Die schmutzigen Hände - Jean-Paul Sartre - E-Book

Die schmutzigen Hände E-Book

Jean-Paul Sartre

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Beschreibung

In diesem Theaterstück von 1948 geht es um den heute noch aktuellen Konflikt zwischen politischem Realismus und revolutionärer Moral.                        

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Jean-Paul Sartre

Die schmutzigen Hände

Stück in sieben Bildern

 

 

Übersetzt von Eva Groepler

 

Über dieses Buch

In diesem Theaterstück von 1948 geht es um den Konflikt zwischen politischem Realismus und revolutionärer Moral: Ende des Zweiten Weltkriegs. Deutsche Truppen haben das Land besetzt, die Regierung kollaboriert mit der Besatzungsmacht, die kommunistische Partei leistet Widerstand. Beim Herannahen der Roten Armee will die Regierung auf die Seite der Sowjetunion überwechseln. Die kommunistische Partei steht vor einer sehr schwierigen Entscheidung: Soll sie den Widerstand bis zum Sturz der Regierung weiterführen oder ein Zweckbündnis mit ihr schließen, um sich eine Teilnahme an der Macht nach der bevorstehenden Besetzung durch die Rote Armee zu sichern? Über dieser Frage kommt es zu einer Spaltung in der Parteiführung. Der Vertreter des politischen Realismus, der für ein Paktieren mit der bekämpften Regierung und damit für ein Vertagen der Revolution eintritt, wird im Auftrag der revolutionären Richtung ermordet. Doch als die Vertreter dieser Richtung nach einiger Zeit selbst auf die Linie des politischen Realismus eingeschwenkt sind, soll der Mörder seinerseits beseitigt werden, sofern er nicht leugnet, je einen Parteiauftrag zur Ermordung des Mannes erhalten zu haben, dessen «Verrat» nun offizielle Politik der kommunistischen Partei geworden ist. Doch der Mörder läßt sich nicht vereinnahmen.

Vita

Geboren am 21.6.1905, wuchs er nach dem frühen Tod seines Vaters im Jahre 1906 bis zur Wiederheirat seiner Mutter im Jahre 1917 bei seinen Großeltern Schweitzer in Paris auf. 1929, vor seiner Agrégation in Philosophie, lernte er seine Lebensgefährtin Simone de Beauvoir kennen, mit der er eine unkonventionelle Bindung einging, die für viele zu einem emanzipatorischen Vorbild wurde. 1931–1937 war er Gymnasiallehrer in Philosophie in Le Havre und Laon und 1937–1944 in Paris. 1933 Stipendiat des Institut Français in Berlin, wo er sich mit der Philosophie Husserls auseinandersetzte.

Am 2.9.1939 wurde er eingezogen und geriet 1940 in deutsche Kriegsgefangenschaft, aus der er 1941 mit gefälschten Entlassungspapieren entkam. Noch 1943 wurde unter deutscher Besatzung sein erstes Theaterstück «Die Fliegen» aufgeführt; im selben Jahr erschien sein philosophisches Hauptwerk «Das Sein und das Nichts». Unmittelbar nach dem Krieg wurde Sartres Philosophie unter dem journalistischen Schlagwort «Existenzialismus»zu einem modischen Bezugspunkt der Revolte gegen bürgerliche Lebensformen. 1964 lehnte er die Annahme des Nobelpreises ab. Zahlreiche Reisen führten ihn in die USA, die UdSSR, nach China, Haiti, Kuba, Brasilien, Nordafrika, Schwarzafrika, Israel, Japan und in fast alle Länder Europas. Er traf sich mit Roosevelt, Chruschtschow, Mao Tse-tung, Castro, Che Guevara, Tito, Kubitschek, Nasser, Eschkol. Sartre starb am 15.4.1980 in Paris.

Auszeichnungen: Prix du Roman populiste für «Le mur» (1940); Nobelpreis für Literatur (1964, abgelehnt); Ehrendoktor der Universität Jerusalem (1976).

