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Kommissarin Hanna Wolf vom K13 der Frankfurter Kripo wird mit der Aufklärung tödlicher Unfälle beauftragt, die im häuslichen Umfeld geschehen sind. Im Fall der Rollstuhlfahrerin stellt sich sofort heraus, dass es sich um Mord handelt. Der Pflegedienst Zuhause kann der Kripo einiges über die Patienten und ihre Familien berichten. Der Ehemann des Mordopfers war zum Zeitpunkt des Verbrechens auf einer Geschäftsreise in Berlin. Im Verlauf der Ermittlungsarbeit gibt es Widersprüche in den Zeugenaussagen. Die Fassade der gutbürgerlichen Welt bricht Stück für Stück zusammen. Am Ende tun sich menschliche Abgründe auf, die keiner für möglich gehalten hätte. Die dunkle Seite der Liebe zeigt ihr hässliches Gesicht.
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Seitenzahl: 220
Veröffentlichungsjahr: 2015
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Gitte Loew
Die schöne Gruft
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Inhaltsverzeichnis
Titel
Die schöne Gruft
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Kapitel 9
Kapitel 10
Kapitel 11
Kapitel 12
Kapitel 13
Kapitel 14
Kapitel 15
Kapitel 16
Kapitel 17
Kapitel 18
Kapitel 19
Kapitel 20
Kapitel 21
Kapitel 22
Kapitel 23
Die Autorin
Impressum neobooks
Die schöne Gruft
Franziskas Herz klopfte wie wild. Sie konnte kaum Luft holen, so heftig war das Pochen in ihrer Brust. Was hatte sie gerade geträumt? Eine Tote? Ihr Herzschlag beruhigte sich nur langsam. Was war los? Sie hob den Kopf und knipste die Nachttischlampe an. Der Radiowecker zeigte auf halb sieben. Ihr war schwindlig, obwohl sie noch im Bett lag. Das Tageslicht schimmerte durch den Rollladen.
Langsam richtete sie sich auf und tappte ins Bad. Während sie unter der Dusche stand, fiel ihr Blick auf das Wasser, das in kleinen Tropfen über ihre Haut perlte. Sie stierte in den Ablauf der Duschwanne und stellte sich vor, dass der Spuk der Nacht in diesem kleinen Loch verschwinden würde. Alles wegspülen. Nach fünf Minuten Dauerberieselung drehte sie den Hahn zu und trocknete sich ab.
Sie griff ins Regal, zog einen frischen Body hervor und schlüpfte hinein. Keinen Slip, keinen BH, nur diese weiße Hülle. Nach Dienstende würde sie die zweite Haut abstreifen und in die Wäsche entsorgen. Das Ritual vollzog sie jeden Tag. Ein Blick in den Spiegel. Alles war gut. Sie ging in die Küche, stellte die Kaffeemaschine an und sah zum Fenster hinaus. Draußen war es noch dämmerig, hinter einigen Fenstern brannten schon Lichter.
Erst als sie sich umdrehte, sah sie den Zettel auf dem Tisch liegen. Es war eine herausgerissene Seite aus einem Heft. Lars hatte ihr eine Nachricht geschrieben. Er würde Ende des Monats ausziehen. Jetzt war es endgültig und fühlte sich eigenartig an.
Dreißig Minuten später saß Franziska im Auto und lenkte den Wagen durch Eschersheim. Am Morgen kam man schlecht voran. Sie kaute nervös auf ihrer Unterlippe herum. Als ihr Handy klingelte, drehte sie das Radio leiser. Ein Blick aufs Display genügte und sie schüttelte den Kopf. Nein, das kam überhaupt nicht infrage. Sie war im Dienst.
„Oh, fahre doch endlich“, sie bremste scharf. Die Ampel war plötzlich auf Rot umgesprungen.
„Der Teufel soll ihn holen“, schimpfte sie vor sich hin. Nach einer gefühlten Ewigkeit konnte sie weiterfahren. Nur keine Hektik am frühen Morgen. Das einzig Gute an der Sache war, dass Lars ihr die Entscheidung abgenommen hatte.
