Minimalglück - Haiko Herden - E-Book

Minimalglück E-Book

Haiko Herden

0,0
4,99 €

oder
-100%
Sammeln Sie Punkte in unserem Gutscheinprogramm und kaufen Sie E-Books und Hörbücher mit bis zu 100% Rabatt.

Mehr erfahren.
Beschreibung

Hamburg Lurup im Jahr 1982. Peter ist 17 Jahre alt geworden und träumt nicht nur von Musik und Bier, sondern auch von einer Freundin. Dumm für ihn, dass er weder gut aussieht noch irgendwelche Talente hat, obendrein hemmt ihn seine Introvertiertheit und die völlige Unkenntnis, wie man sich mit „weiblichen Menschen“ unterhält. Ausgerechnet der heiße Feger seiner Schule, Petra aus der Parallelklasse, hat es ihm angetan. Sie ist seine Traumfrau, mit der er den Rest seines Lebens verbringen will. Nun heißt es, Persönlichkeit und Selbstsicherheit zu gewinnen, indem er der Manager der Schülerband und vom Fanclub seines besten Freundes Jan wird. Gut, dass Peter jetzt noch nicht weiß, dass die Probleme erst dann so richtig beginnen, wenn man glaubt, am Ziel angekommen zu sein…

Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:

EPUB

Veröffentlichungsjahr: 2025

Bewertungen
0,0
0
0
0
0
0
Mehr Informationen
Mehr Informationen
Legimi prüft nicht, ob Rezensionen von Nutzern stammen, die den betreffenden Titel tatsächlich gekauft oder gelesen/gehört haben. Wir entfernen aber gefälschte Rezensionen.



 

 

 

 

 

 

Minimalglück

 

Haiko Herden

 

 

 

Das Buch:

Hamburg Lurup im Jahr 1982. Peter ist 17 Jahre alt geworden und träumt nicht nur von Musik und Bier, sondern auch von einer Freundin. Dumm für ihn, dass er weder gut aussieht noch irgendwelche Talente hat, obendrein hemmt ihn seine Introvertiertheit und die völlige Unkenntnis, wie man sich mit „weiblichen Menschen“ unterhält. Ausgerechnet der heiße Feger seiner Schule, Petra aus der Parallelklasse, hat es ihm angetan. Sie ist seine Traumfrau, mit der er den Rest seines Lebens verbringen will. Nun heißt es, Persönlichkeit und Selbstsicherheit zu gewinnen, indem er der Manager der Schülerband und vom Fanclub seines besten Freundes Jan wird. Gut, dass Peter jetzt noch nicht weiß, dass die Probleme erst dann so richtig beginnen, wenn man glaubt, am Ziel angekommen zu sein…

 

 

 

 

 

 

Der Autor:

Haiko Herden wurde am 13.05.1968 in Hamburg geboren. Er arbeitet als Mediendienstleister, Grafiker, Musiklabel-Betreiber und Musiker im Wave- und Electro-Bereich (u.a. „Die Version“, „The Evasion On Stake“, „Charles Lindbergh n.e.V.“, „Anti Trust“), bescherte der Welt zusammen mit Freunden ein Tape-Label namens „Beton Tapes“, zehn Jahre laufende Fernseh- als auch Radioshows im Offenen Kanal Hamburg, das vermutliche älteste Online-Filmlexikon Deutschlands (seit 1996), ein Online-Musik-Zine sowie eine ganze musikalische Stilrichtung namens „Neue Luruper Welle“. Die Geschichten von Haiko Herden haben meist direkt oder indirekt mit Musik zu tun.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Minimalglück

 

Petra mit der Tigerhose

 

Roman

 

Haiko Herden

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

1. Edition, 2025

© 2025 All rights reserved.

 

Pipapo Verlag

 

 

 

 

 

 

Inhaltsverzeichnis

 

Kapitel 1 – Prolog1

Kapitel 2 – 19824

Kapitel 3 - April 19827

Kapitel 4 – Mai 198215

Kapitel 5 – Juni 198222

Kapitel 6 – Juli 198231

Kapitel 7 – August 198237

Kapitel 8 – September 198244

Kapitel 9 – Oktober 198252

Kapitel 10 – November 1982, Teil 168

Kapitel 11 – November 1982, Teil 283

Kapitel 12 – Dezember 198288

Kapitel 13 – Januar 1983102

Kapitel 14 – März 1983104

Kapitel 15 – Mai 1983112

Kapitel 16 – Juli 1983119

Kapitel 17 – August 1983126

Kapitel 18 – September 1983129

Kapitel 19 – November 1983132

Kapitel 20 – Dezember 1983, Teil 1138

Kapitel 21 – Dezember 1983, Teil 2163

Kapitel 22 – Januar 1984201

Kapitel 23 – Epilog204

 

 

Kapitel 1 – Prolog

Helene freute sich auf den Abend. Mit ihrer Freundin Andrea ging sie schon zeitig in den »Dorfkrug«, das ein denkmalgeschütztes Stück Dorfgeschichte war. Auf der Holzvertäfelung des Schankraums klebte zentimeterdick der Teer aus Millionen gerauchter Zigaretten. Es war klar, dass hier in den letzten zweihundert Jahren so manche wilde Nacht vonstatten ging.

 

Es war vier Tage vor Weihnachten, und die Lokalband die »Lederrocker« sollte auftreten. Die hatte sie bereits ein paar Mal live gesehen, denn die Band tourte hier durch die Dorfkneipen des westlichen Schleswig-Holsteins. Aber sogar in Lübeck haben sie mal gespielt. Besonders neugierig war Helene allerdings auf die Vorband, die aus Hamburg kam. »Planet Paraphrase« hieß die, und der Name versprach schon mal etwas, das nicht wie Hippies und Rocker klang. Das hörte sich nach Großstadt an, nach urbaner Dunkelheit, Pseudofrust und punkiger Rebellion. All das vermisste sie hier in Marne, wo die Zeit langsamer verstrich als beispielsweise in Flensburg, ja sogar langsamer als in Heide.

 

Hier in die Dörfer verirrte sich sonst nie eine Band aus der Stadt. Und wer weiß, vielleicht waren die Jungs ja sogar heiß. Süße Boys aus Hamburg, aus der Großstadt, der Traum eines jeden Dorfmädchens.

 

Die Stimmung war lebhaft, und die Stammgäste hatten ihre Stammplätze längst eingenommen und klebten förmlich an den alten Holztischen fest. Sie waren eine eingeschworene Gemeinschaft, deren Geschichten sich seit Jahrhunderten miteinander verwoben. Wenn man die Augen schloss, wähnte man sich fast in einer alten Piraten-Spelunke.

