Die Seelenlicht Chroniken - Katrin Gindele - E-Book
Beschreibung

Am selben Tag, zur selben Stunde, auf die Minute genau werden zwei Kinder geboren. Ein Junge und ein Mädchen. Von Geburt an miteinander verbunden, werden sie ihrer Bestimmung folgen und auf die Suche nach ihrem Seelenlicht gehen. Ein Krieger aus einer anderen Welt. Eine Frau ohne Vergangenheit. Eine Bestimmung, die beide vereint. Als Kathleen von ein paar Betrunkenen angegriffen wird, eilt ihr ein junger Mann zu Hilfe, der nicht nur ihre Gefühle durcheinanderbringt, sondern ihr ganzes bisheriges Leben infrage stellt. Doch zusammen mit ihm kommt auch der Tod in ihre Welt. Schon bald muss Kathleen um ihr Leben fürchten. Gegen ihren Willen soll sie einer Bestimmung folgen, der sie sich genauso wenig entziehen kann wie ihren Gefühlen für Yven. »Ke shalan dour«, sagte er voller Inbrunst und küsste mich auf die Stirn. »Ich gehöre dir.«

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Seitenzahl:449

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Jessica Strang

Stapenhorststraße 15

33615 Bielefeld

www.tagtraeumer-verlag.de

E-Mail: info@tagtraeumer-verlag.de

Buchsatz: Laura Nickel

Lektorat/ Korrektorat: Libri Melior Lektorat & Korrektorat

Umschlaggestaltung: Anna Hein

fuchsias-weltenecho.de

Druck: Printed in Germany

ISBN: 978-3-946843-16-0

Alle Rechte vorbehalten

© Tagträumer Verlag 2018

Die Seelenlicht Chroniken

Yven & Dajana

Katrin Gindele

Für meinen Schwager Bernd,

in der Hoffnung, dass ihm diese Geschichte auch so gut gefällt wie meine anderen

Prolog

Am selben Tag, zur selben Stunde, auf die Minute genau werden zwei Kinder geboren. Ein Junge und ein Mädchen. Von Geburt an miteinander verbunden, werden sie am sechzehnten Lebensmond ihrer Bestimmung folgen und auf die Suche nach ihrem Seelenlicht gehen. Und sie werden nicht eher ruhen, bis sie gefunden haben, wonach sie sich seit Anbeginn ihrer Existenz verzweifelt sehnen. Denn nur, wer die zweite Hälfte seiner Seele findet und mit ihr eine vollkommene Einheit bildet, wird das höchste Glück auf Erden erfahren.

Die ewige und einzig wahre Liebe.

In fünfhundert Jahren wird eine Mondtochter geboren, die in ihrer Schönheit und Anmut alles Lebendige überstrahlt. Sie wird als Einzige die Gabe der Befreiung in sich tragen. Gezeichnet mit dem Mal der Mondmutter wird sie ein Leben als Einzelgängerin führen und im Verborgenen leben, bis ihre Zeit gekommen ist. Ihr Dasein wird von Lügen umgeben sein und sie wird nur wenige Verbündete haben. Als Kämpferin wird sie für die Schwachen eintreten und ihnen Trost spenden, als zweite Hälfte einer Seele wird sie auf ihre vollkommene Einheit warten. Als Auserwählte wird sie ihr Geburtsrecht einfordern und ihr Erbe antreten. Und wenn ihr Lebensmond zum neunzehnten Mal seinen Schatten über das Land schickt, wird sie auferstehen und die fremde Hülle abstreifen. Sie wird ins Licht treten und heller erstrahlen als die Sonne.

Und die Dunkelheit wird sich vor ihr verneigen.

Auf der Suche

Er schnürte seine Messer fest und legte den dunkelgrünen Umhang um seine Schultern.

»Du wurdest ausgebildet, um dein Volk zu schützen«, sagte der alte Mann, der sich ihm vorsichtig näherte. Er beugte sich über den Tisch und umwickelte den Griff des Schwertes vorsichtig mit einem Stofffetzen, bevor er die Waffe an den jungen Mann weiterreichte. »Und du hast eine wichtige Mission, die keinen Aufschub duldet.«

Vor ihm stand ein starker, gut aussehender Krieger, mit breiten Schultern und glänzendem schwarzem Haar, das ihm bis über die Schultern reichte. Seine Augen hatten die Farbe von Kohle und sie verengten sich ein wenig, als er den Alten missmutig anschaute. »Ich muss mein Volk beschützen, das ist wahr. Und dennoch willst du mich fortschicken.«

Der Greis lächelte ihn freundlich an. »Du musst sie finden.«

»Wovon redest du, alter Mann?« Mit gerunzelter Stirn betrachtete der Krieger den Alten. »Wenn du mir nichts verraten willst, wo soll ich dann mit meiner Suche beginnen? Wie soll ich deiner Meinung nach etwas finden, wenn ich nicht einmal weiß, wonach ich suche?«

Der Mann legte seine Hand auf den Arm des Kriegers und schob behutsam den rauen Stoff nach oben. Darunter kamen die Zeichen zum Vorschein, die schon vor langer Zeit auf seiner Haut verewigt wurden. »Stolz und Ehre sind dir angeboren. Du bist ein loyaler Krieger unseres Volkes.«

