Die schöne Lisa - Viola Maybach - E-Book

Die schöne Lisa E-Book

Viola Maybach

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Beschreibung

Diese Serie von der Erfolgsschriftstellerin Viola Maybach knüpft an die bereits erschienenen Dr. Laurin-Romane von Patricia Vandenberg an. Die Familiengeschichte des Klinikchefs Dr. Leon Laurin tritt in eine neue Phase, die in die heutige moderne Lebenswelt passt. Da die vier Kinder der Familie Laurin langsam heranwachsen, möchte Dr. Laurins Frau, Dr. Antonia Laurin, endlich wieder als Kinderärztin arbeiten. Somit wird Antonia in der Privatklinik ihres Mannes eine Praxis als Kinderärztin aufmachen. Damit ist der Boden bereitet für eine große, faszinierende Arztserie, die das Spektrum um den charismatischen Dr. Laurin entscheidend erweitert. »Wie gehts denn Ihren Kindern, Frau Böhringer?«, fragte Leon Laurin, während sich die junge Frau nach seiner gründlichen Untersuchung wieder anzog und er unter dem Mikroskop den Abstrich betrachtete, den er gerade gemacht hatte. Lisa Böhringers vier Kinder waren in der Kayser-Klinik geboren worden, er hatte jedes von ihnen auf die Welt geholt, zuletzt vor drei Jahren ihre Zwillinge. »Gut, sehr gut sogar, aber ich klopfe sofort auf Holz, damit es auch so bleibt. Sie sind nur traurig, weil unser wunderbarer Nachbar uns verlassen hat.« Lisa verließ die Umkleidekabine in dem Augenblick, da Leon sich wieder auf den Stuhl an seinem Schreibtisch setzte. Der Abstrich war unauffällig gewesen, auch sonst hatte er bei seiner Patientin nichts Beunruhigendes entdecken können. Sie war eine lebhafte, sehr hübsche Blondine, mit schöner heller Haut und ein paar Sommersprossen auf der Nase. Ihrer Figur sah man die vier Kinder, die sie ausgetragen hatte, nicht an. Sie war schlank, mit vollem Busen, den sie gern betonte. Sie kleidete sich sportlich, aber niemals nachlässig. Die langen Haare hatte sie an diesem Morgen lose im Nacken zusammengebunden. Ihre blauen Augen hatten einen wachen Blick, und nur an den feinen Linien, die sich zwischen dem hübsch geschwungenen Mund und der kleinen, geraden Nase abzeichneten, ließ sich ablesen, dass ihr das Leben bereits einiges abverlangt hatte. »Sie meinen Herrn Wittgenstein?«, fragte er überrascht. Von diesem Herrn war nämlich oft die Rede gewesen, wenn er sich mit Lisa Böhringer unterhalten hatte – und Gespräche hatten sie, auch wegen ihrer vier Kinder, im Verlauf der letzten neun Jahre viele geführt. Er hatte die Kinder ja nicht nur auf die Welt geholt, sondern auch die jeweiligen Schwangerschaften intensiv begleitet. »Ist ihm etwas passiert?« Er kannte Emil Wittgenstein auch persönlich, denn der alte Herr hatte im vergangenen Jahr wegen einer Hüftoperation, die Leon selbst durchgeführt hatte, in der Kayser-Klinik gelegen. Damals war es Leon so vorgekommen, als wäre sein Patient ein alter Bekannter, so viel hatte er bis dahin schon über ihn gehört.

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Seitenzahl: 117

Veröffentlichungsjahr: 2022

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Der neue Dr. Laurin – 78 –Die schöne Lisa

... doch David will nur seine Ruhe haben!

Viola Maybach

»Wie gehts denn Ihren Kindern, Frau Böhringer?«, fragte Leon Laurin, während sich die junge Frau nach seiner gründlichen Untersuchung wieder anzog und er unter dem Mikroskop den Abstrich betrachtete, den er gerade gemacht hatte. Lisa Böhringers vier Kinder waren in der Kayser-Klinik geboren worden, er hatte jedes von ihnen auf die Welt geholt, zuletzt vor drei Jahren ihre Zwillinge.

