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Voller Vorfreude auf ein Wiedersehen mit Familie und Freunden befinden sich Nairi und Yriiel mit ihren Leuten auf dem Rückweg zur Baumstadt Shadranaey. Während beide sich zunehmend mehr füreinander interessieren, hält das Schicksal eine unerwartete Wendung für sie alle bereit. Vorboten von unheilbringender und dunkler Magie verwehren ihnen die endgültige Heimkehr nach den überstandenen Strapazen der zurückliegenden Jagd. Sie erfahren von schrecklichen Ereignissen, die sich in und um Shadranaey in ihrer Abwesenheit ereignet haben. Doch das Schlimmste steht ihnen noch bevor. Um dem magischen Einfluss, der die Stadt eisern im Griff hält, ein Ende zu bereiten, werden Nairi und Yriiel mit weiteren Kriegern, Jägern sowie Spähern in die Stadt und deren Labyrinth entsendet. Niemand von ihnen ahnt, dass sich die dort lauernde Gefahr nicht so einfach besiegen lässt wie gedacht.
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Seitenzahl: 593
Veröffentlichungsjahr: 2019
Rike Moor
Die schwarzen Steine
Sammelband Episode 5 - 7
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Inhaltsverzeichnis
Titel
Ankunft am See
Neue und alte Freunde
Unfreie Wahl
Das Gefühl von Erleichterung
Der nächste Morgen
Auf dem Rückweg
Abgefangen
Vertrautes Beisammensein
Wechselbad der Gefühle
Düstere Aussichten
Ein halbseitig eingelöstes Versprechen
Runen
Aufbruch nach Shadranaey
Auf Irrwegen durch das Labyrinth
Entfremdete Stadt
Die Wurzel allen Übels
Aussichtsloser Kampf
Gescheiterte Mission
Unverhofft kommt oft
Unerwartetes Wiedersehen
Offenbarte Gefühle
Bedrückende Gespräche
Gebrochenes Schweigen
Ein Funken Hoffnung in der Dunkelheit
Zeit zu zweit
Plötzlicher Aufbruch
Der Fremde
Dem Tod so nah
Übernachtung im Freien
Zwischen Trauer und Wut
Wettlauf gegen die Zeit
Zerschlagene Hoffnung
Der Sturm bricht los
Tiefes Vertrauen
Rettung in höchster Not
Ein gemeinsamer Traum
Nomenklatur (die wichtigsten Begriffe)
Danksagung
Fantasy-Bücher anderer Autoren
Impressum neobooks
Absolute Stille herrschte so kurz vor der morgendlichen Dämmerung. Lediglich die Geräusche der Jagdgruppe, die sich ihren Weg durch das Unterholz bahnte, störten die alles vereinnahmende Ruhe zu einer Zeit, wenn selbst der Dschungel schlief. Dichter Nebel bedeckte den Waldboden am zweiten Tag nach dem Kampf in der Höhlenschlucht. Die letzte Rast hatte nicht länger als nötig gedauert, zum einen, weil sich das Gelände für einen längeren Aufenthalt schlichtweg nicht eignete, und zum anderen, weil alle Manori das Lager am See so schnell wie möglich erreichen wollten. Dort warteten auf sie ihre zurückgelassenen Stammesmitglieder.
An dieser Entschlossenheit änderten selbst die davongetragenen Verletzungen nichts. Sie waren nicht lebensgefährlich, aber dafür zahlreich. Am schlimmsten hatte es die Krieger erwischt, während die Jäger glimpflicher davongekommen waren. Nahezu unverletzt waren nur die Späher geblieben. So stellte es für sie auch kein Problem dar, die Gruppe zielsicher durch das unwegsame Gelände zu führen. Ihr silbernes Auge erlaubte ihnen zu sehen, als wäre es Tag. Dafür sorgte der Silberfaden, eine besondere Pilzart des Dschungels, der durch eine symbiotische Verwachsung mit dem Auge und dem umliegenden Gesichtsfeld seinem Träger eine hohe Nachtsicht verlieh.
Jedem Späher lag es schlichtweg im Blut, die eigene Umgebung aufmerksam im Auge zu behalten, sobald sie sich im Dschungel aufhielten. Nairi bildete da keine Ausnahme. Obwohl ihr derzeit keine Aufgabe zufiel und sie innerhalb der Jagdgruppe entspannt hätte mitlaufen können, glitt ihr Blick aufmerksam umher. Gelegentlich nahm sie das fluoreszierende Glimmen anderer Silberfäden in der Nähe wahr, wenn sich deren Träger in ihre Richtung umsahen. In tiefster Dunkelheit war das silberne Auge ein überaus hervorstechendes Merkmal, bei Nairi sogar tagsüber. Dafür sorgte ihr eher unscheinbares Äußeres.
Ihre blaue Hautfarbe zählte zu einer der häufigsten bei den Stämmen der Manori. Die volkstypische gewellte Stirnplatte überragte den Haaransatz um die Breite von gut vier Fingern. Das dunkelblaue Haar lag offen auf ihren Schultern und verbarg den entlang des Genicks und dem Kinnansatz verlaufenden hellblauen Fadenpilz. Anders als der Silberfaden diente dieser Pilz nur der Verschönerung ihres Körpers und hatte bei der Verwachsung ein ganz individuelles Muster ausgebildet. In Form von feinen, flachen Verästelungen breitete sich die Verzierung bis zum Genick und den Schultern aus. Von dort erstreckten sie sich großflächig über den Rücken, die Außenseite von Armen und Beinen bis zu den Finger- und Zehenspitzen. Der Großteil dieses Musters lag jedoch verdeckt unter ihrer Kleidung.
Den Aufgaben einer einfachen Späherin angemessen trug Nairi eine knielange Lederhose, eine Stoffweste mit Lederbesatz an den Seiten und weiche Lederschuhe. Das Schuhwerk eignete sich perfekt zum lautlosen Vorwärtskommen auf beinahe jedem Untergrund. Jetzt allerdings bemühte sie sich nicht um geräuscharme Schritte.
Nach einer Weile schaute sie zum Himmel hinauf. Das nächtliche Gewand mit seiner sternenlosen Dunkelheit wirkte düster und geheimnisvoll, unangenehm geheimnisvoll für ihren Geschmack. Dennoch barg es zusammen mit den abwesenden Tierlauten das Versprechen auf baldige Veränderung und entlockte Nairi ein leises Seufzen. Im Moment fühlte sie sich während dieser dunklen Tageszeit mehr als unwohl.
»Ist mit dir alles in Ordnung?«, sprach Yriiel sie leise von der Seite an.
Seit die Jagdgruppe die Höhlenschlucht hinter sich gelassen hatte, war er ihr ständiger Begleiter geworden und ließ sie nur noch in Ausnahmefällen alleine. Nairi schenkte ihm einen längeren Seitenblick, ehe sie wieder nach vorne sah. Selbst ohne die hervorragende Nachtsicht des silbernen Auges wäre es ihr möglich gewesen, ihn zu erkennen. Seine orangefarbene Haut, eine der seltensten Färbungen bei den Manori, und der rotstichige gelbe Haarschopf hoben sich sogar unter normalen Sichtbedingungen von dem nächtlichen Umfeld ab. Ähnlich problemlos erkannte sie die mi ihm verwachsene Giftranke an seinem nackten Oberkörper und den Armen sowie seinen knielangen ledernen Lendenschurz.
Auf seine Frage hätte sie am liebsten geantwortet, dass alles in Ordnung sei.Nur, anlügen wollte Nairi ihn nicht. Dafür mochte sie Yriiel inzwischen zu sehr. Irgendetwas entwickelte sich spürbar zwischen ihnen, etwas, das ihr durchaus gefiel, aber dem sie noch nicht traute. Die Ungewissheit hinsichtlich seiner Einstellung zu ihrem wohlgehüteten Geheimnis, das er inzwischen kannte und einen großen Teil ihres bisherigen Lebens darstellte, zogen Zweifel nach sich. Würde Yriiel sie mit diesem Wissen vorbehaltlos akzeptieren? Selbst wenn, so existierte noch ein anderes Problem, das ungeachtet seiner Haltung alles zunichtemachen konnte.
»Es geht schon«, meinte Nairi daher ausweichend.
Umgehend spürte sie seinen Blick auf ihr ruhen. Yriiel glaubte ihr nicht und sie konnte ihm seine Reaktion nicht verdenken. Seine Zweifel waren berechtigt. Die Nächte riefen die Erinnerungen an das Schattenreich wach, durch das sie vor einigen Tagen unfreiwillig hatte marschieren müssen. Es war ein fürchterlicher Ort. Nichts existierte dort wirklich, es gab nur die schattenhaften Umrisse dieser leider viel zu realen Welt. Am schlimmsten hatte Nairi das verdorbene Makra empfunden. Diese magische Strömung war allgegenwärtig gewesen. Es hatte keine Möglichkeit gegeben, ihr zu entfliehen.
Alleine bei dem Gedanken daran spürte sie erneut das schmerzhafte Prickeln auf der Haut, das beim Durchschreiten des Tores ins Schattenreich zu einem eiskalten und zugleich brennenden Schmerz herangewachsen war. Zum Glück war die jetzige Empfindung nur eine Einbildung und verflog so schnell, wie die Gedanken daran aufgekommen waren.
»Wenn trotzdem etwas ist«, entgegnete Yriiel behutsam und zog ihre Aufmerksamkeit wieder auf sich, »dann weißt du ...«
»Danke«, fiel Nairi ihm leise ins Wort. »Aber nicht jetzt. Vielleicht später.«
Was genau später bedeutete, wusste sie selbst nicht. Sehr zu ihrer Erleichterung akzeptierte Yriiel diese Antwort, ohne jene zu hinterfragen. Schweigsam gingen sie weiter nebeneinander her. Gelegentlich warf Nairi dem Himmel absichernde Blicke zu und beobachtete dabei die allmählich einsetzende morgendliche Dämmerung. Mit dem ersten Licht des Tages erwachte der Dschungel zu neuem Leben. Nach und nach erhoben sich zahlreiche Tierlaute über die von der Jagdgruppe erzeugten Geräusche und erlösten sie von den letzten Erinnerungen an das Schattenreich. Bereits kurz nach Sonnenaufgang herrschten Temperaturen wie zur restlichen Zeit des Tages. An das schwüle Tropenklima ihrer Heimat gewöhnt marschierten die Manori unbeirrt in die von den Spähern festgelegte Richtung.