Impressum

Veröffentlicht im Rowohlt Verlag, Hamburg, Dezember 2023

Copyright © 1949 by Rowohlt Verlag GmbH, Stuttgart

Copyright © der neuen Übersetzung 1989

by Rowohlt Verlag GmbH, Reinbek bei Hamburg

«Les mains sales»

Copyright © 1948 by Librairie Gallimard, Paris

«Jean-Paul Sartre über Die schmutzigen Hände, Gespräch mit Paolo

Caruso» aus: «Un théâtre de situations»

Copyright © 1973 by Jean-Paul Sartre

et Éditions Gallimard, Paris

Die Rechte der Bühnenaufführung, der Verfilmung und der Sendung in Rundfunk und Fernsehen liegen beim Rowohlt Theater Verlag, Reinbek bei Hamburg

Die Neuübersetzung folgt der 1948 bei Librairie Gallimard, Paris, unter dem Titel «Les mains sales» erschienenen Originalausgabe

Die deutsche Erstausgabe erschien im Rowohlt Verlag GmbH, Stuttgart, 1949

Quellennachweis im Anhang

Dieses Werk ist urheberrechtlich geschützt, jede Verwertung bedarf der Genehmigung des Verlages.

Covergestaltung Barbara Hanke, Werner Rebhuhn

Schrift Droid Serif Copyright © 2007 by Google Corporation

Schrift Open Sans Copyright © by Steve Matteson, Ascender Corp

Abhängig vom eingesetzten Lesegerät kann es zu unterschiedlichen Darstellungen des vom Verlag freigegebenen Textes kommen.

ISBN 978-3-644-01888-4

www.rowohlt.de

 

Alle angegebenen Seitenzahlen beziehen sich auf die Printausgabe.

Für Dolores

Personen

Hoederer

Hugo

Olga

Jessica

Louis

Der Prinz

Slick

Georges

Karsky

Frantz

Charles

Iwan

Léon

Erstes Bild

Bei Olga.

Erdgeschoß eines Häuschens an der Landstraße. Rechts die Eingangstür und ein Fenster mit geschlossenen Läden. Im Hintergrund auf einer Kommode das Telefon. Hinten links eine Tür, ein Tisch, Stühle. Zusammengewürfeltes, billiges Mobiliar. Man spürt, daß der hier lebenden Person Möbel völlig gleichgültig sind. Links, neben der Tür, ein Kamin: über dem Kamin ein Spiegel. Ab und zu fahren auf der Landstraße Autos vorbei. Hupen.

Erste Szene

Olga, dann Hugo

Olga ist allein, sie sitzt vor einem Rundfunkgerät, spielt an den Knöpfen. Geknatter, schließlich einigermaßen deutliche Stimme.

Sprecher: Auf der ganzen Frontbreite treten die deutschen Truppen den Rückzug an. Die sowjetischen Truppen haben die Stadt Kischnar vierzig Kilometer vor der illyrischen Grenze eingenommen. Wo irgend möglich, verweigern die illyrischen Truppen den Kampf; zahlreiche Überläufer sind schon zu den Alliierten gestoßen. Illyrer, wir wissen, daß ihr gezwungen worden seid, gegen die Sowjetunion zu kämpfen; wir kennen die zutiefst demokratische Gesinnung des illyrischen Volkes, und wir ….

Olga dreht am Knopf, die Stimme ist weg. Olga bleibt mit starrem Blick regungslos sitzen. Pause. Es klopft. Sie fährt hoch. Es klopft noch einmal. Sie geht langsam zur Tür. Es klopft wieder.

Olga: Wer ist da?

Hugos Stimme: Hugo.

Olga: Wer?

Hugos Stimme: Hugo Barine. Olga zuckt zusammen und bleibt bewegungslos an der Tür stehen. Erkennst du meine Stimme nicht? Nun, mach auf! Mach doch auf! Olga läuft schnell zur Kommode, nimmt mit der linken Hand etwas aus der Schublade, umwickelt die linke Hand mit einer Serviette, geht die Tür aufmachen, tritt zur Vorsicht sofort zurück. Auf der Schwelle steht ein großer dreiundzwanzigjähriger junger Mann.