»Gut, sehr gut sogar, aber ich klopfe sofort auf Holz, damit es auch so bleibt. Sie sind nur traurig, weil unser wunderbarer Nachbar uns verlassen hat.« Lisa verließ die Umkleidekabine in dem Augenblick, da Leon sich wieder auf den Stuhl an seinem Schreibtisch setzte. Der Abstrich war unauffällig gewesen, auch sonst hatte er bei seiner Patientin nichts Beunruhigendes entdecken können.

Sie war eine lebhafte, sehr hübsche Blondine, mit schöner heller Haut und ein paar Sommersprossen auf der Nase. Ihrer Figur sah man die vier Kinder, die sie ausgetragen hatte, nicht an. Sie war schlank, mit vollem Busen, den sie gern betonte. Sie kleidete sich sportlich, aber niemals nachlässig. Die langen Haare hatte sie an diesem Morgen lose im Nacken zusammengebunden. Ihre blauen Augen hatten einen wachen Blick, und nur an den feinen Linien, die sich zwischen dem hübsch geschwungenen Mund und der kleinen, geraden Nase abzeichneten, ließ sich ablesen, dass ihr das Leben bereits einiges abverlangt hatte.

»Sie meinen Herrn Wittgenstein?«, fragte er überrascht. Von diesem Herrn war nämlich oft die Rede gewesen, wenn er sich mit Lisa Böhringer unterhalten hatte – und Gespräche hatten sie, auch wegen ihrer vier Kinder, im Verlauf der letzten neun Jahre viele geführt. Er hatte die Kinder ja nicht nur auf die Welt geholt, sondern auch die jeweiligen Schwangerschaften intensiv begleitet.

»Ist ihm etwas passiert?« Er kannte Emil Wittgenstein auch persönlich, denn der alte Herr hatte im vergangenen Jahr wegen einer Hüftoperation, die Leon selbst durchgeführt hatte, in der Kayser-Klinik gelegen. Damals war es Leon so vorgekommen, als wäre sein Patient ein alter Bekannter, so viel hatte er bis dahin schon über ihn gehört.

»Nein, aber Herrn Wittgenstein wurde alles zu viel. Dabei hat Noah oft für ihn eingekauft, und ich habe die Treppe für ihn geputzt.«

Der achtjährige Noah war ihr Ältester.

»Aber er hatte das Gefühl, dass das Leben allein in einer Wohnung für ihn nicht mehr das Richtige war. Die Wohnung war ja auch zu groß für ihn, aber er wollte sich auch keine andere suchen, weil ja seine Frau und er da so glücklich gewesen sind. Letzten Endes hat er sich entschieden, in ein Seniorenheim zu gehen. Wir vermissen ihn wirklich sehr. Nicht nur die Kinder, ich auch. Er war immer ansprechbar, und er ist einfach ein sehr liebenswürdiger Mensch.«

»Aber Sie können ihn ja auch weiterhin besuchen.«

»Oh, das tun wir auch, aber es ist ein Unterschied, ob man mal eben an die Nachbartür klopft oder ob man einen Weg von zwanzig Minuten hinter sich bringen muss, um jemanden zu sehen. Er hat in dem Heim immerhin ein kleines Appartement, er ist ja kein Pflegefall und kommt noch gut allein zurecht.«

»Fühlt er sich denn dort wohl?«

»Den Eindruck habe ich schon, ja. Er sagt auch ganz offen, dass er es schön findet, sich um nichts mehr kümmern zu müssen, nur das Frühstück macht er sich selbst, die anderen Mahlzeiten nimmt er im Speisesaal ein. Er sitzt offenbar mit netten Leuten am Tisch, es gibt immer Gesprächsstoff, und das tut ihm gut. Er freut sich, wenn wir kommen, wir sind ja so etwas wie seine Ersatzfamilie, aber er vermisst uns weniger als wir ihn, glaube ich.«

»Ich hatte keine Ahnung, dass er umgezogen ist«, sagte Leon. »Grüßen Sie ihn doch bitte von mir, wenn Sie ihn das nächste Mal sehen.«

