Die schwarze Schlange - Rudolf Stratz - E-Book

Die schwarze Schlange E-Book

Rudolf Stratz

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  • Herausgeber: SAGA Egmont
  • Kategorie: Krimi
  • Sprache: Deutsch
  • Veröffentlichungsjahr: 2020
Beschreibung

Mitten in den Bergen Serbiens wird k.u.k.-Offizier Niki von Schlögl von seiner Vergangenheit eingeholt, als er auf Sina, seine ehemalige Geliebte trifft. Um einen Waffenschmuggel aufzuklären hatte sich der Offizier damals unter falschem Namen ins Örtchen Plewlje begeben, eine Liebelei mit Sina begonnen und sich so das Vertrauen der Einheimischen erschlichen. Doch der Plan, den Schmuggel aufzuklären, misslang und von Schlögl wurde nach Wien zurückbeordert. Jetzt schwört Sina Rache und droht, den Schwindel auffliegen zu lassen. Doch dazu kommt es nicht: Sina wird ermordet und Niki von Schlögl muss beweisen, dass er nicht der Mörder ist.-

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Seitenzahl: 312

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Rudolf Stratz

Die schwarze Schlange

Saga

Die schwarze SchlangeCoverbild / Illustration: Shutterstock Copyright © 1936, 2019 Rudolf Stratz und SAGA Egmont All rights reserved ISBN: 9788711507421

1. Ebook-Auflage, 2019

Format: EPUB 2.0

Dieses Buch ist urheberrechtlich geschützt. Kopieren für gewerbliche und öffentliche Zwecke ist nur mit Zustimmung von SAGA Egmont gestattet.

SAGA Egmont www.saga-books.com und Lindhardt og Ringhof www.lrforlag.dk

– a part of Egmont www.egmont.com

1.

Die schwarze Schlange kroch — ein Menschenalter ist’s her — leise züngelnd, lautlos und langsam unter dem flammendblauen Sommerhimmel des Balkans durch das glühende Karstgeröll dahin. Sie war gut sieben Fuss lang und dick wie der Oberschenkel eines Mannes. Ein k. u. k. österreichischer Leutnant in der lichtblauen Uniform des 5. bosnisch-herzegowinischen Infanterieregiments musterte auf dem Saumweg aus dem Sattel des zottigen Gäulchens durch sein Fernglas die endlos gewellte, fahl bleigraue Bergwildnis und bekam das Reptil in den Sehwinkel der Linse. Sein hübsches, schnurrbärtiges, schon vorher von allerlei Gedanken überschattetes Gesicht verdüsterte sich noch mehr.

„Was hast denn schon wieder, Niki?“ Es klang hell und ein wenig besorgt an seiner linken Seite.

„Guck mal den z’widern Wurm dort drüben an, Maruschka!“ Er reichte finster seiner jungen Frau das Glas. Sie hielt zu Pferd neben ihm, im Damensitz, in weisser Bluse und dem langen, grauen Rock der Mode zu Anfang dieses Jahrhunderts. Unter dem blauen Sonnenschleier des Strohhuts wandte sich ihr weiches Wiener Gesicht in der Richtung nach der schwarzen Schlange.

„Jetzt so an Mistviech!“ sagte sie harmlos. Der Habsburger Leutnant hob nervös spähend seine schwippe, schmalschultrige und dünnhüftige, scharf in der Taille eingekerbte Gestalt in den Bügeln. Er murmelte:

„Weisst, wo die schwarze Schlange kriecht, Maruschka? Genau auf der Grenze zwischen Bosnien und der Türkei. Wir sind hier noch in östreichischen Okkupationsgebiet. Dort drüben, hundert Schritte von hier, fängt die Türkei erst richtig an. Dort soll das fade Geschöpf bleiben! Was braucht das zu und herüberzuschlupfen?“

„Geh — seit net so grantig, Niki!“ Die Maruschka sah mit strahlenden Augen, vergnügt wie ein kleiner Spitzbub, zu ihrem Mann empor. „Was ist denn das nur mit dir? Die ganzen vier Wochen, seit wir verheiratet sind, warst du so fidel wie sich’s gehört. Und seit ein paar Stunden, seitdem wir im Stabsquartier Mittag gemacht haben . . . Was haben’s denn um Gottes willen mit dir dort in Grahovo ang’fangen?“

„Ach — ’s is weiter nix, Schatzerl!“

Und während der k. u. k. Leutnant das sprach, ging es ihm durch den Kopf: morgen um die Zeit, Niki, bist du vielleicht schon tot und sie dürfen die Messen für deine arme Seel’ lesen . . . Wann sie’s tun — bei einem Selbstmörder . . .

„Wir haben doch heut’ im Truppenlager nur zu dritt gegessen — wir beide und dein Regimentskommandant!“ sagte die junge Frau, die zart und schlank, elastisch aufgerichtet im Sattel sass. „Und der war doch so arg lieb. Ich hab’ doch dabeigesessen und alles gehört, was der Oberst gesprochen hat. Nur Schmeichelhaftes für dich! Dass sie einen so hoch qualifizierten Offizier wie dich, der bisher schon dem Evidenzbüro des Wiener Generalstabskorps zugeteilt gewesen war, in sein Regiment transferiert hätten — hat er gesagt . . .“

,. . . Morgen um diese Zeit musst du dich vielleicht erschiessen . . .‘ dachte sich stumm ihr Mann, der Niki.

„ . . . das sei eine Auszeichnung ebenso für das Regiment wie für dich, hat der Oberst gesagt. Denn nirgends sei in Friedenszeiten der k. u. k. Dienst so verantwortungsvoll wie gerade hier an der bosnisch-türkischen Militärgrenze.“ Die hübsche, junge Wienerin legte die Hände, die die Zügel hielten, zusammen. „Jesses . . . Er schaut immer noch nach der grossen, schwarzen Schlange!“

„Was hat das Luder gerade auf mich zuzukriechen — gerade aus dem türkischen Sandschak Novibasar heraus!“ Der Oberleutnant sprach es halblaut und unruhig zwischen den Zähnen. „Aus der grauslichsten Gegend auf dem ganzen Balkan! . . . Das ist wie eine Vorbedentung . . .“

„Wofür denn, Jesusmariandjosef!“ Die kleine Leutnantsfrau schaute sich zufrieden in der starren, baum- und strauchlosen Öde um, in der sich, Bergkette hinter Bergkette, das gewaltige Rundbild Montenegros, Makedoniens, Serbiens und Bosniens entrollte. „Ich kenn’ dich heut’ gar net wieder, du Tschaperl! Sei doch froh! Die Welt ist doch so schön . . .“

,Leb wohl, du schöne Welt . . . Leb wohl, du liebe, liebe, liebe Maruschka . . .‘ brütete es da drüben dumpf im Kopf unter dem Tschako.