Der junge Mann spannte seine Kiefermuskeln an. »Das alles nützt mir reichlich wenig, wenn du mir nicht endlich sagst, wonach ich suchen soll. Das sind eindeutig zu wenig Informationen!« Er schnaubte leise, als er bemerkte, dass ihn der Alte mit einem wohlwollenden Lächeln bedachte. »Jeseia«, seufzte der Krieger. »Du bist ein Schamane und sicher verfügst du über viel mehr Wissen, als ich mir jemals aneignen könnte. Doch wenn du mich ohne Informationen in die Welt hinausschickst, dann ist mein Vorhaben von vornherein zum Scheitern verurteilt.«

Ein raues Lachen erfüllte die kleine Holzhütte. »Du bist stark und du hast einen eisernen Willen. Mehr braucht es nicht, um sie zu finden.« Als der Krieger seine Lippen zusammenpresste und langsam den Kopf schüttelte, versuchte der Alte einzulenken. »Yven, aus dem Hause Callajan, du solltest ein bisschen mehr Zuversicht an den Tag legen. Meinst du wirklich, ich würde so etwas von dir verlangen, wenn ich nicht davon überzeugt wäre, dass du dieser Aufgabe gewachsen bist?«

Ihre Blicke begegneten sich. »Wahrscheinlich nicht«, murmelte der junge Mann kaum hörbar.

»Beantworte mir eine Frage«, forderte der Alte mit Nachdruck. »Warum hast du das harte Training auf dich genommen, um ein Krieger unseres Volkes zu werden?«

Das Gesicht des Kriegers verfinsterte sich augenblicklich. »Weil ich mein Volk beschützen will.«

Doch sie wussten beide, dass diese Antwort nur zur Hälfte der Wahrheit entsprach.

»Nicht jeder findet sein Seelenlicht«, erinnerte ihn der Alte sanft und traf damit ganz bewusst einen wunden Punkt bei dem stolzen Krieger.

Yven straffte die Schultern, ehe er antwortete. »Ich habe eine Gefährtin! Ich weiß es. Ich kann sie spüren!« Die Unruhe, die ihn schon so lange Zeit quälte, flammte siedeheiß auf und der dumpfe Druck in seiner Brust wurde stärker.

»Du hast sehr lange nach ihr gesucht«, sinnierte der Alte nachdenklich. Dann richtete er seinen Blick wieder auf den Krieger. »Wenn du wirklich eine Gefährtin hast, wo ist sie dann?«

Yven schüttelte verzweifelt den Kopf. Er wusste es nicht. Doch die Erinnerung an den Tag, als er einsehen musste, dass er seine Gefährtin niemals finden würde, und damit auf immer ohne die zweite Hälfte seiner Seele würde leben müssen, war noch sehr frisch. Und sie brannte wie Säure in einer offenen Wunde.

»Du entstammst einem ansehnlichen Haus und es gibt eine Menge hübscher Mädchen, die um deine Gunst buhlen«, sagte der Alte mit Nachsicht. »Du hättest ein ruhiges und normales Leben führen können. Stattdessen hast du den Weg des Kriegers gewählt. Warum?«

Dieses Mal antwortete Yven nicht sofort, sondern senkte den Kopf und dachte einen Moment lang in Ruhe darüber nach. Einige Männer waren mit Mädchen aus den umliegenden Dörfern verheiratet. Sie hatten sich ihrem Schicksal ergeben, niemals ihr Seelenlicht zu finden. Auch ohne seine wahre Gefährtin konnte man in gewisser Hinsicht ein glückliches Leben führen, das wusste der Krieger. Doch das, wonach jeder Mann seines Volkes zeitlebens strebte, konnte man nicht bei einer anderen Frau finden. So etwas gab es nur mit einer wahren Gefährtin.

Als er damals ohne die zweite Hälfte seiner Seele ins Dorf zurückgekehrt war, entbrannte sehr schnell der Wunsch in ihm, ein Krieger zu werden. Nur so konnte er den Schmerz, der sich seither unaufhörlich durch seine Muskeln fraß und den unvollkommenen Teil seiner Seele zur Einsamkeit verdammte, einigermaßen im Zaum halten. Seine wahre Gefährtin zu finden, war ein großer und kostbarer Schatz, viel kostbarer als alles Gold der Welt. Doch nur sehr wenigen war es vergönnt. Und genau wie er selbst kannten viele seiner Freunde den tiefen Schmerz, der niemals enden würde. Auch sie hatten den einsamen Weg des Kriegers gewählt. Ein Weg voller Ruhm und Ehre und gegenseitigem Respekt. Doch er würde auf ewig gegen die Leere in seiner unvollkommenen Seele ankämpfen müssen, und niemals würde er den Frieden finden, nach dem er sich so verzweifelt sehnte. Dennoch erschien ihm dieser Weg erstrebenswerter als ein Leben an der Seite einer Frau, die nicht seine wahre Gefährtin war.

Yven hob den Kopf und schaute dem Schamanen in die Augen. »Halte mich für verrückt, alter Mann, aber ich weiß, dass sie irgendwo da draußen ist. Ich weiß es einfach!«

Der Alte nickte mit nachdenklicher Miene. »Nach über zweihundert Jahren glaubst du also immer noch fest daran, dass du sie eines Tages finden wirst?«

Yven wollte gerade etwas erwidern, da wurde die Tür aufgerissen und Finley stürmte in die kleine Hütte. »Wir werden angegriffen!«

»Mork!«, stieß Yven zwischen zusammengepressten Zähnen hervor. Blitzschnell zog er sein Schwert und wirbelte herum.

