Die Schule der Götter - Erika Rojas - E-Book

Die Schule der Götter E-Book

Erika Rojas

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Beschreibung

Die vierte Klasse der Schule der Götter bekommt als Abschlussprüfung eine Projektarbeit: Die Schüler sollen auf einem kleinen Planeten am Rande der Galaxis Religionen gründen. Dabei geht irgendetwas schief. Die Religionen beginnen sich zu spalten, sich gegenseitig zu bekämpfen, Hass und Krieg zu schüren. Pan, nicht gerade der Musterschüler der Klasse, wird daraufhin zur Erde geschickt. Dort versucht er zusammen mit seinen neu gewonnen Freunden Peter, Andi, Toni und der Feuerprinzessin Miriam die Ursache des Schlamassels herauszufinden.

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Seitenzahl: 242

Veröffentlichungsjahr: 2019

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Die Schule der Götter

Die Schule der Götter1. Kapitel2. Kapitel3. Kapitel4. Kapitel5. Kapitel6. Kapitel7. Kapitel8. Kapitel9. Kapitel10. Kapitel11. Kapitel12. Kapitel13. Kapitel14. Kapitel15. Kapitel16. Kapitel17. Kapitel18. Kapitel19. Kapitel20. Kapitel21. Kapitel22. Kapitel23. Kapitel24. Kapitel25. KapitelImpressum

Die Schule der Götter

1. Kapitel

Überall gibt es Leben, sagte Giordano Bruno, denn Leben ist nicht nur in der uns bekannten Form und nicht nur in für uns geeigneten Bereichen möglich. Wenn wir geistig durch das Weltall reisen, können wir deshalb Feuerwesen sehen, die auf Sonnen leben, Eiswesen, die glauben, über einer Temperatur von minus 10 Grad sei kein Leben mehr möglich, Gaswesen, die je nach der gerade vorherrschenden Mode ihre Gestalt verändern, und andere noch viel seltsamere Lebewesen. Den seltsamsten Lebewesen aber werden wir an einem Ort begegnen, an dem es nicht einmal Materie gibt, wie wir sie kennen: In den schwarzen Löchern in den Zentren der Galaxien, die so dicht sind, dass die ganze Erde in einem Fingerhut Platz hätte. Deshalb bestehen die Lebewesen  dort nicht aus Materie, sondern aus Bewusstsein.

Auch im Zentrum unserer Galaxis, der Milchstraße, gibt es eine solche Welt und solche Lebewesen. Wenn wir diesen Ort im Geist betreten, so sieht er für uns aus wie die Erde und die Wesen dort sehen aus wie Menschen. Genauso würde er für Feuerwesen aus Feuer bestehen oder für Gaswesen aus Gas, denn das Bewusstsein formt die Materie. Wie überall benötigen auch diese Lebewesen Nahrung und pflanzen sich fort. Ihre Nahrung wird aus der Materie gefiltert, die der ungeheuren Anziehungskraft des schwarzen Lochs zum Opfer fällt, zu existieren aufhört und ihre Essenz in Form von Bewusstsein freigibt. Wie sie sich fortpflanzen ist nicht genau bekannt, aber auf jeden Fall gibt es Kinder und es gibt Schulen.

Die bekannteste Schule ist die Blaue Schule. Sie liegt auf der Insel im Blauen See, der seinen Namen von den blauen glockenförmigen Blumen hat, die an allen seinen Ufern blühen. Das Schulgebäude ist ein ebenerdiger, quadratischer Bau mit einem großen Innenhof, in dessen Mitte sich ein Springbrunnen aus weißem Marmor mit vier übereinanderliegenden Schalen befindet, so dass das Wasser von oben nach unten immer in die nächste Schale fließt. Rundherum spendet ein Säulengang Schatten. Das Dach ist gewölbt und um die Säulen ranken sich Kletterpflanzen ähnlich unserem Efeu. An jeder Seite des Hofs ist ein Schultrakt mit vier Klassenzimmern, denn es gibt vier Kurse zu je vier Klassen. Am Ende eines jeden Kurses müssen die Schüler eine Prüfung ablegen.

Die Schüler der vierten Klasse des zweiten Kurses drängelten sich gerade aufgeregt schnatternd in ihr Klassenzimmer. Heute würden sie die Prüfungsaufgaben für den Abschluss des zweiten Kurses bekommen. Meister Tao, ihr Klassenlehrer, stand bereits vorne am Pult. Wie alle guten Lehrer strahlte er jene Mischung aus Güte und Strenge, aus Unbestechlichkeit und Nachsicht aus, die natürliche Autorität auszeichnet. Seine eisgrauen Haare waren zu einem Zopf geflochten und reichten bis zum Gürtel hinab, der seinen schlichten grauen Umhang zusammenhielt. Als er die Hand hob, wurde die Klasse still, und alle blickten gespannt nach vorne.

„Wie ihr wisst“, begann er, „bekommt ihr heute eure Prüfungsaufgaben. Ihr seid eine recht gute Klasse“, fuhr er fort und räusperte sich, worauf das beginnende Geflüster verstummte, „und deshalb wird eure Prüfung keine schriftliche Aufgabe sein, sondern wir haben eine Projektarbeit vorbereitet.“

Wieder brachte er das aufflammende Geraune mit einer Handbewegung zum Verstummen.

