Die Schlafwandler - Hermann Broch - E-Book

Die Schlafwandler E-Book

Hermann Broch

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Beschreibung

In "Die Schlafwandler", einem der herausragenden Werke der modernen Literatur, entführt Hermann Broch seine Leser in die seelischen Abgründe und existenziellen Krisen der Menschen im frühen 20. Jahrhundert. Der Roman, der in drei miteinander verflochtenen Erzählsträngen angelegt ist, thematisiert den Verlust von Werten und die Entfremdung in einer Welt im Umbruch. Brochs einzigartiger literarischer Stil, gekennzeichnet durch eine fusionierte Prosa aus psychologischer Intensität und philosophischer Tiefe, reflektiert die Komplexität der menschlichen Erfahrung und die Ambivalenz des modernen Lebens. Die Figuren erscheinen dabei oftmals als 'Schlafwandler', gefangen in einem bewusstseinslosen Zustand und auf der Suche nach Identität und Sinn in einer zunehmend chaotischen Gesellschaft. Hermann Broch, geboren 1886 in Wien, war nicht nur Schriftsteller, sondern auch ein tiefgründiger Denker, der sich intensiv mit den Krisen seiner Zeit auseinandersetzte. Seine Erfahrungen als Ingenieur und sein Interesse für Philosophie und Psychologie prägten seine literarische Arbeit. Mit "Die Schlafwandler" wollte Broch die seelischen und moralischen Herausforderungen beleuchten, denen die Menschheit angesichts des Herannahens des Ersten Weltkriegs gegenüberstand, und den aufkommenden Nihilismus aus einer literarischen Perspektive untersuchen. Leser, die sich für die facettenreiche Erforschung des Menschlichen interessieren und eine Auseinandersetzung mit der Fragilität von Werten und Identität des 20. Jahrhunderts suchen, sind mit "Die Schlafwandler" bestens bedient. Dieses Werk ist nicht nur ein literarisches Meisterwerk, sondern ein zeitloses Zeugnis für die Suche nach Sinn und der menschlichen Existenz in unruhigen Zeiten. In dieser bereicherten Ausgabe haben wir mit großer Sorgfalt zusätzlichen Mehrwert für Ihr Leseerlebnis geschaffen: - Eine prägnante Einführung verortet die zeitlose Anziehungskraft und Themen des Werkes. - Die Synopsis skizziert die Haupthandlung und hebt wichtige Entwicklungen hervor, ohne entscheidende Wendungen zu verraten. - Ein ausführlicher historischer Kontext versetzt Sie in die Ereignisse und Einflüsse der Epoche, die das Schreiben geprägt haben. - Eine Autorenbiografie beleuchtet wichtige Stationen im Leben des Autors und vermittelt die persönlichen Einsichten hinter dem Text. - Eine gründliche Analyse seziert Symbole, Motive und Charakterentwicklungen, um tiefere Bedeutungen offenzulegen. - Reflexionsfragen laden Sie dazu ein, sich persönlich mit den Botschaften des Werkes auseinanderzusetzen und sie mit dem modernen Leben in Verbindung zu bringen. - Sorgfältig ausgewählte unvergessliche Zitate heben Momente literarischer Brillanz hervor. - Interaktive Fußnoten erklären ungewöhnliche Referenzen, historische Anspielungen und veraltete Ausdrücke für eine mühelose, besser informierte Lektüre.

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EPUB

Veröffentlichungsjahr: 2023

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Hermann Broch

Die Schlafwandler

Bereicherte Ausgabe.
Einführung, Studien und Kommentare von Felix Schulze
EAN 8596547730750
Bearbeitet und veröffentlicht von DigiCat, 2023

Inhaltsverzeichnis

Einführung
Synopsis
Historischer Kontext
Autorenbiografie
Die Schlafwandler
Analyse
Reflexion
Unvergessliche Zitate
Notizen

Einführung

Inhaltsverzeichnis

Dieses Buch zeigt, wie Menschen durch Umbrüche taumeln, als folgten sie einem fremden Schritt. Die Schlafwandler führt in eine Welt, in der Gewissheiten brüchig werden und Handlungen sich aus Routinen, Irrtümern und halb bewussten Überzeugungen speisen. Hermann Broch entfaltet diese Bewegung nicht als Katastrophendrama, sondern als leises, zugleich präzises Fortschreiten: Figuren gehen ihren Weg, während um sie herum Ordnungen erodieren. Der Roman fordert dazu auf, nicht nur Ereignisse, sondern die Muster dahinter zu sehen. So entsteht eine Diagnose der Moderne, die weniger schrille Warnrufe als ein beharrliches, literarisches Beobachten ist – und gerade darin ihre Wucht entfaltet.

Die Schlafwandler ist ein dreiteiliger Roman des österreichischen Autors Hermann Broch (1886–1951). Die Trilogie erschien zwischen 1930 und 1932 und verknüpft drei zeitlich gestaffelte Teile, die in den Jahren 1888, 1903 und 1918 angesiedelt sind. Sie begleitet verschiedene Lebenswelten im deutschsprachigen Mitteleuropa vom späten Kaiserreich bis an den Rand und in die Erschütterung des Weltkriegs. Broch schrieb in einer Epoche, die von politischen Spannungen, technischer Dynamik und geistigen Krisen geprägt war. Sein Werk steht im Kanon der literarischen Moderne und gilt als ein Versuch, die Umwälzungen der Zeit mit den Mitteln des Romans begrifflich und erzählerisch zu durchdringen.

Formal verbindet Broch eine vielstimmige Erzählweise mit essayistischen Passagen. Jede der drei Teilen konzentriert sich auf eine Leitfigur und ein charakteristisches Milieu: die Welt militärischer und adliger Konventionen, das Feld bürgerlicher Geschäftstüchtigkeit und das Terrain nüchterner, opportunistischer Sachlichkeit. Perspektivwechsel, stilistische Schattierungen und Montageverfahren erzeugen eine dichte Textur, die Individuelles und Strukturelles verschränkt. An die Stelle eines linearen Bildungsromans tritt ein Gefüge von Haltungen, Gewohnheiten und Deutungen. Der Roman fragt damit, wie Vorstellungen von Ehre, Arbeit und Wirklichkeit jeweils entstehen – und wie sie, unbemerkt oder ruckartig, ihre Bindekraft verlieren.

Die Handlung setzt bei den scheinbar soliden Formen spätkaiserlicher Gesellschaft an, folgt dann den Verwerfungen eines beschleunigten, geschäftsgetriebenen Alltags und endet in einer Atmosphäre, in der Zweckmäßigkeit jede Bindung prüft. Pasenow, Esch und Huguenau sind keine Allegorien, sondern markante, psychologisch beobachtete Figuren, die unterschiedliche Antworten auf dieselbe Lage erproben: den Verlust verlässlicher Maßstäbe. Aus Begegnungen, Zufällen und Entscheidungen entsteht ein Panorama, das Private und Politische zugleich berührt. Ohne sichtbares Pathos, aber mit hartnäckiger Genauigkeit zeigt Broch, wie Lebensformen sich behaupten, verfehlen oder in neue, manchmal beunruhigende Selbstverständlichkeiten übergehen.

Brochs Projekt steht im Kontext der europäischen Zwischenkriegsmoderne, doch es blickt zurück auf die lange Vorgeschichte des Zusammenbruchs alter Ordnungen. In einer Zeit, die von ästhetischen Experimenten, sozialer Forschung und philosophischer Skepsis geprägt war, entwirft er einen Roman, der Erzählung und Analyse verbindet. Die Schlafwandler steht damit neben anderen Großunternehmen der Zeit, die das Gefüge moderner Erfahrung erkunden. Anders als reine Zeitreportagen versucht Broch, die langfristigen Verschiebungen von Wert und Wahrnehmung sichtbar zu machen. Der historische Schauplatz dient nicht als Kulisse, sondern als Labor für die Veränderbarkeit des Sinns gesellschaftlicher Regeln.

Im Zentrum steht die Frage nach dem Wertehaushalt moderner Gesellschaften: Was hält Handlungen zusammen, wenn Traditionen wanken und neue Normen erst im Entstehen sind? Broch zeigt, wie Militär, Markt und Verwaltung je eigene Tugenden hervorbringen – und wie diese, unter Druck geraten, in Rivalität, Leerlauf oder Zynismus kippen können. Der Roman zeichnet keine einfache Morallehre; er beobachtet Gewissensentscheidungen im Grenzbereich zwischen Pflichtgefühl, Ehrgeiz, Gewohnheit und Angst. Indem er die Protagonisten in Übergangszonen platziert, macht er erfahrbar, wie fragile Kompromisse unser Handeln tragen und wie rasch sie zerbrechen.

Die ästhetische Eigenart des Werks liegt in der Verbindung von erzählerischer Anschaulichkeit und begrifflicher Strenge. Broch nutzt genaue soziale Details, um Strukturen zu zeigen, und setzt essayistische Einschübe, um die Beobachtungen zu verdichten. Ironie, Lakonik und analytische Kühle stehen neben Momenten eindringlicher Atmosphäre. Das Ergebnis ist ein Roman, der den Leser ernst nimmt: Er erklärt nicht von oben herab, sondern lädt zum Mitdenken ein. Diese Konstruktion erlaubt es, sowohl individuelle Motive als auch gesellschaftliche Muster zu beleuchten, ohne eines dem anderen zu opfern – ein Balanceakt, der bemerkenswert souverän gelingt.

Als Klassiker gilt Die Schlafwandler, weil es eine Form gefunden hat, geistige Geschichte erzählbar zu machen. Es verbindet psychologische Genauigkeit, gesellschaftliche Reichweite und formale Erneuerung. Die Trilogie hat ihren festen Platz im 20. Jahrhundert, wird in Forschung und Lehre breit rezipiert und liegt in zahlreichen Ausgaben vor. Ihr Rang beruht nicht auf Skandal oder Exotik, sondern auf intellektueller Haltbarkeit: Die Fragen, die Broch stellt, verlieren nicht an Schärfe. Zugleich erweist sich der Text als literarisch eigenständig, weil er theoretische Ambition und erzählerische Spannung produktiv miteinander verschränkt.

Über ihren Kanonstatus hinaus hat die Trilogie Maßstäbe für das Erzählen historischer Übergänge gesetzt. Sie dient Autorinnen und Autoren, die die moralische Ambivalenz moderner Lebensverhältnisse erkunden, als Referenzrahmen. Auch in der Literaturwissenschaft wirkt Brochs Konzept, narrative und essayistische Verfahren zu kombinieren, als anregendes Modell. Dabei ist der Einfluss weniger durch Nachahmung als durch Möglichkeiten spürbar, die das Werk eröffnet: Es zeigt, wie Romane mit komplexen Wertkonflikten umgehen können, ohne in These oder Moralstück zu verfallen. So bleibt Die Schlafwandler ein Ort, an dem sich ästhetische und gesellschaftliche Fragen produktiv kreuzen.

