Es geschah am Main - Gitte Loew - E-Book

Es geschah am Main E-Book

Gitte Loew

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Beschreibung

Als Kommissarin Hanna Wolf zu einem Raubüberfall gerufen wird, ahnt sie noch nicht, dass dieser Mord nur ein Teil einer ganzen Reihe von Verbrechen ist. Die Mordkommission kann Verdächtige ermitteln, aber es fehlen Beweise. Doch die Kommissarin folgt unbeirrt der Spur des Täters und seiner Opfer. Dabei stößt sie auf Verbrechen, die man als die Banalität des Bösen bezeichnen kann.

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Seitenzahl: 169

Veröffentlichungsjahr: 2015

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Gitte Loew

Es geschah am Main

 

 

 

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Inhaltsverzeichnis

Titel

 Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10

Kapitel 11

Kapitel 12

Kapitel 13

Kapitel 14

Kapitel 15

Kapitel 16

Kapitel 17

Kapitel 18

Kapitel 19

Kapitel 20

Kapitel 21

Kapitel 22

Kapitel 23

Impressum neobooks

 Kapitel 1

Gitte Loew

Es geschah am Main

Im ‘Ruderhaus’, das im Frankfurter Stadtteil Fechenheim liegt, waren um 23 Uhr fast alle Gäste verschwunden. Nur am Tisch nahe der Tür saßen drei Typen, die sich recht einsilbig unterhielten. Es waren Männer, die zum Trinken in die Kneipe gekommen waren, also der harte Kern. Nicht besonders willkommene Gestalten, doch jeder Wirt muss Geld verdienen. Die Kerle hatten im Verlauf des Abends ganz schön gezecht. Die Luft im Schankraum war angefüllt mit dem Gestank von Bier und Tabak.

„Ihr habt genug, geht nach Hause. Wir schließen“, rief die kleine stämmige Kellnerin dem Trio zu, begleitet von einem genervten Blick. Sie hob geräuschvoll die Stühle auf die Tische und ließ dabei die Gruppe nicht aus den Augen.

„Komm, Elvira, das geht auf mich, ich zahle“, brummte der Älteste aus der Runde und legte seine Geldbörse auf den Tisch. Es war ein untersetzter Mann mit gerötetem Gesicht von etwa 45 Jahren. Sein Portemonnaie war angefüllt mit Banknoten, die aus dem Scheinfach hervorblitzten. Der Kleinste des Trios grinste breit und warf seinem Kumpel einen vielsagenden Blick zu. Doch der war müde und reagierte nicht.

„Macht 46 Euro“, schnauzte Elvira und knallte den Kassenbon auf die Tischplatte, direkt vor die Nase von Martin Weber.

Er fummelte einen Schein hervor und legte ihn neben den Zettel. Elvira sah er dabei nicht an, sondern stierte vor sich hin. Für heute hatte er sein Pensum erreicht. Die Kellnerin gab ihm das Wechselgeld direkt in die Hand. Weber stecke es wie im Zeitlupentempo in seine Hosentasche. Dann stützte er sich mit beiden Händen auf der Tischplatte ab und erhob sich langsam. Mit breitbeinigen Schritten steuerte er dem Ausgang entgegen.

Der Kleinere folgte ihm auf den Fuß und redete ohne Unterlass auf ihn ein. Zum Schluss erhob sich auch der Letzte und bildete das Ende dieser sonderbaren Prozession.

„Wir gehen zu dir, Martin, und machen uns noch einen lustigen Abend“, flüsterte er Weber immer wieder ins Ohr. Sein Kumpel warf ihm einen wissenden Blick zu, hielt aber den Mund und schlug den Weg zu seinem Moped ein.

„Komm, wir genehmigen uns noch einen bei Martin, sei kein Spielverderber“, raunte der Kleine.

„Mensch, morgen ist Freitag, ich muss früh aufstehen und zur Arbeit.“

Doch sein Begleiter versetzte ihm einen Stoß in die Rippen und gestikulierte mit den Händen hinter dem Rücken von Martin Weber. Er hatte etwas vor und der andere ahnte schon, was kommen würde. Eigentlich war er müde, aber eine günstige Aussicht auf Geld bewog ihn dann doch mitzugehen. Er ließ sein Moped stehen und trottete den anderen hinterher.