„Meister Kosmos wird in Kürze hier sein und euch die Einzelheiten erläutern. Die Zeit bis zu seinem Eintreffen wollen wir für eine kurze Wiederholung nutzen.

Issi“, begann er und deutete auf ein noch recht kleines, dunkelhaariges Mädchen, „was kannst du mir über die Entstehung von Bewusstsein in Materie erzählen?“

Issi starrte einen Moment stumm vor sich hin und antwortete dann mit leiser Stimme: „Es wird aus der Zweiheit gezeugt und aus der Einheit geboren.“

„Richtig eingesagt Ossi“, kommentierte Meister Tao, „aber ich bin sicher, Issi hätte die Antwort auch selbst gewusst.“

Dicht aneinandergedrängt schauten die Zwillinge Issi und Ossi schuldbewusst zu Meister Tao auf.

„Wer kann die Zeugung aus der Zweiheit genauer erklären?“ fragte er und schaute in die Runde. Buta, ein dicker dunkelblonder Junge hob die Hand. Obwohl er ständig ein wissendes Lächeln auf den Lippen hatte und außerdem Klassenbester war, mochten ihn alle gern, denn er war genauso hilfsbereit wie klug.

Meister Tao nickte ihm zu und Buta antwortete: „Wenn sich Lebewesen aus der Materie entwickeln, werden sie mit der Polarität ihrer Umwelt konfrontiert, die entweder ihr Verlangen nach Nahrung und Schutz befriedigt oder ihre Existenz gefährdet. Je komplexer das Lebewesen wird, desto komplexer wird auch die von ihm erfahrene Polarität. Wenn die Polarität die Spaltung zwischen dem Eigenen und dem Fremden erreicht und sich zur Dualität von Ich und Du entwickelt, ist der Keim des Bewusstseins gelegt.“

„Weiß jemand, was mit keimendem Bewusstsein geschieht?“ fragte Meister Tao weiter.

Ein schlanker Junge mit langen, schwarzen Haare, die er elegant nach hinten warf, meldete sich.

„Ja Siva!“

Der Junge räusperte sich und sprach in einem melodischen Singsang, während er grinsend seine Nachbarin Chaal an den Haaren zog: „Die Lebewesen leiden unter dem Bewusstsein und wollen ihm entfliehen. Das Bewusstsein der eigenen Sterblichkeit ist für sie ein Schock und es quält sie die Frage nach dem Sinn ihrer Existenz. Die natürlichen instinktiven Koordinaten verlieren ihre Bedeutung. Sie haben Angst, fühlen sich isoliert und orientierungslos. Deshalb versuchen sie, das Bewusstsein mit Drogen und anderen Mitteln zu bekämpfen.“

„Sehr gut Siva! Wer kann die Geburt aus der Einheit genauer erklären? Wie wär’s mit dir, Zois?“

Ein kräftiger, pausbäckiger Junge mit braunem Lockenkopf schaute erschrocken von dem Zettel hoch, den er gerade seinem Nachbarn Baahn zuschieben wollte. „Äh ... die Geburt aus der Einheit bedeutet, dass das Bewusstsein die Spaltung zwischen Eigenem und Fremden, zwischen Gut und Böse überwindet, die letztendliche Einheit allen  Seins erkennt und sich äh ... seiner selbst als Teil des Ganzen bewusst wird, so dass die instinktive Orientierungsfähigkeit wieder in Kraft treten kann.“

„Richtig!“ bemerkte Meister Tao und fuhr fort: „Wie gelangt das Bewusstsein von der Zweiheit zur Einheit?“ Ein hoch gewachsener, magerer Junge mit kurzen glatt anliegenden schwarzen Haaren hob die Hand.

„Ja, Jaffe!“

Der Junge räusperte sich und sprach in dozierendem Tonfall: „Das keimende Bewusstsein muss sich verpuppen. Es muss mit einer Hülle umgeben werden, die Schutz, Weg und Wegweiser zugleich ist. Die fehlende instinktive Orientierung muss durch Tabus und Gebote ersetzt werden.“

„Wer weiß, wie diese Hülle entsteht?“ fuhr Meister Tao fort.

Ein wild aussehendes Mädchen mit langen schwarzen Haaren, die es energisch nach hinten schüttelte, meldete sich.

„Ja, Chaal!“

Das Mädchen sprang hoch und erklärte: „Das keimende Bewusstsein kann die Hülle nicht selbst bilden. Es ist die Aufgabe unseres Volkes, keimendes Bewusstsein zu schützen und anzuleiten.“

„Wie nennt man diese schützende Hülle?“

Ein quirliger, kleiner Junge mit struppigen dunkelbraunen Haaren meldete sich.

„Ja, Baahn!“

„Sie heißt Religion.“

„Sehr gut, das habt ihr ausgezeichnet erklärt - ah, da ist ja Meister Kosmos.“

Meister Tao setzte sich auf einen freien Platz, und ein noch recht junger Mann ging mit schlaksigen Bewegungen nach vorne zum Pult. Etwas unsicher zog er aus allen möglichen und unmöglichen Taschen seines Umhangs einige Geräte hervor und baute sie auf dem Pult auf.