Wer das Buch liest, begegnet keiner bequemen Chronik, sondern einer bewusst anspruchsvollen Komposition. Die Wechsel der Tonlage, die wechselnden Perspektiven und der zunehmende analytische Zugriff verlangen Aufmerksamkeit, belohnen aber mit einem nuancierten Blick auf Menschen in ihrer Zeit. Anstelle spektakulärer Enthüllungen gibt es viele kleine Verschiebungen, deren Summe die eigentliche Bewegung bildet. Broch traut seinem Publikum zu, Ursachen von Symptomen zu unterscheiden. Die Lektüre lädt ein, sich selbst in die Fragestellungen zu verwickeln: Welche Regeln tragen mein Handeln? Welche Geschichten erzähle ich mir, um Halt zu finden?

Gerade dadurch ist das Werk heute von überraschender Aktualität. In einer Gegenwart, in der Gewissheiten erodieren, Informationsflüsse beschleunigen und normative Koordinaten umstritten sind, stellt Die Schlafwandler die richtigen Fragen. Es beschreibt keine vergangene Sonderlage, sondern eine Struktur: die langsame Aushöhlung gemeinsamer Maßstäbe, die sich erst spät als Krise zeigt. Wer verstehen möchte, wie Pragmatismus in Zynismus kippen kann oder wie Ideale in Folklore erstarren, findet hier ein kluges Beobachtungsinstrument. Brochs Roman sensibilisiert für die leisen Zeichen des Wandels – für Rituale, Routinen und Worte, die ihre Bedeutung unmerklich wechseln.

Die zeitlosen Qualitäten des Buches liegen in seiner ethischen Ernsthaftigkeit, seiner formalen Kühnheit und seiner historischen Weitsicht. Es ermuntert, aufmerksam zu urteilen, ohne vorschnell zu verurteilen, und zeigt, wie Literatur Denken in Bewegung setzt. Dass Die Schlafwandler fast ein Jahrhundert nach seiner Entstehung so lebendig wirkt, hat mit dieser offenen, zugleich disziplinierten Haltung zu tun. Broch liefert kein Rezept, sondern ein Instrumentarium. Wer es nutzt, liest nicht nur die Vergangenheit klarer, sondern erkennt im Spiegel der Figuren auch die Bruchstellen der Gegenwart. Darin liegt die bleibende Relevanz dieses Klassikers.

Synopsis

Inhaltsverzeichnis

Die Schlafwandler ist eine Trilogie von Hermann Broch, erschienen Anfang der 1930er Jahre. Sie verfolgt anhand dreier Hauptfiguren den Wandel Europas vom späten 19. Jahrhundert bis zum Ende des Ersten Weltkriegs. Jede Figur steht für eine Haltung: der adlige Offizier Pasenow für eine romantische Ordnung, der kleinbürgerliche Angestellte Esch für aufgewühlte Anarchie, der geschäftstüchtige Huguenau für nüchterne Sachlichkeit. Der Roman verbindet erzählerische Episoden mit essayistischen Einschüben, die die Erosion gemeinsamer Werte beleuchten. In fortschreitender Zeitfolge legt Broch frei, wie traditionelle Bindungen brüchig werden und wie Menschen versuchen, Halt zu finden, während gesellschaftliche und geistige Koordinaten verrücken.

Der erste Teil, 1888 Pasenow oder die Romantik, führt einen jungen preußischen Offizier vor, dessen Leben von Standespflicht, Familienerwartung und militärischer Form geprägt ist. Zwischen Karriereambition und privater Neigung schwankend, sieht er sich einer Moderne gegenüber, die industrielle Nüchternheit und städtische Versuchungen mit sich bringt. Symbole wie Uniform, Etikette und höfische Rituale geben ihm Orientierung und zugleich Fesseln. Ein zentraler Wendepunkt entsteht, als er sich zwischen einer gesellschaftlich passenden Verbindung und einer leidenschaftlichen Bindung entscheiden muss. Die Entscheidung wird aufgeschoben, und gerade diese Unschlüssigkeit zeigt, wie seine inneren Maßstäbe mehr Schein als tragfähige Überzeugung sind.

Broch entfaltet diese Spannung in Szenen aus Garnison, Salon und Gutshof. Der äußere Glanz verdeckt eine innere Leere: Pasenow idealisiert Formen, weil sie Verlässlichkeit versprechen, doch sie werden zum Ersatz für persönliche Verantwortung. Begegnungen mit Freunden und Verwandten spiegeln unterschiedliche Modelle von Lebensführung, ohne einen klaren Ausweg zu eröffnen. Die Handlung bleibt in leisen Verschiebungen, in Blicken und Entscheidungen, die nicht fallen. So tritt das Leitmotiv des Schlafwandelns hervor: Bewegung ohne Wachheit, Tradition ohne Überzeugung. Der erste Teil endet ohne endgültige Auflösung, markiert jedoch die Verengung der Möglichkeiten, die die folgenden Bände fortschreiben werden.

Der zweite Teil, 1903 Esch oder die Anarchie, wechselt in das Milieu der unteren Mittelschichten. Esch, ein Buchhalter, verliert berufliche Sicherheit und sucht umso beharrlicher nach moralischer Ordnung. Sein Empfinden für Gerechtigkeit steigert sich zur Fixierung, die ihn für Agitation und geheime Zusammenschlüsse empfänglich macht. Zwischen religiösen Bedürfnissen, nationalen Parolen und sozialem Ressentiment tastet er nach Zugehörigkeit. Stationen des Orts- und Berufswechsels verstärken das Gefühl, aus der Bahn geraten zu sein. Ein prägender Wendepunkt liegt darin, dass er sich einer Aufgabe verschreibt, vermeintliches Unrecht aufzudecken – ein Ziel, das ihm Identität gibt und ihn in konfliktreiche Bündnisse treibt.

Broch zeigt Esch in Büros, Kneipen und Druckereien, in denen Sprache und Schlagworte die Wahrnehmung verengen. Das Erzählen spiegelt sein Denken: Kategorien werden scharf, Zwischentöne verschwinden. Zugleich setzen persönliche Beziehungen Akzente, die Hoffnung auf Nähe wecken und Loyalitäten herausfordern. Immer wieder kippt der Drang zur Klarheit in Verdacht und Verbitterung. Die Dynamik des zweiten Teils steigert sich zu einer Konfrontation, in der Eschs Forderung nach Reinheit mit den pragmatischen Arrangements seiner Umgebung kollidiert. Wie diese Zuspitzung ausgeht, bleibt hier unausgeführt; entscheidend ist die Einsicht, dass der Wunsch nach Ordnung auch in Zwang und Vereinseitigung umschlagen kann.

Der dritte Teil, 1918 Huguenau oder die Sachlichkeit, verlegt die Handlung in die Unübersichtlichkeit eines kriegsgezeichneten Grenzraums. Huguenau, ein umtriebiger Kaufmann, richtet sein Handeln an Nutzen und Gelegenheit aus. Er nutzt die Verwerfungen des Kriegs, um Geschäfte zu machen, und bewegt sich versiert zwischen militärischen und zivilen Instanzen. Das Erzählen wird sprunghafter, reportagehaft, Stimmen wechseln, Dokumentarisches mischt sich ein. Ein wesentlicher Wendepunkt liegt darin, dass Huguenau die Lücken einer kollabierenden Ordnung produktiv macht: Er gründet, vermittelt, verhandelt – Unternehmungen, die ihn mit früheren Figuren verknüpfen und ihn in moralisch prekäre Situationen führen.

Im Verlauf dieses Teils wird der Zerfall sozialer Bindungen unübersehbar. Waren, Geld und Papiere ersetzen Vertrauen; Regeln gelten, wo sie nützen, und werden sonst beiseitegeschoben. Huguenau wirkt als Katalysator dieser Entwicklung: seine Anpassungsfähigkeit zeigt die Kosten einer Ethik, die nur auf Zweckmäßigkeit gründet. Institutionen wie Kirche, Verwaltung und Presse erscheinen funktionalisiert, ihre moralische Autorität erodiert. Die Spannung wächst, als Huguenaus Manöver auf die verbleibenden Gewissensansprüche anderer Personen treffen. Welche Konsequenzen daraus erwachsen, bleibt hier offen; sichtbar wird, wie weit der Weg von romantischer Formstrenge zu berechnender Sachlichkeit die Grundlagen gemeinsamen Handelns ausgehöhlt hat.

Zwischen die erzählten Stränge montiert Broch essayistische Reflexionen über den Zerfall der Werte. Er analysiert die Ideenhorizonte von Romantik, Anarchie und Sachlichkeit und entwirft eine Soziologie der Moderne, die Wirtschaft, Masse und Mythos einbezieht. Stilistisch wechselt der Text zwischen psychologischer Erzählung, Montage, Statistik- und Traktatform. Diese Einsprengsel unterbrechen nicht nur, sie vertiefen das Verstehen und verweisen auf Strukturen, die die Figuren nur ahnen. So entsteht ein polyphones Ganzes, das individuelle Schicksale mit einem geistigen Prozess verschränkt: Menschen folgen Formen, Parolen und Nützlichkeiten, während der gemeinsame Sinnzusammenhang zerfällt – das ist der Schlaf des wachen Bewusstseins.

In der Zusammenschau ist Die Schlafwandler eine Diagnose der Moderne zwischen Kaiserreich und Krieg. Indem Broch drei Lebensmodelle und Erzählweisen kontrastiert, fragt er, wie individuelle Integrität in Zeiten des Werteumbruchs möglich ist. Der Roman meidet einfache Urteile: romantische Formtreue wie berechnende Sachlichkeit können beide in Verantwortungslosigkeit führen, wenn sie unbefragt bleiben. Die nachhaltige Bedeutung des Werks liegt in dieser Prüfung von Freiheit und Bindung: Es fordert dazu auf, nicht in vorgegebenen Mustern oder bloßer Zweckrationalität zu verharren, sondern das eigene Handeln wach zu begründen. Die Handlung bleibt, wo nötig, unausgeführt; der Impuls zur Selbstaufklärung bleibt.

Historischer Kontext

Inhaltsverzeichnis

Hermann Brochs Trilogie Die Schlafwandler entfaltet ihr Panorama zwischen 1888, 1903 und 1918, überwiegend in deutschen und elsässischen Räumen des Kaiserreichs. Prägend sind das Militär als Träger preußischer Ordnung, die Kirche als moralische Instanz, die aufsteigende Industrie mit ihren Unternehmen und Kartellen sowie eine expandierende Bürokratie. Broch, ein Wiener Autor, veröffentlichte die Teile zwischen 1930 und 1932 und blickte aus der krisenhaften Weimarer Gegenwart zurück. Das Werk spiegelt die Umbrüche eines Zeitalters, in dem traditionelle Bindungen erodieren, neue Organisationsformen entstehen und Einzelne in den Sog widersprüchlicher Loyalitäten geraten – sozial, politisch und kulturell.