Hugo: Ich bin's. Sie sehen sich einen Moment lang schweigend an. Du wunderst dich?

Olga: Ich wundere mich, wie du aussiehst.

Hugo: Ja. Ich habe mich verändert. Kurze Pause. Hast du mich jetzt genug angesehen? Erkennst du mich wieder? Ganz sicher? Zeigt auf den unter der Serviette versteckten Revolver. Dann kannst du das Ding weglegen.

Olgaohne den Revolver wegzulegen: Ich dachte, du hättest fünf Jahre bekommen.

Hugo: Richtig: fünf Jahre.

Olga: Komm rein und mach die Tür zu. Sie tritt einen Schritt zurück. Der Revolver ist nicht genau auf Hugo gerichtet, aber fast. Hugo wirft einen belustigten Blick auf den Revolver, dreht Olga langsam den Rücken zu und macht die Tür zu. Ausgebrochen?

Hugo: Ausgebrochen? Ich bin doch nicht wahnsinnig. Sie mußten mich an den Schultern packen und rausschieben. Kurze Pause. Ich bin wegen guter Führung entlassen worden.

Olga: Hast du Hunger?

Hugo: Würde dir gefallen, nicht?

Olga: Warum?

Hugo: Geben ist so bequem: das hält auf Distanz. Außerdem sieht man beim Essen harmlos aus. Kurze Pause. Entschuldige: ich habe weder Hunger noch Durst.

Olga: Ein Nein hätte auch gereicht.

Hugo: Erinnerst du dich denn nicht mehr: Ich habe immer zuviel geredet.

Olga: Ich erinnere mich.

Hugosieht sich um: Was für eine Wüste! Und doch fehlt nichts. Meine Schreibmaschine?

Olga: Verkauft.

Hugo: Ach? Kurze Pause. Er sieht sich im Zimmer um. Leer ist es.

Olga: Was ist leer?

Hugozeigt ringsum in den Raum: Das alles hier! Man hat den Eindruck, die Möbel stehen in der Wüste. Wenn ich dort die Arme ausstreckte, konnte ich beide gegenüberliegenden Wände gleichzeitig berühren. Komm näher. Sie kommt nicht näher. Richtig: außerhalb von Gefängnissen lebt man auf respektvoller Distanz. Soviel verschwendeter Platz! Es ist komisch, frei zu sein, das macht schwindlig. Ich werde mich wohl wieder daran gewöhnen müssen, mit Leuten zu reden, ohne sie anzufassen.

Olga: Wann haben sie dich entlassen?

Hugo: Vorhin.

Olga: Du bist direkt hierhergekommen?

Hugo: Wohin hätte ich sonst gehen sollen?

Olga: Du hast mit niemandem gesprochen?

Hugosieht sie an und lacht auf: Nein, Olga, nein. Mach dir keine Sorgen. Mit niemandem.

Olgaentspannt sich etwas und sieht ihn an: Sie haben dich nicht kahlgeschoren.

Hugo: Nein.

Olga: Aber deine Strähne haben sie weggeschnitten. Kurze Pause.

Hugo: Freust du dich, mich wiederzusehen?

Olga: Ich weiß nicht. Ein Auto auf der Straße. Hupen. Motorengeräusch. Hugo schreckt auf. Das Auto entfernt sich. Olga beobachtet ihn kühl. Wenn du tatsächlich entlassen worden bist, brauchst du keine Angst zu haben.

Hugoironisch: Meinst du? Er zuckt die Achseln. Kurze Pause. Wie geht's Louis?

Olga: Ganz gut.

Hugo: Und Laurent?

Olga: Er … er hat kein Glück gehabt.

Hugo: Das dachte ich mir. Ich weiß nicht warum, an ihn mußte ich immer wie an einen Toten denken. Es wird sich allerhand verändert haben.

Olga: Seit die Deutschen hier sind, ist alles sehr viel härter geworden.

Hugogleichgültig: Ja, stimmt. Sie sind hier.

