupt hieß. Ich war mir auch gar nicht sicher, ob ich ihn jemals wiedererkennen würde.
Es war mittlerweile halb vier. Ich mochte kein Licht anmachen, ich wusste nicht, in welchem Zimmer meine Eltern sich niedergelassen hatten, denn die Möbel waren ja noch nicht gekommen. Ich schlich mich im Dunkeln in mein Zimmer, schloss die Tür und machte erst einmal die Lampe an. Meine Eltern hatten mir eine Luftmatratze hingelegt, doch leider war die noch nicht aufgepustet. Das war wohl ihre kleine Strafe, weil sie es nicht gut fanden, dass ich mich schon am ersten Abend aus dem Staub machte. Ich hatte leider auch keinerlei Lust, das Ding aufzupumpen, obwohl der Püsterich schon in Position stand. Ich war einfach zu blau dafür und packte mich auf die luftlose Matratze, damit es wenigstens ein bisschen weich war. Als ich kurz darauf wieder wach wurde, merkte ich, dass ich vergessen hatte, das Licht auszumachen. Das war mir auch egal, dieser ganze Umzug deprimierte mich irgendwie.
Ich wäre viel lieber in Berlin geblieben. Besonders dass ich alle meine Freunde zurücklassen musste, war scheiße. Und dann war da noch Berit, meine Freundin. Auch die war in Berlin geblieben. Ich glaubte ja nicht, dass das geht, aber sie war überzeugt davon, dass wir eine Fernbeziehung führen könnten. Sie liebte mich sehr, das beteuerte sie mir ständig, und sie zwang mich auch am laufenden Band, ihr die unterwürfigsten Liebesschwüre zu hauchen. Gott, wie peinlich. Ich hatte ihr angedeutet, dass ich nicht daran glauben würde, dass es auf diese riesige Entfernung klappen könnte, doch sie war nicht davon zu überzeugen, dass unsere Liebe den Bach runtergehen würde. Elende Romantikerin. Sie wollte mir täglich einen Brief schreiben. Um Himmels willen, dann würde Montag ja schon der erste kommen. Brauchen Briefe durch die DDR nur einen Tag? Und das Schlimme war, dass sie Antworten darauf wollte.
Kurz bevor ich wegdämmerte, musste ich noch an meine Freunde denken. Da waren Matthias, Ali, Knut und noch jemand, dessen Namen mir grade nicht einfiel. Wir waren eigentlich sehr gute Freunde, doch auch da war ich überzeugt davon, dass es nicht halten würde. Niemand kann einen regen Kontakt über 300 oder gar 350 Kilometer aufrechterhalten, das war unmöglich. Besonders dann nicht, wenn auch noch ein gutes Stück gruselige DDR dazwischen lag. Mir kam aber eine tolle Idee, um diese These mal zu überprüfen: Ich würde mich bei keinem dieser Leute melden, ich würde warten, bis die sich melden, erst dann würde ich mich auch melden. Mal gucken, wie schnell die mich vergessen. Ich hatte ihnen meine Adresse in der Stresemannstraße hinterlassen, und da mein Vater sich schon zeitig darum gekümmert hatte, wusste ich auch bereits die neue Telefonnummer, die ich ihnen gegeben hatte. Wenn sich dann einer per Brief oder Telefon melden würde, wüsste ich, dass vielleicht eine Chance besteht, die Freundschaft aufrecht zu erhalten. Ihr kapiert? Ich war gespannt, wer der erste sein würde. Ich tippte auf Matthias, denn Ali und Knut waren meist zu besoffen. Und der andere war eh nur so ein Mitläufer. Mir fiel sein Name grade wieder ein: Trottel. So hatte Ali ihn jedenfalls hin und wieder genannt.
Dann endlich schlief ich ein. Die Kopfschmerzen kündigten sich schon an.
Am nächsten Morgen weckte mich meine Mutter. Sie riss die Tür auf und schrie: »Der Umzugswagen ist da!«
Ich hatte tatsächlich Kopfschmerzen, und vor allem hatte ich keine Lust. Wie spät mochte es sein? In welchem Körper mochte ich stecken? Es fühlte sich nicht wie meiner an. Es fühlte sich nicht einmal nach einem Körper an.
»Was muss ich denn tun? Muss ich etwa mittragen?«, fragte ich verquollen.