Das Jahr 1888, das sogenannte Dreikaiserjahr, markiert den Übergang von Bismarcks Reichsordnung zu Wilhelms II. persönlicher Herrschaft. Der Offiziersstand, adelige Gutsbesitzer und preußische Verwaltung prägen das öffentliche Leben. Ehre, Uniform, Regimentstraditionen und duellhafte Männlichkeitsrituale sind Institutionen, die Identität stiften. Mit der Herausbildung eines Nationalstaats nach 1871 verbindet sich eine hochgradig hierarchische Gesellschaft, in der Standesehre und Loyalität zur Krone normativ wirken. Brochs Blick auf diese Konstellation macht verständlich, wie ein romantisch überhöhtes Pflichtethos mit der beginnenden Moderne kollidiert und moralische Orientierung in Risse gerät.

Im späten 19. Jahrhundert beschleunigen Fabriken, Eisenbahnen, Bergbau und Chemie die Industrialisierung. Urbanisierung verändert Lebenswelten; Millionen ziehen in Städte, während neue Vorstädte und Mietskasernen entstehen. Ein bürgerlicher Lebensstil mit Bildungsidealen, Vereinswesen und häuslicher Repräsentation tritt neben die alte Offiziers- und Hofgesellschaft. Gleichzeitig differenziert sich die Arbeitswelt: Technische Fachkräfte und Angestellte ergänzen das Proletariat. Dieses Spannungsfeld zwischen ständischer Ordnung und kapitalistischer Dynamik bildet den historischen Resonanzraum, in dem romantische Selbstbilder auf sachliche Effizienzzwänge treffen – ein zentraler Konflikt des ersten Teils.

Kulturell bewegt sich die 1880er/90er-Zeit zwischen spätromantischen Sehnsüchten und einer Moderne, die ihre Symbole in Boulevards, Warenhäusern und elektrischer Beleuchtung findet. Nationalistische Rhetorik, Bildungskanon und bürgerliche Sittlichkeitsnormen behaupten sich, während Literatur und Kunst bereits an Gewissheiten rütteln. Der Ton des Fin de Siècle – Mischung aus Dekadenz und Tatendrang – ist spürbar. Religiöse Bindungen wirken weiter, doch Säkularisierung und Naturwissenschaften setzen neue Horizonte. Brochs Kontrastierung von Romantik und Entzauberung spiegelt diese gleichzeitige Präsenz von Ritual und Auflösung, von Pathos und beginnender Nüchternheit in einer Gesellschaft im Übergang.

Um 1900 intensivieren sich Modernisierungsschübe: Elektrifizierung, Straßenbahnen, Telegrafie und Telefon verdichten Kommunikation und beschleunigen Geschäftsabläufe. Warenhäuser und Reklame schaffen neue Konsumwelten; Angestellte, Buchhalter und Vertreter werden zu typischen Figuren. Politisch gewinnen Massenparteien, vor allem die Sozialdemokratie und das katholische Zentrum, an Einfluss; Gewerkschaften etablieren kollektive Interessenvertretung. Dieses Gefüge schafft zugleich Mobilität und Desorientierung. Brochs zweite Station, 1903, nutzt die Verunsicherungen einer Zwischenzeit, in der alte Autoritäten schwinden, ohne dass neue Werte verankert sind – eine Konstellation, die er unter dem Signum der „Anarchie“ erfahrbar macht.

Unter Wilhelm II. richtet sich das Reich auf Weltpolitik aus. Flottenrüstung (ab 1898), koloniale Expansion und ein aggressiver Ton nach außen laufen mit innerer Repressionsbereitschaft gegenüber Sozialisten parallel. Die politische Kultur ist von Inszenierungen, Presseaffären und Hofeinflüssen geprägt. Die Diskrepanz zwischen technischer Modernität und autoritärer Verfassung erzeugt Spannungen: Repräsentative Organe haben begrenzte Macht, während Militär und Bürokratie entscheidende Weichen stellen. Diese Mischung aus Fortschritt und politischer Unreife bereitet jene Ambivalenzen, die Broch literarisch seziert: ein Reich, das modern produziert, aber in vormodernen Loyalitäten urteilt.

Arbeitskämpfe, Sozialreformen und Massenvereine strukturieren den Alltag der unteren und mittleren Schichten. Bismarcks Sozialversicherung aus den 1880er Jahren mildert Risiken, ohne soziale Ungleichheit aufzuheben. Streiks und Tarifkonflikte werden zu Instrumenten kollektiver Aushandlung, die Gewerbepresse verbreitet neue Begriffe von Recht und Solidarität. Zugleich breitet sich die Unsicherheit der „kleinen Leute“ aus: Rationalisierung bedroht Arbeitsplätze, Konjunkturen sind wechselhaft. Brochs Figurenkonstellationen greifen diese prekäre Lage auf, indem sie zeigen, wie moralische Selbstdeutung unter wirtschaftlichem Druck ins Wanken gerät und die Suche nach Halt neue, teils radikale Orientierungen produziert.

Das Elsass-Lothringen, nach 1871 dem Deutschen Reich einverleibt, bildet einen neuralgischen Grenzraum. Deutsch-französische Loyalitäten konkurrieren, Verwaltung und Schule betreiben Germanisierung, während lokale Identitäten fortbestehen. Sprache, Militärpflicht und Rechtssysteme werden Marker einer Zugehörigkeit, die politisch umstritten bleibt. Nach 1918 fällt das Gebiet an Frankreich zurück. Brochs Bezug auf elsässische Schauplätze nutzt diese historische Ambivalenz: Opportunismus, Anpassung und Grenzgängertum erscheinen nicht als individuelle Launen, sondern als Reaktionsweisen auf ein Territorium, das zwischen Mächten und Normen zerrieben wird – exemplarisch für Europas volatile Nationalstaatlichkeit.

Der Weg in den Ersten Weltkrieg verläuft über Bündnissysteme, Rüstungswettlauf und Krisen wie die Marokko- und Balkankonflikte. Im Sommer 1914 mobilisieren Nationalbegeisterung und der „Burgfrieden“ einen Konsens, der die Fronten stabilisieren soll. Doch der industrielle Massenkrieg, Materialschlachten und neue Waffentechnologien zerstören die Illusion raschen Sieges. Die hierarchischen Militartraditionen treffen auf eine technische Kriegsmaschinerie, die individuelle Tugenden entwertet. Brochs Perspektive auf 1918 ist deshalb auch ein Blick auf den Zusammenbruch einer Sinnordnung, die Heldentum versprach, aber Bürokratie, Zufall und Vernichtung hervorbrachte.

Die Heimatfront erlebt zwischen 1914 und 1918 eine Kriegswirtschaft mit Zwangsbewirtschaftung, Engpässen und Rationierungen. Der britische Blockadekrieg, der „Hindenburg-Plan“ zur Totalmobilisierung von Arbeit und Rohstoffen sowie der Einsatz von Frauen in Fabriken verändern Alltag und Geschlechterrollen. Zensur und Propaganda strukturieren Nachrichten, während der Schwarzmarkt wächst. In Garnisons- und Kleinstädten nahe der Westfront verdichten sich Desorganisation und Kriegsverdrossenheit. Broch verankert seine Darstellung in dieser Realität einer Gesellschaft, die sich in der Not rationalisiert – und damit das Terrain für eine nüchterne, bisweilen zynische „Sachlichkeit“ bereitet.

Das Jahr 1918 bringt militärische Niederlage, Matrosenaufstände, die Novemberrevolution und den Sturz der Monarchie. Der Waffenstillstand beendet den Krieg, aber nicht die soziale und moralische Desorientierung. Zwischen Demobilisierung, Heimkehrerproblemen und politischen Rätekonzepten entsteht ein Raum provisorischer Ordnungen. Die Gewissheit vergangener Hierarchien ist dahin; an ihre Stelle treten zweckrationale Kalküle, Tauschbeziehungen und die Logik des Überlebens. Brochs dritter Teil spiegelt diese Welt, in der „Sachlichkeit“ nicht nur Stil, sondern Überlebensmaxime ist – eine Haltung, die trostlos werden kann, weil sie keine übergreifenden Werte mehr kennt.

Die frühen Weimarer Jahre sind von Verfassungsexperiment, paramilitärischer Gewalt und wirtschaftlicher Instabilität geprägt. Putschversuche und Aufstände, politischer Mord und Grenzkonflikte unterminieren Vertrauen in Institutionen. Die Hyperinflation von 1923 liegt zeitlich nach Brochs erzählter Strecke, prägt jedoch den Hintergrund seines Schreibens: Geldentwertung und Tauschökonomie machen den Markt zur letzten Instanz sozialer Geltung. Rationalisierung, Bürokratisierung und eine Kultur des Messbaren prägen die 1920er Jahre. Diese Erfahrungen fließen in Brochs Diagnose eines Wertezerfalls ein, die historischen Verlauf nicht nacherzählt, sondern in seinen mentalen Strukturen erkennbar macht.

Intellektuell formt der Diskurs über Entzauberung und Wertsouveränität den Kontext. Max Weber beschreibt die Rationalisierung moderner Lebenssphären; Georg Simmel analysiert die Geldwirtschaft; Friedrich Nietzsche attackiert traditionelle Moral; die Psychoanalyse öffnet das Unbewusste für Deutung. Broch integriert solche Debatten essayistisch, besonders im im dritten Band eingeschobenen Traktat vom Zerfall der Werte. Er zeigt, wie religiöse, militärische und bürgerliche Sinnsysteme fragmentieren und in Konkurrenz zueinander treten, ohne ein neues Zentrum zu bilden. Damit knüpft das Werk an zeitgenössische Diagnosen an und übersetzt sie in erzählte Konstellationen historischer Erfahrung.

Medien- und Kulturwandel liefern die Formen: Massenpresse, Feuilleton, Reportage und Statistik strukturieren Wahrnehmung. In der Literatur entstehen Montage- und Dokumentartechniken, die Vielstimmigkeit und Zersplitterung widerspiegeln. Zeitgenössische Experimente – etwa bei Döblin oder Musil – bilden einen Resonanzraum, in dem Broch seine eigene Synthese von Erzählung, Reflexion und formaler Zerlegung schafft. Nachrichtenfetzen, Protokolltöne und moralische Traktate im Roman reagieren auf die historische Erfahrung, dass Wirklichkeit nicht mehr als organische Einheit erscheint, sondern als Aggregat disparater Stimmen, Daten und Interessen.

Konfessionelle Verhältnisse prägen den sozialen Ton vieler Regionen. Im katholischen Westen stärken Kirche, Vereine und das Zentrum Milieubindungen; in protestantischen Gebieten dominiert ein anderer Pflicht- und Arbeitsethos. Der Kulturkampf der 1870er klingt in institutionellen Beziehungen nach, während Säkularisierung fortschreitet. Diese Gemengelage zeigt, wie Moralitäten regional, politisch und sozial vermittelt sind. Brochs Figuren bewegen sich in solchen moralischen Halböffentlichkeiten: Zwischen Beichte und Vereinsstammtisch, Redaktion und Regimentsmesse entsteht ein Kaleidoskop konkurrierender Normen, das historische Realität nicht dekoriert, sondern als Kraftfeld erkennbar macht.