»Oh, das mache ich gern, der nächste Besuch ist heute Nachmittag geplant. Wir wollen Eis essen. Und? Wie stehts mit der Gesundheit meines Unterleibs?«

»Bestens, Frau Böhringer. Der Abstrich ist in Ordnung, alles andere auch. Keine Zysten, keine sonstigen Auffälligkeiten, ich bin sehr zufrieden. Sie hatten ja auch keinerlei Beschwerden.«

»Zum Glück nicht, nein. Ich habe auch so genug um die Ohren. Manchmal frage ich mich, wie das werden soll, wenn ich erst wieder arbeite. Ich habe schon jetzt keine freie Minute am Tag. Wenn die Kinder in der Schule oder im Kindergarten sind, bin ich vollauf mit einkaufen, kochen und dem Haushalt beschäftigt – und wenn die Kinder zu Hause sind, habe ich sowieso alle Hände voll zu tun.« Sie hielt kurz inne und stieß einen langen Seufzer aus. »Aber meine Arbeit fehlt mir. Mit Noah und Louise allein würde es auch gehen, aber bis die Zwillinge so weit sind, werde ich wohl noch ein bisschen warten müssen.«

Sie war Buchhändlerin, wie Leon wusste, und zwar mit Leib und Seele. Wenn sie von Büchern sprach, die ihr gefallen hatten, leuchteten ihre blauen Augen, ihre Stimme bekam einen anderen Klang, sie unterstrich ihre Worte mit lebhaften Gesten. Er war, als er sie das erste Mal über einen Roman hatte sprechen hören, der sie beeindruckt hatte, ganz fasziniert gewesen. Aber seit der Geburt der Zwillinge arbeitete sie nicht mehr. Wenig später war sie zudem Witwe geworden. Ihr Mann war in sehr jungen Jahren an Krebs gestorben.

Er hatte sie einmal gefragt, wie sie finanziell zurechtkam, und sie hatte freimütig erwidert, dass es ihr und ihren Kindern gut ging. »Wir sind für die nächsten Jahre abgesichert, mein Mann und ich haben Lebensversicherungen abgeschlossen, er war ja Freiberufler. Ich darf gar nicht daran denken, was gewesen wäre, wenn wir nicht so vorausschauend gehandelt hätten. Uns geht es gut, wegen des Geldes müsste ich also nicht so bald wieder arbeiten. Aber ich möchte gern, und sobald es möglich ist, werde ich es auch tun. Ich bin nicht dafür geschaffen, ausschließlich die Mama und Hausfrau zu spielen.«

Sie war jetzt neunundzwanzig Jahre alt, ihr Mann und sie hatten sich schon in der Schulzeit gekannt und offenbar schon damals beschlossen, früh zu heiraten und eine Familie zu gründen.

»Wir wollten junge Großeltern werden«, hatte sie Leon einmal erzählt, »und dann, wenn unsere Kinder auf eigenen Beinen stehen würden, noch einmal die Welt bereisen. Zuerst hatten wir überlegt, es andersherum zu machen, also erst reisen, die Kinder später, aber ich bin froh, dass wir letztlich anders entschieden haben, sonst hätten wir die Kinder, wie es aussieht, ja überhaupt nicht bekommen.«

Leon bewunderte sie dafür, wie sie ihr Schicksal angenommen hatte. Sicherlich, in der ersten Zeit nach dem Tod ihres Mannes war sie bleich und niedergeschlagen gewesen, hatte abgenommen, einmal sogar bei ihm in der Praxis geweint. Aber sie hatte ihre Kraft schnell wieder gewonnen, wohl auch, weil ihr nichts anderes übrig geblieben war. Sie war schließlich für vier Kinder verantwortlich.