Zwischendurch wurden gefüllte Wasserschläuche oder die haltbare und immer karger werdende Marschverpflegung untereinander herumgereicht. Vereinzelt entstanden sogar kurze Gespräche. Noch immer legte Nairi keinen Wert mit Yriiel, ihren Freunden, die seit dem Aufbruch von der Höhlenschlucht auf Abstand blieben, oder irgendwem anderen zu reden. Nur beiläufig verfolgte sie das gesprochene Wort zwischen einzelnen Männern und Frauen in ihrer Nähe, wenn einige Gesprächsfetzen ungefragt an ihre Ohren drangen.
In Gedanken weilte Nairi bereits bei Kantaro, von dem sie inzwischen wusste, dass er aus seiner lebensbedrohlichen Bewusstlosigkeit erwacht war, während sie und Landir sich in der Gewalt der Nasrime befunden hatten. Trotz ihrer Vorfreude, ihn bald wiederzusehen, fürchtete Nairi sich auch ein wenig davor. Ihr ehemaliger Lehrmeister hatte nur kurze Zeit zuvor ihren Verstoß gegen eine der obersten Regeln ihres Volkes miterlebt. Immerhin war es nur den Mitgliedern der Kaste der Segnung gestattet, Magie einzusetzen, niemanden sonst.
Die Tatsache, dass sie seit Jahren die Schülerin von Landir, einem als Späher getarnten Mando’kii, gewesen und in dem Wissen sowie Gebrauch der Magie geschult worden war, hatte das zwischen ihnen existierende Vertrauensverhältnis stark erschüttert. Die Geschehnisse, die wenig später beinahe seinen Tod zur Folge gehabt hätten, hatten es Nairi bisher versagt, sich ihm gegenüber zumindest ansatzweise zu erklären. Außer ihm wussten nur noch Yriiel und dessen Vater davon. Beide bewahrten seither aus unterschiedlichen Gründen Stillschweigen über diese Angelegenheit.
Ob ihr Geheimnis letzten Endes doch noch aufflog oder nicht, hing nun alleine von Kantaro und seinem Handeln ab. Seine Bedingungen, um sie unbeschadet aus dieser misslichen Lage herauszuhalten, waren Nairi bekannt. Trotzdem schlugen noch immer zwei Herzen in ihrer Brust. Das eine war jenes einer Späherin, das andere eines einer angehenden Mando’kii. Eines davon musste sie loslassen, sich restlos davon abwenden. Entgegen Landirs Rat, nicht das Risiko einer Verbannung einzugehen, hatte Nairi das Ende der Jagd abwarten wollen.
Nun war es so weit. Aber es gab keine wirkliche Entscheidung mehr zu treffen. Sie stand alleine da. Landir war fort, wenn man es so ausdrücken wollte. Nach dem Ende des Kampfes hatte Tirea zwar seinen leblosen Körper aus einer der Höhlen in der Schlucht geborgen. Doch aus ungeklärten Gründen war er vorgestern in der Nacht zum Totenritual verschwunden. Seither fehlte von ihm jede Spur. Es war keinem Späher gelungen, aufzuklären, wie es dazu kommen konnte.
Seither klammerte Nairi sich an die Hoffnung, dass er noch am Leben war. Die Vorstellung nahm ihr die Schwere, die sein Tod ansonsten hinterlassen hätte. Darüber in Gedanken versunken bekam sie nicht mit, dass es allmählich Mittag wurde und die Sonne den Zenit erreichte. Erst, als die Gruppe unerwartet anhielt, kehrte ihre Aufmerksamkeit schlagartig zurück. Irritiert schaute Nairi sich um.
»Endlich, wir sind da«, murrte Yriiel erleichtert und erschöpft zugleich.
Im selben Moment ertönten freudige Rufe ihrer hier zurückgebliebenen Stammesmitglieder und bestätigten so seine vorangegangenen Worte. Aufgeregt hielt Nairi Ausschau. An beiden Seiten des Sees, den ein kleiner Fluss mit dazugehörigem Wasserfall speiste, befanden sich höher gelegene, terrassenartige Aussparungen. An den dortigen Feuerstellen standen ihre Leute, sie winkten ihnen einladend zu. Umgehend löste sich die Jagdgruppe auf.
»Siehst du Kantaro hier irgendwo?«, fragte Nairi, da sie ihn nicht entdecken konnte und suchend an Ort und Stelle verharrte.
»Nein, leider nicht«, kam als Antwort zurück. »Vielleicht sollten wir ...«
»Nairi!«
Der unerwartete Ruf ihres Namens unterbrach Yriiel. Ruckartig drehte sie sich der Richtung zu, aus der die Stimme kam, und sah Kantaro. Er eilte ihnen vom See her entgegen. In der Aufregung hatte Nairi ihn glatt übersehen, was nicht schwer war. Das Ufer vom See war von ihrer Position aus etwas ungünstig einzusehen.
»Meister Kantaro«, rief sie erleichtert, ungeachtet seines Anblickes.
Er sah mitgenommen aus. Seine hellgrüne Haut wirkte ebenso wie das silberne Auge mit den gleichfarbigen Verzierungen, die einen Großteil seiner linken Gesichtshälfte einnahmen, blasser als sonst. Ungeachtet dessen schien Kantaro gesund zu sein. Hin- und hergerissen zwischen Freude und Sorge kämpfte Nairi gegen den Drang an, ihm entgegenzulaufen und zu umarmen, so glücklich war sie, ihn lebend wiederzusehen. Allerdings galten in den Kasten der einzelnen Stämme bestimmte Verhaltensregeln, besonders gegenüber ranghöheren Mitgliedern, die sie keinesfalls brechen wollte.
Schweren Herzens beherrschte Nairi sich. Respektvoll streckte sie ihm zur Begrüßung den Arm entgegen, als ihr ehemaliger Lehrmeister schließlich bei ihnen ankam. Kantaro erwiderte die Geste auf dieselbe Weise. Gemeinsam umfassten beide den Unterarm des jeweils anderen knapp unterhalb des Ellenbogens und übten einen angemessenen Druck aus. Normalerweise dauerte diese Art der Begrüßung nur wenige Augenblicke, doch statt von ihr abzulassen, umarmte Kantaro sie anschließend auf väterliche Weise. Im ersten Moment gänzlich überrascht davon erwiderte Nairi seine Zuneigung, die ihr unter den hiesigen Umständen zu verstehen gab, dass er ihr verziehen hatte.
»Ich bin froh, dich lebend und wohlauf wiederzusehen«, flüsterte er.
»Ich ebenso, Meister Kantaro. Ich dachte ...«
Bei der reinen Vorstellung, was ihm im schlimmsten Fall hätte zustoßen können, zitterte ihre Stimme und der Rest ihrer Worte ging in unverständliches Gemurmel über. Kantaro hinterfragte es nicht. Er verstand auch so und zeigte dies, indem er Nairi noch einmal fest an sich drückte, ehe beide voneinander abließen und wieder einen respektvollen Abstand zueinander einnahmen.
»Natürlich freut es mich, auch dich gesund wiederzusehen«, sprach Kantaro an Yriiel gewandt.
»Die Freude ist ganz meinerseits«, entgegnete er und begrüßte den oberen Späher der Ai’Pal ebenso respektvoll wie Nairi zuvor, allerdings ohne Umarmung. »Wie ich sehe, habt ihr euch gut erholt.«
»Es könnte besser sein.« Kantaro lächelte flüchtig. »Aber das wird schon.«
Nach diesem erleichternden Augenblick des Wiedersehens machten sich Kadvos, Fleeja und Aedres bemerkbar. Sie standen etwas abseits von ihnen und warteten. Kantaro nickte beiden verabschiedend zu, bevor er zu den Kastenmeistern hinüberging. Nairi wusste, was nun folgte. Es würde eine ausführliche Besprechung geben, die zu einer Befragung aller beteiligten Manori führte.
Zwei der wichtigsten Augenzeugen der Geschehnisse in der Höhlenschlucht, nämlich Yriiel und Tirea, hatten dieses Gespräch schon hinter sich. Ihr selbst stand die Befragung noch bevor. Aedres hatte sich bisher dafür eingesetzt, Nairi aufgrund der Strapazen durch die Entführung und der Trauer, die durch den Verlust eines Freundes begründet war, noch zu schonen. Letzteres entsprach zwar nicht ganz der Wahrheit, aber stellte auch keine Lüge dar. Obwohl jeder hier inzwischen über Landir Bescheid wusste, respektierte bislang die Gruppe die Entscheidung des Kastenmeisters.
Immerhin bedeutete die Freundschaft zu ihm noch lange nicht, dass sie auch von seiner Existenz als Mando’kii wusste, ein Umstand, der ihr und einigen anderen sehr zugute kam. Ansonsten hätten weitaus mehr Männer und Frauen unter dem Verdacht gestanden, in seine regelmissachtenden Taten verwickelt gewesen zu sein. Zwar war Nairi während der Jagd auffällig geworden, allerdings ohne eine eindeutige Verbindung zu Landir zu offenbaren. Diese Ereignisse blieben Merkwürdigkeiten, nicht mehr und nicht weniger. Nur leider führte das zu vielfältigen Spekulationen.
Nun, zwei Tage nach den zurückliegenden Ereignissen und in Anbetracht einer länger andauernden Rast, würde die Befragung mit Sicherheit nicht länger auf sich warten lassen. Sie musste sich schleunigst etwas überlegen und sah nachdenklich sowie besorgt den Kastenmeistern hinterher, die auf ein abseits gelegenes Lagerfeuer zugingen.
»Sichern wir uns einen Schlafplatz für die Nacht, auch wenn der Abend noch fern ist«, meinte Yriiel auffordernd und holte Nairi damit aus ihrer Gedankenwelt.
