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Tief im Regenwald von Onar liegt die Heimat der Manori. Eines Tages finden Späher zweier befreundeter Stämme die Spuren einer gefährlichen Kreatur, dem Jaotar, in ihren Territorien. Kurz nach dem beunruhigenden Fund breitet sich eine merkwürdige und unbekannte Krankheit aus. Dennoch beginnt eine schicksalsbehaftete Jagd auf die Bestien des Regenwaldhochlandes. Unter den ausgesandten Kriegern, Jägern und Spähern beider Stämme befinden sich auch Nairi und Yriiel, zwei junge von Grund auf verschiedene Manori. Während Nairi bereit ist verbotenerweise Magie einzusetzen, lehnt Yriiel diese strikt ab. Als ihre unterschiedlichen Ansichten aufeinanderprallen, entsteht ein Strudel aus Pflichtgefühl, Heimlichkeiten und unerwarteter Zuneigung. Zu allem Überfluss müssen nicht nur die beiden herausfinden, dass die Jaotare ihr kleinstes Problem sind und sie einer Gefahr gegenüberstehen, der sie ohne Magie nicht gewachsen sind.
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Seitenzahl: 589
Veröffentlichungsjahr: 2019
Rike Moor
Im Schattendes Jaotar
Sammelband Episode 1 - 4
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Inhaltsverzeichnis
Titel
Der Späher
Eine Menge Sorgen
Beschattungsversuche
Abschied
Aufbruch
Spurensuche am Calyio
Kämpfe im Lager
Spannungen
Yriiels List
Traum oder Wirklichkeit
Fahler Beigeschmack
Lauernde Gefahr
Gesprächig wie ein Fisch
Aufgeflogen
Mando’kii
Erkenntnisse
Unsicherheit
Zurück im Lager
Unter Freunden
Ein angenehmer Abend
Fragen und Antworten
Mitgehangen, Mitgefangen
Verbotenes Tun
Gerüchte, Gespräche und Eskalationen
Jharuun und der Jaotar
Misstrauen und Anschuldigungen
Offene Anfeindungen
Zeit zum Reden
Ein großer Schock für alle
Wiederhergestelltes Vertrauen
Besserung
Unerwarteter Angriff
Ein erster Sieg
Tod eines Kastenmeisters
Rückhalt
Böse Vorahnung
Das Geschenk der beiden Brüder
Die Warnung
Nächtlicher Angriff
Auferstehung
Angst und Zweifel weichen Mut und Entschlossenheit
Schattenreich
Die Höhlenschlucht
Neue Erkenntnisse
Eine Vermutung wird zur Gewissheit
Fluchtgedanken
Zusammenarbeit Widerwillen
Unverhofftes Wiedersehen
Die Lage spitzt sich zu
Ein großes Wagnis
Verbündete auf Zeit
Ende eines Weges
Das Totenritual
Nomenklatur (die wichtigsten Begriffe)
Danksagung
Fantasy-Bücher anderer Autoren
Impressum neobooks
Mäßig ausgeruht befand sich Yriiel auf dem Weg zu einem der Pfade, die zum Wurzelwerk von Shadranaey hinabführten, der Baumstadt und Heimat der Qui’Za, einem Stamm der Manori. Der Tag brach soeben erst an und versprach, dank der seit einiger Zeit andauernden Unruhen, auch heute wieder anstrengend zu werden.
Doch noch ruhte die Stadt und so kam Yriiel schnell voran. Rechtzeitig erreichte er den am Vortag vereinbarten Treffpunkt. Drei Krieger warteten dort bereits auf ihn. Obwohl er der Jüngste von ihnen war, fiel Yriiel eher durch sein Äußeres auf als durch sein Alter. Dafür sorgten seine orangefarbene Haut, die eher selten unter den vorwiegend grün- und blauhäutigen Manori vorkam, und die zum aufwendigen Zopf gebundenen rotstichigen gelben Haare.
Ansonsten unterschied Yriiel kaum etwas von seinesgleichen, weder die wellige Stirnplatte, die vier Fingerbreit über dem Haaransatz hinausragte, noch der Hang, den eigenen Körper mit ausgewählten, symbiotisch veranlagten Pflanzen zu vereinen. Oberkörper, Arme und Handrücken zierte eine leicht wulstige, aber einheitlich gewachsene Giftranke.
Der Rest seines Körpers war von anderen pflanzlichen Verwachsungen noch unberührt geblieben. Bei Kriegern in seinem Alter drehte sich sowieso alles erst einmal nur um die Frage: Dornen- oder Giftranke? Erst später interessierten sie sich für weitere pflanzliche Verzierungen.
»Shu’n’Sae«, grüßte er die wartenden Krieger.
»Shu’n’Sae, Yriiel«, erwiderten sie einstimmig.
»Dann sind wir ja nun vollzählig«, ergriff Mavak das Wort. Er war der Älteste von ihnen und ihm oblag heute die Befehlsgewalt. »Ihr kennt die Aufgabe. Daran hat sich nichts geändert und achtet auf den Untergrund, es hat die gesamte Nacht über geregnet. Das Moos auf dem Wurzelwerk ist rutschig.«
Yriiel dachte sich seinen Teil. Die Erwähnung des nächtlichen Regenschauers war seiner Meinung nach unnötig. Noch immer tröpfelte es vom dichten Blätterdach oberhalb der Stadt, obwohl es schon vor einiger Zeit aufgehört hatte zu regnen. Ein Blick hinauf zu den Baumkronen genügte, um stellenweise eine freie Sicht auf den morgendlichen Himmel zu erhaschen. Weder Wolken noch Nebel waren zu sehen. Was das Wetter anging, so versprach der Ausblick einen angenehmen Tag. Nach außen hin aufmerksam wirkend folgte Yriiel den weiteren Worten Mavaks, während er gelegentlich in der Gegend umhersah.
Als die kurze Unterweisung endete, bei der nichts Neues an seine Ohren drang, machten sie sich auf den Weg hinunter zum Fuße der Stadt. Der aus dem Baumriesen gewachsene breite Pfad schmiegte sich schlangengleich um dessen Stamm. Die Windungen lagen einsam und verlassen vor den vier Kriegern. Niemand kam ihnen entgegen, was an einer seit Kurzem vom Ältestenrat verhängten Ausgangssperre lag, die erlassen worden war, nachdem vor ein paar Tagen Späher Meldung gemacht hatten, Jaotarspuren im Territorium der Qui’Za entdeckt zu haben.
Es kam selten vor, dass die Bestien des Regenwaldhochlandes im Tiefland umherstreiften, noch seltener zeigten sie sich in unmittelbarer Nähe zu den Städten der Manori. In solchen Zeiten ließen sich tödliche Konfrontationen mit ihnen nicht ausschließen.
Daher waren nach Eintreffen der Nachricht die Wachen am Wurzelwerk bis hinauf zur ersten Ebene der Stadt verstärkt und die Patrouillen verdreifacht worden. Unter den derzeitigen Umständen durfte kaum jemand die Stadt verlassen, am wenigsten die einfachen Frauen, Männer und erst recht keine Kinder. Späher und Jäger wagten sich meist nur noch in Begleitung erfahrener Krieger in den Dschungel, um den Stamm mit Nahrung zu versorgen und nach den Bestien Ausschau zu halten.
»Bei welchem Posten willst du anfangen, Yriiel?«, fragte Mavak nach einer Weile.
»Das ist mir gleich«, antwortete er und zuckte mit den Schultern. »Wir müssen eh alle ablaufen.«
Hinter ihm erklang ein verhaltenes Lachen. »Dann traust du dich wohl auch, zum Eingang des Labyrinths zu gehen … alleine?«
»Samoros«, ermahnte Mavak ihn.
»Lass ihn.« Yriiel winkte ab und konterte, ohne sich nach ihm umzusehen. »Ja, traue ich mich. Und du?«
Ein verhöhnendes Schnauben folgte einhergehend mit einer dazu passenden Stichelei. »Ist eine Kleinigkeit für mich, aber ich glaube dir nicht. Du kneifst.«
Ruckartig blieb Yriiel stehen und fuhr blitzschnell herum. Samoros lief beinahe in ihn hinein. Die Schräge des Pfades ließ ihn größer erscheinen, als er war, doch das interessierte Yriiel nicht. Er stellte sich zum Ausgleich auf die Zehenspitzen, während die anderen beiden Krieger ebenfalls anhielten.
»Sag das noch mal!«, herrschte er Samoros an.
Für gewöhnlich besaß Yriiel wesentlich mehr Geduld. Aber seit Sichtung der Jaotare und seit seltsame Albträume den gesamten Stamm plagten, die auch ihn des Nachts nicht mehr ruhig schlafen ließen, bemühte er sich zusehends um mehr Selbstbeherrschung. Zudem war es ein offenes Geheimnis, dass Samoros zu jenen Kriegern gehörte, die sich durch Provokationen ab und an zu profilieren versuchten. Normalerweise ignorierte Yriiel ihn, wenn er dieses Verhalten an den Tag legte. Jetzt jedoch riss sein Geduldsfaden. Er wollte nicht auf sich sitzen lassen, was Samoros ihm an den Kopf warf. Feige war er ganz bestimmt nicht.
»Es reicht. Ihr geht gemeinsam dorthin«, entschied Mavak kurzerhand und bedachte die beiden mit mahnenden Blicken. »Lieer kommt mit mir. Unter diesen Umständen geht keiner alleine. Solltet ihr gegen meine Anordnung handeln, erwartet euch großer Ärger.«
»Ja, schon gut«, sprach Yriiel einlenkend, während von Samoros nur ein undefinierbares Murren erklang.
»Gut, also weiter«, befahl Mavak.»Wir sind gleich da.«
Sofort setzten sie sich wieder in Bewegung. Nur eine Windung des Pfades lag noch vor ihnen, die schnell zurückgelegt war. Am unteren Ende angekommen blieben die vier erneut stehen. Mavak warf Samoros und Yriiel noch einen letzten strengen Blick zu, ehe er ihnen die Richtung wies. Mit einem respektvollen Shu’n’Sae verabschiedeten sich die Krieger voneinander und gingen jeweils zu zweit weiter.
