Die schwebende Hausfrau - Gabriela Bock - E-Book

Die schwebende Hausfrau E-Book

Gabriela Bock

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Beschreibung

Suse Maibaum steckt in einer tiefen Sinnkrise. Die Mittfünfzigerin fühlt sich nicht nur heillos überlastet und auf den Haushalt reduziert, sondern oftmals auch von ihrer großen Familie, die sie liebt, missverstanden. Zudem fehlt ihr der besondere ›Kick‹ im Leben. Das ändert sich schlagartig, als sie nach einem Unfall im Krankenhaus erwacht. Sie entdeckt eine längst verloren geglaubte Fähigkeit wieder neu. Nun kann sie, im wahrsten Sinn des Wortes, alles aus einer ganz anderen Perspektive betrachten. Als in Suses Umfeld einige ältere Personen auf mysteriöse Weise ums Leben kommen, beschließt sie, den Dingen auf den Grund zu gehen. Endlich eine neue ›Aufgabe‹.

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Seitenzahl: 329

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Gabriela Bock

Ein leicht übernatürlicher Harzkrimi

Impressum

Die schwebende Hausfrau

ISBN 978-3-96901-023-5

ePub Edition

V1.0 (12/2021)

© 2021 by Gabriela Bock

Abbildungsnachweise:

Umschlag (Zeichnung) © Alica Khaet | [email protected]

Porträt der Autorin © Ania Schulz | as-fotografie.com

Lektorat:

Sascha Exner

Verlag:

EPV Elektronik-Praktiker-Verlagsgesellschaft mbH

Obertorstr. 33 · 37115 Duderstadt · Deutschland

Fon: +49 (0)5527/8405-0 · Fax: +49 (0)5527/8405-21

Web: harzkrimis.de · E-Mail: [email protected]

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar.

Bei den Schauplätzen dieses Romans handelt es sich bis auf einige wenige Ausnahmen um reale Orte. Die Handlung und die Charaktere hingegen sind frei erfunden. Etwaige Ähnlichkeiten mit lebenden und toten Personen wären reiner Zufall und sind nicht beabsichtigt.

Inhalt

Titelseite

Impressum

10. Juni 1951

Prolog

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10

Kapitel 11

Kapitel 12

Kapitel 13

Kapitel 14

Kapitel 15

Kapitel 16

Kapitel 17

Kapitel 18

Kapitel 19

Kapitel 20

Kapitel 21

Kapitel 22

Kapitel 23

Kapitel 24

Kapitel 25

Kapitel 26

Kapitel 27

Kapitel 28

Kapitel 29

Kapitel 30

Kapitel 31

Kapitel 32

Kapitel 33

Kapitel 34

Kapitel 35

Kapitel 36

Kapitel 37

Epilog

Eine kleine Bitte

Über die Autorin

Mehr von Gabriela Bock

10. Juni 1951

Getrappel auf Dielenböden, Gemurmel und Schreie.

»Das Kind ist tot!«

Meine Mutter verliert kurz das Bewusstsein nach 24 Stunden Rumquälerei. Das glitschige, blassblaue Ding von Nabelschnur spannt um meinen Hals.

»Schnell!«

»Das darf nicht sein«, weint mein Vater.

Getrappel! Sie geben ihr Bestes. Ich bin schwerelos, abgehoben, irgendwie oben. So stark wie nie wieder. Sie stecken meinen Körper in heißes und kaltes Wasser, massieren mich. Ich bin unten, aber oben. Mein Körper ist bei mir. Ich spüre mich.

»Sie lebt!«

»Hoffentlich wird sie nichts zurückbehalten.«

Tränen des Glücks. »Ein Mädchen.«

»Ach, noch eins. Na ja, egal. Hauptsache gesund.«

»Hauptsache, sie lebt.«

»Wie soll sie heißen?«

Meine Mutter sagt: »Mona.«

»Ach bitte Schatz, wir hatten uns auf Susanne geeinigt.«

»Gut, Mona-Susanne.«

Sie nennen mich Suse.

Ich habe etwas zurückbehalten. Die Fähigkeit zu schweben. Dadurch bin ich einzigartig, stark und unschlagbar. Meine Neugierde kann ich mühelos befriedigen.

»Viele Kinder bilden sich ein, sie könnten fliegen«, sagen sie. »Kinder haben schon eine sonderbare Fantasie.«

Ich kann es wirklich. Sie begreifen das nur nicht. Immer wenn ich es vorführen will, funktioniert es nicht. So ist das mit manchen Sachen. Es lässt mich mit sieben eine Diphtherieerkrankung überstehen. Sie denken, sie hätten mich mit Medizin gerettet, dabei kam ich von mir aus zurückgeschwebt. Mit zwölf Jahren verliere ich diese Fähigkeit, aber nie die Erinnerung daran. In ihrer Welt ist es normal, nicht zu schweben. Normal zu sein schmerzt. Gegen diesen Schmerz kämpfe ich an. Trotz großer Wunden und Verluste.

Bis heute.

Prolog

Wie eine grauweiße Decke legt der Sturm den Schnee über die Landschaft. Blattlose Grüppchen aus Buschwerk trotzen scheinbar regungslos. Nur die Kronen der großen Bäume schaukeln ruckartig hin und her. Am Horizont erscheinen Farben, milchig blass hingehaucht.

Er vergräbt die Hände tief in den Taschen seiner Daunenjacke. Der Schnee löst ein schmerzhaftes Prickeln in seinem Gesicht aus, sammelt sich zwischen Kapuze und Stirnband, kriecht zwischen Hals und Pullover. Die beiden Hunde aus dem Schneesturm umkreisen ihn. Der Große springt an ihm hoch. Er kennt die Hunde.

Aus den Farben heraus wird sie sichtbar. Sie lächelt ihn an. Er denkt: Genau sie ist die Richtige dafür.

»Schöne Hunde«, sagt er.

»Danke, finde ich auch.«

Sie nimmt die Hunde an die Leine. Als er sich nochmal umdreht, sieht er sie in dem wirbelnden Weiß verschwinden.

Kapitel 1

Unser hellrosa gestrichenes Holzhaus am Ortsrand von Hattorf passte sich den Farben wunderbar an. Die Stimmung im Feld hatte mich vergessen lassen, wie kalt es eigentlich war. Auf gefühllosen Stöcken stakelte ich zur Tür. Im Haus ließ ich die Hunde auf den alten Teppich im Hauswirtschaftsraum, hängte meine nassen Sachen auf die Wäscheleine und betrat in meiner schäbigsten Skiunterwäsche ahnungslos die Küche. Diese Unterwäsche passte mir schon vor Katinka, als ich noch 80 Kilogramm wog. Inzwischen wog ich 90, bei einer leider konstant bleibenden Größe von 1,60 m.