Dann begann er seinen Vortrag: „Wir haben eine ... nun ... eine Projektarbeit vorbereitet. Es gibt da eine kleine Welt mit gerade beginnender Bewusstseinsentwicklung, und wir dachten, dass sie sich hervorragend eignet, von einer fähigen und engagierten Klasse mit Religionen versorgt zu werden. Natürlich wird Meister Tao das Projekt überwachen.“

Einige Schüler begannen aufgeregt zu zappeln und zu tuscheln, aber es  wurde sofort wieder still, als Meister Kosmos eines seiner Geräte einschaltete und ein Bild der Galaxis an die Wand projizierte. Er  vergrößerte einen Bildausschnitt am linken Rand, bis nur noch ein einziger Arm der spiralförmigen Galaxis zu sehen war. Dann zeigte der Bildausschnitt ein Sonnensystem.

„Dies ist ein recht kleines solares System am Rand der Galaxis. Es hat nur eine Sonne und eine Hand voll Planeten. Einer dieser Planeten ist euer Ziel. Seine Oberfläche besteht zum größten Teil aus Wasser. Die Wesen mit beginnendem Bewusstsein haben sich jedoch an Land entwickelt. Sie fangen bereits an, ihre Toten zu bestatten und die Sterne zu beobachten.“

Der Bildausschnitt zeigte jetzt die Erde, eine subtropische Steppenlandschaft und dann eine Gruppe Jäger mit Speeren.

„Diese Lebewesen formen Gruppen, die meist weit voneinander entfernt leben. Sie jagen und fischen, aber es gibt auch einige, die bereits Felder bebauen und andere Lebewesen zähmen. Ihr könnt euch einzeln oder gemeinsam mit anderen Schülern einen Bereich aussuchen und dort eine Religion einsetzen. Dabei könnt ihr als Götter, Propheten, Schamanen oder in einer anderen geeigneten Rolle auftreten. Ihr seid nicht an die Zeit eurer Ankunft gebunden. Deshalb könnt ihr eure Religion auch in eine etwas frühere oder spätere Zeit verlegen, allerdings nur nach Rücksprache mit dem Projektleiter und mit seiner Erlaubnis.“

Meister Kosmos klopfte ein paar Mal mit seinem Stift aufs Pult und fuhr dann fort: „Wie ihr wisst, ist die Zeit in unserer Welt nicht kompatibel mit der Zeit in der materiellen Welt. Die Umrechnung muss deshalb für jede Welt neu festgelegt werden. Als Zeitumrechnung für euer Ziel haben wir 1:1000 festgelegt, das heißt 1 Tag in unserer Welt sind 1000 Jahre in eurer Zielwelt, wobei als Jahr, wie ihr sicher wisst, immer die Umlaufzeit um das Zentrum eines Teilsystems bezeichnet wird.

„Nun“, fuhr er fort, „das wär’s im Großen und Ganzen. Die weiteren Details wird euch Meister Tao erklären.“

Nachdem Meister Kosmos alle seine Geräte und Instrumente wieder in seinen Taschen verstaut hatte, reckte er den Daumen und sagte grinsend: „Eure Abreise ist für morgen vorgesehen. Ich wünsche euch allen viel Glück und gutes Gelingen, und gebt gut Acht auf unsere Galaxis - wir haben nur diese!“

Meister Tao ergriff nun wieder das Wort: „Ich erwarte bis morgen von jedem von euch einen Entwurf der Religion, die ihr plant, unter besonderer Berücksichtigung der eben besprochenen wichtigsten Teile, nämlich Schutz, Weg, Wegweiser und Ziel. Falls ihr in einer Gruppe arbeiten wollt, müsst ihr dies ebenfalls bis morgen anmelden. Ihr braucht nichts weiter für die Reise. Es ist für alles gesorgt.“

Aufgeregt flüsternd und tuschelnd gingen die Schüler der vierten Klasse des zweiten Kurses in den Schulhof. In der Mitte fiel das Wasser glitzernd in die runden, weißen Becken des Springbrunnens. Siva setzte sich mit lässiger Eleganz an seinen Rand und ließ eine Hand ins Wasser hängen, bis Chaal sich von hinten anschlich und ihn mit Wasser bespritzte. Dor und Odi, die Raufbolde der Klasse, knufften sich in einer Ecke, während sie aufgeregt flüsternd ihr Projekt planten.

Am aufgeregtesten aber war Baahn, der kaum zuhörte, als Zois ihm seinen Plan für das gemeinsame Projekt erläutern wollte. Wie gut, dass er die Hintertür zu den Abreisesälen entdeckt hatte, die niemals verschlossen war. So konnte er schon mal ein bisschen üben. Langsam, damit keiner es bemerkte, schob er sich in Richtung des Ausgangs zum Teleportationsturm, der nicht nur für die Teleportation der Schüler nach Hause, sondern auch für Außeneinsätze verwendet wurde. Wie er gehofft hatte, war die Hintertür nur angelehnt. Er schlich die Treppe zum interstellaren Teleportationsraum hoch. Natürlich wusste er, dass es Schülern nicht erlaubt war, alleine in andere Welten zu reisen, aber wer würde es schon merken, wenn er nicht zu lange blieb?