»Nein, das weißt du doch«, erklärte meine Mutter, »den Umzug zahlt Papas Firma. Das ist eine Umzugsfirma, die trägt alles rauf.«
»Aber wieso muss ich denn dann wach sein?«
»Du kannst doch nicht schlafen, wenn hier Möbelpacker in der Wohnung herumrennen«, schalt mich Mutter. »Komm, steh auf. Hurtig.«
Ich guckte sie entgeistert an und meinte: »Mama, echt. Das ist denen doch völlig egal, wenn ich hier penne.«
»Nein, das ist nicht egal. Das ist unhöflich den Leuten gegenüber. Die müssen schwer schuften.«
»Ja, aber die kriegen doch auch Geld dafür.«
»Trotzdem.«
»Ach so.«
»Genau.«
Da kam mein Vater um die Ecke, er hatte den Dialog mit angehört.
Er stand da, hatte ich extra einen Blaumann angezogen, wahrscheinlich, um Solidarität mit den Arbeitern zu zeigen. Er guckte mich mit seiner befremdlichen Art an und meinte: »Es ist herablassend, wenn man schläft, während andere arbeiten. Damit zeigst du, dass du was Besseres bist als die. Da sind Handwerker sehr empfindlich.«
»Ich glaube eher, das zeigt, dass ich später ins Bett gegangen bin als die«, meinte ich verschlafen und gähnte. »Das ist doch nichts Schlimmes.«
»Aber du zeigst damit, dass du es dir leisten kannst, spät ins Bett zu gehen, während die Handwerker früh ins Bett müssen, um ihr Geld zu verdienen. Und damit zeigst du, dass du was Besseres bist als die«, belehrte er mich weiter. Er glaubte wohl, dass die Arbeiter es gut finden, wenn er im Blaumann daneben steht und zuguckt, wie sie schuften.
»Die könnten doch aber auch was anderes arbeiten«, sagte ich zu ihm. »Die könnten zum Beispiel Barkeeper werden, dann bräuchten die auch nicht so früh ins Bett. Und könnten morgens länger schlafen, weil der Job eh erst abends anfängt.«
»Barkeeper ist doch aber kein richtiger Job«, meinte Vater und verschwand. Mistkerl, so hatte er wieder das letzte Wort, ohne auch nur ein zündendes Argument vorzubringen. Der Ärger bewog mich dann aber doch, endlich aufzustehen. In voller Montur von gestern Nacht ging ich ihm wütend hinterher.
»Wieso ist Barkeeper denn kein richtiger Job?«, pöbelte ich los, meine Kopfschmerzen verhinderten, dass ich die Augen richtig aufbekam. »Das kann total anstrengend sein. Möbelpacker haben auch einen anstrengenden Beruf, das sehe ich ein, aber Barkeeper ist auch anstrengend. Stell dir vor, du stehst den ganzen Abend hinter der Theke und die Leute sind alle total besoffen, aber du kannst nichts trinken und musst immer guter Laune sein und die auch noch bedienen. Und alle blasen dir den Zigarettenrauch ins Gesicht. Und anderes womöglich. Da schert sich auch niemand darum, ob der Barkeeper glaubt, dass die Gäste sich womöglich für was Besseres halten.«
»Okay«, gab mein Vater zu, »ich einige mich darauf, dass Barkeeper auch einen anstrengenden Beruf haben.«
»Und dass sie spät ins Bett kommen und morgens länger schlafen können, da die Arbeitszeiten anders sind als bei Handwerkern, oder?«
»Ja, darauf lasse ich mich auch ein«, meinte er genervt.
Ich war der Meinung, einer der Möbelpacker hatte uns gerade eben komisch angeguckt, aber ich könnte mich auch getäuscht haben.
»Gut, Papa, ich lege mich jetzt wieder hin. Bitte sag denen, ich jobbe als Barkeeper und dürfe deshalb länger schlafen, okay? Dann sind die nicht beleidigt.«
»Tim, das mache ich nicht«, meinte er. »Ich lüge nicht für dich. Das musst du schon selbst ausbaden. Wer lange aufbleiben kann, kann auch früh aufstehen.«
Eine Logik, die sich mir zwar nicht unbedingt erschloss, aber um den Friedens willen sagte ich nichts und ging zurück in mein Zimmer. Doch ich konnte nicht sofort wieder einschlafen, dazu rumpelte es hin und wieder einfach zu laut. Mein Vater guckte noch kurz rein und seinem Gesichtsausdruck konnte ich entnehmen, dass er dachte, er hätte unseren kleinen Streit gewonnen mit seinem finalen klugen Spruch. Wenn der wüsste. Als ich gerade etwas eingedöst war, polterte es erneut heftig und zwei Typen trugen meinen alten Jugendzimmerschrank in mein Zimmer.