Vom Pfad hinauf zur Stadt zweigten mal mehr und mal weniger geradlinig über das Wurzelwerk verlaufende schmale Wege ab. In ihrer unmittelbaren Nähe lagen große, gelegentlich mit Wasser gefüllte Mulden. Sie boten Erwachsenen sowie Kindern Platz und Gelegenheiten für ein erholsames Zusammensein. An den Ufern und auf dem restlichen Wurzelwerk wuchsen neben einer Vielzahl anderer Pflanzen große Farne und Büsche. Aufgrund der verhängten Ausgangssperre waren nur die hier lebenden Tiere und die patrouillierenden Wachen zu sehen. Eine sonderbare, ungewohnte Ruhe herrschte hier unten vor. Lediglich die Geräusche des Dschungels und einige aus der Stadt drangen bis hierhin vor. Kaum befanden sie sich außer Hörweite von Mavak und Liier, versuchte Samoros noch einmal, Yriiel zu reizen, allerdings erfolglos. Er ignorierte seinen in etwa gleichaltrigen Begleiter und konzentrierte sich auf den Weg. Von seiner Reaktion verunsichert verstummte Samoros recht schnell wieder und sah, sehr zu Yriiels Zufriedenheit, von weiteren Provokationen ab. Damit wollte er sich jetzt nicht herumschlagen müssen. Sie kamen eh schon langsamer voran als ihm lieb war. Wie Mavak zuvor schon gesagt hatte, war der mit Moos bewachsene Untergrund sehr rutschig. Die harten Sohlen ihrer Stiefel fanden schwerlich Halt. Zudem tropfte es weiterhin vom ausladenden Blätterdach über ihren Köpfen. Das Nass rann ihnen inzwischen vom Kopf, über den nackten Oberkörper und den knielangen Lendenschurz. Dieser war jedoch stets gut gefettet, sodass Yriiel nicht in nasser Kleidung seine Pflicht erfüllen musste.
Lediglich seine Füße würden allmählich aufweichen, da das Wasser an den Beinen seitlich in die Stiefel floss. Aber damit konnte er leben, der rutschige Untergrund bereitete ihm dagegen mehr Sorgen. Sein immer bei sich geführter mannshoher Kampfstab half ihm, das Gleichgewicht zu wahren. Auch Samoros nutze den seinen als Wanderstecken. So bewältigten beide ihren Weg einigermaßen standfest und sicher. Es gab hier nirgendwo ein Versteck für einen ausgewachsenen Jaotar.
Nachdem sie den äußeren Rand des Wurzelwerks erreicht hatten, gingen sie zum nächstgelegenen Zugang des Labyrinths, das unterhalb der Baumriesen verborgen lag. Es beherbergte die Kaste der Segnung und die Kaste der Lehren. Nur die Kaste des Schutzes, der die Krieger, Jäger und Späher angehörten, hielt sich – abgesehen von den Wachen an den Eingängen – außerhalb auf. Grüßend blieben Yriiel und Samoros vor einer jener Wachen stehen.
»Shu’n’Sae.«
»Shu’n’Sae«,erhielten sie als Antwort.
»Wie ist die Lage?«, fragte Yriiel, da Samoros sich in Schweigen hüllte.
»Unverändert«, antwortete einer der wachhabenden Krieger. »Noch hat sich keine dieser Bestien gezeigt, aber auch sonst rührt sich hier nichts.«
Yriiel nickte verstehend. Das war tatsächlich nichts Neues. Insgeheim hatte er gehofft, dass sich in der Zwischenzeit mal einer der führenden Schamanen – auch Kastenmeister genannt – hinsichtlich der immer stärker um sich greifenden Albträume und ihren Auswirkungen zu Wort gemeldet hatte.
»Unfähig«, murmelte Samoros.
»Was erwartest du von denen, die sich im Labyrinth verschanzen und sich vom Rest des Stammes fernhalten?«, fragte eine der Wachen, die ihn verstanden hatte.
»Wohl wahr«, erwiderte Samoros.
Yriiel schwieg. Es gab gute Gründe, weshalb die Kaste der Segnung und die Kaste der Lehren das Labyrinth bewohnten. Hier unten herrschte eine Ruhe, wie man sie nirgendwo sonst in der Stadt fand. Sie half den Mitgliedern dieser Kasten, zu lernen, ihre Fähigkeiten zu verbessern und mit den Shivoun in Kontakt zu treten. Ihre Aufgaben unterschieden sich grundlegend von jenen der Kaste des Schutzes.
Dieser Unterschied sorgte jedoch bisweilen bei einigen Kriegern, Jägern und Spähern immer wieder für Unmut, obwohl die Schamanen, Gelehrten und ihre Schüler nicht ausschließlich hier unten lebten. Sie teilten durchaus das Leben außerhalb des Labyrinths, verbrachten aber zugleich auch einen Großteil ihrer Zeit in dieser Abgeschiedenheit. Das war der Grund, weshalb Mitglieder seiner Kaste sich hin und wieder negativ darüber ausließen. Derlei Verhalten trat in letzter Zeit vermehrt zutage. Yriiel war das nicht entgangen.
»Sie tun, was sie können«, mischte er sich ein, als weitere Kommentare dieser Art folgten. Er teilte diesen Unmut nicht, wohl auch, weil einige Mitglieder seiner Familie diesen beiden Kasten angehörten. »Das haben sie immer und werden es auch weiterhin.«
»Ich kann es nur hoffen … für sie. Meiner Frau und unseren Kindern geht es immer schlechter. Sie können nicht mehr schlafen und sehen, sogar wenn sie wach sind, Dinge, die nicht da sind«, sprach eine der älteren Wachen offen aus. »Aber genug davon. Ihr seid auf einem Rundgang und solltet den nächsten Wachposten aufsuchen.«
»Werden wir«, versicherte Yriiel.
Nach einer knappen Verabschiedung befanden sie sich wieder auf dem Weg, einem vegetationslosen Streifen, eingefasst von dichtem Dschungel einerseits und dem Wurzelwerk der Baumriesen andererseits. Inzwischen war auch das tropfende Nass von oben versiegt. Sie kamen besser voran als zuvor.
Einige Zeit später kam ein Weg oberhalb der Wurzeln in Sichtweite und lautes Knacken im Unterholz störte die ungewohnte Ruhe hier unten. Alarmiert sahen Yriiel und Samoros sich um. Alles Mögliche konnte hier jederzeit aus dem dichten Dschungel hervorbrechen. Doch von jetzt auf gleich herrschte wieder Stille. Kampfbereit fixierten beide das vor ihnen liegende Dickicht, aber nichts passierte.
»Hm, ist sicher nur ein kleines Tier«, murrte Samoros genervt.
Hoffentlich. Angespannt behielt Yriiel den Waldrand im Auge. Für seinen Geschmack war die Ruhe viel zu trügerisch. Abermals knackte es. Das Geräusch kam aus derselben Richtung, klang jedoch definitiv lauter. »Sag, was du willst«, entfuhr es ihm gepresst, »aber ein kleines Tier ist das sicher nicht.«
»Pah«, erwiderte Samoros knapp.
Trotzdem verharrte er in seiner Kampfhaltung. Weitere Geräusche folgten. Es raschelte und knackte immer häufiger und lauter werdend. Yriiel konnte keine Bewegung ausmachen. Dennoch stand für ihn jetzt schon eines fest. Da kam etwas direkt auf sie zu.
»Signalhorn?«, fragte er leise, mit starrem Blick nach vorne.
»Und wenn es doch nur ein kleines Tier ist?«, flüsterte Samoros zurück. »Dann alarmieren wir für nichts die Wachen und sind später das Gespött des gesamten Stammes.«
Yriiel seufzte. Selbst jetzt, in einem so unpassenden Moment, machte Samoros sich mehr Gedanken über sein Ansehen im Stamm. Er selbst ließ sich lieber eine Zeit lang Späße auf seine Kosten gefallen, als nachher seinen Ahnen gegenüberzustehen, nur weil er zu Stolz gewesen war, rechtzeitig auf sich aufmerksam zu machen. Entgegen Samoros’ Einstellung tastete Yriiel nach seinem Signalhorn am Gürtel. Zeitgleich gerieten die Büsche und Sträucher direkt vor ihnen in Bewegung.
»Vielleicht hast du doch recht. Meinetwe…«
Während Samoros abrupt verstummte, erstarrte Yriiel mitten in der Bewegung, das gelöste Signalhorn an seine Lippen zu setzen. Ungläubig verfolgten sie, wie unverhofft ein Späher, der nicht ihrem Stamm angehörte, aus dem Unterholz auf sie zu stolperte. Verdattert warfen sich die beiden flüchtige Blicke zu.
»Nicht … angreifen«, keuchte der Späher. Yriiel und Samoros standen noch immer mit erhobenen Waffen da. »Es droht keine … Gefahr.«
Wankend trat der Späher näher. Samoros nahm sich seiner an. Yriiel behielt dagegen sicherheitshalber den Dschungel im Auge. Da nachträglich nichts von dort hervorbrach, senkte er schließlich seinen Stab und trat an Samoros heran. Er hatte den Späher zu einem der dünnen Auswüchse des Wurzelwerks geführt, damit er sich setzen konnte. Aufmerksam betrachtete Yriiel ihn. Sein plötzliches Auftauchen und sein augenscheinlich unversehrtes Äußeres warfen Fragen auf. Besonders auffallend an ihm waren die flache und zu schnelle Atmung sowie das viel zu blasse Gesicht. Es stand im starken Kontrast zu den vor Nässe am Kopf klebenden dunkelgrünen langen Haaren. Nur das für die Späher typische silberne Auge – hervorgerufen durch den gleichnamigen Fadenpilz, dessen feine Ärmchen bis in den Augapfel hineinreichten und das betroffene Auge umrahmten – hob sich noch intensiver von seiner Hautfarbe ab. Auch die Verzierungen am Körper des Spähers, die nicht von seiner Kleidung verdeckt wurde, entgingen Yriiel nicht. Gelbe Fadenpilze verzierten auf ähnliche Weise wie der Silberfaden dessen grünstichige Haut am Hals. Die Musterung verlief bis zu den Fingerspitzen. Zudem klebte die vom Regen durchnässte Kleidung wie eine zweite Haut am Körper des Mannes. Seine hochgewachsene und hagere Statur kam dadurch deutlich zur Geltung.
