Die Safraninsel - Ina-Marie Cassens - E-Book

Die Safraninsel E-Book

Ina-Marie Cassens

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Beschreibung

Eine mutige Frau in den Stürmen ihrer Zeit Ende des 19. Jahrhunderts: Ebenso mutig wie verzweifelt wagt die venezianische Kaufmannstochter Marciella die Reise nach Ostafrika – sie muss ihren Eltern beweisen, dass sie mehr ist als eine Last, die es gewinnbringend zu verheiraten gilt. Aber kann es Marciella wirklich gelingen, im Gewürzparadies Sansibar ein wichtiges Handelsabkommen für die Familie zu schließen? Dort angekommen ist sie zuerst wie verzaubert von dem Duft nach Zimt, Minzöl und Nelken … doch die Schönheit dieser Insel birgt auch Grausamkeit: Das »Sultansgold« der Nelkenplantagen wird durch grausame Sklaverei gewonnen. Als Marciella dem geheimnisvollen Araber Hafis begegnet, einem Vertrauten des Herrschers, fühlt sie sich bald zutiefst zerrissen: Darf sie ihm wirklich glauben, dass er dafür kämpft, auf Sansibar etwas zu verändern … oder will er sie für seinen Herrn in einen goldenen Käfig locken? Inspiriert durch das Schicksal einer realen sansibarischen Prinzessin: Diese bewegende Afrika-Saga ist ein Fest der Sinne! Diese Exotik-Saga von Ina-Marie Cassens erschien bereits unter den Titeln »Die Safranprinzessin« sowie »Die Marchesa von Sansibar« und wird Fans von Tara Haigh und Soraya Lane begeistern!

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Seitenzahl: 773

Veröffentlichungsjahr: 2023

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Über dieses Buch:

Ende des 19. Jahrhunderts: Ebenso mutig wie verzweifelt wagt die venezianische Kaufmannstochter Marciella die Reise nach Ostafrika – sie muss ihren Eltern beweisen, dass sie mehr ist als eine Last, die es gewinnbringend zu verheiraten gilt. Aber kann es Marciella wirklich gelingen, im Gewürzparadies Sansibar ein wichtiges Handelsabkommen für die Familie zu schließen? Dort angekommen ist sie zuerst wie verzaubert von dem Duft nach Zimt, Minzöl und Nelken … doch die Schönheit dieser Insel birgt auch Grausamkeit: Das »Sultansgold« der Nelkenplantagen wird durch grausame Sklaverei gewonnen. Als Marciella dem geheimnisvollen Araber Hafis begegnet, einem Vertrauten des Regenten/Herrschers, fühlt sie sich bald zutiefst zerrissen: Darf sie ihm wirklich glauben, dass er dafür kämpft, auf Sansibar etwas zu verändern … oder will er sie für seinen Herrn in einen goldenen Käfig locken?

Inspiriert durch das Schicksal einer realen sansibarischen Prinzessin: Diese bewegende Afrika-Saga ist ein Fest der Sinne!

Über die Autorin:

Ina-Marie Cassens, Jahrgang 1958, ist eine Romanautorin, die in der Lüneburger Heide lebt und arbeitet. Mit ihren historischen »Heilerinnen«-Romanen knüpft sie an ihr Studium der Mediävistik an; voller Begeisterung schreibt sie über die ersten Medizinerinnen des Abendlandes.

Bei dotbooks veröffentliche Ina-Marie Cassens auch ihre historischen Romane »Die Heilerin von Montpellier« und »Die Heilerin von Salerno«.

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eBook-Neuausgabe Juli 2023

Dieses Buch erschien bereits 2003 unter Andreas Liebert und dem Titel »Die Marchesa von Sansibar« bei Droemer und 2005 unter dem Pseudonym Andrea Olsen und dem Titel »Die Safranprinzessin« im Knaur Taschenbuch.

Copyright © der Originalausgabe 2003 by Droemer Knaur, München

Copyright © der Neuausgabe 2023 dotbooks GmbH, München

Alle Rechte vorbehalten. Das Werk darf – auch teilweise – nur mit Genehmigung des Verlages wiedergegeben werden.

Titelbildgestaltung: Wildes Blut – Atelier für Gestaltung Stephanie Weischer unter Verwendung mehrerer Bildmotive von © shutterstock

eBook-Herstellung: Open Publishing GmbH (rb)

ISBN 978-3-98690-791-4

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In diesem eBook begegnen Sie möglicherweise Begrifflichkeiten, Weltanschauungen und Verhaltensweisen, die wir heute als unzeitgemäß oder diskriminierend verstehen. Bei diesem Roman handelt es sich um ein rein fiktives Werk, das vor dem Hintergrund einer bestimmten Zeit spielt oder geschrieben wurde – und als solches Dokument seiner Zeit von uns ohne nachträgliche Eingriffe neu veröffentlicht wird. Diese Fiktion spiegelt nicht unbedingt die Überzeugungen des Verlags wider.

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Ina-Marie Cassens

Die Safraninsel

Roman

dotbooks.

Ihre Seelen entwickelten sichwie zwei Sträucher, deren Wurzelnaufeinander zukrochen und derenZweige sich immer weiter ineinanderverhakten.

Möge der goldene Strahl des SafransEure Herzen öffnen, auf dass Ihr Euchin seinem Licht neu erkennt undeinander zu lieben lernt.

Kapitel 1

Die Luft über Venedigs Stadtteil Cannaregio begann zu flimmern, als an diesem Vormittag im Juli die Marchesina Merelli ihre Hände im Licht badete. Wie immer bei solchen Temperaturen waren die grünen, kürzlich wieder frisch gestrichenen Fensterläden des väterlichen Palazzos geschlossen – auch wenn seine dicken Mauern im Innern für dämmerige Kühle sorgten.

Wer seine Blicke jedoch über die Fassade gleiten ließ, konnte im zweiten Stockwerk ein dunkles Rechteck erkennen, das sich ungeschützt der Welt zuwandte. Weit geöffnet schmiegten sich hier die Fensterläden an die heiße Mauerwand, was unwillkürlich den Eindruck des Trotzes hervorrief. Und so flutete der Strom glühender Sonnenstrahlen ungehindert in das Zimmer, über die schlanken Zypressen hinweg, deren Spitzen sich sacht im Sommerwind bewegten. Bis an die Hauswand heran hatten sie sich im Laufe der Jahrzehnte ausgedehnt, jetzt standen sie schwarz im Sonnenlicht und hatten Ähnlichkeit mit abgebrannten Fackeln.

Marciella Merelli, die auf einer Polsterbank vor dem offenen Fenster kniete und ins Licht blinzelte, überlegte, ob sie sich wieder ärgern sollte – darüber, dass sie von ihrem Zimmer aus die Flut der ziegelroten Dächer und die Spitze des Campanile von San Marco nicht sehen konnte. Sie wusste, wie kleinlich sie in der Hinsicht war, denn dieser Luxus war ihrer Stiefmutter Angelica im dritten Stockwerk Vorbehalten – aber bislang konnte sie sich einfach nicht damit abfinden, dass ihre Stiefmutter jetzt in den Räumen residierte, in denen ihre Mama vor vier Jahren ihr Leben ausgehustet hatte.

»Ach was! Seele gib Ruh!«, sagte Marciella leise, aber energisch. »Ab heute ist das alles ganz und gar unwichtig geworden.«

Denn so schön der Campanile von dort oben auch aussah, Marciella war sich ziemlich sicher, dass die meisten Äußerlichkeiten für sie an Bedeutung verloren hatten. Nur das, was sie selbst betraf, wurde jetzt wichtig. Lag es an ihrem Alter? Bestimmt. Denn vor kurzem war sie sechzehn geworden. Was allerdings auch nichts besagte, da sie schon lange kein Kind mehr war.

Marciella drehte ihre Hände im Licht, als könne es ihr den Schmutz abwaschen, den sie glaubte, auf der Haut zu fühlen. Das Licht war rein, unschuldig und wärmte liebevoll. Und doch spürte Marciella voller Scham ihre Sünde. Natürlich waren ihre Hände blitzsauber und dufteten sogar nach dem exquisiten Rosenparfüm, das der Marchese, ihr Vater, so gerne an ihr roch. Aber Marciella fühlte sich immer noch schmutzig, und sie war sich in diesem Moment so sicher wie nie zuvor: Sie war schuldig.

Moralisch schuldig.

Seit über drei Jahren hatte sie sich sündhaft benommen. Was ihr natürlich niemand glauben würde. Selbst ihr Vater nicht, obwohl er es gewesen war, der sich an ihr ergötzt hatte ... Nur Gott allein, glaubte Marciella verzweifelt, würde ihren tiefen Kummer wirklich verstehen können. Nur er, Marciellas Augen quollen vor Tränen über, würde ihr verzeihen, sie freisprechen können von der Sünde. Ganz einfach deshalb, weil sie bislang ja ein Kind gewesen war.

Vor vier Jahren, da war sie zwölf gewesen, hatte es begonnen. Jetzt bist du die Marchesa, hatte Papa nach dem Tod ihrer Mutter gesagt. Jetzt, Marciella, bist du die Marchesa Merelli. Benimm dich entsprechend, sei gut und tue, was ich dir sage.

Und weil sie ein gutes Kind war, hatte sie ihm, dem Vater und Marchese, gehorcht. Über drei Jahre lang.

Jedes Mal danach gingen ihr diese Worte durch den Kopf: Sei ein gutes Kind und gehorche mir.