»Wo soll der hin?«, fragte der eine mürrisch. Ich öffnete erstmal nur ein Auge, man weiß ja nie. So ein ziemlich feister Kerl mit tätowiertem Unterarm, der dicker am mein Unterschenkel war, hatte da gesprochen.
»Egal«, meinte ich verschlafen.
Ich erntete einen verächtlichen Blick, dann guckten sich die zwei Typen an und schüttelten fast unmerklich mit dem Kopf.
»Hey Jungs«, meinte ich und öffnete das zweite Auge, »nicht böse sein. Ich musste bis tief in die Nacht arbeiten. Barkeeper. Bier ausschenken, kapiert?«
Bier, da hellte sich das Gesicht der Möbelleute etwas auf, das hatten sie verstanden.
»Aber wo soll das hin hier?«, fragte der eine Typ noch einmal, schon etwas freundlicher. Sie standen da beide und hatten diesen dunkelbraunen Schrank an ihren Gurten baumeln, sie hatten ihn bislang noch nicht abgesetzt und man merkte den zwei Menschen deutlich an, dass sie das Möbelstück gerne langsam irgendwo abgestellt hätten.
»Hmm«, überlegte ich und guckte mir das Zimmer an. So richtig hatte ich es ja noch gar nicht inspiziert.
»Echt egal, Leute«, sagte ich schließlich nach einigem Nachdenken, »stellt das irgendwie alles hier ab, ich schieb mir das dann schon irgendwie zurecht, okay?«
»Gut«, meinte der Kerl, dann stellten sie den Schrank einfach an eine der Wände.
Nach und nach brachten sie meine anderen Jugendzimmermöbel und diverse Umzugskartons, auf denen »Kinderzimmer« stand, rein. Ich war einfach zu schwach, um mich darüber auch noch aufzuregen.
Nur zwei Stunden dauerte der Spuk insgesamt, dann war es vorbei. Die Möbelleute waren weg und es wurde stiller im Haus, nur meine Eltern schienen sich bereits auf die Kisten zu stürzen und sie auszuräumen. Kurz darauf stand meine Mutter wieder in der Tür.
»Willst du nicht auspacken?«, fragte sie.
»Nein, noch nicht. Später vielleicht.«
»Vielleicht, welch komische Antwort«, sagte sie kopfschüttelnd, »als wenn du deine Sachen nur vielleicht auspacken würdest. Irgendwann musst du die Kartons doch eh leeren.«
»Ach so«, sagte ich.
»Ja«, meinte Mutter und schloss die Tür hinter sich. Ich hörte es weiter rumpeln.
Ich schlief dieses Mal sehr schnell ein und erwachte gegen 16:15 Uhr. Leider immer noch mit Kopfschmerzen. Ich stand langsam auf, aber so langsam, dass ich nicht sofort kotzen musste. Gegen 16:56 Uhr laut meiner Armbanduhr, keine von diesen neumodischen Digitaluhren, die sündhaft viel Geld kosteten, stand ich aufrecht. Ich schlich mich in den Flur, wo meine Eltern immer noch damit beschäftigt waren, Kartons zu leeren.
»Wo sind die Aspirin?«, fragte ich.
»Hast du Kopfschmerzen?«, fragte meine Mutter und guckte äußerst besorgt.
»Ja.«
»Das kommt doch hoffentlich nicht vom Alkohol?«, nun guckte sie verärgert. »Denk dran, du bist noch nicht volljährig!«
»Ja, ich weiß«, krächzte ich, nachdem ich alle meine Lebensgeister zusammengenommen hatte.