 

Helene und Andrea hatten zwar von der Band »Planet Paraphrase« vorher noch nie etwas gehört, doch sie wollten sich überraschen lassen. Besser als dieser Nachspielrock von irgendwelchen langhaarigen Bauernburschen auf ihren Mopeds war die Mucke mit Sicherheit. Sie verfolgten im Radio jeden Samstagmorgen die »Norddeutschen Top Fofftein« mit Willem, und die beiden waren eigentlich immer ziemlich gut informiert, was gerade so angesagt war. Neue Deutsche Welle beispielsweise. »Der Knutschfleck«, »Das Blech«…

 

Der Laden war recht voll, bestimmt 70 Menschen drängelten sich hier. Fast alle kannte Helene, etliche Stammgäste vom »Dorfkrug«, aber auch einige Leute aus ihrer Schule, also viele verschiedene Generationen. Dann knipste jemand das Licht aus, danach verstummte die Kassette, die den Laden schon die ganze Zeit mit Rockmusik beschallte. Augenblicklich wurde es totenstill im Schankraum, erwartungsvolle Ruhe breitete sich aus. Auf der kleinen Bühne standen Tasteninstrumenten und Mikros. Helene hatte mit ihren 14 Jahren noch nie jemanden live ein so genanntes Keyboard spielen hören. Ihr Herz klopfte bis in den Hals, hier tat sich musikalisch eine neue Welt für sie auf.

 

Da öffnete sich die Tür neben der Bühne und zwei Jungs und zwei Mädels kamen raus. Augenblicklich schlug Helenes Herz noch schneller, aber nicht, weil die beiden jungen Männer so verführerisch aussahen, sondern im Gegenteil, so kaputt. Wirre Haare, blass, zerrissene Klamotten, die hatten sich ja sogar geschminkt! Ein vergnügter Gluckser bahnte sich den Weg aus ihrem Hals durch den Mund. Wie peinlich sahen die denn aus? Wie kranke Penner! Die Mädchen allerdings waren hübsch, die hatten städtischen Stil. Toupierte Haare, sexy Textilien, eine von ihnen kam bestimmt aus China.

 

Es war immer noch ruhig, irgendwie eine unangenehme Stille. Das asiatische Mädel stolperte, als sie auf die Bühne stieg, und plötzlich lachten alle, und die Arme lief puterrot an.

Als die Band dann komplett auf der Spielfläche stand – drei waren an Tasteninstrumenten und einer hatte eine Gitarre umhängen – war es wieder fast still. Nur leises Getuschel schwappte durch den Raum. Vermutlich wegen der Chinesin.

Die standen da nun auf der Bühne, schienen auf irgendwas zu warten. »Sollen wir klatschen?«, flüsterte Andrea ihrer Freundin zu.

Helene schüttelte den Kopf. »Lieber nicht.«

»Äh, Bert«, sagte der Typ mit der Gitarre ins Mikrofon, »Kannst du kurz die Kassette anmachen?«

Der Typ am Mischpult schlug sich mit der flachen Hand an die Stirn und schaltete das Tapedeck an. Und schon startete die Musik. Das war total schauderhaft, fand Helene, und auch das Publikum machte sofort seinen Unmut deutlich. Dass da überhaupt etwas vom Band kam und nicht live gespielt wurde, war übel genug, dass es dann obendrein noch so schlecht war, war eine Frechheit. Die Leute fingen an zu pfeifen, Biere flogen, die Band wurde nass, versuchte ihre Instrumente zu schützen, und die Zuschauer vor der Bühne krümmten sich vor Lachen. Was für ein Spaß! Auch Helene und Andrea konnten nicht anders, sie mussten einfach lauthals mitlachen.

Wilde Schreie der versammelten Gemeinschaft Marnes vertrieben »Planet Paraphrase« von der Bühne. Vollkommen zu Recht.

 

Als die vier Musiker, die aus der Stadt zu ihnen kamen, endlich weg waren, beruhigten sich die Leute langsam, es wurde viel gelacht und über das gemeinsame Erlebnis diskutiert. Davon würde man sich in Marne noch lange erzählen. Aus Hamburg würde hier mit Sicherheit nie wieder eine Kapelle spielen. Hamburg hatte voll verschissen.

 

Wer waren diese vier Leute bloß?, dachte Helene. Das war ja eine furchtbare Sache, total peinlich, nicht nur für die Band – oder was immer diese Menschen darstellen wollten – nein, auch für das Publikum war das eine schmerzliche Erfahrung, man musste sich schon fast schämen, hier zu sein. Zumindest wurden Helene und Andrea eine Sache klar: Vorurteile haben immer einen wahren Kern. Städter sind bleich wie Kreide, weil sie nie in die Natur rauskommen, unsportlich, da sie nie auf Bäume geklettert sind, und glauben sowieso, sie seien was Besseres und haben die Wahrheit mit Löffeln gefressen. Und Autofahren können solche Leute auf Landstraßen erst recht nicht, tuckern ängstlich mit 100 km/h herum. Aber immerhin hatten die Mädchen das erste Mal im Leben eine echte Asiatin gesehen, das würde bestimmt viele Diskussionen in der Schule geben.

Da betraten die »Lederrocker« endlich die Bühne, und als die ersten Klänge ertönten, drückte Helene ihre Zigarette in dem Aschenbecher aus, auf dem groß das Schild »Stammtisch« prangte, erhob sich aus der Sitzecke, die den gleichen Stoff hatte wie die Essecke ihrer Eltern, bestellte sich noch schnell ein neues Dithmarscher-Bier, drängelte sich ganz bis nach vorne an die Bühne und schüttelte ihre langen Haare im Takt.

»Smooooooke on the waaater«, grölten die »Lederrocker«.

»Hamburg… Städter sind doch irgendwie komische Menschen«, dachte sie noch, dann grölte sie zurück: »Fire in the sky!«

 

 

Kapitel 2 – 1982

 

Seit einigen Monaten trank ich Bier, das durfte ich endlich, denn ich war vor kurzem 16 geworden. Aber eigentlich war das nicht der Grund, es hatte mir vorher einfach nicht geschmeckt. Mit ein paar Leuten aus meiner Klasse hatte ich auch das Rauchen angefangen, das fühlte sich irgendwie lässig an, denn man konnte so den Spießern in der Penne zeigen, dass man etwas härter drauf war als sie.

 

Musikalisch stand ich sehr auf die Beatles. Besonders John Lennon fand ich gut, doch der war ja leider seit einigen Monaten tot. Trotzdem dachte ich, dass er der lässigste Beatle von den vieren war. Fan der Band war ich eigentlich erst, nachdem er getötet wurde. Seltsam, was hatte das zu sagen?

 

In letzter Zeit gab es aber auch noch andere richtig gute Musik, Neue Deutsche Welle wurde das genannt. Markus mit »Ich will Spaß«, die Spider Murphy Gang sang über Nutten, Falco über Drogen und Gottlieb Wendehals über die Polonäse Blankenese. Der war wohl Hamburger – wie ich. Die Zeile mit »und fasst der Heidi von hinten an die… Schulter« war ein echter Knaller. Ansonsten fanden wir noch Shakin‘ Stevens gut, Schüttel-Stefan, wie wir zu sagen pflegten.