Olga: Seit drei Monaten. Fünf Divisionen. Eigentlich waren sie auf dem Durchmarsch nach Ungarn. Sie sind aber hiergeblieben.

Hugo: Soso. Interessiert: Habt ihr Neue?

Olga: Viele.

Hugo: Junge?

Olga: Ja, ziemlich viele. Wir haben jetzt eine andere Aufnahmepraxis. Die Lücken müssen gefüllt werden: wir sind … nicht mehr so streng.

Hugo: Natürlich: man muß sich anpassen. Leicht besorgt: Die Linie ist aber doch im großen und ganzen die alte geblieben, oder?

Olgaverlegen: Nun … im wesentlichen schon.

Hugo: Klar, für euch ist das Leben eben weitergelaufen; im Gefängnis kann man sich schwer vorstellen, daß draußen alles weitergeht. Gibt es jemanden in deinem Leben?

Olga: Hin und wieder. Auf eine Bewegung Hugos: Im Moment nicht.

Hugo: Habt ihr … manchmal von mir gesprochen?

Olgalügt ungeschickt: Gelegentlich.

Hugo: Sie kamen nachts auf ihren Fahrrädern an, wie zu meiner Zeit, setzten sich um den Tisch, Louis stopfte seine Pfeife, und einer sagte dann: In so einer ähnlichen Nacht hat sich der Kleine zu einem Sonderauftrag gemeldet, so etwa?

Olga: Ja, so ähnlich.

Hugo: Und dann habt ihr gesagt: Gut hat er seine Sache gemacht, den Auftrag sauber erledigt, keinen verpfiffen.

Olga: Ja. Ja. Ja.

Hugo: Manchmal wurde ich vom Regen wach; ich überlegte mir: Sie werden's naß haben ; und bevor ich wieder einschlief, dachte ich: Vielleicht reden sie heute nacht von mir. Das vor allem hatte ich den Toten voraus: Ich konnte immerhin noch glauben, ihr denkt an mich. Olga faßt ihn spontan und unbeholfen am Arm. Sie sehen sich an. Olga läßt Hugos Arm los. Hugo wird etwas steifer. Und eines Tages habt ihr euch gesagt: Jetzt muß er noch drei Jahre absitzen, und wenn er rauskommt – im veränderten Ton, ohne Olga aus den Augen zu lassen –, wenn er rauskommt, werden wir ihn zur Belohnung wie einen Hund abknallen.

Olgatritt plötzlich zurück: Bist du verrückt?

Hugo: Bitte, Olga, bitte! Kurze Pause. Bist du damit beauftragt worden, mir Pralinen zu schicken?

Olga: Was für Pralinen?

Hugo: Komm, komm!

Olgabestimmt: Was für Pralinen?

Hugo: Pralinen mit Likörfüllung, in einer rosa Schachtel. Sechs Monate lang hat mir ein gewisser Dresch regelmäßig Päckchen geschickt. Da ich keinen mit diesem Namen kannte, habe ich verstanden, daß die Päckchen von euch kamen, das hat mich gefreut. Dann hörten die Sendungen auf, da sagte ich mir: Sie vergessen mich. Doch vor drei Monaten kam wieder ein Päckchen an, vom gleichen Absender, mit Pralinen und Zigaretten. Die Zigaretten habe ich geraucht, und die Pralinen hat mein Zellennachbar gegessen. Dem armen Kerl sind sie schlecht bekommen. Ganz schlecht. Da habe ich gedacht: Sie vergessen mich nicht.

Olga: Und dann?

Hugo: Nichts.

Olga: Vermutlich werden dich Hoederers Freunde nicht gerade lieben.

Hugo: Die hätten keine zwei Jahre gewartet, um es mir mitzuteilen. Nein, Olga, ich habe genug Zeit zum Nachdenken gehabt, nur eine einzige Erklärung habe ich gefunden: Anfangs meinte die Partei, ich sei noch verwendbar, später hat sie die Meinung geändert.

Olgaohne Härte: Du redest zuviel, Hugo. Immer zuviel. Du redest, um zu spüren, daß du lebst.