Ökonomisch entstehen Kartelle und Konzerne, besonders in Stahl, Kohle und Chemie; Rationalisierung und Taylorismus verändern Arbeitsabläufe. Buchhaltung, Statistik und Kostenrechnung gewinnen Autorität – Zahlen werden Leitgrößen von Entscheidung. Verkehrssysteme verdichten sich; Telefon und Telegraf verbinden Märkte; Automobile und Zeppeline markieren technologischen Ehrgeiz. Für die „kleinen“ Existenzen wächst der Druck zur Selbstdisziplinierung, Konformität und Effizienz. Brochs zweite und dritte Zeitstufe spiegeln diese Durchökonomisierung des Lebens, in der Charakter und Moral nach Verwertbarkeit beurteilt werden und nuanciertere Loyalitäten der Zweckmäßigkeit weichen.

Als österreichischer Autor mit Erfahrung der Habsburger Moderne blickt Broch zugleich von außen auf preußisch-deutsche Konstellationen. Seine Veröffentlichung zwischen 1930 und 1932 fällt in eine Phase der Weltwirtschaftskrise, Massenarbeitslosigkeit und des Aufstiegs antidemokratischer Bewegungen. Diese Gegenwart schärft seine historische Kritik: Der Roman sieht im Vakuum gemeinsamer Werte einen politischen Risikoherd. Die Schlafwandler kommentieren, wie Militarismus, Marktlogik und instrumentelle Vernunft sich wechselseitig verstärken können – und wie Individuen in Trance geraten, wenn Tradition und Verantwortung nicht mehr vermitteln. So wird das Buch zum Kommentar und zur Warnung seiner Zeit.

Autorenbiografie

Inhaltsverzeichnis

Hermann Broch (1886–1951) zählt zu den bedeutendsten Vertretern der literarischen Moderne im deutschsprachigen Raum. Sein Werk verbindet die Erfahrung der späten Habsburger Monarchie, der Zwischenkriegszeit und des Exils zu einer umfassenden Diagnose der Wertkrise des 20. Jahrhunderts. Mit formal kühnen Romanen, die essayistische Reflexion, Montage und polyphone Erzählweisen verbinden, prägte er die Entwicklung des Großromans nachhaltig. Bekannt wurde er vor allem durch die Trilogie Die Schlafwandler (1930–1932) und den Exilroman Der Tod des Vergil (1945). Nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten emigrierte Broch in die USA, wo er sein Schreiben und sein theoretisches Denken fortführte.

Broch wuchs in Wien auf und wurde zunächst für eine praktische Laufbahn im Textilgewerbe ausgebildet. Über Jahre arbeitete er in der industriellen Produktion und Verwaltung, bevor er in den 1920er-Jahren ein systematisches Studium der Mathematik, Philosophie und Psychologie in Wien aufnahm. Diese Rückkehr zur Theorie prägte seine Vorstellung vom Roman als Erkenntnisinstrument. Intellektuell stand er im Umfeld der Wiener Moderne und reagierte auf zeitgenössische Strömungen wie Psychoanalyse, Soziologie und formale Experimente der europäischen Avantgarden. Er verstand Literatur als Ort interdisziplinärer Befragung, der ästhetische Verfahren und begriffliche Analyse zusammenführt und gesellschaftliche Transformationsprozesse kritisch reflektiert.

Parallel zu seiner Tätigkeit als Betriebsleiter entwickelte Broch in den 1910er- und 1920er-Jahren eine wachsende literarische Arbeit. 1927 gab er die industrielle Laufbahn auf, um sich vollständig dem Schreiben zu widmen. Erste Veröffentlichungen umfassen Prosatexte und theoretische Aufsätze, in denen er poetische Formfragen mit Erkenntnistheorie verband. Rasch profilierte er sich als Autor, der die Krise moderner Wertsysteme nicht moralistisch, sondern strukturell und sprachkritisch befragt. Diese Grundhaltung bereitete seine großen Romane vor und schuf eine produktive Spannung zwischen narrativer Darstellung und analytischem Kommentar, die für seine weitere Entwicklung charakteristisch blieb und sein Ansehen in kritischen Kreisen begründete.

Die Schlafwandler, veröffentlicht in drei Teilen (Pasenow 1888, Esch 1903, Huguenau 1918), entfalten ein Panorama des europäischen Wertezerfalls von der Vorkriegszeit bis zum Ende des Ersten Weltkriegs. Jeder Band folgt einer eigenen Figur und Stilform, während eingefügte Essays die Handlung intellektuell rahmen. Das Verfahren der Montage, die Variation der Erzählhaltung und die Diagnose der Sachlichkeit etablierten Broch als Hauptvertreter eines erkenntnispolitischen Romans. Zeitgenössische Kritik erkannte in der Trilogie ein Schlüsselwerk der Moderne, das historische Umbrüche nicht illustrativ, sondern strukturell darstellt und damit ästhetische Innovation mit philosophischer Analyse unmittelbar verbindet und Wirkung.

Nach dem Anschluss Österreichs wurde Broch festgenommen und konnte mit Hilfe von Freunden emigrieren; seit dem späten Jahr 1938 lebte er im Exil, schließlich in den Vereinigten Staaten. Dort vollendete er Der Tod des Vergil, einen hochkomplexen Roman von 1945, der Sprach- und Bewusstseinsbewegungen bis an ihre Grenzen treibt und Kunst, Macht und Erkenntnis neu befragt. Bereits zuvor entstand Die Verzauberung (1935), ein Roman über die Verführbarkeit einer Gemeinschaft. Parallel verfasste Broch Essays zur Massenpsychologie und politischen Ethik, in denen er Erfahrungen von Diktatur und Exil analytisch fasste und literarisch rückkoppelte.

In den späten 1940er-Jahren schloss Broch wesentliche Projekte ab. Die Schuldlosen. Ein Roman in elf Erzählungen erschien 1950 und untersucht in lose gekoppelten Episoden das Ineinandergreifen individueller Verantwortung und gesellschaftlicher Dynamik. Zugleich arbeitete er an Studien, die die Tradition der österreichischen Literatur neu beurteilten; dazu gehört die postum veröffentlichte Analyse Hofmannsthal und seine Zeit. Auch im Exil hielt Broch Vorträge und korrespondierte intensiv mit europäischen und amerikanischen Intellektuellen. Charakteristisch blieb sein Bestreben, literarische Form, Ethik und Erkenntnistheorie so zu verschränken, dass Romane zu Prüfständen historischer Erfahrung und zu Instrumenten geistiger Selbstaufklärung werden.

Broch starb 1951 in den USA. Sein Vermächtnis reicht weit über die unmittelbare Moderne hinaus: Er gilt als Erneuerer des Romans, der erzählerische Mikrologie und großräumige Gesellschaftsdiagnose in einer einzigen Form denkbar machte. Übersetzungen und Werkausgaben haben die internationale Rezeption gefestigt; seine Texte sind heute fester Bestandteil universitärer Lehre und literaturwissenschaftlicher Debatten. Die anhaltende Auseinandersetzung mit Wertkrise, Totalitarismus und der Rolle der Kunst in Zeiten politischer Umbrüche hält seine Bücher aktuell. Autorinnen und Autoren späterer Generationen knüpfen an seine Verfahren der Montage, der Reflexion und der polyphonen Strukturierung von Erfahrung an.

Die Schlafwandler

Hauptinhaltsverzeichnis
Der erste Roman Pasenow oder die Romantik
Der zweite Roman Esch oder die Anarchie
Der dritte Roman Huguenau oder die Sachlichkeit

Der erste Roman

Pasenow oder die Romantik

Inhaltsverzeichnis
I
II
III
IV

I

Inhaltsverzeichnis

Im Jahre 1888 war Herr v. Pasenow siebzig Jahre alt, und es gab Menschen, die ein merkwürdiges und unerklärliches Gefühl der Abneigung verspürten, wenn sie ihn über die Straßen Berlins daherkommen sahen, ja, die in ihrer Abneigung sogar behaupteten, daß dies ein böser alter Mann sein müsse. Klein, aber von richtigen Proportionen, kein hagerer Greis, aber auch kein Fettwanst: er war sehr richtig proportioniert, und der Zylinder, den er in Berlin aufzusetzen pflegte, wirkte durchaus nicht lächerlich. Er trug den Bart Kaiser Wilhelms I[1]., doch kürzer geschoren, und an seinen Wangen war nichts von der weißen Wolle zu bemerken, die dem Herrscher das leutselige Aussehen verlieh; sogar das Haupthaar, kaum gelichtet, .wies bloß einige weiße Fäden auf; trotzseiner siebzig Jahre hatte es sich die Blondheit seiner Jugend erhalten, jenes rötliche Blond, das an faulendes Stroh erinnert und einem alten Manne, den man sich lieber mit würdigerer Behaarung dächte, eigentlich nicht ansteht. Aber Herr v. Pasenow war an seine Haarfarbe gewöhnt, und auch das Einglas erschien ihm keineswegs zu jugendlich. Sah er in den Spiegel, so erkannte er jenes Gesicht wieder, das ihm dort vor fünfzig Jahren entgegengeblickt hatte. Und war Herr v. Pasenow solcherart mit sich nicht unzufrieden, so gibt es eben doch Menschen, denen das Äußere dieses alten Mannes mißfällt und die es auch nicht begreifen, daß je eine Frau sich gefunden hatte, die diesen Mann mit begehrenden Augen betrachtet haben sollte, ihn begehrend umfing, und sie werden ihm höchstens die polnischen Mägde auf seinem Gute zugestehen und daß er sich ihnen mit jener etwas hysterischen und doch herrischen Aggression genähert haben dürfte, die kleinen Männern öfters eigentümlich ist. Mochte dies stimmen oder nicht, es war jedenfalls die Meinung seiner beiden Söhne, und es versteht sich, daß er diese Meinung nicht geteilt hätte. Auch ist die Meinung von Söhnen oft subjektiv, und es wäre leicht, ihnen Ungerechtigkeit und Befangenheit vorzuwerfen, trotzdes etwas unbehaglichen Gefühles, das einen selber beim Anblick des Herrn v.Pasenow überkommen mag, merkwürdiges Unbehagen, das sich noch steigert, wenn Herr v. Pasenow vorbeigegangen ist und man ihm zufällig nachschaut. Vielleicht liegt es daran, weil einem dann das Alter des Mannes völlig ungewiß wird[1q], denn er bewegt sich weder greisenhaft noch wie ein Jüngling, noch wie ein Mann in guten Jahren. Und weil Zweifel Unmut erzeugt, ist es nicht unmöglich, daß einer der Passanten diese Fortbewegungsart als würdelos empfindet, und wenn er sie dann als überheblich und kommun beschimpft, als schwächlich draufgängerisch und aufgetrumpft korrekt, so ist es kein Wunder. Das ist natürlich Temperamentsache; doch man kann sich ganz gut vorstellen, daß ein vom Haß verblendeter junger Mensch zurückeilen möchte, um dem, der so geht, einen Stock zwischen die Beine zu stecken, ihn irgendwie zu Fall zu bringen, ihm die Beine zu brechen, solche Gangart für immer zu vernichten. Jener aber geht sehr raschen Schrittes und geradlinig, den Kopf trägt er hoch, wie kleine Leute es zu tun pflegen, und da er sich eben auch sehr gerade hält, streckt er seinen kleinen Bauch ein wenig vor, man könnte fast sagen, daß er ihn vor sich hertrage, ja daß er damit seine ganze Person irgendwohin trage, ein häßliches Geschenk, das niemand will. Allein da mit einem Gleichnis noch nichts erklärt ist, bleiben solche Beschimpfungen haltlos, und vielleicht schämt man sich ihrer, bis man den Spazierstock neben den Beinen entdeckt. Der Stock geht taktmäßig, hebt sich fast bis zur Kniehöhe, verweilt mit einem kleinen harten AufschlagamBoden und hebt sich wieder, und die Füße gehen daneben. Und auch diese heben sich mehr als sonst üblich, die Fußspitze geht etwas zu weit nach aufwärts, als wollte sie in Verachtung der Entgegenkommenden ihnen die Schuhsohle zeigen, und der Absatz wird mit einem kleinen harten Aufschlag auf das Pflaster gesetzt. So gehen Beine und Stock nebeneinander, und nun taucht die Vorstellung auf, daß der Mann, wäre er als Pferd zur Welt gekommen, ein Paßgänger geworden wäre; aber das Schrecklichste und Abscheulichste daran ist, daß es ein dreibeiniger Paßgang ist, ein Dreifuß, der sich in Bewegung gesetzt hat. Und furchtbar der Gedanke, daß diese dreibeinige Zielgerichtetheit so falsch sein muß wie diese Geradlinigkeit und dieses Vorwärtsstreben: auf das Nichts gerichtet! Denn so geht keiner, der Ernsthaftes beabsichtigt, und wenn man auch einen Augenblick an einen Wucherer denken muß, der zur harten Schuldeintreibung in die Wohnung des Armen sich trägt, so weiß man doch sogleich, daß dies viel zu wenig und viel zu irdisch wäre, entsetzt von der Erkenntnis, daß so der Teufel schlendert, ein Hund, der auf drei Beinen hinkt, daß dies ein geradliniges Zickzackgehen ist,... genug; dies alles kann man nämlich herausfinden, wenn man den Gang des Herrn v. Pasenow mit liebevollem Haß zergliedert. Aber schließlich kann man solches bei den meisten Menschen versuchen. Immer stimmt irgend etwas. Und wenn Herr v. Pasenow auch keine gehetzte Lebensweise führte, vielmehr reichlich Zeit zur Erfüllurig der dekorativen und sonstigen Verpflichtungen verwendete, die ein ruhig-gesichertes Vermögen mit sich bringt, so war er- und dies entspricht auch seiner Wesensart- in alledem geschäftig, und eigentliches Schlendern lag ihm ferne. Und kam er zweimal des Jahres nach Berlin, so hatte er vollauf zu schaffen. Jetzt befand er sich auf dem Wege zu seinem jüngeren Sohn, dem Premierleutnant J oachim v. Pasenow.

