Die Rückkehr des Meister Bertram -  - E-Book

Die Rückkehr des Meister Bertram E-Book

0,0
6,99 €

Beschreibung

Das Buch behandelt das Leben des mittelalterlichen Malers Meister Bertram. Es ist eine fiktive Geschichte, die um das Jahr 1400 spielt. Meister Bertram tritt im Zentrum merkwürdiger Ereignisse auf, die das gesellschaftliche Leben seiner Stadt mächtig durcheinanderwirbeln. Letztlich ist es Meister Bertram und seinen Bildern zu verdanken, dass die Stadt wieder zu ihrem geordnetem Leben zurückfindet. Trotz aller Fiktion orientiert sich die Geschichte an den historischen Fakten, die von Meister Bertram bekannt sind. Es orientiert sich auch an seinem bildnerischen Werk, von dem Teile in dem Buch wiedergegeben werden. So liefert das Buch auch Interpretationen, mit denen Meister Bertrams Bilder neu zu deuten sind. In einem Nachwort wird ausführlich auf den historischen Meister Bertram eingegangen.

Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:

EPUB
MOBI

Seitenzahl: 287

Bewertungen
0,0
0
0
0
0
0



Die Rückkehr des Meister Bertram

Meister BertramPersonenVorredeI. Der Raub des Schatzes 1-18123456789101112131415161718II. Die Aushändigung des Lösegeldes 19-3719202122232425262728293031323334353637III. Der Gesandte des Königs untersucht den Fall 38-58383940414243444546474849505152535455565758IV. Bertram löst den Fall 59-7659606162636465666768697071727374Petri-Altar7576Natürlich eine alte HandschriftNachwort 1: Natürlich eine alte HandschriftNachwort 2: Das schelmische MittelalterNachwort 3: Meister BertramNachwort 4: Zum ToversichtsschreibenImpressum

Meister Bertram

Ik Bertram maler, borgher tho Hamborch, betrachte unde besinne, dat neyn dingh wisser en is den de dot, unde neyn dingh unwisser den de stunde des dodes, hir umme so sette ik myn testamentum unde mynen lesten willen by wolmacht van Godes gnaden mynes lives unde by redeleicheyt myner synne aldus...

Personen

Familie, Freunde und Gehilfen Bertrams

1.   Bertram   : Maler, Meister seiner Zunft.

2.   Grete    : Bertrams Frau. Von Bertram häufig Eva gerufen.

3.   Gesa   : (Gheseken). Bertrams Pflegetochter.

4.   Cord  : Bruder von Bertram.

5.   Mette   : (Metteken). Tochter von Cord.

6.   Timi   : (Timiken). Spielkamerad von Gesa und Mette.

7.   Henneken Westersteden: Schwager von Bertram.

8.   Aleke und Heydewich  : Basen Bertrams. Verwandte aus alten Zeiten.

9.   Detmar Trumpeker  : Ehemann von Heydewichs Tochter.

10. Herman Tyeman : Freund Detmar Trumpekers.

11. Johannes Trumpeker  : Sohn von Detmar Trumpeker.

12. Gerd van Bucken   : Bürgermeister der Stadt, in der Bertram  einst wohnte.

13. Hendrik  : Erster Gehilfe Bertrams.

14. Johann    : Zweiter Gehilfe Bertrams.

15. Gerhard Francke : Absolvent der Lateinschule. Am Ende der Geschichte Bertrams Gehilfe.

Stadtbewohner

16. Hans van Bucken : Gewürzhändler. Reichster und mächtigster Mann der  Stadt.

17. Gerlinde van Bucken  : Geborene Slüter.  

18. Richard van Bucken :  Sohn von Hans van Bucken. 1. Kontorist. 

19. Linda van Bucken : Tochter von Hans van Bucken. Lautenspielerin.  

20. Johann Slüter   :  Vater von Gerlinde van Bucken. Letzter Besitzer der Burg. Verstorben.    

21. Tina Slüter   :  Gattin von Johann Slüter. Verstorben.   

22. Borghard Schletter  :  Erbauer der Burg. Erbauer der städtischen Kirche.  Ahne der Slüters.

23. Gerhard  : Gold- und Silberschmied. Meister seiner Zunft.

24. Clara   : Seine Frau.   

25. Dethard  : (Dethard van Hedemeyer) Baumeister..

26. Tilman  : (Tilman Remensnider) Bildnisschnitzer.        

27. Tomas  : Leiter der Lateinschule.

28. Berengar Gottwohl : Leiter des Armenhauses.       

29. Renhard   :  Musikus. Lautenspieler.      

30. Jonathan de Voss: Buchschreiber und Buchmaler. Freund Bertrams  aus fernen Tagen.         

31. Abraham Terborch  : Vorsteher der Pfarrei.               

32. Cord Lomprecht   : Liturg, Prior des Stifts.

33. Johann Taubruggen  : Flussfischer.

Partei Buckens - Bürgermeisterpartei

34. borgermester   : Bürgermeister. Parteigänger Buckens.  Dritter Kontorist bei ihm.          

35. Joseph    : (Joseph Meulenhof) Physikus. Berater Buckens.

36. Volquin   : (Volquin Vandenloh) Neffe und Zögling Buckens.   

37. Johann   : (Johann van de Beke) Ratsmitglied. Marktmeister.      

38. Willem   :  Ratsmitglied. Städtischer Schmied.   

39. Ernst  :  (Ernst Bodendorp) Ratsmitglied. Weinhändler.     

40. Adam  : (Adam Kerkhoff) Ratsmitglied. Gemüsehändler.      

41. Reyneke   : (Reyneke van Hille) Ratsmitglied. Viehhändler.  

42. Samuel : (Samuel Bloom) Vertreter der Hebräer im Rat.

Gegenpartei 

43. Cornelius Klatt   : Magistratsvorsteher. Damit Erster Beamter der Stadt. Oberaufseher des Zollwesens und Erster  Pfennigmeister.  Vertreter der alten Stände und  geborenen Ämter. Der Rivale Hans van Buckens.              