Die Nacht war kaum hereingebrochen und schon stand die Finsternis vor der Tür. Seit vielen Monden schon wurden die umliegenden Dörfer von dieser schrecklichen Plage heimgesucht. Wie eine Seuche zogen sie durchs Land und verwüsteten alles, was ihren Weg kreuzte – die Krieger, die den Kampf gegen die Dunkelheit verloren hatten. Nun gehörten sie zu einer Armee, die Tod und Verderben brachte.

»Schatten«, knurrte Yven und ging in Angriffsstellung. Das war alles, was noch von ihnen übrig blieb, nachdem sie sich entschlossen hatten, ihrem König zu folgen. Ein Schatten ihrer selbst. Ein leerer, hüllenloser Körper, ohne jegliches Gefühl.

»Für dich wird es Zeit. Du musst gehen.«

Yven starrte den alten Mann ungläubig an. »Jetzt?«

»Ja«, nickte der Alte.

»Aber wir werden angegriffen. Ich muss mein Volk verteidigen.«

Der Alte blieb jedoch unnachgiebig. »Wenn du jetzt nicht gehst, dann wird es bald nichts mehr geben, was du verteidigen kannst. Du musst dich auf den Weg machen!«

Yven überlegte, ob der Alte nun endgültig den Verstand verloren hatte. Doch sein entschlossener Gesichtsausdruck ließ keinen Zweifel an seiner Forderung. Zögernd löste Yven die Hand von seinem Schwert und fragte: »Welche Richtung soll ich einschlagen?«

Der Alte trat vor die Tür und schaute in den klaren Sternenhimmel. »Geh über die Hügel und dann durchquere den angrenzenden Wald. So gelangst du zur Aridal Höhle. Von dort aus folgst du dem Pfad, der zwischen den Felswänden hindurchführt.« Er reichte dem Krieger ein Proviantpaket. »Du wirst mehrere Tage in der Höhle unterwegs sein, bis du sie wieder verlassen kannst. Dann schlage dich weiter nach Süden durch. Du musst deine Reise in der Nacht fortsetzen, und vertraue niemandem, außer dir selbst.«

Yven wusste noch immer nicht, was er davon halten sollte. Doch er nickte. »Sobald ich die Waffe gefunden habe, werde ich zurückkehren«, versprach er voller Inbrunst.

Der Alte runzelte die Stirn. »Welche Waffe?«

»Ich dachte, ich soll nach einer Waffe suchen«, erwiderte der Krieger verwirrt. »Eine Waffe, die uns im Kampf gegen die Schatten unterstützt.« Das war die einzige Erklärung, die ihm halbwegs plausibel erschien.

Doch der Alte schüttelte den Kopf. »Du suchst keine Waffe, sondern eine Frau.«

»Eine Frau?« Spätestens jetzt war Yven drauf und dran, alles hinzuschmeißen.

»Du musst sie finden und zu uns bringen«, drängte der Alte. »Und du darfst nicht eher zurückkehren, bis du sie gefunden hast, ganz egal, wie lange es auch dauert.«

Mit zögernden Schritten trat Yven ins Freie und augenblicklich wurden Kampfgeräusche laut. Instinktiv ging er in Angriffsstellung. Es widerstrebte ihm zutiefst, sein Volk im Stich zu lassen.

Für eine Frau!

»Du musst gehen«, drängte ihn der Schamane erneut. »Jetzt!«

Mit einem Seufzen richtete Yven sich auf und versuchte, alle anderen Geräusche aus seinem Bewusstsein auszublenden. »Wohin schickst du mich, alter Mann? Wo soll ich mit meiner Suche beginnen? Und sag jetzt nicht wieder, ich wäre stark und hätte einen eisernen Willen. Entweder gibst du mir einen konkreten Hinweis oder ich gehe nirgendwohin!«

Ein Lächeln huschte über das faltige Gesicht des Mannes, der nur etwa halb so groß war wie der junge Krieger. »Du bist hartnäckig«, murmelte er voller Respekt. Dabei wurde sein Lächeln noch ein kleines Stück breiter. »Mach dich nun auf den Weg, Yven, aus dem Hause Callajan. Deine Suche wird dich nach New Jersey führen.«

Zur gleichen Zeit in der Burg

Kralj Damir stand über den Holztisch gebeugt und inspizierte mit akribischer Sorgfalt die Landkarte, die ausgebreitet vor ihm lag. Seine schwarzen funkelnden Augen wanderten unentwegt über das vergilbte Papier.

»Herr?« Der Kommandant verbeugte sich tief, als Damir seine Aufmerksamkeit auf ihn richtete. »Das Dorf ist gefallen. Wir haben jedes Haus durchsucht, doch auch hier gibt es keinerlei Hinweise auf ihren Verbleib. Das war das letzte Dorf.«

Damir richtete sich auf und blickte ihm zornig in die Augen. »Das kann nicht sein! Ihr müsst etwas übersehen haben!« Er konnte kaum seinen Blick von der Karte lösen. Mühsam beherrscht ging er um den Tisch herum. »Wir müssen sie finden, das ist alles, was zählt.« Davon hing sein Leben ab!