 

Jan war mein bester Freund, schon seit der Grundschule. So wie er hasste ich das »Draußen«, wir spielten so gut wie nie unter freiem Himmel. Jan war recht kreativ, zeichnete Comics, schrieb Bücher, entwarf Bilder, das war nie was für mich. Ich guckte mir das lieber an. Am lustigsten fand ich es immer, wenn Jan »Schulcomics« malte und die Lehrer so richtig übel niedermachte. Er hatte keine Skrupel, diese Comics den Lehrern zum Lesen zu geben, obwohl sie mit Schimpfwörtern bis unter das Dach bestückt waren. Zudem produzierte er mit seinem Freund Christian eine eigene Radioshow auf Kassette, ziemlich chaotisch, aber lustig. Zu hören bekam die freilich niemand, wer sollte so etwas auch schon konsumieren, freiwillig, meine ich.

 

Bis vor kurzem ging meine Mutter noch mit mir Klamotten kaufen. Meist waren wir bei C&A, wo mir Strickjacken und Cordhosen zugeteilt wurden. Ich schämte mich dafür immer, so einen altbackenen Quark zu tragen, war aber irgendwie zu feige oder zu faul, etwas dagegen zu sagen. Ich wusste auch gar nicht, woran man in einem Laden erkannte, was modern war und was nicht. Eins war allerdings klar: Die Sachen, die meine Mutter mir kaufte, waren es definitiv nicht. Trotzdem war ich mir eh sicher, dass mich sowieso niemand so genau anguckte, weil ich so langweilig war, sodass es keinem auffallen würde, wie unlässig ich gekleidet war. Vor einigen Tagen aber hatte ich mir eine gute Jacke und eine moderne Jeanshose gekauft, nachdem ich mich mal genauer umgeguckt hatte, was die anderen so trugen. Damit war ich erst einmal auf dem Stand der Zeit und ging mit einem etwas festeren, selbstbewussteren Blick durch die Schule. Das Doofe war natürlich, dass die Hose ab und an mal gewaschen werden musste, dann blieb mir nichts anderes übrig, als die moderne Jacke mit der Cordhose zusammen anziehen, die zudem auch noch einen Schlag hatte. Das sah gar nicht gut aus. Aber ans Schämen hatte ich mich ja inzwischen gewöhnt.

 

Mir machte die Schule eh nie so richtig Spaß, denn ich hatte so gut wie keine Freunde und erst recht kaum Lust, mich mit dem Stoff, der gerade im Unterricht durchgenommen wurde, zu beschäftigen. Lesen fand ich anfangs in der Grundschule überflüssig, Rechnen obendrein, aber ich hatte mich irgendwann erbarmt und es doch gelernt und dann erstaunlicherweise für das Gymnasium qualifiziert. Hier schummelte ich mich immer so durch und hatte mich jeweils so angestrengt, dass ich immer gerade eben so die Versetzung schaffte.

Jan war zwar chaotisch, aber trotzdem immer gut in der Grundschule. Im Gymnasium später war er dann eher schlecht bis Mittelmaß, was seine Eltern dazu veranlasste, ihn zum Orgelunterricht, keine Kirchenorgel, sondern elektrische, zu schicken, was auch durchaus sinnvoll war, denn Jans Erzeuger hatten zufällig eine Dr.-Böhm-Heimorgel zu Hause stehen, da Jans Vater sich nebenberuflich mit dem Bau und der Reparatur dieser Instrumente beschäftigte. Da Jans Senior immer gerne die allerneuesten technischen Errungenschaften hatte, sie aber nie nutzte, hatte Jan sie meist für seine Belange verwendet – so auch die elektronische Orgel, eine CNTL. Und natürlich sollte der Orgelunterricht die Musiknote und damit den Zeugnisdurchschnitt verbessern.

So hatte Jan dann also mit 12 Jahren schon etliche Orgelstunden genommen und bis heute auch viel gelernt. Das fing beim Notenlesen an und hörte beim zweihändigen Spielen plus des Bedienens der Basspedale mit den Füßen auf. Er fand das immer albern, diese spießigen Melodien aus den Lernnotenheften nachzuspielen. Von Anfang an hatte Jan sich deshalb eigene Sachen ausgedacht und mit diesen Stücken bzw. Songfragmenten hatten er und Christian ihre Hörspiele und Radioshows aufgepeppt.

 

Irgendwann gab es eine Sendung im Dritten Programm, die mich und Jan für immer verändern sollte. Es war eine 30-minütige Musikzusammenstellung über die gerade so moderne Neue Deutsche Welle mit »Stolze Menschen« und »Reite durch die deutsche Nacht« von Kosmonautentraum, »Volle Kraft voraus« und »Goldfinger« von Die Krupps, »Fan Fan Fanatisch« und »Stahlherz« von Rheingold, »Flieger« und »Weihnachtsmann« von Blümchen Blau, »Inflation im Paradies« von Joachim Witt und »Greif nach den Sternen« von DAF. Das begeisterte uns zutiefst, diese einfachen Strukturen und diese durchweg düstere, fast schon apokalyptische Atmosphäre entsprachen exakt dem, was wir fühlten. Untergangsstimmung, Dunkelheit, das Ende aller Zeiten. Herrlich.

 

 

Kapitel 3 - April 1982

 

Ich war ziemlich froh, dass die Menschen auf den Falklandinseln keine Atombomben hatten. Die Engländer aber hatten sicherlich welche, doch ich hoffte, dass sie nicht so blöd seien, die kleinen Inseln damit zu bombardieren. Vielleicht war das der Beginn eines neuen Weltkriegs? Der vielzitierte Dritte wäre es dann. Das war schon etwas beängstigend, man wusste einfach nicht, was noch so passieren würde. Es gab so viele unklare politische Dinge, auch die Sowjetunion bedrohte uns. Oder besser gesagt: Besonders die Sowjetunion bedrohte uns. Immer wenn ich irgendwo eine Sirene hörte, lief es mir eiskalt den Rücken runter, und immer wenn ich durch die Straßen ging, überprüfte ich am laufenden Band die Umgebung, um mich im Falle eines atomaren Lichtblitzes hinter irgendeiner Mauer verstecken zu können.

 

Petra allerdings lenkte mich ein wenig ab. Sie war nicht nur mein Lichtblick, sie war die Hübscheste der Schule. Zumindest fand ich das. Ich glaube, dass Spießer ihr Aussehen anders beurteilten, aber egal. Sie war zwar kein echter Punk, hatte jedoch toll toupierte Haare, ein bisschen sah sie aus wie Kim Wilde. Ein heißer Feger also, mit dick geschminkten Augen. Hui.

Natürlich traute ich mich nicht, sie anzusprechen. Ich hatte eigentlich schon seit zwei Jahren eine Freundin eingeplant, doch irgendwie war das Thema »weiblicher Mensch« noch etwas unheimlich. Und wurde auch von Woche zu Woche furchteinflößender und unerreichbarer. Ich hatte seit der Grundschule nicht mehr mit einer solchen gesprochen, zumindest keiner unter 30. Ich war einfach schüchtern, wusste nicht, was man mit ihnen besprechen könne. Abgesehen davon, in Cordhosen war es auch unmöglich, jemand mit anderem Geschlecht anzusprechen. Insbesondere nicht so eine heiße Schnitte wie Petra, die natürlich in meine Parallelklasse ging, denn die besten Mädchen gingen immer in die Parallelklassen. Mit einem Mädchen aus der Parallelklasse zusammen zu sein, galt als äußerst lässig.