Über den in einem Kreis angeordneten Teleportationsplattformen blinkten verschiedene Lichter. Rot für Welten mit verpupptem Bewusstsein, die nicht betreten werden durften, gelb für Welten mit keimendem Bewusstsein, die nur mit Sondergenehmigung betreten werden durften, grün für Welten ohne beginnendes Bewusstsein und weiß für Welten mit ausgereiftem Bewusstsein. Baahn entschied sich für ein Podest mit weißem Licht und betrat es mit angehaltenem Atem.

Er landete in einer Welt, die Leben in Form von Steinen beherbergte. Es gab Kieselwesen aus kleinen Steinen und Felstiere, aber die bewusste Lebensform auf dieser Welt waren die großen Berge. Weise und bedächtig, langsam und gelassen beobachteten sie den Lauf der Gestirne und die Entwicklung des Universums.

2. Kapitel

Wenn man solche Felswesen betrachtet, scheint es ziemlich sonderbar, dass es in dieser Galaxis auch eine Lebensform gibt, die auf einer Mischung aus Wasser und Erde beruht. Eigentlich müsste sie die Form von irgendetwas Schleimigem haben, und eine kompakte Form scheint ziemlich unwahrscheinlich. Aber das Leben ist kreativ und deshalb bewegte sich eine dieser Lebensformen ziemlich flink auf zwei Beinen durch das Gewühl eines Wochenmarkts. Sie schlängelte sich zwischen Ständen mit Kürbissen, aufgehäuften Hügeln von Kirschen, Aprikosen und Pfirsichen. Es gab einen Stand mit gackernden Hühnern und  schnatternden Enten und Berge von Frühkartoffeln, Porree, Zwiebeln und Kohlrabi.

Peter, gerade 14 geworden, war etwas klein für sein Alter, aber dafür konnte er sehr schnell rennen, und das war auch nötig, denn Andi und Toni, zwei stämmige Bauernjungen, flitzten hinter ihm her und versuchten, ihn im Gewühl des Wochenmarkts einzuholen, und es sah nicht gut aus. Eine Markthändlerin hielt ihn auf und behauptete zeternd, dass er gegen ihren Stand gestoßen sei und das Obst beschädigt habe, und bis er sie vom Gegenteil überzeugen konnte, waren seine Verfolger schon bedrohlich nahe. Toni vorneweg sprangen die beiden auf ihn zu und es gab kein Entrinnen mehr, denn sie hatten es geschafft, ihm den Weg abzuschneiden. Resigniert sah er die beiden grinsend auf sich  zukommen.

Plötzlich fühlte er, wie sich eine schwere Hand auf seine Schulter legte und seine Verfolger blieben verdutzt stehen.

„Das gibt’s doch nicht!“, rief Andi. „Gerade war er noch da!“

Unter dem wütenden Protest der Markthändlerin hob er die Plane des Marktstandes hoch und schaute darunter.

„Irgendwo muss er doch sein“, meinte Toni verdutzt, „ich glaub’s einfach nicht.“

Als Peter sich umdrehte, um zu sehen, wer ihn festhielt, stand ein unbekannter Mann in einer altertümlichen Jägertracht hinter ihm und blickte lächelnd auf ihn herab. Er versuchte sich loszureißen, aber der Griff war zu fest.

„Das würde ich an deiner Stelle bleiben lassen“, sagte der Fremde und deutet auf seine Verfolger, die ziemlich verdutzt auf die Stelle starrten, an der er stand. 

Der Fremde nahm ein paar Kirschen vom Obststand der zeternden Händlerin und bot auch Peter eine Hand voll an.

„Schmecken gut.“

Erschrocken blickte Peter zur Marktfrau, aber die schien den Diebstahl nicht bemerkt zu haben.

„Sie kann uns nicht sehen?“, fragte Peter den sonderbaren Fremden.

„Du merkst aber auch alles“, antwortete der gelassen.

„Aber“, stotterte Peter, „aber so was gibt’s doch gar nicht!“

„Dann kann ich dich ja wieder loslassen“, schmunzelte der Fremde.

„Nein, lieber nicht!“, wehrte Peter ab.

Die Händlerin hatte Toni und Andi gepackt und unter ihrem Stand hervorgezogen.

„Schaugt’s, dass weiterkemmt’s. Da habt’s nix verlor ‘n“, wütete sie. „Immer unverschämter wean’s, de Buam!“ 

Grummelnd machten sich Andi und Toni davon. Peter drehte sich um und betrachtete den Fremden genauer. Seine Kleidung schien aus Leder oder einer Art Filz zu bestehen und sein Hut war mehr eine Kappe. Seine Augenbrauen waren ungewöhnlich buschig. Die langen hellbraunen Haare hatte er zu einem Pferdeschwanz gebunden. Sein Gesicht war das eines jungen Mannes, aber die zusammengekniffenen Augen schienen die eines uralten Menschen zu sein, der schon viel zu viel erlebt und gesehen hatte.

„Wer sind Sie?“, fragte er.

„Ich bin der Pförtner“, antwortete der Fremde, „und du bist Peter, stimmt’s?“

„Ja, aber der Pförtner wovon?“, fragte Peter.

„Nur der Pförtner“, sagte der Fremde und dann war er verschwunden.