Sie hatte wirklich geglaubt, ihn trösten zu müssen. Wie eine kleine Elfe schmiegte sie sich an ihn, streichelte ihn, küsste sein Gesicht, seine Hände, sein Haar, ja selbst die von der schwarzen Seidenweste umspannte Brust. Sie küsste drauflos, zart und ohne Gedanken, als wäre ihr Vater bloß ein bärtiges Wesen, das aus einem ihrer Märchenbücher gestiegen war. Wie gern mochte er es, wenn sie ihm den Bart kraulte. Oder an seinen Ohrläppchen knabberte.

Warum sollte sie ihm diese Liebesbeweise verweigern, hatte Marciella sich anfangs gefragt. Wo Mama so schrecklich gestorben war! Dass ihr Vater aber kein Märchenwesen sein konnte, hatte sie im Laufe der Zeit dann doch immer deutlicher beobachten können: Sein Geruch, sein Brummen und Stöhnen – dieses Ganze an ihm, dass sich jedes Mal in einer unverkennbar sich steigernden Erregung zeigte, bis hin zum letzten unterdrückten Aufschrei der Erlösung ... All das hatte sie unmenschliche Anstrengung gekostet, es zu verdrängen. Nie und nimmer hatte sie dabei an Sünde gedacht, aber es war eben eine daraus geworden. Und deswegen war sie am letzten Sonntag zur Beichte gegangen.

Gott würde ihr vergeben. Ganz bestimmt. Lebhaft hatte ihr dies Padre Giovanni, der Beichtvater aus Venedigs Tintoretto-Kirche, nach der letzten Messe versichert.

»Hochwürden, wenn ein Kind Böses tut, ist es dann verdammt?«

»Kein Kind tut Böses«, hatte der Padre gebrummt. »Kein Kind.«

»Aber eines, das tötet und Unzucht begeht?«

»Kinder töten nicht. Oder hast du jemanden getötet?«

»Nein.«

»Na siehst du.«

»Und« – der Padre hatte keine Sekunde gezögert, und seine Stimme klang nicht minder gemütvoll wie zuvor – »Unzucht, hast du Unzucht begangen?«

»Erstens weiß ich gar nicht, was das ist, und zweitens bin ich noch ein Kind«, hatte sie so schnell dahergeplappert, als ob ihre Worte plötzlich zu glühenden Kohlestücken geworden waren. Woran Padre Giovanni natürlich sofort bemerkte, dass sie in einem Fall log. Aber er hüstelte nur und knautschte zur Strafe den Klingelbeutel – das Zeichen, dass er eine Spende für die Lüge erwartete. Was er immer so machte, wenn er merkte, dass einer aus der Familie Merelli ihm nicht die Wahrheit sagte. »Da du nicht weißt, was Unzucht ist, kannst du auch kaum Derartiges begangen haben, meine Tochter«, sagte er tadelnd und mischte in das Knarzen des Holzes das helle Klingeln der Münzen.

»Kaum?«

»Wissen und Tun sind zwei Paar Schuh. Das heißt: Unzucht kann man begehen, ohne von ihr zu wissen.«

»Was ist Unzucht?«, wollte sie wissen.

»Es ist nicht meine Aufgabe, einem Mädchen von Stand darüber Auskunft zu erteilen«, entrüstete sich der Padre und wühlte so heftig in seinem Klingelbeutel, als suche er den einen unverschämt hineingeworfenen Knopf. »Wisse aber: Gott liebt die Kinder. Und verzeiht ihnen alles, was sie tun, selbst wenn es in den Augen der Erwachsenen Unzucht sein könnte. Somit höre also: Im Wissen um den Schatz der Werke Christi und der Heiligen spreche ich dich von deinen Sünden los. Im Namen des Vaters, des Sohnes und des Heiligen Geistes. Amen. Du bist entlassen.«

Der Padre schob den Klingelbeutel durch die Öffnung, und sie fütterte ihn mit Lira- und Centesimi-Münzen.

Das war letzten Sonntag.

Jetzt war Freitag.

Und sie war kein Kind mehr, sondern auf dem besten Weg, eine richtige Frau zu werden ...

Marciella verkleinerte das sonnendurchflutete Rechteck ihres Fensters, indem sie die Vorhänge ein Stück zuzog. Noch einmal besah sie sich nachdenklich ihre Hände. Sie dehnte die Finger, drehte die Hände hin und her, tat, als würde sie sie waschen. Von ganz allein, schien es, wendeten sich ihre Handflächen schließlich nach oben, legten sich die beiden kleinen Finger nebeneinander. Minutenlang verharrte sie so, ähnlich einer in sich gehenden Muslimin. Beruhigt sog sie die Kraft des Lichtes in sich auf, das in ihre schalengleichen Handflächen strömte. Links und rechts neben ihr ließ die Sonne die weinroten Seidenvorhänge aufglühen. Marciella atmete tief durch und lächelte. Gott hatte ihr verziehen. Da war sie sich ganz sicher. Vater hatte sie benutzt. Ihren Körper zwar nicht beschmutzt, ihre Seele aber für immer verwundet. Doch zu Beginn dieser Woche hatte Gott ihr ein Zeichen gegeben: ein körperliches Zeichen, das ihr den Vater für alle Zeiten vom Leib halten würde und sie endlich von seiner Nähe und Zudringlichkeit befreite – ihre Regel hatte eingesetzt.

Und heute war der erste Tag danach. Endlich war sie eine freie, richtige Frau.

Marciellas Stimmung besserte sich von Minute zu Minute, und schließlich gewann sie auch die Kraft, die Bilder vom letzten Montagabend beiseite zu schieben. Eigentlich war ja gar nichts passiert. Zwar hatte Papa sie wie immer besucht und hätte auch wieder angefangen, aber – Marciella wurde so rot wie die Seidenvorhänge ihres Zimmers, als sich ihr diese Worte aufdrängten – er wollte sich wohl nicht die Finger schmutzig machen. Erschrocken, verärgert, ja fast empört hatte er sich aus der Hocke hochgestemmt und war wortlos gegangen. Nicht ohne die Tür mit einem lauten Knall zuzuschlagen.

Erleichtert seufzte Marciella auf. Wahrscheinlich war sie das einzige weibliche Wesen auf der Welt, das glücklich war, dass sie ihre Tage bekommen hatte. Aber andere Frauen oder Mädchen hatten auch keine Väter, die am Bett ihrer entkleideten Töchter knieten, sie an allen denkbaren Stellen befingerten und sich dabei selbst liebkosten – bis das, was in seiner Hand lag, nass wurde und schrumpfte.

»Ich bin frei«, jubelte Marciella leise. »Frei, weil ich zur Frau geworden bin. Nie wieder Kind!«

Sie zog die Schublade der schmalen Barock-Kommode neben sich auf und durchwühlte sie. Murmeln, Glasketten, billige Silberringe, Kämme, das Miniaturwindrad, ein abgekauter Buntstift, das Foto einer nackten Frau mit Sonnenschirm auf einem ausgestopften Tiger, eine Zigarettenspitze aus Elfenbein, ein halbes Kartenspiel und ein Lederbeutel mit kostbarem Safran, dem Andenken an Giovanni Merelli, ihrem Großvater, dem das goldene Gewürz zu Reichtum verholfen hatte. »Liebe und achte das Erbe deiner Väter«, stand auf dem Seidenpapier, das die zarten, tiefroten Safranfädchen umhüllte.

Und da war auch das kleine Mahagoni-Kästchen.

Marciella öffnete den Deckel und rührte noch einmal mit dem Zeigefinger ihre Milchzähne durch, die sie in dem Kästchen gesammelt hatte.

»Elf Zähne«, sagte sie. »Sicher nicht alle, aber eine ganz hübsche Ausbeute. Aber ihr, meine lieben zahmen Zähnchen, wart einmal. Addio!«

Sie kniete sich auf die Polsterbank, reckte sich in die Höhe und leerte mit Schwung ihr Kästchen aus dem Fenster. »Nie wieder Kind!«, sagte sie dabei. Nie wieder Kind!

Sie warf das Kästchen zurück in die Schublade, die daraufhin unsanft in den Bauch der Kommode knallte. Dann zog sie die Vorhänge zu.

»Und nun?«

Ihr Zimmer, in dem sich in Tapeten und Möbeln dunkles Rosa und honigfarbene Holztöne mit dem kräftigen Blau eines großen Perserteppichs vermischten, versank in feurigem Rot. Für einen Augenblick kam es Marciella vor, als säße sie in einer Faschingslaterne, die im Dunkel der Nacht glühte. Sie setzte sich auf ihr Bett, über dem ein aufgebauschter Baldachin aus altrosafarbenem Musselin schwebte. Zufrieden betrachtete sie ihre »Duftlampe«, die auf ihrem Nachttisch stand. Sie war ihr ganzer Stolz, hatte sie sie doch selbst erfunden. Sie bestand aus einer Achatschale, in die sie drei Mahagonistäbchen hatte hineinbohren lassen. Diese bildeten die Säulen für eine auf ihr ruhende flache Perlmuttwanne, in der Wasser und aromatische Öle von einer Kerzenflamme erwärmt wurden. Dabei verdampfte das Öl und parfümierte ihr Zimmer mit seinem Duft.

Marciella beschloss, diesen besonderen Tag, den ersten, der ihrer Seele Freiheit versprach, angemessen zu feiern. Und zu diesem sonnenglühenden Rot passte jetzt nichts besser als die köstlichen Düfte Arabiens.

Sie öffnete die Tür des Nachttischs, in dem der Wasserkrug stand, und kippte etwas Wasser in die Schale. In der Schublade bewahrte sie ihre Kollektion von Duftölen und Kräuterauszügen auf.