Immer wenn J oachim v. Pasenow mit seinem Vater zusammentraf, stiegen Jugenderinnerungen auf, das verstand sich nur von selbst, doch vor allem wurden die Ereignisse wieder lebendig, die seinem Eintritt in die Kadettenanstalt Culm[3] vorangegangen waren. Es waren allerdings nur Bruchstücke von Erinnerungen, die da flüchtig emportauchten, und regellos floß Wichtiges und Unwichtiges durcheinander. So ist es wohl völlig unwichtig und überflüssig, den Schaffer Jan zu erwähnen, dessen Bild, obwohl er doch eine ganz nebensächliche Figur war, sich vor alle anderen Bilder schob. Dies mag daher rühren, daß Jan eigentlich kein Mensch, sondern ein Bart war. Stundenlang konnte man ihm zuschauen und darüber nachdenken, ob hinter der struppigen Landschaft voll undurchdringlichen, wenn auch weichen Gebüsches ein menschliches Wesen hause. Selbst wenn Jan sprach- aber er sprach nicht viel-, war man dessen nicht sicher, denn die Worte entstanden hinter dem Barte wie hinter einem Vorhang, und ebensowohl hätte es ein anderer sein können, der sie sprach. Am spannendsten war es, wenn Jan gähnte: dann klaffte die haarige Fläche an einer vorbestimmten Stelle auf, dartuend, daß dies auch der Ort sei, wo J an Speise in sich einzuführen pflegte. Als Joachim zu ihm gelaufen kam, um ihm seinen bevorstehenden Eintritt in die Kadettenanstalt zu erzählen, war er gerade beim Essen, saß dort, schnitt Brotwürfel und hörte schweigend zu. Endlich sagte er: »Nun ist der Jungherr wohl recht froh?« Und da war es Joachim zu Bewußtsein gekommen, daß er gar nicht froh war; gerne hätte er sogar geweint, aber da kein unmittelbarer Anlaß dazu vorlag, hatte er bloß genickt und hatte gesagt, daß er sich freue.

Dann gab es noch das Eiserne Kreuz[2], das im großen Salon unter Glas und Rahmen hing. Es stammte von einem Pasenow, der anno 13 an kommandierender Stelle gestanden hatte. Da es ohnehin an der Wand hing, so war es etwas unbegreiflich, daß man so viel Aufhebens machte, als Onkel Bernhard auch eines erhielt. Joachim schämte sich noch heute, daß er damals so dumm hatte sein können. Doch vielleicht war er damals bloß erbittert gewesen, weil man ihm die Kadettenanstalt mit der Aussicht auf das Eiserne Kreuz schmackhafter machen wollte. Jedenfalls hätte sein Bruder Helmuth besser für die Anstalt getaugt, und trotzder langen Zeit, die seitdem verflossen war, nannte Joachim es eine lächerliche Einrichtung, daß der Erstgeborene zum Landwirt, der Jüngere aber zum Offizier bestimmt werden mußte. Ihm war das Eiserne Kreuz gleichgültig, aber Helmuth war in tolle Begeisterung geraten, als Onkel Bernhard mit der Division Goeben[4] an der Erstürmung Kissingens teilgenommen hatte. Übrigens war es nicht einmal ein richtiger Onkel, sondern ein Vetter des Vaters.

Die Mutter war größer als der Vater, und alles auf dem Hofe gehorchte ihr. Merkwürdig war es, wie wenig Helmuth und er auf sie hören wollten; das hatten sie eigentlich mit dem Vater gemein. Sie überhörten ihr zähes und lässiges »Nicht doch« und ärgerten sich bloß, wenn sie dann hinzufügte: »Seht euch bloß vor, daß Vater euch nicht dahinter kommt.« Und sie fürchteten sich nicht, wenn sie zu ihrem letzten Mittel griff: »Nun aber will ich es wirklich Vater sagen«, fürchteten sich auch kaum, wenn sie Ernst machte, denn der Vater warf ihnen dann bloß einen bösen Blick zu und ging mit seinen steifen geradlinigen Schritten seines Weges. Es war wie eine gerechte Strafe für die Mutter, weil sie mit einem gemeinsamen Feind Partei zu machen versuchte.

Zu jener Zeit war noch der Vorgänger des jetzigen Pastors im Amte. Er hatte einen gelblich-weißen Backenbart, der sich von der Farbe der Haut kaum abhob, und wenn er an den Festtagen zu Tische kam, so pflegte er die Mutter mit der Königin Luise[5] inmitten ihrer Kinderschar zu vergleichen. Das war ein wenig lächerlich, machte einen aber trotzdem stolz. Nun hatte der Pastor auch noch die neue Gewohnheit angenommen, die Hand auf Joachims Kopf zu legen und »Junger Krieger« zu sagen, denn alle, und sogar das polnische Küchenmädchen, sprachen schon von der Kadettenanstalt in Culm. Trotzdem wartete Joachim noch immer auf eine richtige Entscheidung. Bei Tische hatte die Mutter einmal gesagt, sie sähe die Notwendigkeit nicht ein, Joachim wegzugeben; er könnte ja später als Avantageur eintreten; so sei es doch stets gewesen und so habe man es doch immer gehalten. Onkel Bernhard aber hatte erwidert, daß die neue Armee tüchtige Leute brauche, und in Culm könne es einem richtigen Jungen schon gefallen. Der Vater hatte unangenehm geschwiegen- wie immer, wenn die Mutter etwas sagte. Erhörte nicht auf sie. Bloß zu Mutters Geburtstag, wenn er ans Glas klopfte, entlehnte er das Gleichnis des Pastors und nannte sie seine Königin Luise. Vielleicht war die Mutter wirklich dagegen, daß er nach Culm kommen sollte, aber auf sie war kein Verlaß, sie machte schließlich doch Partei mit dem Vater.

Die Mutter war sehr pünktlich. Niemals fehlte sie zur Melkzeit im Stalle, beim Eierausheben im Hühnerhof, vormittags konnte man sie in der Küche aufsuchen und nachmittags in der Wäschekammer, wo sie mit den Mägden das steife Leinen zählte. Damals hatte er es eigentlich erst erfahren. Er war mit der Mutter im Kuhstall gewesen, seine Nase war voll von dem schweren Stallgeruch, da sie in die kalte Winterluft hinaustraten, und Onkel Bernhard kam ihnen über den Hof entgegen. Onkel Bernhard trug noch immer einen Stock; nach einer Verwundung durfte man einen Stock tragen, alle Rekonvaleszenten tragen Stöcke, auch wenn sie nicht mehr so arg hinken. Die Mutter war stehengeblieben, und Joachim hielt sich an dem Stock Onkel Bernhards fest. Noch heute erinnerte er sich deutlich der wappengeschmückten Elfenbeinkrücke. Onkel Bernhard sagte: »Gratulieren Sie mir, Cousine, soeben bin ich Major geworden. « Joachim blickte zum Major hinauf; der war sogar größer als die Mutter, hatte sich einen kleinen, gleichsam stolzen und doch vorschriftsmäßigen Ruck gegeben, schien noch ritterlicher und noch strammer als sonst und war vielleicht auch jetzt noch gewachsen, jedenfalls paßte er besser zu ihr als der Vater. Er hatte einen kurzen Vollbart, aber man konnte den Mund sehen. Joachim überlegte, ob es eine große Ehre sei, den Stock eines Majors halten zu dürfen, und dann entschloß er sich, ein wenig stolz zu sein. »Ja«, sagte Onkel Bernhard weiter, »aber nun ist es mit den schönen Tagen auf Stolpin auch wieder zu Ende.« Die Mutter sagte, daß dies eine gute und eine schlechte Nachricht zugleich sei, und das war eine komplizierte Antwort, die Joachim nicht völlig klar wurde. Sie standen im Schnee; die Mutter hatte ihre braune Pelzjacke an, die ebenso weich war wie sie selber, und unter ihrer Pelzmütze sahen ihre blonden Haare hervor. Joachim freute sich stets, daß er die gleichen blonden Haare hatte wie die Mutter; er würde also auch größer als der Vater werden, vielleicht so groß wie Onkel Bernhard, und als dieser auf ihn wies: »Nun werden wir ja bald Kameraden in des Königs Rock sein«, so war er für einen Augenblick ganz einverstanden. Doch da die Mutter bloß seufzte und keinen Einwand äußerte, sich unterwarf, genauso als stünde sie dem Vater gegenüber, ließ er den Stock los und lief zu Jan.