Die Bleibe von Weber lag in der Nähe des Mainufers in einem alten Backsteinhaus. Er wohnte im Erdgeschoss und die Wohnung sah alles andere als einladend aus. Auf dem Boden lag überall Schmutz. In den Ecken hatte Weber Tüten mit den Resten von Fertigmalzeiten abgestellt und vergessen, den Abfall zum Müll zu tragen. Doch das interessierte seine sonderbaren Gäste nicht. Als sie zu dritt im Wohnzimmer angekommen waren, schlurfte Weber zu Couch und ließ sich fallen. Innerhalb von Minuten war er eingeschlafen.

„Na los, schau dich um, ob du etwas finden kannst“, zischte der Kleine.

Sein Freund schüttelte widerwillig den Kopf, trottete aber dann doch in die Küche. Er fand einen alten Küchenschrank, dessen Türen und Schubladen er aufzog, aber außer Geschirr und Besteck war nichts vorhanden. Auf dem Küchentisch lag eine ältere Zeitung, in der jemand begonnen hatte, Kreuzworträtsel zu lösen. Er öffnete den Kühlschrank, fand eine Flasche Wodka und ging damit zurück ins Wohnzimmer.

„Klasse“, begrüßte ihn sein Begleiter und griff nach der Flasche. Er rüttelte den schlafenden Weber an der Schulter und als der die Augen öffnete, prostete er ihm zu und trank einen Schluck. Dann hielt er ihm die Flasche vor den Mund und flößte ihm Wodka ein. Weber trank, verschluckte sich und musste husten. Er stellte die Flasche auf den Tisch zurück und wartete einige Minuten, bis Weber wieder eingeschlafen war. Dann erst stand er auf, holte ein Kissen aus dem Sessel und schob es dem Schlafenden unter den Kopf. Anschließend drehte er ihn behutsam auf die Seite. Jetzt konnte man Webers Portemonnaie sehen, das aus der Gesäßtasche hervorragte. Er hob fragend die Hand und sah seinen Begleiter herausfordernd an. Doch der winkte nur ab und flüsterte:

„Hör auf, ich will keinen Stress.“

Aber er hatte einen Plan gefasst und davon ließ er sich nicht mehr abbringen. Er beugte sich vorsichtig über den Schnarchenden und berührte ihn mit einem Zeitungsfetzen an der Nase. Weber brummte etwas Unverständliches und fuhr sich mit der Hand übers Gesicht. Diesen Augenblick nutzte er, zog behutsam an der Geldbörse und bekam sie zu fassen. Doch zu seiner Verwunderung drehte sich Weber unbeholfen um und kam sogar auf die Füße. Erschreckt sprang er zurück. Weber begann laut zu krakeelen und stolperte mit unsicheren Schritten auf ihn zu. Doch er hatte sich schnell wieder im Griff, fackelte nicht lange und schlug mit aller Kraft zu. Weber war betrunken, verlor das Gleichgewicht und stürzte rückwärts der Länge nach hin. Dabei krachte er mit dem Kopf auf die Marmortischplatte. Es hörte sich an, als ob Holz zerbersten würde. Danach trat Totenstille ein.

Sein Kumpel hatte die ganze Zeit dabei gestanden und alles mit offenem Mund beobachtet. Mit entsetztem Gesicht sah er jetzt, wie sich unter dem Kopf des Gestürzten eine Blutlache bildete.

„Bis du verrückt geworden, der ist tot“, murmelte er fassungslos.

„Was kann ich denn dafür, dass der so ein Theater macht. Los, mach schon, wir hauen hab. Ich steck die Flasche ein. Wir müssen verschwinden.“

Er war mit einem Schlag wach. Panik ergriff ihn. Ohne ein weiteres Wort zu sagen, verließ er die Wohnung. Rannte, so schnell er konnte, am Main entlang und erreichte nach wenigen Minuten sein Moped. Er startete die Maschine und fuhr davon, ohne sich noch einmal umgedreht zu haben.