»Wie?« Etwas irritiert schaute sie ihn einen Moment lang an, ehe sie verstand. »Ach so ... ja. Das ... sollten wir.«
Mit einem richtungsweisenden Nicken und ohne ihre Zustimmung abzuwarten, ging Yriiel bereits voraus. Nairi war das gleich. In der Hoffnung auf nicht zu viel Gesellschaft zu treffen, folgte sie ihm. Immerhin musste sie sich noch so einiges überlegen und wer wusste schon, wie viel Zeit ihr dafür noch blieb. Ruhe und Abgeschiedenheit waren Nairi daher lieber als eine lebhafte Gemeinschaft, wie sie für gewöhnlich an den Lagerfeuern herrschte.
Mit gemischten Gefühlen betrachtete Yriiel ihr Verhalten. Er verstand es nur teilweise. Sicher, die jüngsten Ereignisse belasteten Nairi, besonders jene am Ende der Jagd. Aber nach dem Wiedersehen mit Kantaro eben zweifelte er nicht daran, dass der obere Späher der Ai’Pal alles unternehmen würde, damit sie unbeschadet aus der Angelegenheit um die magischen Vergehen Landirs herauskam. Niemand hier konnte Nairi nachweisen, von ihm in der Magie unterrichtet worden zu sein und diejenigen, die darum wussten, würden nichts sagen.
Seiner Meinung nach sah ihre Zukunft nicht einmal schlecht aus. Sie war eine fähige Späherin und Landirs Einfluss existierte nicht mehr. Dieser Umstand sagte Yriiel sehr zu, wenngleich er dem Mando’kii durchaus Respekt zollte für die Hilfe, ohne die sie vermutlich nicht mehr am Leben wären. Das bedeutet aber noch lange nicht, dass er ihn auch mochte.
Da ihre Gruppe nun das Lager am See erreicht hatte, hoffte er auf eine Gelegenheit, mit Nairi reden zu können ohne neugierige Augen und Ohren in der Nähe, die ein offenes Gespräch von vorneherein unmöglich machten. Vielleicht gelang es ihm dann auch, ihr die neue Situation irgendwie angenehmer zu gestalten, Nairi aufzuzeigen, dass das Leben als einfache Späherin keine schlechte Wahl sein musste. Vorläufig wurde daraus jedenfalls nichts. Bei der Suche nach einem geeigneten Schlafplatz streiften sie ein Lagerfeuer, an dem es sich Saavic, dessen Bruder und Nairis Freunde bereits gemütlich gemacht hatten.
»He, ihr zwei. Hier ist noch Platz«, rief Droon ihnen einladend zu, als er sie erblickte und dabei war, sich hinzusetzen.
Saavics Bruder schien wieder bester Dinge zu sein. Daran änderte auch die tiefe Schnittverletzung seines Beines nichts, die dabei war, gut abzuheilen. Immerhin war Droon kaum noch am Humpeln. Der cremefarbene Verband um seinen Oberschenkel wirkte auf Yriiel zunächst leicht irritierend. Die Brüder ähnelten einander sehr. Es kam nicht selten vor, dass er vom Aussehen des einen dem anderen gegenüber entsprechende Erwartungen hegte. Schließlich waren beide von derselben grünen Hautfarbe und trugen die Gleichen pflanzlichen Symbionten.
Lediglich in einem winzigen Größenunterschied, gesichtstypischen Merkmalen und einigen Eigenheiten hinsichtlich der Verwachsung mit der Dornenranke sowie den gelben Fadenpilzen auf Schultern und Beinen unterschieden sich Droon und Saavic. Bei Letzterem kam in nächster Zeit sicherlich noch eine gut sichtbare Narbe auf seinem Oberschenkel hinzu.
Yriiel wusste nicht, ob Nairi die Gesellschaft der Brüder mitsamt ihren Freunden zusagte. Schließlich verhielt sie sich seit geraumer Zeit jedem gegenüber sehr distanziert. Daher warf er ihr einen absichernden Blick zu. Nicht der Hauch eines Einwandes begegnete ihm. Also zögerte Yriiel nicht länger. Er folgte der Aufforderung. Früher oder später hätte er Droon sowieso aufgesucht, um ihm seine Waffe zurückzugeben. Nun bot sich ihm eine vorgezogene Gelegenheit dazu. Mit einem respektvollen Shu’n’Sae seinerseits und einem Lai’n’Shi von Nairi, trat Yriiel an ihn heran und händigte ihm seinen Dolch aus.
»Hoffentlich hat er dir gute Dienste geleistet, Junge«, sprach der ältere Krieger und legte die Waffe neben sich ab.
»Ja, der Dolch war sehr hilfreich. Aber hör endlich auf mich Junge zu nennen«, entgegnete Yriiel ein wenig angesäuert und erntete ein schiefes Grinsen. Ungeachtet dessen ging er dazu über, sich seinen Schlafplatz herzurichten, der nur wenige Armlängen von Nairi ihrem entfernt lag. »Wie steht es eigentlich mit meinem?«
Seit Yriiel sich dieser für ihn eher ungewohnten Waffe bedient hatte, stieg seine Vorfreude darauf, bald selbst eine derartige zu besitzen. Der Dolch hatte sich als sehr widerstandsfähig erwiesen und ihm das Leben gerettet. Dabei handelte es sich lediglich um einen ordentlich hergerichteten Säbelzahn eines Jaotars. Droon war mit einigen anderen Verletzten hier am See zurückgeblieben und hatte die Zeit nutzen wollen, um Yriiel einen anzufertigen.
Es sollte eine Anerkennung seiner Leistung sein. Beim Kampf gegen eine dieser Bestien nur wenige Tage zuvor hatte ihm sogar der Todesstoß gebührt. Diese Tat machte den Säbelzahn, der ihm nun bald als Waffe dienen würde, nur noch wertvoller. Allerdings empfand Yriiel noch immer keinen Stolz, wenn er die Ereignisse unmittelbar davor und später in der Schlucht bedachte. Es war notwendig gewesen, der Bestie das Leben zu nehmen, nichts weiter. Nichtsdestotrotz würde er den Dolch in Ehren halten und ihn seiner Stärke hinzufügen, ganz so wie es einem Krieger gebührte.
»Spätestens wenn wir Shadranaey erreichen, wirst du ihn in deinen Händen halten. Es fehlt nur noch der Feinschliff«, gab Droon ihm zu verstehen.
Yriiel nickte zufrieden. Immerhin musste er nicht waffenlos heimkehren. Sein Kampfstab, die traditionelle Waffe eines Kriegers der Manori, lag leider verloren in der eingestürzten Höhle der Schlucht, in der er zuletzt damit gekämpft hatte.
»So, und nun erzählt«, forderte Droon alle Anwesenden auf und blickte in die Runde. »Ich will alles wissen.«
Die Reaktion auf seine Frage fiel verhalten aus. Es herrschte allgemeine Unschlüssigkeit darüber, wer von ihnen etwas dazu sagen sollte und vor allem was. Fragende Blicke untereinander und Schulterzucken waren die Folge. Droon wartete kurz und schaute schließlich irritiert seinen Bruder an, der soeben Nairi abschätzend betrachtete.
»Schon gut«, entgegnete sie murmelnd an Saavic gewandt, »meinetwegen redet darüber.«
Überzeugend klangen diese Worte nicht. Yriiel hörte den leicht angespannten Tonfall in ihrer Stimme ganz genau heraus.
»Gut, nun bin ich neugierig«, entfuhr es Droon. »Was ist vorgefallen?«
Seine wiederholte Frage besaß deutlich mehr Nachdruck. Einen Moment lang war nichts weiter zu hören als das Knistern des brennenden Lagerfeuers zu ihren Füßen. Anfangs wollte niemand ihm seine Frage beantworten, bis Dreelor sich erbarmte und das Wort ergriff. Der Jäger schilderte die Ankunft in der Höhlenschlucht und das weitere Geschehen. Zwischendrin ergänzte Lojaak dessen Erzählung und nur gelegentlich warfen auch Saavic und Yalsa ein paar Kommentare dazwischen.
Zunächst behielt Yriiel noch Nairi ein wenig im Auge, aus Sorge ihr würde das Ganze zu unangenehm werden. Aber keine ihrer Regungen verriet ihm, was sie dachte oder fühlte. Irgendwann zog ihn die gut in Szene gesetzte Erzählung genauso in seinen Bann wie Droon. Yriiel war dem Kampfgeschehen in der Schlucht erst später beigetreten und hörte jetzt zum ersten Mal, was sich davor alles zugetragen hatte. Er schätzte gut erzählte Geschichten und gestand Dreelor neidlos zu, ein ausgesprochenes Talent dafür zu besitzen. Der Jäger wusste genau, worauf es ankam, damit sich gewisse Ereignisse noch spannender anhörten, als sie mitunter passiert waren.
Dabei war alleine die Vorstellung eine Gänsehaut wert, wie eine Gruppe aus Jägern und Spähern die zwei feindlichen Jaotare in der Schlucht für eine Weile erfolgreich fortgelockt hatten. Ihrem Einsatz hatten sie es zu verdanken, dass die Situation kontrollierbarer geworden war und am Ende nur sehr wenige Tote zu beklagen hatten. Als die Geschichte eine Stelle erreichte, an der Yriiel und Nairi auf den verbliebenen Jaotaren aus der Höhle geritten kamen, um sich mit ihnen dem in der Schlucht andauernden Kampfgeschehen anzuschließen, kehrte seine Aufmerksamkeit ihr gegenüber zurück.
»Ihr wollt mich auf den Arm nehmen, oder?«, fragte Droon und machte große Augen.
»Nein, das ist die Wahrheit«, entgegnete Saavic kopfschüttelnd.
»Auf Jaotaren?«, entfuhr es seinem Bruder ungläubig. »Wie habt ihr das denn geschafft?«
Droon sprach das an, was alle hier wissen wollten, und sah abwechselnd von Yriiel zu Nairi, die wortlos auf ihrem Platz saß und nicht den Anschein erweckte, darauf antworten zu wollen, genauso wenig wie er. Seit den Ereignissen in der Höhlenschlucht schwieg sie beharrlich, wenn es um Landir und die Jaotare ging. Selbst Yriiel tappte noch immer im Dunkeln, obwohl Nairi ihm noch in der Höhlenschlucht eine Erklärung zugestanden hatte, sobald sie außer Gefahr seien. Bisher war jedoch nichts dergleichen geschehen.