Es war ein Samstag. Richy, Katinka, Leonard und so ein blondes Mädchen saßen am Küchentisch, aßen Weihnachtskekse und tranken Tee. Die Kerzen auf dem Tisch tauchten den Raum in ein heimeliges Licht. Ich wollte gerade wieder zurück in den Hauswirtschaftsraum verschwinden – so wie ich aussah, konnte ich unmöglich der neuen Freundin unseres Sohnes begegnen – als die aufsprang und mir ihre schmale Hand entgegenstreckte.

»Guten Tag, ich bin Lulu.«

Etwas verärgert versuchte ich zu lächeln.

»Ich bin Suse. Tut mir leid, hätte ich gewusst, dass wir Besuch haben, hätte ich mich umgezogen.« Mist, meine Lippen waren immer noch taub von der Kälte.

»Macht doch nichts«, meinte Lulu.

Mein Mann Richy polterte daraufhin sofort los. »Wenn du dich noch einmal entschuldigst, Suse!«

Er hatte ja recht. Zu meinen schlechtesten Angewohnheiten gehörte es, mich immer für alles Mögliche zu entschuldigen. Trotzdem warf ich ihm einen empörten Blick zu. Mich hatte es doch mal wieder kalt erwischt und nicht ihn. Wir setzten uns. Ich goss mir Tee ein und umklammerte mit meinen Händen die warme Tasse. Dieses unwirkliche Schneetreiben draußen im Feld hatte mich so fasziniert, dass ich beinah festgefroren wäre.

Leonard hielt Lulu im Arm. Sie lächelte verlegen. Wie jung sie aussah mit ihrer Zahnspange und in dem lila Glitzer-Jäckchen. Den hellblonden Kükenflaum auf dem Kopf trug sie in alle Richtungen abstehend in Form gegelt. Leonard flüsterte ihr etwas zu, bevor sie aufstanden.

»Vielen Dank für den Tee und die Kekse«, sagte Lulu.

Leonard zog sie in sein Zimmer.

»Sag mal, die ist doch höchstens sechzehn.«

Mein Mann sah mich fragend an. Ich hatte keine Ahnung, wie alt sie war. Unser zwanzigjähriger Sohn wechselte öfter mal seine Frauenbekanntschaften. Katinka erschien in ihrer Winterjacke, auf dem Rücken baumelte ein prallgefüllter Rucksack. Richy sprang hastig auf, verschwand im Hauswirtschaftsraum. Kurze Zeit später kam er im Blaumann wieder.

»Ich nehme Katinka gleich mit zu Jeremy, wir sehen uns später«.

Wir wollten abends ausgehen und Katinka übernachtete bei unserem ältesten Sohn und dessen Lebensgefährtin. Ich konnte es nicht fassen, dass Richy an so einem Tag unbedingt noch in die Pension musste. Dieses alte Gebäude, das er und unsere Freundin Marga seit drei Jahren, seit dem Tod ihres Vaters, wieder instand brachten, war der Grund dafür, dass wir uns kaum noch sahen. Obendrein war vorauszusehen, dass die Kosten für die Renovierung uns demnächst den finanziellen Todesstoß verpassen würden. Aber nachdem ich von Richy gebeten worden war, mich da raus zu halten, tat ich, was von mir verlangt wurde. Obwohl ich gern mitrenoviert hätte, äußerte ich mich nicht mehr zu dem Fall.

Katinka nahm mich in den Arm. »Tschüss, bis morgen, Mama.«

»Deinem Gepäck nach zu urteilen sehen wir uns erst in drei Wochen wieder.«

Sie lachte.

Ich blies die Kerzen aus und auch das Teelicht im Stövchen. Dann räumte ich die leere Keksdose weg und packte die Tassen in die Spülmaschine. Das Mittagsgeschirr passte auch noch mit rein. Auf der Arbeitsplatte und der Spüle klebten noch die Soßenspritzer von den Sahne-Schnitzeln, die es mittags gegeben hatte. Mit Spülmittel und einem Schwamm rubbelte ich das angeklebte Zeug weg.

Ich hatte mir immer diese große Familie gewünscht. Und als die Kinder klein waren, hatte ich nie an mir und meinem Leben gezweifelt. Inzwischen kam ich mir manchmal noch nicht einmal mehr wie eine Hausfrau, sondern eher wie ein Dienstmädchen vor. Nein falsch, sagte ich mir, Dienstmädchen bekommen Geld für ihre Dienste. Mich ärgerte es, nicht einen Cent eigenes Geld, selbstverdient und nur für mich, zu haben.

Nach oben nahm ich die Hunde mit. Ich musste dringend warm werden und so kuschelte ich mich in unser Bett. Die Hunde legten sich davor. Ich bibberte. Erst als ich mir Richys Bettdecke auch noch rangezogen hatte und mich völlig darin eingrub, wurde mir langsam wärmer. Mit dem wohlig warmen Gefühl, das mich durchströmte, verbesserte sich auch meine schräge Laune etwas.

Durch meine schöne Kindheit war ich zu einer fröhlichen, positiv denkenden Erwachsenen geworden. Daran konnte selbst die wilde Jugend, in der ich leider auch Negatives erlebt hatte, nichts ändern. Deshalb gab ich mich dem Trugschluss hin, meine Energie würde sich nie verbrauchen. Mit zwanzig bekam ich Karlotta, mit vierundzwanzig Petronella, mit achtundzwanzig Jeremy, mit dreißig Jonathan, mit sechsunddreißig Leonard und mit fünfundvierzig Katinka. Das war jetzt schon elf Jahre her.