Franziska bog in die Kurhessenstraße ein und sucht nach einem Parkplatz. Hoffentlich war Frau Führer zu Hause. Sie geisterte oft orientierungslos in der Gegend umher. Dann musste man sie suchen, oder die Adresse ein zweites Mal anfahren. Das kostete Zeit. Sie parkte den Wagen halb auf dem Gehweg und eilte zur Haustür. Wühlte in der Tasche nach dem Schlüsseletui. In diesem Augenblick wurde die Tür von innen geöffnet und ihr Blick fiel auf die ausgelatschten Schuhe von Frau Eckermann. Augenblicklich ging die Fragerei los:
„Morgen, was suchen Sie?“
„Nur den Wohnungsschlüssel, aber ich habe ihn schon gefunden.“
Franziska hielt das Mäppchen hoch, lächelte und eilte schnell an ihr vorbei. Frau Eckermann drehte sich um und rief ihr nach:
„Zur Not hätten Sie auch bei mir klingeln können.“
Franziska achtete nicht weiter auf sie, sondern schloss die Wohnungstür auf. Ein dumpfer Geruch schlug ihr entgegen. Verflucht. Die alte Frau hatte wieder alle Fenster geschlossen. Es roch nach verfaultem Obst.
„Hallo Frau Führer, ich bin es.“
Die Nachbarin stand noch immer im Treppenhaus und reckte neugierig den Hals.
„Ist sie wieder verschwunden? So früh am Morgen. Es wird von Tag zu Tag schlimmer mit ihr“, schimpfte sie laut.
Franziska rannte durch den Flur und suchte nach ihrer Patientin. In der Eile hatte sie die Wohnungstür offen stehen lassen. Als sie in die Küche kam, fiel ihr erster Blick auf die Packung mit den Blutdrucksenkern, die noch auf dem Tisch lag. Mein Gott, eilig stopfte sie die Schachtel in ihre Jackentasche. Sie hatte gestern vergessen, die Tabletten wieder einzustecken. Die Küchentür wurde aufgestoßen. Franziska fuhr erschrocken herum. Die Nachbarin stand hinter ihr.
„Haben Sie Frau Führer heute schon gesehen?“, wollte sie ärgerlich wissen.
„Nein, sie liegt auch nicht auf ihrem Bett im Schlafzimmer. Wir sagen schon seit Monaten, dass sie nicht mehr allein wohnen kann.
Jeden Tag den gleichen Sermon. Franziska zischte wütend:
„Frau Führer ist vergesslich. Mit 89 Jahren ist das kein Wunder.“
Sie ließ die Nachbarin einfach stehen und eilte in den Garten, der hinter dem Haus lag. Rosen schlängelten sich am Apfelbaum hoch. In einem krummen Ast hing ein verlassenes Vogelnest. Die alte Frau war verschwunden. Die Schwester blieb unschlüssig stehen. Hoffentlich war ihr nichts passiert. Wie immer drängte die Zeit, aber die Sache mit den Tabletten könnte gefährlich für sie werden. Sie drückte auf die Kurzwahl ihres Handys.
„Hallo, hier ist Engler, Pflegedienst Zuhause. Eine Patientin von uns ist verschwunden. Gerda Führer, wohnhaft...“
Der Polizeibeamte unterbrach sie:
Da haben Sie Glück. Vor fünfzehn Minuten hat jemand angerufen. Eine Frau ist am Ginnheimer Hang von einer Spaziergängerin gefunden worden. Der Krankenwagen ist schon unterwegs zu ihr.“
„Vielen Dank, ich gehe schnell hin.“
Die Schwester ließ die verdutzte Nachbarin stehen, die ihr nachgelaufen war und hastete nach draußen. Als sie auf der Straße stand, fuhr ein Rettungswagen an ihr vorüber. Das Auto bog in die nächste Straße ein. Sie spürte, wie sich ein maues Gefühl in ihrem Magen ausbreitete. Mit schnellen Schritten folgte sie dem Notarztwagen. Es war der Weg, den die alte Frau täglich entlangging.
Nachdem Franziska die Biegung erreicht hatte, sah sie eine Spaziergängerin, die mit der Hand winkte. Sie hielt einen Hund an der Leine. Der Notarzt lief schon in Richtung Spielplatz. Sie blieb in einiger Entfernung stehen und beobachtete, was geschehen würde. Zwei Polizeibeamte standen bereits neben der Bank, auf der eine alte Frau saß. Franziskas Herz schlug schneller. Sie erkannte von Weitem die schmale Gestalt, die in einen dunklen Mantel gehüllt war. Ihr Oberkörper neigte sich leicht zur Seite. Der Arzt stand vor ihr und tastete nach ihrer Halsschlagader. Zog mit der anderen Hand eines ihrer Augenlider hoch und schüttelte kaum merklich den Kopf. Er öffnete ihren Mantel, fühlte die Temperatur des Körpers und griff dann nach ihren Händen. Er sagte etwas zu dem Polizeibeamten, der neben ihm stand.