»Macht doch jetzt nicht so ein Geheimnis daraus«, setzte Droon nach. »Gibt es bei diesen Biestern etwa einen Trick? Habt ihr ihnen etwas vorgesungen«, er lachte kurz, »und es war so schief, dass ihr euch nun ziert, es zu erzählen?«
Noch bevor irgendjemand auf diese provozierenden Worte reagieren konnte, stand Nairi auf und eilte in Richtung des Sees davon.
»Das hast du ja gut hinbekommen!«, fuhr Yriiel den älteren Krieger an.
»Was denn? Ich bin verdammt neugierig«, entgegnete Droon in einem Tonfall, der erkennen ließ, sich keiner Schuld bewusst zu sein. »Also los ... kommt schon, macht mich schlau.«
»Würden wir gerne, Bruder«, sprach Saavic beruhigend. »Aber wir wissen es nicht.«
»Was? Yriiel, du etwa auch nicht?« Droon sah jeden Einzelnen ungläubig an und erntete bloß einstimmiges Kopfschütteln. »Wie kann es denn sein, dass niemand darum weiß?«
»Vielleicht, weil andere taktvoller sind als du«, erwiderte Yalsa, stand ebenfalls auf und folgte Nairi.
Yriiel sah ihr nach. Er hegte denselben Gedanken, dem die ältere Späherin gerade nachging, hielt sich jedoch zurück. Ihre Freundin war jetzt vermutlich die bessere Wahl zum Reden.
»Taktvoller«, brummte Droon verstimmt.
»Es gab Verluste«, ergriff Saavic nun das Wort, »und der Grund, weshalb Nairi so beharrlich schweigt, dürfte wohl an dem liegen, was in der Höhle passiert ist.«
Ohne eine Reaktion seines Bruders abzuwarten, begann Saavic mit wenigen Worten von den Ereignissen in der Höhle zu berichten, zumindest so weit wie er selbst darüber Bescheid wusste. Vor Yriiels Augen erwachten seine Erlebnisse dort wieder zum Leben und nährten das Unbehagen, das dieses heikle Thema mit sich brachte.
Trotzdem ließ er sich dazu hinreißen, die Geschehnisse ab dem Zeitpunkt weiterzuschildern, als er gegen den untoten Jharuun hatte kämpfen müssen. Landir hatte derweil ganz offen Magie angewendet, um den Totenbeschwörer in Schach zu halten. Zwar gehörte die Erzählkunst nicht zu Yriiels Stärken, doch zum Glück interessierten sich seine Zuhörer nur für den Hergang der Ereignisse.
»Jharuun, er war ein hervorragender Krieger und Kastenmeister. Aber Landir und Magie?«, zweifelte Droon das Gesagte an. Schweigen breitete sich aus, bis er unschlüssig den Kopf schüttelte und fragte: »Also war die Befreiung der Jaotare Landirs Verdienst?«
»Gut möglich«, antwortete Yriiel und zuckte mit den Schultern. »Nur, das müsste Nairi bestätigen oder eben nicht. Die beiden haben sich um die Jaotare gekümmert, während Tirea und ich in einen Kampf verwickelt waren.«
»Wieso nicht Landir? Ist er etwa nicht mit ...?«
»Nein«, unterbrach Saavic seinen Bruder. »Tirea barg seinen Körper aus der eingestürzten Höhle. Der magische Kampf hat ihn das Leben gekostet und wohl auch dem Totenbeschwörer.«
Droon atmete bei diesen Neuigkeiten tief ein und entließ die Luft mit aufgeblähten Wangen geräuschvoll durch den Mund wieder nach außen.
»Na, ich wäre vorsichtig mit der Behauptung, er sei wirklich tot«, meldete sich Dreelor zu Wort. »Landirs Körper verschwand nämlich spurlos in der Nacht zum Totenritual.«
»Ach, hör auf. Wenn das eine Gruselmär werden soll, erzähl sie wem anders«, entgegnete der ältere Krieger und winkte ab. Doch Saavic bestätigte Dreelors Worte, ebenso Yriiel und Lojaak. »Schwer zu glauben, dass das wirklich stimmt. Aber gut. Was das angeht, würdet ihr mir ja nicht versuchen, gleich ein ganzes Maujakrudel aufzubinden, oder?«
Einstimmiges Kopfschütteln folgte, kommentiert von Droons unwirschem Gemurmel, ehe er wieder verständlicher weitersprach.
»Und glaubt ihr, dass Nairi irgendetwas von Landirs Machenschaften wusste oder sogar selbst etwas damit zu tun hatte? Es gab auf der Jagd schon seltsame Gerüchte und sie war eng mit ihm befreundet.«
»Es wäre schon schlimm, wenn daran etwas Wahres ist«, bemerkte Saavic beiläufig.
»Wir wollen alle Klarheit darüber haben«, meinte Lojaak und sprach mit Bedacht weiter. »Aber Nairi hat sich nie etwas zuschulden kommen lassen.«
»Ich kann es mir auch irgendwie nicht vorstellen«, pflichtete Dreelor ihm bei.
Eigentlich wollte Yriiel dazu nichts sagen, immerhin wusste er es besser. Leider gefiel ihm die Wendung des Gesprächs nicht und so mischte er sich doch noch ein.
»Dann sollten wir nicht mehr darüber reden und abwarten. Die Angelegenheit wird sich bestimmt bald aufklären.«
Einstimmiges Gemurmel erklang, gefolgt von betretenem Schweigen. Niemand hier traute Nairi wirklich die von Droon angesprochenen Gerüchte zu, aber selbst Dreelor und Lojaak waren sich ihrer nicht mehr ganz sicher, wenngleich sie ihre Zweifel weniger offen äußerten. Verübeln konnte Yriiel es ihnen nicht. Er hoffte nur, dass ab jetzt alles gut für Nairi verlief. Da weder er noch die anderen dieses heikle Gesprächsthema weiterführen wollten, widmete sich jeder seinen eigenen kleinen Angelegenheiten.
Dreelor suchte in seiner Tasche nach einer Salbendose zur Versorgung der kleinen, zahlreichen Schnittverletzungen auf seinen Armen. Die geröteten Stellen durchbrachen in unschöner Weise nicht nur dessen gelblich grüne Haut, sondern auch das Muster des grasgrünen Fadenpilzes, der entlang der Außenseiten seiner Arme bis hin zu den Fingerspitzen wuchs. Seine Kleidung war ebenfalls nicht unversehrt geblieben. Die mit einem tiefen Ausschnitt versehene ärmellose Lederweste und die langbeinige Lederhose mussten beizeiten dringend ausgebessert werden.
Bei Lojaak sah es nicht besser aus. Er kümmerte sich ebenfalls um seine Wunden. Allerdings war er etwas glimpflicher davongekommen, zumindest, was die Anzahl der Verletzungen anging. Dafür zierte ein langer Schnitt seine rechte Wange. Mit etwas Pech würde er in Zukunft eine Narbe auf seiner sonst so grünlich blauen Haut zurückbehalten.
Beide boten auch Saavic die Heilsalbe an, doch er lehnte ab. Zwar war er nicht unverletzt geblieben, aber ihn hatte es anders als die meisten eher unerfahreneren Krieger nicht besonders schlimm erwischt. Seine davongetragenen Verletzungen bezeichnete er schon beinahe liebevoll als unwichtige, lästige Kratzer. Mit dem Hinweis austreten zu wollen, entfernte Saavic sich vom Lagerfeuer. Yriiel für seinen Teil machte es sich auf seinem Schlafplatz bequem und fing die im nächsten Moment von Droon zugeworfene Kleinigkeit an Essen auf.
Die reflexartig ausgeführte Bewegung bescherte ihm ein unangenehmes Ziehen in Armen und Oberkörper. Beim Kampf gegen den untoten Jharuun hatte er dessen unnatürliche Kraft zu spüren bekommen, vor allem auf seinem Brustkorb. Im Nachhinein sah er es beinahe als ein Wunder an, dass ihm nicht mehr passiert war. Der Jaotar, der ihm helfend zur Seite gestanden hatte, war genau zur rechten Zeit erschienen, und das verdankte er Nairi und Landir.
Gedankenverloren sah Yriiel hinunter zum See und schob sich ein Stück gegartes Schlangenfleisch in den Mund. Es war nicht mehr ganz frisch und leicht zäh geworden. Das bemerkte Yriiel allerdings nur beiläufig, ebenso wie Droons vorsichtig ausgesprochene Frage, die die wortlose Stille nach einer Weile brach.
»Hmmm und was ist nun mit den Fremden? Nasrime nanntet ihr sie, richtig?«
Es folgte nicht sofort eine Antwort. Den Jägern ging es ähnlich wie Yriiel, der einen Augenblick brauchte, um die Frage zu realisieren. Wortlos sah er zunächst Droon an. Schließlich erbarmte sich Dreelor seiner, wenngleich etwas zögerlich, und verstaute nebenbei die nahezu aufgebrauchte Salbe wieder in seiner Tasche.
»Gute Frage.« Etwas ratlos zuckte Dreelor mit den Schultern. »Wir wissen nur, dass sie untot sind. Dank ihrer Art spurlos aufzutauchen und zu verschwinden, haben die Späher nicht mal eine Ahnung, wo sie mit ihrer Suche anfangen sollen, um mehr herauszufinden. Außerdem haben sie das Kampfgeschehen aus sicherer Entfernung beobachtet. Kein Untoter floh. Ihre Überreste haben wir verbrannt. Die kommen nicht wieder, niemals.«
Droon wollte etwas sagen, wurde jedoch durch sich nähernde Schritte davon abgehalten. In der Hoffnung Yalsa oder Nairi kämen zurück, sah Yriiel sich um. Leider war es nur Kantaro, der zu ihnen ans Feuer trat. Nickend grüßte er in die Runde. Es war nicht schwer zu erraten, mit wem der Kastenmeister reden wollte.