44. Hans Bentzen    :  Gutsbesitzer 

45. Hinrik Hennings    :  Pfründner und Zweiter Pfennigmeister     

46. Johann Koppes   :  Gutsbesitzer und Anführer der Alten Stände

47. Helmfort Tewes   :  Anführer der  geborenen Ämter.     

48. Adrian Coning   : Erster Magistratsschreiber.    

49. Frans Memel   : Zweiter Magistratsschreiber.

50. Rechard Goldsneder   : Wucherer und Zinseintreiber.

51. Meinhard van Kempen  : Tuchhändler.

52. Hermann Visch  : Justitiar.

53. Willem Kelp: Rivale Bertrams um das Maleramt. 

Weitere Personen

54. Clemens Ludewech   : Gesandter des Königs.

55. Junger Mann   : Ein Geheimbündler.

56. Ein älterer Schreiber

57. Boten, Torwächter, Soldaten, weitere Bewohner der Stadt.

Vorrede

Die Geschichte, von der hier die Rede ist, trug sich zu im Jahre des Herrn 1398. Sie geschah in einer Stadt, die den vielen anderen ähnlich war, die zu dieser Zeit fernab der großen Zentren existierten. Die Stadt, in der sich die folgende Geschichte zutrug, hatte eine Kirche, die schön war, aber nicht allzu gediegen. Sie hatte ein großes stolzes Magistratsgebäude, das wie die Kirche am Marktplatz lag und diese – wenn nicht in der Höhe – so doch in der Breite und Tiefe bei weitem übertrumpfte. Die Stadt hatte hohe, feste Mauern, die den Bewohnern Schutz gewährten, und sie hatte große und kleine Häuser sowie Straßen, auf denen selbst nach Sonnenuntergang noch ein reges Treiben herrschte.

   Die Stadt glich also den anderen Städten zu dieser Zeit nördlich des weiten Landes, und doch hatte sie etwas Besonderes, das nirgendwo anders zu finden war. Über der Stadt lag nämlich tagaus tagein ein feiner Duft, den die Einheimischen nicht mehr rochen, viele der Reisenden, die in der Stadt weilten, jedoch sofort bemerkten.

Wer neu war in dieser Stadt, fragte nach dem Grund für diesen Geruch, der manchmal dem des Lavendels, manchmal dem des Jasmins, manchmal aber auch nur dem des Pfeffers glich. Aber nur, wer der Sache wirklich auf den Grund ging und nach der Quelle dieses Duftes suchte, stand alsbald vor dem Kontor des allseits geachteten Hans van Bucken, der der reichste und der mächtigste Mann dieser Stadt war. Sein Metier war seit langem der Handel mit Ölen, Gewürzen, Kräutern und seltenen Wassern, und deshalb roch es auch so fein in dieser Stadt, die fast – aufgrund seines immensen Reichtums – Buckens Eigen war.

   Die Nächte waren dunkel zu dieser Zeit und die Herbststürme waren rau. Im Sommer rückten die Mücken an, besonders dann, wenn der Wind aus dem Norden kam. Er blies dann über See und Sumpf und fegte in ungeheuren Mengen das Kleintier heran.

Es gab nicht viel zu dieser Zeit und das Leben war einfach und ziemlich stumpf. Dennoch war es eine zufriedene und glückliche Zeit im Jahre des Herrn 1398, Die Menschen nahmen die Mühen der Arbeit hin, und sie scheuten den Zank und die Zwietracht. Niemand rechnete damit, dass das, was kommen sollte, wirklich geschah. Denn noch war die Zuversicht groß und der Glaube der Menschen war fest.

   Einer von ihnen war Bertram, Maler und Meister seiner Zunft. Die Einwohner der Stadt schätzten seine Kunst, und seine Stellung in der Stadt war deshalb stark.

 Es mochten nun vielleicht dreißig oder fünfunddreißig Jahre her sein, dass Bertram in diese Stadt gekommen war. Er hatte zuvor alles gelernt, was wichtig schien und hatte alles gesehen, was nötig war. Hier in dieser Stadt fand er nach seinen Wanderjahren eine Heimat. Er ließ sich nieder, er blieb und kaufte sich ein Haus.

   Bertram lebte in Zufriedenheit in dieser Stadt, denn er glaubte an das, was er tat, und er mochte die Menschen dafür, dass man ihn ließ. Nur zwei drei Jahre hatte er mit den Schreiern auf dem Markt mitgefeilscht. Dann kamen Magistrat und Kirche auf ihn zu und kauften seine Bilder.

 Es vergingen die Jahre und Wohlstand, Zufriedenheit und persönliches Glück stellten sich ein. Nichts lag Meister Bertram ferner, als sich das große Ungemach zu wünschen, das im Frühjahr des Jahres 1398 urplötzlich begann.

I. Der Raub des Schatzes 1-18

1

Der Himmel hatte sich geöffnet, und es goss in Strömen. Der Regen prasselte auf die große Eiche, die in seinem Garten stand, und klatschte dann laut an das Fenster seiner Werkstatt, in der er saß. An einer kleinen Stelle des Fensters, das hier gebrochen war, drang Wasser in das Innere hinein. Von der Wand quoll ein kleiner Strahl herunter auf den Boden, und dort an dem Tisch, an dem Meister Bertram saß, sammelte sich das Wasser zu einer kleinen Lache.

   Doch all das störte den Meister nicht.

Es war wieder mal so ein Tag, an dem er nichts hörte, nichts spürte, nichts sah und nichts roch. Wie besessen saß er vor einem Bild, das sich Pinselstrich für Pinselstrich zum Ganzen fügte. Es war – wie er meinte - der Vollkommenheit so nahe, dass es nur noch einer Kleinigkeit bedurfte, es zu vollenden.