Hugo: Genau das ist es: Ich rede zuviel, ich weiß zuviel, und nie habt ihr mir vertraut. Weiter braucht man nicht zu suchen. Kurze Pause. Weißt du, ich nehme euch nichts übel. Die ganze Geschichte hatte schlecht angefangen.

Olga: Hugo, sieh mich an. Glaubst du, was du sagst? Sie sieht ihn an. Ja, du glaubst es. Heftig: Warum bist du dann zu mir gekommen? Warum? Warum?

Hugo: Weil du nicht auf mich schießen kannst. Er sieht nach dem Revolver, den sie immer noch in der Hand hält, und lächelt. Jedenfalls nehme ich das an. Olga wirft den mit dem Tuch umwickelten Revolver auf den Tisch. Siehst du.

Olga: Hör zu, Hugo: Von deiner Geschichte glaube ich kein Wort, und was dich angeht, habe ich auch keinen Befehl erhalten. Falls ich aber je einen bekomme, sollst du wissen, daß ich tue, was von mir verlangt wird. Und falls ich von der Partei gefragt werde, sage ich, daß du hier bist, selbst wenn man dich vor meinen Augen umlegen sollte. Hast du Geld?

Hugo: Nein.

Olga: Ich gebe dir welches, und dann gehst du.

Hugo: Wohin? Soll ich mich am Hafen oder auf den Docks herumtreiben? Das Wasser ist kalt, Olga. Was auch kommt, wenigstens ist es hier hell und warm. Das gibt einen gemütlicheren Abschied ab.

Olga: Hugo, ich werde tun, was mir die Partei befiehlt. Ich schwöre dir, ich tue, was sie mir befiehlt.

Hugo: Siehst du, es stimmt doch.

Olga: Geh.

Hugo: Nein. Olga nachmachend: «Ich werde tun, was mir die Partei befiehlt.» Du wirst dich noch wundern. Auch beim besten Willen ist das, was man tut, nie das, was die Partei einem befiehlt. «Du wirst zu Hoederer gehen und ihm drei Kugeln in den Bauch verpassen.» Ein einfacher Befehl, nicht? Ich war bei Hoederer, und ich habe ihm drei Kugeln in den Bauch geschossen. Aber das war was anderes. Der Befehl? Den Befehl gab es nicht mehr. Von einem bestimmten Moment an lassen sie einen allein, die Befehle. Der Befehl war zurückgeblieben, ich stand allein, und allein habe ich getötet … und ich weiß nicht mal mehr den Grund. Ich wünschte, die Partei befiehlt dir, auf mich zu schießen. Nur um zu sehen. Um mal zu sehen.

Olga: Du würdest es sehen. Kurze Pause. Was wirst du jetzt tun?

Hugo: Ich weiß nicht. Darüber habe ich nicht nachgedacht. Als sie das Gefängnistor aufschlossen, hatte ich vor, hierherzukommen, also bin ich gekommen.

Olga: Wo ist Jessica?

Hugo: Bei ihrem Vater. Anfangs hat sie mir manchmal geschrieben. Ich glaube, sie trägt jetzt nicht mehr meinen Namen.

Olga: Wie soll ich dich hier unterbringen? Täglich kommen Genossen zu mir. Sie gehen hier ein und aus.

Hugo: Auch in deinem Schlafzimmer?

Olga: Nein.

Hugo: Aber ich, früher. Auf dem Sofa lag eine rote Decke, an den Wänden war eine Tapete mit grünen und gelben Rauten und zwei Fotos, davon eins von mir.

Olga: Ist das eine Inventur?

Hugo: Nein: ich erinnere mich nur. Ich habe oft daran gedacht. Vor allem über das zweite Foto habe ich mir den Kopf zerbrochen, ich wußte nicht mehr, wer es war.

Ein Auto fährt vorbei. Hugo schreckt auf. Sie schweigen beide. Das Auto hält. Türen werden zugeschlagen. Es klopft.

Olga: Wer ist da?

Die Stimme von Charles: Charles.

Hugoleise: Wer ist Charles?