Mit Helmuth ließ sich die Sache nicht besprechen; der beneidete ihn und redete wie die Erwachsenen, die alle sagten, daß ein künftiger Soldat froh und stolz sein müsse. Jan war der einzige, der kein Heuchler und Verräter war; der hatte bloß gefragt, ob der Jungherr froh wäre, und stellte sich nicht so, als ob er daran glaubte. Natürlich mochten die anderen und auch Helmuth es nett gemeint haben, wollten ihn bloß trösten. Niemals hatte Joachim es verwunden, daß er damals im stillen von dem Verräterturn und der Heuchelei Helmuths überzeugt gewesen war; denn hatte er es auch sofort gut machen wollen und ihm all seine Spielsachen geschenkt, so hätte er sie ohnehin nicht in die Kadettenanstalt mitnehmen dürfen, und es war keine Entschuldigung. Auch die Hälfte des Ponys, das den Knaben gemeinsam gehörte, hatte er ihm geschenkt, so daß Helmuth nun ein ganzes eigenes Pferd besaß. Diese Wochen waren eine unheilschwangere und doch eine gute Zeit; niemals, weder früher noch später, war er mit dem Bruder je so befreundet gewesen. Dann allerdings kam das Unglück mit dem Pony: Helmuth hatte für diese Zeit auf seine neuen Anrechte verzichtet, und Joachim durfte über das Pony allein verfügen. Zwar war es kein sehr bedeutender Verzicht, denn der Boden war in diesen Wochen aufgeweicht und tief, und es bestand ein strenges Verbot, bei solchem Boden auf die Felder zu reiten. Joachim aber fühlte das bessere Recht des Scheidenden, und da überdies Helmutheinverstanden war, ritt er unter dem Vorwand, dem Pony in der Koppel Bewegung zu machen, auf den Acker hinaus. Nur zu einem ganz kurzen Galopp hatte er angesetzt, als schon das Unglück geschehen war; das Pony geriet mit dem Vorderbein in eine tiefe Grube, überschlug sich und konnte nicht mehr aufstehen. Helmuth kam herbeigelaufen, dann kam auch der Kutscher. Das Pony lag dort, den struppigen Kopf in den Schollen des Ackers, und ließ die Zunge seitwärts aus dem Maule hängen. Joachim sah noch, wie er und Helmuth dort knieten und den Kopf des Tieres streichelten, aber er vermochte sich nicht mehr zu entsinnen, wie sie heimgekommen waren, wußte bloß, daß er in der Küche stand, in der es mit einem Male ganz still geworden war, und daß alle ihn anschauten, als wäre er ein Verbrecher. Dann hatte er die Stimme der Mutter gehört: »Man muß es Vater sagen.« Und nun stand er plötzlich im Arbeitszimmer des Vaters, und es war, als ob das Strafgericht, das die Mutter ihnen so oft mit dem verhaßten Satze angedroht hatte, nunmehr aufgestapelt und angesammelt, über ihn hereinbrechen müßte. Doch es erfolgte nichts. Der Vater ging bloß stumm und geradlinig in dem Raume auf und ab, und Joachim versuchte stramm zu stehen, blickte auf die Geweihe an der Wand. Als noch immer nichts erfolgte, begannen seine Blicke zu schweifen und blieben an dem blauen Sand in der Papierkrause des braun-polierten sechseckigen Spucknapfes neben dem Ofen hängen. Fast hatte er vergessen, warum er hergekommen war; bloß der Raum schien noch weiter als sonst zu sein, und in der Brust lastete etwas Eisiges. Endlich klemmte der Vater das Einglas ins Auge: »Es ist die höchste Zeit, daß du aus dem Hause kommst[2q]«, und nun wußte Joachim, daß sie alle geheuchelt hatten, sogar Helmuth, und in diesem Augenblicke war es Joachim sogar recht, daß das Pony sich das Bein gebrochen hatte, und auch die Mutter hatte ihn immerzu verklatscht, damit er aus dem Hause käme. Dann sah er noch, wie der Vater die Pistole aus dem Kasten nahm. Ja, und dann erbrach er sich. Am nächsten Tag erfuhr er von dem Arzte, daß er eine Gehirnerschütterung erlitten hätte, und er war stolz darauf. Helmuth saß an seinem Bette, und obwohl Joachim wußte, daß das Pony vom Vater erschossen worden war, sprachen sie nicht ein Wort davon, und es war wieder eine gute Zeit, sonderbar geborgen und abgerückt von allen Menschen. Trotzdem nahm sie ein Ende, und mit einer Verspätung von einigen Wochen wurde er nach Culm in die Anstalt eingeliefert. Doch wenn er dort vor seinem schmalen Bett stand, das so ferne und weit abgerückt war von seinem Krankenbette in Stolpin, da schien es fast, als hätte er jene Abgerückheit mit herübergenommen, und dies machte ihm den Aufenthalt fürs erste erträglich.

Natürlich gab es in jener Zeit noch allerhand, das er vergessen hatte, aber es war trotzdem ein beunruhigender Rest geblieben, und in seinen Träumen glaubte er manchmal, polnisch zu sprechen. Als er Premierleutnant geworden war, schenkte er Helmuthein Pferd, das er selber lange geritten hatte. Dennoch ließ ihn das Gefühl nicht los, als wäre er ihm etwas schuldig geblieben, ja als wäre Helmuth ein unbequemer Gläubiger. Das war alles sinnlos, und er dachte nur selten daran. Nur wenn der Vater nach Berlin kam, wachte es wieder auf, und wenn dann Joachim nach der Mutter und nach Helmuth fragte, so vergaß er nie, sich auch nach dem Befinden des Gaules zu erkundigen.

Nun da Joachim v. Pasenow seinen Zivilgehrock angetan hatte und sein Kinn in ungewohnter Freiheit zwischen den beiden Ecken des offenen Stehkragens sich bewegte, da er den geschweiften Zylinder aufgesetzt und einen Stock mit spitz zulaufender Elfenbeinkrücke zur Hand genommen hatte, nun auf dem Wege ins Hotel, um den Vater zu dem obligaten Bummelabend abzuholen, tauchte plötzlich Eduard v. Bertrands Bill vor ihm auf, und es war ihm angenehm, daß die Zivilkleider keineswegs mit solcher Selbstverständlichkeit an ihm saßen wie an diesem Menschen, den er im stillen manchmal einen Verräter nannte. Leider war es ja vorauszusehen und zu befürchten, daß er Bertrand in den Lokalen der Lebewelt, die er heute mit dem Vater besuchen mußte, antreffen werde, und schon während der Vorstellung im Wintergarten hielt er Ausschau nach ihm und war sehr mit der Frage beschäftigt, ob er einen solchen Menschen mit dem Vater bekannt machen dürfe.

Das Problem hielt ihn auch noch gefangen, als sie in einer Droschke durch die Friedeichstraße zum Jägerkasino fuhren. Sie saßen steif, ihre Stöcke zwischen den Knien, stumm auf den schwarzledernen brüchigen Sitzen, und wenn ihnen eines der vorüberstreifenden Mädchen etwas zurief, so schaute Joachim v. Pasenow gerade vor sich hin, während sein Vater, das Einglas starr im Auge, »toll« sagte. Ja, seit Herr v. Pasenow nach Berlin kam, hatte sich vieles verändert, und wenn man es auch hinnahm, so durfte man sich doch nicht der Einsicht verschließen, daß die neuerungssüchtige Politik des Reichsgründers höchst unerfreuliche Blüten gezeitigt hat. Herr v. Pasenow sagte, was er alljährlich sagte: »In Paris kann es auch nicht ärger zugehen «, und es erregte auch sein Mißfallen, daß eine Reihe greller Gasflammen die Aufmerksamkeit der Passanten auf den Eingang des Jägerkasinos lenkte, vor dem sie nun hielten.

Eine schmale Holztreppe führte zum ersten Stockwerk, in dem die Lokalitäten sich befanden, und Herr v. Pasenow erstieg sie mit der geschäftigen Geradlinigkeit, die ihm eigentümlich war. Ein schwarzhaariges Mädchen kam ihnen entgegen, drückte sich in den Stiegenwinkel, um die Besucher vorbeizulassen, und da sie offenbar über die Geschäftigkeit des alten Herrn lachen mußte, machte Joachim eine etwas verlegene und entschuldigende Geste. Von neuem war der Zwang da, sich Bertrand vorzustellen, sei es als den Liebhaber dieses Mädchens, sei es als dessen Zuhälter, sei es als sonst irgend etwas Phantastisches, und kaum im Saale, blickte er suchend umher. Aber natürlich war Bertrand nicht da, hingegen zwei Herren vom Regiment, und nun fiel es Joachim erst ein, daß er sie doch selber zu dem Kasinobesuch animiert hatte, um nicht mit dem Vater oder gar noch dazu mit Bertrand allein sein zu müssen.

Herr v.Pasenow wurde, Alter und Stellung gemäß, wie ein Vorgesetzter mit schmal-steifer Verbeugung und Zusammenschlagen der Hacken begrüßt, und gleich einem kommandierenden General erkundigte er sich, ob die Herren sich amüsierten; wenn die Herren nun auch ein Glas Sekt mit ihm trinken wollten, würde es ihm zur Ehre gereichen, worauf die Herren ihre Zustimmung wieder mit den Füßen bekanntgaben. Es wurde frischer Sekt gebracht. Die Herren saßen schweigend und steif auf ihren Stühlen, tranken einander stumm zu und betrachteten den Saal, die weißgoldenen Dekorationen, die Gasflammen, die von Tabaksrauch umzogen im großen Kreise des Lüsters surrten, und betrachteten die Tanzenden, die sich in der Mitte des Saales drehten. Endlich Herr v.Pasenow: »Nun, meine Herren, ich will nicht hoffen, daß Sie meinetwegen auf holde Weiblichkeit verzichtet haben!« Verbeugungen und Lächeln- »Sind doch niedliche Mädchen hier;- als ich heraufkam, begegnete ich einem durchaus ansprechenden Ding, schwarzhaarig und mit Augen, die euch jungen Herren nicht gleichgültig bleiben können.« Joachim v. Pasenow hätte vor Scham dem Alten die Kehle zupressen mögen, um solche geile Rede zurückzuhalten, aber schon antwortete einer der Kameraden, daß dies offenbar Ruzena gewesen sei, wirklich ein ausnehmend hübsches Mädchen, dem man auch eine gewisse Vornehmheit nicht abstreiten könne, wie überhaupt die Damen hier zum großen Teil nicht das seien, was man von ihnen halte, vielmehr werde mit einiger Strenge vonseitender Direktion eine Auslese getroffen und auf die Wahrung eines feinen Tones geachtet. Mittlerweile aber war Ruzena wieder im Saale erschienen: sie hatte ihren Arm unter den eines blonden Mädchens geschoben, und wie sie mit ihren hohen Tournüren und spitzen Taillen an den Tischen und Logen entlangstrichen, machten sie tatsächlich einen vornehmen Eindruck. Als sie bei dem Tische Pasenows vorbeikamen, wurde die scherzhafte Meinung geäußert, ob nicht Fräulein Ruzena soeben die Ohren geklungen hätten, und Herr v.Pasenow fügte hinzu, daß, dem Namen nach zu schließen, er wohl eine schöne Polin, also fast eine Landsmännin, vor sich sähe. Nein, sie sei keine Polin, sagte Ruzena, sondern eine Böhmin, hierzulande sage man wohl Tschechin, aber Böhmin sei richtiger, weil auch das Land richtig Böhmen heiße. »Um so besser«, sagte Herr v. Pasenow, »die Polen taugen nichts... sind unzuverlässig... Na, ist ja egal.«