»Wo ist Nairi?«, fragte er mit Blick auf Yriiel.
Bejahend deutete er zum See und fügte noch hinzu: »Sie ist mit Yalsa dort unten.«
Kantaro nickte verstehend und ging weiter. Kaum befand sich der Kastenmeister außer Hörweite, entbrannte das Gespräch über die Ereignisse in der Höhlenschlucht von neuem. Droon fiel es schwer zu glauben, dass es absolut keine Hinweise geben sollte, die irgendetwas über die Nasrime verrieten, und fing vorzugsweise mit Dreelor eine Diskussion darüber an. Yriiel hielt sich zurück. Er wusste sehr wohl mehr, als ihm erlaubt war auszusprechen.
Die Worte dieses Magiewirkers, die Fremden nannten ihn Totenbeschwörer, hallten unaufgefordert in seinem Kopf wider. Irgendwo hier im Dschungel lauerten weitere Untote gestärkt mit einer Macht, deren Kraft und Bösartigkeit Yriiel am Rande miterlebt hatte. Um mögliche Unruhen im Vorfeld zu vermeiden, hatten die Kastenmeister es ihm genauso untersagt darüber öffentlich zu sprechen wie Nairi und Tirea. Die beiden waren als Einzige ebenfalls dabei gewesen.
»Was ist denn derzeit mit unseren Spähern los? Zuerst sind sie nicht in der Lage, Landirs Verschwinden zu erklären«, ereiferte sich Droon in einem Tonfall, der von Unglaube und Verärgerung zeugte, »und dann sind sie ratlos, was diesen mysteriösen Feind angeht. Die haben doch sonst immer eine Antwort auf alles, wenn es um die Spurensuche geht. Bei allen Geistern ... wozu haben wir denn Späher, wenn ...«
»Selbst wir haben unsere Grenzen«, unterbrach Yalsa ihn harsch, »genau wie ihr Krieger.«
Überrascht von ihrem plötzlichen Auftauchen zuckte Yriiel zusammen. Er hatte nicht gehört, wie sie zurückkam, und wähnte die ältere Späherin noch immer bei Nairi am See. Noch ehe er sich ihr zuwandte, ging Yalsa an ihm vorbei zu ihrem Sitzplatz. Sie würdigte Droon keines Blickes. Dafür schaute sie Yriiel an. Ihm wurde schlagartig etwas unwohl und so ergriff er von sich aus die Initiative, bevor Yalsa auf die Idee kam, von ihm ähnlich zu denken wie von Saavics Bruder.
»Geht es ihr gut?«, fragte er etwas hastiger als beabsichtigt. »Ich meine Nairi ... hat sie ...?«
»Mach dir keine Sorgen. Sie braucht nur Zeit, um das alles zu verarbeiten«, antwortete Yalsa und schenkte ihm ein knappes und zugleich mildes Lächeln. »Jetzt steht sie erst mal Kantaro Rede und Antwort. Und sobald sie sich in der Lage fühlt, auch mit uns zu reden, wird sie das tun. Also lasst sie bis dahin einfach in Ruhe.« Die letzten Worte galten zusammen mit einem intensiv mahnenden Blick vorwiegend Droon, der lediglich die Augen verdrehte und kommentarlos abwinkte. Yalsa sah wieder zu Yriiel. »Ich bin sicher, Kantaro wird sie nicht länger als nötig vereinnahmen und von dir fernhalten. Du kannst später wieder für sie da sein.«
»Das macht er bestimmt gerne«, meinte Lojaak daraufhin mit einem bedeutsamen Unterton in der Stimme.
Dreelor nickte bloß grinsend, wie Yriiel mit einem Blick in die Runde feststellte. Das Gespräch nahm soeben eine für ihn unerwartete Wendung. Droon und Saavic wussten bereits seit geraumer Zeit, woher der Wind wehte, wenn es um Nairi ging. Offenbar war seine Zuneigung für sie auch für ihre Freunde längst kein Geheimnis mehr.
»Na schön«, entfuhr es ihm leicht genervt, »wer weiß noch nicht davon, dass ich sie gern habe?«
»So offen wie du das mit deiner Art zeigst, würde es mich wundern, wenn es hier überhaupt jemanden gibt, der das noch nicht weiß«, meinte Saavic belustigt. Er kehrte gerade von seinem Ausflug ins Dickicht zurück und mischte sich ungeniert in das Gespräch ein. »Du weichst ihr kaum noch von der Seite. Das ist schon auffällig.«
Eine leichte Wärme stieg ihm in den Kopf. Yriiel hatte sich so sehr mit Nairi beschäftigt, dass ihm alles andere komplett entgangen war. Aber gut, so musste er daraus kein Geheimnis mehr machen. Allerdings verunsicherte ihn der Gedanke, wie Nairi das wohl fand. Sie fühlte sich zu ihm hingezogen. Das war für ihn nur allzu offensichtlich trotz ihrer zurückhaltenden Art, die seiner Meinung nach von Unsicherheit zeugte, ein Gefühl, das Yriiel mit ihr teilte. Bisher hatte er sich nicht getraut, sie auf die gegenseitige und sich langsam entwickelnde Zuneigung anzusprechen, aus Angst etwas falsch zu machen.
Schließlich war die aktuelle Situation alles andere als passend für derlei Gespräche. Leider blieb ihm immer weniger Zeit, um abzuwarten und zuzusehen, was sich vielleicht von selbst ergab. Bald würden sie Shadranaey erreichen. Selbst wenn dort alles gut verlief und Nairi unbeschadet aus der ganzen Misere um die Verstöße gegen das Magieverbot herauskam, würde sie alsbald wieder mit ihren Leuten nach Ilavarey aufbrechen, zurück nach Hause. Doch nicht nur ihm war diese Situation bewusst, wie ihm Saavics folgende Äußerung verdeutlichte.
»Du solltest dich beeilen, Junge. Die Jagd ist vorüber und wir sind auf dem Heimweg. Willst du sie einfach so ziehen lassen?«
Nein, wollte er nicht. Alleine bei dem Gedanken daran verspürte Yriiel ein stetig wachsendes Unbehagen. Nur, wie sollte er das anstellen? Seine Erfahrung in dieser Hinsicht tendierte nahezu gegen null. Ihm fiel nichts weiter ein, als sie direkt auf ihre beiderseitig erwachten Gefühle anzusprechen und zu hoffen, dass dies kein Fehler war.
»Ich gebe dir einen gut gemeinten Rat«, sprach Yalsa und unterbrach seine Gedanken. Sein innerer Zwiespalt stand ihm wohl deutlich ins Gesicht geschrieben. Anders konnte Yriiel sich ihre Worte nicht erklären. »Egal was du tust. Sei nicht zu aufdringlich und unterlass es, dich imponierend zu verhalten. Damit erreichst du bei ihr genau das Gegenteil.«
»Ach Unsinn«, murrte Droon dazwischen. »Jeder Frau gefällt es, wenn sie sieht, was der Mann zu bieten hat. Wozu drum herumreden? Freiheraus ist richtig.«
»Typisch Krieger. Ihr meint aber auch immer wieder, der direkte und kürzeste Weg sei der Beste.«
»Nun mal langsam. Was erwartest du eigentlich von uns?«, fuhr Saavic sie halbherzig von der Seite an. Mit deutlicher und künstlich zur Schau gestellter Einbildung sprach er weiter. »Krieger wissen eben, was sie zu zeigen haben. Yriiel könnte ruhig direkter sein. Zu viel Zurückhaltung bringt ihn bestimmt nicht weiter.«
»Das kann auch nur jemand wie du sagen«, ereiferte sich Yalsa. »Etwas mehr Köpfchen täte so manchem Krieger gut, als immer nur ...«
In dieses nun beginnende Streitgespräch wagte Yriiel nicht, sich einzumischen. Aufmerksamen verfolgte er den Schlagabtausch der drei und bemerkte, wie amüsant Dreelor und Lojaak dieses Schauspiel fanden. Sie grinsten wortlos vor sich hin. Dieser belustigenden Auseinandersetzung konnte auch Yriiel sich nicht lange entziehen. Immerhin war es ein offenes Geheimnis, dass es zwischen Spähern und Kriegern gewisse Reibereien gab. Besonders Droon und Saavic waren dafür bekannt.
Obgleich es gerade auf einer ganz anderen Ebene zu Meinungsverschiedenheiten kam, fand Yriiel die unterschiedlichen Herangehensweisen für sein Problem zumindest interessant. Er gab beiden Seiten in gewisser Weise recht, hatte im Gegenzug jedoch so seine Schwierigkeiten, daraus seine eigene Vorgehensweise zu bilden. Die besserwisserischen Kommentare, die sich die drei dabei vermehrt an den Kopf warfen, machten es ihm nicht gerade leicht, hilfreich von unnütz zu unterscheiden.
Seufzend sah Yriiel irgendwann zur Seite und bemerkte eine vom See herrührende Bewegung. Kantaro kehrte zurück, alleine. Ohne auf das teils hitzige Wortgefecht zu achten, stand Yriiel auf und machte sich auf den Weg zum See. Ihn interessierte jetzt nur noch eines.
Es dauerte nicht lange und Nairi erreichte den vom Wasserfall gespeisten See. Dessen Mitte durchbrach ein nur wenige Handbreit hoher, flacher Felsen. Direkt darüber in schwindelerregender Höhe zierte ein großes Loch das Blätterdach. Das Tageslicht schien ungehindert hindurch und brachte die Oberfläche des Wassers darunter stellenweise zum Glitzern. Der bemooste, steinige Untergrund in Ufernähe ließ sich problemlos erkennen, während zur Seemitte hin nicht einmal mehr die Konturen zu erahnen waren. Die intensiv blaugrüne Färbung des Wassers verriet dem aufmerksamen Beobachter, dass die Tiefe des Sees ab einer bestimmten Stelle schlagartig zunahm.