Olgaebenso: Einer von uns.

Hugosieht sie an: Und jetzt?

Olga: Nun? Worauf wartest du? Geh in mein Schlafzimmer: du wirst deine Erinnerungen auffrischen können.

Hugo ab. Olga macht die Tür auf.

Zweite Szene

Olga, Charles, Frantz

Charles: Wo ist er?

Olga: Wer?

Charles: Dieser Kerl. Wir sind ihm auf den Fersen, seit er aus dem Knast ist. Kurzes Schweigen. Er ist nicht hier?

Olga: Doch. Er ist hier.

Charles: Wo?

Olga: Da. Sie zeigt auf ihr Schlafzimmer.

Charles: Gut.

Er gibt Frantz ein Zeichen, daß er ihm folgen soll, steckt eine Hand in die Jackentasche und geht einen Schritt vor. Olga versperrt ihm den Weg.

Olga: Nein.

Charles: Olga, es wird schnell gehen. Geh auf der Straße spazieren, wenn du willst. Wenn du zurückkommst, wirst du niemanden und auch keinerlei Spuren vorfinden. Zeigt auf Frantz: Der Kleine ist zum Saubermachen hier.

Olga: Nein.

Charles: Laß mich meine Arbeit machen, Olga.

Olga: Hat Louis dich geschickt?

Charles: Ja.

Olga: Wo ist er?

Charles: Im Auto.

Olga: Geh ihn holen. Charles zögert. Los! Du sollst ihn holen.

Charles gibt ein Zeichen, und Frantz verschwindet. Olga und Charles stehen sich schweigend gegenüber. Ohne Charles aus den Augen zu lassen, nimmt Olga das Tuch mit dem Revolver vom Tisch.

Dritte Szene

Olga, Charles, Frantz, Louis

Louis: Was ist in dich gefahren? Wieso hinderst du sie daran, ihren Auftrag zu erledigen?

Olga: Ihr habt es zu eilig.

Louis: Zu eilig?

Olga: Schick sie weg.

Louis: Wartet auf mich draußen. Ihr kommt zurück, wenn ich euch rufe. Sie gehen raus. Also? Was willst du mir sagen?

Kurze Pause.

Olgabehutsam: Louis, er hat für uns gearbeitet.

Louis: Sei nicht kindisch, Olga. Der Kerl ist gefährlich. Wir müssen verhindern, daß er redet.

Olga: Er wird nicht reden.

Louis: Der? Dieser größte Schwätzer …

Olga: Er wird nicht reden.

Louis: Ich frage mich, ob du ihn nicht anders siehst, als er tatsächlich ist. Du hattest schon immer eine Schwäche für ihn.

Olga: Und du immer eine gegen ihn. Kurze Pause. Louis, ich habe dich nicht hierhergebeten, damit wir uns über unsere Schwächen unterhalten; mir geht es um das Interesse der Partei. Seit die Deutschen hier sind, haben wir zahlreiche Verluste. Wir können uns nicht leisten, diesen Jungen zu liquidieren, ohne überhaupt geprüft zu haben, ob er noch verwendbar ist.

Louis: Verwendbar? Was war er denn: ein kleiner disziplinloser Anarchist, ein wichtigtuerischer Intellektueller, ein Bourgeois, der nur was tat, wenn ihm danach war, und alles wieder hinschmiß, wenn er keine Lust mehr hatte.

Olga: Er ist aber auch der, der mit zwanzig Jahren Hoederer trotz Leibwächter umgelegt hat und dem es gelungen ist, einen politischen Mord als Liebesdrama zu tarnen.

Louis: Ist es ein politischer Mord gewesen? Die Geschichte ist nie aufgeklärt worden.

Olga: Eben. Jetzt muß sie aufgeklärt werden.

Louis: Eine faule Geschichte ; ich will lieber nicht dran rühren. Außerdem fehlt mir sowieso die Zeit, ihn auch noch einer Prüfung zu unterziehen.

Olga: Aber ich habe Zeit. Handbewegung von Louis. Louis, ich befürchte, du läßt dich in dieser Angelegenheit zu stark vom Gefühl leiten.