 

Erstaunlicherweise gab es bereits seit zwei Jahren ein Pärchen bei uns in der Klasse. Hauke und Astrid waren ein Herz und eine Seele, die beiden waren das erste offizielle Paar unseres Jahrgangs, das länger als ein paar Tage zusammen war. Und es war uns allen klar, dass die beiden heiraten werden. Und eigentlich hätte man Hauke bewundern müssen, so jung zu sein und schon eine echte Freundin zu haben und entsprechend mit Sicherheit auch Sex, doch aus ungeklärten Gründen fand das niemand lässig. Astrid war eher eine extreme Spießerin, und Hauke litt darunter, dass er aussah wie zehn. Es waren also diese seltsamen Spießeraspekte gepaart mit Minderwertigkeitskomplexen der beiden, die niemanden neidisch machten. Und dass da Sex mit im Spiel war, bezweifelten eh alle, das sparen die beiden sich sicherlich für die Silberhochzeit auf. Früher hatte man Hauke übrigens aufgrund seines Vornamens oft verhauen.

 

Ich hatte damals immer das Gefühl, dass ein Mädchen, hatte es erst einmal einen Freund, für das Leben verdorben sei. Ein Mädchen verliert seine Persönlichkeit, seinen Stolz, wenn es mit einem Typen rummacht. Verdorben und verbraucht, im Leben zum Scheitern verurteilt sei sie dann. Praktisch gezwungen, eine Karriere auf dem Strich zu fristen. Natürlich alles Blödsinn, aber das machte die Fantasien nur noch schmutziger, fatalistischer. Und Sex letztlich leider noch unerreichbarer. Insgeheim stellte ich mir vor, wie die Mädchen aus meiner Klasse alle miteinander rummachten, weil sie mit uns Jungs nichts anfangen konnten, weil die Mädels sahen alle schon viel entwickelter aus als wir, neben Gleichaltrigen kam ich mir immer wie ein Kind vor. Wenn sich zwei oder drei von ihnen während der Schulpausen hinter den Vorhang auf die Fensterbank setzten, ging meine Vorstellungskraft mit mir durch. Nicht nur meine, fast allen Jungen erging das so. Das war natürlich heiß, aber trotzdem verliebte man sich in Mädchen aus der Parallelklasse, denn die waren rein, unschuldig und vollkommen, genau das, was man sich als romantisch veranlagter junger Bursche als feste Freundin wünschte.

 

Jan selbst hatte seit einiger Zeit eine Braut. So eine ganz Schüchterne, die Daniela hieß. Sagte nie was, und Jan ließ sich in der Schule nicht oft mit ihr blicken. Auch privat nicht. Komische Beziehung.

 

Petra hatte lange, blonde Haare, meist eine ganz tolle Welle hineingeföhnt, oftmals auch toupiert. Sie hatte jeden Tag scharfe Sachen an, sie wusste, dass sie gut aussah und konnte das noch deutlich unterstreichen. Manchmal durch Hosen mit Jaguar-Muster, oft trug sie sogar Tigerhosen. Wild. In den Schulpausen hielt ich mich immer auffallend in ihrer Nähe auf und beobachtete sie, wie sie mit ihren Freundinnen bei der Schulkantine stand und Kaffee trank. Oft auch in der Raucherecke auf dem Hof. Und wenn ich mal eine Freistunde hatte, schlurfte ich immer an dem Fenster ihrer Klasse vorbei und guckte verschmitzt mit einem Seitenblick durch die Scheibe in den Klassenraum. Freilich nur zwei oder drei Sekunden lang, es sollte ja niemand mitkriegen – besonders Petra nicht. Was komisch war, denn eigentlich wollte ich ja, dass sie es bemerkte, aber irgendwie auch wieder nicht. Ein Zwiespalt.

 

Ich war ihr einmal nach der Schule heimlich gefolgt, um herauszufinden, wo sie wohnte. Selbstverständlich hielt ich einen so großen Abstand zwischen uns ein, dass sie mich auf keinen Fall bemerken konnte. Sie lebte in der Weistritzstraße in einem kleinen Reihenhaus. Von dem Tag an fuhr ich da manchmal mit meinem Fahrrad vorbei. Natürlich nur ganz schnell und nur mit einem kurzen Blick zur Seite Richtung Fenster. Ich hoffte, dass sie mich genau in dem Augenblick sehen würde und sofort erkennt, dass ich sie über alles liebe. Und dann würde sie mich am nächsten Tag in der Schule ansprechen. Leider geschah das nicht, das war auch wieder nur so ein unmöglicher Wunschtraum. Abgesehen davon hätte ich wahrscheinlich hektisch abgestritten, dass ich in sie verliebt sei, hätte sie es tatsächlich herausgefunden und mich drauf angesprochen. Immer diese Zwiespälte...

 

Vorher war ich verliebt gewesen in Anja, ein unscheinbares Küken, das sehr nett war. Kurze, dunkle Haare, vielleicht nicht das, was man als schlank bezeichnete, aber durchaus hübsch. Niedlich. Burschikos. Meist mit Wollpullovern bekleidet. Ich war richtig lange in sie verknallt, hatte mir vorgestellt, wie wir ein Paar wären, und ich fand, dass wir wahnsinnig gut zusammenpassten. Sie war auch etwas schüchtern. Drei Sätze hatte ich seit der fünften Klasse mit ihr gewechselt, und die hatte ich mir vorher tagelang zurechtgelegt und sie so belanglos wie nur möglich gehalten, damit sie nicht auf komische Gedanken kam. Es war echt schwierig, ein Thema zu finden. Pferde waren nicht lässig genug, Kochen war erst recht peinlich, und was Mädchen für Musik hören, wusste ich eh nicht. Wahrscheinlich Disco, aber damit kannte ich mich nicht aus. Die Bee Gees waren eh schon lange unmodern.

 

Ich hing oft mit Jan und Christian herum, doch das Thema Mädchen wurde auch dort totgeschwiegen, obwohl Jan ja, wie gesagt, mit Daniela zusammen war. Ich hatte mich heute wieder einmal mit den beiden verabredet und kam zu Jans Haus. Seine Herrschaften hatte einen brandneuen Videorekorder und sich gerade »Dark Star« in der Videothek ausgeliehen. Die 300 DM, die man dort als Kaution hinterlegen musste, hatten Jans Vater und Mutter zur Verfügung gestellt, aber mit dem Hinweis, dass wir in jedem Fall auf die Kassette achtgeben sollten, weil sie die 300 DM gerne wiederhätten. Wir waren große Science-Fiction-Fans seit »Krieg der Sterne«.