Kapitel 2

Einen Monat später, an Christi Himmelfahrt, schien die Sonne und auf dem Main waren Ausflugsschiffe und jede Menge Boote unterwegs. Männergruppen zogen mit Pferde- oder Traktorgespannen durch die Straßen, hoben die Gläser und grölten Lieder zum Vatertag. Entlang des Mains fuhren viele Radler und Spaziergänger flanierten entlang des Wassers. Wer Hunger hatte, kehrte in eine der Kneipen am Rande des Weges ein.

Auch am Fechenheimer Mainufer und dem dort vorbeiführenden Leinpfad herrschte Hochbetrieb. Die Kellner im ‘Ruderhaus’ hatten jede Menge zu tun. Vor der Gaststätte waren Tische und Bänke aufgestellt worden, aber auch dort gab es keine freien Sitzplätze mehr. Inmitten der vergnügten Meute saßen zwei Männer, die Ausschau nach einer günstigen Gelegenheit hielten, denn sie waren wie immer knapp bei Kasse.

Der Blick des einen Mannes kreiste über die Köpfe der vergnügten Ausflügler hinweg. Er taxierte sein Umfeld sehr aufmerksam. Derweilen quatschte der andere von beiden mit dem Gast an seiner Seite, der sehr auffällig angezogen war. Er trug einen großen Schlapphut, eine schwarze Weste und eine Hose, die an den Hosenbeinen einen Schlag hatte. Neugierig geworden wollte er wissen:

„Also du heißt Kevin und bist auf der Walz. Wie geht das denn?“

„Ich ziehe durchs Land und suche mir Arbeit als Zimmermann. Verdiene mein Geld und wandere dann weiter.“

„Und wo wohnst du?“

„Ich brauche keine Wohnung. Ich finde immer ein Bett, in dem ich schlafen kann.“

Während er sprach grinste er fröhlich. Um sein helles Gesicht kräuselten sich blonde Locken. Seine langen Haare waren am Hinterkopf zu einem Zopf gebunden, der ihm bis auf die Schultern reichte. An einem Ohr trug er einen goldenen Ohrring. Er sah abenteuerlich und sehr männlich aus. Ganz sicher würde der nicht leer ausgehen und für die Nacht ein Bett finden. Doch zur Verwunderung seines Nachbarn erkundigte er sich nach einer Schlafgelegenheit.

„Wie sieht es mit dir aus oder bei deinem Kumpel, habt ihr noch ein Sofa frei?“

Der Angesprochene schüttelte den Kopf und meinte:

„Tut mir leid, ich bin froh, dass ich als Untermieter etwas was gefunden habe. In Frankfurt sind die Wohnungen rar und teuer.“

Der Fremde zwinkerte und meinte freundlich:

„Verstehe schon, ich werde sicher etwas auftreiben. Hallo, Bedienung, ich möchte zahlen!“

Er öffnete den Rucksack und kramte seinen Geldbeutel hervor. Elvira kam mit dem Bon in der Hand zum Abkassieren an den Tisch.

„Kann ich noch eine Flasche Schnaps bekommen, ich will aufbrechen?“, wollte er wissen.

Sie seufzte kaum hörbar und sagte:

„Das kassiere ich gleich mit ab. Macht dann 23 Euro.“

Der Zimmermann zog einen Fünfzigeuroschein hervor und reichte ihn der Kellnerin. Da bemerkte der eine der Männer, dass die Geldbörse des Mannes gut gefüllt war. Er straffte sich und versuchte einen Blick seines Kumpels zu erhaschen. Doch der reagierte nicht und schaute in der Weltgeschichte herum. Er griff mit der Hand nach hinten und tat so, als ob ihm etwas heruntergefallen wäre. Beim Aufrichten gab er ihm von hinten einen kleinen Stoß. Der andere erschrak, wurde aber dadurch auf das Geld aufmerksam. Die Kellnerin legte dem Fremden das Wechselgeld auf den Tisch und verschwand, um den Schnaps zu holen.

„Du, da fällt mir etwas ein“, meinte einer der Sitznachbarn von Kevin und sah ihn interessiert an.