»Vielleicht ziehen in die Wohnung von Herrn Wittgenstein nette Menschen, die Kinder mögen und sich gern gelegentlich um Ihre Zwillinge kümmern.«

Lisa Böhringers Gesicht verdüsterte sich. »Fehlanzeige, Herr Dr. Laurin. In diese große Wohnung ist doch tatsächlich ein alleinstehender Mann gezogen, und der ist leider das Gegenteil von Herrn Wittgenstein. Er hat sich vorgestellt, er grüßt auch, aber ohne jedes Lächeln, ohne ein Wort zu viel. Und er schießt, wenn wir uns mal über den Weg laufen, immer so schnell an uns vorbei, dass es gar nicht möglich ist, mehr als einen knappen Gruß zu wechseln. Louise hat ihm schon einen Namen verpasst: ›der unfreundliche Mann‹. Also, von dem haben wir nichts zu erwarten, leider.«

Louise war ihre Zweitälteste, sie ging in die erste Klasse und war den Worten ihrer Mutter zufolge ganz begeistert, jetzt ein Schulkind zu sein – und kein Baby mehr wie die Zwillinge, die freilich mit ihren drei Jahren auch keine Babys mehr waren. Aber Kinder hatten da, wie Leon wusste, andere Einteilungen als Erwachsene. Schließlich hatten Antonia und er auch vier Kinder, wenn auch schon größere. Er konnte, was das betraf, jedenfalls mitreden.

»Es tut mir leid, das zu hören«, erwiderte er. »Aber vielleicht erliegt der unfreundliche Mann irgendwann doch dem Charme Ihrer Kinder oder auch Ihrem, ich würde die Hoffnung noch nicht aufgeben.«

Sie musste lachen. »Das haben Sie sehr schön gesagt, aber in dem Fall bin ich nicht optimistisch. Der Mann ist ein Einzelgänger und will es bleiben, das habe ich schon bei der ersten Begegnung gesehen. Wir werden also Herrn Wittgenstein weiterhin vermissen und ihm das bei jedem unserer Besuche mitteilen. Louise geht übrigens richtig gern in dieses Heim, sie findet es da sehr interessant. Warum, das habe ich noch nicht herausgefunden, aber wahrscheinlich sind Kinder dort einfach gern gesehen, jedenfalls, wenn sie sich halbwegs anständig benehmen, und deshalb bekommen sie viel Aufmerksamkeit und freundlichen Zuspruch. Was meinen Sie?«

»Sie haben bestimmt Recht, Kinder sind ja in solchen Heimen nicht allzu häufige Gäste, deshalb freuen sich die Bewohnerinnen und Bewohner sicher, wenn welche kommen und dann auch noch so liebenswürdig sind wie Ihre Louise.«

»Na, sie kann schon auch eine richtige Kratzbürste sein, wenn ihr etwas nicht passt. Aber es stimmt schon, im Großen und Ganzen ist sie ein liebes Mädchen.« Lisa warf einen Blick auf die Uhr. »Ich habe Sie schon wieder viel zu lange aufgehalten, Herr Dr. Laurin!«

»Sie waren die letzte Patientin für heute Vormittag, also machen Sie sich um mich keine Sorgen. Bis zum nächsten Mal, Frau Böhringer.«

Er machte sich ein paar Notizen, wie er das bei jeder Patientin tat, danach suchte er in der Notaufnahme nach deren Leiter Timo Felsenstein. Er fand Timo im Gespräch mit Eckart Sternberg, dem Chefarzt der Chirurgie.

»Da kommt er ja!«, rief Eckart. »Wir haben uns nicht zu dir getraut, weil wir ja wussten, dass heute deine gynäkologische Sprechstunde ist. Können wir?«

»Unbedingt«, sagte Leon.

Sie machten sich auf den Weg zum Restaurant, das mittags als Kantine genutzt wurde und das sich, seit ein Sternekoch in der Kayser-Klinik für das Essen verantwortlich war, eines regen Zulaufs erfreute. Die drei Männer aßen mittags gern gemeinsam hier, weil sie, wenn es anstand, berufliche Probleme besprechen, aber auch einfach nur über Alltägliches reden und sich dabei entspannen konnten.