 

Jan hatte sich in den letzten Wochen optisch ein bisschen gewandelt und driftete in die punkig-wavige Ecke ab. Allerdings eher punkig abgewetzt, die Haare ebenfalls wuschelig und toupiert. Ob das irgendeine Stil-Richtung war? Man wusste es nicht. Christian sah noch ziemlich normal aus, ein Haarschnitt, der auf Popper hindeutete, normale Jeans und einen abgetragenen Pullover. Definitiv war er für mich kein modisches Beispiel, ich sollte wohl besser Jans Optik als Vorbild nehmen. Vor allem, da abgewetzte Kleidung ja relativ leicht zu beschaffen war.

 

Wir saßen bei Jans Eltern im Wohnzimmer, auf modischen grünen Sesseln, und hatten den 15 Kilo schweren Videorekorder, der anscheinend aus Gusseisen hergestellt war, in Betrieb genommen. Nach ungefähr 30 Sekunden Rauschen und tanzenden Balken auf dem Fernseher hatte sich das Bild getriggert und der Film setzte ein. Es war eine üble Videokopie im besten Rausch-Mono-Sound, aber das war egal. Sich Filme anzugucken, wann immer man wollte, das an sich war schon eine wahrgewordene Zukunftsvision. Ziel des Videoguckens heute war es, Inspirationen für den von uns geplanten Science-Fiction-Film »Kampf um die Boreas« zu sammeln, den wir mit der Super-8-Kamera von Jans Vater drehen wollten. Boreas war der griechische Gott des Windes. Auch irgendwie Quatsch, denn die Boreas war ein Raumschiff, und Wind gab es nicht im Weltraum. Aber man brauchte ja auch nicht allzu pingelig sein, der Rasende Falke ist ja nach einem Vogel benannt worden, und Vögel konnten sich aufgrund fehlender Luft im All ja auch nicht fortbewegen, ganz zu schweigen, dass sie ersticken würden.

Der Film war allerdings etwas enttäuschend.

»Alter Schwede, was ist das für eine Scheiße?«, warf Christian in die Runde. Wir tranken Deit Zitrone und hatten Kartoffelchips von Jans Mutter bekommen. »Das ist doch ein Wasserball, der da rumfliegt!«

»Allerdings, so eine Kacke«, wetterte Jan. »was sind das denn für Effekte?«

»Das sieht doch ein Blinder mit einem Krückstock!«, wagte ich zu sagen.

»Was sieht ein Blinder mit einem Krückstock?«, fragte Christian, und beide guckten mich an. Hatte ich was Doofes gesagt?

»Na ja, dass das ein schwarzer Wasserball ist«, sagte ich vorsichtig.

»Allerdings, das sieht doch jeder«, rief Jan entrüstet Richtung Fernseher. Ich war erleichtert. War also nicht allzu blöd, was ich gesagt hatte. »Dark Star« war aber auch ein dämliches Werk, so viel Geblubber und Gequatsche und so beschissene Spezialeffekte.

 

Wir guckten den Streifen weiter und mischten die Deit mit Ravini, dem Wermut vom Aldi, denn Wermut war unsere erste echte alkoholische Erfahrung, noch vor Bier und Apfelkorn. Und dann begannen die im Film tatsächlich mit einer Bombe zu diskutieren, weil die sich in der Halterung verhakt hatte, aber den Befehl, zu explodieren, deswegen noch lange nicht aufgeben wollte.

»Alter Schwede, das ist doch Kacke!«, rief Christian komplett genervt. »Total nicht gut! Lächerlich!«

»Blödsinn, wirklich. Unser Film wird besser«, sagte Jan kopfschüttelnd, während er noch einmal Ravini nachschüttete und die Füße wieder zurück auf den Tisch legte, neben die Kartoffelchips. Er hatte Löcher in den weißen Tennissocken, die allerdings schon lange nicht mehr strahlend waren. Eventuell würde Omo mit T.A.E.D.-System helfen?

»Und vor allem besser als ›2001‹ von neulich. Der war echt langweilig!«, bemerkte Christian. »Mach aus, das kann ich mir nicht bis zum Ende angucken.«

 

Jan stand gerade auf, um beim Videorekorder auf die Stopptaste zu drücken, als Tino, der jüngere Bruder von Jan, reinkam und den Film ebenfalls mit anschauen wollte. Da guckte Christian ihn giftig an und rief: »Dann musst du aber Geld dazugeben! Wir haben in der Videothek Kohle dafür ausgegeben, da musst du dich also dran beteiligen.«

Tino guckte nur, sagte nichts und verschwand. Eine Minute später stand Jans Mutter im Zimmer und schimpfte uns alle aus. Wie wir denn dazu kämen, Tino nicht mitgucken zu lassen, und dass er Geld geben sollte, sei eine Unverschämtheit, wo sie als Eltern immerhin 300 DM Kaution hinterlegt hätten. Jan ließ den Film also weiterlaufen und Tino saß dann dabei und guckte zu. Nach ein paar Minuten jedoch verschwand er, war ja auch ein Scheißfilm. Nicht zu vergleichen mit »Krieg der Sterne«.

Wir schauten den Film dann doch noch zu Ende, allerdings mit einer großen Portion schlechter Laune.

»Wisst ihr, was richtig knallt?«, fragte Jan uns, als der Abspann begann.

»Was denn?«, erkundige sich Christian.

»Wenn man von Bananen diese Streifen abzieht, die trocknet und dann in selbstgedrehte Zigaretten packt. So eine Art Joint, nur billiger«, erklärte uns Jan.

»Und gesünder, schätze ich, ist ja Obst«, meinte Christian. Der war nämlich seit einiger Zeit etwas öko, was Jan und mir ein bisschen zu hippiemäßig war.

»Ja, immerhin sind da Vitamine drin«, machte Jan uns begreiflich. Er holte eine Banane aus dem Obstkorb seiner Eltern und zog die Streifen ab, legte sie in einen Löffel, trocknete sie mehr schlecht als recht über einer Kerze und packte sie in eine Selbstgedrehte.

»Hattet ihr euch schon was überlegt mit ›Kampf um die Boreas‹?«, fragte ich, als wir auf dem Fußboden um einen Aschenbecher herumsaßen. »Also eine Geschichte? Worum es gehen soll?«

»Klar«, sagte Jan und zog an seiner Zigarette, als sei sie ein echter Joint. Er blies drei Ringe ins Zimmer, schloss die Augen und meinte dann mit Kennermiene: »Meine lieber Herr Gesangsverein, das knallt. Echt oberaffentittengeil. Wollt ihr mal?«

Christian schüttelte den Kopf, ich nahm die Ziese und zog daran. Jan hatte Recht, das zog voll rein, war aber auch irgendwie eklig und schmeckte nach Banane. Ich hasste eigentlich Bananen.

»Geht das auch mit Birnen«, fragte ich dann.