Alles in allem gewann Yriiel von ihm den Eindruck eines normalen, aber ziemlich durchnässten und erschöpften Spähers. Dabei befand jener sich mit seinen geschätzten siebzig Jahren im besten Mannesalter und wirkte auf den ersten Blick unversehrt. Nachdenklich stand Yriiel neben Samoros. Auch er sah überfragt aus. Niemand war ausdauernder als ein Späher bei bester Gesundheit.
»Wer bist du und was führt dich hierher?«, fragte Samoros schließlich.
»Landir … vom Stamm der … Ai’Pal«, antwortete er stockend.
Der Stamm der Ai’Pal lebte nur wenige Tagesreisen von den Qui’Za entfernt und war daher als einer der ersten über die drohende Gefahr durch Jaotare im Tiefland informiert worden. Was jedoch ausgerechnet jetzt einen ihrer Späher und noch dazu so ganz alleine hierher führte, überstieg Yriiels Vorstellungskraft.
Die Ai’Pal mussten sich zeitgleich mit den Qui’Za in den Vorbereitungen zum Jagdritual befinden. Das ihrige sollte bereits morgen stattfinden. Nur ein sehr schwerwiegender Grund konnte sein Hiersein erklären.
»Ist in Ilavarey was passiert?«, platze es aus Yriiel und Samoros hervor.
»Nein … nein.« Landir winkte erschöpft ab. »Die Stadt ist sicher.«
Nun verstand Yriiel noch weniger. Ein Seitenblick zu Samoros verriet ihm, dass nicht nur er irritiert war. Wenn es keinen Notfall bei den Ai’Pal gab, was tat der Späher dann hier? Gleichwohl beschlich ihn eine üble Vorahnung.
»Wann bist du von dort aufgebrochen?«, fragte er hastig nach.
»Vor … zwei Tagen … etwa.«
»Vor zwei Tagen?«, wiederholte Yriiel verblüfft, aber fand seine Vermutung bestätigt.
Die beiden Städte lagen gut vier bis fünf Tagesreisen auseinander. Manori besaßen keine Reit- oder Lasttiere, weshalb sie jede Strecke seit jeher zu Fuß bewältigten. Aufgrund ihrer Ausdauer und Kraft stellte diese Art der Fortbewegung noch nie ein Problem dar und mit ihren Ortskenntnissen legten insbesondere die Späher sämtliche Strecken schneller zurück als jeder andere Manori. Doch selbst ihnen gelang es unter normalen Umständen nicht, diese Distanz in zwei Tagen zu bewältigen, außer sie tranken den Saft einer Yuikeewurzel. Dieses Mittel wurde wegen seiner Nebenwirkungen nur in Ausnahmesituationen angewendet.
Im günstigsten Fall, welcher auf Landir ganz offensichtlich nicht zutraf, führte das Mittel bloß zu einer immensen Leistungssteigerung, während es das Schlafbedürfnis unterdrückte.
»Wie viel hast du eingenommen?«
»Ich … ich …«
Landir sackte zusammen. Geistesgegenwärtig fingen die beiden Krieger ihn auf. Halb bewusstlos hing er in ihren Armen und brauchte dringend Hilfe. Vergessen waren sofort alle anderen möglichen Fragen. Alles deutete auf eine viel zu hohe Dosis Yuikeesaft hin, die jetzt einen vielleicht lebensbedrohlichen Tribut forderte. Die Zeit drängte.
»Ins Labyrinth, schnell.«
Samoros nickte. Zusammen schafften sie Landir zum nächsten Eingang, an dem sie erstaunt in Empfang genommen wurden. Ohne Umschweife begleitete eine der Wachen die drei ins Innere. An der übermannshohen Decke – der für Yriiels Geschmack viel zu engen Tunnel – hingen kleine Äste. An ihnen hingen zahlreiche fluoreszierende fingerdicke Knospen, die einzige Lichtquelle in den Städten der Manori. Sie wuchsen in der Stadt und im Labyrinth, egal ob draußen oder im Innern.
Von ihrem Weg unterhalb des Wurzelwerks zweigten einige kleinere Tunnel ab, die sie alle links liegen ließen, sehr zu Yriiels Erleichterung. Ihm behagte die Enge hier unten nicht. Der intensiv erdige Geruch kroch ihm regelrecht in die Nase und verstärkte das erdrückende Gefühl, hier unten begraben zu sein. Diese Empfindung minderte sich erst mit Betreten der Heilerhalle am Ende des Hauptganges.
Sie lag direkt unterhalb des Baumriesen und wölbte sich kuppelartig in das massive Holz hinein. Aus den Seiten des Stammes ragten übermannsgroße Wände in die Halle. Dahinter verbragen sich die Behandlungsbereiche. Derzeit herrschte hier unten reges Treiben.
Heiler mitsamt ihren Schülern eilten umher, um die Kranken zu versorgen, die in den letzten Tagen bereits hierher gebracht worden waren. Trotz der geschäftigen Lage wurden Yriiel, Samoros, Landir und die Wache sofort entdeckt. Einige der Schüler nahmen den Späher umgehend in ihre Obhut. Sie trugen ihn zu einem der Behandlungsräume. Während Yriiel und Samoros bei ihm blieben, kehrte der wachhabende Krieger zurück zu seinem Posten. Yriiel und Samoros dagegen blieben. Kaum lag Landir auf einer mit Farnblättern und Moosen gepolsterte Nische, erschien ein Heiler. Yriiel klärte ihn über die Lage auf.
»Yuikee«, murrte der heilkundige Schamane. Er klang hochgradig verstimmt. »Der Späher hätte vorsichtiger damit sein sollen.«
Kopfschüttelnd trat der Heiler ans Krankenbett und nahm Landir in Augenschein. Anschließend ergingen diverse Anordnungen an seine dagebliebenen Schüler. Für Yriiel und Samoros gab es hier nichts mehr zu tun. Sie mussten Meldung erstatten. Stillschweigend traten sie den Rückweg an und nahmen den gleichen Tunnel, durch den sie hierhergekommen waren.
Als der Eingang zum Labyrinth in Sichtweite lag, kam ihnen Aedres, Yriiels Vater und Meister innerhalb der Kaste des Schutzes, von dort entgegen. Bis auf wenige Äußerlichkeiten ähnelten Vater und Sohn einander sehr. Aedres überragte Yriiel um einen halben Kopf und war von muskulöser Statur. Hinzu kamen bei ihm noch einige körpereigene pflanzliche Verzierungen und standestypische Symbole auf Lendenschurz und Kampfstab. Yriiel und Samoros blieben stehen und warteten auf ihn. Sie grüßten respektvoll, als er bei ihnen eintraf.
»Shu’n’Sae.«
»Shu’n’Sae«, erwiderte sein Vater und wandte sich sogleich ihm zu. »Yriiel, was genau ist hier los?«
Offenbar hatten ihn die Wachen am Eingang schon über den Zwischenfall informiert. Also erklärte Yriiel ihm, in aller Kürze und ohne dabei etwas auszulassen, was vorgefallen war. Aedres hörte zu und nickte gelegentlich. Kaum fiel der Name des Spähers, zeigte sein Vater sich sichtlich überrascht.
»Landir, sagst du?«, fragte Aedres absichernd, aber mit einem für ihn eher untypischen Tonfall.
»Ja. Kennst du ihn?«
»Flüchtig«, entgegnete Aedres ihm, jedoch etwas zu schnell für Yriiels Geschmack. »Wird er noch behandelt?«
»Als wir gingen, kümmerte sich noch ein Schamane um ihn.«
»Und er war nur halb bei Bewusstsein«, ergänzte Samoros.
»Verstehe.« Aedres nickte. »Ihr beide meldet euch umgehend zurück zum Dienst. Es fehlt an Wachen.«
Als wäre damit alles gesagt, was es zu sagen gab, verabschiedete sich sein Vater von ihnen und ging in Richtung der Heilerhalle weiter. Yriiel sah ihm nachdenklich hinterher.
»Er ist heute ein wenig kurz angebunden«, flüsterte Samoros.
»Ja, ein wenig«, erwiderte Yriiel ähnlich leise. Die derzeitige Situation zehrt auch an seinen Nerven.
Obwohl dies eine mögliche Erklärung war, glaubte er nicht daran. Er kannte seinen Vater gut genug, um zu spüren, wann dieser unter besonders großer Anspannung stand. Sein Bauchgefühl beharrte darauf, dass es einen anderen Grund für dessen Reaktion gab. Schulterzuckend wandte Yriiel sich dem Ausgang zu. Vielleicht würde sich später noch eine Möglichkeit ergeben, ihn darauf anzusprechen, jetzt allerdings wartete die Pflicht auf ihn.
Auf direktem Weg gingen er und Samoros hinauf zur Stadt. Unterhalb der ersten Ebene eines jeden Baumriesen lagen die Räumlichkeiten der Wache. Ein kurzer Tunnel bildete den Zugang, der in einer Halle ähnlich der im Labyrinth endete. Sie war kleiner, weniger verwinkelt und daher besser einsehbar. Dort meldeten sie sich zurück zum Wachdienst und erhielten jeder eine neue Aufgabe für den heutigen Tag. Während Samoros für die Bewachung festgesetzter Unruhestifter eingeteilt wurde, musste Yriiel, zwecks Mangel an Wachen, ohne Begleitung auf den Ebenen der Stadt patrouillieren. Er sollte für Ruhe und Sicherheit sorgen.