Indessen hatten sich die beiden Mädchen gesetzt, und Ruzena sprach mit einer tiefen Stimme und lachte über sich selbst, weil sie noch immer nicht Deutsch erlernt hatte. Joachim ärgerte sich, weil der Alte die Erinnerung an die Polinnen heraufbeschwor, mußte aber selber an eine Erntearbeiterin denken, von der er als kleiner Junge auf den Wagen mit den Garben gehoben worden war. Aber wenn sie auch mit hart stakkatiertem Tonfall alle Artikel durcheinanderwarf und von die Direktor und das Stadt sprach, so war sie doch eine junge Dame, die in steifem Korsett und guter Haltung das Sektglas zum Munde führte, und war etwas anderes als eine polnische Erntearbeiterin; mochte das Gerede über den Vater und die Mägde wahr sein oder niCht, Joachim hatte damit nichts zu schaffen, aber mit dem zarten Mädchen hier sollte der Alte nicht wagen, ebenso zu verfahren, wie er es vielleicht gewohnt war. Trotzdem wollte sich das Leben eines böhmischen Mädchens nicht anders vorstellen lassen als das der Polinnen -schien es doch schon bei deutschen Zivilisten unmöglich, ein Lebendiges hinter der Marionette des Bewegten sich vorzustellen-, und wenn er versuchte, um Ruzena eine gute Stube zu denken, eine gute matronenhafte Mutter, einen guten Freier mit Handschuhen, so stimmte dies nicht, und Joachim kam von dem Gefühl nicht los, daß dort alles wild, geduckt, tartarisch vor sich gehen müsse: Ruzena tut ihm leid, obwohl sie sicherlich etwas von einem kleinen geduckten Raubtier spüren läßt, in dessen Kehle der dunkle Schrei steckt, dunkel wie die böhmischen Wälder, und er möchte wissen, ob man mit ihr reden kann wie mit einer Dame, denn all dies ist erschrekkend und doch verlockend und gibt dem Vater und seinen schmutzigen Absichten irgendwie recht. Er fürchtet, daß auch Ruzena dies durchschauen könne, und er sucht in ihrem Gesicht nach Antwort; sie merkt es und lächelt ihm zu, doch ihre Hand, die weich über die Tischkante hängt, läßt sie von dem Alten tätscheln, und der tut es in aller Öffentlichkeit und versucht dabei, seine polnischen Brocken anzubringen, eine sprachliche Hecke um sich und das Mädchen zu errichten. Natürlich dürfte sie ihn nicht gewähren lassen, und wenn es in Stolpin immer hieß, daß die polnischen Mägde unzuverlässig seien, so hatte man vielleicht recht. Aber vielleicht ist sie bloß zu schwach, und die Ehre würde es verlangen, daß man sie vor dem Alten schütze. Solches allerdings wäre das Amt ihres Liebhabers; besäße Bertrand eine Spur von Ritterlichkeit, so hätte er nachgerade die Pflicht, endlich aufzutauchen, um dies alles mit leichter Hand in Ordnung zu bringen. Unvermittelt beginnt Joachim mit den Kameraden von Bertrand zu sprechen, ob sie schon lange nichts von Bertrand gehört hätten, was er wohl treibe, ja, ein merkwürdiger verschlossener Mensch sei Eduard v.Bertrand. Aber die Kameraden haben schon viel Sekt getrunken, geben verkehrte Antworten und wundern sich über nichts mehr, nicht einmal über die Beharrlichkeit, mit der Joachim am Thema Bertrand hängenbleibt, und so listig er den Namen immer wieder besonders laut und deutlich ausspricht, auch die beiden Mädchen zucken mit keiner Wimper, und der Verdacht keimt in ihm auf, Bertrand könne schon so tief gesunken sein, daß er hier unter falschem Namen verkehre; also wendet er sich direkt an Ruzena, ob sie nicht doch v. Bertrand kenne... , bis der Alte, hellhörig und geschäftigtrotzallen Sektes, fragt, was denn Joachim jetzt mit diesem v. Bertrand wolle: »Suchst ihn ja, als ob er hier sichtbarlieh versteckt wäre.« Joachim verneint errötend, aber der Alte ist im Schwatzen: ja, er habe den Vater, den alten Oberst v. Bertrand gut gekannt, der habe das Zeitliche gesegnet, schon möglich, daß ihn dieser Eduard ins Grab gebracht hat. Er hätte es sich ja, hieß es, so sehr zu Herzen genommen, daß der Schlingel ausgesprungen sei, kein Mensch wisse warum und ob nicht etwas Schmutziges dahinter gesteckt habe. Joachim lehnte sich auf: »Ich bitte um Verzeihung, das sind haltlose Ausstreuungen - am allerwenigsten ist Bertrand ein Schlingel zu nennen.«- »Nur sachte«, meint der Alte und wendet sich wieder der Hand Ruzenas zu, auf die er nun einen langen Kuß drückt; Ruzena läßt es gleichmütig geschehen und betrachtet Joachim, dessen weiches helles Haar sie an die Kinder in ihrer Heimatschule erinnert. »Will ich nicht Ihnen Hof machen «, stakkatiert sie zu dem Alten, »aber hat liebe Haare der Sohn«, dann packt sie den Kopf der Freundin, hält ihn neben den Joachims und ist befriedigt, daß die Haarfarbe übereinstimmt: »Möchtet scheenes Paar sein«, erklärt sie den beiden Köpfen und fährt ihnen beiden in die Haare. Das Mädchen kreischt, weil sie ihr die Frisur zerzaust, Joachim spürt die weiche Hand am Hinterkopf, es ist ein kleines Schwindelgefühl, er wirft den Kopf zurück, als wollte er die Hand zwischen Kopf und Nacken einfangen, zum Verweilen zwingen, doch da geht die Hand ganz von selbst zum Nacken hinunter, streicht rasch und behutsam darüber hin. »Sachte, sachte!« hört er wieder die trockene Stimme des Vaters und dann bemerkt er, wie jener die Brieftasche zieht, zwei große Scheine herausnimmt und sich anschickt, sie den beiden Mädchen zuzustecken. Ja, so wirft der Alte, wenn er guter Laune ist, den Erntearbeiterinnen Markstücke zu, und obwohl Joachim dazwischenfahren möchte, kann er nicht verhindern, daß Ruzena ihre fünfzig Mark in die Hand gedrückt bekommt und sie sogar fröhlich einsteckt: »Danke, Pappa«, sagt sie, »Schwiegerpappa«, bessert sie sich aus und zwinkert zu Joachim. Joachim ist blaß vor Zorn; soll ihm der Alte ein Mädchen für fünfzig Mark kaufen? Der Alte, hellhörig, merkt den Verstoß Ruzenas und unterstreicht: »Na, mir kommt vor, daß dir mein Bengel gefällt... , an meinem Segen soll's nicht fehlen... « Hund, denkt Joachim. Aber der Alte hat jetzt Oberwasser: »Ruzena, schönes Kind, morgen komme ich als Brautwerber zu dir, wie es sich gehört, tipptopp; was soll ich dir als Morgengabe mitbringen... aber du mußt mir sagen, wo dein Schloß steht... « Joachim schaut weg, wie einer, der bei einer Hinrichtung nicht das Beil fallen sehen will, aber da wird Ruzena plötzlich steif, ihre Augen werden blind, die Lippen werden hilflos, sie stößt eine Hand fort, die helfend oder zärtlich nach ihr greifen will, und läuft davon, um sich bei der Toilettenfrau auszuweinen.

»Na, egal«, sagt Herr v.Pasenow, »aber es ist auch spät geworden. Ich glaube, wir gehen, meine Herren.« In der Droschke saßen Vater und Sohn nebeneinander, steif, die Stöcke zwischen den Knien, feindlich. Endlich sagt der Alte: »Na, die fünfzig hat sie doch genommen. Dann ist leicht weglaufen. « Der Elende, denkt Joachim.

Bertrand könnte zum Thema derUniform etwa sagen: Einsteris war es bloß die Kirche, die als Richterin über den Menschen thronte, und ein jeglicher wußte, daß er ein Sünder war. Jetzt muß der Sünder über den Sünder richten, auf daß nicht alle Werte der Anarchie verfallen, und statt mit ihm zu weinen, muß der Bruder dem Bruder sagen: »Du hast unrecht gehandelt.« Und war es einst die bloße Tracht des Klerikers, die sich als etwas Unmenschliches von der der anderen abhob, und schimmertedamalsselbstinder Uniform und in der Amtstracht noch das Zivilistische durch, so mußte, da die große Unduldsamkeit des Glaubens verloren ward, die irdische Amtstracht an die Stelle der himmlischen gesetzt werden, und die Gesellschaft mußte sich in irdische Hierarchien und Uniformen scheiden und diese an der Stelle des Glaubens ins Absolute erheben. Und weil es immer Romantik ist, wenn Irdisches zu Absolutem erhoben wird, so ist die strenge und eigentliche Romanti_k dieses Zeitalters die der Uniform, gleichsam als gäbe es eine überweltliche und überzeitliche Idee der Uniform, eine Idee, die es nicht gibt und die dennoch so heftig ist, daß sie den Menschen viel stärker ergreift, als irgendein irdischer Beruf es vermöchte, nicht vorhandene und dennoch so heftige Idee, die den Uniformierten wohl zum Besessenen der Uniform macht, niemals aber zum Berufsmenschen im Sinne des Zivilistischen, vielleicht eben weil der Mensch, der die Uniform trägt, von dem Bewußtsein gesättigt ist, die eigentliche Lebensform seiner Zeit und damit auch die Sicherheit seines eigenen Lebens zu erfüllen.