„Der Himmel ist blau, Niki. Die Sonne heiss. Wir sind auf der Hochzeitsreise!“

„Die ist heut’ zu End’! Heute noch kommen wir in unsere Garnison am End’ der Welt, wo sich Fuchs und Wolf Gutenacht sagen!“

„Ich bin doch bei dir!“ sagte die Maruschka und in ihren sonst so lustigen braunen Augen lag ein warmer, gläubiger Glanz. „Ich hab’ Wien Adjö gesagt und dem Elternhaus und der Ringstrasse und dem Stefansdom und allem — wegen dir — und geh’ mit dir durch Dick und Dünn, wo sie dich auch hinschicken, und fürcht’ mich nicht vor Flöh’ und Wanzen und Räubern und Mücken und nix, sondern bin ’ne tapfere österreichische Offiziersfrau, die dir nie etwas vorheulen wird. Aber da derfst du auch net jetzt wie ein Leichenbitter auf deinem Gaul hocken! Lach doch, Niki — geh lach doch mal!“

Und nun lächelte wirklich das Gesicht des Leutnants Niki, und das war sein altes, sein wahres Gesicht, so wie ihn alle in Wien und sonst in k. u. k. Garnisonen und vom Hörensagen aus unzähligen Geschichten und Gerüchten von abenteuerlichen Händeln kannten — ein rechtes, fesches k. u. k. Leutnantsgesicht, leichtsinnig, liebenswürdig, lebenslustig — das, was die Frauen im alten Österreich liebten, ein Gesicht mit einem weichsamtnen Blick, der die Frauen verstand. Und dahinter verhalten noch ein zweites Etwas, als ob der Niki gegen Männer sehr unangenehm werden könnte, wenn sie ihm in den Weg kamen — die Kaltblütigkeit eines, der sich — aber bitt’ schön, schon sehr gründlich — auf Raufhändel mit Säbel und Pistole verstand. Und wie seine Züge wieder ernst wurden, da kam auf ihnen der dritte Mensch, der dritte Niki heraus — kein Leutnant des alten Kaisers Franz Josef, der sein junges Leben mit süssen Madeln verplemperte oder im Kaffeehaus verträumte. Klug schaute er jetzt aus, sehr klug und sehr energisch im Dienst und voll Ehrgeiz. Und aus Ehrgeiz heraus voll Unruhe, irgend etwas ganz Ungewöhnliches zu leisten. Der schlafende, still verwegene Zug im Gesicht — den konnte er nicht bannen.

Das war das Holz, aus dem sie in der Wiener Hofburg, in der Militärkanzlei Seiner Apostolischen Majestät die Herren schnitzten, deren Namen als Auserwählte im „Schematismus“ des österreichisch-ungarischen Heeres prangten. Dem Niki war in Bälde der Hut mit grünem Federbusch und der dunkelgrüne Rock des Generalstabshauptmanns sicher und später einmal, wenn Gott der Herr ihm wohlwollte, die zwei Distinktionssterne des Feldmarschalleutnants rechts und links am roten Kragen.

Und das alles für die Katz’ — dachte sich in einem Anfall von stummer Verzweiflung der Leutnant Niki — seit ein paar Stunden für die Katz’! Wozu gibt es die Waffenfabrik in Steyr? Wozu gibt es die vorgeschriebene Armeepistole, die man sich an der rechten Stelle — ja nicht zu weit nach vorn! — an die Schläfe setzt? Drück’ nur zu, Niki . . . morgen . . . morgen . . . Dann ist’s vorbei! Wenn nur der hochwürdige Herr Feldsuperior keine Schwierigkeiten mit dem kirchlichen Begräbnis macht . . .

Fünfzig Schritte weiter aufwärts harrte auf der kahlen Höhenkuppe im Gänsemarsch eine Reihe von struppigen und schweissnassen Saumtieren der täglich unter Militärbedeckung verkehrenden Tragtierpost. Die hintersten der schwer belasteten Berggäulchen schleppten in Koffern und Kisten das Umzugsgut des Niki und seiner jungen Ehefrau, und auf jedem Gepäckstück stand vorschriftsmässig sein Name: „Leutnant Nikolaus Schlägl Edler von Bruckwehr“. Ein backofenheisser Wind wehte aus den Tausenden von sonnendurchglühten Steinblöcken über die Öde. In ihm flatterten zwischen den roten Stirnbinden der eingeborenen Treiber die Rosshaarbüsche von den Tschakos der zum Schutz mitreitenden Mannschaft der Traintruppe. Sie trug die Mannlicher Repetierstutzen schussbereit über die kaffeebraunen Waffenröcke gehängt. Der sie befehligende Korporal legte beide Hände an die bärtigen Lippen und schrie durch das Pfeifen des Windes:

„Meld’ ich g’horsamst, Herr Leutnant: Darf sich kein Reisender hinter Militäreskorte zaruckbleiben. Is sich weggen die Räuber . . . bitt’ schön . . . halten zu Gnaden!“

„I komm schon!“ antwortete Niki von Schlägl geistesabwesend. Er und seine Frau ritten im Schritt als die letzten. Plötzlich fühlte er von Sattel zu Sattel ihre kleine, warme Hans in seiner Linken. Es war ein banger Druck. Ihre helle Stimme bat besorgt:

„Niki — was is dir denn um Jesu willen angeflogen, dass du so verändert bist? Geh — so red’ doch!“