Inzwischen waren wir siebenfache Großeltern. Neben der Kindererziehung versuchte ich noch Lehramt zu studieren, woraus natürlich nichts wurde. Später ließ ich mich zur Heilpraktikerin ausbilden. Wenigstens das mit erfolgreichem Abschluss. Wir bauten zwei Häuser. An dem letzten, in dem wir auch leben, bauten wir ganze drei Jahre lang, weil wir beinah alles ohne fremde Hilfe bewerkstelligten. Als ich mit Katinka im fünften Monat schwanger war, starb meine Mutter an Herzversagen. Drei Jahre nach meinem Vater. Beide waren nur dreiundsechzig Jahre alt geworden. Selbst da dachte ich noch positiv. Bis ich drei Monate nach Katinkas Geburt einen Nervenzusammenbruch bekam. Ein halbes Jahr brauchte ich, um mit der Hilfe eines Psychiaters und meiner Familie da wieder raus zu kommen. Richy, der als Lehrer an einer KGS arbeitet, nahm sich ein Jahr unbezahlten Babyurlaub. Alleine hätte ich es nie geschafft. Nur ganz langsam erholte ich mich wieder. Aber bei einer so großen Familie waren Rückschläge anscheinend vorprogrammiert. Ein Jahr nachdem ich Katinka bekommen hatte, wurden wir zum zweiten Mal Großeltern. Unsere Tochter Petronella und ihr Freund Manuel bekamen ein Baby. Ein Mädchen, das sie Jane nannten. Als Jane drei Monate alt war, starb Manuel bei einem Autounfall.

Meine Oberschenkel fühlten sich inzwischen wie eine Wärmflasche an. Auf keinen Fall durfte ich jetzt einschlafen. Ob Albert Einstein das wirklich alles gesagt hatte, was ihm hinterher angedichtet worden war, weiß ich nicht. Aber an den Spruch erinnerte ich mich, und es war genau das, was mir in dem Augenblick guttat: Mehr als die Vergangenheit interessiert mich die Zukunft, denn in ihr gedenke ich zu leben.

Als ich mir sagte: Nur für einen Augenblick, ich werde schon von alleine wieder wach! und meine Augenlider immer schwerer wurden, hatte wahrscheinlich der Vollmond hinter dicken Wolken am Himmel des südwestlichen Harzvorlandes gestanden. Denn bei Vollmond träume ich immer.

Unsere Eltern waren nach Rom geflogen. Und deshalb verbrachte ich meine ersten großen Ferien zusammen mit meiner Schwester bei unseren Großeltern in St. Andreasberg. Opa Heinrich war Förster. In dem abseits im Wald gelegenen Forsthaus wohnte außer den Großeltern noch ein älteres Ehepaar namens Brönnecke. Meine zwei Jahre ältere Schwester hing Tag und Nacht über ihren Büchern. Seit sie sich mit fünf das Lesen beigebracht hatte, war sie davon nicht mehr wegzubekommen.

Oma Auguste ging mit mir im Wald spazieren. Wir hatten zwei Hunde dabei. Unsere Dackeldame Penny und den Jagdhund meiner Großeltern, Goso. Oma befühlte die Bäume, nahm Moos auf, roch daran. Sie schmiss das Moos hoch. Es landete mit der grünen Seite auf dem Waldboden. Oma setzte ihre Brille auf, betrachtete es genau.

»Wir haben Vollmond. Heute Nacht ist es sehr kalt und jemand wird sterben.« Sie blickte mich entsetzt an. »Kindchen, Suse, ich will dir keine Angst machen.«

Wir gingen zurück. Oma Auguste hatte das Moos mitgenommen. Vor dem Forsthaus begegnete uns das Ehepaar Brönnecke. Ich bekam gar nicht so richtig mit, worüber sie sich mit Oma unterhielten. Frau Brönnecke sah so anders aus. Viel bunter als ihr Mann. Obwohl sie einen graublauen Rock und eine graue Jacke trug, sah ich sie strahlender vor mir. Sie stach hervor. Sie sagte etwas zu mir und reichte mir die Hand.

»Danke«, sagte ich und war verlegen. Keines ihrer Worte hatte ich mitbekommen.

In der Nacht zog ein voller Mond in den Grautönen der Wolken über den Harz. Es war kalt und windig. Ich sah Frau Brönnecke vorm Fenster stehen. Sie winkte und war genauso hell wie der Mond. Ich winkte zurück. Ich schwebte über die dunklen Holzdielen den langen Flur entlang, die mit dem gemusterten Teppichboden belegte Treppe runter, an der Tür zu der Brönneck’schen Wohnung vorbei zu der schweren, verzierten Haustür, durch den Wind, der mich fing und zur Seite drückte, zu dem Toilettenhäuschen in Verlängerung des Schuppens.

Ein weiter Weg für eine Kleine wie mich und Oma, die an Geister glaubte, wollte nicht, dass ich nachts alleine zum Klo schwebte. Sie, Opa Heinrich und Silke waren die Einzigen, die nicht darüber lachten, wenn ich ihnen sagte, dass ich schweben kann.

Am nächsten Morgen weckte Oma mich. Bei ihnen gab es immer sehr zeitig Frühstück. Silke hatte ein Buch dabei und zitierte eine Stelle daraus: »Manche Pyramiden waren innen vergoldet, weil dadurch der Körper des Verstorbenen, der darin beigesetzt wurde, Unsterblichkeit erringen sollte.« So etwas sagte sie andauernd. Meine Großeltern warfen sich Blicke zu.

»Frau Brönnecke ist tot«, sagte ich.

Oma Auguste guckte zur Standuhr rüber. »Die stehen immer erst um acht Uhr auf.«

Nach acht, wir waren gerade dabei, Oma beim Abwasch zu helfen, klopfte es an der Wohnungstür. Herr Brönnecke weinte und teilte uns mit, dass er seine Frau tot im Bett gefunden hatte.

»Sie hat es auch«, flüsterte Oma meinem Opa auf dem Flur zu. »Hoffentlich kommt sie damit zurecht und verzweifelt nicht daran, so wie Thua.«

Langsam drehte ich mich noch einmal in meinem Bett um, benommen von dieser Mischung aus Traum und Wachzustand. Es war eine Erinnerung, die ich ständig träumte. Frau Brönnecke war wirklich gestorben. Und ich konnte als Kind schweben, da war ich mir völlig sicher. Menschen den nahenden Tod anzusehen, ist alles andere als ein Geschenk, über das ich besser nicht spreche und nur selten gesprochen habe. Einmal hatte ich den Fehler gemacht und es einer jungen Frau aus dem Ort erzählt. Sie rief mich seitdem ständig an und fragte mich, ob sie bald sterben müsse. Manchmal täuschte ich mich ja auch, aber das war eher selten.