Innerlich aufgewühlt blieb Nairi am Ufer stehen und betrachtete die Wasseroberfläche. Im Geiste schalt sie sich selbst für ihr Unvermögen, nicht über die vergangenen Ereignisse sprechen zu können. Jedes Mal, wenn sie an die letzten Momente mit Landir dachte, drängte sich ihr das Bild seines leblosen Körpers auf. Obwohl Nairi nicht an sein Ableben glaubte, genügte alleine dieser Anblick, damit ihr die Stimme versagte. Vielleicht war es sogar ganz gut so. Ohne ihr Schweigen hätte sie durch ihre Darlegung der Ereignisse wohl dafür gesorgt, Landirs zerrütteten Ruf nachträglich in einem etwas besseren Licht dastehen zu lassen, und ihren eigenen damit gründlich versaut.
Ihre Unfähigkeit zu reden, änderte jedoch nichts daran, dass ihr aller Überleben größtenteils Landirs Verdienst gewesen war und sie es am liebsten jedem direkt ins Gesicht sagen würde. Schließlich hatte er nicht nur erkannt, auf welche Art sich diese Kreaturen mit ihnen verständigten, sondern hatte auch besser wie jeder andere hier über ihre Verhaltensweisen Bescheid gewusst. Ohne sein Wissen und seine magischen Fertigkeiten als Mando’kii wären sie mit Sicherheit alle in der Höhlenschlucht gestorben und die Nasrime hätten sich nun ungehindert auf dem Vormarsch in das Territorium der Manori befunden.
Nairi atmete irgendwann tief durch und versuchte, ihre Gedanken wieder zu beruhigen, die sich ähnlich einer Endlosschleife um diese Vorstellung und die zurückliegenden Ereignisse drehten. Kurz darauf hörte sie leise Schritte hinter sich. Eine vertraute Stimme nannte sie behutsam beim Namen.
»Nairi.«
»Was willst du, Yalsa?«, entgegnete sie niedergeschlagen.
Eigentlich war diese Frage überflüssig. Nairi kannte ihre Freundin lange genug, um zu wissen, weshalb sie ihr gefolgt war.
»Dir Gesellschaft leisten. Ich finde es nicht gut, dich jetzt alleine zu lassen«, entgegnete Yalsa ruhig. »Ich kann auch wieder gehen, aber nur unter Protest.«
»Wenn du versprichst, mich nicht auszufragen«, Nairi schaute über ihre Schulter nach hinten, »dann kannst du bleiben.«
»Das ist doch ein Wort.« Zufriedenen lächelnd trat die ältere Späherin näher und deutete auf ein Paar große Steine am Ufer. Nairi nickte und gemeinsam setzten sie sich. »Wenn du es allerdings vorziehst, Yriiel in deiner Nähe zu haben, gehe ich gerne zurück und hole ...«
»Nein, nicht«, fiel sie ihrer Freundin ins Wort, »er bemüht sich wirklich, aber ich ... ich ...«
»Sag nicht, du hast Bedenken, mit ihm alleine zu sein«, entfuhr es Yalsa überrascht. »Er hat sich dir gegenüber doch ganz anständig verhalten, oder etwa nicht?«
»Nein ... ja«, Nairi seufzte und schweifte ungewollt gedanklich ab, »... ich hab nur keine Ahnung, was ich machen soll.«
»Das wird schon«, meinte Yalsa aufbauend und nahm sie seitlich in den Arm. »Du wirst sehen, irgendwann gibt es einen lautlosen Knall und der Knoten ist gelöst. Dann läuft alles wie von selbst.«
»Lautloser Knall? Knoten?«, fragte Nairi skeptisch und wurde sich sogleich bewusst, dass sie beide über unterschiedliche Dinge sprachen.
Mit entsprechend irritiertem Gesichtsausdruck schaute sie ihre Freundin etwas länger an. Yalsa sah erschöpft aus, ihre blaue Haut mit dem grünlichen Schimmer dagegen wirkte nicht unbedingt blasser. Sogar die zwei unterschiedlich farbigen Fadenpilze, die ein durchbrochenes gelbes bis hellgrünes Muster auf ihren sichtbaren Hautpartien bildeten, zeigten ähnlich wie der Silberfaden keine ungesunde Veränderung.
Es musste also nur die körperliche Anstrengung der letzten Tage sein, die sie Kraft kostete, und nicht der schädlich magische Einfluss, der die Gruppe seit dem Aufbruch zur Jagd gängelte. Dennoch versuchte ihre Freundin, eine gewisse Heiterkeit auszustrahlen, und strich sich lächelnd das kinnlange Haar hinter die Ohren.
»Ja, so hat es mir meine Mutter immer erzählt. Leider kann ich dir nicht versprechen, dass sie recht hatte. Ich fand bisher nicht den Richtigen«, entgegnete Yalsa mit einem Hauch Melancholie in der Stimme. »Aber das wird schon.«
Meinte sie zum Schluss nun sich selbst oder nicht? Nairi fand es schwer, ihr gedanklich zu folgen, und sah Yalsa noch kurz unschlüssig an, ehe sie sich kopfschüttelnd wieder dem See zuwandte. So oder so war es in ihren Augen überflüssig, sich mit den Gefühlen um Yriiel zu beschäftigen, solange ihr größtes Problem noch bestand. Nur weil Kantaro ihr wohlgesonnen war, hieß das noch lange nicht, dass ihr durch den Stammesrat in Shadranaey und daheim keine Gefahr drohte, sobald die Umstände der Jagd bis ins Detail beleuchtet werden würden.
»Denk nicht so viel darüber nach«, sprach Yalsa während ihrer Überlegung weiter. Glücklicherweise deutete sie Nairis Zurückhaltung und Irritation noch immer falsch. »Vielleicht weiß Yriiel ja, was zu tun ist. Dann überlass ihm den ersten Schritt.«
Na, das fehlte noch.
In so einem Fall musste sie sich entscheiden. Und dann? Wie sollte sie reagieren? Sich ablehnend verhalten wollte sie keinesfalls. Doch den Mut, zu ihren Gefühlen zu stehen, besaß sie derzeit noch nicht. Um sich diesem Thema zu entziehen, hütete Nairi sich davor, etwas zu erwidern. Zu ihrer Erleichterung unternahm Yalsa keinen Versuch, das Gespräch fortzuführen.
Schweigsam blickten sie gemeinsam auf den vor ihnen liegenden See. Lange währte dieses entspannte Zusammensein allerdings nicht. Kantaro kam zu ihnen. Diesen Moment hatte Nairi schon seit ihrer Ankunft erwartet. Auch Yalsa schien zu wissen, was ihr nun bevorstand. Sie stand auf, schenkte ihr ein zuversichtliches Lächeln und entfernte sich gegenüber Kantaro auf respektvolle Weise.
»Darf ich mich zu dir setzen?«, fragte er, nachdem sie alleine waren.
Nairi nickte bejahend und ihr ehemaliger Lehrmeister setzte sich dazu, nicht so nah wie Yalsa, doch nah genug um ihre Beziehung zu unterstreichen, die nicht nur durch die hierarchische Struktur der Kaste des Schutzes geprägt wurde, der sie beide angehörten.
»Es gibt einiges, worüber ich mit dir reden möchte«, begann Kantaro leise und sah absichernd zurück zum Lager. »Du kannst dir sicherlich denken worüber, oder?«
»Ja ...«
Ihre Antwort fiel noch leiser aus als seine Frage. Nairi hatte auf einmal Angst, jemand anderes könnte sie hören. Ihr Blick glitt suchend am See entlang, ebenso aufmerksam wie Kantaro seiner zuvor. Außer ihnen beiden befand sich niemand in der Nähe des Ufers. Sie waren unter sich.
»Gut«, meinte Kantaro kurzerhand und fuhr fort. »Ich würde es dir gerne ersparen, aber es ist wichtig, wie du wohl weißt. Fang bitte an zu erzählen. Ich höre nur zu und werde dich nicht drängen. Meine Fragen fallen danach an.«
Inständig hoffend es würden nicht zu viele werden, überlegte Nairi, an welcher Stelle der vergangenen Ereignisse es ratsam war anzufangen. Schließlich entschied sie sich für den Abend, an dem Landir sich zurückgezogen hatte, um seine Magie zu wirken. Nairi war ihm gefolgt und dadurch nur wenig später Zeuge des Einfalls der Nasrime auf das Lager hier am See geworden. Sie ließ nichts aus, sogar die Erweckung Jharuuns fand ausführliche Erwähnung. Dabei schweifte ihr Blick wie von selbst zu jener Stelle hinüber, an der der Totenbeschwörer ihn zu einem Untoten hatte werden lassen.
Während Nairi erzählte, erwachten die Erinnerungen daran vor ihrem geistigen Auge wieder zu neuem Leben. Zu allem Überfluss meinte sie, noch Überreste des verdorbenen Makras dort zu spüren, wo die unheilvolle Magie praktiziert worden war. Oder war auch das nur eine Sinnestäuschung wie vorhin, als sie an das Schattenreich gedacht hatte? Nairi wusste es nicht.
Aufgrund dieser Ablenkung geriet ihre Erzählung ins Stocken. Doch Kantaro hielt Wort. Kein Laut der Unterbrechung kam über die Lippen. Alleine die Erinnerung an den sichtbar gewordenen Segen des Shivoun, den der Geist in selbiger Nacht über sämtliche Manori im Lager ausgesprochen hatte, ließ Nairi weitererzählen. Dieser Segen war mitunter dafür verantwortlich gewesen, dass sie und Landir die ihnen aufgezwungene Reise durch das Schattenreich ohne größere Probleme und einigermaßen unversehrt überstanden hatten.
Nairi versuchte sich an alle Geschehnisse zu erinnern, nachdem sie in der Zuflucht der Nasrime angekommen waren, einer Höhle in der gleichnamigen Schlucht. Ihr Gefängnis fand genauso Erwähnung wie Thula, eine Fremde, die ihnen zur Flucht verholfen hatte. Von dem anschließenden Kampf zwischen Yriiel und Jharuun erzählte Nairi nur bruchstückhaft, aber dafür etwas ausführlicher über die in der Zwischenzeit erlangten Erkenntnisse. Sie verfolgte Kantaros wortlose Regung, als er von der Gedankensprache erfuhr, derer sich die Jaotare bedient hatten, um mit ihr und Landir Kontakt aufzunehmen.