Franziska griff reflexartig nach ihrem Handy und drückte auf die Taste Zentrale. Die Mailbox sprang an:
„Hallo Verena. Die Polizei hat Frau Führer tot auf dem Spielplatz gefunden. Ich werde mit den Beamten reden müssen. Bitte ändere den Einsatzplan. Ich melde mich wieder, wenn ich hier fertig bin.“
Sie ging auf die Gruppe zu. Der Notarzt sah auf, als Franziska vor ihm stehen blieb.
„Guten Morgen. Ich kenne die Frau. Wir betreuen sie über den Pflegedienst.“
Ein Polizist drehte sich zu ihr um:
„Wie heißen Sie?“
„Engler, ich habe meinen Ausweis im Auto liegen“, antwortete sie schnell.
„Was ist los mit der Frau? Warum sitzt sie hier auf der Bank?“, wollte er wissen.
Typisch. Hätte man die alte Frau auf dem Stuhl festbinden sollen? Franziska schluckte ihren Ärger hinunter. Die Angelegenheit war schon unangenehm genug. Sie räusperte sich:
„Frau Führer ging jeden Tag spazieren. Manchmal hat sie sich hier hingesetzt und den Kindern beim Spielen zugesehen. Vielleicht bekam sie Herzschmerzen und niemand hat es bemerkt?“
„Sie müssen trotzdem warten. Wir haben die Kriminalpolizei verständigt“, der Polizist beäugte sie misstrauisch von der Seite.
Kommissarin Wolf war aus einer Besprechung heraus nach Eschersheim gerufen worden. Man hatte eine Tote am Ginnheimer Hang gefunden. Sie zog ihr Handy aus der Tasche:
„K13, Wolf. Ich bin jetzt in der Kurhessenstraße. Wo steht ihr?“
„Erste Straße rechts, vor dem Spielplatz.“
Hanna Wolf fuhr bis zur nächsten Ecke und bog rechts in den Weg ein. Sie parkte den Wagen vor einer alten Villa und sah sich erst einmal um. In dieser Gegend gab es schöne alte Häuser, die mit reichlich Gartengelände umgeben waren. Die Mannschaft des Rettungswagens saß bereits wieder im Fahrzeug. Schon alles erledigt? Hanna stieg aus und lief zu den Polizisten, die neben der Toten standen.
„Morgen, Kollegen. Wer hat die Frau gefunden?“
„Ich. Mein Name ist Elisabeth Schwarz. Ich war mit dem Hund unterwegs, als ich die Frau so schief auf der Bank sitzen sah. Ich bin näher herangegangen. Naja, und dann habe ich bemerkt, dass sie nicht mehr geatmet hat.“
„Kennen Sie die alte Dame?“, wollte die Kommissarin wissen.
Frau Schwarz sah sie verwundert an:
„Kennen? Nein. Sie ist mir manchmal begegnet, wenn ich meinen Hund ausgeführt habe. Aber ich weiß nicht, wie sie heißt.“
Franziska hatte abseitsgestanden und gewartet. Jetzt ging sie auf die Gruppe zu und meldete sich aus dem Hintergrund zu Wort:
„Es ist unsere Patientin, Frau Führer. Als ich heute Morgen kam, war sie nicht in ihrer Wohnung.“
Die Kommissarin drehte sich zu ihr um: „Wissen Sie weshalb?“
„Sie war vergesslich. Anstatt morgens auf uns zu warten, ist oft spazieren gegangen. Wir haben sie immer wieder gebeten, das nicht zu tun. Aber sie hat unsere Bitten von einem zum anderen Tag vergessen. Vielleicht hat sie einen Schwindel gespürt und sich dann auf die Bank gesetzt. Es könnte das Herz gewesen sein.“
„Hatte sie eine Erkrankung?“
„Nur Bluthochdruck, aber der war mit Medikamenten gut eingestellt“, erwiderte Franziska schnell.