Thua, der Schwester meiner Großmutter, wurde aufgrund dieser Fähigkeit der ›böse Blick‹ angedichtet und man ächtete sie. Sie versteckte sich daraufhin so tief im Wald, dass selbst die eigenen Familienangehörigen sie erfolglos suchten. Mein Urgroßvater fand sie Jahre später, bereits mumifiziert, in den Tiefen des Harzwaldes. Allein ein Schmuckstück und Reste der Kleidung wiesen darauf hin, dass es sich um seine geliebte Tochter handelte.

Als ich die Leuchtziffern von Richys Wecker anstarrte, erschrak ich darüber, dass es schon nach achtzehn Uhr war. Ich wälzte mich auf meine Seite, schälte mich aus den Decken und schlüpfte in die Puschen. Meine arthrotischen Gelenke an beiden Knien und im rechten Sprunggelenk schmerzten so stark, dass ich mich wieder zurück aufs Bett fallen ließ. Dann nahm ich erneut Schwung, humpelte nach unten und klopfte an Leonards Tür. Er musste mit den Hunden gehen. Aber er war nicht da. Nur die Stereoanlage lief.

Kapitel 2

Als ich vor die Tür trat, wurde mir sofort bewusst, warum meine Gelenke so schmerzten. Die Temperaturen waren gestiegen, der Schnee kam inzwischen als Regen runter. Die Straßenbeleuchtung befunzelte das graue Nass. Vorsichtshalber nahm ich Sylver an die Leine. Unser grauweißer Husky-Wolfsspitz-Mischling war ein Jäger. Wenn ihn das Fieber packte, strich er tagelang im Wald umher. Woody, unseren kleinen Sheltie, ließ ich laufen. Er machte sich nur aus dem Staub, wenn im Ort Hündinnen läufig waren. Er stand dann mit klappernden Zähnen stundenlang bei den Hundebesitzern vor der Tür. Nicht selten riefen die bei uns an und schrien solche Sachen ins Telefon wie: »Holen Sie gefälligst ihren aufdringlichen Rüden vor unserer Tür ab!« Nie meldeten sich die Leute mit Namen. Und ich konnte wirklich nicht alle läufigen Hündinnen im Ort kennen. So klein ist Hattorf auch nicht.

An den Rändern der Bordsteine sammelte sich noch etwas Schnee und meine Stiefel schlürften über den Boden, der durch das Licht an manchen Stellen glitzerte, als wäre er glatt. Als ich zurückblickte, fiel mir auf, dass unser Auto in der Einfahrt stand. Demnach war Richy mit Jeremys Transporter unterwegs. Ich ließ die Hunde in den Kofferraum und fuhr auf dem Ernteschnellweg nach Wulften. Das Altenheim, um das ich oftmals meine Runden drehte, befand sich etwas abseits des Ortes, von einem Gehöft und mehreren Wohnhäusern umgeben. Den Wagen stellte ich vor dem Bauernhof ab. Hier kauften wir gelegentlich Eier und Kartoffeln.

Einige alte Leute waren in dem parkähnlichen Garten des Seniorenheims unterwegs. Direkt vor dem Eingang standen zwei Polizeiautos. Die Hunde pinkelten an die Reifen eines auf der Straße abgestellten hellen Kombis. An dem Playboy-Aufkleber an der Heckscheibe und dem Wackel-Elvis auf dem Armaturenbrett erkannte ich das Auto. Es gehörte Benjamin Ebel, dem Sohn von Richys altem Klassenkameraden Friedrich. Einem, wie ich damals fand, ruhigen, unscheinbaren Menschen, der mit seiner noch unscheinbareren Frau beinah in unserer Nachbarschaft wohnte. Wir trafen uns nur mal ab und zu rein zufällig oder bei Feiern im Ort. Benjamin, der mit Jeremy zur Schule gegangen war, erfreute sich unter den Gleichaltrigen nicht gerade größter Beliebtheit. Er petzte, schleimte rum, benahm sich abgehoben und, das Schlimmste überhaupt, er schmiss sich an die Freundinnen der anderen Jungs ran.

Als ich einen Blick in das Auto warf, fiel mir der grüne Teppich auf, der schräg hinten drin lag. Dafür waren die Rücksitze umgeklappt worden. Der Teppich war aufgerollt und doppelt und dreifach mit Paketband verschnürt worden, als hätte jemand Angst, er könnte sich von alleine wieder aufrollen. Über die Enden waren Mülltüten gestülpt.

Ein junger Altenpfleger kam gerade mit einer kleinen greisen Dame an das Tor, welches an den Gehweg grenzte. Ich stand noch neben dem Kombi, als die alte Frau die Hand hob und mit ihrem dürren Finger auf das Auto zeigte.

»Mörder«, sagte sie. Ihre Stimme zitterte brüchig. Sie sah so klein und verloren aus, so verletzlich, wie sie dastand. Plötzlich hob sie den Arm wieder und schwenkte ihn in Richtung Altenheim. »Alles Mörder hier!«

Verdutzt lächelte ich den Pfleger an. Was sagte sie da bloß? Das Altenheim, neuerdings auch Altenresidenz genannt, besaß in der Tat einen erstklassigen Ruf.

Eine andere, nicht ganz so alte Frau kam schnellen Schrittes den Weg entlang. Ich kannte sie flüchtig. Erst neulich hatte ich sie mit dem Auto vom Einkaufen ein Stück mitgenommen, weil ich es gar nicht mitansehen konnte, wie sie ihren schweren Einkauf nach Hause schleppte. Sie hieß mit Nachnamen Berlin und war eine äußerst attraktive Person. Woody knurrte, weil sie Stiefel mit Absatz trug, die auf den Steinplatten klapperten.

»Guten Abend, Frau Berlin«, sagte ich freundlich.

Sie funkelte mich feindselig an, hakte die kleine alte Dame unter und zog sie zum Altenheim.

»Mörder, Hilfe, Mörder!«, rief die kleine Dame, aber es klang dünn.

»Sei sofort still!«, befahl Frau Berlin ihr.

»Was ist mit ihr?«, fragte ich.

Der junge Altenpfleger hob die Schultern. »Keine dauerhafte Demenz, soviel ich weiß. Nur ab und zu vergräbt sie sich in ihrer eigenen Welt. Sie erzählt dann Geschichten. Vielleicht spekuliert sie auch, was dem alten Mann passiert sein könnte, der seit gestern Abend spurlos verschwunden ist. Sie sehen ja, alle suchen nach ihm. Sie haben sicher schon davon gehört.«

Nein, hatte ich nicht.

»Das wäre ja dann der dritte Fall dieser Art in den letzten zwei Jahren«, stellte ich fest.