Was passt am besten zu deiner Stimmung, überlegte sie. Ein demütigender Lebensabschnitt lag hinter ihr, vor ihr die Zukunft als heranreifende Frau. Eine Frau indes, die nie vergessen würde, was ihr als Mädchen geschehen war. Marciella war sich im Klaren, dass das Gefühl von Schande, Demütigung und Missbrauch fest in ihre Seele eingebrannt war. Aber in den letzten Monaten – war da nicht immer häufiger noch ein ganz anderes Gefühl in ihr gewachsen?

»Irgendwann werde ich mich rächen«, sagte sie leise. »Der Tag wird kommen.«

Ohne über ihre Rache länger nachzudenken, bekam sie plötzlich Lust, sich zu verkleiden, eine Karnevalsmaske aufzusetzen und ihren Vater zu töten – irgendwie. Womit sie sich gleich mit bestrafen würde, indem sie die gefühlte Schuld in eine tatsächliche verwandelte. Die Lust, andere und damit sich zu quälen – war das der Anfang eines Auswegs? Marciella schauderte vor ihren eigenen Gefühlen. Würde sie jemals richtig lieben können? Einen Mann lieben? Mit ihm verkehren und Kinder bekommen?

»Vielleicht«, sagte sie gedankenverloren. »Wenn es ein ganz besonderer Mann ist. Ein anderer Mann. Ein Mann von einem fremden Stern.«

Marciella schob die Rachegedanken wieder beiseite. Ja, sie würde sich rächen. Wie und wann, das brachte die Zeit. Doch wollte sie nicht eigentlich feiern?

»Schluss jetzt!«, ermahnte sie sich und griff in die intarsiengeschmückte Holzschatulle, die in der Schublade ihres Nachttischchens lag. »Öl, Duft, Gewürze. Felix Arabiae.«

In den mit Zedernholzleisten abgeteilten Fächern standen etliche schwarze Glasfläschchen mit Pipettenverschluss. Ohne länger zu überlegen, entnahm Marciella Fläschchen mit Zedern-, Zypressen- und Ingweröl. Sie tropfte jeweils sechzehn Tropfen ins Wasser, so viele, wie sie alt war, und mischte noch zwei Tropfen Sandelholz- und Pfefferöl hinzu. Dann stellte sie die Kerze, die auf ihrem Sekretär brannte, unter die Perlmuttwanne und begann so tief zu atmen, bis ihr leicht schwindelig wurde. Erst dann sank sie auf ihr Bett zurück, schloss die Augen und wartete auf die Wirkung der Düfte.

Das Wasser wurde schnell warm, und das Öl begann zu verdampfen. Der Duft entfaltete sich wie das allmähliche Aufblühen einer Rose. Es hätte aber auch eine leise Stimme sein können, die sich sanft erhob und ein Märchen aus Tausendundeiner Nacht zu erzählen begann. Marciella fühlte sich vom weichen Bett emporgehoben und träumte sich durch das Fenster hinaus in ein sattes Blau, hinein in eine Welt voller exotischer Klänge, leuchtender Sterne und farbiger Blüten mit betörenden Aromen. Sie schaukelte in einem orientalischen Gespinst kostbarer luftiger Stoffe auf einer arabischen Dhau und ergötzte sich am abendlichen Ozean, der ihr Spiegelbild in Gold zeichnete ... Je kräftiger die Duftöle Marciellas Zimmer parfümierten, so plastischer wurden die Bilder. Es war herrlich, so zu schwelgen – sinnlich und tröstend, kräftigend und ermutigend, wobei die Schärfe des Pfefferöls zugleich wach machte und im Innern ein wohliges Kitzeln hervorrief. Marciella griff nach hinten, angelte sich den chinesischen Fächer, der am Kopfende ihres Bettes an der Wand hing. Mit geschlossenen Augen fächelte sie sich die Duftaromen zu, atmete tief und gleichmäßig ein und aus und lächelte vor sich hin. Wenn dein Bett wirklich fliegen könnte, dachte sie, wäre das nicht herrlich? Sie stellte sich plätschernde Wadis vor, die in der Wüste eine Oase mit Dattelpalmen speiste. Sie hörte das Rauschen des Windes, dann wieder malte sie sich aus, ihr Diwan stünde in einem Sultanspalast am Fuß eines Marmorbassins, in dem glitzernde Fische schwammen. Ihr beiges Seidenkleid vertauschte sie mit wallenden Schleiern. Halb nackte dunkelhäutige Dienerinnen tuschelten miteinander, während sie ihr Zöpfe flochten. Ob sie so aussahen wie das schwarze Mädchen im orientalischen Séparée des Café Florian? Auf dem Fries dort rauchte sie eine bestimmt vier Ellen lange Pfeife, und auf ihrer nackten Brust ruhten breite goldene Ketten. Ihr edles Gesicht mit den roten Lippen schaute verträumt, vielleicht aber auch traurig. War sie eine Sklavin, die sich mit schwerem Tabak berauschte, weil sie einen lüsternen Sultan erwartete?

Marciella legte sich die Hand auf die Brust, so als könne sie damit die Blöße des Mädchens verdecken. Nein! Nicht!, schrie es in ihr. Diese Träume sind hässlich. Lieber stellte sie sich vor, da wo ihre Hand jetzt lag, ruhten Juwelen. Und so wie sie gerade ihr Brokatkissen an den Füßen spürte, so würden sich ihre mit Spangen geschmückten Fesseln an den Goldstickereien reiben, die die tausend bunten Kissen zierten, mit denen sie sich den Diwan teilte.

Ihre Träumereien machten Marciella schließlich träge.

Was wäre eigentlich, wenn sie gleich für immer einschliefe? Gab es jemanden, der dann um sie weinen würde?

Tränen stiegen in ihre Augen. Nein, niemand würde um sie weinen. Von Mutters Seite lebte niemand mehr. Aber Angelica, ihre Stiefmutter, hatte eine Schwester: Lara. Sie hatte ihr irgendwann erzählt, dass Tante Lara mit einem Mann aus Hamburg verheiratet war. Wie hieß er noch mal? Marciella grübelte. Was sie bald wieder aufgegeben hätte, wenn dieser Mann aus dem kalten Norden nicht etwas mit ihr gemein gehabt hätte: Wie sie liebte auch er Gewürze und Düfte. Er war erfolgreicher Kolonialwarenhändler. Sein Name hatte was mit der Bibel ... Jakob? Nein, nicht ganz. Angestrengt dachte Marciella nach. Richtig, Jacobi. Hermann Jacobi. Aus Hamburg, der Kaufmannsstadt an der Elbe, dem Venedig des Nordens. Beinahe in jedem Brief schrieb Tante Lara, dass das Wetter dort launisch und misepetrig war. Ständig gäbe es Kleiderprobleme, weil es plötzlich zu regnen anfange und der Wind auffrische. Aber trotzdem sei Hamburg eine herrliche Stadt, aus der sie wegen ihres lieben Hermanns nie wieder fort wolle.

Tante Lara ... Aber sie kannten sich nur oberflächlich. Sie würde bestimmt nicht um sie weinen.

Und Vater? Seit Marciella sich erinnern konnte, fürchtete sie sich vor seinem Blick. Seine Augen schienen in ihr zu lesen, seine Augenbraue, wenn sie sich hob, war immer wie eine Entlarvung. Und zugleich Verurteilung. Er redete nur mit ihr, wenn die Lehrer sich über sie beklagten. Merkwürdigerweise verteidigte er sie dann – aber auf Kosten ihres Selbstwertgefühls:

»Du bist eben ein Mädchen. Mach dir nichts draus. Sei lieber froh, dass du nicht mein Sohn bist. Denn dann müsste ich dich schlagen.«

Sie war eben nur ein Mädchen. Gleichzeitig das Symbol des Untergangs der Familie Merelli. Mit ihr starb die Familie aus, sie, Marciella, war die letzte echte Marchesa Merelli. Ich nehme mein Schicksal an, soll der Vater bei ihrer Geburt gesagt haben. So, als ob er da schon gewusst hatte, dass ihm Mutter keinen Sohn mehr in die Arme legen würde. Und bei Angelica, seiner zweiten Frau, reichte es noch nicht mal mehr zu einer zweiten Tochter.

»Der Same der Merellis hat sich einfach erschöpft«, sagte ihre Stiefmutter vor gar nicht so langer Zeit mit einer gewissen Schadenfreude. »Über die Jahrhunderte hat er sich erschöpft. Das ist schmerzlich für euch, aber die Welt geht davon nicht unter. Trotzdem wirst du eine königliche Mitgift bekommen.«

Der Same der Merellis hat sich einfach erschöpft ... Ein ungeheuerlicher Satz, wenn sie daran dachte, dass ...

Liebte Vater sie wenigstens ein kleines bisschen?

Marciella schluckte. Er liebte sie nur, wenn er neben ihr kniete und sie ihm zu Willen war. Dann brummte er väterlich, erfand Kosenamen und erkundigte sich, was sie sich wünschte. Seine Gier war so groß, dass sie sich sicher sein konnte, jeden Wunsch von ihm erfüllt zu bekommen. Ob es nun Kleider mit Stickereien, kostbarsten Spitzen oder gesmockten Renaissance-Ärmeln waren, ob sie für sich oder ihre kostbaren Echthaar-Puppen Schmuck wünschte – sie konnte zu Padre Rubelli gehen und aussuchen, dann ließ sie anliefern, und Vater zahlte. Die gepolsterte Sesselschaukel, die im Garten hing, bewunderten alle Freundinnen, und am Bootssteg dümpelte bis vor kurzem sogar ihre eigene Gondel, in der sie mit Papageien und Makaken Spazierfahrten machte. Sie selbst hatte sie abgeschafft, weil der Neid darauf einfach zu groß wurde, dafür deckte sie sich bei Menachim Korczak umso verschwenderischer mit Gewürzen und kostbaren Ölen ein.