»Dünnsinn«, sagte Jan. »Haben Birnen diese Fasern, die man abziehen kann wie bei den Bananen?«

»Nein«, sagte ich und überlegte. »Vielleicht kann man die Birnen ja kleinhacken und trocknen.«

»Du hast doch echt keine Ahnung«, meinte Jan kopfschüttelnd und nahm mir wieder die Kippe ab. »Ich habe mir was ausgedacht. Es geht um fünf Jugendliche – ein Mädchen ist dabei«, ich bemerkte beim Wort »Mädchen« ein leichtes Zittern in seiner Stimme, »die klauen ein riesiges Raumschiff, das im Orbit der Erde gerade gebaut wird. Das Raumschiff heißt ›Boreas‹, benannt nach dem Gott des Windes. Die Teenies fliegen damit weg und plötzlich geraten sie in ein Schwarzes Loch und werden tief ins All geschleudert. Und hier gibt es dann natürlich viele Abenteuer zu bestehen. Gut, was?«

»Ja, gut«, fand ich. »Und wer soll da mitspielen?«

»Ich«, meinte Jan, »und Christian, und ein paar andere. Du auf jeden Fall, du bist einer vom Team. Du bist Shortie.«

»Echt? Und das... Mädchen? Wer spielt die?«, fragte ich neugierig und bemerkte beim kritischen Wort auch bei mir ein leichtes Beben in der Stimme. Das wäre ja ein absolutes Ding, ein Mädchen zu fragen, ob es bei etwas mitmacht und sich dann nachmittags mit ihm zu treffen – ein Mädchen außerhalb der Schule zu sehen, unheimlich. Das sprengte meine erotischen Fantasien. Das war fast so aufregend wie Klassenfeste.

»Ich weiß nicht«, erklärte Jan und guckte Christian an. »Mädchen?«

Der zuckte mit den Schultern und meinte: »Ich kenne da eine, Sabine, die frage ich.«

 

Puh, die kannte ich. Ging einen Jahrgang unter uns, klein, mit blonden Haaren, Brille. Sah spießig aus, war aber ganz nett. Ich stellte mir augenblicklich vor, wie ich Sabine einen Kuss geben würde, was natürlich noch fiktiver war als unsere Science-Fiction-Geschichte, doch solche Gedanken kommen mir immer sofort. Was war Christian bloß für ein abgebrühter Kerl, einfach ein Mädchen zu fragen, ob sie bei einer Jungensache mitmachen würde. Mir wurde in dem Augenblick bewusst, wie irrsinnig das war, das konnte doch nicht normal sein. Uff, warum bloß war ich so schüchtern? Ich steigerte mich da regelrecht rein, das war nicht gut! Mir war das schon klar, aber ich konnte nicht anders. Ein Teufelskreis: Je schüchterner ich war, desto schüchterner wurde ich.

 

Vielleicht konnte ich Christian unauffällig dazu bringen, Petra anstelle dieser Sabine zu fragen, doch mir fiel nichts Gescheites ein, das Thema auf sie umzulenken. Kannten die beiden Petra überhaupt? Sie ging ja immerhin in die Parallelklasse, und wer kannte schon Leute aus der Parallelklasse?

 

Ich setzte alles auf eine Karte und fragte: »Was ist mit Petra?«

»Hä?«, entgegnete Christian.

»Ach nichts«, meinte ich. Welch wohliges Prickeln es alleine schon auslöste, wenn man laut vor fremden Leuten ihren Namen aussprach. Wenn sie wüsste, dass gerade ihr Name gefallen war – in einer reinen Jungsrunde! Aber gut, da man Petra hier nicht kannte, dann war eben Sabine das erste Mädchen, mit dem ich ein bisschen Konversation üben würde und die eventuell meine Debüt-Freundin werden würde. Ob ich sie eines Tages heiraten würde? Das sollte wohl das Schicksal entscheiden, sie war ja eigentlich ganz nett. Ich hoffte, ich würde sie dazu bringen, ein paar fetzigere Sachen anzuziehen und die Haare zu toupieren. Definitiv aber würde sie meinen Herrschaften gefallen, denn sie war irgendwie so der Typ Mädchen, bei dem klar war, dass sie später mal einen guten Job haben würde, perfekt in der Küche wäre und vor allem Enkelkinder produziert. Was sich Eltern halt so für ihre Kinder wünschen.

 

Am nächsten Tag trafen wir uns bei Jan, der in einem großen Einzelhaus in der Fangdieckstraße wohnte. Gegenüber war ein freies Grundstück, auf dem nur vier Garagen standen, da wollten wir ein paar Effekte für den Film ausprobieren und sprengten mit Silvesterböllern unsere Revell-Bausätze in die Luft. Meine »MS Bismark« ging dabei drauf sowie ein silberner Helikopter. Wir waren ganz enthusiastisch. Wenn man das in Zeitlupe filmte, das würde lässig aussehen. Doch wie machte man Zeitlupe mit einer Super-8-Kamera? Es gab noch viel mehr Probleme, die wir zu lösen hatten: Wie sollte man die Laserschüsse machen? Wir dachten uns, wir könnten sie mit Playmobil-Stiften direkt auf den Filmstreifen malen. Playmobil-Stifte waren derzeit so eine Mode, es gab schlohweiße Playmobil-Figuren, die man mit speziellen Stiften anmalen konnte. Also konnte man mit diesen Farben sicherlich auch auf dem Kunststoff der Filmstreifen malen. Allerdings ist ein 8-mm-Bild eigentlich zu klein, um es mit Stiften zu bemalen. Ein weiterer Vorschlag von Jan war, eine kleine Leuchtstoffröhre an einem Band durch das Bild zu ziehen. Keine schlechte Idee. Mussten wir mal ausprobieren.

 

Zwei Tage später sagte mir Jan, dass er an einem Drehbuch arbeite, er gestaltete es in Form eines Comics. Zwei weitere Tage darauf allerdings teilte man mir mit, dass das Projekt gestorben sei, denn es sei nicht machbar, da man ja nur auf Super-8 drehen könnte und dass das niemand bezahlen könne. Drei Minuten Film würden 15 DM kosten inklusive Entwicklung. Außerdem sei dann ja auch noch die Tonfrage zu klären gewesen, denn die Kamera nahm nur Bild auf. So starb also unser kurzlebiges Filmprojekt, und so schied auch die Hoffnung dahin, entweder Sabine oder Petra näher kennenzulernen.

Zumindest malte Jan die nächsten Monate diverse ›Kampf um die Boreas‹-Fortsetzungscomics, doch gelesen habe ich sie nie.

 

Auch das nächste Projekt blieb schon nach einem Nachmittag liegen. Wir wollten einen Flipper aus Holz bauen und damit auf dem Flohmarkt im Einkaufszentrum richtig Kohle scheffeln, doch wir kamen leider nicht weit. Wie so oft…

 

Kapitel 4 – Mai 1982

 

Eines Tages waren wir drei mal auf einem Bandfestival in der Schule Rispenweg. Der Konzertabend fand in der Pausenhalle statt. Wir hatten uns alle extra punkig angezogen, wir wollten schockieren. Mein Problem war, dass ich eigentlich keine punkigen Sachen hatte, sodass ich mein Gehirn anstrengen musste. Ich hatte vor, mich optisch ein bisschen zu entwickeln und fand es toll, mit zwei verschiedenen Schuhen rumzulaufen. Ich nahm am Abend vor dem Konzert meine weißen Turnschuhe und holte mir zwei Dosen mit Autolack aus unserer Garage. Ich sprühte einen der Schuhe in Rot an – so hatte er die gleiche Farbe wie der Ford Fiesta meiner Mutter – und den anderen sprühte ich in Blau-Metallic an. Voll robotermäßig, das war super.