Der junge Mann nickte. »Vor zwei Jahren die gehbehinderte Frau, die in einem dieser altengerechten Bungalows lebte, dann im vergangenen Jahr der pensionierte Pastor. Die Leichen wurden ja später gefunden. Es hatte sich in beiden Fällen um tragische Unglücksfälle gehandelt.«

»Und wer ist es diesmal?«, fragte ich und dachte daran, wie ich umhergelaufen war und die alten Menschen gesucht hatte. Sogar nachts war ich mit dem Auto den Rotenberg abgefahren.

»Herr Pelzig, seit vier Jahren ein Bewohner einer der Bungalows. Zwar war er noch rüstig genug für einen Ausflug, aber er war verabredet, hatte Termine gemacht. Abends wollte der Arzt kommen.«

Die Sache ließ mir keine Ruhe. »War er krank, ich meine schwer krank, depressiv oder so was?«

»Suizid?« Der junge Mann machte ein Jein-Gesicht. »Da steckt man nicht drin. Anzeichen waren keine vorhanden.«

»Ist ja alles unheimlich«, sagte ich.

Er nickte. »Na, mal sehen, was kommt. Wenn er draußen liegt, ist er längst erfroren. Wiederum gehen die alten Leute bei dem launischen Wetter auch nicht allzu weit.«

Es regnete in Strömen. Der junge Mann ging rein.

Ich spürte den Schmerz in meinen Beinen kaum noch, als ich wie ein Spürhund um das Auto schlich. Während ich mich nochmal umguckte, blieb mein Blick an dem länglichen Fenster eines Gebäudes auf der gegenüberliegenden Seite der Straße hängen. Weder fühlte ich mich müde, noch war ich verwirrt. Eine Hand hob die Scheibe an, um sie zu schließen. Ich kannte diese Mechanik der Fenster aus unserem Wohnmobil, das wir leider aus finanziellen Gründen verkaufen mussten.

Waren wir die ganze Zeit belauscht und beobachtet worden? Wer wohnte in dieser Wohneinheit und war so interessiert an den Vorgängen um das Altenheim, dass er wahrscheinlich auf einem Stuhl stehend verharrte, um die Straße und den Park beobachten zu können?

Verstohlen warf ich noch einmal einen Blick auf den grünen Teppich. In so ein Teil ließ sich bequem eine Leiche einwickeln! Bevor ich versuchte, den Kofferraum zu öffnen, sah ich mich erneut nach allen Seiten um. Er war natürlich verschlossen, genauso wie die anderen Autotüren auch. Was hatte ich denn erwartet?

Für einen Augenblick überlegte ich, noch forscher vorzugehen und einfach die Polizei über den Teppich zu informieren. Aber das mit dem Teppich hatte schon was klassisch Klischeehaftes, sodass es schon wieder peinlich wäre, es zu erwähnen.

Inzwischen triefend nass, ging ich zum Eingang des Bungalows, von dessen Fenster ich glaubte, beobachtet worden zu sein, um das beleuchtete Klingelschild zu betrachten. Als ich den Namen Kurt Pelzig las, erschrak ich zuerst, bis es mir so ging wie immer in so einer Situation. Übergroße Neugierde, gepaart mit einer Portion Courage, überkommt mich so heftig, dass ich nichts mehr dagegen unternehmen kann.

Aber es war, als wenn mich etwas zurückhielt, an der Tür zu klingeln. Und dann kam mir urplötzlich wieder diese Feier in den Sinn, zu der wir ja unbedingt hingehen mussten. Viel lieber hätte ich mir bessere Regensachen angezogen und nach dem alten Mann gesucht. Ungeklärte Sachen machten mich verrückt. Menschen verschwanden nicht einfach so. Margas Sohn war auch verschwunden. Aus der Wiege raus. Das war über vierzig Jahre her und sie suchte ihn immer noch.

Kapitel 3

Richy kam schon aus der Dusche, als ich im Bademantel das Bad betrat. »Was willst du denn hier noch?«, fragte er. Klatschnass rutschte er auf einem Handtuch umher und versuchte, den beschlagenen Spiegel mit der Hand frei zu wischen.

»Ich habe mich verspätet«, sagte ich kleinlaut.

Er blickte mich vorwurfsvoll an. »Hast du mal auf die Uhr geguckt? Beeil dich bitte.«

Immer wenn ich aufgeregt war oder unter Zeitdruck stand, schnellte mein Blutdruck in die Höhe, meine Brust und mein Gesicht nahmen dann diese krebsrote Farbe an. Richy, der damit begonnen hatte, sich zu rasieren, sah mich an und setzte den Rasierer ab.

»Oh Suse, reg dich nicht auf. Wir gehen auf keinen Staatsempfang, sondern lediglich auf Verenas Fünfzigsten. Also kein Grund zur Panik.«

Ich zog den Bademantel aus und legte ihn auf den Badewannenrand. So schnell wie möglich begab ich mich zur Dusche und schloss den Vorhang. In letzter Zeit vermied ich es, von Richy nackt gesehen zu werden. Obwohl er das albern fand und gar nicht verstehen konnte. Die Wechseljahre lagen hinter mir, obwohl ich immer noch unter Hitzewallungen litt. Aus allen sechs Schwangerschaften war ich ohne einen einzigen Schwangerschaftsstreifen herausgekommen. Jetzt aber musste ich mit ansehen, wie mein Gewebe immer schlaffer wurde. Inzwischen fühlte ich mich nicht mehr wohl mit meinem Körper. Als ich einen Orthopäden aus Göttingen fragte, was ich dagegen machen könnte, lachte der nur und meinte: Älterwerden ist gemein.

Ich sagte ihm natürlich nicht, dass ich Heilpraktikerin bin und genau weiß, dass sich mit Ernährung und Bewegung, vielleicht noch mit der richtigen Pflege eine Menge aufhalten lässt. Aber du hast dich vernachlässigt und das ist jetzt die Quittung… was erwartest du eigentlich?Von nichts kommt nichts, bestrafte ich mich in Gedanken selbst. Als ich unter der Dusche vorkam, war Richy zum Glück schon weg.

Je älter ich wurde, umso schwieriger fand ich es auch, mich zum Ausgehen fertig zu machen. Beim Blick in den Spiegel fiel mir spontan der Spruch unseres Nachbarn zur Rechten ein, den ich mir manchmal schon morgens anhören musste, wenn ich mit den Hunden an seinem Grundstück vorbeihumpelte. »Guten Morgen, meine Liebe. Nett siehst du wieder aus.« Es folgte jedes Mal ein Grinsen. »Wie Miss Unox vom Lande.« Selbst im Supermarkt nannte er mich ›Miss Unox‹.