Hanna wandte sich wieder an den Polizisten:
„Was hat der Notarzt gesagt?“
„In ihrem Alter. Können Sie sich doch denken, aber fragen Sie ihn doch selbst. Es ist ja noch da“, der Polizeibeamte vergrub seine Hände in den Hosentaschen und schwieg. Die Kommissarin lief die wenigen Schritte bis zum Rettungswagen und klopfte an die Scheibe. Das Fenster öffnete sich.
„Mein Name ist Wolf, Kripo Frankfurt. Woran ist die Frau gestorben?“
Der Arzt blickte erstaunt auf und beugte sich zu Hanna herunter:
„Frau Kommissarin, das sehen Sie doch. Keine Gewalteinwirkung, keinerlei Verletzungen. Ich gehe von Herzversagen aus. Die Frau hat einen Schwächeanfall erlitten und ist nicht wieder aufgewacht. Ich kann keine Anzeichen erkennen, die auf einen gewaltsamen Tod hindeuten. So wollen wir doch alle sterben, oder?“
Hanna beantwortete seine Frage nicht. Sie hatte jetzt Wichtigeres zu tun.
„Ich benötige eine Kopie des Totenscheins für die Ermittlungsunterlagen.“
Sie reichte dem Arzt ihre Visitenkarte. Er steckte sie ein und nickte ihr zu:
„Wir faxen Ihnen eine Kopie. Bis dann.“
Die Kommissarin lief zu der kleinen Gruppe zurück, die sich um die Tote geschart hatte. Sie zog die Schwester des Pflegedienstes zur Seite. Nicht jeder sollte hören, was sie wissen wollte.
„Hat die Verstorbene Angehörige?“
Franziska schüttelte den Kopf:
„Soviel ich weiß, nein. Das Nachlassgericht wird nach Erben für das Haus suchen müssen.“
War die Frau vermögend?“, die Kommissarin sah die Schwester aufmerksam an.
Franziska antwortete nicht sofort. Solche Fragen waren ein zweischneidiges Schwert. Als Schwester kümmerte man sich um pflegerische Dinge, soweit es die Patienten zuließen. Für alles andere waren sie nicht zuständig. Nur widerwillig gab sie Auskunft:
„Ich weiß nicht, was das Haus wert ist. Wer auch immer den Kasten erben wird, braucht Geld, um das marode Gebäude wieder in Ordnung zu bringen.“
„Hm“, für Kommissarin Wolf klang das auf den ersten Blick plausibel.
„Haben Sie Schlüssel zur Wohnung?“
Statt einer Antwort zog Franziska das Mäppchen aus der Tasche und überreichte es der Kriminalbeamtin. Die griff danach, ließ es in ihre Manteltasche gleiten und beobachtete dabei die Schwester. Der Tag hatte gerade erst begonnen, und die Frau sah schon müde aus. Hanna Wolf wandte ihren Blick ab und meinte im Gehen:
„Bitte warten Sie dort drüben an meinem Auto. Sie müssen mich in die Wohnung der Toten begleiten.“
Franziska hatte damit gerechnet. Widerwillig lief sie zum Wagen der Kommissarin. Vorsicht war geboten. Außenstehende hatten keine Ahnung. Der Alltag in der ambulanten Pflege sieht anders aus, als auf den Bildern der Hochglanzbroschüren.
Bevor die Kommissarin den Spielplatz verlassen konnte, ging sie zu den Polizisten.
„Lasst die Tote von der städtischen Pietät abholen. Bis die Angehörigenfrage geklärt ist, muss die Leiche im Kühlhaus gelagert werden. Wir melden uns, sobald wir mehr wissen.“
Einer der beiden Beamten hob die Hand zum Gruß, stieg in den Streifenwagen ein und griff zum Telefon.
Franziska drehte sich noch einmal nach der schmalen Gestalt auf der Bank um. Es tat ihr leid, was geschehen war. Sie zuckte zusammen. Die Kommissarin hatte sie leicht am Arm berührt.
„Steigen Sie ein.“
Als die Frauen in der Kurhessenstraße ankamen, war die Nachbarin verschwunden. Die Wohnungstür stand noch immer offen. Hanna Wolf warf ihrer Begleiterin einen fragenden Blick zu. Doch die zuckte nur mit den Schultern.