   An Tagen wie diesen herrschte eine angespannte Ruhe in seinem Haus. Niemand durfte sich ihm nähern. Auch durfte man nicht reden, denn ein unbedachter Satz konnte stören. Die Gehilfen, die ihm zu anderen Tagen an die Hand gingen, hatten draußen zu bleiben. Sie hatten das Holz einzuschlagen oder sich mit anderen Dingen die Zeit zu vertreiben. Selbst Eva, Bertrams Frau, die eigentlich Grete hieß, von Bertram aber nur Eva genannt und gerufen wurde, war zum Schweigen – ja zum Verschwinden - verurteilt. Sie tat deshalb das, was sie immer zu dieser Jahreszeit zu tun pflegte. Sie wienerte und schruppte das Haus, polierte das Geschirr und ordnete das Nähzeug, mit dem sie den vergangenen Winter über allerlei Nützliches getrieben hatte.

   Es war der erste Frühlingstag in diesem Jahr und das Unwetter, das zu dieser Zeit niederging, täuschte niemanden darüber hinweg, dass eine bessere Zeit nun bevorstand und direkt zum Greifen war.

   Bertram war derweil wie verschollen. Die Tür zu seiner Werkstatt war fest verriegelt, und ein Schild hing am Knauf seiner Tür, das für jeden, der vorbeikam, einen unübersehbaren Hinweis enthielt: „Ruhe bitte“ stand darauf geschrieben. „Ich arbeite!“

   Bedächtig lehnte sich der Meister in seinem Lehnstuhl zurück, der in der Mitte seiner großen Werkstatt stand. Er untersuchte nun sehr sorgfältig das Bild, an dem er bis vor kurzem gearbeitet hatte. Überall lagen Pinsel herum und kleine Farbtöpfe klebten mit ihrer ausgelaufenen Farbe an der Kommode fest. Das Lösungsmittel, das er von Zeit zu Zeit auf die Farben goss, durchtränkte, weil es verdunstete, den Raum,  und eine dicke Träne stand Bertram im Gesicht. Das Fenster war aufgrund des Regens seit dem Morgen verschlossen geblieben. Dies war der Grund für die erlebte Qual.

  Die mittelgroße Figur des Engels, der an einer kleiner Brüstung lehnte, schien ihm besonders gut gelungen. Er hatte etwas von den Lausbuben, die in den Sommertagen des letzten Jahres um sein Haus herumgestrichen waren. Gleichzeitig lag in der Figur des Engels mit seinen weit auseinanderragenden Flügeln   etwas Himmlisches, was er noch nie in dieser Art gesehen hatte.

Meister Bertram überlegte eine Weile. Er ging auf und ab in seiner Werkstadt und fasste sich bedächtig an das Kinn: Jetzt sah  er einen neuen Gesichtspunkt. Ja, dieser Engel, den er soeben malte,  schien einem steinernen Engeln an einem Gesimsfries der Stadtkirche nicht unähnlich. Er war der Hand eines erfahrenen Meisters vor unzähligen Jahren entsprungen.

 Doch Bertrams Engel, an dem er seit dem Morgengrauen gearbeitet hatte, war irgendwie reifer, gediegener, einfach schöner.

   Wieder musterte Bertram jeden einzelnen Farbtupfer auf dem Bild, und er wurde sich nach und nach immer sicherer, dass sein Augenlicht ihn nicht trog. Nun hatte er es also wieder einmal geschafft. Ein Meisterwerk deutete sich an. Er fühlte nun das innere Verlangen, die letzten freien Stellen auszumalen, bevor es zu dunkel wurde, und die Arbeit damit unmöglich war.

   Schon nahm die einsetzende Dunkelheit diesem trüben Frühlingstag die letzte Frische. Ein dunkles nebeliges Licht erfüllte nun den Raum.

Bertram zündete einige Kerzen an und dann die große Öllampe, die er mit einem langen Stock an den Haken an der Decke hing. Nun schimmerte sein Bild in gelblich, rußigen Farben und der Goldgrund des Bildes verlor sich nun ganz im rauchigen Licht.

 Bertram rieb sich die müden Augen um mit seiner verbliebenen Kraft wieder an die Arbeit zu gehen. Schnell füllten sich die letzten freien Flächen und das Bild schien nun vollendet zu sein.

 Eine ganze Zeit saß der Meister da, und er betrachtete das Bild. Dann lachte er innerlich, denn er wusste, dass etwas Großes, ja Unnachahmliches entstanden war.

   Die letzte Kerze war nun nahezu verloschen, und ein süßer Duft von öligem Kerzenwachs durchströmte den Raum.

   Dieser kleine Engel, den er mit den letzten Sonnenstrahlen beendet hatte, gefiel ihm sehr. Er brachte etwas Neues in sein Werk hinein, das seine alten Bilder noch nicht kannten.

 Die gekräuselten Haare des Engels schimmerten wie verwobenes Gold.

   Wieder rieb sich Bertram die müden Augen, und er schaute noch einmal genauer hin. Nie hatte er ein Bild so nah an der Wirklichkeit gemalt, dass es ihm fast lebendig schien. Und schon vernahm er an diesem zur Nacht gewordenen ersten Frühlingstag die leisen Töne einer wohlklingenden Musik.

War es nur Einbildung oder war es Zauber, der den Raum erfüllte? Nein – Bertram wurde sich nun sicher: Sphärische Musik erfüllte den Raum. Der Abglanz des Himmels auf Erden war nun da und nichts war strahlender, unverfälschter, und herrlicher als die Trompetenstöße, die er vernahm.

2

Drei Mal war Bertram in der Nacht aufgewacht, und er hatte sich schweißgebadet in seinem Bett hin und her gewälzt. Erst schien es, alles sei nur ein Traum. Dann schien es, es sei eine Realität, der Engel könnte entflogen sein.