„Nix is, Schatzerl! Rein gar nix!“ Der Leutnant von Schlägl fuhr aus seinem Brüten auf und schüttelte entschlossen den Kopf und lachte. Das war wieder die alte Stimmung aus der schönen, wilden Leutnantszeit bei dem Niki: Wien und der Kaiser! Die schöne blaue Donau und der Radetzkymarsch! Weiber und Säbel! Er schaute seine kleine Frau recht lieb und leichtsinnig an und die konnte nicht widerstehen und lachte mit. Er wusste die Maruschka zu nehmen — er wusste die Frauen alle zu nehmen, im schönen Wien. Er war immer nachsichtigverliebt mit ihnen umgegangen wie mit Katzerln und hatte sie selber mit Samtpfoten getätschelt und ihnen lächelnd die Zähne gezeigt. Das waren die Liebeleien gewesen. Mit den Matschakerln hatte es jetzt ein Ende. Jetzt war die grosse echte Liebe da. Der Leutnant Niki liebte seine junge Frau wirklich aus voller Seele und ganzem Gemüt und wollte ihr ein stets treuer und guter Ehemann sein bis zum Tod. Nur dass der Tod gleich womöglich schon morgen . . . Herrgott . . . ja . . .

Der Niki schluckte etwas hinunter. Er liess sich nichts mehr merken. Er wies mit dem Zeigefinger über die Pferdeohren hinweg nach vorn.

„Schlaust da das kleine Gebäude aus Feldsteinen mit den Schiessscharten? Das ist ein k. u. k. Gendarmerie-Wachhaus. Karaula nennem sie’s auf Türkisch.“

„Woher weisst denn das?“

„Ich war doch schon vor zwei Jahren mal in Bosnien!“ sprach der Leutnant von Schlägl leichthin. „Auf Urlaub in Serajewo!“

„Ach ja — richtig!“ Die Maruschka nickte. „Guck’ mal: oben neben den Gendarmen hält zu Pferd ein Offizier von Herzegowina-Infanterie und winkt uns schon von weitem!“

„Weisst, wer das ist?“ Der Niki befeuerte erfrent seinen Gaul mit Stiefelabsatzstössen in die Flanken. „Der Kienhofer! Mein alter Stubenkamerad vom Theresianum und jetzt wieder mit mir in derselben Kompagnie! Der gute Kerl is uns bei der Viechhitze entgegengeritten, um uns als erster hier zu Land willkommen zu heissen. Da sind wir nicht mehr weit vom Standort! Ja — Servus, Kamillo!“

2.

Der Oberleutnant Kamillo Kienhofer vom 5. Bosnisch-Herzegowinischen Infanterieregiment war von dem hageren, sehnigen, dunkeläugigen Tiroler Schlag mit der braunen Gesichtsfarbe und der Adlernase über dem schwarzen Schnurrbart. Er liess im Galopp den optischen Signalmast hinter sich, über den durch die ganze Reihe von Gendarmerie-Wachposten längs der Okkupationsgrenze hin bei Tag mit farbigen Fanalen, bei Nacht mit Laternenzeichen die dienstlichen Meldungen aufblinkten, und zeigte beim Heranreiten herzlich die weissen Zähne.

„Servus, Niki!“ Er schüttelte dem Kameraden die Rechte. „Hab’ die Ehr’! Küss’ die Hand, Gnädige! Ich hab’ Ihnen da ein Boscherl Blumen mitgebracht. Viel wachst ja hier nicht bei die Rastelbinder!“

„Ach was — Gnädige!“ rief der Niki Schlägl. „Gleich sagt’s ,Du‘ zueinander! Es ist doch mein ältester Freund aus Wien, Maruschkerl!“

„Schon von der Favoriten her. Aus der Theresianischen Akademie. Da haben s’ uns zusammen erzogen oder es beim Niki wenigstens probiert!“ Der Oberleutnant Kienhofer wandte sich vertraulich an die junge Frau. „Weisst — das war schon ein Lausbub, dein Mann! Mit dem seinen Streichen damals — da könnt’ man Bände füllen!“

„Und später auch! Glaubt einer, das wüsst’ ich net?“ Die hübsche Wienerin lachte.

„Und hast doch den Mut aufgebracht . . .?“

„Wie ich ihn gesehen hab’, war ich gleich weg!“ rief die Maruschka Schlägl stürmisch. „Fesch genug waren andere auch! Und dummes Zeug haben andere auch getrieben! Aber in dem Niki steckt mehr! Das versichern s’ alle! Das fühl’ ich ganz genau! Das hol’ ich bei ihm heraus! Das soll ein lieber, ernster Mensch werden — durch mich!“

„Weisst — das Ernsthafte hat sie nämlich von ihrem Vater!“ sagte der Niki. „Der is nicht nur ein Holzindustrieller, dem sein Holz hier aus Bosnien und Ungarn bis nach Spanien und weiter geht, sondern im Privatleben ein g’strenger Heiliger! Dem sind wir Östreicher, wie wir sind, gar net recht!“

„Er sagt oft“, unterbrach die Maruschka, „wir sind nicht ernst genug in Östreich! Wir nehmen alles zu leicht! Da heisst’s gleich: geh — plausch’ net! Oder: geh — sei net fad’! . . . ,wenn man das Leben vernünftig betrachtet‘, sagt der Vater . . .“

„Der alte Herr is halt durch seine Handelsgeschäfte zeitlebens viel zu viel draussen in der Welt herumgekommen!“ entschuldigte der Leutnant Niki Schlägl den Schwiegerpapa. „Dadurch is er manchmal so wunderlich!“

„Ich nehm’, so jung wie ich bin, das Leben ernst!“ beharrte die Maruschka. „Und der Niki soll’s von mir lernen. Wenn er dann mal Excellenzherr is, dann wird er mir’s danken!“

„Da hast das rechte Weiberl erwischt, du Kroat!“ Der Regimentskamerad lachte herzlich. „Das is gerad’, was du brauchst! Dumm bist ja wahrhaftig net! Das hast jetzt wieder durch deine Wahl bewiesen! Bloss an der Stang’ muss dich eines halten! Ja . . . ehe ich’s vergess’: meine Frau, die Ladislaje, lässt natürlich schön grüssen! Sie hat ihre zwei Schreipeter unten. Sonst wär’ sie gern mit hier heraufgekommen auf die Höhe!“

„Ach — wundervoll ist’s hier!“ Die Maruschka Schlägl schaute andächtig über das weite, wildzerrissene, sonnenüberflutete Bergland hin und der Oberleutnant Kienhofer erklärte ihr:

„Rechts drüben in der Ferne die vielen kahlen weissen Steingipfel — das is der Dormitor. Die Himmelgabel heissen s’ ihn, die Montenegriner — ihren höchsten Berg! Gerad’ vor uns liegt das makedonische Bergland. Das gehört den Türken. Weiter links geht’s hinüber zu die Serben! No — und hier, im bosnischen Karst — da stehen wir, die Östreicher. Alles stösst hier in der Balkanecke am Sandschak Novibasar zusammen. Is schon ein Wetterwinkel!“

Er fühlte ein leises Zupfen an seinem hechtgrauen Mantelärmel. Der Niki raunte:

„Reit’ mal ein paar Schritte beiseite! Kannst die Maruschka ruhig lassen. Sie is gang in den Anblick der Gegend vertieft!“ Und als sie ausser Hörweite waren, heftig, hastig, halblaut: „Was hast ihr eben vom Sandschak Novibasar erzählt?“

„Du lieber Gott — nix!“ versetzte der Kamerad Kienhofer unschuldig. „Als dass er halt ein z’wideres Stück Schöpfung is! Das wirst schon noch merken, wann du jetzt das Vergnügen hast, mit und die Grenze zu bewachen! Du kennst doch den Sandschak Novibasar noch nicht?“

„Ja — woher sollt’ ich denn?“

„Bist niemals dort gewesen?“

„Nein!“ rief der Leutnant von Schlägl hart und heftig.

„Na alsdann! Lassen wir’s Also — was gibt’s denn eigentlich, Niki? Was machst denn für ein Gesicht?“

„Kamillo! Du bist mein Freund!“

„Das brauchen wir zwei uns nicht erst zu sagen!“

„Und die Maruschka ist doch noch so jung! Sie is doch noch niemals so recht aus Wien herausgekommen. Halt’ mal am Semmering oder in Ischl oder so. Die is ganz fremd hier in dem wilden Land. Die hat hier niemanden als dich und deine Frau!“

„Ja — doch dich!“

„Ich mein’ — wenn mir was Menschliches zustösst . . .“

„Ach geh! Was soll denn dir passieren! Drüben im Sandschak ist’s mit den Räubern lebensgefährlich. Das geb’ ich zu! Aber hier in Bosnien halten wir doch Ruh’ und Ordnung!“

Der Leutnant Niki Schlägl überzeugte sich durch einen raschen Blick, dass die Maruschka drüben ihnen den Rücken zuwandte und immer noch ergriffen vom Sattel aus das feierliche Bild der Balkan-Einsamkeit betrachtete. Dann holte er tief Atem und sagte mit Anstrengung:

„Du, Kamillo! Es könnte sein, dass ich morgen um diese Zeit nicht mehr am Leben bin!“

„Wa — was?“

„Dann seid’s ihr beide so gut . . . du und deine Ladislaja . . .“

„Ja . . . aber . . .“

„. . . und sorgt für meine arme junge Frau!“

„Du — ich muss mich mal am Ohrwaschl zupfen! Ich glaub’, ich träum’!“

„Is schon so, Kamillo!“

„Dann erklär’ mir aber doch“: was hast denn um Gottes willen schon ausg’fressen?“

„Jetzt ist keine Zeit! Da kommt schon die Maruschka!“

„Schatzerl!“ rief die junge Frau im Heranreiten. „Dem Korporal von der Tragtierpost pressiert’s mit dem Weitermarsch! Er getraut sich bloss nicht, wieder zu drängen! Aber er möcht’ vor Abend unten im Tal in Vrbica sein — wegen die Haiducken — sagt er! . . . Du — was sind denn das: die Haiducken?“

Die beiden Männer tauschten einen stummen Blick: ,Auf nachher!‘ Der Kamillo Kienhofer hatte einen rechten kecken Tiroler Gemsjägerkopf auf den Schultern sitzen — oder mehr noch — einen dunklen Scharfschützenkopf wie aus der grossen Zeit vor hundert Jahren —zu Mantua in Banden — ein Getreuer vom Andreas Hofer. Aber jetzt waren seine braungebrannten Züge ganz still und klösterlich verschlossen. Voll tiefer Sorge um den Niki Schlägl Edlen von Bruckwehr, während er dessen Frau halb geistesabwesend antwortete.

„Weisst: Haiducken heissen’s hier zu Land die Räuber! Die Hammeldiebe. Die Schmuggler . . . Ist eigentlich immer das gleiche G’lump, was da an der Militärgrenze umeinanderläuft — aber die Waffenschmuggler — hier nach Bosnien hinein — die sind für uns Okkupationsorgane schon die grösste Crux! Man kommt ihnen net bei! — den Kerlen! Das is rein, als wären’s mit dem Bösen im Bund!“

Der Oberleutnant Kienhofer warf im Weiterreiten einen feindseligen Blick über die Grenze auf das unermesslich entrollte, wildzerrissene mazedonische Bergland. Die Strahlen der sinkenden Sonne fielen jetzt schräge auf das tote Gestein und färbten an einigen Stellen die schroffen Wände mit einem geisterhaften Abendrot. Wie riesenhafte Wogen eines erstarrten Meeres wellten sich fern bis zum Horizont reihenweise hintereinander, von fahlem Weiss bis zu unheimlichem Bleigrau die Gebirgszüge. Als grosse, fast schwarze Flecken füllten dazwischen die Urwälder die Steilhänge und die tief eingeschnittenen Täler. Dünner, bläulicher Rauch unsichtbarer Dorfherde oder Hirtenfeuer kräuselte sich da und dort in der tiefen Stille, die nur das Trappeln und Schnaufen der Saumtiere, das klagende Singen der Windsbraut unterbrach.

„Da warst du noch lang net auf der Welt!“ sprach der Oberleutnant kienhofer zu der Maruschka Schlägl, mit der er vorausritt, der Niki stumm und tiefsinnig hinterher.