„Die Tür ist meistens unverschlossen. Frau Führer hatte kein Geld. Diebe hätten bei ihr nichts holen können.“
Ein kleines Lächeln huschte über Hannas Gesicht. Sie betrat den Flur und durchquerte die große Wohnung. Der Anblick war unfassbar. In allen Ecken lag schmutzige Wäsche herum. Es roch muffig, kein Lüftchen bewegte sich in den Räumen. In jedem Zimmer stand benutztes Geschirr. Auf der Küchenanrichte lag ein angefaulter Apfel, um den Fliegen kreisten. Es roch säuerlich nach Fäulnis. Sie drehte sich nach der Schwester um:
„Warum wurde die Wohnung nicht geputzt? Die Frau hat völlig verwahrlost gelebt.“
Franziska lachte kurz auf. Es klang wie ein Bellen.
„Sie war kein Fall für das Sozialamt. Das Haus ist zwar alt, aber das Grundstück ist eine Menge Geld wert. Aber Steine kann man nicht essen. Hausbesitzer bekommen nichts vom Sozialamt. Es sei denn, sie sind damit einverstanden, dass die Behörden eine Hypothek auf ihr Eigentum nehmen. Erst dann gibt es Geld vom Sozialamt. Das hat Frau Führer abgelehnt. Die Reparaturen haben sie in den Ruin getrieben. Ihr blieb nicht viel zum Leben. Die Mieter wollten das Haus kaufen und sie ins Pflegeheim abschieben, aber das wollte sie nicht.“
Auf dem Gesicht der Kommissarin erschien ein Ausdruck von Resignation. Immer die gleiche Leier. Sie konstatierte knapp:
Frau Führer hätte ihr Haus verloren und Geld bekommen, mit dem sie nichts mehr anfangen konnte.“
Franziska verzog ihr Gesicht und seufzte. Dann meinte sie leise:
„Ein Teil des Geldes wäre vermutlich für Schulden draufgegangen. Ich weiß nichts über ihre Finanzen, aber Frau Führer hatte Angst. Sie fühlte sich verfolgt. In ihrer Wohnung war sie frei und konnte tun und lassen, was sie wollte.“
„Haben die Mieter Druck auf sie ausgeübt?“, hakte die Kommissarin nach.
Die Schwester wiegte den Kopf hin und her. Sie wollte sich aus der Sache raushalten. Frau Führer hatte ihr erzählt, dass Frau Eckermann sie nervte. Die Nachbarin war für ihre üble Nachrede in der Straße bekannt. Das hatte auch sie schon am eigenen Leib zu spüren bekommen. Doch das war alles Schnee von gestern. Sie hielt besser den Mund.
Die Kommissarin ließ aber nicht locker und ging einen Schritt auf sie zu:
„Ich muss Sie das fragen. Wir finden sowieso heraus, wenn etwas an der Sache faul ist“, meinte sie leichthin.
Franziska fühlte sich in die Enge getrieben. Es würde sinnlos sein, zu schweigen. Sie erzählte der Kommissarin, was sie wusste.
„Die Familie Eckermann wollte ihr das Haus abkaufen und den Preis möglichst niedrig halten. Frau Führer hat gespürt, dass sie solchen Verhandlungen nicht mehr gewachsen war. Sie sprach hin und wieder von ihrer Angst. Sie behauptete, von Ratten umzingelt zu sein.“
Die Kommissarin dachte einen Augenblick nach. Der Zustand der Wohnung sprach Bände. Dieser Hinweis führte zu neuen Vermutungen und belastete die Mieter. Vielleicht war alles nicht so harmlos, wie es auf den ersten Blick aussah? Was spielt der Pflegedienst dabei für eine Rolle?
„Ihre Auskunft ist wichtig. Haben Sie etwas gegen die Familie Eckermann?“
Franziska verzog die Mundwinkel nach unten. Hätte sie nur den Mund gehalten. Aber jetzt musste sie Farbe bekennen.
„Ich konnte die Familie von Anfang an nicht leiden. Sie waren Frau Führer gegenüber freundlich, aber hinter ihrem Rücken haben sie über sie hergezogen. Die alte Frau war eine leichte Beute.“
Hanna konnte sich in etwa vorstellen, was in diesem Haus abgelaufen war. Dem musste nachgegangen werden.
„Ich werde Ihre Aussage notieren. Sie müssen ins Polizeipräsidium kommen und das Protokoll unterschreiben. Bitte geben Sie mir Ihre Telefonnummer. Ich rufe Sie an.“
Franziska zog eine Visitenkarte aus der Tasche und überreichte sie der Kommissarin.