    War es Traum, war es Wirklichkeit, war es Vision? Bertram wurde sich zunächst nicht sicher, und aufgeregt stand er beim dritten Mal, als ihn der Schlaf verließ, aufrecht im Bett.

   Die Geschichten der Alten plagten ihn, von denen er in Büchern gelesen hatte. Manche alte Meister sprachen davon: Man erzählte von den geheimnisvollen Reitern, die lange vor seiner Zeit gemalt worden waren. Man erzählte von einem der prächtigsten Bilder, das jemals einer Malerhand entflossen war: voller Anmut, voller Würde, voller Stolz.

Es hieß, dass die Menschen wie versteinert waren, wenn sie vor das Bild getreten waren. Das Bild besaß über eine Kraft, die unheimlich war.

  Eines Tages, so hieß es, waren die Reiter verschwunden. Das Bild existierte zwar; aber die Reiter waren weg. Manche schworen, sie hätten sie heraus reiten sehen, andere meinten, der Hintergrund des Bildes habe sie verschluckt.

   Konnte das, was man von den Reitern sagte, auch mit einem Engel geschehen?

Es war ein Engel, der beinahe vollkommen wirklich war. Das war Bertram klar. Und er wusste, wenn es sie wirklich gäbe, so war der, den er gemalt hatte, einer von ihnen.

   Als er in der Nacht das vierte Mal aufwachte, geplagt von Träumen und in Schweiß gebadet, beschloss er aufzustehen, um nachzusehen.

Doch nichts war geschehen. Der Engel war noch da. Der Traum  war wohl nur ein Spuk gewesen und die Vision hatte sich als falsch herausgestellt.

Erleichtert nickte Bertram wieder ein, nachdem er zu Bett gegangen war. Doch der Schlaf, der kam, war ein oberflächlicher Schlaf, der ihm keine Erholung gab.

   „Du und Deine Bilder“ sagte Grete  am nächsten Morgen vorwurfsvoll.

3

Bertram nahm das Stück Papier entgegen, das ihm ein Bote frühmorgens brachte.

Das Papier fühlte sich weich an. Es war viel weicher als sonst. Es war ein Stück bester Qualität, so wie es nur von Schreibern des Magistrats oder in Buckens Kontor Verwendung fand.

  Früher, ja früher hatte es nur das Pergament gegeben. Oft zottelig und auch verschmiert. Bertram hatte Unmengen davon. Nun aber gab es das Papier.

   Bertram betrachtete diesen Brief sehr sorgfältig, der nun ungeöffnet vor ihm lag. Jeder Absender führte ein Siegel, und dieser Brief, den er soeben erhalten hatte, stammte zweifelsohne vom Magistrat.

   Bertram öffnete das Papier und las:

„Hochgeehrter Maler und Meister!“

Eine Delegation der Stadt, der nur die höchsten Ämter angehören werden, möchte Dich an dem Orte Deines Wirkens an diesem Nachmittage besuchen, da etwas Außergewöhnliches passiert ist, und Dein Rat und Dein Wissen gefragt sind.

   Die Delegation wird Dich nicht weiter belästigen, sondern Dich nur in dieser wichtigsten Angelegenheit konsultieren.

   Schon jetzt rechnet die Delegation mit Deiner Gastfreundschaft, und dass Du Stillschweigen darüber hältst, was besprochen und entschieden wird.

In froher Erwartung Dich wieder zu sehen:

Der borgermester ….  Hans van Bucken

Bertram legte den Brief zur Seite. Bucken hatte also selbst danebst unterschrieben. Damit war es amtlich. Stand nur die Unterschrift des borgermesters darunter blieb alles fraglich. Aber mit Buckens Unterschrift …

   Was war bloß der Anlass für diesen Brief?

„Wir werden uns auf häufigen Besuch durch die Herren des ehrwürdigen Rates einstellen müssen“, sagte sein Schwager Henneken Westersteden zu ihm, als er gegen Mittagszeit zu Bertram kam.

   Henneken wusste gewöhnlich als erster was in Rat und Stadt geschah, aber dieses Mal schwieg er über das, was ihm zu Ohren gekommen war.

   „Die Wahrheit ist wie eine Blume“, sagte er nur, „sie blüht auf zur vollen Pracht, und sie vergeht so schnell wie sie gekommen ist. Die Wahrheit ist auch wie eine Rose. Sie ist voller Dornen, an denen man sich stechen kann. Und dieses Mal sitzt der Dorn der Wahrheit wirklich tief. Du musst aufpassen, lieber Bertram, wirklich aufpassen. Sei auf der Hut und höre auf meinen Rat.“

   Bertram nickte, doch er wusste nicht, warum er dies tat. Henneken sprach in Rätseln, und er rückte nur scheibchenweise etwas heraus. Das, was er sagte, klang wie immer klug und weise, doch es half Bertram nicht. Vielleicht wusste der Schwager selbst nicht genügend Bescheid. Aber er verstand gewöhnlich viel von dem, was in dieser Stadt geschah.

4

Für den Nachmittag hatte sich also diese Delegation  angekündigt, die durch Bucken selbst angeführt werden würde.

   Der Besuch von hohen Herren war an sich nichts Ungewöhnliches in Bertrams Leben. Oft kamen sie, um sein Gespräch zu suchen. Oft kamen Sie, um sein Urteil zu hören, denn sein Rat war gefragt und sein Werk wurde geschätzt.

   Dieses Mal musste der Besuch jedoch seine besondere Bewandtnis haben, denn alle Anzeichen deuteten darauf hin.

Hatte es wirklich Streit gegeben im Magistrat, wie es durch die Worte seines Schwagers durchklang? Sollte es so sein, wie er sagte, dass gute Freunde sich verleugneten und sich nicht mehr vertrugen?

   Was vorgefallen war, musste alles, was bisher Geschehen war in dieser Stadt, vergessen machen. Gefahr stand in Verzug. Das war nun klar.