»Dieser Korczak, nimm dich vor ihm in Acht«, klang Marciella die strenge Stimme ihrer Stiefmutter im Ohr, die ebenfalls bei Korczak ihre Toilettenartikel kaufte. »Selbst wenn er uns gute Ware verkauft, sein Herz schlägt für Österreich-Ungarn. Er ist ein Spitzel des habsburgischen Kaisers. Ich habe den Blick dafür. Eines Tages wird er auffliegen.«

Marciella lächelte verächtlich. Ihre Stiefmutter war ein Teufel. Genauso wie ihr Vater. Der Unterschied war einzig, dass sie nicht von ihr missbraucht wurde – was wohl auch kaum möglich war. Oder gab es das auch?

Müßig, darüber nachzudenken. Marciella wusste nur eines genau: Dass ihren Vater die Schwäche des Sünders plagte, sich nicht beherrschen oder wenigstens selbst bestrafen zu können. Deshalb war er ihr gegenüber so großzügig. Er tat das, was auch die Kirche machte: Er kaufte sich frei. Ablasshandel nannte man das. Sie aber hielt still. In sich die Sehnsucht, dass alles möglichst bald, möglichst schnell ... vorbei war. Doch zu oft hielt er sie lange, sehr lange im Arm, küsste sie auf Mund, Wangen, Bauch. Schaukelte sie hin und her, flüsterte Koseworte, die mit der Zeit immer derber wurden.

Und dann kam er – dieser Satz, den sie nie würde vergessen können. Dieser Satz, den er jedes Mal wie einen Schlusspunkt herbetete, wenn alles vorbei war:

»Madonna! Marciella, wir haben ein Geheimnis. Wir haben ein Geheimnis!«

Nein, Vater würde nicht um sie weinen. Jetzt nicht mehr. Er war ein Unmensch. Ein Mann, dem nur die eigene Lust wichtig war. Bedeutungsschwer trug er allein seine Rolle als letzter männlicher Spross des jahrhundertealten Merellischen Geschlechts. Er war reich, ausgeruht, gelangweilt fast und ohne Interesse an Dingen, die seinesgleichen beschäftigten: Weder der Handel noch die Kunst lagen ihm. Wie ein kleiner Junge, der Murmeln und Steinchen sammelt, sammelte er gern alte Bücher und ähnlich verstaubten Wein. Selten sah sie ihn mit einem der Bücher in der Hand. Sie standen hinter Vitrinen, und nur ab und zu versuchte er, in ihnen zu lesen.

Und Angelica, die Marchesa, seine neue Frau aus Neapel? Dieses spitzzüngige Gegenstück eines Engels? Eine Schlange war sie! Eine böse, giftige Schlange. Doch in einem war sich Marciella sicher: Ihre Stiefmutter wusste nichts von dem, was ihr Vater ihr angetan hatte. Es lag klar auf der Hand: Die Marchesa hätte ihn in blindwütiger Eifersucht sofort getötet! Nach jeder Stunde mit ihr schien Vater seine neue Frau noch emsiger zu umflattern als sonst. Nie hatte sie Verdacht geschöpft, nie würde sie Verdacht schöpfen und auch nie um ihre Stieftochter weinen. Wer also dann? Wer sollte um sie weinen, wenn sie, Marciella, jetzt für immer einschlafen würde?

Niemand, gab sich Marciella selbst die Antwort und hielt einen langen Moment die Luft an. Dir bleibt nur das, was du bist und hast: deine Duftlampe, dein Safranbeutelchen, dein Körper, deine Gedanken – und da sie auf einmal Hunger spürte –, deine Vorliebe für scharfe Speisen.

Scharf. So wie die Wunden, die sie sich immer wieder in plötzlichen Anfällen zufügte. Ob mit heißem Wachs, das sie sich auf den Puls tropfte, oder mit der Haarbürste, die sie sich über die Brust schabte, bis die Borsten haarfeine Risse in ihre zarte Haut pflügten, die bluteten wie Christi Wunden. Manchmal hatte sie sich in diese Wunden das gewischt, was sie sonst sehr gern aß: Chilis. Einmal war sie dabei vor Schmerz ohnmächtig geworden. Ihr Kopf war gegen den Bettrahmen geschlagen, und sie hatte lange nachdenken müssen, wie sie später den Bluterguss erklären wollte.

Feuer auf der Haut. Feuer im Mund. Chili. Sie missbrauchte ein Gewürz! Marciella war dem Weinen nahe.

Was soll jetzt werden?

Sie richtete sich auf und stellte fest, dass das Wasser in der Perlmuttschale verdampft war. Die Gegenstände um sie herum sahen aus, als wären sie unter Wasser. Plötzlich aber fühlte Marciella etwas Seltsames. Das, was ihre Augen wahrnahmen, war unscharf, schlierig und weich – doch tief in ihr wuchs etwas Hartes, etwas Stählernes empor. Und dann spürte sie, wie ihr Gesicht sich zu straffen, zu festigen schien, bis es sich steinhart anfühlte. Ihr Kinn wurde kantig, ihre Zähne begannen zu knirschen. Mit Gewalt kniff sie die Augen zusammen und presste die letzten Tränen heraus. Sie musste sich endlich befreien. Irgendwie. Aber sie würde sich jetzt kein Chilipulver in die nassen Augen wischen. Nein. Keine Selbstverstümmelung mehr.

Was habe ich, außer der Sünde, das andere nicht haben, fragte sie sich. Gibt es da etwas? Sie erinnerte sich an die Träumereien von vorhin, sah ihr Spiegelbild im goldenen Ozean ...

Ja, sie war schön.

»Eines Tages wirst du so aussehen wie die Venus von Botticelli. Die Venus von Botticelli mit schwarzem Haar.« Vaters heisere Stimme, sein schönstes Kompliment. »Du wirst schön sein wie die Venus von Botticelli ...«

Marciella rief sich das Gemälde in Erinnerung: die nackte Venus in der Muschelschale, umschlungen von ihrem vollen rotblonden Haar, wellig und verheißungsvoll wie die Schaumkrönchen der Wellen um sie herum.

»Ja, ich bin schön, ohne Zweifel«, flüsterte Marciella. »Und ich werde eine Venus werden. Aber eine mit schwarzem Haar und schwarzem Pfeil in der Hand. Dem Pfeil der Rache.« Sie holte tief Luft, ganz vernarrt in diese Vorstellung. »Ja, ich werde die schwarze Venus. Die, die nicht liebt, sondern rächt.«

Der Gedanke gefiel ihr so gut, dass sie sich selbst applaudierte. Mit einem Mal war sie hellwach und aufgeregt. Unruhig ging sie in ihrem Zimmer auf und ab, kaute an ihren Fingernägeln. Der Duft in ihrem Zimmer störte sie plötzlich. Er passte nicht mehr zu ihrer Stimmung.

Marciella riss die Vorhänge auf und ließ die frische, heiße Sommerluft herein. Unter der Hitze der Sonne trockneten ihre Tränen, und die Haut spannte. Marciella kümmerte sich nicht darum. Viel zu gut roch die Luft: nach Pfirsichen, trockenem Gras und Jasmin, der in diesem Jahr verschwenderisch wie nie zwischen den Beeten mit Chrysanthemen, Nelken und Rosen im Garten blühte. Und über allem der Duft nach Pinienharz und der Hauch des Meeres ...

»Ich bin die schwarze Venus!«, rief sie. »Ich bin die schwarze Venus!«

Sie tanzte durch ihr Zimmer. Sie war Frau.

Alles würde anders werden.

Marciella eilte in den kleinen Salon. Alles in ihr war auf einmal in Aufruhr. Sie hatte das Gefühl, die Kraft zu haben, sämtliche Ketten zu sprengen.

Tu was!, rief eine Stimme in ihr. Tu endlich einmal etwas Verbotenes.

Ihre Blicke glitten über die blattgoldgeschmückten Blumenschnitzereien der Holzvertäfelung und blieben an den frisch gefirnissten Bildern mit den romantischen Schäfermotiven hängen. Ein Diana-Zyklus: Die Jagdgöttin in einem Hain, wie sie im Kreis ihrer Nymphen ihrem Zwillingsbruder Apollon beim Lyraspiel lauscht, die schlafende Diana, Diana als Herrin über die Tiere des Waldes und Diana mit ihren Nymphen im Bade, wie sie vom Jäger Aktaion belauscht wird.

Ihre Stiefmutter behauptete, die Diana auf den Bildern sähe ihr ähnlich.

»Sie ist ganz einfach nur nackt. Deshalb willst du dich nicht in ihr wiedererkennen.«

Marciellas Augen wurden zu Schlitzen. Nacktheit. In der Welt drehte sich offenbar alles um Nacktheit. Wie viele nackte und halb nackte Mädchen gab es allein in Venedigs Kirchen?

»Nie wieder nackt. Immer nackt.«

Marciella zischte es in den Salon, immer wieder. Sie war hin und her gerissen zwischen Verachtung und Selbstachtung. Sie hasste sich nackt, aber jetzt musste sie, wenn sie eine schwarze Venus sein wollte, Nacktheit zulassen. Auch wenn sie noch gar nicht wusste, was sie als schwarze Venus machen sollte. Aber eins wusste sie genau: Eine Venus war immer nackt.

Kurz entschlossen zerrte sie sich ihr Kleid vom Körper und entledigte sich auch noch der Unterkleidung. Auf einmal zitterte sie vor Wut. Niemand sollte mehr das Recht haben, über ihre Nacktheit zu bestimmen. Niemand!