Als Ursache für die Ausschreitungen der letzten Zeit galten die andauernden Albträume, die inzwischen vor keinem haltmachten. Warum einige Manori aggressiv wurden und andere bloß unter Schlafstörungen und damit verbundenen Erschöpfungszuständen litten, blieb bisher ungeklärt. Die Schamanen zeigten sich ratlos und hatten zudem noch keine Möglichkeit gefunden, zuverlässig Abhilfe zu leisten. Daher regelte seine Kaste die Dinge auf ihre Art, um der Lage Herr zu werden. Unruhestifter wurden in den Isolationsbereichen nahe den Wachräumen festgesetzt. Die erschöpften Manori dagegen kamen zur Behandlung ins Labyrinth.
Auf seinem Rundgang begegnete Yriiel nicht bloß Familienangehörigen und Freunden, sondern auch anderen Wachen, die wie er einzeln auf Patrouille waren. Mit ihnen tauschte er Informationen zur aktuellen Lage aus und lief die Ebenen ab, die auch Ringpfade genannt wurden. So verging die Zeit, ohne dass es auch nur zu einem Zwischenfall kam.
Gegen Nachmittag erreichte Yriiel die oberste Ebene eines der Baumriesen und ging an den dort gelegenen Besprechungsräumen der Kastenmeister vorbei. In einem davon fand soeben ein Treffen statt. Ein Vorhang aus dickfleischigen Blättern verbarg den Eingang.
Wird langsam Zeit für eine Rast.
Entschieden wandte Yriiel sich dem Aufgang zu, der zum mittleren Ringpfad hinabführte. Sein Ziel war die Gemeinschaftshalle, die es auf jedem Baumriesen gab. Dort kehrten die Manori ein, wenn ihnen der Sinn nach Gesellschaft stand, sie etwas essen und trinken oder sie sich in ihr Quartier zurückziehen wollten. Für Letzteres hätte Yriiel sich zu einer der anderen Hallen begeben müssen, doch für eine kurze Pause von seiner Aufgabe war er hier vollkommen richtig. Leider wurde daraus nichts. Zwei Stimmen aus dem Innern des besetzten Besprechungsraumes drangen an seine Ohren, als er daran vorbeiging. Unabsichtlich hörte Yriiel genauer hin, wurde langsamer und blieb schließlich stehen.
»Bist du dir wirklich ganz sicher?«, hört er Aedres leise fragen.
Die Anwesenheit seines Vaters dort war nichts Ungewöhnliches. Bestimmt gab es mal wieder eine wichtige Angelegenheit zu klären. Es hätte ihn nicht gewundert, wenn es – wie so oft – um einen Krieger ging, der sich ein wenig zu sehr daneben benommen hatte. Yriiel fielen auf Anhieb mehr als eine Handvoll Kandidaten ein. Er wollte schon weitergehen, da ihn das Thema nicht wirklich interessierte. Doch die anschließende Antwort weckte schlagartig seine Neugier, sein Vater sprach mit keinem der anderen Kastenmeister.
»Ja, bin ich«, antwortete Landir leise. »Es geschieht auch in Ilavarey. Nur ist es dort noch nicht so schlimm. Die Ai’Pal litten nur unter leichten Beschwerden, als ich aufbrach.«
Yriiel wusste nicht, was ihn mehr erstaunte, die Tatsache, dass Landir bereits wieder bei Kräften war und hier mit seinem Vater über die Ereignisse der letzten Zeit redete, oder dass es in Ilavarey ähnliche Vorfälle geben sollte. Griff diese seltsame Krankheit etwa so schnell um sich?
»Das klingt eher danach, als könnte sich das Ganze noch ausbreiten«, meinte Aedres besorgt.
»Gut möglich«, gab Landir zu. »Aber noch weiß ich zu wenig, um es mit Gewissheit sagen zu können.«
Er klang unzufrieden und sprach deutlich leiser weiter und zwar so leise, dass Yriiel kein einziges Wort mehr verstand. Um dem Gespräch vielleicht doch noch folgen zu können, trat er näher. Der Blättervorhang bot genügend Schutz, um von innen nicht entdeckt zu werden. Zur Sicherheit hielt Yriiel ein wenig Abstand und stellte sich so neben den Eingang, als wäre er zum Wachehalten hier.
Neugierig spitzte er die Ohren und lauschte, auch wenn es sich nicht gehörte. Aber das interessierte ihn im Moment herzlich wenig. Dieser Späher beschäftigte sich augenscheinlich mit Dingen, die Angelegenheiten der Schamanen waren. Nicht zuletzt hatte er es vorhin schon eigenartig gefunden, wie sein Vater auf die Frage Landir betreffend reagierte. Beides sorgte dafür, dass er zeitweilig seine gute Erziehung vergaß.
»Ich halte dich nicht ab, aber beachte die Regeln und teile dein Wissen«, sprach Aedres ermahnend. »Die Lage verschlechtert sich täglich. Unsere Leute reden schon. Sie halten die Albträume und alles, was damit zu tun hat, für eine Strafe der Shivoun.«
»Nein, das ist unmöglich«, wiegelte Landir sofort ab. »Wie gesagt, ich weiß …«
Die Falten auf Yriiels Stirn nahmen allmählich die Gestalt tiefer Furchen an. Das Verhalten seines Vaters irritierte ihn immer mehr und was er von dem Späher halten sollte, wusste er auch nicht. Zu allem Überfluss verstand Yriiel dank des Lärms, der unerwartet von der Ebene unter ihm an seine Ohren drang und immer lauter wurde, kein einziges Wort mehr.
Warum ausgerechnet jetzt?
Genervt verzog Yriiel das Gesicht, eilte eine Ebene tiefer und bedauerte sehr, das Gespräch nicht weiterverfolgen zu können.
Bereits von Weitem sah Yriiel, wie zwei Männer sich vor einem der Durchgänge der Gemeinschaftshalle prügelten. Zig Scherben zerbrochener Tongefäße mit dem vormals darin enthaltenen Essen lagen verteilt um sie herum. Eines war ihm sofort klar, Worte halfen hier nicht mehr. Ohne Zögern griff Yriiel beherzt ein und zog den Oberen der beiden von dem anderen herunter. Der Hitzkopf stolperte einige Schritte rückwärts. Kaum stand jener einigermaßen aufrecht, wandte sich seine Wut gegen ihn.
Gerade noch rechtzeitig wich Yriiel dem Fausthieb auf Kinnhöhe aus. Der Schlag traf ins Leere und sein Gegenüber vollführte eine halbe Drehung um die eigene Achse. Yriiel nutzte die Gelegenheit und zielte mit seinem Kampfstab auf dessen Kniekehle. Der Treffer holte den Mann von den Beinen. Er landete der Länge nach auf dem Boden und blieb liegen. Zeit zum Verschnaufen gab es jedoch keine. Im nächsten Augenblick musste Yriiel einer großen scharfkantigen Tonscherbe ausweichen. Das Fragment sauste dicht an seinem Kopf vorbei. Leise fluchend schaute er in die Richtung, aus der es kam.
Wild brüllend stürmte von dort der zweite der beiden Unruhestifter auf ihn zu. Geistesgegenwärtig ließ Yriiel seinen Stab fallen und gestattete es ihm, dicht an ihn heranzulaufen. Im richtigen Moment vollführte er einen Ausfallschritt zur Seite, packte den Arm des Mannes und hebelte ihn gekonnt von den Füßen. Mit einem dumpfen Aufprall ging auch dieser Gegner unsanft zu Boden. Yriiel atmete schon erleichtert auf, als er sich umdrehte und seine Waffe aufheben wollte. Dabei entdeckte er unweigerlich seinen ersten Kontrahenten, der zwei Armlängen von ihm entfernt dastand und seinen Kampfstab in den Händen hielt.
Verdammt, wieso ist der schon wieder auf den Beinen?
Es sah nicht danach aus, als würde er kampflos aufgeben. Zwar besaß der Mann nicht die Fertigkeiten, mit dieser Waffe richtig umzugehen – es handelte sich bei ihm nur um ein normales Stammesmitglied – aber ein Treffer konnte selbst in diesem Fall sehr schmerzhaft sein. Derweil kam auch sein zweiter Gegner wieder auf die Beine. Anstatt erneut aufeinander loszugehen, verbündeten sie sich gegen ihn. So hatte er sich das nicht vorgestellt. Nun stand er im Fokus, ohne seinen Stab und ohne jeglichen Vorteil. Fieberhaft dachte Yriiel darüber nach, wie er die Lage wieder in den Griff bekommen konnte, und wich ein paar Schritte zurück.
»Was machst du denn da für Sachen, Junge?«, erklang unerwartet irgendwo hinter ihm eine nur allzu vertraute Stimme.
Genervt verdrehte Yriiel die Augen. So jung war er nun auch nicht mehr. Die Bezeichnung ärgerte ihn. Es gab nur sehr wenige Manori, die sich noch trauten, ihn so zu nennen. Zu jenen Personen gehörten seine Eltern und die beiden älteren Krieger Saavic und dessen Bruder Droon.
»Ich glaube, er spielt gerade mit den beiden.«
»Glaubst du wirklich? Sieht eher so aus, als spielen sie mit ihm und er verliert.«
Ein amüsiertes Lachen erklang. »Was meinst du? Sollen wir ihm zeigen, wie man gewinnt?«
Die folgende Antwort bekam Yriiel nicht mehr mit. Seine Gegner stürmten bereits auf ihn zu. Statt sich der Konfrontation zu stellen, wartete er ab und wich im allerletzten Moment zur Seite aus. Die beiden Männer zogen voller Elan an ihm vorbei, direkt auf Droon und Saavic zu. Dank der Kommentare zuvor genoss Yriiel es innerlich zu hören, was hinter ihm passierte. Ihnen den Rücken zugewandt blieb er breit grinsend stehen. Mit ein paar tiefen Atemzügen rang er die Belustigung in sich nieder und wagte wieder ernst geworden einen Blick zurück.
Der Anblick kostete Yriiel fast den zurückgewonnenen Ernst. Ein verhaltenes Grinsen stahl sich auf sein Gesicht. Die Brüder hielten je einen der Unruhestifter mit nach hinten verdrehtem Arm und zu Boden gedrückt in Schach. Saavic sah verbissen auf einen von ihnen nieder. Ein langer dunkler Striemen zierte die Außenseite seines Schienbeins. Den Wenigsten gelang es, einen der Brüder erfolgreich zu attackieren. Dafür bedankte sich der ältere Krieger soeben mit einem verstärkten Griff. Sofort erklang ein schmerzerfüllter Laut des Festgesetzten. Kurz darauf traf Verstärkung ein.