Ihm fiel es sichtlich schwer, ihren Worten zu glauben. Doch selbst jetzt unterbrach er sie nicht und Nairi erzählte weiter, bis zu der Stelle, an der Jharuun besiegt worden war und ihre kleine Gruppe wieder beisammengestanden hatte, nur um sich kurz darauf wieder zu trennen. Nun versagte ihre Stimme komplett. Das war der Moment, in dem sie Landir das letzte Mal lebend gesehen hatte. Unfähig weiterzusprechen, schaute Nairi ihren ehemaligen Lehrmeister an.
»Und dann seid ihr beide mit den Jaotaren hinausgeritten und habt unsere Leute in der Schlucht im Kampf unterstützt?«
»Ja«, bestätigte Nairi mit leicht heiserer Stimme. »Zwei Jaotare standen noch unter der Kontrolle des Totenbeschwörers. Und die befanden sich mit allen feindlichen Kämpfern draußen in der Schlucht.«
»Alle bis auf Jharuun«, ergänzte Kantaro. »Er liegt noch in der eingestürzten Höhle, richtig?«
Nairi nickte. Er war im Kampf gegen Yriiel und einen der Jaotare gefallen. Bisher war es nicht möglich gewesen, seinen Körper zu bergen, im Gegensatz zu dem von Landir. Irgendwie hatte es Tirea geschafft, ihn aus der einstürzenden Höhle zu schleppen.
»Hm. Wir müssen das so schnell es geht nachholen. Jharuun ist nur ein Opfer dieser schändlichen Magie geworden und sollte im Tod nicht dafür bestraft werden. Ihm gebührt ein ordentliches Totenritual.«
Wortlos gab Nairi ihm recht. Jharuun hatte in den letzten Tagen seines Lebens nicht nur ihr arg zugesetzt, sondern auch Kantaro, aber nur, weil er keine Kontrolle mehr über sich besessen hatte. Was aus ihm nach der Erweckung geworden war, wussten beide nicht. Ihnen blieb nur die Vermutung, dass es sich nicht mehr um Jharuun selbst gehandelt hatte.
»Ob der Totenbeschwörer auch dort starb, ist nicht sicher, oder?«
»Nein.« Nairi schüttelte sachte den Kopf. »Als wir die Höhle verließen, musste er sich gegen einen der befreiten Jaotare wehren. Seither haben wir nichts mehr von den beiden gehört. Mit etwas Glück haben sie sich gegenseitig ausgelöscht.«
Obwohl die Jaotare hoch intelligente Kreaturen waren, wie sich herausgestellt hatte, behagte es Nairi immer noch nicht, ihnen so nahe gekommen zu sein. Sie waren große, furchteinflößende Wesen, denen ihr eigener Vater in Kindertagen zum Opfer gefallen war. Es hatte sie viel Überwindung gekostet, diese Kreaturen zu befreien und ihnen Glauben zu schenken. Was Nairi ihnen allerdings zugutehielt, war deren eingehaltenes Wort. Nach Ende der Kämpfe waren die letzten beiden Jaotare nicht über die Manori hergefallen und hatten sich zurückgezogen.
Für einen Moment schwiegen beide. Nairi hatte ihrem ehemaligen Lehrmeister alles erzählt, sogar Dinge, die bisher niemand außer Landir wusste. Zusammen mit den Berichten der Kastenmeister musste Kantaro nun das gesamte Ausmaß der Geschehnisse kennen.
»Was denkst du, ist mit Landir wirklich geschehen?«, fragte er schließlich und durchbrach damit die zwischen ihnen greifbar gewordene Stille.
Die Frage kam nicht überraschend. Bis vor Kurzem hätte sie sich schnellstmöglich eine Antwort einfallen lassen, die im besten Fall ehrlich, aber nichtssagend gewesen wäre. Doch das würde ihr Verhältnis zu Kantaro nur noch mehr belasten. Er war seit dem Tod ihres Vaters weit mehr als ein Lehrmeister für sie gewesen und sie hatte ihn jahrelang hintergangen, indem sie sich der Magie zugewandt und sich von Landir heimlich darin hatte unterweisen lassen. Um zumindest einen Teil dessen wieder gut zu machen und sein Vertrauen zurückzugewinnen, tat Nairi das einzig Richtige.
»Ich ... ich bin mir nicht sicher«, fing sie an. »Ich kann nicht glauben, dass er wirklich tot ist.«
»Weshalb zweifelst du?«, hakte Kantaro seelenruhig nach und blickte nach vorne auf den See.
»Nun ... es wäre möglich, dass er in einen todesähnlichen Schlaf fiel. Das kann passieren, wenn man sich magisch übernimmt. Er hat die Tage zuvor alles getan, um uns vor dem schädlichen Einfluss der Nasrime zu schützen und hat sich auch dem Totenbeschwörer entgegengestellt. Als Yriiel und ich die Höhle mit den Jaotaren verließen, war er sehr ausgezehrt.«
Kantaro nickte. »Also meinst du, dass er aufgewacht und von sich aus fortgegangen ist?«
Das hatte Nairi sich auch schon gefragt, mehrmals sogar, leider ohne zufriedenstellende Antwort darauf. Einerseits wünschte sie es sich, denn das bedeutete, er wäre zumindest noch am Leben. Andererseits hatten die Späher keine Spuren gefunden, die ihm zuzuordnen gewesen wären, an der Stelle, an der sein Körper abgelegt worden war, um auf das Totenritual am nächsten Morgen zu warten. Selbst Landir konnte nicht einfach spurlos verschwinden. Nairi zeigte sich ratlos ob Kantaros Frage.
»Irgendwohin muss er verschwunden sein. Nach allem, was ich nun weiß, wären die Fremden ... diese Nasrime ... in der Lage gewesen, aufzutauchen und zu verschwinden, wie sie es wollen. Haben vielleicht doch welche von ihnen überlebt und ...?«
»Nein, unmöglich«, fiel Nairi ihm hastig ins Wort. »Unsere Toten wurden nahe dem Lager aufgebahrt. Sofern einige Nasrime überlebt hätten, wäre ihr Auftauchen aufgefallen, Meister Kantaro. Ihre Nicht-Aura ist unverkennbar und diese Schattentore strahlen eine immense ...«
»Ja, ich weiß. Nun gut.« Ihr ehemaliger Lehrmeister seufzte. »Ich vertraue darauf, dass du mir alles gesagt hast, was du weißt, und noch sagen wirst, solltest du irgendwann mehr darüber wissen als ich.«
»Ich gebe euch mein Wort.«
Das Wort eines Manori war bindend. Niemand gab es leichtfertig, auch Nairi nicht. Kantaro nahm ihre Bekundung wohlwollend und sachte nickend zur Kenntnis, aber ließ einen Augenblick verstreichen, bis er ihr eine gewichtige Frage stellte.
»Willst du noch immer eine Mando’kii werden?«
Noch vor den prägenden Ereignissen der Jagd hätte Nairi mit einem spontanen und standfesten Ja geantwortet, egal welche Strafe das nach sich gezogen hätte. Schließlich war sie von ihrem Tun bis zu diesem Zeitpunkt mehr als überzeugt gewesen. Doch inzwischen nagten Zweifel an ihr. Sie musste sich ihre Naivität der Magie gegenüber eingestehen. Diese Macht war keinesfalls nur dazu da, um Nützliches zu tun. Man konnte mit ihr auch sehr viel und großen Schaden anrichten. Dabei wollte Nairi nichts weiter, als ihre magischen Fähigkeiten im Verborgenen und zum Wohle ihres Stammes einsetzen.
Dieses Vorhaben war nun gründlich gescheitert, sogar ohne selbst die Entscheidung dazu gefällt zu haben. Mit Landirs spurlosem Verschwinden existierte keine Wahl mehr, ob sie den Weg der Mando’kii weitergehen wollte oder nicht. Ihre Selbstzweifel ließen sie zögern und brachten Nairi einen intensiv fragenden Blick seitens Kantaro ein.
»Nein«, antwortete sie schließlich. Es fiel ihr unsagbar schwer, dieses eine Wort auszusprechen. Nairi vertrat trotz allem noch immer die Meinung, eigentlich das Richtige getan zu haben. »Ich bin eine Späherin der Ai’Pal und werde, so mir die Möglichkeit gelassen wird, auch weiterhin eine sein«, fügte sie erklärend hinzu.
»Gut.« Kantaro wirkte zufrieden. »Wir werden also tun, was wir können, um dich möglichst unbeschadet aus dieser Sache rauszuholen. Für Landir ist es jedoch zu spät. Er hat viel zu offen Magie angewendet.«
»Danke, Meister Kantaro«, brachte Nairi leise hervor. Wer mit wir gemeint war, konnte sie sich denken und fragte nicht weiter nach. Sie interessierte nur noch eines. »Wie soll das gehen?«
Seit Landir für alle als Mando’kii aufgeflogen war, haftete an Nairi ebenfalls der unbestimmte Verdacht des Magiewirkens. Bereits während der Jagd hatten sich die Auswirkungen von dessen Gebrauch an ihr gezeigt und so die Aufmerksamkeit der gesamten Gruppe auf sie gelenkt. Ihr Schweigen seither hatte die aufkeimenden Gerüchte nur noch geschürt.
»Meines Wissens nach gibt es keinen einzigen Beweis, nur haltloses Gerede«, sprach Kantaro seelenruhig. »Wenn wir den Stammesrat von deiner Unschuld überzeugen können, wird keiner mehr wagen, dir die Nutzung von Magie zu unterstellen. Es wird eine ausführliche Befragung wegen Landirs Magiemissbrauch geben.« Nairi nickte verhalten. »Es wird jeden treffen, der sich auf der Jagd befand ... auch dich. Daher ist es umso wichtiger, dass du dich genauso verhältst, wie ich es dir nun sage ...«
Aufmerksam hörte Nairi zu. Wie nicht anders zu erwarten war, würde sie sich von allem distanzieren müssen, das mit Landirs Magie in Zusammenhang stand, und die Beobachtungen, die mit ihrer Person verbunden waren, als einen Zufall abtun. Kantaro selbst würde über seine eigenen Erlebnisse Stillschweigen bewahren, ebenso Aedres und sein Sohn. Von den Letztgenannten hatte Nairi auch nichts anderes erwartet. Yriiel würde sie nicht verraten und Aedres müsste sich sonst unbequemen Fragen stellen, die seine eigene Vergangenheit näher beleuchten konnten.