Los, vor den großen Spiegel! Ab! Was dein Vater tut, kannst du auch. Begaff dich! Marciellas Mund zitterte vor Wut. Wenn jetzt ihr Vater käme – wahrscheinlich würde er sie mit dem Gürtel prügeln und ihre Stiefmutter dazu höhnisch lachen.

Marciella stellte sich auf die Zehenspitzen. Die Diana auf dem Bild hatte noch kleinere Brüste als sie. Wie stand es um ihre Hüften? Sie waren mädchenhaft wie die ihren. Marciella atmete tief ein und knirschte mit den Zähnen. Ihr Schamdreieck – da gab es nichts zu vergleichen. Der Künstler hatte Diana immer nur von hinten, der Seite oder von Gestrüpp verdeckt gemalt.

Aber eines stimmte – das schwarze Haar teilte sie mit der Diana auf dem Bild. Und auch die blassen, aber vollen Lippen.

Marciella lächelte. Sie strich sich über die Nase und trat dann vor das Bild, das Diana im Bad zeigte: Die Göttin kniete auf einem Felsen und schaute zur Seite, wo sie Aktaion entdeckte. »Ja, ihre Nase ist eine Botticelli-Nase, wie deine«, stellte sie anerkennend fest.

Plötzlich hielt sie die Luft an.

Diana im Bad.

Das war die Idee.

Marciella war so von ihr entzückt, dass sie auf dem schönen dicken chinesischen Seidenteppich ihres Hamburger Onkels einen Luftsprung machte. Das war die Idee! Baden!

Und zwar im Meer!

Sündiger ging es kaum noch, wenigstens im Sinne des Anstands ihrer Gesellschaftsklasse ... Quel fauxpas! Welch eine Provokation!

Wenn sie dabei jemand sähe! Köstlich!

Also, wenn das keine Befreiung ist!

Nur zu: Etwas Besseres für die Geburt einer schwarzen Venus gab es nicht: eine Taufe im Salzwasser!

Mit einfacher Basttasche und Sonnenschirm huschte Marciella aus dem väterlichen Palazzo. Der Himmel spannte sich in einem dunstigen Blau, und der Wind war stärker geworden. Der Scirocco hatte die Stadt erreicht.

Sie konnte gar nicht schnell genug an die Riva degli Schiavoni kommen, wo das Dampfschiff nach Santa Maria Elisabetta ablegte. 1857 hatte ein findiger Geschäftsmann dort die Badeanlage eröffnet, die damit als Venedigs erste Adresse für Provokateure und Sittenstrolche galt. Doch mit den Jahren hatte sich die Empörung gelegt, und Marciella wusste, dass jetzt sogar die besseren Stände auf den Lido übersetzten und der Badeanlage einen Besuch abstatteten. Trotzdem, immerhin war sie die Tochter eines Marchese. Aber, Marciella staunte nicht schlecht, eigentlich nahm niemand von ihr Notiz. Kaum ein Blick drückte Erstaunen aus, dass eine so junge Frau wie sie ohne Begleitung zum Lido fuhr. Und so dauerte es nicht lange, bis sie sich schließlich wie eine Touristin fühlte, was sie im Gegensatz zur Mehrzahl des einfachen Volkes im Grunde genommen auch war. Genau besehen, kannte sie den Lido nämlich gar nicht. Zweimal war sie bislang erst dort gewesen. Das erste Mal als kleines Mädchen. Sie hatte sich den Ausflug damals zu ihrem Namenstag ausgesucht, und unwissend wie ihre polnische Gouvernante war, hatte die ihrem Wunsch entsprochen – und prompt einen Nervenzusammenbruch erlitten, weil sie nicht verhindern konnte, dass sie, das edelblütige Kind, sich begeistert die Sanddüne hinabwälzte. Jahre später besuchte sie mit Madame Laclos, ihrer ersten Französischlehrerin, die dortige San-Andrea-Festung – weil Madame Laclos behauptete, mit dem Befehlshaber des Kriegsschiffs »Le Libérateur« verwandt zu sein.

»Den ihr bei eurer vergeblichen Verteidigung rachsüchtig erschossen habt, weil ihr es nicht ertragen konntet, wie die große französische Nation Siebzehn-siebenundneunzig eurer Seerepublik den Garaus machte.«

Aber auch Madame Laclos blieb von einem Nervenzusammenbruch nicht verschont – als nämlich vor ein paar Jahren ihr Bruder im deutsch-französischen Krieg bei Sedan fiel. Ob es am ehegattenlosen Leben lag, dass bevorzugt Gouvernanten und Lehrerinnen an schwachen Nerven litten? Besaßen Männer womöglich doch Qualitäten, die einer Frau gut tun könnten?

Marciella kaute auf ihrer Unterlippe. Nein – sie konnte es sich nicht vorstellen. Nie und nimmer.

Doch wie dem auch sei, was sie jetzt vorhatte, lag normalerweise ein gutes Stück außerhalb der Vorstellungswelt einer Person ihres Standes. Was sie unternahm, war schlicht und ergreifend ein dreistes Bubenstück. Genau, Bubenstück. Nichts für Frauen oder gar Mädchen mit zartem Gemüt ... Ein Wagnis erster Klasse. Was Vater ihr antun würde, wenn er es erfuhr – nein, sie war jetzt die schwarze Venus. Sie hatte keine Angst. »Auf dem Lido hat unsereins nichts verloren«, hatte selbst Mama einmal gesagt. Erstens, weil es dort bloß Obstbäume, Gemüsebeete und Reben gibt, zweitens, weil dort überall betrunkene Offiziere mit Flittchen tanzen, und drittens, weil das gemeine Volk sich am Strand dem Blödsinn hingibt, lieber Bälle zu treten, als zu arbeiten.

»Man könnte höchstens den israelitischen Friedhof besuchen oder so geschmacklos sein, im Meer zu baden. Aber wir sind von Stand. Alles andere wäre Schande.«

Schande. Was wusste Mutter von Schande!

Die Fäuste geballt, schluckte Marciella den Kloß hinunter, der sich in ihrem Hals bildete. Rasch schaute sie sich um. Auf dem Deck tummelten sich Familien mit Decken und Picknickkörben, Gemüsehändler, Nonnen, Soldaten und sommersprossige englische Damen in Weiß samt Gentlemen, an deren runden Strohhüten dunkelblaue Bänder flatterten. Wenn man von dem Grüppchen Orientalen absah, deren weiße Turbane in der Sonne leuchteten, gehörten die Menschen bis auf die Engländer fast ausschließlich der arbeitenden Klasse an.

Wie viele von ihnen wohl Schande begehen würden, indem sie badeten?

Sie schaute ins aufgewühlte Wasser, wo die Schaumkronen schnell im Licht zerplatzten, dann musterte sie einen der Araber und überließ sich ihrer Lieblingsvorstellung, einmal an der Seite eines reichen Scheichs in den Orient zu reisen. Immerhin waren unter ihren Vorfahren Gewürzhändler gewesen – einer hatte sich von seinen Reisen sogar eine nubische Sklavin mitgebracht, wie Vater einmal erzählte. Der Nubierin soll es gelungen sein, mit einem besonderen Gewürzsud ihren Vorfahr von seinen Hautgeschwüren zu befreien. Marciella hatte sich nach dem Tod ihrer Mutter wieder an diese Geschichte erinnert und bald darauf damit begonnen, sich mit Gewürzen gleichzeitig zu strafen wie zu kurieren. Zum Beispiel mit Chili – er brannte wie Feuer, bannte aber auch den Ekel. Bei Zahnschmerzen kaute sie Gewürznelken, und die kostbaren Öle in der Duftlampe, davon war sie fest überzeugt, halfen ihr, wieder zu sich selbst zu finden, wenn ... es vorüber war ...

Eine nubische Sklavin!

Marciella stellte sie sich in einem engen Wickelrock vor, die Brust nackt. Bestimmt hatte sie kräftige weiße Zähne, und ihren Hals schmückten Muschelketten. In einem ausgehöhlten Wurzelstock zermörserte sie geheimnisvoll duftende Gewürze, sang dabei und tropfte Palmöl in das Gemisch. Beschwörungen murmelnd, massierte sie ihre Medizin in die Haut ihres Herrn. Vielleicht war sogar ein Liebeszauber damit verbunden, weil sie ihren Herrn begehrte? Oder aber sie wollte ihre Dankbarkeit zeigen – schließlich war sie ja frei, keine Sklavin in rostigen Ketten mehr, die auf irgendwelchen sansibarischen Nelkenplantagen gepeitscht wurde.

Unverwandt hingen Marciellas Augen an dem Araber – dabei schaute sie längst durch ihn hindurch, beschäftigt mit ihren Träumen und den Wind genießend, der ihr heißes Gesicht kühlte. Erst als der Mann sie sehr offenherzig anlächelte, rief sie sich zur Räson. Ihr Herz klopfte wild. Und auf einmal spürte sie die Spannung ihres Körpers, der aus Angst vor dem Bad anscheinend beschlossen hatte, noch schnell ein Stück zu wachsen.

»Du bist verrückt«, sagte sie leise, als das Dampfschiff an der Anlegestelle festmachte.

»Land!«, rief ein Familienvater übermütig, als er mit seiner Schar aufgeregter Kinder die Gangway verließ.

Frischer Rasen, Schatten spendende Bäume, Kieswege, Blumenrabatte – der Lido war das Gegenteil der Stadt Venedig, ein Ort seligen Vergessens. Hier roch es nicht nach Stein, sondern nach Acker, und statt der Eleganz der Piazza herrschte der Trubel des Wiener Praters. Auf dem Lido verabschiedete man seine Alltagssorgen und ließ die Zwänge des Museums Venedig hinter sich. Denn hier regierte die Natur und nicht die Kunst oder Arbeit.