Louis: Dasselbe fürchte ich bei dir, Olga.

Olga: Hast du jemals erlebt, daß ich Gefühlen nachgegeben hätte? Ich bitte nicht darum, ihn einfach nur am Leben zu lassen. Ich sage nur, bevor man ihn liquidiert, muß geprüft werden, ob die Partei ihn wieder aufnehmen kann.

Louis: Die Partei kann ihn nicht wieder aufnehmen: jetzt nicht mehr. Das weißt du.

Olga: Er hat unter einem Decknamen gearbeitet, niemand kannte ihn außer Laurent, der tot ist, und Dresden, der an der Front ist. Du hast Angst, daß er quatscht. Wenn sich die richtigen Leute darum kümmern, wird er nicht quatschen. Ein Intellektueller, ein Anarchist, sagst du. Stimmt, aber auch ein Desperado. Richtig angeleitet ist er für alles mögliche einsetzbar. Das hat er bewiesen.

Louis: Also, was schlägst du vor?

Olga: Wie spät ist es?

Louis: Neun.

Olga: Kommt um Mitternacht wieder. Dann weiß ich, warum er auf Hoederer geschossen hat und wie er heute steht. Bin ich mit bestem Gewissen der Meinung, wir können mit ihm zusammenarbeiten, sage ich es euch durch die Tür, und ihr laßt ihn ruhig schlafen. Eure Instruktionen gebt ihr ihm dann morgen früh.

Louis: Und wenn er nicht mehr brauchbar ist?

Olga: Dann mache ich euch die Tür auf.

Louis: Ein großes Risiko für so eine Geschichte.

Olga: Was für ein Risiko? Habt ihr das Haus umstellt?

Louis: Vier Leute.

Olga: Bis Mitternacht sollen sie bleiben. Louis rührt sich nicht vom Fleck. Louis, er hat für uns gearbeitet. Wir müssen ihm eine Chance lassen.

Louis: Gut. Bis Mitternacht. Ab.

Vierte Szene

Olga, dann Hugo

Olga geht zur Tür und macht sie auf. Hugo kommt heraus.

Hugo: Deine Schwester war's.

Olga: Wie?

Hugo: Das Foto an der Wand. Es war deine Schwester. Kurze Pause. Mein Foto hast du abgehängt. Olga antwortet nicht. Er sieht sie an. Du machst ein komisches Gesicht. Was wollten sie?

Olga: Sie suchen dich.

Hugo: So! Du hast ihnen gesagt, daß ich hier bin?

Olga: Ja.

Hugo: Gut. Er geht zur Tür.

Olga: Die Nacht ist hell, und Genossen bewachen das Haus.

Hugo: So? Er setzt sich an den Tisch. Gib mir was zu essen. Olga holt einen Teller, Brot und Schinken. Während sie den Tisch für ihn deckt, spricht er: Über dein Zimmer habe ich mich nicht geirrt. Nie. Alles ist so wie in meiner Erinnerung. Kurze Pause. Der einzige Unterschied ist, als ich im Knast war, dachte ich: Es ist eine Erinnerung. Das wirkliche Zimmer ist draußen, hinter der Mauer. Jetzt war ich drin, ich habe mir dein Zimmer angesehen, und es war nicht wirklicher als meine Erinnerung. Auch die Zelle war ein Traum. Auch Hoederers Blick, als ich auf ihn schoß. Glaubst du, ich habe eine Chance, wieder aufzuwachen? Vielleicht nachher, wenn deine Freunde mich mit ihrem Spielzeug besuchen …

Olga: Solange du hier bist, wird dich keiner anrühren.

Hugo: Das hast du erreicht? Er gießt sich ein Glas Wein ein. Irgendwann muß ich aber doch raus.

Olga: Warte. Du hast die Nacht vor dir. In einer Nacht kann allerhand passieren.

Hugo: Was soll schon passieren?

Olga: So manches kann sich ändern.

Hugo: Was?

Olga: Du Ich.

Hugo: Du?

Olga: Das hängt von dir ab.