So mochte Bertrand sprechen; aber wenn dies auch sicherlich nicht jedem Uniformträger bewußt wird, so mag immerhin feststehen, daß ein jeder, der viele Jahre die Uniform trägt, in ihr eine bessere Ordnung der Dinge findet als der Mensch, der bloß das Zivilgewand derNachtgegen das des Tages vertauscht. Gewiß braucht er über diese Dinge nicht eigens nachzudenken, denn eine richtige Uniform gibt ihrem Träger eine deutliche Abgrenzung seiner Person gegenüber der Umwelt; sie ist wie ein hartes Futteral, an dem Welt und Person scharf und deutlich aneinanderstoßen und voneinandersich unterscheiden; ist es ja der Uniform wahre Aufgabe, die Ordnung in der Welt zu zeigen und zu statuieren und das Verschwimmende und Verfließende des Lebens aufzuheben, so wie sie das Weichliche und Verschwimmende des Menschenkörpers verbirgt, seine Wäsche, seine Haut überdeckt, und der Posten auf Wache hat die weißen Handschuhe überzuziehen. So wird dem Mann, der des Morgens seine Uniform bis zum letzten Knopf geschlossen hat, tatsächlich eine zweite und dichtere Haut gegeben, und es ist, als ob er in sein eigentliches und festeres Leben zurückkehre. Abgeschlossen in seinem härteren Futteral, verschlossen mit Riemen und Klammern, beginnt er seines eigenen Untergewandes zu vergessen und die Unsicherheit des Lebens, ja das Leben selbst rückt fernab. Wenn er dann noch am untern Saume des Uniformrockes gezogen hat, damit er glatt und faltenlos über Brust und Rücken sich spanne, dann ist sogar das Kind, das der Mann doch liebt, ist die Frau, in deren Kuß er dieses Kind gezeugt hat, in so weite und Zivilistische Ferne gerückt, daß er den Mund, den sie zum Abschied ihm reicht, kaum mehr erkennt, und sein Heim wird zu etwas Fremdem, das man in Uniform nicht besuchen darf. Geht er dann in seiner Uniform zur Kaserne oder ins Amt, so ist es nicht Stolz, wenn er den anders Gekleideten übersieht; er kann bloß nicht mehr begreifen, daß unter dem anderen und barbarischen Kleide sich etwas befindet, das mit eigentlicher Menschheit, wie er sie an sich erlebt, auch nur das Geringste gemein haben könnte. Doch deshalb ist der Mann in der Uniform nicht blind geworden und auch nicht von blindem Vorurteil erfüllt, wie so oft angenommen wird; er ist noch immer ein Mensch wie du und ich, denkt an Essen und Beischlaf, liest auch seine Zeitung beim Frühstück; aber er ist mit den Dingen nicht mehr verbunden, und da sie ihn kaum mehr etwas angehen, vermag er jetzt, sie nach gut und böse zu unterscheiden, denn auf Unduldsamkeit und Unverständnis ist die Sicherheit des Lebens gegründet.

Immer wenn Joachim v. Pasenow gezwungen war, Zivil anzulegen, kam ihm Eduard v.Bertrand in den Sinn, immer war er dann froh, daß die Zivilkleider nicht mit solcher Selbstverständlichkeit an ihm saßen wie an diesem Menschen, und eigentlich war er immer neugierig zu erfahren, wie Bertrand über die Frage der Uniform dachte. Denn Eduard v.Bertrand hätte natürlich alle Ursache, über diese Probleme nachzudenken, hatte er doch ein für alle Male die Uniform abgelegt und sich für das Zivilkleid entschieden. Das war verwunderlich genug gewesen. Er hatte die Kadettenanstalt in Culm zwei Jahrgänge vor Pasenow absolviert und hatte sich dort von den anderen in nichts unterschieden, trug im Sommer weite weiße Hosen wie die anderen, hatte mit den anderen am gleichen Tische gegessen, hatte Prüfungen abgelegt wie die anderen und dennoch, als er Sekondeleutnant geworden war, geschah das Unbegreifliche: ohne äußeren Anlaß hatte er den Dienst quittiert und war in einem fremdartigen Leben verschwunden, im Dunkel der Großstadt verschwunden, wie man so sagt, in einer Dunkelheit, aus der er bloß hin und wieder auftauchte. Traf man ihn auf der Straße, so war man immer ein wenig unsicher, ob man ihn grüßen dürfe, denn in dem Gefühl, einem Verräter gegenüberzustehen, der etwas, das ihrer aller gemeinsamer Besitz gewesen war, hinüber auf die andere Seite des Lebens getragen und es dort preisgegeben hatte, fühlte man sich auch irgendwie schamlos und nackt drüben ausgestellt, während Bertrand selber von seinen Motiven und seinem Leben nichts preisgab und von der stets gleichen freundlichen Verschlossenheit blieb. Vielleicht aber lag das Beunruhigende bloß in Bertrands Zivilgewand, aus dessen Westenausschnitt die weiße Stärkbrust schaute, so daß man sich eigentlich für ihn schämen mußte. Dabei hatte Bertrand selber einstens in Culm erklärt, daß ein richtiger Soldat die Manschetten seines Hemdes nicht aus den Rockärmeln hervorlugen lasse, weil alles Geborenwerden, Schlafen, Lieben, Sterben, kurzum alles Zivilistische eine Angelegenheit der Wäsehe sei; und wenn auch solche Paradoxien stets zu Bertrands Gewohnheiten gehört hatten, nicht minder wie die leichte Handbewegung, mit der er lässig und wegwerfend das Gesagte hinterher wieder abzutun pflegte, so mußte er sich offenbar doch schon damals mit dem Problem der Uniform befaßt haben. Mit der Wäsche und den Manschetten allerdings mochte er zum Teil recht haben; soferne man nämlich bedachte- immer erweckte Bertrand solch unangenehme Gedanken -, daß alle Männer, die Zivilisten und der Vater nicht ausgenommen, das Hemd in die Hose gesteckt trugen. Joachim liebte es daher auch nicht, im Mannschaftszimmer Leute mit offenem Rock anzutreffen; es war irgend etwas Unanständiges dabei, das zwar nicht ganz durchsichtig, dennnoch begreiflich zu der Vorschrift führte, daß für den Besuch gewisser Lokale und für andere erotische Konstellationen Zivil angelegt werden mußte, ja darüber hinaus, es geradezu als einen Verstoß gegen die Vorschrift erscheinen ließ, daß es verheiratete Offiziere und Unteroffiziere gab. Wenn der verheiratete Wachtmeister zum Morgendienst sich meldete und zwei Knöpfe des Rockes öffnete, um aus dem Spalt, in dem das karierte Hemd sichtbar wurde, das große rote Lederbuch hervorzuholen, dann griff Joachim meistens auch nach den eigenen Rockknöpfen und fühlte sich erst geborgen, da er sich vergewissert hatte, daß sie alle geschlossen waren. Fast hätte er wünschen mögen, daß die Uniform wie eine direkte Emanation der Haut wäre, und manchmal dachte er auch, daß dies die eigentliche Aufgabe einer Uniform sei, oder daß wenigstens die Unterkleidung durch Abzeichen und Distinktion zu einem Teil der Uniform gemacht werden müßte. Denn unheimlich war es, daß jeder das Anarchische, das allen gemeinsam ist, unter dem Rocke mit sich herumträgt. Vielleicht wäre die Welt völlig aus den Fugen geraten, wäre nicht im letzten Augenblick die steife Wäsche, die das Hemd in ein weißes Brett verwandelt und einer Unterkleidung unähnlich macht, für die Zvilisten erfunden worden. Joachim entsann sich des Erstaunens seiner Kindheit, als er auf dem Porträt des Großvaters feststellen mußte, daß der kein Stärkhemd, sondern ein Spitzenjabot getragen hatte. Allerdings haben die Menschen damals einen innigeren und tieferen Christenglauben besessen, und sie mußten den Schutz vor der Anarchie nicht anderwärts suchen. Das waren wohl alles sinnlose Überlegungen, und si- eherlieh waren sie auch nur Ausfluß der ungereimten Äußerungen eines Bertrand; Pasenow schämte sich fast, vor dem Wachtmeister solche Gedanken zu hegen, und wenn sie sich aufdrängten, so schob er sie beiseite und begab sich mit einem Ruck in eine dienstlich stramme Haltung.

Aber wenn er auch diese Gedanken als sinnlos beiseite schob und die Uniform als das Naturgegebene hinnahm, es steckte doch mehr dahinter als eine bloße Bekleidungsfrage, mehr als etwas, das seinem Leben zwar keinen Inhalt, wohl aber Haltung gab. Oft glaubte er die ganze Frage und auch Bertrand mit dem Wort: »Kameraden in des Königs Rock« abtun zu können, obzwar er weit davon entfernt war, damit eine außerordentliche Hochachtung vor dem Rock des Königs ausdrücken zu wollen oder einer besonderen Eitelkeit zu frönen, war er doch sogar darauf bedacht, daß seine Eleganz über eine genau eingehaltene vorschriftsmäßige Korrektheit nicht hinausginge oder von ihr abwiche, und er hörte es auch nicht ungern, als einmal im Kreise der Damen die begründete Ansicht ausgesprochen ward, daß des Uniformstückes hölzern langer Schnitt und die aufdringlichen Farben des bunten Tuches ihm schlecht genug zu Gesichte stünden, ja, daß ein braunsamtener Künstlerrock und ein loser Schlips ihn weit besser kleiden würden. Daß ihm trotzdem die Uniform weit mehr bedeutete, läßt sich teilweise durch die von der Mutter ererbte Beharrlichkeit erklären, die dem einmal Gewohnten unbewegt anzuhängen pflegte. Und manchmal schien es ihm selber, als dürfe es auch für ihn keine andere Haltung geben, obgleich er noch immer voller Groll gegen die Mutter war, welche sich damals den Bestimmungen Onkel Bernhards ohne Widerspruch untergeordnet hatte. Aber nun war es schon einmal geschehen, und wenn einer seit seinem zehnten Lebensjahrdarangewöhnt ist, eine Uniform zu tragen, dem ist das Kleid schon wie ein Nessushemd[8] eingewachsen, und keiner, am allerwenigsten Joachim v.Pasenow, vermag dann noch anzugeben, wo die Grenze zwischen seinem Ich und der Uniform liegt. Und doch war es mehr als Gewohnheit. Denn wenn es auch nicht sein militärischer Beruf gewesen ist, der in ihn hineingewachsen war oder er in ihn, so war ihm die Uniform Symbol für mancherlei geworden; und er hatte sie im Laufe der Jahre mit so vielen Vorstellungen ausgefüttert und ausgepolstert, daß er, in ihr geborgen und abgeschlossen, sie nicht mehr hätte missen können, abgeschlossen gegen die Welt und gegen das Vaterhaus, in solcher Sicherheit und Geborgenheit sich bescheidend oder kaum mehr bemerkend, daß die Uniform ihm nur einen schmalen Streifen persönlicher und menschlicher Freiheit ließ, nicht breiter als der schmale Streifen der Stärkmanschette, den die Uniform den Offizieren gestattet. Er liebte es nicht, Zivil anzulegen, und es war ihm recht, daß ihn die Uniform von dem Besuche anrüchiger Lokale abhielt, in denen er den Zivilisten Bertrand in Begleitung lockerer Frauenzimmer vermutete. Denn oft überkam ihn unheimliche Angst, auch er könne in das unerklärliche Schicksal Bertrands hineingleiten. Deshalb verdachte er es auch seinem Vater, daß er ihn bei dem obligaten Bummel durch das Berliner Nachtleben, mit dem der Besuch in der Reichshauptstadt traditionsgemäß abgeschlossen wurde, begleiten und eben in Zivil begleiten mußte.