»Wir sind schon seit vielen Jahren unterwegs«, wandte der Kommandant vorsichtig ein. »Wir haben jedes Haus durchsucht, in jedem noch so kleinen Dorf. Falls sie wirklich existiert, mein Herr, dann nicht in dieser Welt. Sonst hätten wir sie längst gefunden.«

»Sie existiert!«, brüllte Damir voller Zorn und schlug mit der Faust auf den Tisch. Doch dann wurde er plötzlich ganz still. »Nicht in dieser Welt, sagst du?« Begierig wanderten seine Augen über die Landkarte. »Da könnte durchaus etwas dran sein«, murmelte er. »Vielleicht haben sie eine Möglichkeit gefunden, das Mädchen wegzuschaffen.« Schwungvoll wirbelte er herum. »Bring mir sofort den Magier! Wir haben eine Menge zu besprechen.«

Dieser Tag war genauso öde wie jeder andere zuvor. Sosehr ich mir auch wünschte, es möge anders sein, würde der folgende Tag ebenso eintönig werden.

Ich hatte keine richtigen Freunde, weder in der Schule noch in meiner Familie. Ich war allein. Jedenfalls fühlte ich mich die meiste Zeit über so, als wäre ich mutterseelenallein auf der Welt, obgleich ich ständig von Menschen umgeben war. Als würde ich nirgendwo dazugehören.

Seufzend durchschritt ich den langen Flur und steuerte geradewegs auf die Treppe zu, die in den Eingangsbereich führte. Unten angekommen bog ich nach links ab und drückte mit beiden Händen die Flügeltür zur Bibliothek auf. Unser Haus war riesig, eine Villa aus der Gründerzeit, die sich schon seit vielen Generationen im Besitz unserer Familie befand und von oben bis unten vollgestopft war, mit den Antiquitäten, die meine Mutter von ihren unzähligen Reisen mitbrachte. Dad ignorierte ihren irrwitzigen Sammelwahn, er war sowieso kaum da und wenn, dann saß er stundenlang in seinem Büro und kümmerte sich um seine Firma. Michael und Marilyn Shephard, meine Eltern, waren vielbeschäftigte Leute. Mom war ständig unterwegs, damit genug Spenden für ihren Wohltätigkeitsverein zusammenkamen. Meinem Dad gehörte eine riesige Versicherungsgesellschaft, die sowohl im Inland als auch im Ausland agierte. Beide mussten deswegen sehr viel reisen. Wir wohnten in New Jersey, genauer gesagt in Englewood. Hier gab es an jeder Straßenecke so große Häuser wie das, in dem ich seit meiner Geburt lebte.

Was mich betraf, Kathleen Allyson Shephard, so kannte ich nur dieses eine Leben – aufgezogen von diversen Kindermädchen und weitergereicht, von einer Privatschule zur nächsten. Als Kind hatte ich mehr Zeit mit unseren Angestellten als mit meinen eigenen Eltern verbracht. Mit Babette, dem französischen Kindermädchen, die versucht hatte, mir Manieren beizubringen. Mit Martin, unserem polnischen Gärtner, der mir zeigte, wie man Rosen schneidet. Milly, unser schüchternes Zimmermädchen, die mir beibrachte, wie man die Fenster putzt und ein Bett ordentlich bezieht. Und dann war da noch Martha, unsere Köchin, die schon seit vielen Jahren bei uns angestellt war und im Laufe der Zeit zu einer meiner engsten Vertrauten wurde. Ihr harter Befehlston war legendär in unserem Haus, und wenn sie in der Küche herumbrüllte, weil jemand mal wieder die Regeln missachtet hatte, verkrochen sich sogar die Mäuse vor Schreck in den Ecken. Doch ich mochte sie sehr. Raue Schale, weicher Kern, und ein Herz so groß wie New Jersey. Sie gab mir die Wärme und die Liebe, die ich sonst nirgendwo fand. Martha kümmerte sich um mich und sie schenkte mir die Aufmerksamkeit, nach der ich mich als Kind so verzweifelt sehnte.

Als ich älter wurde, brachte Martha mir das Kochen bei und verriet mir sogar das lang gehütete Geheimrezept für ihren leckeren Apfelkuchen. Für mich war sie viel mehr als nur eine Angestellte. Sie war die Mutter, die ich niemals hatte.

Und Phil? Er kam dem, was ein Vater sein sollte, wohl am nächsten. Eigentlich war Phil unser Butler, doch für einen Butler in den Vierzigern war er noch erstaunlich gut in Schuss. Früher dachte ich immer, ein Butler müsste ein alter dürrer Engländer sein, der nichts weiter im Kopf hatte außer seinen Etiketten. Phil war das genaue Gegenteil davon. Er war groß und schlank, mit schwarzen kurzen Haaren und blauen Augen, die stets wachsam blieben. Sein Körper wirkte durchtrainiert. Mit meiner Vorstellung von einem Butler hatte Phil so rein gar nichts gemeinsam.

Als ich zwölf Jahre alt war, erwischte ich ihn eines Tages in unserer Bibliothek, dem einzigen Ort im Haus, der für sein Vorhaben genügend Platz bot. Nur bekleidet mit einer schwarzen Baumwollhose, absolvierte er dort ein Training, wie ich es bis dahin noch nie gesehen hatte. Fasziniert und schockiert zugleich versteckte ich mich hinter einem Sessel und beobachtete ihn heimlich. Schon bald hatte ich sein Schema erkannt und wusste ganz genau, wann Phil wieder in der Bibliothek sein würde – nämlich immer dann, wenn meine Eltern außer Haus waren. Zuerst ging er seinen Pflichten nach und kümmerte sich um die Aufgaben, die ihm mein Vater zugeteilt hatte. Doch sobald alles erledigt war, verschwand er regelmäßig in unserer Bibliothek, um zu trainieren. Eine Weile blieb ich hinter meinem Sessel unentdeckt und konnte ihn auf diese Weise beobachten. Doch mein Glück währte nicht lange, und so kam es schließlich, wie es kommen musste. Ehe ich reagieren konnte, schob Phil den Sessel eines Tages mit einem Ruck zur Seite und ich saß in der Falle. Aus großen, schuldbewussten Augen schaute ich zu ihm nach oben.