»Hast du ein Glück«, murrte Saavic.
Er und Droon übergaben die streitlustigen Männer an einige wachhabende Krieger. Nach einem knappen Wortwechsel wurden sie abgeführt. Yriiel sah ihnen absichernd hinterher. Gleichzeitig ertönte hinter ihm ein nach Aufmerksamkeit heischendes Knarzen.
Rasch drehte er sich um und sah unweigerlich auf. Direkt vor ihm standen Droon und Saavic mit vor dem Oberkörper verschränkten Armen. Sie waren einen halben Kopf größer als Yriiel und besaßen einen imponierenden Körperbau, mehr noch als sein Vater. Verstärkt mit einer Dornenranke am Oberkörper und den Armen wirkten die Brüder wie eine grüne Wand. Gelbe Fadenpilze sorgten für ein auffälliges Muster auf Schultern und Beinen.
»Nettes Ausweichmanöver. Aber du bist ein Krieger und sollst kämpfen, nicht wie ein Späher durch die Gegend huschen«, knurrte Saavic ihn an. Er war noch immer angesäuert vom Schlag, den er wegen Yriiel hatte einstecken müssen.
»Lass das nicht Meister Kadvos hören«, konterte er.
Umgehend sah Saavic sich aufmerksam um. Die Besprechungsräume der Kastenmeister lagen nicht weit entfernt.
»Er hat dich gut vorgeführt, als du das letzte Mal über die Späher hergezogen bist. Du erinnerst dich?«, fragte Yriiel unnötigerweise.
Saavics Reaktion zeigte genau, dass er sich erinnerte. Kadvos hatte diese Frechheit damals nicht ungestraft gelassen. Auch dessen Bruder erinnerte sich.
»Der Junge hat recht«, meinte Droon, grinste und reichte Yriiel seinen Stab. »Du hast Kadvos beim Kräftemessen nicht ein einziges Mal zu fassen bekommen.«
»Pah.« Saavic winkte unleidlich geworden ab. »Ich hätte ihm schon gezeigt, was Stärke bedeutet, wenn er stehen geblieben wäre. Weglaufen kann ich auch. Das ist keine Kunst.«
Yriiels Mundwinkel zuckten leicht, aber er hielt sich zurück, seine Belustigung darüber offen zu zeigen. Allmählich ließen sich draußen auf dem Ringpfad vor der Gemeinschaftshalle auch wieder einige Manori blicken, vor allem, um das angerichtete Chaos zu beseitigen.
»Wenn ihr nichts dagegen habt«, meinte Yriiel, »ich habe heute noch eine Aufgabe zu erledigen.«
Das Gerede über Kadvos erinnerte ihn an das eben noch belauschte Gespräch. Die Brüder ließen Yriiel ziehen, unwissend, was er eigentlich im Sinn hatte. Auf der oberen Ebene wartete jedoch nur ein leerer Besprechungsraum auf ihn. Der Vorhang hing befestigt an einer der Seiten. Yriiel kam zu spät.
Stolz erhoben sich die Baumriesen der Stadt Ilavarey über das einheitliche Blätterdach des umgebenen Dschungels. Seit den frühen Morgenstunden war der Stamm der Ai’Pal mit den Vorbereitungen zum Jagdritual beschäftigt, das den gesamten Tag beanspruchen sollte. Bis auf wenige Wachen, Jäger und Späher, die noch die Stadt absicherten oder die Umgebung durchstreiften, tummelten sich bereits alle Manori auf den Ringpfaden und den daran angrenzenden Plattformen der Stadt.
Mit rituellen Gesängen und Tänzen, begleitet von rhythmischen Trommelschläge, wollten sie, die Shivoun milde stimmen, damit diese sich nachsichtig zeigten, sobald ihre Leute zur Jagd auf eine der gefährlichsten Kreatur des Regenwaldes, dem Jaotar, aufbrachen. Obwohl diese Bestien ebenso wie alles Leben unter dem Schutz jener Geisterwesen standen, erlaubte es die von ihnen ausgehende Gefahr den Manori, sich und ihr Territorium zu verteidigen.
Als der Tag sich allmählich dem Abend neigte, kehrte Nairi in Begleitung zweier weiterer Späher ins sichere Umfeld Ilavareys zurück. Noch unten am Wurzelwerk hörten sie die Klänge der Feierlichkeiten, die vom bald bevorstehenden Ende dessen kündeten. Gemeinsam eilten sie hinauf zur Stadt, um wenigstens noch das Ende des Rituals mitzuerleben.
»Bei allen Geistern«, entfuhr es Yalsa erleichtert. Sie gehörte zu den erfahrenen und älteren Späherinnen des Stammes. »Ich habe wirklich daran gezweifelt, dass wir es noch schaffen.«
Foorn stimmte ihr gemäß seiner zurückhaltenden, ruhigen Art bloß mit einem einsilbigen Ja zu. Nur Nairi erwiderte nichts auf die Worte ihrer Freundin. Sie dachte schon wieder über Landirs Verschwinden nach. Auf Kantaros Befehl suchten die Späher seither nicht bloß nach weiteren Hinweisen der Jaotare, sondern auch nach einem Lebenszeichen von ihm. Leider brachte auch der heutige Tag keine neuen Erkenntnisse, ein Umstand, der vermutlich ebenso für die anderen Späher galt, so wie bisher.
Aufgrund der aktuellen Lage konnte ihm so ziemlich alles zugestoßen sein, was Nairis Sorge um Landir so gar nicht milderte. Aber immerhin gab es keine Neuigkeiten, die ihren inneren Aufruhr noch schürten. Nichts in der Nähe der Stadt deutet auf die Anwesenheit von Jaotaren hin.
»Kopf hoch, Nairi«, meinte Yalsa, die bereits vermutete, woran sie wieder dachte. »Er ist ein guter Späher. Nur weil wir nichts finden, heißt das nicht, dass er ihnen zum Opfer gefallen ist.«
»Und? Es beweist aber auch nicht das Gegenteil«, entgegnete Nairi zögernd. »Er ist weg … Yalsa … er hat keinen Befehl erhalten und hat sich auch nicht abgemeldet.«
»Das wird sich alles aufklären, bald, da bin ich mir sicher«, versuchte Yalsa, sie zu beruhigen. »Aber du tust dir nun keinen Gefallen, wenn du dich verhältst wie deine Mutter.«
Nairi kniff die Augen zusammen. Sie mochte es nicht, in dieser Weise mit Allani verglichen zu werden. Ihre Mutter neigte nicht bloß zur Überfürsorge, nein, sie war im schlimmsten Fall sogar die Personifizierung dessen. Daran änderte auch die vor ein paar Jahren erreichte Reife nichts, die Nairi zu einem vollwertigen Mitglied des Stammes hatte werden lassen. Jetzt, da Yalsa davon sprach, ahnte die junge Späherin, was oben in der Stadt gleich noch auf sie wartete. Ihre Mutter verging bestimmt schon wieder vor Sorge um ihre einzige Tochter.
»Beeilen wir uns«, murrte Nairi und beschleunigte ihren Schritt.
In Anbetracht der fortgeschrittenen Tageszeit und der Tatsache, dass sie das Meiste vom Ritual schon verpasst hatten, blieb keine Zeit mehr, noch schnell ins Quartier einzukehren und sich entsprechend umzuziehen. Trotzdem gab es da etwas, das Nairi unbedingt tragen wollte und stets bei sich hatte. Kurzum zog sie eine Kette aus einer ihrer Hosentaschen hervor: Viele kleine handgeschnitzte Holzstücke, aufgezogen auf ein hellbraunes Lederband. Sie war ein Geschenk ihres Vaters. Ihm zu Ehren trug Nairi es bei jedem Ritual. Auf diese Weise konnte er, obwohl schon tot, ebenfalls anwesend sein. So dachte sie zumindest.
Nach einiger Zeit erreichten die drei den Ringpfad der untersten Ebene. Die Menge feiernder Manori war hier unten noch überschaubar und der Weg zur mittleren Ebene der Stadt war so gesehen leicht passierbar. Allerdings stand dort Allani und wartete auf Nairi, wie diese insgeheim schon vermutete.
»Nairi«, rief ihre Mutter, kaum dass sie sie sah, und lief ihnen entgegen.
»Wie schafft sie es eigentlich immer wieder, mich zu finden?«, flüsterte sie Foorn und Yalsa erstaunt zu. »Es gibt noch drei andere Baumriesen. An jedem hätten wir ankommen können.« Leises Kichern erklang seitens der beiden, aber mit Kommentaren hielten sie sich zurück, wohl auch, da Allani bei ihnen ankam und Nairi derart an sich drückte, als hätte sie sie seit Tagen nicht mehr gesehen. »Mutter, lass mir bitte noch Luft zum Atmen«, ächzte sie.
Sofort bekam ihr Gesicht etwas mehr Farbe. Das helle Blau nahm eine sichtbar dunklere Färbung an, sodass der beinahe gleichfarbige Fadenpilz auf der einen Gesichtshälfte fast genauso gut zur Geltung kam wie die silberne Verzierung nebst Auge auf der anderen Seite.
»Ach Kind.« Endlich ließ Allani von ihr ab. »Ich bin nur so erleichtert, ich dachte schon, es wä…«
»So schnell passiert nun auch wieder nichts«, fiel Nairi ihr ins Wort und erhielt den Blick, auf den sie auf keinen Fall näher eingehen wollte.
Glücklicherweise stand auch ihrer Mutter nicht der Sinn danach. Stattdessen betrachtete Allani sie und begann, an ihrer Kleidung herumzuzupfen. Kleine Äste und Blätter hatten sich darin verfangen. Als sie dann auch noch dazu übergehen wollte, ihr blaues Haar zu richten, wehrte Nairi ihre Mutter ab.