 

Das Konzert begann um 19 Uhr, und die Pausenhalle war mit bestimmt 200 Leuten ziemlich voll, sogar einige Lehrer waren im Publikum. Im hinteren Teil des Raumes konnte man die Wände zur Seite schieben, sodass eine Bühne zum Vorschein kam. Die war vollgestopft mit allen möglichen Instrumenten und Verstärkern, und in der Mitte der Halle war ein Mischpult, an dem zwei Leute saßen. Rechts war ein kleiner Getränkestand aufgebaut, wo man Cola und Brause, aber auch Schulmilch und Kakao kaufen konnte.

 

Meine Schuhe konnte ich leider doch nicht anziehen, da der Lack anscheinend auf dem Leder – wenn es denn überhaupt Leder war – einfach nicht trocknen wollte. Ich würde sie wohl noch mal ein paar Tage stehenlassen müssen, im schlimmsten Fall jedoch blieb mir wohl nichts anderes übrig, als sie wegzuwerfen. Was schade wäre.

 

War das Festival übel anfangs – die meisten Bands waren recht rockig und spielten irgendwelche bekannten Lieder (Stickwort »Smoke On The Water«, »Twist And Shout«) nach – gab es dann da noch »Die Gefährdung«. Die Gruppe war wirklich klasse, ziemlich experimentell, irgendwie düster und extrem Neue-Deutsche-Welle-behaftet mit Schrammelgitarre, Mini-Casio-Keyboard und unperfekt gespieltem Saxofon sowie guten dadaistischen Texten. Das Keyboard kannte ich von Trio, die vor ein paar Wochen eine Single namens »Da da da« rausgebracht hatten.

 

»Das ist richtig lässig«, sagte Jan zu uns, als die Band gerade ein Stück beendet hatte und flüchtiger Applaus aus dem Zuschauerraum kam, wo man offenbar noch in der Hippie-Zeit feststeckte. NDW war nichts für Spießer. Das war Musik für Intellektuelle. Die Typen auf der Bühne sahen auch klug aus, hatten Anzüge an und moderne Lederkrawatten. Eigentlich verachteten wir so etwas, doch in dem Augenblick war das richtig kontrovers.

 

Wir saßen fast ganz vorne auf dem Boden und beobachteten die Typen auf der Bühne, die ein paar Jahrgänge über uns gingen. Dass sie musikalisch gar nichts konnten, wäre vielleicht ein wenig gemein gewesen, aber dass sie keine Meister auf ihren Instrumenten waren, das war schon erkennbar. Und das war auch gut so, das machte das Flair aus, das sie verbreiteten. Es war erfrischend zu sehen, dass es ihnen scheißegal war, was das Publikum von ihnen dachte. Niemand klatschte mehr als nötig, niemand wirkte begeistert, die Stimmung sackte tiefer und tiefer, drohte bald zu kippen.

 

Nachdem »Die Gefährdung« gespielt hatte, gingen wir raus in den lauen Mai-Abend und rauchten alle erst einmal in der Raucherecke eine – das heißt, Christian natürlich nicht, der war irgendwie auf Gesundheit eingestellt. Er und Jan waren dafür aber ganz aufgeregt.

 

»Wir machen auch eine Band«, rief Christian und war ganz hibbelig.

»Ja, und dann machen wir richtige Neue Deutsche Welle«, rief Jan.

Auf allen Gesichtern tummelte sich ein seliges Lächeln, sicherlich auch auf meinem, immerhin tat sich gerade etwas Musikhistorisches.

»Und wie fangen wir an?«, fragte ich sie. »Wir haben alle keine Instrumente.«

»Na ja, ich habe eine Orgel zu Hause«, sagte Jan. »Die hat auch Schlagzeug.«

»Ich hab keine Lust«, meinte ich schnell. »Ich spiele nicht mit. Ich kann nichts. Ich will nichts machen. Ich bin der Manager.«

»Okay, der Manager, dann mach das«, sagte Christian.

»Wie nennen wir uns?«, fragte ich in die Runde. »Also, wie nennt ihr euch, meine ich? Ein Bandname ist ja wohl wichtig.«

 

Alle überlegten und Jan holte die nächste Zigarette aus der Schachtel. Ich strengte mein Hirn auch an, doch da ich keine Phantasie hatte, dachte ich stattdessen lieber über den Job des Managers nach. Ich wusste eigentlich gar nicht, was so ein Manager machen sollte. Na ja, das dürfte irgendwie zu bewältigen sein, egal was es ist. Auf jeden Fall klang Manager gut. Und wichtig. Ich musste unauffällig dafür sorgen, dass Petra davon erfuhr, dass ich nun ein Manager einer echten Band war. Wenn es schon mit dem Film nichts wurde, dann doch wenigstens mit Musik, das klang durchaus realistischer.

 

»Muss deutsch sein!«, rief Jan.

»Natürlich«, stimmte ihm Christian zu. »Wenn wir Neue Deutsche Welle machen, muss der Name auch deutsch klingen. Und sein.«

 

Sie überlegten weiter. Nachdem länger nichts gesagt wurde und alle anderen Raucher, die nicht dazugehörten, aus der Raucherecke wieder verschwanden und reingegangen waren, weil die nächste Band anfing, hatte ich plötzlich Angst, dass das Projekt schon wieder gestorben sei. Das wollte ich nicht zulassen und begann deshalb doch fieberhaft nach einem Namen zu suchen. Dann hatte ich einen.

»Otto Lilienthal«, sagte ich. »Nennt euch doch Otto Lilienthal.«

»Wieso das?«, fragte Christian mit gerunzelter Stirn. »Otto Lilienthal?«

»Ist das deutsch?«, kam von Jan, der sich am Hinterkopf kratzte.

»Deutsch?«, ich überlegte. »Nee, ist ein Name. Von einem Menschen. Aber den kann man deutsch aussprechen. Also Otto zumindest. Und Lilienthal auch. Wie die Blumen und wie das Gegenteil von Berg, also Tal. Und das dann zusammen, ihr versteht?«

»Ja, wir kapieren das«, giftete Christian. »Für wie blöd hältst du uns bitte?«

»Aber unsere Band kann doch nicht nach einem Namen benannt werden, also nach einem Menschennamen«, sagte Jan und trat seine Zigarette halbgeraucht schon wieder aus. Aus der Pausenhalle hörte ich Applaus, offenbar betrat die nächste Gruppe die Bühne. Wahrscheinlich Rockscheiße.