„Hier in der Nähe ist der Schultheißweiher und ein Freizeitgelände, also ein Badesee und Naturschutzgebiet. Wir haben da schon öfter gefeiert und anschließend unseren Rausch ausgeschlafen. Es ist doch warm, dort könntest du prima unter freien Himmel pennen.“

Die Kellnerin kam mit der Flasche zurück und reichte sie dem Gast. Der Zimmermann verstaute den Schnaps in seinem Rucksack und erhob sich. Nebenbei meinte er:

„Wie weit ist es denn bis zum See?“

Der Angesprochene sprang auf und zerrte seinen Kumpel am Arm hinter sich her. Sie steuerten auf den Ausgang zu und der Handwerker folgte ihnen ins Freie. Die Sonne ging langsam unter und ihr gelboranges Licht zauberte eine romantische Abendstimmung über den Main. Ein Graureiher überflog das Wasser und verschwand in einem der alten Bäume, die am Wasser standen.

Einer der Männer eilte zum Fluss und zeigte mit der Hand auf die andere Seite des Ufers:

„Da hinten liegt der See, in der Biegung des Mains. Wir können über den Steg dort gehen und sind in null Komma nix auf der anderen Seite. Dann sind es höchstens noch ein paar Minuten Fußweg bis zum Naturschutzgebiet.“

Der Zimmermann hatte einiges über den Tag getrunken und verspürte das Bedürfnis sich hinzulegen. Eine Nacht im Freien zu schlafen stellte für ihn kein Problem dar. Vor allem in einer warmen Sommernacht. Am Morgen würde er sich im See erfrischen und dann weiterziehen.

„Als gut, zeigt mir die Stelle. Ich lade euch ein.“

Er hob die Hand und ging voraus. Einer der Männer folgte ihm, drehte sich aber nach seinem Kumpel um und fauchte ihn leise an:

„Nun komm schon, es ist nicht so weit.“

„Nee du, ich muss morgen Auto fahren. Ich kann nichts mehr trinken“, mit diesen Worten drehte er sich um und verließ die beiden in Richtung Innenstadt.

Die beiden Männer überquerten den Carl-von-Weinberg-Steg und gelangten zu den Wiesen auf der anderen Seite des Mains. Die letzten Radausflügler fuhren an ihnen vorüber und grüßten freundlich. Es dauerte nicht lange, bis sie den Badesee erreicht hatten. Ein paar Naturfreunde zogen im Wasser noch ihre letzten Runden. Enten tauchten nach Nahrung und Blesshühner zogen wie kleine Wiesel durch den See. Ein Liebespärchen hatte sich im Gebüsch ein ruhiges Plätzchen gesucht.

„Und hier gibt es keine Aufsicht?“, wollte Kevin überrascht wissen.

„Sag ich doch. Das Baden ist kostenlos. Ich würde dir empfehlen, Richtung Naturschutzgebiet zu gehen, da hast du garantiert deine Ruhe.“

„Also gut, geh du voran.“

Er zögerte keinen Moment, stapfte durchs Gras und lief los. Suchte nach einem Platz, der nicht einsehbar und weit genug von den letzten Besuchern des Sees entfernt lag. Nach einiger Zeit fand er eine Nische, die zwischen größeren Sträuchern lag, und deutete mit dem Finger auf den Platz:

„Hier vielleicht?“

„Ach ja, ist ein schönes Fleckchen“, mit diesen Worten ließ sich Kevin ins Gras fallen und verschränkte die Arme unter dem Kopf. Er schaute in den Himmel und sah den Wolken zu. Es war in der Tat sehr still in dieser Gegend. Sein Begleiter setzte sich vorsichtig auf die Wiese, beobachtete den anderen und schwieg. Wenn der Kerl jetzt einschlafen würde, wäre das Risiko zu hoch. Er sah sich unschlüssig um und beobachtete die langsam untergehende Sonne. Der Mond war schon auf der anderen Seite des Himmels als bleiche Scheibe zu sehen. Nach einer Weile richtete sich Kevin auf, zog die Flasche aus dem Rucksack und nahm einen kräftigen Schluck. Dann reichte er seinem Begleiter den Schnaps mit der Aufforderung:

„Hier trink was, bevor du dich auf den Heimweg machst.“

Darauf hatte er gewartet. Er griff nach der Flasche und tat so, als ob er trinken würde, und stellte sie anschließend wieder ins Gras. Der Fremde setzte den Schnaps noch einmal an die Lippen und nahm einen langen Zug, bevor er die Flasche zur Seite legte. Er streckte sich aus und bettete seinen Kopf auf den Rucksack. Abendstille legte sich über die Wiesen. Vögel zwitscherten ihre letzten Lieder vor Einbruch der Dunkelheit.