Doch entgegen meiner Befürchtung, er würde mich aus der Bibliothek jagen, ging er vor mir in die Hocke und lächelte mich an. »Es ist unhöflich, andere Menschen zu beobachten, kleine Miss.«

Da ich es von Kindesbeinen an gewöhnt war, für mich selbst einzustehen, erwiderte ich tapfer: »Das ist meine Bibliothek. Ich kann so lange hierbleiben, wie ich will!«

Phil richtete sich zu seiner vollen Größe auf. »Deine Bibliothek?«, fragte er.

Ich bemerkte das amüsierte Funkeln in seinen Augen und verschränkte trotzig die Arme. »Wenn Mom und Dad nicht da sind, bin ich der Herr im Haus.«

Seine Mundwinkel zuckten. »Dann gibt es wohl nur zwei Möglichkeiten.« Dabei streckte er seine rechte Hand aus und half mir beim Aufstehen. »Entweder, du rennst zu deinen Eltern und sagst ihnen, was ich hier mache, oder …« Er ließ meine Hand los und verließ die Bibliothek.

»Oder was?«, wollte ich wissen und rannte ihm nach.

»Oder du ziehst dir etwas Bequemeres an und ich zeige dir ein paar Techniken.«

Verwirrt blieb ich stehen und schaute an mir hinunter. Damit meinte Phil wohl etwas anderes als diese unbequemen Rüschenkleidchen, in die mich meine Mutter immer hineinzwängte.

Anfangs wusste ich nicht genau, ob Phil sich einen Scherz mit mir erlaubte. Doch als ich am nächsten Tag wieder in die Bibliothek kam, wartete er schon auf mich. Bekleidet mit einem Faltenrock, weißen Kniestrümpfen und einer weißen Bluse blieb ich vor ihm stehen und schaute ihn erwartungsvoll an. »Ich habe nichts anderes«, murmelte ich, als Phil mich fragend anschaute. Das war die reine Wahrheit. In meinem Schrank gab es tatsächlich nichts anderes außer Kleider, Röcke und Blusen. Sogar meine Nachtwäsche hatte einen Spitzenbesatz.

»Zieh die Schuhe aus«, befahl er mir kurzerhand. »Die Socken auch.«

Ich tat ihm den Gefallen, auch wenn ich damals noch nicht wusste, was mich erwartete. Was dann folgte, waren die anstrengendsten, aber auch die schönsten zwei Stunden meines Lebens. Noch nie hatte ich mich so lebendig gefühlt. So frei.

Von da an trainierten wir fast täglich zusammen, und umso älter ich wurde, desto härter wurde auch mein Training …

Noch immer in Gedanken versunken, betrat ich die Bibliothek. Leise schloss ich die Tür hinter mir und schlüpfte aus meinen Schuhen, dann band ich meine schulterlangen Haare schnell zu einem strengen Pferdeschwanz zusammen.

»Du kommst zu spät«, bemerkte Phil grinsend.

Missmutig ging ich in Stellung und machte mich kampfbereit. »In drei Stunden muss ich im Club sein, duschen sollte ich auch noch, also hör auf zu reden und lass uns anfangen.«

Phil nickte, während er damit begann, mich zu umkreisen. »Wenn dein Vater dich erwischt, bekommst du lebenslang Hausarrest. Das weißt du.«

Natürlich wusste ich das. Meine Eltern würden durchdrehen, wenn sie erfuhren, dass ich so gut wie jedes Wochenende hinter dem Tresen einer anrüchigen Bar stand und haufenweise billigen Hochprozentigen ausschenkte.

»Wie bist du überhaupt an den gefälschten Ausweis herangekommen?«, wollte Phil wissen. »Du bist noch keine einundzwanzig.«

Seine Frage entlockte mir ein dämonisches Grinsen. »Franky, der Besitzer des Clubs, hat so seine Kontakte. Er hat mir den Ausweis besorgt.« Phil schien kurz darüber nachzudenken. Dabei kam er langsam näher. »Dann hat er dir sicher auch den falschen Namen verpasst, Miss Baxter?«

Das Wort Baxter betonte er auf eine Art, die mich unweigerlich schmunzeln ließ. Der falsche Name wäre nur zu meinem Schutz, hatte Franky gesagt. Wahrscheinlich aber eher zu seinem eigenen, wie ich vermutete. Kayla Baxter, so stand es auf dem falschen Ausweis, der mich um drei Jahre älter machte, sobald ich den Club betrat.

»Konzentriere dich«, forderte Phil mit Nachdruck, und der Abstand, mit dem er mich umkreiste, verringerte sich merklich.

Schnell schüttelte ich den letzten Gedanken ab und machte mich kampfbereit. Um das hier ohne größere Blessuren zu überstehen, musste ich voll bei der Sache bleiben, denn nur der kleinste Fehler, und ich würde heute Abend eine weitere Prellung zu meiner Sammlung zählen.