Peter stand allein auf dem Wochenmarkt. Langsam machte er sich auf den Weg nach Hause und dachte wieder einmal darüber nach, dass sein Leben seit einiger Zeit in ziemlich sonderbaren Bahnen verlief. Kaum drei Monate war es her, da lebten er und seine Mutter noch in Berlin mehr schlecht als recht von der Sozialhilfe oder Hartz 4, wie es jetzt hieß, und zusätzlich ging seine Mutter noch ein paar Mal die Woche schwarz zum Putzen, damit er es in der Schule etwas leichter hatte und nicht gar so nach Sozialhilfe aussah.

Dann war eines Nachmittags ein Herr in schwarzem Anzug und Aktenköfferchen vor ihrer Tür gestanden.

„Darf ich hereinkommen?“, hatte er steif und förmlich gefragt.

Seine Mutter schaute recht erschrocken. Ob er wohl wegen der schwarzen Putzstellen kam?

„Hast du irgendetwas ausgefressen?“, fragte sie ihn flüsternd.

Er schüttelte nur den Kopf. Der förmliche Herr erklärte ihnen, dass er für die Anwaltskanzlei Kromm & Gemmer arbeite, wo es eine wichtige Mitteilung für sie gebe.

Die schwarze Limousine, die sie zur Kanzlei brachte, war beeindruckend, aber nichts gegen das Büro. Nachdem sie vorsichtig einige überdimensionale Perserteppiche überquert und sich durch mahagonivertäfelte Vorzimmer gewagt hatten, nahmen seine Mutter und er an den Stuhlkanten von zwei grazilen weißen Rokokosesseln Platz. Ein Anwalt, dessen Gesicht einem Tresor ähnelte, dem weder ein Lächeln noch ein Geheimnis zu entlocken war, eröffnete ihnen, dass „der junge Herr“ einen großen Besitz in Süddeutschland und außerdem ein beträchtliches Barvermögen geerbt hatte. Peter hockte stumm und wie gelähmt auf seinem Sessel und versuchte den Inhalt dieser Nachricht zu verdauen.

„Wessen Erbe?“, fragte seine Mutter.

„Das ist mir leider nicht gestattet zu sagen“, antwortete der Anwalt glatt. Die Mutter sollte dieses Erbe bis zu seiner Volljährigkeit verwalten. Zwei Bedingungen wurden gestellt: Der Grundbesitz in Süddeutschland durfte nicht verkauft werden, und Peter und seine Mutter mussten in eine kleine Stadt am Rand der Alpen ziehen und dort wohnen.

Zu dem Erbe gehörte unter anderem eine weitläufige Hotelanlage mit Bungalows, eigener Jagd und Wachpersonal, das die betuchten Gäste gegen Neugierige abschirmte. Dort wohnten jetzt seine Mutter und Peter. Jaxthof hieß das Hotel. Peter bezog einen eigenen Bungalow aus edlem Naturholz mit 4 Zimmern, 2 Bädern und Küche. Es gab ein großes holzgetäfeltes Wohnzimmer mit einer Sitzecke und behäbigen Sesseln aus Leder. In der Mitte stand ein Tisch aus geöltem Naturholz, der einem abgeschnittenem Baumstamm nachempfunden war. Den Boden bedeckte ein dicker flauschiger, dunkelgrün und braun gesprenkelter Teppich. An den Wänden hingen Jagdtrophäen, die Peter aber schon bald abnahm. Er konnte darauf verzichten, dauernd von den Glasaugen der Rehe, Hirsche und Wildschweine angeglotzt zu werden. Er nahm sich vor, ein paar Poster von Filmplakaten und Tierfotos zu besorgen, um sie stattdessen aufzuhängen. In der Ecke stand ein großer Ofen mit bemalten Kacheln und einem Korb Holz zum nachschüren. Er plante, ein Schwert zu besorgen, um es stilgerecht über dem Kamin aufzuhängen. Außerdem hatte er noch eine Stereoanlage und einen Videorekorder aufgebaut. Das nächste Zimmer war sein Schlafzimmer. Das Bett aus hellem Holz war mit gedrechselten Schnitzereien verziert. Es war so breit, dass es für 4 Personen gereicht hätte. Neben dem Bett stand ein Kleiderschrank, der wie ein Bauernmöbel mit bunten Blumen bemalt und mit Schnitzereien verziert war. Außerdem gab es noch ein Arbeitszimmer mit einem großen wuchtigen Schreibtisch, auf dem seine nagelneue Computeranlage mit großem Bildschirm stand und an dem er auch seine Schulaufgaben machte. An der Wand war ein Bücherregal, das er noch füllen musste. Zwischen Wohnzimmer und Schlafzimmer war das Bad mit einer großen runden Wanne aus schwarzem Marmor mit silberfarbenen Armaturen. Außerdem gab es noch ein zweites, etwas kleineres Schlafzimmer, das ein eigenes Bad aus grünem Marmor hatte. Im Prospekt des Hotels wurde es als Kinder- oder Gästezimmer bezeichnet.

Die Küche in bäuerlichem Stil, die an das Wohnzimmer anschloss, benutzte er nie. Das Essen konnten er und seine Mutter, die einen ähnlichen Bungalow gleich nebenan bezogen hatte, aus der Hotelküche bestellen. Aber seine Mutter, die im Gegensatz zu ihm, die Küche sofort einrichtete und benutzte, kochte meistens selbst für sie beide. Am Esstisch ihrer Küche, wo sie meistens zum Essen zusammenkamen, servierte sie für Peter und sich all die leckeren Gerichte, für die sie früher kein Geld hatte, so dass Peter sich manchmal schon sorgte, ob er nicht bald zu dick würde.