„Steht alles drauf. Wenn Sie mich im Moment nicht mehr brauchen, würde ich gern gehen. Ich werde erwartet.“
Die Kommissarin lächelte schwach:
„Verstehe, Zeitdruck. Ich melde mich bei Ihnen.“
***
Franziska verschwand aus der übel riechenden Wohnung und ging nach draußen. Bevor sie ins Auto einstieg, holte sie erst einmal Luft. Das hatte gerade noch gefehlt. Sie rief nicht im Büro an, sondern fuhr stattdessen nach Hause. Meine Güte, wie hatte ihr das nur passieren können?
In ihrer Wohnung angekommen ließ sie sich zuerst in einen Sessel fallen. Sylvester kam unter dem Sofa hervorgekrochen und sprang auf ihren Schoß. Sie graulte den Kater und flüsterte ihm etwas ins Ohr. Es dauerte eine Weile, bis sie sich innerlich beruhigt hatte. Es war nicht mehr wichtig, ob und wie viel Tabletten Frau Führer geschluckt hatte. Die alte Frau war tot. So, wie es im Augenblick aussah, war niemand misstrauisch geworden. Keiner der Beteiligten hatte den Gedanken an eine Obduktion erwähnt. Sie konnte nur hoffen, dass die Kommissarin den Fall ruhen lassen würde. Andernfalls würde sie ernsthafte Probleme bekommen.
Ihr fiel mit einem Mal der Traum der vergangenen Nacht ein. Unsinn. Sie arbeitete zu viel. Es war gut, dass Lars aus ihrem Leben verschwand und die Streitereien endlich aufhörten. Auf der anderen Seite musste sie ab nächsten Monat die Miete allein bezahlen. Franziska legte die Hände vors Gesicht und heulte los. Sylvester rekelte sich auf ihrem Schoß und maunzte ungeduldig.
Nach einer Viertelstunde hatte sie sich einigermaßen beruhigt. Sie nahm das Handy und meldete sich bei der Einsatzzentrale:
„Hallo, Verena, ich habe der Kommissarin die Wohnung gezeigt und mir ihr über Frau Führer gesprochen. Die Kripo verlangt, dass ich ins Polizeipräsidium kommen und das Protokoll unterschreiben soll.“
„Jetzt gleich? Du weißt, wir sind im Augenblick sehr knapp mit Personal.“
„Keine Panik. Ich weiß noch nicht, wann ich dort antanzen muss. Die Kommissarin wird mich anrufen. Du musst das Gericht wegen des Nachlasses informieren. Den Wohnungsschlüssel habe ich der Kripobeamtin gegeben. Sie heißt Wolf. Soll ich die Nachtschicht übernehmen?“
„Ja, aber komm‘ vorher ins Büro. Wir haben einen neuen Patienten in Rödelheim. Du brauchst seine Wohnungsschlüssel und die Krankenakte.“
„Geht in Ordnung, bis gleich.“
Hanna blinzelte in die Sonne. Obwohl heute erst Donnerstag war, sehnte sie sich nach einem freien Wochenende. Vielleicht würde es noch ein paar schöne Herbsttage geben. Sie könnte mit Max einen Kurztrip nach Wien unternehmen. Ein ausgiebiges Frühstück in einem der schönen Kaffeehäuser. Es klopfte an ihrer Tür. Sie wurde aus dem schönen Traum in die raue Wirklichkeit zurückgeholt.
„Herein.“
Torsten kam ins Zimmer und grinste sie gut gelaunt an. Er trug eine neue Lederjacke und stolzierte wie ein Gockel vor ihrer Nase herum.
„Hast du unseren Termin vergessen?“
Hanna sah ihn verwundert an. Dann fiel es ihr wie Schuppen von den Augen.
„Sorry, aber ich hatte die Frau völlig vergessen.“
Sie stand auf und schlüpfte in ihre Jacke. Torsten murmelte etwas von Freud‘scher Fehlleistung. An der Tür wären sie beinahe mit Max Adler zusammengestoßen.
„Nanu, wo wollt ihr denn hin?“, er blieb stehen.
„Ich hatte es auch nicht mehr auf dem Schirm. Wir fahren nach Eschersheim, zur Nachbarin der verstorbenen Rentnerin.
„Die Sache ist doch erledigt, oder? Also ich nehme ab heute Überstunden, da ich einiges zu erledigen habe. Dann bis Montag“, mit diesen Worten verschwand Max Richtung Treppenhaus.