„Da hat Östreich-Ungarn das Bosnien hier und daneben die Herzegowina in aller Form zur Besetzung zugesprochen gekriegt — ich bitte: genau nach dem Völkerrecht — auf dem Berliner Kongress — vom Bismarck selber und dem Gortschakoff — vor bald dreissig Jahren, nach dem russisch-türkischen Krieg. Die Türkei hat’s zugestanden und unterschrieben und auch immer Frieden mit Östreich gehalten. Aber den Türken hier im Land selber — und heut’ noch is ja jeder dritte hier a Türk’! — denen war’s nicht recht, dass die Schwaben eing’ruckt sind! Lange, blutige Kämpfe hat’s gekostet, bis wir den Aufstand niedergeworfen haben. Vier Armeekorps hat der Franz Josef schliesslich aufbieten müssen! Mein Vater selig hat mir oft erzählt, wieviel Leut’ die Kroaten und die Steiermärker und die Ungarn haben lassen müssen. Der war mit von der Partie. Der hat sich damals bei der Brigade Zach das Militärverdienstkreuz geholt!“

„Dafür ist jetzt das schöne Land österreichisch!“

„Das is eben der allgemeine Irrtum!“ sagte der Kamillo Kienhofer. „Das is er gerade nicht! Wir haben es nur okku—piert — nennt man das, wenn was eigentlich ’nem Andern gehört — nämlich der Türkei — und man besitzt es nur zur Nutzniessung. Ist dir noch nicht aufgefallen, dass die östreichischen und ungarischen Briefmarken hier nicht gelten? Nein. Das Land muss seine eigenen Wapperln haben — den roten Arm mit dem Säbel. Aber hier ist keine Säbelherrschaft, meine Liebe! Was verrichten wir hier für Kulturarbeit! Das ist schon staunend. Und dabei gehört einem das Bosnien nur halb und halb! So ein unklarer Zustand — das is schon was Ekelhaftes!

Und damit es uns am End’ net doch zu gut geht, haben wir neben uns den Sandschak Novibasar!“ Wieder richtete der Oberleutnant Kienhofer vom 5. Bosnisch-Herzegowinischen Infanterieregiment seine scharfen Augen nach der schon violett verdämmernden Bergwildnis zur Rechten. „Du — das is schon ein liebes Land! Mitten in Europa liegt’s und ist ebenso unbekannt, ebenso unbetreten, als läg’ es im Mond. Ich gönn’s den Türken. Die haben dort Truppen stehen. Aber bitte: wir Östreicher auch. Das Hauptnest nahe unserer Grenze heisst Plewlje. Wann man da einreitet, sieht man gleich im Park das österreichisch-ungarische Militärlager und am andern Ende der Stadt, auf einem Hügel, liegt die türkische Kaserne.“

„Wer is nachher da eigentlich Herr im Land?“ fragte die Maruschka.

„Ja — die Räuber, meine Liebe!“ schrie der Kamillo Kienhofer. „Die Herren Haiducken! Aber schon gründlich! — sag’ ich dir! Die haben da ihr Paradies. So ein Fleckerl Erde finden ’s in ganz Europa und auf der Welt nicht wieder! Die kurze Strecke bis Plewlje geht’s noch mit der Sicherheit, von wegen der k. u. k. Gendarmerie-Patrouillen! Aber weiterhin in den eigentlichen Sandschak darf sich ein Kulturmensch ja net getrauen! Vor ein paar Jahren hat’s ein junger böhmischer Aristokrat probiert. Der war ein passionierter Jäger und hat Gemsen schiessen wollen, von denen es dort wimmelt, und hat sich gerad’ noch schwer blessiert mit zwei Kugeln im Leib vor den Räubern über die montenegrinische Grenze retten können! . . . Herrgott . . .“ Der Oberleutnant fuhr im Sattel auf. „Was ist denn das?“

Dicht hinter ihm krachte ein Pistolenschuss. Die Saumgäule wieherten und stiegen mit gespitzten Ohren. Sie keilten aus und brachen aus der Reihe. Die Bosniaken in ihren roten Turbanen sprangen schreiend dazwischen. „Drschi Konji!“ — Haltet die Pferde! brüllte der Korporal. Die Soldaten der Traintruppe rissen die Stutzen von der Schulter und schauten sich suchend um. Ein Wölkchen bitteren Pulverrauchs wehte. Durch seinem Schleier starrte, sich im Sattel nach rückwärts werfend, der Kamillo Kienhofer seinem Freund, dem Leutnant von Schlägl, in das düster-unbewegte Gesicht. Seine Stimme bebte:

„Niki — du hast doch net auf dich geschossen?“

Der Niki Schlägl wies mit der noch dampfenden Armeepistole verächtlich seitwärts in das Gewirr der Steinblöcke am Weg.

„Sauber getroffen hab’ ich!“ sprach er. „Da war schon wieder so a Höllenviech aus dem Sandschak her!“

Eine sieben Fuss lange, pechschwarze Schlange wand sich mit zerschmettertem Kopf am Boden. Ihr Blut färbte das Geröll. Der Oberleutnant von Schlägl nickte zufrieden und barg die Pistole wieder im Lederfutteral. Seine Frau beobachtete bang sein Tun.

„Aber, Niki, ich versteh’ dich net!“ sagte sie. „Wenn du auf jede Schlange schiessen willst . . .“

„Dann hat er bei uns herunten viel zu tun!“ sprach der Kamerad Kienhofer. „Da hat er gerade die seltene schwarze Abart von der Riesennatter erwischt!“

„Das Biest war ja vorhin schon da!“ sagte der Leutnant Schlägl zwischen den Zähnen. „Warum kommt’s wieder? Aufdringlich nenn’ ich so was!“

„Niki — das kann doch unmöglich dieselbe Schlange sein!“

„Für mich is da allemal die gleiche Kreatur!“ Der Niki Schlägl warf noch einen hasserfüllten Blick auf den riesigen schwarzen Wurm, der sich krampfhaft wälzte und den kanariengelben Bauch zeigte. „Mich giftet’s halt, wenn da wieder von dort so was Schwarzes langsam auf einen zukriecht! Ich mag das net!“ Er lachte plötzlich schadenfroh und trieb sein Pferd an. „No — jetzt hat das liebe Schlangerl genug! Reden wir von was anderem!“

„Es sind bei dem Niki die Nerven!“ flüsterte die Maruschka, während sie wieder mit dem Kamillo Kienhofer vorausritt. Sie sprach es nach Wiener Art wie „Nürven“ aus. „Seit heut’ Mittag hat er die Nürven!“