Über die Maßen künstlich erschienen Marciella die Gondeln, als sie auf die Lagune blickte. Aus der Ferne glichen sie nervösen schwarzen Wasservögeln, von denen die eingebildetsten noch Gondelhäuschen auf dem Rücken trugen. Wie anders waren dagegen die Barken! Weit und offen glitten sie dahin, ganz einfach vernünftige Gefährte, die auf dem silbernen Meer ein Dutzend Menschen beförderten, die es satt hatten, sich von anmaßenden Gondolieren an der Nase herumführen zu lassen.

Zwei Gesellschaften lenkten ihre Aufmerksamkeit auf sich: Ein Grüppchen österreichischer Offiziere schmetterte, von einem Trompeter unterstützt, Marschlieder, aber ihnen wurden von einer mit Marktschreiern bestückten Barke Spottlieder entgegengebrüllt. Denn seit die Österreicher sich 1866 im Frieden von Wien verpflichtet hatten, Venetien zu räumen, nahm sie hier niemand mehr ernst. Ihre Macht war Geschichte. Doch kaum an Land, erdreisteten sich diese Offiziere, ihre Schlagstöcke zu erheben! Für Sekunden stockte allen der Atem. Doch alles war nur Spaß. Die Drohung war rein theatralisch. Gut gelaunt verzogen sich die Offiziere in die Schankwirtschaft an der Anlegestelle, aus der prompt das Kreischen von Frauen drang.

Und jetzt?

Mit gebührendem Abstand folgte Marciella den Marktschreiern, die Kurs auf die so genannten »Omnibusse« nahmen, die zwischen Anlegestelle und Strand pendelten. Diese »Omnibusse« waren der neueste Schrei des Lido – dabei waren es bloß von Pferden gezogene, überdachte rote Kästen mit Holzbänken. Ihre Flanken waren offen, und wer keinen Sitzplatz fand, musste stehen und sich an senkrechten Holzstangen festhalten.

»Wasser marsch!«, rief jemand.

»Wasser marsch!«, wurde ihm sekundiert.

Marciella schauderte es, als die Männer johlend nacheinander in das Gefährt einstiegen, das auf seinen kleinen Eisenreifen bedrohlich zu schwanken begann.

Derartige Subjekte also waren es, die im Meer badeten! Die Hefe des Volkes! Marciella kämpfte mit sich. Was für eine wahnsinnige Idee hatte sie da bloß gehabt! Aber irgendetwas trieb sie vorwärts. Sie musste diese Prüfung einfach bestehen. Zum Glück gab es nicht nur diese Omnibusse. Marciella bestieg eine offene Droschke, die sie sich zu ihrer Erleichterung nur mit zwei jungen Nonnen teilen musste. Doch dann zwängte sich noch ein Mädchen ihres Alters neben sie, die einen großen Korb voller Handtücher mit sich schleppte. Neunhundert Meter bis zum Bad.

Marciella versuchte, sich vorzustellen, wie das kalte Wasser ihren Badedress durchweichte und zentnerschwer an ihr hing. Wenn sie keine Luft mehr bekam? Oder eine Welle sie überspülte? Wie kam sie überhaupt ins Wasser?

Dutzende solcher Fragen kamen und gingen, während die Droschke auf der geraden Allee zum Strand rollte. Die Pappeln spendeten nur wenig Schatten, und wohin Marciella auch blickte, hier auf dem Lido entdeckte sie weder die dunkelgrünen Kronen der Pinie noch irgendwo eine der schlanken, ernsten Zypressen.

Sie fühlte sich weit weg von Venedig – was schön war, aber auch beängstigend.

»Sie wollen sicher auch baden«, sagte eine der Nonnen. »Das ist richtig. Es hält gesund. Man fühlt sich wie neugeboren.«

»Und je kälter das Wasser ist, umso wärmer ist einem hinterher«, pflichtete die andere ihr bei und griff nach der Hand ihrer Mitschwester, die sie mit einem verschmitzten, aber liebevollen Blick bedachte.

Marciella war irritiert. Diese Bräute Christi fanden für ihren Geschmack entschieden zu viel Gefallen aneinander. Sie benahmen sich wie ein verliebtes Pärchen! Oder wie sonst sollte man es nennen, wenn die eine der anderen eine Locke unter die Haube streicht und sie dabei anschaut, als würde sie ihre Ordensschwester im nächsten Augenblick küssen?

War dies die Schande, die es Madame Laclos zufolge auch in den Klöstern gab? Marciella war sich nicht ganz sicher. Aber eigentlich konnte sie sich alle möglichen Arten von Schande vorstellen. Wenn schon ihr Vater sie begehrte, warum dann nicht Nonnen und Mönche einander?

Wenn nun aber das Meer dabei half, Gottes Geschöpfen den Kopf zu verdrehen? Was dann?

Um ein Haar hätte Marciella die Droschke anhalten lassen und wäre ausgestiegen. Aber sie riss sich zusammen. Unsinn, schalt sie sich. Das Meer ist bloß salzig. Beiß die Zähne zusammen! Wie willst du zur rächenden schwarzen Venus werden, wenn du noch nicht einmal diese Probe bestehst?

Die Allee stieg jetzt ein wenig an. Die Düne kam in Sicht und kurz darauf die Strandanlage. Ihr Entrée hatte große Ähnlichkeit mit einer deutschen Hofeinfahrt, wie sie Marciella aus Bildbänden kannte. Fachwerk und Backstein beherrschten die Fassade, und der Giebel des Satteldachs erinnerte an ein Jagdhaus. Was sich ihr bot, hatte mit der Grandezza venezianischer Kultur so viel zu tun wie Kirchenmusik mit einem Marsch. Hier rauschten Eichen und nicht das Meer, und anstelle frischen Seewinds wehten ihr Tabakrauch und der Dunst abgestandenen Biers in die Nase.

In den Flügeln des Gebäudes waren Läden untergebracht und ein Lokal. Von Cremes über Postkarten bis zu Zeitungen wurde Nippes aller Art verkauft. In dem Lokal spielte man lautstark Karten, was zwei Orientalen in langem Gewand und Kopftuch nicht im Geringsten zu stören schien. Marciella sah sie, durch die offene Tür, genüsslich ihre langen Pfeifen rauchen, vor sich einen Humpen Bier. Es war eine einzige Groteske.

»Keine Bange«, sagte eine der Nonnen. »Auch wenn es aussieht wie auf einer Kirmes, die Badeanlage selbst ist grandios. Sie werden sehen.«

»Danke. Ich bekenne, Ihr Zuspruch beruhigt mich. Sie sind sehr erfahren, was das Baden angeht, nicht wahr?«

Die Frage kam ungewollt spitz heraus, aber die Nonnen waren viel zu guter Laune, um über den Unterton nachzudenken.

»Wir kennen uns aus, ja«, jubelte eine der Nonnen. »Ach, welch Gnade, dass Gott, unser Herr, das Meer geschaffen hat! Es ist unser aller Bett. Sie werden sich ins Baden verlieben wie wir.«

Marciella dachte sich ihren Teil. Diese Nonnen waren bestimmt die merkwürdigsten Venetiens – wenn das viele Baden ihnen nicht sogar schon den Verstand weggespült hatte.

Die Badedauer, so stand auf der Schiefertafel, betrage eine Stunde. Der Eintrittspreis für die erste Klasse belief sich auf eine Lira. Ob sie Handtücher leihen wollten? Fünf Centesimi das Stück? Ein Mädchen mit einem Bastkorb voller Handtücher knickste vor den Nonnen, die die Köpfe schüttelten. »Ihr kocht sie, ja?«, fragte Marciella misstrauisch.

»Stärken und bügeln tun wir auch«, sagte das Mädchen stolz.

»Dann taugen sie für die Füße«, sagte Marciella leichthin und ließ sich zwei Handtücher über den Arm hängen.

Schließlich war es so weit.

Marciella hatte keine Ruhe, den Badenden zuzuschauen, wollte es endlich hinter sich bringen. Zum Glück sah das Wasser einladend aus. Kniehohe Wellen mit weißen Schaumkämmen brachen sich und liefen kristallklar auf dem Strand aus. Nirgends trieb Tang oder gar Unrat wie so oft in der Lagune. Der Blick verlor sich bis zum Horizont, wurde weder von Gondeln noch Barken aufgehalten. Eine Möwe kreischte – und endlich roch es auch nach Meer, nach Salz und Sand, nach Freiheit und Unendlichkeit.

Vor dem Badesteg empfing sie eine Aufwartefrau. Sie ließ sich die Billetts zeigen und rief dann mit Donnerstimme über den Steg, dass neue Gäste warteten. Frauen wurden von Mädchen in Empfang genommen, Männer von Buben.

»Dann bis gleich«, verabschiedeten sich die Nonnen. »Wir werden Sie ordentlich nass machen.«

Marciella blieb die Empörung im Hals stecken. Das Mädchen, das sich erbot, ihr Tasche und Handtücher zu tragen, war das Opfer.

»Dummes Ding!«, fuhr sie sie gereizt an. »Wenn ich es bis hierher geschafft habe – da werde ich wohl kaum auf den letzten Schritten zusammenbrechen.«

»Sehr wohl. Wünschen Sie meine Dienste beim Kleiderwechsel? In Ihrer Kabine ist eine Glocke. Ich komme sofort.«

»Ich bin groß!«, sagte Marciella beleidigt.