  Es war nun später Nachmittag, als die Glocke ertönte und Bertrams Neugierde endlich einer freudigen Erwartung wich.

Fünf Männer – sie waren, wie es sich geziemte,  im vornehmen Tuch gekleidet – standen vor der Tür und warteten ungeduldig auf Einlass. Immer noch war es kalt, und der Himmel war wolkenverhangen.

. Neben dem borgermester, einer gesichtsgrauen und verhärmten Gestalt, und dem wie immer mit ausladenden Schritten auftretenden Hans von Bucken, kamen noch der Vorsteher der Pfarrei, der Stadtphysikus, sowie der junge Volquin, der ein Neffe und Zögling Buckens war.

Bertram kannte sie alle. Es waren gute, ja nächste Freunde.

.

   „Sei gegrüßt, lieber Bertram, teurer Freund“, sagte Bucken, der mit großartigem Getue, das jede seiner Bewegungen begleitete, Bertram die Hand reichte. Der Bürgermeister, den niemand beim Namen rief, weil er nur der dritte Kontorist bei Bucken war, trottete schwerfällig hinterher. Zum Zeichen seiner Würde trug er jedoch  seine schwere Amtskette, was selten war, denn zumeist war es Bucken, der die Geschicke in den Händen hielt. Schwer baumelte dem borgermester die Amtskette um den Hals, und Bertram nahm sofort wahr, dass sie zu groß für ihn war. Sie hinderte  nun an dem, was für ihn zunächst das Wichtigste war, nämlich dem Schnäuzen seiner Nase.

Dann - sehr umständlich - begann auch er zu reden:

„Bertram“, begann der borgermester, “ treuer Freund, Meister, Maler, Bürger. Es herrscht Unruhe im Magistrat. Deshalb sind wir heute bei Dir, weil wir hoffen, dass Du uns helfen kannst. Es ist etwas Unvorstellbares geschehen, und noch wissen erst wenige davon. Die Lage ist so verzwickt, dass das Schlimmste zu befürchten steht. Ordnung und Recht sind in Gefahr. Die ersten Bürgertugenden sind gefragt. Deshalb sind wir heute da.“

        Neugierig blickte Bertram den Fünfen ins Gesicht, und er prüfte mehr als einmal jeden Wimpernschlag. Doch die Gesichter verrieten ihm nichts. Sie blieben zunächst stumm. Der borgermester, von dem man sagte, dass er zu schweigen hatte, wenn Bucken das Wort ergriff, drückte sich verlegen in seinem Stuhl.

„Bertram, die Angelegenheit ist wirklich ernst“, fing Bucken nun in seiner gewohnt lauten Manier an. Jeder Ton, den er sprach, führte zu einem Nachhall in seinem breiten Doppelkinn, und jeder Satz, den er beendete, ließ jedes Gramm seines dicken Leibes leicht erschüttern. „Es steht das Schlimmste zu befürchten, das für gottesfürchtige Menschen zu befürchten steht“, fuhr Bucken fort. „Von nun an wird es niemanden in der Stadt geben, der diesen Tag nicht vergisst, denn wir rechnen damit, dass die Nachricht bereits im Umlauf ist, und bald alle davon wissen.“

 Die anderen vier erstarrten, als Bucken ansetzte fortzufahren.

   „Bertram“, fuhr er fort, “ wir sind hier, weil wir Deinen Rat und Deine Freundschaft brauchen. Es ist eingebrochen worden. Stell Dir vor: Windige Diebe haben unseren Kirchschatz gestohlen. Er ist nicht mehr da; er ist einfach weg. Er ist spurlos verschwunden. Der Diebstahl ereignete sich vor einer Woche. Niemandem fiel es zunächst auf, weil der Schatz, wie Du weißt, gut versteckt ist. Erst als unserem würdigem Pfarrer die Glasscherben auffielen, die an einem Ort, wo der Einbruch günstig war, am Boden lagen, und ein großes Loch das Fenster zierte, da, fiel es ihm auf, und er schöpfte Verdacht. Als er dort nachsah, wo unser Schatz seit Generationen ruht, war der Platz leer. Diebe müssen gekommen sein und ihn mitgenommen haben.“

   Bucken machte eine Pause und er atmete mehrmals schwer durch. Dann begann er wieder in seinem gewohnt tiefen und lauten Ton.

   „Doch das ist noch nicht alles. Natürlich wurde der Rat von unserem verdienten Herrn Pfarrer umgehend informiert. Doch anstatt den Schuldigen zu suchen kam es zum Tumult. Unserem verehrten borgermester wurden die heftigsten Vorwürfe gemacht. Als könnte er etwas dafür, dass der Schatz nun in anderen Händen ist.“

   Bucken hielt für eine Weile inne, denn der Bürgermeister musste sich schnäuzen. Wie ein Häuflein Elend saß er in seinem Stuhl und sagte – ganz einfach - nichts.

   Das Ereignis, zu dem es gekommen war, war tatsächlich ungeheuerlich. Niemals zuvor war etwas ähnlich Dreistes geschehen.

 Bertram erkannte nun auch, warum man ausgerechnet zu ihm gekommen war. Denn das Maleramt versah auch andere Dienste, die dem Pinsel entbehrten.  - Als erster Maler dieser Stadt kannte er den Schatz, und er wusste um ihn Bescheid. Oft war er mit dem Pfarrer in der Schatzkammer gewesen, und zum Teil hatte er die Stücke auch gemalt. Vielleicht war er selbst es gewesen, der am stärksten mit dem Schatz verbunden war.

   Da der borgermester immer noch völlig wortlos dasaß und keine Gelegenheit zur Rede ergriff – es dröhnte nur das laute Posaunen des Schnäuzens der Nase durch den Raum - ergriff nun Bertram die Gelegenheit zur Rede.