Der Kleine erhob sich mit einem Mal und verschwand mit der Bemerkung:

„Ich muss mal pinkeln.“

Er schlich sich fort und suchte in der Dämmerung nach einem passenden Stein. Dann kauerte er sich in einiger Entfernung hin und wartete, was passieren würde. Kevin starrte noch immer in den Himmel und hing anscheinend seinen Gedanken nach. Irgendwann drehte er sich auf die Seite und achtete nicht mehr auf seinen Begleiter. Der verharrte noch eine Weile, um sicher zu sein, dass der Mann auch schlafen würde. Dann schlich er sich vorsichtig an. Es war dämmrig geworden, aber er konnte noch sehen, dass dem Zimmermann der Schlapphut ins Gesicht gerutscht war. Sein Oberkörper bewegte sich sanft auf und ab. Er schien zu schlafen.

Vorsichtig kniete er sich neben ihn, umfasste den Stein mit beiden Händen und schlug mit aller Wucht auf den Schlafenden ein. Der zuckte zusammen, seine Hände fuhren vor Schmerz in die Höhe und ein Schrei durchdrang die Stille. Doch da ereilte ihn schon der zweite Schlag. Blut spritzte dem Angreifer ins Gesicht, doch der nahm es nicht wahr. Er war wie im Rausch und schlug den Stein noch mehrere Male auf den Kopf des Wehrlosen. Erst als der Mörder außer Atem war, sackte er ins Gras zurück.

Es war still. Nichts rührte sich, nur ab und zu war der Flügelschlag eines Vogels zu hören, der über den See flog. Nachdem sein Atem wieder gleichmäßiger geworden war, durchwühlte er die Taschen seines Opfers und nahm ihm sein Geld und die Kette ab. Danach versuchte er, Kevin zum Zaun zu rollen. Doch der Tote war schwerer, als er angenommen hatte.

Er stand auf und zog den Mann an den Beinen weiter. Es kostete ihn eine enorme Kraft, den leblosen Körper bis zum Zaun zu schleifen. Mit vor Anstrengung gerötetem Gesicht bog er den alten Maschendrahtzaun hoch. Dann kniete er sich neben das Opfer und rollte ihn mit großer Kraftanstrengung unter dem Draht hindurch auf die andere Seite. Anschließend fiel er atemlos ins Gras.

Nachdem er wieder schnaufen konnte, ergriff er den Rucksack seines Opfers und warf ihn weit über den Zaun. Kevin Schmidt war nun auf einer Wanderschaft, von der er nicht mehr zurückkehren würde.

Er drehte sich vorsichtig um und hielt Ausschau, ob jemand in der Nähe war. Dann eilte er im Laufschritt zum Badesee, wusch sich Gesicht und Hände und blieb noch eine Weile am Wasser sitzen. Nachdem die Nacht alles Licht verschluckt hatte, stand er auf und machte sich in der Dunkelheit auf den Rückweg.

Er schlich leise in die Wohnung seiner Verwandten und stieg noch mit seinen Klamotten am Leib in die Badewanne. Dann versuchte er mit der Handwaschbürste das Blut aus den Kleidern zu schrubben. Doch die Flecken verschwanden nicht so einfach. Er riss sich Shirt und Hose vom Leib und kletterte wieder aus der Wanne.

Wo hatte die Alte nur den Badreiniger versteckt? Er entdeckte ihn hinter der Toilette, schraubte die Flasche auf und ließ die blaue Flüssigkeit über die verschmutzten Sachen laufen. Dann griff er nach einem Putzeimer, der in der Ecke stand, und füllte ihn bis zum Rand mit Wasser. Danach drückte er den Stoff unter Wasser, bis bläuliche Blasen aufstiegen. Bis zum Morgen würden die Flecken verschwunden sein.

Schachmatt huschte er in seine Kammer und fiel aufs Bett. Er wollte schlafen, aber es dauerte lange, bis er endlich in der anderen Welt angekommen war.