»Jetzt ist aber gut. Ich sehe aus, wie ich aussehe«, rechtfertigte sie sich halblaut. »Ich komme gerade aus dem Dschungel zurück. Dafür könnte ich noch viel schlimmer aussehen.«
Foorn und Yalsa standen inzwischen etwas abseits und warteten. Trotz noch andauernder Trommelschläge und Gesänge, die nur langsam leiser wurden, hörte sie das amüsierte Kichern der beiden. Innerlich seufzte Nairi. Ihre Mutter lenkte ein.
»Schon gut, schon gut. Aber du kannst dich jetzt auch noch etwas herrichten, das schadet nicht.«
Ich will mich aber nicht so hübsch herausputzen wie du. So wichtig ist das jetzt auch nicht mehr, dachte Nairi und nahm sie kurz in Augenschein.
Allani sah immer gepflegt und ordentlich aus, selbst wenn sie ihrer Tätigkeit als Honigsammlerin in den hängenden Gärten der Stadt nachging. Sie trug bevorzugt die manoritypische cremefarbene Robe, die jeder nach Belieben und gemäß der ihm eigenen Aufgabe im Stamm auf unterschiedliche Weise verschönern lassen durfte. Dazu gehörten oftmals farbige Stickereien und zugeschnittener Lederbesatz. Nairi mochte es dagegen eher praktisch und verzichtete auf unnötigen Schnickschnack, wie sie es nannte, sehr zum Leidwesen ihrer Mutter.
Anders als es jener wohl oftmals lieb war, machte der Dschungel sich nichts aus aufwendig verzierter Kleidung, ein Umstand, der Nairi sehr entgegenkam. Denn meist kehrte sie sowieso unordentlicher heim, als sie in den Dschungel aufgebrochen war. Außerdem gefiel ihr die durchaus zweckmäßige, bequem sitzende Kleidung der Späher, die immer aus einer mit Leder verstärkten Stoffweste, manchmal auch einem Hemd darunter, einer knielangen Lederhose und den dazu passenden Schuhen bestand.
»Wie wäre es, wenn wir langsam weitergehen? Ich habe die Trophäenträger gerade auf einer der oberen Ebenen gesehen«, mischte sich Foorn ein.
Dieser für seine Verhältnisse langatmige Hinweis bedeutete nichts anderes, als dass sie dabei waren, auch noch den Rest des Jagdrituals zu verpassen. Jener Teil interessierte die drei besonders, da nach der Niederlegung der Trophäe vor dem Stammesrat die Verkündung der Namen jener Manori folgte, die am morgigen Tag zur Jagd aufbrechen sollten.
Ohne noch weitere überflüssige Worte zu verlieren, gingen die vier zur über ihnen gelegenen und mit feiernden Stammesmitgliedern überfüllten Ebene. Nairi, ihre Mutter, Yalsa und Foorn kämpften sich durch die Menge, bis hin zu einer Plattform, dem äußersten Rand des Ringpfades, um eine gute Sicht auf den mittleren Baumriesen vor ihnen zu ergattern.
Gegenüber, auf einer der Plattformen, standen der Ausrufer und der Stammesrat. Soeben verließen die Trophäenträger eine der dorthin führenden Brücken. Zeitgleich verebbten Gesang und Trommelschläge. Als dann die Träger auch noch den mächtigen Schädel eines unlängst erlegten Jaotars vor die Füße der Ältesten und Kastenmeister ablegten, breitete sich eine erwartungsvolle Stille über der gesamten Stadt aus. Nur das Rauschen des mächtigen Blätterdaches über ihren Köpfen war zu hören. Die Aufmerksamkeit aller haftete am Ausrufer, der klar und deutlich nacheinander die Namen der Auserwählten verkündete, dreißig an der Zahl.
Angespannt hörte Nairi hin. Zuerst fielen die Namen der Kastenmeister, dann die der Krieger und Jäger. Die Namen der Späher schallten zuletzt durch die Stadt. Sie stellten den zahlenmäßig geringsten Teil der Jagdgruppe dar.
»… Yalsa … Foorn … Dreega …«
Kaum fiel der Name ihrer Freundin, warf Nairi ihr einen wehmütigen Blick zu. Sie hatte bereits damit gerechnet, dass man Yalsa auswählte. Die zwei anderen Namen kamen ebenso wenig überraschend, auch sie waren sehr erfahrene Späher des Stammes. Nairi wandte sich Yalsa und Foorn zu, wollte sie verabschieden, damit sie zu den Ältesten gehen konnten, als der letzte Name fiel.
»… Nairi.«
Sie erstarrte. Seichter Wind erfasste eine ihrer blauen Haarsträhnen und umspielte damit ihr Gesicht, das so stark erblasst war, dass sich nicht einmal mehr der hellblaue Fadenpilz von ihrer sonstigen Hautfarbe abhob. Erst unterhalb vom Kinn tauchte das Muster wie von Geisterhand wieder auf und ließ sich zu beiden Seiten des Genicks weiterverfolgen.
»Du auch?«, fragte Yalsa überrascht.
Ratlos schaute Nairi ihre Freundin an. Noch ehe sie fähig war, darauf zu reagieren, hörte sie die verzweifelten Ausrufe ihrer Mutter.
»Nein, bitte nicht … nicht meine Tochter … nicht meine Nairi … «
Zum Glück standen einige Freunde von Allani in ihrer Nähe und kümmerten sich um sie, sodass Nairi, Foorn und Yalsa zum Stammesrat aufbrechen konnten. Es blieb ihnen auch nichts anderes übrig, sie mussten dem Entscheid Folge leisten. Gemeinsam gingen sie zur nächsten Hängebrücke, die zum mittleren Baumriesen führte. Der Wind wehte hier etwas kräftiger und wirbelte ihr immer wieder einige Strähnen ins Gesicht. Missmutig strich sie sie zurück hinter die gewellte Stirnplatte und die Ohren. Auf der anderen Seite der Brücke trafen die drei auf Lojaak und Dreelor, zwei befreundete Jäger. Deren Namen waren ebenso gefallen. Sie sahen Nairi verwundert an, sagten jedoch nichts. Unwissend zuckte sie mit den Schultern und ging wortlos weiter. Zusammen erreichten die fünf kurz darauf die restlichen Auserwählten. Sie warteten schon bei den Ältesten und Kastenmeistern.
Nachdem alle vollzählig angetreten waren, suchten sie die nahe gelegene Versammlungshalle auf, wo die Treffen des Stammesrates stattfanden, der aus den Ältesten und den Meistern der drei Kasten bestand. Hin und wieder wohnten – je nach Anlass – sogar einfache Stammesmitglieder einem Treffen bei. Heute diente die Halle jedoch der abschließenden Unterweisung für die morgige Jagd und war den Erwählten sowie dem Stammesrat vorbehalten. Nairi kannte die Halle gut. Hier hatte sie nach Erreichen der Reife den Schwur geleistet, der sie an ihre Kaste band. Daher sah sie sich nur mäßig interessiert um. In der Halle war Platz für etwa fünf mal zehn Manori. Die aus der Decke wachsenden Äste mit ihren Lichtknospen erhellten die spärliche Einrichtung. Nischen an den Wänden, ins Holz des Baumriesen eingelassen, dienten der Aufbewahrung verschiedener Gegenstände. Im hinteren Teil der Halle standen aus dem Baum gewachsene Sitzgelegenheiten. Sie waren dem Stammesrat vorbehalten.
In der Halle angekommen nahmen die Ältesten und Kastenmeister ihre Plätze ein, während die Jagdgruppe in respektvollem Abstand zu ihnen Haltung annahm. Die Späher standen vorne. Hinter ihnen folgten die Jäger, dann die Krieger. Nachdem zwei große Blättervorhänge den Eingang zur Halle verschlossen, trat Nairis ehemaliger Lehrmeister, Kantaro, vor. Auch er musste dem Ritual erst sehr spät beigetreten sein, wie ihr seine Alltagskleidung verriet, deren wenige und doch markanten Verzierungen ihn als einen der obersten Späher der Ai’Pal auswiesen, der zudem die bevorstehende Jagd anführen würde. Aus dem Grund war es jetzt auch seine Pflicht, allen die Situation nochmals zu erläutern und das weitere Vorgehen zu besprechen.
Kurz bevor er das Wort ergriff, riskierte Nairi noch einen letzten Blick in die hinteren Reihen. Einige der eben ausgerufenen Namen stimmten sie nachdenklich. Es handelte sich bei ihnen um eher unerfahrene Jäger und Krieger, so wie bei ihr. Schließlich brachte Kantaros beginnende Ansprache sie dazu, wieder aufmerksam nach vorne zu sehen. Nairi kam nicht mehr dazu, weiter darüber nachzudenken.
»Ihr wisst, weshalb wir hier sind. Jaotare streifen seit einiger Zeit wieder im Tiefland umher. Die Nachricht traf vor einigen Tagen aus Shadranaey ein. Am Fluss, östlich unserer Stadt, fanden wir nur kurz zuvor auch eine frische Fährte …«
Anfangs folgte Nairi noch aufmerksam seinen Worten, jedenfalls bis ihre Gedanken bei der Erwähnung der Fährte abschweiften. Vieles von dem, was sie beiläufig mitanhörte, wusste sie schon. Die Nachricht über die Gegenwart von Jaotaren im Tiefland hatte sich wie ein Lauffeuer in der Stadt verbreitet. Spätestens seit dem Ritual heute, wusste jeder darüber Bescheid. Als Kastenmitglied hatte Nairi bereits sehr früh davon erfahren und mit ihr zwangsläufig auch Allani, deren Sorge um ihre einzige Tochter daraufhin ins Unermessliche angestiegen war. Selbst bei Nairi hatte die Neuigkeit Spuren hinterlassen, besonders seit Landir vermisst wurde. Es fühlte sich für sie so an, als wäre es erst gestern gewesen, dass Kantaro ihnen vom Tod ihres Vaters berichtet hatte. Dabei war es schon Jahre her. Maarik war damals auf einer Jagd wie dieser einer der auserwählten Späher gewesen und einem Jaotar zum Opfer gefallen. Mühsam rang Nairi diese bedrückenden Gedanken an jenen in der Vergangenheit liegenden Tag nieder und richtete ihre Aufmerksamkeit erneut nach vorne.