Nach dem Training musste ich mich dann tatsächlich sputen, um es noch rechtzeitig in den Club zu schaffen. Dort war schon die Hölle los, als ich endlich eintraf.

Heute war Halloween!

Männer und Frauen in verrückten Kostümen drängten sich an die Bar und verlangten lautstark nach Drinks. So schnell ich konnte, wühlte ich mich durch die Menschenmassen und spurtete hinter den Tresen. Dort angekommen, warf ich meine Lederjacke achtlos in die nächste Ecke und stopfte mein schwarzes Top in meine Jeans. Dann zog ich den Gürtel fest.

»Kayla!« Jenny winkte aufgeregt. Ihren pinkfarbenen Lippenstift hatte sie heute noch dicker aufgetragen als sonst. »Wo bleibst du denn?«, rief sie über die laute Musik hinweg. »Wir haben keinen Tomatensaft mehr und der Whisky ist auch schon fast alle.«

Ich schaute mich suchend um. »Wo ist Travor? Das ist sein Job, verdammte Scheiße!«

Jenny strich sich mit dem Handrücken ein paar lose platinblonde Haarsträhnen von ihrer schweißnassen Stirn. Sie war als Bunny verkleidet, so wie jedes Jahr. »Der hat vor einer halben Stunde gekündigt, weil es schon wieder Stress mit Buddy gab«, seufzte sie und verdrehte die Augen. »Seitdem sitzt er da hinten in der Ecke und besäuft sich auf Kosten des Hauses.«

Mit einem Kopfnicken deutete sie flüchtig auf eine schummrige Ecke, in der ich einen undeutlichen Schatten ausmachen konnte, bevor ihr Blick wieder zu mir zurückkehrte. Zuerst musterte sie meine schwarz umrandeten Augen, ehe sie voller Abneigung auf meine dunkelroten Lippen starrte. »Du siehst aus wie immer. Was soll das für ein Kostüm sein?«

Ich hatte nichts übrig für Halloween, jedenfalls nicht mehr, seit meine Mutter mir mit ihren dämlichen Partys den ganzen Spaß verdorben hatte. »Das liegt doch klar auf der Hand«, bemerkte ich mit einem Augenzwinkern. »Ich gehe als böses Mädchen.« Dann konzentrierte ich mich wieder auf Travor. »Hältst du noch ein paar Minuten allein durch? Ich rede mal mit ihm.«

»Viel Glück«, sagte Jenny nickend. »Aber beeil dich.«

Travor richtete sich auf, als ich an den Tisch kam. »Auch schon da«, grunzte er.

Ich ignorierte seine blöde Bemerkung und fragte: »Wie viel hast du getrunken?«

Demonstrativ griff er nach der Wodkaflasche, die vor ihm stand. »Noch nicht genug«, murmelte er und nahm einen kräftigen Schluck, dann hielt er mir die Flasche entgegen. »Willst du auch?«

Mit einem angewiderten Kopfschütteln zog ich einen Stuhl zurück und platzierte ihn auf der gegenüberliegenden Seite von Travor. »Nein danke. Du hast reingespuckt, das ist widerlich.«

Er lachte. »Seit wann bist du so zimperlich, Kayla?«

Niemand in diesem Club, Franky ausgeschlossen, kannte meinen richtigen Namen. Ich wollte nicht das reiche, verwöhnte Kind sein, für das ich früher in der Schule immer gehalten wurde, nur weil es mir schwerfiel, neue Freundschaften zu schließen. Hier im Club war ich einfach nur ich. Und das war auch gut so.

Ich ließ mich auf den Stuhl plumpsen und verschränkte meine Arme vor der Brust. »Kommen wir gleich zur Sache, Travor. Du und Buddy, was war da schon wieder los?«

Travor schnaubte verächtlich. »Der Typ ist ein Arschloch. Hält sich für was Besseres.« Dann setzte er die Flasche an und trank einen weiteren kräftigen Schluck.

Buddy war unser Türsteher und eigentlich ein ganz netter Kerl, wie ich fand. Er war fast zwei Meter groß, mit sehr dunkler Haut, und hatte ein Kreuz wie ein Stier. Doch Buddy tat keiner Fliege was zuleide, eigentlich war er lammfromm. Allerdings sollte man auch nicht den Fehler machen, ihn zu unterschätzen. Er konnte auch anders, das hatte er schon oft genug bewiesen.

»Was ist passiert?«, fragte ich streng. »Hast du schon wieder seine Mutter beleidigt?«

Unser Türsteher war ein sogenannter »Arbeitsunfall«, ein unerwünschtes Nebenprodukt eines Freiers. Seine Mutter hatte ihn gleich nach der Geburt zur Adoption freigegeben und Buddy wuchs bei verschiedenen Pflegefamilien auf. So gesehen hätte er seine Mutter hassen müssen. Dennoch reagierte er äußerst empfindlich, wenn jemand etwas Schlechtes über sie sagte, und das, obwohl er sie niemals kennengelernt hatte.