»Wieso nicht? Ist doch auch ein Name. Also, ich meine, man kann doch einen Bandnamen nach einem echten Namen benennen, oder nicht?«

»Aber was haben wir mit Otto Lilienthal zu tun?«, fragte Jan und kratzte sich weiter in den strubbeligen Haaren. »Außerdem, hat der nicht irgendwelche Rechte an seinem Namen? Ich meine, könnte der uns nicht verklagen?«

»Der ist bestimmt schon tot«, mutmaßte Christian. »Hat der nicht das Fliegen erfunden? Und geflogen wird doch schon mindestens seit dem Ersten Weltkrieg. Der ist mit Sicherheit schon tot.«

»Ja, aber dann könnte man mit seinen Verwandten und Nachfahren Probleme bekommen, mit den Erben«, warf ich ein.

»Wie wäre es mit ›The Soldiers‹?«, rief Christian plötzlich begeistert.

»Ist das deutsch?«, fragte Jan ihn etwas ungeduldig.

»Nein, nicht ganz«, meinte Christian und überlegte weiter.

»Und außerdem sind wir keine Soldaten«, sagte ich. »Soldaten klingt so militärisch. So als ob wir das gut fänden.«

»Und ist zudem nicht Deutsch, gell?«, wies Jan noch einmal darauf hin. »Und ›Die Soldaten‹ ist ja wohl auch etwas peinlich. Auch wenn das die Ökos wahrscheinlich so richtig scheiße finden würden, was im Umkehrschluss wiederum richtig gut wäre. Ihr versteht?«

»Ja«, sagte Christian kleinlaut.

»Ich finde Otto Lilienthal immer noch gut«, rief ich.

»Dann muss da aber was zu, Peter. Also zum Namen.«

»So was wie ›Otto Lilienthal Group‹?«, fragte ich.

»Ist das deutsch?«

»Nein.«

»Siehste.«

»›Otto Lilienthal Gruppe‹«

»Ist doch scheiße.«

Das fand ich eigentlich auch. Das klang wie Jazz. Wir überlegten weiter.

 

Man hörte inzwischen dröhnende Musik aus der Pausenhalle, ziemlich dumpf, da die Höhen durch die Wände geschluckt wurden. Aber es hörte sich wie erwartet sehr rockig an, sodass wir lieber noch etwas draußen blieben, um unsere Ohren zu schonen. Außerdem, was ist spannender, als sich einen Bandnamen auszudenken?

 

»Wie wäre es mit ›Otto Lilienthal e.V.‹?«, rief Christian.

»Sind wir denn ein eingetragener Verein?«, fragte Jan ihn genervt. »›Otto Lilienthal‹ finde ich soweit schon mal ganz gut, aber wenn man dann das ›e.V.‹ dahinter setzt, dann könnte das eines Tages echt Ärger geben, denke ich. Es würden sich ja sonst alle ›e.V.‹ nennen, verstehst du? Da muss man sich wahrscheinlich irgendwo eintragen, um sich so nennen zu können. Das geht nicht so einfach.«

»Das ist mir zu kompliziert«, rief ich. »Ich bin raus aus dem Spiel«, und zündete noch eine Ziese an. Verdammt, die Schachtel war auch schon wieder fast alle. Woher das Geld nehmen für eine neue? Musste ich mich wohl heute noch etwas durchschnorren. Zuhause hatte ich noch jede Menge Kronen-Münzen aus Dänemark, die in der Mitte ein Loch hatten. Die waren genauso groß wie 1-DM-Stücke und passten hervorragend in Zigarettenautomaten. So konnte man bares Geld sparen.

 

»Das gibt auf jeden Fall rechtliche Probleme mit e.V.«, erklärte Jan weiter. »Wie wäre es denn mit ›n.e.V.‹? Also ›nicht eingetragener Verein‹. Versteht ihr? Geil.«

»Ja, das ist super«, fand Christian. Mir gefiel das auch.

 

Was für ein Abend. Eine gute Band gehört, die mich musikalisch wirklich begeisterte, und dann noch Manager einer anderen guten Band geworden. Wir gingen zurück in die Pausenhalle, doch als »House Of The Rising Sun« erklang, flüchteten wir wieder nach draußen. Bestärkt im Gefühl, der Welt eine frische, perfekte, neu klingende NDW-Band zu präsentieren. Bereit, den Mädels dieser Schule zu beweisen, dass Qualität einen Namen hat: Otto Lilienthal n.e.V.

 

Es vergingen einige Tage, in denen nichts passierte. Ich hatte schon fast die Befürchtung, dass das Vorhaben bereits wieder vergessen war, doch dann erfuhr ich von Jan, dass er eine Mini-Orgel von »Dr. Böhm« gekauft hatte. Die musste man selber zusammenlöten und mit einem Stift bedienen. Hat wohl um die 20 DM gekostet. Klang schrecklich, aber irgendwie gut. Jans Vater hatte da Taster eingebaut, sodass man auch ohne Stift spielen konnte.

 

Christian hatte tatsächlich sein Konfirmationsgeld investiert und sich ein Casio-Keyboard gekauft, aber ein großes, nicht so ein kleines wie das von Trio, und dann trafen wir uns bei Jans Eltern in deren Wohnzimmer. Jan selbst saß an der wenig lässigen »Dr. Böhm«-Heimorgel, Christian am Casio. Dann wurde geprobt. Bald waren erste Stücke vorhanden, »Muskelmann«, das instrumentale »Ein Duo«, »Tonfolge II« sowie das von Blümchen Blau geklaute »Weihnachtsmann«. Ich fand das alles zwar aufregend, aber trotzdem langweilig. Damit würden die nie live auftreten können, das hatte nicht die Kühle von zum Beispiel »Die Gefährdung«. Außerdem, wer sollte eine CNTL-Orgel zu irgendwelchen Auftrittsorten transportieren, und vor allem, Jan würde sich bis auf die Knochen blamieren mit so einem Ding. Hatten nicht die Rockbands mit Orgeln gespielt? Hatten Queen nicht so ein Instrument? Und hießen die nicht Hammondorgeln? Die CNTL konnte praktisch nur ein Interimsinstrument sein, das musste eines Tages gegen einen gutaussehenden Synthesizer ausgetauscht werden. Aber der musste dann auch Schlagzeug haben.

 

Ich las während der restlichen Probe ein paar Yps-Hefte, die Jan bis zum heutigen Tage sammelte. Das durfte man aber auch keinem Mädchen sagen, dass man in dem Alter noch Yps-Hefte las. Auch wenn die Gimmicks meist echt gut waren. Die Detektivausrüstung oder die Pseudo-Röntgenbrille hatte ich immer noch in meiner Krimskramsschublade bei mir zuhause.

 

»So geht es nicht«, meinte Christian nach einem weiteren gescheiterten Versuch. »Wir müssen was ändern.«

Die Sachen klangen lau. Das war auf Dauer unerträglich. Die Melodien waren okay, aber da musste man einfach mehr daraus machen.

 

»Wir brauchen ein Schlagzeug«, fand Jan und warf sich auf das grüne Sofa. »Und einen Bass. Banane?« Er zeigte auf den Obstkorb auf dem Tisch und guckte Christian an.

»Nein, will ich nicht. Nicht jetzt«, schüttelte dieser den Kopf. »Und woher wollen wir all die Instrumente nehmen? Wir können das nicht alles kaufen.«

Christian rief: »Aus der Schule.

---ENDE DER LESEPROBE---