Dabei klopfte ihr das Herz bis zum Hals, denn der Badesteg war weit ins Meer hineingebaut, und das Mädchen machte keinerlei Anstalten, stehen zu bleiben und ihr eine Kabine zuzuweisen. Endlich drückte sie mit dem Handrücken eine Tür auf. Das Wasser schmatzte um die Pfähle, und der Wind wehte hier vorne so kräftig, dass es im Gebälk pfiff. Marciella schien es, als schwanke die ganze Anlage, in Wahrheit hatte sie leichter Schwindel ergriffen. Doch jetzt gab es endgültig kein Zurück mehr.

Der massive Badesteg bestand aus einer überdachten Pfahlbau-Konstruktion, die T-förmig ins Meer gebaut war. Zwei Galerien säumten die Umkleidekabinen. Links vom Steg badeten die Herren, rechts die Damen. Kunden der ersten Klasse gelangten über eine eigene Treppe ins Wasser.

Marciella schloss die Tür und setzte sich. Durch die Spalten der Bohlen blitzte das Wasser. Alles war irgendwie feucht und leicht klebrig, das Holz roch muffig.

»Ich bin verrückt, tatsächlich«, sagte sie zu sich, begann aber, sich zu entkleiden. Als sie in Unterwäsche dastand, erfasste sie ein Frösteln. Sie zögerte, presste die Lippen aufeinander. Schließlich zog sie sich das Hemd über den Kopf und band die Hose auf. Es war entsetzlich. Sie schämte sich, so nackt auf kaltem Holz zu stehen, mit gekrümmten Zehen, die Arme über dem Busen gekreuzt, mit einer Gänsehaut – Marciella fühlte sich so hilflos und einsam, dass sie am liebsten tot umgefallen wäre. Erst als sie die doppelwandige schwarze Türkenhose an den Fesseln zugebunden und das dazugehörige lange, kurzärmelige Hemd übergezogen hatte, bekam sie wieder ein bisschen Mut.

Mit weißen Lippen und kalten Füßen betrat sie die oberste Stufe der Treppe. Bloß nicht zögern, sonst machst du dich zum Gespött!, ermahnte sie sich. Noch einmal drückte sie sich den Hut auf den Kopf, dann näherte sie sich langsam Stufe für Stufe dem glucksenden Meer. Es glitzerte wirklich einladend. Marciella entdeckte Frauen, die bis zu den Schultern im Wasser standen und Ball spielten.

Und da waren auch die Nonnen.

Sie winkten ihr zu.

Marciella hielt die Luft an. Im ersten Augenblick schien das kalte Nass ihr das Herz herausreißen zu wollen, doch schon im nächsten Augenblick war es erträglich. Noch eine Stufe, und sie fühlte Sand unter den Füßen.

Schön fühlte er sich an. Sie bewegte die Zehen, brachte ein Lächeln zuwege. Mit jedem Schritt, den sie auf die Nonnen zuwatete, kam ihr das Meer wärmer vor. Sie fror nicht mehr, und die Sonne wärmte ihr wohlig den Rücken.

»Die erste Hälfte der Prüfung haben Sie bestanden. Aber richtig baden heißt: Wasser bis zum Hals.«

Die Nonne ging in die Knie und machte ein paar Schwimmbewegungen. Ein paar Sekunden lang blieb sie sogar waagerecht im Wasser. Ihre Mitschwester lachte. Sie forderte Marciella auf, es ihr nachzumachen. Marciella ergab sich in ihr Schicksal. Es kam ihr zwar vor, als umarme sie der Tod, aber schon wenige Augenblicke, nachdem das Wasser über ihren Schultern zusammenschlug, war es auszuhalten. Schließlich begann es, die Haut zu schmeicheln, und auf einmal war alle Kälte verschwunden.

Jegliche Unruhe schwand, alle Aufregung war vergessen. Herrlich! Köstlich! So etwas zu erleben! Marciella fühlte eine Freude in sich aufsteigen, die sie längst glaubte, vergessen zu haben. Immer wieder tauchte sie unter, ließ sich sogar auf die Knie fallen und kroch schließlich rudernd über den Sand. »Und jetzt trotzen wir der Brandung.«

Strudelnd und wirbelnd spielte das Meer mit ihnen, zeigte sich von seiner besten Seite. Marciellas Haar wurde im Nacken nass, der Hut schwamm davon. Das Wasser rann durch den Ausschnitt und über den Rücken, und bald spürte Marciella überall den feinen Sand, der durch ihren Anzug drang und sich an den unmöglichsten Stellen sammelte. Doch das war ihr jetzt alles vollkommen gleichgültig.

Marciella hätte jauchzen können vor Glück.

Sie badete! Vergrub die Hände im Sand, knetete ihn mit den Zehen und konnte gar nicht mehr aufhören, das Wasser durch die Hände laufen zu lassen. Schließlich benetzte sie sich sogar die Schläfen, dann wartete sie, bis die Sonne ihr Badehemd aufgeheizt hatte, und tauchte ab in die Wellen. Das Wasser zerrte an ihr, aber es machte ihr nichts mehr aus. Sie brauchte die Nonnen nicht mehr.

Irgendwann musste sie sich ausruhen. Sie atmete so ruhig wie noch nie in ihrem Leben. Eine königliche Ruhe ergriff sie, und als sie zu der Treppe vor ihrer Kabine watete, warf sie triumphierend die Arme in die Luft. Sie hatte ihr Ziel erreicht. Dieses Bad war zur zweiten Taufe geworden. Sie hatte sich selbst zurückerobert.

Als sie sich auf die geliehenen Handtücher stellte und die nassen Sachen auszog, fühlte sie sich erfrischt und entspannt. Ihre Haut war kalt, aber ihr Körper warm. Sie zögerte keine Sekunde. Jetzt keine Unterwäsche! Und wenn es noch so verwerflich war. Sie zog ihr Seidenkleid über und schlüpfte barfuß in ihre Schuhe. Dann klingelte sie.

»Jetzt darfst du meine Tasche tragen. Und schaff die Handtücher weg, ja?«

Das Mädchen knickste. Am Ende des Stegs nahm Marciella ihr die Tasche wieder ab und drückte ihr eine halbe Lira in die Hand.

»Bist ein braves Ding«, sagte sie und stapfte zum Eingang.

Ihr Körper begann zu glühen, und der Durst, den sie plötzlich spürte, war gewaltig. Aber Marciella kannte nur ein Ziel: nach Hause. Sie wollte jetzt allein sein und ihren Triumph ganz für sich genießen. Und auch, wenn es heiß war und sie schwitzte – das Gefühl, wenn ein Windstoß den Stoff kühlend an ihre pulsierende Haut trieb, ließ sie vor Wonne erschauern. Als sie endlich die Stufen des väterlichen Palazzos hochschritt, schwitzend, mit trockenem Mund, war sie außer sich. Ihr Körper war in Aufruhr. Sie hätte sich einbilden können, ihr sei ein Schwarm Schmetterlinge unters Kleid geflogen und treibe zwischen ihren Schenkeln sein Unwesen.

Sie kannte dieses Gefühl, konnte es aber noch nicht genießen. Jetzt war es so weit.

Schwarze Venus. Schwarze Venus.

Marciella schloss die Vorhänge und warf sich aufs Bett. Ihre empfindlichste Stelle zuckte. Es wurde ihr heiß. Die Muschel schien angeschwollen wie ein dicker Schwamm. Irritiert spürte sie, wie es feucht aus ihm herausdrängte.

Die schwarze Venus berührte sich ... zum ersten Mal ...

Als es an der Tür klopfte, wusste sie, dass es ihr Vater war. Sie war viele Stunden fort gewesen, und es wäre einem Wunder gleichgekommen, hätte er ihre Abwesenheit nicht bemerkt. Marciella gingen alle möglichen Ausreden durch den Kopf, während sie zur Tür schlich: Eine Freundin Mamas hätte sie eingeladen, sie sei noch einkaufen gewesen und in der Hitze plötzlich ohnmächtig geworden, der Gondoliere sei riesige Umwege gefahren, ihr Beichtvater habe sie um Geld angefleht – aber das war natürlich alles lächerlich. Und hätte an den Folgen nichts geändert: Eine massive Strafpredigt, wahrscheinlich sogar garniert mit ein paar Ohrfeigen. Denn wenn sie ihrem Vater auch im eigentlichen Sinn gleichgültig war, wenn es um die Ehre und den Ruf der Merellis ging, kannte er kein Pardon. Die ehrenwerte Fassade der Wohlanständigkeit musste gewahrt werden – was sich hinter ihr verbarg, war zweitrangig.

»Unser Name verpflichtet. Merk dir das!«, hatte Vater erst gestern Abend wieder gesagt.

Marciella ahnte, was kommen würde. Und spürte, wie sich etwas in ihr zusammenzog. So wie sich ein Wurm zusammenzieht, wenn man in ihn hineinsticht.

Der Wurm, das war sie, ihre Seele.

Sie öffnete.

»Wo warst du?«

Nicht er fragte, sondern sie, Stiefmutter Marchesa Angelica. Lasziv hob sie ihre Hand – als wolle sie zuschlagen. Tatsächlich richtete sie in schneckenhafter Langsamkeit nur eine ihrer schwarzen, mit Goldbändern umwickelten Locken, die von ersten feinen grauen Strähnen durchzogen war. Die Frisur, die sie sich von einem alten Gemälde abgeguckt hatte, verlieh ihr eine exklusive Aura. Der eigentliche Trumpf ihrer Stiefmutter jedoch lag in eben dieser provozierenden Langsamkeit der Bewegungen. Geschickt fesselte sie so die Aufmerksamkeit ihres Gegenübers und riss die Herrschaft des Augenblicks an sich – so wie jetzt. Nobel, aber auch bedrohlich, stand sie neben ihrem Mann, dem Marchese. Für eine Neapolitanerin war sie untypisch groß. Noch größer aber war ihre innere Spannung. Marciella hatte allmählich gelernt, sich mit dieser Angst einflößenden Kraft zu arrangieren, trotzdem lief es ihr kalt den Rücken hinunter. Erschrocken blieben ihre Augen am Gesicht der Stiefmutter hängen, dessen gemeißelte Schönheit etwas Grausames an sich hatte. Ihre Stiefmutter pflegte ihr Aussehen, wie ein Bildhauer weißen Carrara-Marmor mit feinsten Tüchern polierte. Ihre straffe Haut wirkte kühl wie Stein, was Marchesa Angelica Merelli nicht davon abhielt, die wenigen Frauen, die noch weißere Haut hatten als sie, zu hassen.