Als sie sich ihr Essen zusammengestellt und an ihrem bevorzugten Tisch Platz genommen hatten, sagte Eckart: »Ich musste heute wieder einmal der Patientin, die wir gestern operiert haben, erklären, wie du das machst mit deinen drei verschiedenen Aufgabengebieten, Leon. Sie wusste, dass du Chirurg bist, weil du ja gestern dabei warst, aber dann hat sie mitbekommen, dass du auch noch als Gynäkologe tätig bist und außerdem diese Klinik leitest. Ich weiß nicht, wer ihr das erzählt hat, ich war es nicht. Jedenfalls wollte sie es nicht glauben. ›Das kann doch kein normaler Mensch leisten‹, hat sie gesagt.«

»Und ich weiß, was du geantwortet hast«, bemerkte Timo.

»Ach ja?«

»Ja«, bekräftigte Timo. »Du hast gesagt, dass Leon eben kein normaler, sondern ein außergewöhnlicher Arzt und Mensch ist und deshalb …«

»Spielverderber«, maulte Eckart, aber er lächelte dabei. »Genau das habe ich gesagt.«

»Ich mache alles gern, mir würde etwas fehlen, wenn ich ein Aufgabengebiet abgäbe«, sagte Leon. »Aber ihr wisst, dass ich mich einschränke und vieles an andere abgebe. Ich arbeite nicht mehr bis zum Umfallen.«

»Das solltest du auch nicht, denn du musst ja noch eine Weile durchhalten«, stellte Eckart fest. »Alles in Ordnung bei euch zu Hause?«

»Die Kinder reden immer noch von ihrem Wochenende mit den Großeltern in Paris. Das hat offenbar einen tiefen Eindruck bei ihnen hinterlassen. Bei den Großeltern aber auch.«

»Und Antonia und du, ihr hattet ein paar schöne entspannte Tage«, meinte Eckart.

»Na ja, der letzte Tag war nicht ganz so entspannt«, bemerkte Leon trocken und warf Timo einen beziehungsreichen Blick zu.

Eckart hatte ein paar Tage Urlaub gehabt und war nicht ganz auf dem Laufenden. »Wieso?«, fragte er verdutzt.

»Frag unseren jungen Kollegen hier«, sagte Leon und wies anklagend auf Timo. Eckart und er machten sich gern einen Spaß daraus, ihn mit seiner ›Jugend‹ aufzuziehen. Timo war vierunddreißig, die beiden anderen hatten immerhin die vierzig bereits überschritten.

»Das Dach, das eingestürzt ist«, nuschelte Timo. »Du hast bestimmt davon gehört. Ich musste Leon anrufen, sehr früh am Sonntagmorgen. Er war nicht begeistert, hat sich dann aber tapfer gehalten.«

Leon grinste. »Es war ihm ziemlich peinlich, und ich muss gestehen, dass ich vorher den Impuls gehabt hatte, das verflixte Handy einfach auszuschalten. Aber dann habe ich gesehen, wer anrief, und na ja, die Pflicht rief …«

»Tapfer von dir«, sagte Eckart. »Und von dir auch, Timo. Dass du dich getraut hast, ihn anzurufen, wohl wissend, dass du dir seinen Zorn zuziehst.«

»Ich habe gezittert vor Angst«, behauptete Timo.

Sie brachen alle drei in Gelächter aus, neugierig beobachtet von den anderen Tischen. Bei den drei ›Chefs‹ ging es ja wieder einmal sehr munter zu, aber leider konnte man nicht verstehen, worüber sie sprachen, sodass niemand wusste, was sie so erheiterte.

*

Emil Wittgenstein ächzte ein bisschen, als er sich aufrichtete, er bildete sich ein, seine Knochen knirschen zu hören. Wer war das noch, der gesagt hatte, Altwerden sei nichts für Feiglinge? Da war was dran, wahrhaftig.

Seit er in diesem Heim lebte, hatte er sich angewöhnt, nach dem Mittagessen ein kurzes Schläfchen zu halten. Früher hatte er Leute belächelt, die einen Mittagsschlaf hielten, heute fragte er sich, darum er das nicht schon früher einmal für sich selbst ausprobiert hatte. Er legte sich für eine halbe Stunde hin, schlief ein, und wachte bald wieder auf, fühlte sich aber erfrischt und ausgeruht. Und heute bekam er ja außerdem noch Besuch von Lisa und ihren Kindern. Darauf freute er sich schon. Sie würden Eis essen und Schokolade trinken, unten in der Halle.