Außerdem gab es da noch den Shivoun, der ihr mehr als einmal beigestanden hatte. Die Gründe dafür lagen immer noch im Dunkeln, änderten jedoch nichts an den Fakten. Alleine dieser Beistand konnte alle restlichen Zweifel zerstreuen, so man ihr die Erzählungen um dessen Eingreifen denn glauben würde. Zumindest den Segen des Shivoun in jener verhängnisvollen Nacht hier am See konnte Kantaro bestätigen und ihren Worten dadurch eine hohe Glaubwürdigkeit verleihen. Aber noch immer fragte sie sich, was Landirs Magie in derselben Nacht damit zu tun hatte, sofern beides überhaupt miteinander in Verbindung stand. Kantaro ging es ähnlich.
Gemeinsam einigten sie sich darauf, sollte der Ältestenrat diese Umstände näher hinterfragen, dass der Shivoun von seinem Tun schlichtweg angezogen worden war und dessen früherer Beistand nicht weiter erwähnt werden sollte. Schließlich gab es hierfür keine Beweise und die Wahrscheinlichkeit, dass daraufhin nur schwer einzuschätzende Fragen folgten, die ihr im schlimmsten Fall doch noch gefährlich werden konnten, war zu groß.
Nachdem alles gesagt war und Nairi keine Fragen mehr dazu hatte, bedachte Kantaro sie mit einem aufbauenden Blick und den dazu passenden Worten.
»Du hast dich richtig entschieden, selbst wenn du es jetzt vielleicht nicht klar erkennst. Späher sind viel mehr als bloße Spurensucher ... du wirst es schon noch erkennen. Jeder Manori hat seinen Nutzen der Gemeinschaft gegenüber.«
Zuletzt legte Kantaro ihr eine Hand auf die Schulter, ehe er aufstand und mit einem Nicken zum Lager deutete.
»Du solltest dich jetzt ausruhen. Wie ich hörte, habt ihr einen anstrengenden Marsch hinter euch und der morgige wird nicht leichter.«
»Der Morgige?«
»Ja, wir ziehen morgen weiter und zwar auf dem kürzesten Weg nach Shadranaey«, erklärte Kantaro gelassen. »Also ruh dich aus.«
»Werde ich, nur möchte ich noch ein wenig hier sitzen bleiben«, erwiderte Nairi.
Das Gespräch hatte einiges in ihr aufgewühlt und sie wollte sich zunächst sammeln. Kantaro respektierte diesen Wunsch und ging alleine zurück. Nur kurz blickte Nairi ihm hinterher, bevor sie wieder nach vorne auf den See schaute und nachdenklich ihr Spiegelbild betrachtete. Sie war seit jeher eher dünn, ohne schmächtig zu wirken, und länger andauernde Dschungeleinsätze zehrten daher stärker an ihr als bei manch anderen Manori. Daher verwunderte es Nairi nicht, dass die zurückliegenden Tage ihre Spuren hinterlassen hatten.
Ihr Gesicht sah schmaler aus. Aber zum Glück standen die Wangenknochen nicht hervor und ihr silbernes Auge mit den gleichfarbigen Verzierungen wirkte genauso gesund wie der hellblaue Fadenpilz an ihrem Kinn. Erleichtert atmete Nairi auf. Sie wusste, wie Allani, ihre Mutter, reagieren würde, sobald sie ihr daheim angekommen unter die Augen trat und zu sehr abgebaut hatte. Allerdings würden noch einige Tage bis zur Ankunft in Ilavarey vergehen. Es gab also genügend Zeit, um vielleicht genauso heimzukehren, wie sie von dort losgezogen war.
Bei dieser Überlegung drängte sich Nairi wieder das eben noch besprochene Problem auf. Doch daran wollte sie jetzt nicht mehr denken und schaute sich nach etwas Ablenkung um. Dabei fiel ihr der nahende Abend auf. Das einfallende Tageslicht brachte die Wasseroberfläche nur noch schwach zum Schimmern.
So schnell wie möglich eilte Yriiel in Richtung des Sees. Auf dem oberen Teil des Weges kam ihm Kantaro entgegen. Keine noch so winzige Regung an ihm verriet, wie das Gespräch verlaufen war. Ohne eine Reaktion seinerseits nickte Yriiel ihm respektvoll zu und blieb stehen, kaum dass sie aneinander vorbeigegangen waren. Nachdenklich blickte er dem oberen Späher hinterher. Ruhig und unbeirrt ging dieser weiter. Sorge um Nairi keimte in Yriiel auf. Irgendetwas musste vorgefallen sein. Weshalb sonst wirkte ihr ehemaliger Lehrmeister so undurchschaubar und reagierte nicht auf ihn?
Stirnrunzelnd wandte er sich ab und eilte weiter. Sein Herz schlug vor Aufregung stetig schneller. Bei ihr angekommen machte Yriiel leise räuspernd auf sich aufmerksam, da Nairi gedankenverloren auf den See starrte. Erschrecken wollte er sie nicht, aber erreichte trotz aller Umsicht genau das Gegenteil. Zusammenzuckend fuhr sie zu ihm herum und sah ihn entgeistert an.
»Was ist passiert?«, platzte es besorgt aus ihm heraus.
Nairi erweckte bei ihm den Eindruck, als wäre die halbe Welt untergegangen. Statt einer ausführlichen Antwort erhielt er lediglich ein resigniertes Kopfschütteln. Hin und hergerissen zwischen Hoffen und Bangen hakte Yriiel noch einmal nach.
»Wegen nichts schaust du doch nicht so. Also, was ist passiert?«
Noch immer antwortete Nairi nicht und sah zurück zum See. Dieses mulmige Gefühl in seiner Magengegend wurde immer stärker. Unaufgefordert setzte Yriiel sich neben sie. Er dachte bereits über seine Möglichkeiten nach, sollte der denkbar schlimmste Fall eingetreten sein, als Nairi endlich ihr Schweigen brach und ihn erlöste.
»Wir haben uns abgesprochen ... und darüber ... wie ich mich zu verhalten habe ... ab sofort«, sprach sie leise und viel zu nüchtern für seinen Geschmack. »Dein Vater und Kantaro werden den Stammesrat davon überzeugen, dass ich unwissend in dieser ganzen Sache war und ich werde ebenfalls leugnen, etwas von Landirs magischem Tun gewusst zu haben.«
Bei ihren Worten fiel Yriiel ein Stein vom Herzen. Am liebsten hätte er Nairi jetzt schlicht und ergreifend in die Arme geschlossen, heilfroh darüber, dass für sie ein rettender Ausweg existierte. Nur, diese Art der Vertrautheit gab es noch nicht zwischen ihnen. Daher beließ er es bei einem erleichterten Lächeln ihr gegenüber, auch, um sie in ihrem Redefluss nicht zu unterbrechen, egal wie leise dieser im Moment ausfiel.
»Außerdem habe ich mich für meine Aufgabe als Späherin entschieden. Aber ...«
»Aber was?«, wollte Yriiel wissen, da Nairi nicht weitersprach. »Das hört sich für dich doch sehr gut an. Du kannst neu anfangen, nachdem alles überstanden ist. Oder hat Kantaro dir irgendeine Strafe auferlegt?«
»Nein«, entgegnete sie matt. »Es ist nur ... es fühlt sich seltsam an. Alles, was ich bisher erreichen wollte, ist ... weg ... umsonst gewesen ...«
Wie wichtig ihr dieses Ziel gewesen sein musste, eine Mando’kii zu werden, allen Hindernissen zum Trotz, begriff Yriiel erst in diesem Moment. Es fiel ihr schwerer davon abzulassen, als er erwartet hatte. Doch sie war noch jung, genau wie er. Zu spät war es also nicht, um einen anderen Weg zu beschreiten und damit auch glücklich zu werden. Ihr bot sich nicht nur die Möglichkeit dazu, sondern sie besaß auch ein großes Talent als Späherin, wie er inzwischen wusste. Sie musste es nur annehmen und Yriiel beschloss, Nairi einen Schubs in die richtige Richtung zu geben.
»Du bist immer noch eine Späherin, eine sehr fähige dazu«, sprach er im Versuch, sie aufzubauen. »Sonst wärst du nie mit auf diese Jagd geschickt worden, oder? Also ist nichts umsonst gewesen. Du kannst immer noch viel erreichen ... und ... wenn du willst, helfe ich dir.«
»Du? Wie willst du mir helfen?«, fragte Nairi zögerlich.
Auf diese Frage wusste Yriiel nicht sofort eine Antwort. Eigentlich wollte er ihr nur zeigen, dass sie nicht alleine dastand und sie jederzeit mit ihm reden konnte. Immerhin wusste er über alles Bescheid.
»Naja«, sprach Yriiel und strich sich leicht nervös und nach einer Antwort suchend mit einer Hand über den Nacken, »ich bin da, wenn du mich brauchst.«
Kaum ausgesprochen biss er sich auf die Zunge für diese dämlichen Worte. Sie erwartete sicher eine konkretere Aussage, zumal er noch nicht wusste, wie er seine Worte in die Tat umsetzen wollte, sobald sie wieder nach Ilavarey aufbrechen und er in Shadranaey zurückbleiben würde. Dieser Gedanke behagte ihm immer noch nicht, jetzt noch weniger als vorhin. Yriiel wollte sie am liebsten jeden Tag in seiner Nähe wissen. Nur, wie sollte er das anstellen?
»Danke. Das ist bei allem, was ich angerichtet habe, nicht selbstverständlich«, entgegnete sie.
»Vielleicht nicht«, erwiderte Yriiel, »aber es ist nicht mehr zu ändern.«