„Weisst denn net warum?“

„Da bin i überfragt! I kann mir nur denken, es kommt über den Niki, weil wir uns jetzt immer mehr unserem Verbannungsort nähern, wo wir Gott weiss wie lange Zeit werden sitzen müssen. Der Niki war doch immer ein verwöhnter Bub! Immer in Wien und den Ring lang und im Stehparterre vom Burgtheater und im Prater. Und jetzt auf einmal unter die Wilden!“

„Ihr werdet schon net alt in Vrbica!“ tröstete der Oberleutnant Kienhofer. „Das is ja nur, dass man die hohen Herren vom Generalstabskorps und solche, die es werden wollen, mal in die Linie transferiert, damit sie net gar zu g’scheit werden!“

„Aber dass das auch noch eine Auszeichnung sein soll, wie der Regimentskommandant heut’ g’sagt hat . . .“

„ . . . weil man sich hier auszeichnen kann!“ versetzte der Kamillo noch ernster als bisher. „Wenn einer ein so fixer Kerl is wie dein Mann! Und ich mein’ und die Kameraden meinen’s auch: gerad’ deswegen is er an die Militärgrenze versetzt!“

„Ja — wie kann sich denn der Niki da hervortun?“ fragte die junge Frau. Ehrgeiz für ihren Mann leuchtete auf ihrem hübschen, von dem blauen Schleier im Bergwind umflatterten Gesicht.

„Wir haben doch vorhin von dem grossen Aufstand beim Einmarsch g’redt!“ Der Oberleutnant Kienhofer zündete sich mit geübter Hans im Sattel eine bosnische Zigarette an. „Ein paar Jahre drauf sind’s von neuem bis nach Dalmatien hinein narrisch geworden. Jetzt, seit langer Zeit, ist ja soweit Ruh’ im Land. Aber irgendwo glimmt’s immer noch unter der Aschen!“

„Seit Jahren“, er schaute sich vorsichtig um, ob niemand ausser der Maruschka es hörte, „finden wir mal da mal dort hier in der Gegend versteckte Waffen in Karstlöchern oder Perückenstrauchbüschen oder unter dem Schafmist im Winterstall — keine vorsintflutlichen Entenflinten mit Steinschloss aus der Türkenzeit — die finden sich hier noch überall im Land. Da haben wir nix dagegen. Die dürfen’s in Gottesnamen behalten — sondern richtige Repetiergewehre neuerer Konstruktion — aus irgendwelchen Waffenfabriken in England oder Belgien ausrangiert . . . Dass das mal zu neuen Grenzschiessereien und womöglich noch mehr dienen soll, das sieht ein Waisenknabe. Nur wie es drüben über die Grenze kommt durch wen es geht und an wen und wer es heimlich weiterverteilt, das ist die Frage. Wer so einen Haderlumpen auf frischer Tat mit Brachialgewalt abfassen könnt’, der hätt’ das Ritterkreuz vom Franz-Josef-Orden schon auf der Montur! Warum sollt’ das net gerad’ so einem abenteuerlichen Schlankel wie dem Niki glücken?“

„Ich hab’ gedacht, das wär’ die Aufgabe von der Gendarmerie?“

„Schon! Aber die find’t nix! Niemand find’t was! Herrgott: die Militärgrenze zwischen Bosnien und dem Sandschak ist doch kaum sechzig Kilometer lang — irgendwo muss doch der Schleichweg laufen . . . Du, Niki!“

Der Kamillo Kienhofer hemmte seinen Gaul und drehte seinen schwarzen Tirolerkopf nach hinten. „Reit’ net so traumhappet deines Wegs, sondern komm jetzt mal daher und sperr’ die Augen auf! Von der Stell’ hier aus siehst du unten im Tal deinen neuen Standort! Die k. u. k. Garnison Vrbica! Halt ein elendes Dorf, mein Lieber!“

„Recht lieb liegt’s da zwischen den grünen Wiesen, mit den vielen niederen steinernen Bauernhäusern“, meinte die Maruschka munter, während ihr Mann schweigend und düster hinabstarrte und der Kamillo Kienhofer erklärte:

„Das grosse Mauerviereck auf halber Höhe mit den Ecktürmen und den Schiessscharten — das kannst dir ja selber sagen — das is die befestigte k. u. k. Defensivkaserne. In der liegt die ganze Garnison — die dreizehnte Kompanie von 5. Bosnisch-Infanterie.“

„Dreizehn! Eine Unglückszahl!“ murmelte der Niki. Seine Frau rang die Hände.

„Es is heut’ schon a Graus mit dem Mann!“

„Sei net so blöd, Niki!“ sprach obenhin, sich beherrschend, Kamillo Kienhofer. „Vor dem freien Platz — das Gebäude — das ist das landesärarische Hotel. In dem wohnen, nachdem im Ort selbst keine menschenwürdigen Ubikationen vorhanden sind, alle Offizere mit ihren Familien. Da sind für euch auch schon zwei Zimmer gerichtet und die Ladislaja hat dafür gesorgt, dass es drinnen a bissel gemütlich herschaut! Die kleine Kapelle am Dorfeingang gehört für uns Römisch-Katholiken — die Lateiner, wie sie hier sagen. Da hält jeden Sonntag ein Franziskanerpater Gottesdienst. Der steigt aus der kleinen Klostersiedlung oben im Karst zu uns runter! Die Zwiebelkuppel drüben ist das orthodoxe Kirchlein. In das kommt immer ein Priestermönch aus dem befestigten Felsenkloster, das du ganz dahinten an der Bergwand pappen siehst, früher auch ein Bollwerk wider die Türken. No — und der dünne Holzturm — das is natürlich für die Mohammedaner. Das is das Minarett von der Dorfmoschee. In dem Haus daneben, hinter dem vergitterten Erker, der wie ein Vogelbauer ausschaut, hat der Imam, der Dorfgeistliche, seine drei Frauen!“

„Drei? Ach geh!“ sprach schaudernd die Maruschka.