Hanna sah ihm nach und wäre ihm am liebsten nachgelaufen. Sie brummelte etwas Unverständliches vor sich hin. Torsten gab ihr einen freundschaftlichen Stoß in die Rippen:
„Jetzt sag doch mal, das Teil ist doch toll?“, dabei öffnete er die neue Jacke und Hanna sah zuerst die Flecken auf seinem T-Shirt. Es war Kakao.
„Damit kriegst du jede, ganz sicher“, dabei kniff sie ihm unauffällig in den Hintern.
Torsten schien es kaum bemerkt zu haben. Er stolzierte wie ein Pfau im Zimmer auf und ab und schwelgte in Gedanken schon im Wochenende.
„Vielleicht haben wir Glück und die Dame fasst sich kurz. Dann könnten wir auch mal früher Schluss machen“, dabei blickte er gut gelaunt zu Hanna.
Seit einiger Zeit vermutete Torsten, dass Hanna ihm nicht mehr alles erzählte. Er schielte sie von der Seite an. Sie grübelte vor sich hin. Doch was ging ihn das Privatleben seiner Kollegen an?
Sie liefen zum Auto und Torsten übernahm das Steuer. Zehn Minuten später standen die beiden vor dem Haus in der Kurhessenstraße. Im Garten hatte jemand gearbeitet. Ein großer Berg mit herausgerissenen Pflanzen lag im Vorgarten. Sträucher waren geschnitten worden. Hanna schüttelte den Kopf.
„Was für ein Glück, das die alte Frau das nicht mehr sehen kann.
Torsten war genervt. Er ahnte, dass an der Sache etwas faul war und es Ärger geben würde. Auf ihr Klingeln summte der Türöffner und die Kriminalbeamten traten ins Treppenhaus. Die Tür der Parterrewohnung stand offen. Die Siegel der Polizei waren verschwunden. Ein Blick genügte und man konnte sehen, dass auch in der Wohnung irgendwer mit der Entrümpelung begonnen hatte.
„Verdammt schnell“, murmelte die Kommissarin.
„Hallo, wer ist da?“, rief eine Frauenstimme vom ersten Stock herunter.
„Wir sind von der Kripo“, antwortete Hanna und stieg die Treppe nach oben.
Frau Eckermann hatte sich wie ein Wächter vor ihrer Wohnungstür aufgepflanzt. Sie trug eine alte Schürze und hatte die Haare unter einem Tuch zusammengebunden. Torsten, der hinter Hanna stand, kicherte leise. Dann meinte er spöttisch:
„Sie sind schon kräftig am Ausräumen. Ziehen Sie aus?“
Frau Eckermann verdrehte die Augen und wischte sich mit dem Arm über die Stirn.
„Aber nein, der Dreck muss aus dem Haus geschafft werden. Wir haben in der Wohnung von Frau Führer Mäuse entdeckt. Entsetzlich, dieses Ungeziefer. Mein Mann hat den Kammerjäger bestellt.
„Haben Sie auch schon Erben gefunden?“, lästerte Torsten.
„Ach, wo denken Sie hin. Hier hat sich die letzten zehn Jahre niemand sehen lassen. Das Ehepaar war kinderlos. Bis das Gericht in die Gänge kommt, laufen die Kakerlaken in Scharen durchs Haus. Das kann uns niemand zumuten, da wir weiter in so einem Dreck wohnen sollen.“
Torsten zischte Hanna ins Ohr:
„Sind es nun Mäuse oder Kakerlaken? Warum sind die Eckermanns nicht schon früher ausgezogen?“
Hanna erwiderte nichts. Sie gab Torsten einen kleinen Schubs. So kamen sie nicht weiter. Sie starrte diese widerliche Frau an, die ihre Hände in die Taille gestützt hatte und die Beamten böse anfunkelte. Hanna schluckte ihre Verärgerung hinunter. Sie versuchte, mit der Nachbarin in Ruhe zu reden.
„Wir möchten von Ihnen wissen, wer sich um Frau Führer gekümmert hat und wie ihr Tagesablauf aussah.“
Frau Eckermann machte keinerlei Anstalten, sie in die Wohnung zu bitten. Die Kommissarin lehnte sich ans Treppengeländer und verschränkte die Arme vor der Brust. Sie wartete auf eine Antwort.