Travor grinste mich an und machte eine abwertende Handbewegung. »Ich hab nur gesagt, dass seine Hure von Mutter damals die richtige Entscheidung getroffen hat, als sie ihn vor der Kirchentür abgelegt hat. Ich an ihrer Stelle hätte ihn in der Gosse verrotten lassen. Was ist denn so falsch daran? Sie ist eine Hure.«

Ich stöhnte innerlich. Travor konnte es einfach nicht lassen! Mir blieb nichts anderes übrig, um ihn zur Vernunft zu bringen, ich musste ihn wohl oder übel an seiner wunden Stelle treffen. Langsam beugte ich mich vor, damit niemand sonst hören konnte, was ich zu sagen hatte. »Du hast einen schwerkranken Vater zu Hause, du kannst es dir nicht leisten, den Job zu kündigen. Wer soll sich um deinen Dad kümmern, wenn du es nicht mehr kannst? Denk mal darüber nach.«

Seine Miene verfinsterte sich augenblicklich. »Komm mir nicht damit«, grunzte er. »Kümmer dich um deinen eigenen Scheiß.«

Okay, vielleicht war das ein bisschen zu hart gewesen. »Wir brauchen dich«, versuchte ich einzulenken. »Jenny und ich, wir schaffen das nicht ohne dich. Donna ist abgesprungen und James liegt immer noch im Krankenhaus.« So was passiert nur, wenn man sich ungefragt in Buddys Arbeit einmischt, dachte ich schmunzelnd.

Letzte Woche gab es eine Schlägerei vor dem Club, und unser Barkeeper James war Buddy zu Hilfe geeilt, was sich im Nachhinein jedoch als großer Fehler entpuppte. Buddy hatte ihn im Eifer des Gefechts nicht gleich erkannt und ihm mit einem einzigen Schlag die Lichter ausgeblasen. Es würde noch eine ganze Weile dauern, bis James wieder einsatzbereit war.

»Wir haben noch keinen Ersatz für Donna«, erinnerte ich ihn sanft. »Komm schon, Travor. Wir brauchen dich!«

Seine müden Augen wanderten ganz langsam über mein Gesicht und blieben schließlich an meiner lädierten Schulter hängen. »Du hast es aber auch nicht leicht, was? Wirst du von deinem Alten verdroschen?«

Nur ganz kurz warf ich einen Blick auf die frische Prellung, die ich Phil zu verdanken hatte und meine Schulter schwarzblau schimmern ließ. Dann hob ich den Kopf und meinte: »Lenk nicht vom Thema ab. Geh aufs Klo und mach dich frisch, und dann will ich dich hinter der Bar sehen!«

Travor zögerte einen Moment. Doch wir beide wussten, dass er gar keine andere Wahl hatte. Er brauchte das Geld!

»Bin gleich so weit«, versprach er und erhob sich. »Kann ich dich bei Gelegenheit vielleicht mal zum Essen einladen? Als Dankeschön sozusagen.«

Ich musste lachen. »Du bist ein netter Kerl, Travor, und das ist wirklich ganz lieb von dir. Aber du weißt genau, was Franky davon halten würde.«

Travor verdrehte die Augen und winkte ab. »Keine Verabredung zwischen den Angestellten. Schon klar.« Dann wirbelte er herum und schlurfte zum Waschraum.

Seufzend schaute ich hinterher. Jeder hier in diesem Club hatte sein eigenes Päckchen zu tragen. Jenny, eine etwas dralle, aber sehr nette Blondine, die immer zu viel pinkfarbenen Lippenstift auftrug und sich tagsüber allein um drei kleine Kinder kümmern musste, weil ihr Typ abgehauen war. Und dennoch stand sie jeden Abend pünktlich hinter der Bar und hatte für jeden ein freundliches Lächeln übrig. Oder Buddy, der eigentlich Balthasar hieß und mit zwei finsteren Gestalten in einer heruntergekommenen Bude hauste, weil er sich nichts Eigenes leisten konnte. Und wer konnte schon sagen, aus welchem Grund unsere Gäste Nacht für Nacht hier auftauchten? Sicherlich nicht, weil es hier so gemütlich war. Unser Club war sauber und ordentlich, darauf legte Franky besonders viel Wert. Angetrunkene kamen erst gar nicht in den Club, und wer mit Drogen oder Waffen erwischt wurde, flog hochkant raus. Doch es gab wirklich schönere Orte auf der Welt, an denen man seine freie Zeit verbringen konnte. Irgendwie war dieser Club im Laufe der Jahre zu einem Treffpunkt für verlorene Seelen geworden.

Gegen halb fünf Uhr morgens wurde es endlich ruhiger. Die letzten Gäste suchten ihre Sachen zusammen, und waren im Begriff zu gehen. Während der Club am Wochenende aus allen Nähten platzte und ich nie vor sieben aus dem Laden kam, ging es unter der Woche etwas gediegener zu.

Buddy hockte am Tresen und schaute mir beim Aufräumen zu. Er leerte sein Glas und streckte es Jenny hin. »Krieg ich noch einen?«

Jenny stellte ihm kurzerhand die Flasche auf den Tresen. »Schenk dir selber nach, ich hab jetzt Feierabend.« An mich gewandt meinte sie: »Schaffst du den Rest allein? Ich muss dringend noch ein paar Stunden schlafen, bevor die Jungs wach werden.«

»Geh nur, ich hab alles im Griff«, nickte ich. Auf mich wartete sowieso niemand.

Jenny lächelte matt. »Danke, Kayla. Du bist ein Schatz.«

Nachdem sie gegangen war, drehte ich die Musik leiser und stellte ein zweites Glas auf den Tresen. Buddy grinste breit, als ich uns beiden einschenkte.

»Auf was trinken wir denn?«, wollte er wissen.