Marciellas Herz pochte bis in ihren Hals, begann schließlich sogar in ihren Ohren zu dröhnen. Kalter Angstschweiß sammelte sich in ihren Handflächen.

»Willst du nicht antworten?«, fragte er.

Im Blick des Vaters lag eine bedrohliche Ruhe. Und doch loderte hinter dieser gebändigten Kraft ein gefährliches Feuer. Es war jetzt nicht der verzehrende Schmelz eines perversen, seine Tochter begehrenden Vaters, sondern die sadistische Leidenschaft eines fanatischen Granden, dem der Schein von Ehre und das Wissen um seine Autorität im Moment wichtiger war als alles andere.

Marchese Merelli hatte zwei Gesichter.

Wie bronzenes Gezücht kamen Marciella jetzt seine Caesaren-Locken vor, und sein breites, wohl geformtes Gesicht wirkte hart und finster, als sei es aus Basalt.

Marciellas feuchte Hand glitt vom Türrahmen und hinterließ dabei einen hauchzarten Film, als sei das Holz von Tau benetzt. Weder ihr Vater noch ihre Stiefmutter bemerkten es, Marciella aber glaubte, vor Angst gleich schreien zu müssen. Doch gleichzeitig schwor sie sich, nie wieder diese beiden Augenpaare vor sich zu sehen, die sie grausam und höhnisch auf ihrer Türschwelle festnagelten.

Du wirst es noch einmal über dich ergehen lassen, dachte sie. Aber nur ein einziges Mal ...

Sie machte sich auf das Schlimmste gefasst. Was immer sie auch sagte, es würde eine Katastrophe auslösen. Es schien ihr, als würde ihr Vater sich sogar noch zurückhalten, um seinem Zorn erst freien Lauf zu lassen, wenn er alles wusste.

Sie dachte an den Badesteg, die Nonnen, wie sie im Meer bis zu den Schultern untergetaucht war.

Diese beiden Menschen vor ihr waren jetzt wie eine aufgestaute Woge, die kurz davor war, über der Badeanlage zusammenzuschlagen. Und sie war nichts als eine Planke. Noch war sie trocken, die Woge über ihr aber rauschte schon und dröhnte, versperrte den Blick ins Licht. Sie schaukelte sich hoch, immer höher. Gleich würde sie niederstürzen, und dann war kein Halten mehr. Sie würde sie begraben, vielleicht umbringen.

Marciellas Angst raubte ihr fast den Verstand. Aber auch der Trotz wuchs. Einen Augenblick lang spielte sie mit dem Gedanken, ihr schreckliches Geheimnis, das sie mit dem Vater teilte, zu lüften. Aber sie schwieg. Noch nicht. Jetzt war nicht der richtige Moment. Ihre Enthüllung würde verzischen wie ein glühender Pinienzapfen, über den sich Wasser ergoss.

»Ah, du sagst nichts? Du willst nichts sagen?«

Marciella atmete so tief ein, bis ihr schwindlig wurde.

»Ich war baden. Am Lido«, sagte sie.

Ihre Antwort, die im Luftstrom zischte, ließ die Woge über ihr zusammenbrechen.

»Madonna!«, brüllte der Marchese, packte Marciella am Arm und zog sie durch ihr Zimmer. Er riss ihr das Kleid vom Leib, drückte ihren Kopf in die Kissen und schlug mit dem Gürtel zu. Immer wieder. Marchesa Angelica hatte die Tür geschlossen. Erst als Blut floss, kam sie an Marciellas Bett.

»Und sie ist noch heimgekommen«, sagte sie, gespielt entschuldigend. »Trotz ihrer Schande.«

Auf den Marchese wirkten die ruhigen Worte anfeuernd. Er hatte nur noch ein Wort im Kopf, und das war: Schande. Das Wort fiel im Rhythmus des klatschenden Gürtels, der Marciellas Rücken gerbte.

»Baden«, sagte Marchesa Angelica ruhig und sah zum Fenster hinaus. »Und sie ist noch heimgekommen. Deine Tochter. Es ist deine Tochter. Verstehst du? Nein, du verstehst es nicht.«

Jedes Wort hatte die Wirkung eines Schwalls Petroleum. Der Marchese schlug immer wilder, jetzt nicht mehr mit dem Gürtel, sondern mit der flachen Hand.

Als Marciella glaubte, jetzt käme der Tod, hörte sie wieder die Stimme ihrer Stiefmutter.

»Basta, basta. Du schlägst deine Tochter tot. Willst du sie umbringen? Bist du ein Wolf? Kein Tier behandelt man so.«

Der Marchese ließ seine angeschwollenen Hände sinken. An einer klebte Marciellas Blut. Wie irr geworden, starrte er seine Frau an, dann wanderte sein Blick zu seiner wie tot daliegenden Tochter. Sein Gesicht war schweißnass, die Augen gerötet und weit hervorstehend. Langsam dreht er sich um, dann plötzlich hatte er es eilig, schnell aus dem Zimmer seiner Tochter zu kommen. Doch die Marchesa trat ihm in den Weg. »Du weinst?!«, lachte sie und hielt ihn auf. »Du weinst doch wohl nicht?!«, wiederholte sie leise.

Langsam zog sie seinen Kopf zu sich und küsste seine nasse Stirn. Erst dann gab sie ihren Mann frei, der laut aufschluchzend davonrannte.

Marchesa Angelica schwebte auf Marciellas Bett zu. Sie war sich nicht zu fein, in die Hocke zu gehen, und auf einmal klang ihre Stimme mild und besorgt:

»Tut dir etwas weh? Ja? Ach, du Arme.«

Sie streichelte Marciella übers Haar. Ihr Lächeln war mild und königlich, ihre Augen aber ohne jegliche Anteilnahme. »Du musst dir nichts dabei denken«, sagte sie sanft. »Du kennst ihn doch, deinen Papa. Er mag dich. Und ich dich auch. Komm, steh auf. Es ist vorbei. Er ist weg. Was ist schon passiert, hm?«

Die Worte waren schlimmer als alle Schläge. Marciella, deren Rücken wie Feuer brannte, begann zu beben. Aber so dicht sie ihre Arme auch an den Kopf presste, sie konnte den fadenscheinigen Ermutigungen und falschen Trostworten ihrer Stiefmutter nicht entrinnen. So sehr sie sich zusammenzureißen und auf ihren Hass zu konzentrieren versuchte, es half weder gegen die Schmerzen noch die Tränen.

Die Marchesa nickte in boshafter Genugtuung.

»Du willst deine Schande ausweinen?«, flötete sie. »Das ist gut. Und dann schwöre, dass du nie wieder so etwas tust. Schwörst du es?«

Marciella versteifte sich. Ihre Tränen versiegten. Dafür wurde ihr übel, und sie musste sich ein klein wenig übergeben.

»Schwörst du es?«, fragte die Marchesa honigsüß, aber die Drohung dahinter war wie der Schatten eines gewaltigen Teufels.

Marciella hielt den Atem an.

»Ich werde mich rächen«, murmelte sie trotz Rotz, Speichel und saurem Geschmack.

»Dummes Ding« entgegnete die Marchesa amüsiert. »Ich dachte, du bist eine Frau?«

Sie erhob sich.

»Mach Toilette«, sagte sie. »Du riechst sehr streng.«

Sie drehte sich langsam um und verließ das Zimmer. Ihr Kleid knisterte und rauschte, und Marciella hörte genau, dass die Schritte ihrer Stiefmutter eine Spur beschwingter waren als sonst.

Kapitel 2

Das Meer roch nach Orangenblüten und die Fische eine Spur nach Nelken und Weihrauch. Hafis kannte es nicht anders. Trotzdem beugte er sich hingerissen von der zappelnden Pracht über die flachen Bastkörbe, an denen die Wellen des Arabischen Meeres leckten. Die Fische schillerten gelb, türkis, rot, lila, ihre Schuppen waren geheimnisvoll wie der Regenbogen. Es war ein guter Fang. Der junge Fischer hätte allen Grund gehabt, ein Loblied auf Gott anzustimmen. Doch stattdessen schlug er sich mit der Faust auf die entblößte Brust und sagte traurig, ihm sei bestimmt, dass er gehen müsse.

»Es ist nicht mein Wille, Maskat und Oman zu verlassen. Gott will es.«

Hafis schaute auf und wollte etwas sagen, aber die Tränen in den Augen des Fischers machten ihn stumm. Sein Herz krampfte sich zusammen, und von einer Sekunde auf die andere überfiel ihn die Angst, dass er das Schicksal des Fischers würde teilen müssen.

Bestürzt eilte er über den Strand zum Garten des Sultans. Im kühlenden Schatten von Palmen, Orangen- und Zitronenbäumen setzte er sich auf eine Bank und wischte sich den Sand von den Füßen. Der Sand war weiß und fein wie Mehl, und Hafis ärgerte sich, dass er ausgerechnet hier, inmitten der betörenden Schönheit eines orientalischen Gartens, den Geruch muffigen Holzes in die Nase bekam.