»Wenn die rauskriegen, dass wir dich bis in die Puppen rauslassen und du dann auch noch zu viel Alkohol trinkst, können wir echt Ärger kriegen, Tim! Ich sage nur: Aufsichtspflicht. Die hat man als Eltern.«
»Nein, Mama, das kommt sicher nur durch die ganze Aufregung hier. Man zieht ja nicht so oft um.«
»Das kommt davon, weil du so spät im Bett warst«, fing sie mit leicht keifigem Unterton erneut an. »Ich habe dich gehört, als du nach Hause gekommen bist. Das war ganz schön spät.«
Mein Vater hörte dem Dialog nur zu und packte seine Sammlung aus. Er hatte einen Setzkasten, in dem er irgendwelchen Kleinkram sammelte, mit dem er irgendwelche Erinnerungen verband. Da fand man kleine Flachmänner, Schlümpfe, eine Super-8-Filmrolle, Passfotos, kleine Zeitungsartikel und einiges mehr. Einen Sinn für Kitsch hatte er schon, obwohl es im Ganzen auch sehr viele Flachmänner waren. Leer natürlich.
»Was ist denn jetzt, haben wir irgendwo Aspirin?«, fragte ich noch einmal.
»Ja, guck mal im Bad, da steht der Karton mit den Badsachen. Der ist noch nicht ausgepackt, aber irgendwo da drin müssen die Tabletten sein.«
Ich wankte ins Bad und fand die Tabletten Gott sei Dank sehr schnell. Ich nahm eine, wankte ins Zimmer zurück und schloss meine Tür. Ich setzte mich hin und starrte die Kartons an. Ich würde mich nicht herablassen und jetzt so spießig Umzugskartons auspacken, die gerade mal ein paar Stunden hier rumstanden.
Kurz darauf klopfte es und meine Mutter rief: »Packst du deine Sachen schon aus?«
»Nein, Mama, ich glaube, ich werde krank. Ich ruhe mich noch etwas aus.«
»Na schön.«
Dann war sie verschwunden.
Ich schlief noch etwa eine Stunde, dann waren die Kopfschmerzen fast weg. Ich setzte mich auf meiner immer noch nicht aufgepumpten Luftmatratze aufrecht hin und guckte mir erst einmal in Ruhe mein Zimmer an. Die Tapete hatte ja ein ganz hässliches Muster, grün mit einem goldenen Schlickelschlackel drin. Wer hatte sich so was ausgesucht? Meine Mutter hatte recht, es war ganz klar, dass hier eine von diesen modernen Raufasertapeten ran musste. Und weiß sollte sie sein. Oder sogar schwarz. Dann stand ich auf und öffnete den Karton, in dem ich meine Stereoanlage vermutete. Die hatte ich einst zur Konfirmation bekommen. Jeder hatte die Konfirmation nur gemacht, um eine Stereoanlage zu kriegen. Tatsächlich hat jeder ohne Ausnahme sich von dem Konfigeld eine gekauft. Ich hatte auch echt Glück, dass ich nicht durch die Konfirmandenprüfung gefallen bin, ich hatte am Prüfungstag eine leichte Antistimmung gegen die Kirche und deshalb die Prüfungsfragen ein wenig blöde beantwortet. Auf die Frage, wofür Jesus Christus denn stehe, hatte ich geschrieben: »Friede, Freude, Eierkuchen« Das fand der Pastor nicht lustig, er hatte mich aber trotzdem konfirmiert, weil ich alle Gottesdienste besucht hatte. Und außerdem, weil man im christlichen Glauben ja verzeiht. Und das hatte er ganz offenbar getan.
Ich baute die Stereoanlage von »Schneider« auf einem der Kartons auf und suchte aus einem anderen meine Schallplatten raus. Ich legte dann »The Scream« von »Siouxsie And The Banshees« auf und hörte das, allerdings in gedämpfter Lautstärke, da ich immer noch sehr lärmempfindlich war. Irgendwie musste ich die Zeit bis zum Abendessen totschlagen, danach wollte ich wieder Richtung »Fabrik« geben, um möglichst diesen Typen von gestern zu treffen. Ich hoffte, ich würde ihn wiedererkennen. Vielleicht würde er mir noch ein paar interessante Plätze hier in Hamburg zeigen.
Meine Eltern ließen mich jetzt wenigstens in Ruhe, niemand klopfte mehr an die Tür.
Tatsächlich hatte meine Mutter um Punkt 19 Uhr das Essen fertig. Allerdings keine ausgewogene Mahlzeit, vielmehr eine Ravioli-Dose, doch es schmeckte.
»Hast du schon angefangen, deine Sachen auszupacken?«, fragte meine Mutter abermals.