„Ganz nett und jung sollen sie sein! Meine Frau besucht sie manchmal, zu einem Schwarzen und einem Schälchen Konfitüren! Die offene Bretterhütte unter dem grossen Pappelnaum, in der die Maultiertreiber hocken, ist unser Stolz! Das Kaffeehaus von Vrbica! Ja — und sonst . . .“ Er blickte umher. „Da vor dem Dorf, wo der Rauch aufsteigt und die Hunde bellen . . .“

„Ach — die vielen braunen, kleinen Kinder!“ rief die Marushka. „Die sind mal goldig!“

„ . . . und nur mit Schmutz bekleidet und sonst nix! Das is das Zigeunerlager. Da haben sich die Pülcher als Schmiede niedergelassen, wann’s net gerad’ stehlen! Man braucht sie halt im Land für die Kessel zum Pflaumenmuskochen! So — das wäre, was wir in der Weltstadt Vrbica zu bieten haben!“ schloss der Kienhofer, „und da unten auf dem Platz vor dem ärarischen Hotel — da tröpfelt’s schon so himmelblau daher! Da versammeln sich jetz allmählich euch zu Ehren die paar Kameraden und Honoratioren und das bisschen Damenflor, das wir hier aufbieten können. Bisher nur zwei! Meine bessere Hälfte und, ehe von jetzt ab die gnädige Frau uns die Welt verschönt, der grosse Stern der kleinen Garnison — die Sina — die Frau von unserem ledernen Hauptmann, dem Kabusch!“

„Ja — von der Sine Kabusch hat uns der Oberst heut’ im Militärlager bei Tisch erzählt, dass sie vor einem Jahr in das Regiment hineingeheiratet hat!“ rief die junge Hochzeitsreisende.

„Also direkt eine dunkle Schönheit, wie sie im Buch steht!“ sprach der Oberleutnant Kienhofer. „Man könnt’ sagen: unheimlich schön! So was Wildes! Aber durchaus eine Dame. Bei die Englischen Fräulein in Östreich erzogen. Spielt Klavier. Spricht Deutsch wie wir. Der merkt keiner an, dass sie aus dem Sandschak Novibasar stammt!“

„Aus Plewlje — hat der Regimentskommandant gesagt!“ nickte eifrig die Maruschka. „Erinnerst du dich net, Niki?“

„Ach — lasst ’s mich aus mit euren ewigen Plewlje und Sandschak!“ sagte gleichgültig der Leutnant von Schlägl und unterdrückte ein nervöses Gähnen. „Das is ja schon fad!“

„Mach’ du lieber kein Gesicht, als wenn du beim Zahnarzt wärst, Niki!“ Der Freund schüttelte den Kopf. „Die unten gucken ja mit Fernstechern nach uns! Die warten! Also reiten wir los!“

3.

Unten in Vrbica warf das nadeldünne weisse Minarett der Dorfmoschee schon einen doppelt so langen schwarzen Abendschatten über Staub und Ziegengemecker und Hammelgeblöke der Gasse, und hoch vom Turm sang, weiss wie ein Vogel vor dem blassblauen Himmel, der Hodscha, der mohammedanische Dorf geistliche, sein Nachtgebet. Auf dem Platz vor dem ärarischen Hotel stand lang und hager, mit langem grauen Schnurrbart, den Tschako auf der Glatze, in seiner himmelblauen Montur, der Herr Major und plauschte mit einer ein wenig kurz geratenen freundlichen Dame, die trotz ihrer Rundlichkeit noch die Wiener Taille zeigte, und oben am Berghang erläuterte der Keinhofer seinem Freund:

„Das is der Geza Farkas. Ein Ungar. Ein Junggeselle. Der hat’s mit die Hunde und fängt Forellen. Der tut dir nix! Und die Mollete daneben — das is die Ladislaja, meine Frau! Die geht der maruschka im Anfang gern zur Hand. Die beiden werden sich schon verstehn! Die Ladislaja ist ein lieber Schneck! Und a Mehlspeisköchin — sag’ ich Euch . . .“

Auf dem Platz schritt ein schwarzbärtiger Riese sporenklirrend auf den Major Farkas zu. Schwarze Büsche von Brauen überdunkelten das Gelb seines Gesichts. Er trug einen dunkelgrünen Waffenrock und hechtgraue Reithosen. Ein schwarzer Federbusch wehte ihm vom Hut. Er salutierte und fragte in tiefem Bass:

„Siehst du sie schon, Herr Major?“ und dessen Fingerzeig folgend: „Ah freilich! Die sind schon auf dem halben Berg!“

„Der Grüne, der wie ein Räuber aus den Abruzzen ausschaut“, sagte im vorsichtigen Abwärtsreiten Kamillo Kienhofer, „das ist unser Gendarmeriezugskommandant, der Rittmeister von Rizzi. Auch ein Hagestolz und dicker Freund von dem Farkas. Jetzt da schau hin, Niki: der, wo eben aus dem ärarischen Hotel kommt, das is der Unserige — der Kompaniekommandant.“

„Der Kabusch?“

„Der Thaddäus Kabusch! Recht a langweiliger Mensch — kann ich dir nur sagen! Nix wie der Dienst und im Dienst nix wie der Gamaschenknopf . . .“

„Wo hat er denn seine Frau?“ rief die Maruschka.

„Die Sina ist noch net da! Die Sonne wird erst noch aufgehn!“

Der Hauptmann Kabusch war mager und mittelgross. Sein längliches, nüchternes Gesicht war glattrasiert. Seine Bewegungen hatten nichts von der österreichischen Leichtigkeit. Da war eher etwas Hölzernes, wie er vor dem Major die Rechte an die Tschakorandung legte, und der lachte:

„Die passt, scheint’s, dein neuer Kompaniezuwachs nicht, Kabusch, weil du gar so grantig hershaust. Aber ich denk’ mir, der Oberst hat so einen feschen jungen Herrn wie den Schlägl gerade deswegen zu dir in die Kompanie gesteckt, dass er von dir einen rechten dienstlichen Ernst und Eifer lernt.“

„Ach — ’s is mir nicht um das Wiener Früchtl zu tun!“ sagte zurücktretend der Hauptmann Kabusch zu dem Gendarmerierittmeister und schaute ärgerlich an der Front des ärarischen Hotels empor. „Mich sekiert was anderes! Wer ist denn der ekelhafte Kerl da oben, der schon wieder seinen Kopf aus dem Fenster steckt. Das muss die Gendarmerie doch wissen!“