Ja, und so war das Leben, dachte er philosophisch. Früher hatte er kaum Freunde, weil er ein Sozialer war, und heute hatte er keine, weil er ein reicher Fatzke und noch dazu ein Preuße war. Aber wenigsten hatte er jetzt Feinde.  Toni und Andi gingen in seine Klasse, und nach der Schule riefen sie ihm regelmäßig nach: „Du Saupreiß!“, und er antwortete: „Ihr Blödmänner!“ und dann begann die Jagd. Das war fast schon so etwas wie ein Ritual. Er wusste nicht, was sie mit ihm machen würden, wenn sie ihn erwischten, denn bis jetzt hatten sie es noch nicht geschafft.

Dann war da noch dieser unsichtbare Fremde. Unsichtbar? So was gibt’s doch gar nicht! Oder? Auf jeden Fall würde er dieses Erlebnis für sich behalten. Ob er sich alles nur eingebildet hatte? Eine Halluzination? Vielleicht, aber wenn es eine Halluzination war, dann eine recht nützliche. Wer er wohl war? Der Pförtner, nur der Pförtner - komisch. Er hatte noch ziemlich jung ausgesehen und trotzdem uralt gewirkt, aber vielleicht lag das ja auch an seiner altmodischen Kleidung.

3. Kapitel

Baahn versuchte dem Gespräch der Berge zuzuhören. Er musste die Zeit dehnen, um einen Zusammenhang zu verstehen. Aber die Gespräche waren nicht so interessant wie er gehofft hatte. Besser gesagt: Sie waren langweilig. Er entschloss sich deshalb, selbst die Initiative zu ergreifen. Zuerst verwandelte er sich in einen kleinen Berg, um ihre Aufmerksamkeit zu gewinnen, aber sie hörten nur kurz mit ihren Gesprächen über den Lauf der Kontinente, der Sterne und der Planeten auf, um den neuen Berg willkommen zu heißen. Er war enttäuscht. Schließlich versetzte er sich auf die Spitze eines Berges, verwandelte sich in einen runden Felsen und kullerte zum Tal, was einigermaßen Spaß machte. Nachdem er das Spiel ein paar Mal wiederholt hatte, hörten die Berge tatsächlich auf, zu philosophieren und sahen ihm zu. Berge reagieren langsam, aber dann umso heftiger. Die riesigen Berge fingen an zu lachen. Nun war das Lachen auf diesem Planeten noch nicht bekannt, denn verständlicherweise ist es für Berge nicht sehr ratsam zu lachen. Überall bildeten sich Risse, ganze Felswände stürzten krachend herab, aber am schlimmsten war, dass sich auch in den Tälern tiefe Risse und Krater bildeten. Plötzlich fühlte sich Baahn aus seiner Felsform gerissen. Ein Sondereinsatzkommando war zum Planeten teleportiert. Sie betäubten die bewussten Sphären der Berge und verhinderten gerade noch, dass diese Welt durch das Gelächter der Berge in Stücke brach.

Zurück in der Schule ging das Donnerwetter erst richtig los. Er durfte nicht an der Projektarbeit teilnehmen, was schon schlimm genug war. Aber dadurch durfte er natürlich auch nicht vorrücken und musste im zweiten Kurs bleiben. Er fühlte sich elend, während er den anderen zusah, wie sie Pläne schmiedeten und sich auf die Abreise freuten.

„Ich werde einen Gott dort einsetzen, der deinen Namen hat“, versprach Zois ihm.

„Wer weiß, wofür es gut ist, dass du nicht mitkommst. Alles hat einen Sinn“, versuchte Buta ihn zu trösten.

Selbst Chaal, die sonst für jeden eine spöttische Bemerkung übrig hatte, brachte es nicht fertig zu sagen: „Na klar, wer denn sonst, unser Klassenclown“, sondern schüttelte nur den Kopf über so viel Dummheit. Sonderbar war der scharfe und prüfende Blick, mit dem Jaffe ihn taxierte, als bekannt wurde, dass er hier bleiben musste.

„Gibt es gar keine Chance für mich?“, fragte er zerknirscht.

„Nun, nichts ist unmöglich, wie es heißt“, antwortete Meister Tao bedächtig. „Ich werde hier etwas für dich finden und wer weiß, wenn du dich bewährst, kannst du einiges wieder gut machen.“

Er strich sich über den Bart und seufzte.

Nach einiger Zeit kam er zurück und sagte: „Nach Rücksprache mit den anderen Lehrkräften habe ich eine Aufgabe für dich gefunden. Da du es nur der Aufmerksamkeit der Wächter zu verdanken hast, dass dein Übermut zu keinem größeren Schaden führte, sind wir der Meinung, es ist nur gerecht, wenn du selbst eine Zeit lang als Wächter arbeitest.“

So wurde Baahn - während seine Mitschüler der Abreise entgegenfieberten - von Meister Tao in die Wachräume im oberen Stockwerk des Turms geführt. Große rechteckige Flächen, bei denen man sich nicht entscheiden konnte, ob man sie Bildschirme oder Fenster nennen sollte, füllten die Wände. Jede dieser Flächen zeigte einen  Ausschnitt der Galaxis. Manchmal zoomte einer der davor sitzenden Wächter einen Ausschnitt heran, um eine Welt genauer zu betrachten. Baahn wurde in ein separates Zimmer geführt, in dem sich ein Bildschirm befand, der fest auf die Erde eingestellt war. Über der Tür blinkte ein gelbes Licht, was bedeutete, dass es sich um eine Welt mit keimendem Bewusstsein handelte. Meister Tao zeigte auf einen Stuhl vor dem Bildschirm oder Fenster.