   „Der Raub des Kirchschatzes ist tatsächlich ungeheuerlich. Der Raub ist ein herber Verlust“, sagte er. „ Niemand hat in den vergangenen zweihundert Jahren sich auch nur erdreistet, ein Stück davon zu nehmen. Den Kirchschatz in der Hand eines dreisten Strolches zu wissen, …. Das ist ein tiefer Schock. Wir müssen uns dagegen zur Wehr setzen – komme, was wolle. Dies ist unsere Pflicht.“

  Bucken nickte als Erster. Dann stimmten die anderen in seinen Beifall ein. Ein Raunen ging durch die Runde, und Bertram wusste, dass er wohl und klug geredet hatte.

   „Der Diebstahl muss als ein Angriff auf unsere heiligsten Werte begriffen werden“, begann nun der Pfarrer. „Wir dürfen es nicht dulden, dass mit unserer Stadt ein derartiges Schindluder getrieben wird, und die Bürger ihren Respekt vor Rat und Kirche verlieren. Wir müssen den Dieb fangen und bestrafen, denn die guten Sitten und die Moral sind in Gefahr. Und auch der gute Ruf unserer Stadt, denn wie stehen wir nun vor unseren Kindern da?“

   Alle klopften sich nun auf die Schenkel und pflichteten dem Pfarrer bei. Etwas zufriedener sah nun auch der borgermester aus. Doch war dieser Mann aus einem zu leichten Holz geschnitzt, Ihm war nur die Kraft eines Dieners beschieden; dies wussten alle; und man hatte sich daran gewöhnt. Nur schämte man sich, dass auch die Kinder auf der Straße ihn hänselten und ihn mit vorgetäuschter Artigkeit  mit „Herr Bucken“ grüßten.

 In einer Situation wie der jetzigen war der borgermester fürwahr ein schweres Los.

„Bertram, ich freue mich, dass Du ähnlich denkst wie wir“, sagte Bucken. “Der Raub des Kirchschatzes ist ein Streich, wie ihn unsere Stadt noch nie erlebt hat. Es mag sein, dass aus dem Gerede, das nun entsteht, und unter dem unser verehrter borgermester wie kein zweiter zu leiden hat, ein schwerer Nachteil  entstehen wird. Die öffentliche Ordnung ist in Gefahr, denn niemand weiß, was noch alles kommen wird. – Du, lieber Bertram, bist ein wahrer Freund der Stadt, und die Bürger sind Dir gewogen. Deshalb möchte ich Dich im Namen des Rates, in meinem Namen und auch im Namen des verehrten borgermesters fragen: Würdest Du uns in unseren weiteren Schritten beraten? - Du kennst den Schatz wie kein Zweiter und auf Dein Urteil wird gehört. Außerdem bist Du klug, agierst gescheit und hast Ansehen bei allen wichtigen Leuten. Ich und unser borgermester können uns keinen Besseren vorstellen, der uns bei unseren Untersuchungen hilft. Also frage ich Dich noch einmal: Willst Du uns bei der Aufklärung dieses Falles behilflich sein?“

   Bertram nickte. Er willigte also ein.

„Aber natürlich Hans van Bucken, teurer Freund. Das Wohl der Stadt ist auch mein Wohl, und deshalb will ich der Stadt auch helfen. Der Schatz  ist ein Teil von mir und meiner Kunst. Deshalb will ich tun, was mir möglich ist und dem Rat bei seinen Untersuchungen behilflich sein.“

   Zufriedenheit herrschte nun im Raum und ein heftiges Palaver ging umher. Man verabredete sich für den nächsten Tag, um das eine oder andere zu tun. Dann ging man auseinander, denn es war spät geworden, und der Tag ging zur Neige.

5

Kurz nach Sonnenaufgang ging Bertram vom Gänsemarkt, an dem er wohnte, den kurzen Weg über die Körnergasse zum Marktplatz, an dem die Kirche lag. Noch war der Frühling zu jung, um mit den wärmenden Strahlen der aufgehenden Sonne den Tau vom Straßenpflaster zu fegen. Aber das Licht war klar, die Luft war frisch, und in den kleinen Pfützen brach sich das frische Grün der Bäume.

   Man hatte ihn zu dieser unseligen Zeit zur Kirche bestellt, denn man wollte jegliches Aufsehen vermeiden. Somit war er mit Abraham Terborch, dem Pfarrer allein, der an der Kirchtür auf ihn wartete.

„Du kennst den Weg zur Schatzkammer?“ fragte der Pfarrer.

„Ich bin ihn oft gegangen“, antwortete Bertram.

Gemeinsam schritten sie das lange Kirchschiff hindurch, um schließlich zu einer kleinen Treppe zu gelangen, die zur Schatzkammer führte.

Der Pfarrer hielt inne.

„Lass uns zuerst zu dem Fenster gehen, durch das der Dieb stieg“, sagte er, und Bertram pflichtete ihm bei.

Die Kirche war das älteste und ehrwürdigste Gebäude der Stadt, das in den Jahrhunderten seiner Existenz mehrfach umgebaut und erweitert worden war.

Ein Gewirr von Gängen lag vor den beiden, durch die sie gemessenen Schrittes gingen. Schließlich erreichten sie die Stelle, wo der Einbrecher eingedrungen war. - Zerborstene Glassplitter lagen auf dem Boden, und sie knirschten unter den Schritten der Männer. Niemand hatte sich bisher darum bemüht, das zerbrochene Glas zusammenzukehren, und auch der Pfarrer kümmerte sich wenig darum.

„Hier durch dieses Fenster ist er gekommen, der dreiste Strolch. Die schöne Bleiverglasung des Fensters ist vollkommen dahin.“

Bertram konnte den Schmerz verstehen, denn das Glas war wirklich kostbar gewesen. Seit ewigen Zeiten  hatte es Bestand gehabt, und es mussten große Meister gewesen sein, die sich auf eine solche Kunst verstanden.