„Keiner hat sich um Frau Führer gekümmert. Nur wir haben das getan. Sie war aber auch sehr eigensinnig. Wir schlugen ihr vor, Essen auf Rädern zu bestellen, doch das hat sie abgelehnt. Sie hat den ganzen Winter ihre alten Apfel gegessen und Haferschleim gekocht. Die Schwestern sind zwar jeden Tag gekommen, aber schnell wieder verschwunden. In der Wohnung herrscht ein einziges Chaos, das haben Sie selbst gesehen. Schrecklich, wie in Kriegszeiten. Keiner der Nachbarn kann verstehen, warum die Behörden so etwas zulassen.“
Sie wischte sich eine Haarsträhne aus dem Gesicht und sah die Beamten dabei böse an. Es passte ihr ganz offensichtlich nicht, dass sie bei ihrer Räumaktion gestört worden war. Hanna blieb hartnäckig.
„Schwester Franziska, die am Tag des Todes bei Frau Führer war, hatte aber einen guten Kontakt zu der alten Dame“, behauptete sie und war gespannt auf ihre Antwort.
Frau Eckermann schüttelte den Kopf und kniff die Lippen zusammen.
„Warum sagen Sie nichts?“, Torsten konnte förmlich sehen, was in ihr vorging und versuchte sie zu provozieren.
„Gehen Sie mal ein paar Häuser weiter und fragen Sie Herrn Ebner. Er hat eine kranke Frau, die vom gleichen Pflegedienst versorgt wird. Schwester Franziska hat den Sohn der Familie darin bestärkt, die künstliche Ernährung für seine Mutter einzustellen. Der Ehemann war außer sich, als ihm das zu Ohren kam. Er hat sich bei der Firma beschwert und durchgesetzt, dass sie nicht mehr ins Haus kam. Es gab einen großen Krach zwischen Vater und Sohn. Seit dieser Zeit reden die beiden nicht mehr miteinander.“
„Vielleicht hatte die Schwester ernste Gründe.“
„Ach, hören Sie doch auf, wo kommen wir denn hin, wenn schon Krankenschwestern Sterbehilfe leisten“, giftete sie gehässig.
Hanna schüttelte den Kopf.
„Unter Sterbehilfe verstehen die Gerichte etwas anderes. Und wenn wir schon bei strafbaren Handlungen sind, muss ich Sie auffordern, nicht mehr die Wohnung der Verstorbenen zu betreten. Das ist Sache des Gerichts. Sie könnten andernfalls in Verdacht geraten, sich bereichern zu wollen.“
„Bereichern? An dem Dreck? Dass ich nicht lache.“
Frau Eckermann lachte allerdings nicht, sondern sah die Beamten wütend an. Sie stand wie ein Bollwerk vor ihrer Wohnungstür. Hanna blieb unbeeindruckt.
„Unsere Kollegen haben die Wohnung versiegelt. Wer hat das Siegel entfernt?“
„Was reden Sie für dummes Zeug“, schimpfte Frau Eckermann aufgebracht, trat einen Schritt zurück und schlug den Kriminalbeamten die Tür vor der Nase zu.
Torsten verdrehte die Augen gen Himmel und meinte sarkastisch:
„Solche Leute haben keinerlei Skrupel. Die glaubt allen Ernstes, dass ihr das Haus schon gehören würde. Ich wette, die hat noch nicht einmal ein schlechtes Gewissen. Wir werden neue Siegel anbringen müssen. Am besten in mehrfacher Ausfertigung.“
Hanna hatte genug von dieser unverschämten Person. Sie würde kein weiteres Mal klingeln. Dann musste die Dame halt zur Vernehmung ins Präsidium kommen. Eine kostenpflichtige Verwarnung war ihr sicher, dafür würde sie sorgen. Sie stieg die Treppe hinunter, zog den Wohnungsschlüssel aus der Tasche und verriegelte die Tür. Torsten klebte vier Schilder über den Spalt.
„Ich rufe das Gericht an, damit die nicht noch mehr umkrempeln, bevor Erben gefunden werden. Übrigens, hast du Lust auf etwas Vegetarisches?“
„Hier, in dieser Gegend?“
„Am weißen Stein ist ein Naturkostladen, da gibt es kleinere Gerichte und einen guten Cappuccino.“
„Sag mal, wenn wir schon hier sind, wäre es nicht besser, bei dieser Familie Ebner nachzufragen?“