„Deine Mitschüler werden eine Woche auf dieser Welt bleiben und dann haben sie noch drei Wochen Ferien. Während dieser Zeit muss jemand auf diese Welt aufpassen und ihre Entwicklung überwachen. Dort ist das Protokollbuch. Jeden Tag muss ein Bericht geschrieben und kommentiert werden. Wir werden sehen, ob du dich dieser Aufgabe gewachsen zeigst.“

Nach diesen Worten schloss er die Tür hinter sich, und Baahn blieb alleine. Er seufzte tief und ließ sich in den Stuhl fallen. Schöne Aussichten waren das! Vier Wochen Strafdienst und dabei war noch nicht mal sicher, ob er dafür auch in den nächsten Kurs vorrücken durfte.

Während seine Schulkameraden auf dem Ziel ihres Projekts landeten und dort mit der Phantasie, dem Übermut und dem Spieltrieb der Jugend der Menschheit die schrulligsten Religionen verpassten, beobachtete Baahn gelangweilt den Planeten auf dem Bildschirm. Die Erde war ein Ball aus Wasser mit Inseln drin. Einige dieser Inseln waren ziemlich groß, andere kleiner, und einige waren nur winzige Einsprengsel auf einer großen blauen Fläche. Hier und dort, vor allem auf den größeren Inseln zeigte sich das Flackern von keimendem Bewusstsein.

Als die Klasse zurückkam, durfte Baahn kurz seinen Beobachtungsposten verlassen. Traurig und etwas neidisch sah er  zu, wie sie den Teleportationsturm verließen. Sie lachten und scherzten übermütig. Dor plusterte sich auf, warf einen Hammer in die Luft und lachte: „Ich bin der Donnergott, der starke, mächtige Donnergott!“

„Gib nicht so an“, zoffte Odi zurück.

Ein kleiner Junge mit strubbligem Haar marschierte stolz heraus: „Huhu, ich bin die gefiederte Schlange. Fürchtet meinen Zorn ihr Erdenwürmer!“

Schnell lief er weiter, bevor er ausgelacht wurde.

In düsterer Stimmung kehrte Baahn in seinen Strafraum zurück und beobachtete weiter die Erde auf dem Bildschirm. Schon am nächsten Tag bildeten sich an den Rändern der großen Inseln die hellen Lichtpunkte religiöser Zentren. Ihr Licht breitete sich goldgelb über die großen und mittleren Inseln aus. Nur einige sehr kleine Inseln blieben dunkel. Das war‘s. Das Licht über der Tür hatte von gelb auf rot gewechselt. Das keimende Bewusstsein war verpuppt und er wusste, dass seine Klassenkameraden jetzt ihre wohlverdienten Ferien genossen. Verdammter Mist! Warum war er auch so dumm gewesen! Baahn machte sich auf drei langweilige Wochen gefasst.

Aber am selben Tag noch veränderte sich das Bild der Erde. An manchen Stellen wichen die goldgelb leuchtenden Flächen roten Blasen, die aussahen wie überdimensionale Furunkel. Sie schwollen an, teilten sich und brachten neue Blasen hervor. Manchmal platzte eine der Blasen auf und ein schmutzig brauner Strom brach wie Eiter daraus hervor.

„Autonome Blasenbildung!“, murmelte Baahn fasziniert.

Er hatte im Unterricht Bilder davon gesehen. Eine sehr seltene und soweit er wusste unheilbare Erkrankung des Bewusstseins. Da war wohl nicht alles so glatt gelaufen, wie es sollte. Aufgeregt drückte er den Alarmknopf, und Meister Tao trat so schnell ein, als ob er vor der Tür gewartet hätte.

„Hab ich’s mir doch fast gedacht“, murmelte sein Lehrer mehr zu sich selbst und beugte sich so weit vor, dass er fast mit der Nase den Bildschirm berührte.

Dann vergrößerte er das Bild und jetzt sah man immer mehr Blasen, die ihren Inhalt entleerten.

„Was ist das?“, fragte Baahn und deutete auf die graubraune Brühe, die aus den Blasen quoll.

„Arroganz! Grausamkeit! Neid! Hass! Gewalt!“, brummte Meister Tao.

„Das ist Autonome Blasenbildung, nicht wahr“, sagte Baahn eifrig bemüht zu beweisen, dass er seinen Stoff beherrschte und im Unterricht gut aufgepasst hatte. „Diese Welt muss desinfiziert werden. Stimmt’s?“

„Nur nicht so hastig“, entgegnete Meister Tao. „Noch besteht keine Gefahr der Ausbreitung. Erst dann muss die Entwicklung gestoppt werden. Wir haben hier eine Autonome Blasenbildung in einem sehr frühen Stadium der Bewusstseinsentwicklung. Das ist mir neu. Normalerweise tritt diese Krankheit erst in einem späteren Stadium  auf und dann muss natürlich sofort gehandelt werden, damit nicht auch andere Welten infiziert werden.“

Nach einer Weile richtete sich Meister Tao auf und blickte streng auf seinen Schüler.