»… die Qui’Za treffen sich in ein paar Tagen mit uns. Zusammen werden wir die Jaotare jagen und unsere Stämme sichern.« Nach dieser Zusicherung folgte eine kurze Pause, ehe Kantaro weitersprach. »Wie ihr schon erkannt habt, wurden einige sehr junge Manori zur Jagd berufen. Sie ersetzen die Kastenmitglieder, die wegen einer noch unbekannten Krankheit ausfallen …«
So schlimm ist es schon, dachte Nairi verwundert.
Bisher hatte sie nur vereinzelt mitbekommen, wenn jemand zusammengebrochen und zu den Heilern gebracht worden war. Nachdenklich hörte sie mit einem Ohr weiter zu.
»… da es euch an Erfahrung mit diesen Bestien mangelt, solltet ihr nun besonders gut zuhören, denn es …«
Jeder hier im Raum kannte die Geschichten, die man sich über die Jaotare erzählte. Dennoch lauschten auch die erfahrenen Kastenmitglieder unter ihnen gebannt Kantaros Worten, wie Nairi bei einem flüchtigen Blick zur Seite und nach hinten feststellte.
Ihr ehemaliger Lehrmeister bemühte sich in aller Kürze um eine ausführliche Beschreibung. Das von ihm vermittelte Bild bescherte ihr ein inneres Frösteln. Diese Kreaturen waren eine üble Laune der Natur, eine Mischung aus Raubkatze und Reptil. Die Schulterhöhe eines ausgewachsenen Jaotar maß in etwa die Größe eines durchschnittlichen Manori. Ein dickes Schuppenkleid schützte ihren durchweg muskulösen Körper. Auf der gesamten Breite des Hinterkopfes saßen lange, leicht nach vorne gebogene Hörner, die in ihrer Gefährlichkeit den kräftigen Pranken und dem massiven Kiefer mit den ellenbogenlangen Säbelzähnen und in nichts nachstanden. Zudem galten sie trotz ihrer gewaltigen Körpermasse als ausdauernd und schnell. Daher grenzte es an ein Wunder, ein unvorbereitetes Aufeinandertreffen mit einem Jaotar zu überleben. Nachdem alle das Bild dieser Bestie frisch vor Augen hatten, fuhr Kantaro mit der Unterweisung zur Jagd fort.
»… bisher hatten wir es nur mit Einzelgängern zu tun und nicht wie jetzt mit mehreren dieser Kreaturen. Die Qui’Za wollen Spuren von bis zu drei Jaotaren gefunden haben. Das sind viele. Also müssen wir ihnen immer einen Schritt voraus sein und sie einzeln erledigen. Die Krieger haben die gefährlichste Aufgabe. Sie stellen sich den Bestien direkt entgegen und beschäftigen sie. Nur so können die Jäger mit ihren Giftpfeilen den Rest …«
Erneut schweiften Nairis Gedanken ab. Sie beneidete die Krieger nicht. Aber noch ehe es zum Kampf kam, war es Aufgabe der Späher, die Jaotare aufzuspüren. Nur anhand ihrer Informationen über die Bewegungen und den Aufenthalt dieser Wesen ließ sich ein Hinterhalt ausarbeiten. Sie hoffte sehr, dass es nicht noch mehr wurden. Über sie war zu wenig bekannt, weshalb auf dieser Jagd mit jeder möglichen Überraschung gerechnet werden musste.
»… mit den ersten Sonnenstrahlen brechen wir auf. Ruht euch bis dahin aus und bereitet euch vor.«
Das waren Kantaros letzte Worte an sie, bevor er sich den Ältesten zuwandte. Von ihnen folgten noch wohlwollende Bekundungen für den morgigen Tag und die gesamte Jagd. Nachdem alles gesagt war, entließ der Stammesrat die dreißig Mann starke Jagdgruppe. Sie sollten noch genug Zeit bekommen, um sich von ihren Liebsten in Ruhe zu verabschieden. Als Nairi mit den anderen die Versammlungshalle verließ, umhüllte ein nächtliches Gewand aus Dunkelheit und Stille bereits die Stadt. Lediglich die Äste mit den fluoreszierenden Knospen spendeten etwas Licht und erzeugten eine Vielzahl tanzender Schatten auf dem Ringpfad. Selbst ohne den kargen Schein konnte Nairi sehr gut sehen. Dafür sorgte der silberne Fadenpilz ihres gleichfarbigen Auges. Er war von Natur aus seine eigene Lichtquelle und ihr bescherte daher eine zuverlässige Nachtsicht.
Nachdenklich ging sie zur Plattform, wo vorhin noch der Ausrufer gestanden hatte. Sie ahnte schon, was ihr gleich noch bevorstand und fragte sich, wie sie diese Situation meistern sollte. Ihre Gedanken wurden von leisen näherkommenden Schritten unterbrochen. Nairi wusste, wer da zu ihr kam und sah sich deswegen nur halbherzig um.
»Soll ich mit deiner Mutter reden?«, bot Yalsa ihr an.
»Nein.« Nairi schüttelte vehement den Kopf. »Das ist meine Sache, aber danke.«
»Wir könnten dich wenigstens bis zu ihr begleiten, wenn du …«
Erneut lehnte sie ab. Ihr Blick glitt an Yalsa vorbei zu Dreelor und Lojaak. Sie standen etwas abseits und warteten.
»Es ist wirklich lieb gemeint von euch«, sprach sie leise und sah wieder Yalsa an. »Aber ich möchte noch kurz alleine sein, bevor ich meine Mutter aufsuche und das selber erledige. Es ist besser so.«
»Na schön«, sprach ihre Freundin wenig glücklich, akzeptierte jedoch Nairis Entscheidung. »Du schaffst das.«
Aufmunternd strich Yalsa ihr mit der Hand über die Schulter, ehe sie sich von ihr mit den Worten Lai’n’Shi verabschiedete. Nairi sah ihr, Dreelor und Lojaak noch kurz hinterher, ehe sie wieder nach vorne auf die Ebenen der Stadt schaute. Bis auf wenige Ausnahmen wanderte niemand mehr auf den Ringpfaden der umher.
Warmes orangefarbenes Dämmerlicht erfüllte die Eingänge der Gemeinschaftshallen. Gleich führte auch ihr Weg dorthin. Es wunderte Nairi schon ein wenig, dass Allani nicht auch hier aufgetaucht war, so wie vorhin. Aber sie wollte sich darüber auch nicht beklagen. So blieb ihr immerhin ein wenig Zeit zum Nachdenken.
Was ihre Mutter von dem, was heute passiert war, hielt, war Nairi bewusst. Doch was würde nun ihr Vater denken? Hätte er Angst um sie? Wäre er stolz, sie auf dieser Jagd zu sehen? Hielt er sie schon bereit dafür?
Halb abwesend strich Nairi mit den Fingern über jede einzelne Holzschnitzerei ihrer Kette. Zu guter Letzt rückte wieder nur eine Frage in den Vordergrund ihrer Gedanken. Wie sollte sie gegen die Sorge ihrer Mutter ankommen? Eine Antwort fiel ihr nicht ein. Also entschied Nairi sich dafür, spontan zu reagieren und den Moment zu nutzen. Ein letztes Mal strich sie über ihre Kette und wollte gehen. Noch beim Umdrehen hielt sie abrupt inne, hinter ihr stand jemand.
»Oh … tut mir leid. Ich wollte nicht …«
Mitten im Satz brach Nairi verwundert ab. Nicht nur, dass sie nicht damit gerechnet hatte, nicht alleine zu sein, nein, es war auch noch Kantaro, den sie beinahe über den Haufen rannte. Andere hätten nun geflucht und sie zu mehr Umsicht ermahnt, aber er lächelte nur verzeihend und sprach Nairi leise an.
»Es ist nicht schlimm. Du warst so tief in Gedanken versunken, da wollte ich nicht stören und erst einmal abwarten.«
»Möchtet ihr mit mir reden?«, fragte Nairi vorsichtig, denn Kantaro war niemand, der grundlos jemanden aufsuchte, nicht jetzt, so kurz vor der Jagd.
Auf eine Antwort wartend sah sie ihn prüfend an. Schatten tanzten auf seiner blassgrünen Haut und sein silbern schillerndes Auge mit den gleichsam silbern schillernden Fäden, die sich fast über die gesamte linke Gesichtshälfte zogen, fielen ihr besonders auf. Bis auf diese pflanzliche Besonderheit verzichtete Kantaro auf weitere den Körper verzierende Verwachsungen. Dieser Eigenart verdankte er sein eher unscheinbares Aussehen. Oft genug verhielt er sich auch dementsprechend.
Das hatte zur Folge, dass man ihn nicht selten erst wahrnahm, wenn man ihn, so wie Nairi eben, zu spät bemerkte, außer er machte von selbst auf sich aufmerksam. Im Dschungel war diese Eigenschaft sehr nützlich. In der Stadt sah das zuweilen ganz anders aus, zumindest war das ihre Meinung dazu.
»Ich wollte nur nach dir sehen. Du warst während der Besprechung etwas abwesend. Es ist der Tod deines Vaters, richtig? Das beschäftigt dich wieder.«
»Ja, das ist richtig«, gab Nairi zögerlich zu. Ihr ehemaliger Lehrmeister besaß ein gutes Auge und ein nahezu untrügliches Gespür. Es machte daher keinen Sinn, ihn anzulügen. »Würde es euch an meiner Stelle anders gehen, Meister Kantaro?«
»Nein, aber ich teile deinen Schmerz. Das weißt du auch«, entgegnete er offen.
Ein unangenehmer Moment der Stille umgab die beiden. Es waren keine leeren Worte. Kantaro hatte damals nicht nur die schlimmste Nachricht in ihrem und Allanis Leben überbracht, sondern war auch für ihren Vater verantwortlich gewesen. Maarik hatte unter seinem Befehl gestanden. Wie sein Blick ihr gegenüber verriet, lebten auch bei ihm die Erinnerungen wieder auf.