»Nein, noch nicht. Ich bin mir noch nicht sicher, wie ich die Möbel hinstelle«, log ich. »Ich muss da noch ein wenig drüber nachdenken.«
»Da gibt es doch gar nicht so viele Möglichkeiten«, meinte mein Vater und schnitt ein Ravioli klein.
»Das sagst du«, begann ich zu klugscheißern, »vielleicht gibt es im herkömmlichen Sinne nur wenige Möglichkeiten, diese gewöhnlichen Möbel sinnvoll anzuordnen, mir schwebt da aber was Interessanteres vor.«
»Was denn?«, fragte er.
»Ich weiß es noch nicht. Ich muss da erst in aller Ruhe drüber nachdenken.«
»Na gut, Tim«, er stach mit der Gabel ins kleingeschnittene Ravioli und aß weiter.
Wir führten unsere Mahlzeit fort, niemand sprach ein Wort.
»Was arbeitest du eigentlich genau, Papa?«, fragte ich dann irgendwann, als es zu ruhig wurde. Und immerhin musste ich doch wissen, wofür wir von Berlin nach Hamburg gezogen waren. Ich hoffte auf eine interessante Information.
»Weißt du doch, wieso fragst du?«; sagte er mit vollem Mund und spülte den Happen mit einem Bier runter. Aha, mein Vater war also schon gleich losgezogen heute Morgen, um Bier zu kaufen. Da erkannte ich, dass mir meine Vorliebe für dieses Getränk in die Wiege gelegt wurde. Biergene.
»Ich gehe übrigens gleich noch einmal weg«, begann ich vorsichtig.
»Ja, ist okay«, meinte mein Vater gönnerhaft, »heute ist ja Samstag. Morgen allerdings bist du zeitig im Bett, du musst am Montag ja zur Schule.«
»Ja, denk dran, das ist deine neue Klasse«, ergänzte meine Mutter, »da musst du einen guten Eindruck machen, immerhin wirst du hier nächstes Jahr dein Abitur machen.«
»Ja ja, Mama«, irgendwie deprimierte sie mich.
Nach dem ansonsten sehr wortlos vonstattengehenden Abendessen verschwand ich sofort. Mir war klar, dass ich viel zu früh war, doch ich musste raus aus der Wohnung und die frische Luft hatte ich auch dringend nötig. Langsam ging ich zur »Fabrik«, holte mir unterwegs Zigaretten und rauchte eine. Es schmeckte wie immer widerlich, ich wusste gar nicht, warum ich ständig rauchen musste, eigentlich war das gar nicht nötig, machte einen doch nur krank, jedenfalls hörte man das ja immer wieder. Aber egal, es musste jetzt einfach sein. Ein junger Mann meines Standes musste so etwas auch tun, das gehörte sich einfach so. Aus einer Snackbar holte ich mir ein Sechserpack Bier, dann setzte ich mich vor der »Fabrik« auf den kleinen Platz und machte es mir erst einmal gemütlich. Ich war froh, dass ich mich einigermaßen warm angezogen hatte, denn es wurde arschkalt. Und das Bier wärmte auch nicht gerade. Liebend gerne hätte ich einen wärmenden Kaffee getrunken, aber ich hatte nun mal Bier gekauft. Mir war klar, dass das Warten womöglich sehr lange dauern könnte, mit etwas Pech hätte der Typ eh glatt vergessen, dass wir uns hier treffen wollten. Oder er erkannte mich gar nicht. Oder wir erkannten uns nicht. Es gab so viele Möglichkeiten, dass wir uns verpassten. Man weiß ja nie, was so alles passieren kann.
Während ich so umherguckte, ging ich im Geiste alle Verstecke hier auf dem Platz durch. Das machte ich immer automatisch, denn man musste immer bereit sein, wenn die Bombe fällt, dass man sich irgendwo hinter verstecken musste, um nicht durch den Lichtblitz blind zu werden. Und es würde dann ja auch einen riesigen Hitzewelle kommen, die einen ansonsten auf der Stelle verbrennen würde. Ich beschloss, dass es am besten wäre, wenn ich mich einfach nach hinten fallen lassen würde, wenn es soweit war, die kleine Mauer würde halbwegs Schutz bieten.