Auch nach der zweiten Schicht hellem Concealer schimmerte das Rot meiner Haut noch durch. Ich wäre zu gern nicht mitgegangen. Der Blick in den Spiegel bestätigte es nur: Durch die rote Gesichtsfarbe wirkten meine graublauen Augen völlig farblos. Den Haaren fehlte, wie der gesamten Person, die Spannkraft. Sie hingen hennarot, mit möhrenfarbenen Strähnen, am Ansatz stellenweise weiß fusselig, bis auf die Schultern durch.

Das halsferne schwarze Top ließ mein zerknülltes Dekolletee erkennen. Schnell hängte ich eine Kette aus grünlackierten Holzperlen darüber. Der braune Hosenanzug, mein neuster Fehlkauf, wirkte wie der Arbeitsanzug einer besonders biederen Arbeiterameise an mir, und so klein fühlte ich mich plötzlich auch. Und, konnte ich mir bei unserer Finanzlage eigentlich Fehlkäufe leisten?

Verena hatte für ihre Feier das Hattorfer Dorfgemeinschaftshaus gemietet. Ein schmuckloses Gebäude, das sich im Innern mit guter Dekoration durchaus aufpeppen ließ. Schon im Eingang merkte ich, dass ich völlig falsch angezogen war. Dabei hatte Verena, die übrigens die Exfrau von Richys Cousin ist, etwas von ›nicht in Schale schmeißen‹ und einer irischen Musikgruppe gesagt. Im Jahr zuvor, an ihrem Neunundvierzigsten, hatte sie uns gebeten, etwas eleganter zu erscheinen. Ich hatte mich daraufhin in ein langes Kleid gezwängt, so was Country-mäßiges, und es eine Stunde darin ausgehalten, bevor ich heulend nach Hause fuhr. Eine dumme Geschichte. Ich fand, Kleider standen mir überhaupt nicht mehr. Darin sah ich aus wie ein gefüllter Kartoffelsack mit Plattfüßen.

Ich klammerte mich von hinten an Richy fest, der mal wieder selbstsicher auftrat, wie immer gut aussah, ohne Probleme mit der Wirkung auf andere, beinah so schlank wie vor vierunddreißig Jahren, als wir geheiratet hatten, in Lederhose und weißem Hemd einfach den Saal betrat.

Verena kam uns in einem sehr kurzen rosa Kleid entgegengewankt. Spitze, mit Satin unterlegt. Das Kleid war für sie wie geschaffen. Der Satinanteil war vorne bis zum Bauchnabel und hinten bis zur Arschritze ausgeschnitten. Die Spitze ließ ihre etwas knüllige, vom Solarium gebräunte Haut durchschimmern. Ihre langen schlanken Beine wurden durch eine Netzstrumpfhose betont. Aus der kunstvoll aufgetürmten, blonden Lockenpracht hatte sich eine Strähne gelöst, was sie noch erotischer wirken ließ.

Sie drückte mir einen Sekt in die Hand und hauchte: »Schön, dasch ihr gekommen scheid. Der Abend wörd unvergeschentlich, nein… unverscheschlich… egal, nie wördet ihr den vergeschen.«

Wir stießen an und umarmten uns. Als Geschenk überreichte Richy ihr eine edle Flasche Wein aus unserem Hattorfer Weinlädchen, woran ein Umschlag mit einem Gutschein über ein gemeinsames Picknick hing. Wir machten, und das war wohl unserer Großfamilie geschuldet, nie große Geschenke. Was anscheinend alle in Ordnung fanden.

Verena war so breit zu dem Zeitpunkt, dass sie sich zuerst noch an mir festhalten musste. Ihr neuer Freund nahm sich unverzüglich der Armen an. Er war ein freundlicher, sympathischer Typ, der mit Sicherheit zwanzig Jahre jünger war als sie. Verena hatte die Tische mit Naturmaterialien dekoriert, was mir äußerst gut gefiel. Man merkte, dass sie sich Mühe gegeben hatte und ihr die Feier viel bedeutete. Auf den Tischen standen Platzkärtchen. Eine Truppe, bestehend aus drei Musikern, sorgte etwas dilettantisch für musikalische Untermalung. Irisch natürlich, wie angekündigt.

Verena hatte uns neben Ebels platziert. Kaum dass wir saßen, blickte Friedrich an seiner Frau vorbei und sagte zu mir: »Guten Abend, Suse. Dass wir uns immer zur selben Zeit vor diesem heidnischen Fest treffen und sonst nie. Bist du sehr nass geworden, heute mit den Hunden?«

Was sollte die Frage? Wo hatte er mich mit den Hunden gesehen? »Es goss in Strömen«, sagte ich. Sollte einer aus Friedrich schlau werden. Er war so ein verschlossener, undurchsichtiger Mensch und er guckte durch seine starke Brille, wie er immer guckte. So anständig unauffällig, dass man sich augenblicklich nicht mehr traute, auch nur einen klitzekleinen unmoralischen Gedanken zu haben.

Seine Frau siezte mich nach so vielen Jahren immer noch.

»Wie geht es Ihnen?«, fragte sie.

»Danke gut, bloß meine Beine …«

»Ich will ja nichts sagen, aber mein Arzt sagt immer, es liegt am Übergewicht, jedenfalls auch am Übergewicht.«

»Weiß ich, ich kämpfe auch schon dagegen an«, bemerkte ich.

Sie war gertenschlank und hielt mir ihr Bein entgegen, bewegte es auf und ab. »Bei mir fängt es auch schon an, hören Sie, wie es knackt?«

Nein, hörte ich nicht, dafür war die Musik zu laut. Sie sah mich an, lächelte, nahm meine Hand.

»Deswegen habe ich mich auch schon immer gefragt, wenn ich Sie so humpeln sehe… was Sie sich alles zumuten. Und die vielen Kinder und Enkelkinder. Wie viele Enkelkinder haben Sie inzwischen?«

»Sieben«, sagte ich, »aber die Eltern der Kinder wissen, dass ich nicht die Oma vom Dienst sein will, und sie halten sich daran.« Ich versuchte, an das zu glauben, was ich sagte.