„Die Gendarmerie weiss alles!“ sprach der schwarzbärtige Rizzi. „Das ist ein gewisser Nute Pistinner irgendwo aus Galizien, Reisender in ungarischem Bitterwasser bis in die entlegensten Bergdörfer. Insofern macht sich der rothaarige Mensch ganz nützlich! Denn wie sehr die Leut’ bei der Hitz’ und dem Wassermangel a Bitterwasser brauchen — das kennst ja!“

Nute Pistinner war ein noch junger schmächtiger Mann zu Anfang Zwanzig in einem zweifelhaft weissen, sommerlichen Leinenanzug, mit zwei schmalen Backenbartstreifen nach englischer Art und einem ebensolchen Zahnbürstchenschnurrbart unter der scharf wie ein Krummsäbel vorspringenden Nase. Er beugte den sommersprossigen Kopf noch weiter über das Fensterbrett vor und spähte, als ob er etwas erwartete.

„Mir gefällt das Stück galizischer Ghetto nicht!“ sagte der Hauptmann Kabusch.

„Ja — glaubst denn, mir?“ meinte der Rittmeister von Rizzi. „Im Vertrauen: den und sein Bitterwasser hab’ ich schon lang auf dem Strich. Ich mein’ immer, der hat ganz was anderes hier an der Grenze vor. Ich lass’ ihn schon die ganze Zeit heimlich beobachten. Aber was der Schlemihl dich angeht . . .“

„Kerl hat die Dreistigkeit“, der Kompaniekommandant Kabusch sprach das langsame, nachdrückliche, Silbe für Silbe betonende Armeedeutsch, durch das sich zwischen Salzburg und dem Eisernen Tor die k. u. k. Offiziere im Dienst ihren ungarischen, böhmischen, galizischen, kroatischen, slawonischen, mährischen, krainerischen, dalmatinischen, bukowinischen, küstenländischen Mannschaften verständlich machten. Aus Thaddäus Kabuschs Mund klang dies vorshriftsmässige Deutsch noch pedantischer. „Kerl hat die Dreistigkeit“, wiederholte er, „meine Frau auf dem Flur anzureden, ein gesticktes Jackerl überm Arm, und zu fragen, ob er da ein echtes altes albanesisches Stück gekauft habe, indem die Frau Hauptmann doch aus der Gegend dort herum zu stammen beliebten!“

„Und deine Gnädige?“

„Die Sine hat gelacht und geantwortet: Ja — das sei gute, alte Arbeit aus dem Stamm der Dukatschi, und hat nachher noch weiter mit dem Schächer gered’t. Aber ich verbitt’ mir das! Dös is kein Umgang für meine Frau!“

Der Hauptmann schaute zornig nach dem Bitterwasserreisenden Nute Pistinner, der unverfroen auf ihn herablächelte, und dann nach dem Berghang. Die Reitergruppe war schon nahe dem Talboden. Die junge Frau von Schlägl machte grosse Augen.

„Da kommt ja einer von euch von dem Minarett her und trägt statt dem Tschako einen roten Fez auf dem Kopf. Ja — jetzt is doch net Fasching!“

„Der hat in der Moschee seine Abendandacht verrichtet!“ erklärte der Tiroler Kienhofer. „Das is einer von unseren mohammedanischen Leutnants in der Reserve der bosnischen Regimenter — und sonst, wenn er keine Offiziersübung macht, Advokat in Serajewo für die Verhandlungen mit den Kadis, den Scheriatsrichtern für Koranangelegenheiten im Land! So: mit dem Lautnant Haidukowitsch Ibrahim Beg ist jetzt die k. u. k. Garnison vollzählig zu eurem Empfang versammelt!“

„Aber die Sina Kabusch fehlt!“ drängte die maruschka. „Auf die bin ich doch gerad’ so g’spannt. Die interessiert mich!“

„Siehst net die plötzliche Bewegung vor dem Hotel?“ Der Oberleutnant Kienhofer lachte. „Jetzt kommt a Leben in die k. u. k. Streitmacht! Die schöne Sine geruht, aus dem ärarischen Hotel zu treten. Da siehst du sie — gross und schlank — sie hat so was Schreitendes in den Bewegungen wie ein Hirsch — und immer den Kopf im Nacken . . .“

„Ganz weiss ist sie angezogen!“ Die Blicke der Maruschka von Schlägl ruhten neugierig auf der fernen fremden Frau.

„Immer. Alle Albanesen. Ihre verstorbene Mutter war doch eine Albancsin — eine katholische Mirditin aus Durazzo! Die sind alle so gross und schlank!“

„Und der Vater is auch einer aus dem Balkan?“

„Der alte Volo stammt eigentlich aus Malta. Das is dort schon ganz eine verdrehte italienisch-arabische Blutmischung. Davon hat die Sina das strenge klassische Profil und die blauschwarzen Haare! . . . Und a Geld!“ setzte der Kamillo Kienhofer hinzu. „Der Genario Volo is durch seine Heirat aus Albanien in den Sandschak Novibasar hinübergekommen und hat’s in Plewlje schon ordentlich zu was gebracht. Er war schon einmal hier und hat seine Tochter besucht. Mit Kleinigkeiten gibt sich der kleine, vierschrötige, pechschwarze Kerl nicht erst ab! Das ist ein Gewaltmensch. Der betreibt seinen Grosshandel mit europäischen Waren . . .“

„Ja — kaufen denn die Leut’ drüben so was?“ unterbrach die Maruschka.

„Ja — was halt die Halbwilden so brauchen — Petroleumlampen, Zucker, bunte Stoffe, Reibhölzeln, Spiegel, Schmucksachen — also das schafft er mit seinen Maultierkarawanen im Sandschak bis in die entlegensten Bergdörfer. Den Volo kennen die Spitzbuben dort alle. Dem tut keiner was, weil sie ihn zu nötig haben. Den zählen s’ schon halb zu den Ihrigen!“

„No — ich freu’ mich recht auf die Ladislaja, dein Frauerl, Leutnant Kienhofer!“ sprach oben am Berg aus dem Sattel die Maruschka.

„Gleich sagst: Kamillo!“