Kapitel 3

Uli Möller wählte die Nummer seiner Mutter. Niemand nahm den Hörer ab. Komisch, heute an Silvester war sie nicht zu Hause? Was gab es denn noch so Wichtiges zu erledigen? Als er gestern Abend angerufen hatte, war sie auch nicht ans Telefon gegangen. In diesem Jahr hatten Regine und er den Skiurlaub bis in den Januar hinein verlängert. Wann gab es schon mal so viel Schnee? Unschlüssig ging er nach unten in die Hotelhalle und hielt Ausschau nach seiner Frau. Er entdeckte sie im Frühstücksraum, als sie gerade zum Buffet ging. Möller setzte sich schlecht gelaunt an den Tisch. Regine kam mit einem Teller in der Hand zurück:

„Und, hast du sie erreicht?“

„Nein. Ich habe ein ungutes Gefühl.“

„Dann ruf Marlies an, und bitte sie mal nachzuschauen. Andernfalls verdirbt uns die Ungewissheit den ganzen Tag und die Silvesterfeier heute Abend.“

Seine Frau hatte recht. Uli Möller griff zum Handy und wählte die Nummer der Nachbarin. Eine Frauenstimme meldete sich. Er atmete erleichtert auf, Gott sei Dank, sie war noch zu Hause.

„Hallo, Marlies, meine Mutter geht nicht ans Telefon. Könntest du mal nachsehen, ob bei ihr alles in Ordnung ist?“

„Vielleicht ist sie nur zum Einkaufen gegangen.“

„Nein, das glaube ich nicht. Ich konnte sie schon gestern Abend nicht erreichen. Wir dachten, dass sie vielleicht früher zu Bett gegangen sei, aber heute Morgen sind wir beunruhigt, schließlich ist sie nicht mehr die Jüngste.“

Marlies Steinacker wusste, was er von ihr erwartete. Sie seufzte:

„Gut, ich gehe rüber und schaue nach. Danach melde ich mich wieder bei dir.“ Mit diesen Worten legte sie auf.

Möller schenkte sich eine weitere Tasse Kaffee ein, doch die Ungewissheit hatte ihm den Appetit verdorben. Er starrte lustlos zum Fenster hinaus. Ein komisches Gefühl breitete sich in seinem Magen aus. Zwischen all der Angst stieg Ärger in ihm hoch. Unzählige Male war das Thema Altenheim im Kreis der Familie besprochen worden, aber sie hatte sich immer geweigert umzuziehen. Er griff in Gedanken versunken nach einem Hörnchen, das seine Frau ihm auf den Teller gelegt hatte. Die Angelegenheit hing wie eine dunkle Wolke über ihrem diesjährigen Winterurlaub.

Nach dem Frühstück wollten sie den Rückruf der Nachbarin abwarten und gingen vorerst nicht zum Skilaufen auf die Piste. Die Ungewissheit machte sie nervös. Sie starteten stattdessen zu einem Spaziergang in Richtung Ettelsberg und blickten sehnsüchtig auf die Wintersportler. Die Seilbahn ist die einzige im Rothaargebirge und überwindet 235 Höhenmeter. Uli stöhnte leise vor sich hin. Heute war optimales Wetter zum Skilaufen. Verdammter Mist. Wütend stampfte er mit den Stiefeln in den Schnee.

***

In Frankfurt nahm derweilen Marlies Steinacker den Schlüsselbund vom Haken, steckte ihr Handy ein und machte sich auf den Weg ins Nachbarhaus. Das Jahr ging zu Ende und überall lag Schnee. Sie versuchte, möglichst trockenen Fußes das andere Gebäude zu erreichen. Passanten huschten eilig an ihr vorüber. Auf den letzten Augenblick wurden noch schnell Dinge für den Jahreswechsel eingekauft. Die weiße Schneepracht verschwand unter den vielen Autoreifen und übrig blieb nur grauer Matsch am Rande der Fahrbahn.

Frau Möller wohnte im ersten Stock. Marlies klingelte an der Haustür. Es rührte sich nichts. Sie stieg die Treppen hoch, schellte noch einmal an der Wohnungstür und schloss erst dann auf. Als sie die Tür öffnete, schlug ihr ein modriger Geruch entgegen. Vermutlich lüftete Frau Möller zu wenig. Marlies spürte Übelkeit ins sich aufsteigen und rief nach ihr mit leiser Stimme:

„Hallo, Ruth, wo bist du?“