»Kann ich verstehen. Aber ich frage mich, warum ausgerechnet Sie sich dann auch noch Hunde angeschafft haben?« Das Wörtchen ›ausgerechnet‹ benutzen meine Mitmenschen anscheinend sehr gern, wenn es um meine Person ging.

»Was meinen Sie mit ›ausgerechnet ich‹?«

»Weil Ihnen das niemand zugetraut hätte. Wo Sie doch früher dieses auffallend schöne, zarte Geschöpfchen waren. Immer ausgefallen und vom Feinsten gekleidet. Sie waren eine ausgesprochene Trendsetterin. Wie ich Sie bewundert habe.«

Ich schluckte. Vielleicht war ich ja wirklich mal ganz ansehnlich gewesen, lange ist´s her. Und Geschöpfchen? Hatte sie eine Ahnung, wie ich mich gegen meine dominante, burschikose, ältere Schwester durchsetzen musste, die heute eine gefragte Archäologieprofessorin ist und von der ich nur alle Jubeljahre mal was höre, geschweige denn sie persönlich zu sehen bekomme.

»Als zartes Geschöpfchen habe ich mich nie gesehen«, bemerkte ich.

Sie legte ihre Hand auf mein Knie, während ihr Blick mir alles andere als Zuneigung entgegenbrachte. Eine Mischung aus Hass und Abneigung glaubte ich darin zu erkennen.

»Nichts für ungut, meine Liebe, aber doch, das waren Sie.«

Ich war froh, als sie ihre Hand von meinem Knie nahm. Es ist deprimierend, gesagt zu bekommen, wie schön man früher mal gewesen ist, und diese Frau, die etwas jünger als ich sein musste, war mir vorher nie aufgefallen. Woher kannte sie mich?

Ich setzte gerade an, sie das zu fragen, als Friedrich sie bat, mit ihm zu tanzen. Er fummelte schon die ganze Zeit so an dem Ärmel ihrer Kostümjacke herum, als wollte er nicht, dass sie sich mit mir unterhielt.

Aus den Gedanken an meine Jugend wurde ich durch ein schrilles Lachen gerissen. Mir gegenüber, auf der anderen Seite des Tisches, saß Mandy, Verenas Chefin aus dem gleichnamigen Haarstudio in Osterode. Ganz in Weiß! Außer den Haaren, die in einer undefinierbaren Farbe abstanden, als hätte sie in die Steckdose gefasst. Und die lediglich durch klitzekleine, weiße Klips am Explodieren gehindert wurden. Nein, so wie sie wollte ich auch nicht unbedingt aussehen. Sie blickte so zu mir rüber. So kritisch, so abfällig. Was weiß ich, wie. Aber ich glaubte, zu wissen, was sie dachte, und ich konnte mal wieder nichts dagegen machen – gegen dieses Gefühl der äußerlichen Bedeutungslosigkeit! Vielleicht würde ich es ja gar nicht bemerken und als normal ansehen, wenn es schon immer so gewesen wäre. Aber das war ja noch nicht alles.

Richy genau gegenüber saß der Star des Abends: Petra Langenhein. Oh Mann, sie sah mal wieder zum Dahinschmelzen aus und schmachtete Richy auf der Stelle an, was sie immer tat, wenn wir uns begegneten. Meine Gesichtsfarbe musste inzwischen bei Purpur angekommen sein. Ich ließ mir ein Glas Wasser bringen und, was ich sonst nie tat, schon aus Prinzip nicht, lieber ertrug ich die Schmerzen: An diesem Abend schmiss ich mir gleich zwei Schmerztabletten in das Wasserglas. Ein Betäubungsmittel wäre mir noch lieber gewesen.

Petras Mann Eberhard saß aufgebläht und halslos neben seiner Frau. Lediglich seine Glubschaugen bewegten sich in dem sonst starren Gesicht. Als würde ihn nichts interessieren, nur wenn Verena vorbeischaukelte, schien er sich in eine gierige Fresszelle beim Anblick einer Schweinshaxe zu verwandeln. Ich mochte Eberhard noch nie. Männer wie er hatten für eine unattraktive Dicke wie mich ohnehin nur abwertende Blicke und Kommentare über. Gerüchten zufolge hieß es ja sogar, er würde seine Frau für ganz extreme Sado-Maso-Spielchen benutzen und er hätte eine Seite auf irgendeiner Schmuddelplattform, die Richy längst auf dem Familiencomputer gesperrt hatte. Eigentlich war es mir auch egal. Er ignorierte mich und ich ihn. An dem Abend sah er fertig aus, fand ich.

Petra trug ein hautenges schwarzes Kleid. Ihre langen schwarzen Haare sowie das sehr üppige Dekolletee waren mit Glitzerspray versehen. Fingernägel und Schmollmund stachen an ihr rot hervor. Dazu passend trug sie rote High Heels. Um sie zu zeigen, war sie extra mit wippenden, übergeschlagenen Beinen vom Tisch abgerückt.

Ich hätte schreien können. Wegen meiner kaputten Gelenke musste ich flache Schuhe mit Einlagen tragen. Was anderes blieb mir gar nicht übrig. Und was hatte ich gerade erst im Wartezimmer beim Arzt in einer Frauenzeitschrift gelesen? Flache Schuhe zum Hosenanzug, das ging ohne Traummaße einfach gar nicht. Ich sah mich um. Überall Frauen mit passablen Formen. Keine sah so abgenuckelt und fett aus wie ich. Am meisten ärgerte ich mich darüber, mir mal wieder selber leidzutun. Womit, verdammt, hatte ich mir diese Selbstzweifel bloß eingebrockt? Was war mit der Frau passiert, die ich mal gewesen war? Wehmütig starrte ich vor mich hin. Der Abend war für mich doch sowieso gelaufen.

Kapitel 4

Über Petras Stuhl hing eine rote Federboa. Als die Band nach einer kurzen Pause wieder zu spielen begann – inzwischen weniger irisch, was sie besser beherrschten – kam Petra auf unsere Seite gestöckelt und hängte mir das rote Federding um die Schultern.

»Hier, nimm die, Süße! Das peppt dich ein bisschen auf. Was ist los mit dir? Du siehst so traurig aus.« Sie puffte mich mit ihrem Ellenbogen am Oberarm. »Komm, lass dich nicht so hängen«. Mit ihrer rauchigen Stimme ratterte sie die Sätze nur so runter.