„Zu hoffen ist, dass Bucken sich dieses Schadens annimmt.“

„Ja, ja“, Bertram pflichtete ihm bei.

   Der Pfarrer lugte durch das große Loch und zeigte dann mit dem Finger auf das gegenüberliegende Gebäude. Früher war es einst Kirchbesitz gewesen. Nun war es im Besitz des Stifts.

„Unser Herr Nachbar hat die Läden dicht gemacht. Er tut dies immer, wenn er mich sieht“, grollte der Pfarrer. Bertram verstand die Anspielung auf Cord Lomprecht, dem Vorsteher des Stifts, sofort.

 „Doch selbst ihm ist ein solch dreister Diebstahl nicht zuzutrauen.“ Der Pfarrer vollzog eine Miene der Verachtung. Dann beruhigte er sich wieder.

Abraham Terborch und Cord Lomprecht konnten sich nicht leiden. Die Geschichte war alt; jeder wusste darum, und auch Bertram war an die dauernden Nörgeleien des Pfarrers  gewöhnt.

„Du meinst, er hat die Läden heute Morgen extra für uns dicht gemacht, weil er wusste, dass wir hier stehen?“ Bertram stellte diese Frage aus Höflichkeit, denn so brachte man Terborch in sein Temperament.

„Du unterschätzt seine Fähigkeiten“, sagte der Pfarrer, der dieses Mal Bertrams Anspielung verstand. “Lomprecht sieht den Wurm aus der Erde kriechen. Er hört das Laub von den Bäumen fallen – selbst in der Nacht – und er riecht unter den Gerüchen, die von Buckens Gewürzladen ausgehen, noch den Kuhdung heraus, den man an die Pflanzen tat. Sicher weiß er schon Bescheid über alles, was passiert ist. Er hat viele Ohren, die auf  viele Stimmen hören, die ihn mit Nachrichten versorgen. Wahrscheinlich plant er schon, wie er uns schlagen kann.“

Bertram nickte verlegen, denn er wusste, dass an dieser Feindschaft nichts mehr zu ändern war.

Die Geschichte hatte damals angefangen, als er seinen ersten großen Auftrag von der Stadt bekam. Vielleicht fünfzehn Jahre war dies nun her.  Das Bild, das er für die Kirche malte, war schön und groß, und Terborch mochte es sofort, und wollte es haben. Der Pfarrer war jedoch bei seiner Auslegung der Bilder so sehr mit Lomprecht aneinander geraten, dass das Gespräch der beiden für ewig endete. Bucken hatte sich damals nicht anders helfen können, als einen zweiten Altar bei Bertram zu bestellen, der dann auf der gegenüberliegenden Seite des ersten Altars stand. An ihm betete fortan Lomprecht.

Mit der Zeit hatte sich jedoch gezeigt, dass die Bürger der Stadt mehr den Terborch-Altar liebten. Der Lomprecht-Altar blieb dagegen verwaist. So war Terborch Vorsteher der Pfarrei geworden, und Lomprecht war leer ausgegangen.

Später – als man sich wieder nicht anders zu helfen wusste – war er auf den Posten des Priors des Stifts abgeschoben worden. Hier sortierte er alte Pergamente, und was er sonst tat, wusste man nicht so genau. Niemand sah ihn in den nächsten Jahren in den Straßen der Stadt.

Diese Geschichte war alt, und trotzdem war sie stets präsent. Man wusste, dass Lomprecht es noch einmal wissen wollte. Zumindest Terborch war ständig auf der Hut vor ihm.

„Wir müssen Obacht geben, dass uns Lomprecht  nicht in die Quere kommt“, sagte Terborch und Bertram pflichtete ihm kleinlaut bei.

6

Man ging die labyrinthartigen Gänge zurück zur Kirche, bis man wieder vor jener kleinen Treppe stand, die herunter zur Schatzkammer ging.

„Man hat sie einfach mit einem Eisen aufgestemmt“, sagte der Pfarrer, nachdem sich beide die enge Treppe herunter gezwängt hatten und nun vor einer schweren Eichentür standen.

 „Schau her Bertram, hier an dieser Stelle der Tür sind noch Rostspuren des Eisens zu sehen.“

Bertram besah die Stelle, auf die der Pfarrer zeigte. Und tatsächlich: Rostiges Metall war zu sehen, das am Holz der Tür noch klebte. Darunter lagen Reste zersplitterten Holzes am Boden.

„Der Mann muss bärenstark gewesen sein. Nur ein Mann mit Bärenkräften vermag eine solch schwere Tür zu zerstören.“

Bertram nickte: “Dies kann ein erster Hinweis darauf sein, in welche Richtung wir unsere Untersuchungen lenken müssen. Der Mann muss stark, gewalttätig und ohne jeglichen Respekt vor der Institution der Kirche sein.“

Man stand nun in der Schatzkammer, die leer war. Nur noch ein kleines Goldstück lag einsam am Boden. Der Pfarrer nahm es, er rieb den Dreck an seiner Hose ab, und steckte es in die kleine Seitentasche seiner Weste.

„Man hätte früher mehr für den Schatz tun sollen“, sagte Bertram, „ein sicheres Versteck, eine stärkere Tür...“

„Auch das hätte den Einbruch nicht verhindert“, fiel ihm der Pfarrer ins Wort. „Niemand hat jemals versucht hier einzubrechen. Es muss der Teufel gewesen sein, der hier am Werke war.“

Man hatte genug gesehen, und beide gingen die Treppe zur Kirche wieder hoch. Viel hatte der Ausflug in die Katakomben nicht gebracht. Doch Bertram hatte sich überzeugt. Der Schatz war nicht mehr da.