„Du hast mich gefragt, ob es noch eine Chance für dich gibt. Hier ist sie. Reise zu dieser Welt und finde heraus, was dort die Krankheit ausgelöst hat! Dies ist eine sehr wichtige Aufgabe. Schließlich wurde diese Krankheit noch nie eingehend studiert.“

„Aber, aber...“, stotterte Baahn und deutete auf das rote Licht, „diese Welt ist gesperrt, keiner darf sie betreten.“

„Ich bin mir sicher, dass wir eine Ausnahmegenehmigung für dich bekommen werden“, meinte Meister Tao gelassen. „Du kannst sofort abreisen.“

4. Kapitel

In einer anderen Welt, einer Welt des Feuers, schwebte der Butler in den Audienzsaal eines Schlosses. Grüne, blaue, rote und weiße Flammen bildeten Mauern, Zinnen und Türme. Der Boden war aus flüssigem Feuer und die Decke war aus reiner leuchtender Helligkeit geformt. Der Butler war so vornehm, dass sein Feuerkörper beinahe lila brannte. Der König der Sonne war eine riesige goldgelbe Flamme.

„Euer Majestät!“ 

Der Butler verbeugte sich und näselte oder würde es tun, wenn er eine Nase hätte. Stattdessen prasselte und flackerte er distinguiert.

„Leider muss ich Euer Majestät mitteilen, dass wieder Beschwerden eingegangen sind.“

Der König dieser Feuerwelt, uns auch als ‚Sonne‘ bekannt, seufzte genervt.

„Wieder über meine Tochter nehme ich an.“

„Leider ja, Euer Majestät“, prasselte der Butler. „Sie hat ihre königlichen Privilegien benutzt, um einen Wettbewerb der schönsten Flamme zu gewinnen. Das Gremium war sehr erbost.“

„Wo ist sie?“, schnaubte der König.

„Auf dem Weg hierher, Euer Majestät.“

In diesem Moment wurde - metaphorisch - die Tür aufgerissen und ein, nun, in unserer Welt wäre es ein junges Mädchen, kam knisternd und zischend herein. Ihren Namen können wir nicht aussprechen. Er besteht aus vielem Fauchen und Prasseln. Deshalb wollen wir sie Miriam nennen. Sie flammte in allen Farben des Regenbogens auf und flackerte wild hin und her.

„Hast wieder gepetzt?“, wandte sie sich an den Butler, wartete keine Antwort ab, und bevor ihr Vater zu einer Strafpredigt ansetzen konnte, verließ sie den Raum wieder und schmetterte die Tür oder etwas Entsprechendes hinter sich zu.

Der König seufzte nochmals.

„Sonst noch etwas?“

„Ja, Euer Majestät, ein Gast aus dem Zentrum ist gekommen“, antwortete der Butler.

„Was verschafft uns die Ehre?“, fragte der König.

„Er will einen Eurer Planeten besuchen und möchte vorher seine Aufwartung machen, um Euer Majestät angemessen zu informieren“, erwiderte der Butler.

„Dann lass ihn nicht länger warten! Führ ihn herein!“, antwortete der Sonnenkönig.

Baahn genoss die Aufmerksamkeit und Höflichkeit, mit der er als Gesandter des Zentrums behandelt wurde. Er hatte sich einen schönen gelb-roten Flammenkörper erschaffen und folgte dem blasiert dienernden Butler ins Audienzzimmer. Der König begrüßte ihn freundlich und fragte nach seinen Wünschen. Baahn erläuterte den Grund seiner Reise.

„Autonome Blasenbildung!“, ereiferte sich der König, „und schon wieder derselbe Planet, mit dem wir erst vor kurzem Probleme hatten! Ich werde sofort einen Asteroiden auf eine passende Umlaufbahn bringen.“

„Nein, nein“, wehrte Baahn ab, „noch nicht. Wir wollen die Gelegenheit nutzen und diese seltene Krankheit studieren, bevor wir alles zerstören. Ich werde zur Erde reisen und versuchen, mehr über dieses Phänomen herauszufinden.“

„Nun, in diesem Fall...“, der König rieb sich seinen metaphorischen Bart und schmunzelte, „...ist es ein Gebot der Höflichkeit, dass ich für angemessene Begleitung sorge. Meine Tochter Miriam wird sicher sehr erfreut sein, dies höchstpersönlich zu übernehmen.“

Distinguiert aus dem Raum schwebend bemühte sich der Butler, nicht wie ein Honigkuchenpferd zu grinsen.

Während Baahn im Nebenzimmer wartete, hörte er nach einer Weile eine kreischende Stimme, die einem jungen Wesen weiblichen Geschlechts zu gehören schien: „Zu den Matschigen? Ich? Da  gibt’s doch nichts als Wasser und Dreck. Warum kann das niemand anders machen?“

„Nun“, antwortete die sonore Stimme des Vaters, „es wird Zeit, dass du lernst, nicht nur die Rechte und Privilegien, sondern auch die Pflichten deines königlichen Geblüts kennen zu lernen.“