Ich wollte ihr ja etwas von mir erzählen, aber sie hörte mir gar nicht zu, sondern blickte über mich hinweg und an mir vorbei. Ich mochte solche Missachtungen meiner Person gar nicht. Dann bückte sie sich ganz tief in Richys Richtung, wandte sich dann mir zu.

»Hast du was dagegen, wenn ich mir deinen Mann mal ausleihe? Keine Sorge …«, sie verzog breit den Mund, »nur zum Tanzen, was dachtest du denn?«

Ich dachte gar nichts. Ich kannte das schon. Richy strich mir noch mal wie einem Hund über den Kopf, bevor er mit ihr auf die Tanzfläche abzog. Die Federboa musste Petra aus einem Ramschladen erworben haben. Miese Qualität. Sie verlor Federn, sodass ich in kürzester Zeit rot eingefedert war. Das war der einzige Grund, warum ich das Teil eisern umbehielt. Damit für jeden sichtbar war, welchem Umstand ich die rote Sauerei auf meinem Hosenanzug zu verdanken hatte.

Ich vertrug seit Jahren Alkohol nicht mehr so richtig. Deshalb hatte ich mir vorgenommen, ganz wenig zu trinken, aber Benjamin Ebel saß plötzlich auf Richys Platz, mit einer Flasche Chianti in der Hand. Wie praktisch. Ich war ganz heiß darauf, ihn über sein Auto und das Altenheim auszufragen. Er redete viel und goss mir immer wieder nach. Das mit dem Ausfragen erübrigte sich, weil er mir bis ins kleinste Detail erzählte, wo er in der vergangenen Woche gewesen war. Und erst heute, auf den letzten Drücker, hätte er es noch geschafft, auf Verenas Feier zu erscheinen.

In einer Spaßtherme war er gewesen, mit Wellness und so. Das hätte er mal dringend nötig gehabt, denn er wäre so ausgelaugt gewesen! Der Job bei der Bank. Und dann die Weiber! Wenn man ›die Weiber‹ genauer kennt, wie er, würde man merken, dass sie alle Schrott seien! Zu kaufsüchtig, egoistisch, sexbesessen… oder, noch schlimmer… frigide. Aber, wenn man Benjamin glauben konnte, waren alle verrückt nach ihm. Nach dem großen Benjamin Ebel! Er hätte noch nicht mal sein Auto mitgenommen. Und weil er sowieso immer im Altenheim wäre, wegen seiner Tante, der kleinen Fee, hätte er sich überlegt, das Auto für die Zeit, wo er weg war, den alten Leuten zur Verfügung zu stellen.

»Ist das nicht großzügig von mir? Darf ich bitten, Suse?«

Er benahm sich vorschriftsmäßig, aalglatt, als wir versuchten, miteinander zu tanzen. Ich beobachtete ständig aus den Augenwinkeln, wie Petra mit Richy rumhopste, dann wieder hing sie an seinem Hals, ließ ihn in ihren Ausschnitt blicken. Bevor meine Arthrose so schlimm geworden war, dass mir manchmal das Körpergefühl fehlte, war ich eine gute Tänzerin gewesen. Ich tanzte für mein Leben gern.

›Wacker‹ ist das richtige Wort. Ich schlug mich wacker an dem Abend mit dem Tanzen, bis ich nicht mehr konnte. Wehmütig sah ich zur Tanzfläche rüber: Was Richy und Petra veranstalteten, war für mich seit langem tabu. Aber warum sollte ich ihm deshalb den Spaß verderben?

Benjamin schob mir einen Stuhl unter den Hintern.

»Vielen Dank für die Tänze.« Ich merkte den Rotwein. »Du bist eigentlich ganz schnuckelig, dein Mund ist sinnlich. Bloß diese kalten, berechnenden Augen, was verbergen die?« Musste ich blöde Kuh das unbedingt zu Benjamin sagen? Er starrte mich auch verdutzt an. »Ohne diesen Schanti würde ich dir das nie sagen, du könntest mein Sohn sein.« Nachdem ich diesen Schwachsinn auch noch von mir gegeben hatte, rief ich den Ober und bestellte noch eine Flache Schanti, die ich mir mit Benjamin teilte.

Anschließend verlor ich alle Scheu! Ich rannte umher, quatschte die Jungs von der Band mit meinem grässlichen Pigeon English zu, und das, obwohl sie immer wieder beteuerten, sie kämen gar nicht von der Insel. Ich klemmte mir noch eine Flasche Schanti unter den Arm und benahm mich ordentlich daneben, weil ich nicht aufhören konnte zu lachen, als die üblichen Vorführungen bei solchen Veranstaltungen begannen. Die rote Federboa half mir beim Erinnern, wo ich schon überall gewesen war. Überall dort hatte ich Federn gelassen. Sie klebten sogar oben auf dem Lachs vom kalten Buffet.

Nachdem ich von Benjamin auf dem Flur vor der Toilette umarmt worden war, Richy dazukam, mich zur Toilette brachte, mir die Hose runter und wieder hochzog, sich schlapp darüber lachte, wie ich das Wort Chianti aussprach, bekam ich irgendwie einen Filmriss.

Jedenfalls war ich erst wieder voll da, als ich nackt, mit dem roten Ding um den Hals in meinem Bett lag. Richy, der eine Menge Glitzerspray abbekommen hatte, kniete über mir, lachte und fotografierte mich andauernd. Hätte er das früher mal gemacht. Inzwischen war es mir oberpeinlich.

»Lass das!«, schrie ich ihn an.

»Du brauchst noch mehr Schanti«, lachte Richy und hielt mir die Flasche hin.

»Wie sind wir denn nach Hause gekommen?«, wollte ich wissen.

Richy hörte nicht auf zu lachen. »Zu neunt, in dem Mercedes von Verenas Freund. Der Typ ist auch noch Bulle von Beruf. Du hast quer hinten dringelegen. Wenn du es mir nicht glauben willst, es sind überall rote Spuren von dir.«

»Peinlich.«

»Quatsch«, gluckste Richy, »du warst einfach nur süß.«

Kapitel 5

Oh Gott! Als ich die Augen aufschlug, wusste ich wieder, warum ich mir vorgenommen hatte, so wenig wie möglich zu trinken. Mein Herz schlug wild in der Brust, der Kopf dröhnte. Wahrscheinlich stand ich kurz vorm Exitus. Richy hatte die Fotos schon ausgedruckt und auf meinen Nachtschrank gelegt. Als ich die Bilder sah, wurde mir richtig schlecht. Mit Müh und Not schaffte ich es zum Klo.