„Wir müssen bei der Untersuchung des Falles sehr vorsichtig sein“, sagte Bertram. „Wer weiß, mit wem dieser Dieb noch im Bunde steht. Niemand darf wissen, was genau geschehen ist, und diejenigen, die es wissen müssen schweigen.“

„Die ganze Stadt redet schon davon“ sagte der Pfarrer. “Der Bürgermeister ist zu schwach und ein unbedachtes Wort durch ihn kann das Verderben aller sein. Für Ruhe und Ordnung kann nur Bucken sorgen, doch der hat bekanntlich viel zu tun.“ „Ich sage Dir eins, Bertram“, fuhr der Pfarrer fort.“ Der Dieb muss aus unserer Mitte kommen. Niemand sonst  kann es gewesen sein. Wer weiß schon genau, wo unser Schatz versteckt ist? Nicht viele wissen davon.“

Bertram sagte nichts. Noch war es zu früh, darüber zu spekulieren.

7

Es vergingen einige Tage, ohne dass irgendetwas geschah. Das Warten darauf, dass etwas geschah, war anstrengend und mindestens so herausfordernd wie das, was bisher geschehen war.

So saß Bertram an einem der nächsten Tage in seiner Werkstadt bei der Arbeit. Das Stundenglas zeigte schon die Mittagszeit an. Doch es mochte Bertram nicht so recht aus dem Pinsel fließen. Dem Bild fehlte der rechte Aufbau, den Figuren fehlte der Glanz und der Hintergrund wirkte stumpf. Die Farbe klebte regelrecht am Pinsel, und nachdem er sie aufgetragen hatte, schien es, als zerflösse alles zu einem dumpfen Brei.

   Bertram konnte einfach nicht arbeiten. Zu sehr war er noch mit dem beschäftigt, was Pfarrer Terborch zu ihm gesagt hatte. Sollte es wirklich so sein, dass der Dieb aus einer der ersten Familie stammte? Sicherlich – ein armer Hühnerdieb wäre nicht in der Lage gewesen, eine derart tolldreiste Tat zu begehen. Aber wer war es dann?

   Bertram gingen einige Namen durch den Kopf, doch er verwarf sie wieder, nachdem er an sie gedacht hatte. Vielleicht würde sich die Sache alsbald erledigen, wenn ein reumütiger Sünder käme und gestände. `Die schnelle Rückgabe des Schatzes wäre das Beste`, dachte Bertram, denn nur so ließe sich das Gewesene schnell vergessen.

   Es klopfte an der Tür und sein Gehilfe trat ein.

„Hast Du das Bild ausgeliefert, wie ich Dir gesagt habe?“

„Ich habe getan, was Du gesagt hast und das Bild der betreffenden Person gebracht.“

„Und?“ hakte Bertram nach.

„Ich habe das Geld deiner Frau  Grete gegeben, wie immer“ antwortete Johann gewissenhaft.

„Gut so“, sagte Bertram.

Johann war ein einfältiger Mensch und von etwas grober Natur. Für das Malen war er nicht zu gebrauchen, aber er war für andere Dinge gut. Ein entfernter Verwandter seiner Frau hatte ihn damals bestens empfohlen und bei ihm in die Lehre gegeben. Feingefühl und Sinn für Schönheit waren ihm jedoch vollkommen fremd. Bertram beschäftigte ihn mit Botengängen und ließ ihn das Holz hacken. Auch waren die Pinsel gut, die er machte, und er rührte die Farben an.

   Sein zweiter Geselle dagegen war von vollkommen anderer Natur. Hendriks Hand war geschmeidig und sein Mund war flink. Er hatte eines Tages vor Bertrams Tür gestanden, und niemand wusste, woher er kam. “Ich bin gekommen, um die Meisterschaft des Malens zu erlernen, hatte er gesagt, und er hatte diesen Satz beständig mehrere Male wiederholt. Bertram hatte ihn schließlich genommen, und seine Wahl war gut gewesen.

Vier Jahre waren das nun her, und alle mochten den jungen Mann gut leiden. Selbst seine Manieren waren in Ordnung, und man konnte ihm vertrauen.

   Stellte man ihm Fragen nach seiner Herkunft, so wich Hendrik aus. Er mochte diese Frage nicht, und schlich sich von dannen, wenn sie kam.

„Vermutlich war er bei den Nonnen gewesen“, hatte Bertram sich gesagt, denn aus Berengar Gottwohls Armenhaus kam er sicherlich nicht. Schließlich wurde es ihm egal, wer Hendrik wirklich war. Denn Fälle wie ihn gab es in jenen Jahren zu Hauf.

„Johann, habe ich Dir jemals etwas von der älteren Kunst erzählt?“ fragte Bertram. Johann verneinte. Es kam häufiger vor, dass Bertram auf diese Weise Selbstgespräche führte, denn richtig reden konnte man mit Johann nicht.

„Die Kunstwerke der Alten sind unser stolzester Besitz. Sie verpflichten uns auf das, was gut ist.“

Johann nickte und drückte sich an der Wand entlang. Sein Gehilfe war ein fleißiger Mensch, der beständig seine Aufgaben erfüllte. Doch zu den Ersten gehörte er sicherlich nicht.

   Die Glocke ertönte: Das Zeichen, dass Besuch gekommen war. Doch es war nur der Bote des Bürgermeisters, der die Nachricht brachte, der Meister möge sofort ins Magistratsgebäude kommen.

„Ich weiß nichts Genaues“, antwortete der Bote, als ihn Bertram fragte, was geschehen sei. „Ich führe nur die Anweisungen von Herrn Bucken aus. Aber beeilen Sie sich, denn der borgermester ist in schlechter Verfassung. Jeden Augenblick kann es wieder zu diesen Koliken kommen, an den der borgermester leidet. Gerade in jüngster Zeit sind die cholerischen Ausbrüche im Rat zur Tagesordnung geworden, denn der borgermester hat viel zu hören bekommen.

Bertram bedankte sich für die Nachricht, und er bot an, sogleich mitzukommen.