»Es tut mir leid. Ich …«
»Vergiss es.« Kantaro winkte ab. »Es bringt nichts, in der Vergangenheit zu leben. Es wäre besser, nach vorne zu schauen.« Eine kurze Pause folgte, bevor er weitersprach. »Wenn du dir diese Aufgabe aber nicht zutraust, dann sag es jetzt. Noch gäbe es eine Möglichkeit, dich da rauszuhalten.«
»Was genau meint ihr damit, Meister Kantaro?«, fragte Nairi leicht überrascht.
»Du weißt, dass einige Manori krank sind. Kranke können wir auf der Jagd nicht gebrauchen.«
Kantaros Andeutung war unmissverständlich. Doch das lag nicht in ihrer Absicht. So ein Verhalten würde ihren Eid infrage stellen und zu dem stand Nairi. Sie war festentschlossen alles Nötige tun, damit ihr Stamm in Sicherheit weiterleben konnte.
»Nein. Das möchte ich nicht«, meinte sie entschieden. »Ich werde die Jagd begleiten. Aber da ihr das gerade ansprecht. Wie schlimm ist es eigentlich? Es sind doch mehr Manori krank, als ich dachte. Ich habe eben außer mir mehr als eine Handvoll junge, unerfahrene Kastenmitglieder bei der Besprechung gesehen.«
»Richtig beobachtet.« Kantaro nickte. »Es ist ein sehr schlechter Zeitpunkt für den Ausbruch einer uns unbekannten Krankheit.« Nairi teilte diese Meinung. Wenn etwas schief lief, dann immer zum ungünstigsten Zeitpunkt, wie auch Landirs Verschwinden zeigte. »Aber belaste dich damit nicht. Sie sind bald wieder gesund und die Qui’Za werden unsere Reihen stärken«, sprach Kantaro beruhigend auf sie ein. »Und nun geh zu deiner Mutter. Sie wartet sicher schon auf dich.«
»Ganz bestimmt. Ich würde mich wundern, wenn es anders wäre«, sprach Nairi und lächelte verlegen.
»Grüß sie von mir.«
»Werde ich. Lai’n’Shi, Meister Kantaro.«
»Lai’n’Shi.«
Umgehend machte Nairi sich auf den Weg. Allani erwartete sie bestimmt schon voller Ungeduld. Jetzt, wo die Stadt von Ruhe erfüllt inmitten des nächtlichen Dschungels lag, spürte sie die Vibrationen des Lianengeflechts, aus dem die Hängebrücke bestand und über die sie ging, unter ihren Füßen besonders deutlich.
Nach der Hälfte der Strecke erreichte Nairi den dunkelsten Punkt der Brücke. Sie blieb stehen. Von hier sah die Stadt aus wie ein goldenes Lichtermeer. Allerdings reichte der Schein der Lichtknospen nur bis zu den ausladenden Plattformen der Ringpfade, ehe dahinter alles vom nächtlichen Dunkel umhüllt wurde.
Nairi stellte sich dicht an die Sicherungsliane und schaute nachdenklich in die Tiefe. Nicht weit unter ihr hing einer der Gärten, die es hier in Ilavarey gab. Viele bunte und wohlduftende Pflanzen wuchsen an einem kunstvoll geflochtenen, begehbaren Lianengeflecht. Inmitten dieser Blumenfülle befanden sich die Nester der Honigbienen des Stammes. Hier ging Allani ihrem Tagewerk nach. Ihre Mutter war eine der wenigen Honigsammlerinnen, die es bei den Ai’Pal gab. Sie liebte ihre Aufgabe und war glücklich damit.
Ob die Arbeit sie ablenken wird?
Fragend glitt Nairis Blick zum dichten Blätterdach der Baumriesen. Die Ränder der Baumkronen stießen nicht überall dicht an dicht. Es gab stellenweise große Lücken, durch die das Mondlicht schien und die auch den Blick auf den nächtlichen Himmel freigaben. Mit einem Mal vibrierte die Brücke wieder. Neugierig schaute Nairi sich um und erkannte eine hochgewachsene Gestalt, die einen mannshohen Kampfstab mit sich führte und auf sie zukam.
Es war Madakai, ein Freund ihrer Familie und einer der erfahrensten Krieger der Wache. Ihm musste Nairi sich nicht zu erkennen geben. Er besaß, wie alle Krieger die nachts ihren Dienst versahen, ein silbernes Auge.
»Solltest du nicht schon in der Gemeinschaftshalle sein?«, ertönte seine tiefe bassartige Stimme. »Deine Mutter sorgt sich.«
Gleichmäßigen Schrittes trat er näher und blieb ziemlich genau eine Armlänge vor ihr stehen.
»Sie sorgt sich immer«, entgegnete Nairi knapp.
»Kannst du es ihr in der jetzigen Situation verübeln?«
Nein, das tat sie nicht und schüttelte bloß wortlos mit dem Kopf. Es spielte keine Rolle, ob Madakai auf die Wahl der Ältesten oder diese unruhige Stimmung innerhalb des Stammes anspielte, die sich als Folge der unbekannten Krankheit und der Gegenwart der Jaotare immer weiter ausbreitete. Zum Glück hatte es sie noch nicht erwischt, wobei auch für sie die Nächte nicht mehr so erholsam ausfielen. Wenn man bedachte, wie speziell sich die Situation für sie darstellte, war das auch kein Wunder und noch lange kein Grund zur Besorgnis.
»Allani hat dich geschickt, um mich zu suchen, richtig?« Nairi kannte die Antwort bereits, wollte sie jedoch von Madakai persönlich hören.
»Nicht direkt. Ich versprach ihr, nach dir zu sehen. Du weißt, wie sie sein kann?« Nairi verzog das Gesicht und nickte wissend. Sie sprachen hier von ihrer Mutter, die sie trotz ihres Alters von fünfundzwanzig Jahren noch immer um sie sorgte, als wäre sie halbwüchsig. »Und dann stehst du noch hier rum? Was ist los?«
Nairi musterte ihn stumm. Sie kannten einander zu gut, als dass es ihr in den Sinn gekommen wäre, ihm eine halbwahre Antwort vorzusetzen, die ihre Freundschaft nur unnötig belasten konnte.
»Kannst du dir das nicht denken? Ich weiß nicht so richtig, wie ich sie beruhigen soll. Sie war vorhin schon so außer sich und wird alles versuchen, damit ich hier bleibe«, antwortete sie.
»Ja, das ist Allani. Sie zu ignorieren, ist vermutlich auch nicht die beste Methode, oder?«
Mehr als ein Kopfschütteln brachte Nairi zunächst nicht zustande. Eigentlich hatte sie vor, den Moment zu nutzen, in dem sie ihre Mutter gleich erwischte. Aber wie diese Situation ausfallen würde, konnte leider niemand vorhersagen. Nairi seufzte. »Sie ist schwierig in gewissen Dingen.«
Madakai nickte verstehend. »Wenn du meine Hilfe bei dem Gespräch brauchst, sag es einfach.«
Zum zweiten Mal an diesem Abend erhielt sie das Angebot auf Beistand und lehnte abermals ab. Nairi wusste zwar nicht wie, aber wenn sie sich durchsetzen wollte, musste sie das alleine schaffen. Mit leicht geneigtem Haupt gab Madakai ihr zu verstehen, die Entscheidung zu akzeptieren, blieb jedoch demonstrativ bei ihr, um zu zeigen, dass er sie zumindest begleiten würde. Gespielt mürrisch verzog Nairi das Gesicht.
»Hm, na schön. Gehen wir«, meinte sie schließlich.
Zusammen gingen sie zur Gemeinschaftshalle auf der mittleren Ebene. Nur vereinzelt kam ihnen jemand entgegen. Kaum trat Nairi an Madakais Seite durch einen der vier Eingänge ins Innere, besaß sie die volle Aufmerksamkeit der hier versammelten Manori. Jeder hier kannte sie und ihre Familiensituation. Doch niemand wagte es, offen nachzufragen, um die eigene Neugier zu stillen, die Nairi in jedem Gesicht las, in das sie schaute. Ihr war das mehr als nur recht. Immerhin gab es nur eine Person, die es etwas anging, und nach der hielt sie nun Ausschau. Hier gab es einige verwinkelt liegende Nischen mit den passenden Sitzgelegenheiten, alle aus dem Stamm gewachsen, so wie fast alles in den Baumstädten der Manori.
Obwohl Nairi sich genau umsah, entdeckte sie ihre Mutter nicht auf Anhieb. Erst, als sie zu den offenen Gängen oberhalb der Halle hinaufschaute, die zu den Schlafbereichen führten, erspähte sie Allani, die sie unlängst erblickt hatte und ihr über den geschwungenen, stufenlosen Aufstieg entgegeneilte. Die lange cremefarbene Robe flatterte regelrecht um ihre Beine und verlieh den Stickereien ein verwirrendes Eigenleben.
»Endlich, da bist du ja.« Allani schloss sie in ihre Arme. Nairi ließ sie gewähren, löste sich aber kurz darauf von dieser doch sehr festen Umarmung. »Danke Madakai, dass du sie mir zurück gebracht hast«, flüsterte ihre Mutter.
»Du tust ja so, als könnte sie sich hier in der Stadt verlaufen«, entgegnete er lächelnd. Noch bevor Allani etwas erwidern konnte, sprach er leiser weiter. »Ihr solltet besser draußen reden. Ich werde ein wachsames Auge auf euch haben.«
Irritiert sah ihre Mutter zwischen den beiden hin und her. »Reden?«
»Ja, du hast recht, Madakai«, erwiderte Nairi ihm gegenüber, nickte bekräftigend und sah Allani an. »Komm bitte mit. Ich muss dir was Wichtiges sagen.«
Problemlos begleitete ihre Mutter sie nach draußen. Gemeinsam suchten die beiden eine der Plattformen am Ringpfad auf. Madakai dagegen bezog außerhalb ihrer Hörweite, aber gut sichtbar für andere Stammesmitglieder Position.
»So, nun sag schon«, ergriff Allani das Wort. »Was ist so wichtig, dass du es mir nicht auch da drinnen sagen könntest?«