Hugo: Ich soll dich verändern? Er lacht, sieht sie an, steht auf und geht auf sie zu. Sie tritt ruckartig zurück.

Olga: So nicht. Ich lasse mich nur verändern, wenn ich einverstanden bin. Kurze Pause. Hugo zuckt die Achseln und setzt sich wieder. Er fängt an zu essen.

Hugo: Also was?

Olga: Wieso kommst du nicht zu uns zurück?

Hugolacht: Genau der passende Moment, mich danach zu fragen.

Olga: Wenn es aber möglich wäre? Wenn die ganze Geschichte nur ein Mißverständnis wäre? Hast du dir nie Gedanken gemacht, was nach dem Gefängnis kommt?

Hugo: Daran habe ich nicht gedacht.

Olga: Woran dann?

Hugo: An das, was ich getan habe. Ich wollte begreifen, warum ich es getan hatte.

Olga: Hast du es schließlich begriffen? Hugo zuckt die Achseln. Wie kam das mit Hoederer? Stimmt es, daß er hinter Jessica her war?

Hugo: Ja.

Olga: Hast du aus Eifersucht …

Hugo: Ich weiß nicht … Ich … glaube nicht.

Olga: Erzähle.

Hugo: Was?

Olga: Alles. Von Anfang an.

Hugo: Komm, erzähle, es ist doch ganz einfach: Die Geschichte kenne ich auswendig. Täglich habe ich sie mir im Gefängnis neu erzählt. Aber was sie bedeutet, das steht auf einem anderen Blatt. Es ist eine idiotische Geschichte, wie jede Geschichte. Von weitem ergibt sie noch einen Sinn; beim genaueren Hinsehen aber fällt alles in sich zusammen. Die Tat geht zu schnell. Plötzlich kommt sie aus dir heraus, und du weißt nicht mehr, war es, weil du sie gewollt hast oder weil du sie nicht mehr aufhalten konntest. Jedenfalls habe ich geschossen …

Olga: Fang mit dem Anfang an.

Hugo: Den Anfang kennst du genausogut wie ich. Gibt es überhaupt einen? Man kann beim März 1943 anfangen, als Louis mich zu sich bestellte. Oder ein Jahr früher, als ich in die Partei eingetreten bin. Oder vielleicht noch früher, bei meiner Geburt. Gut. Nehmen wir an, alles hat im März 1943 angefangen.

Während er spricht, wird es auf der Bühne dunkel.

Zweites Bild

Dasselbe Bühnenbild, zwei Jahre früher, bei Olga. Es ist Nacht. Durch die Hintertür, die auf den Hof geht, hört man Stimmengewirr, das anschwillt und abebbt, als würden sich mehrere Personen lebhaft unterhalten.

Erste Szene

Hugo, Iwan, dann Olga

Hugo tippt auf der Schreibmaschine. Er wirkt viel jünger als in der vorhergehenden Szene. Iwan geht im Zimmer auf und ab.

Iwan: Sag mal!

Hugo: Was?

Iwan: Könntest du nicht mit dem Tippen aufhören?

Hugo: Warum?

Iwan: Das macht mich nervös.

Hugo: Wie ein kleines Nervenbündel wirkst du aber nicht.

Iwan: Bin ich auch nicht. Nur im Moment macht mich das nervös. Willst du nicht mit mir reden?

Hugoeifrig: Nichts lieber als das. Wie heißt du?

Iwan: In der Illegalität heiße ich Iwan. Und du?

Hugo: Raskolnikow.

Iwanlacht: Das ist vielleicht ein Name!

Hugo: Mein Parteiname.

Iwan: Wo hast du den denn her?

Hugo: So heißt jemand in einem Roman.

Iwan: Was macht der?

Hugo: Leute umbringen.

Iwan: Aha! Und hast du Leute umgebracht?

Hugo: Nein. Kurze Pause. Wer hat dich hierhergeschickt?

Iwan: Louis.

Hugo: Und was sollst du tun?

Iwan: Warten, bis es zehn ist.

Hugo: Und dann?