Da wir März hatten, war es inzwischen auch stockdunkel, und bitterkalt war es zudem. Ich dachte über Berit nach, die mich angeblich über alles liebte. Warum aber hatte sie dann heute nicht angerufen? Interessierte es sie womöglich überhaupt nicht, was hier los war, wie es ihrem ach so tollen Schatz erging? Hatte sie vielleicht schon einen Neuen? So schnell? So sind die Frauen halt. Mir sollte es aber nur recht sein, ich war immer noch der Meinung, dass so eine Fernbeziehung keinerlei Chance hätte, und vielleicht hatte ich Glück und sie meldet sich einfach nicht mehr, sodass ich nunmehr frei wäre. Doch trotzdem ärgerte es mich, dass sie sich nicht meldete.
Ich trank bereits mein drittes Bier. Es war so gegen 22 Uhr, als der Kerl endlich kam.
»Hi, du«, sagte ich so beiläufig wie möglich.
»Hallo«, antwortete er und guckte mich mit gerunzelter Stirn an.
Ich erkannte ihn. Er mich erst nicht, aber dann fügte er sich in sein Schicksal und tat zumindest so, als würde er mich kennen. Trotzdem fragte er: »Wie war noch dein Name?«
»Tim. Gestern, weißt du noch?«
»Was war gestern?«
»Na, hier.«
»Ich bin oft hier.«
»Gut! Bier?«
»Hab selbst welches«, meinte er. »Aber gib mir ruhig eins.«
Ich gab ihm eines, er machte es auf, trank einen großen Schluck und rülpste herzerfrischend.
»Was jetzt?«, fragte ich. Da dämmerte es ihm offensichtlich, man merkte förmlich, wie ein paar Zahnräder in seinem Hirn ineinandergriffen.
»Hatte dich ganz vergessen«, sagte er grinsend und rülpste erneut, »hatte ganz vergessen, dass wir uns ja treffen wollten. Bin nur zufällig hier, aber da sehe ich dich da sitzen. Gut gut.«
»Ja, hab schon zwei Stunden gewartet.«
»Ach ja? Gut gut.«
»Was machen wir?«
»Weiß nicht, was du machst«, sagte er und trank noch einen Schluck, »ich habe Bandprobe. Bin grad auf dem Weg. Hier um die Ecke. Geht um 21 Uhr los.«
»Ist schon 22 Uhr«, meinte ich.
»Ja, vielleicht.«
»Prima. Kann ich mit?«, fragte ich ihn. Was sollte ich sonst tun?
»Ja, ist hier um die Ecke.«
Wir gingen los, den gleichen Weg, den ich auch gekommen war. Doch kurz vor der S-Bahn-Brücke bogen wir in die Gaußstraße ab, gingen da noch ein paar Meter hinein, dann auf einen Hinterhof und runter in einen Keller. Es war irgendwie schmuddelig, meinen Lebensabend hätte ich hier nicht verbringen wollen, feucht und modrig, doch den abgenutzten Vergleich mit einem Grab bringe ich hier jetzt nicht. Trotzdem, ein frustrierend lässiger Ort, den offenbar nicht mal die Ratten gut fanden und sich deshalb fernhielten. In einem der Kellerräume war der Proberaum, hier warteten bereits drei andere Typen und ein Mädel.
»Hi, hier ist einer, der will heute mal zuhören«, stellte der Typ mich vor.
»Ja, ist okay«, meinte einer mit kurzem aber igeligem Haarschnitt. »Dann sind ja alle da.«
Ohne irgendwas zu reden, begaben sie sich an ihre Instrumente und spielten los. Ein infernalischer Lärm brach über mich ein. Der Typ von gestern spielte eine Gitarre, der mit dem Igelhaarschnitt stand an einem Multimoog, cooles Teil, wenn auch leider nur monophon, aber wahnsinniger Klang. Ein anderer Typ, der erschreckenderweise lange Haare und einen Schnauzbart trug, bediente den Bass, ein punkig wirkender Kerl saß an einem kleinen Schlagzeug und das Mädel stand am Mikro und brüllte mit heller und kreischender aber sehr piepsiger Stimme fast unverständliche deutsche Texte hinein. Es war wirklich super, wenn auch irgendwie scheiße.
Als der Song zu Ende war, fragte ich: »Leute, das war echt gut. Total laut, echt hart. Wie heißt ihr?«
»›Kassenschläger‹. Guter Name, was?«, sagte der Igelhaarschnitt gut gelaunt und trank ein Schluck Holsten, das er auf seinem Moog platziert hatte.
»Ja, ist okay«, sagte ich, doch ich dachte: »Na ja.«