Ich beugte mich über die Bar, sodass niemand sonst hören konnte, was ich zu sagen hatte. »Auf meinen Geburtstag«, flüsterte ich und hob grinsend mein Glas.

Buddy riss die Augen auf. »Du hast heute Geburtstag?« Er verzog mitleidig das Gesicht, als ich den Whisky in einem Zug runterkippte. »Dann solltest du nicht hier in diesem Club sein. Du solltest bei deiner Familie sein und darauf warten, dass du die Kerzen auf deiner Torte auspusten kannst.«

Wenn du wüsstest, dachte ich nur.

Mit einiger Mühe gelang es mir dennoch, ein halbwegs echtes Lächeln aufzusetzen. »Der Tag hat gerade erst angefangen, da bleibt noch genug Zeit, um zu feiern. Außerdem ist meine Mom irgendwo unterwegs, und wo mein Dad gerade ist, weiß ich nicht so genau, den habe ich vor zwei Wochen zum letzten Mal gesehen.« Ich ließ mir meinen Unmut nicht anmerken und zuckte gleichgültig mit den Schultern. »Wahrscheinlich liegt nachher wieder ein Umschlag vor meiner Zimmertür, so wie jedes Jahr. Das ist ihre Art, mir zum Geburtstag zu gratulieren.«

Buddy tätschelte meine Hand, als würde er ganz genau wissen, wie es mir gerade ging. »Wann bist du deinen Eltern so gleichgültig geworden, Kleines?«

Anders als bei einigen Gästen, klang das Wort Kleines aus seinem Mund nicht anzüglich, weswegen ich mich auch noch nie darüber aufgeregt hatte. Wenn Buddy es sagte, klang es irgendwie liebevoll und sanft, wie man es von einem großen Bruder erwarten würde, der sich Sorgen macht.

»Keine Ahnung«, gab ich zu. »Vielleicht, nachdem ich zum dritten Mal von der Schule geflogen bin. Oder als sie mitbekommen haben, dass ich mich nicht nach ihren Vorstellungen verbiegen lasse.« Oder aber, dachte ich kurz darüber nach, war es vielleicht auch der Tag, an dem Mom mein Bauchnabelpiercing und die frische Tätowierung auf meinem Schulterblatt entdeckt hatte. »Für Mom bin ich eine große Enttäuschung, weil ich mich nicht anpassen will. Wenn es nach ihr ginge, würde ich einen reichen Idioten heiraten und irgendeinem Verein beitreten. Was Dad darüber denkt, kann ich dir nicht sagen, dafür sehen wir uns viel zu selten. Ihre Abwesenheit werten sie mit dem Geld auf, dass ich jedes Jahr zum Geburtstag kriege. Was das Finanzielle betrifft, kann ich mich nicht beschweren. Könnte schlimmer sein.«

Buddy kippte seinen zweiten Whisky runter und stellte das Glas anschließend verkehrt herum auf den Tresen. »Mir reicht’s für heute, ich muss ins Bett. Soll ich dich nach Hause bringen?«

»Brauchst du nicht«, entgegnete ich kopfschüttelnd. »Ich wohne nur ein paar Blocks von hier entfernt. Und zur Not kann ich mir immer noch ein Taxi rufen. Ich bring nur noch den Müll raus, dann mach ich Schluss.«

Er rutschte vom Hocker und warf sich seine Jacke über die Schulter. »Dann gute Nacht. Und Happy Birthday, Kleines.«

Die Müllcontainer standen in einer kleinen Seitenstraße, direkt hinter dem Club. Ich schob den Deckel auf und warf die Säcke mit Schwung in den Container. Dann machte ich kehrt, um meine Jacke zu holen. Vor dem Eingang lungerten immer noch ein paar Gäste herum, was nicht selten vorkam. Scheinbar hofften sie auf einen letzten Drink. Ich erkannte einen Stammgast in der Menge und sagte: »Geh nach Hause zu deiner Frau, Wade. Es gibt nichts mehr. Wir haben geschlossen.«

Wade stieß sich von der Wand ab und torkelte auf mich zu. »Meine Frau hat mich verlassen«, lallte er. »Das Miststück hat sogar den Hund mitgenommen.«

»Woran das wohl liegt«, sagte ich, mehr zu mir selbst. Wer wollte schon bei einem Mann bleiben, der jeden Monat sein Gehalt auf diese Weise unter die Leute brachte?

Wade schnitt mir den Weg ab und baute sich vor mir auf. »Was hast du gesagt?« Sein Atem stank nach einer Mischung aus Whisky und Zigaretten.

Ich streckte das Kinn vor und erwiderte ruhig: »Ich hab gesagt, du sollst nach Hause gehen. Du kannst später wiederkommen.«

Normalerweise waren unsere Schnapsleichen nicht so hartnäckig. Sobald sie kapiert hatten, dass es hier nichts mehr zu holen gab, zogen sie ab. Doch scheinbar hatte ich Wade mit meiner Bemerkung verärgert. Sein Alkoholpegel, der sich weit im oberen Bereich befand, und die Wut, die meine unbedachten Worte ausgelöst hatten, wandelten sich zu einer sehr gefährlichen Mischung.

»Du hältst dich wohl für was Besseres«, lallte er. »Und wie du immer rumläufst, bist du ein Grufti?«

Die anderen Männer wurden auf uns aufmerksam und ehe ich mich versah, hatten sie schon einen lockeren Halbkreis um mich gebildet. »Lass den Quatsch, Wade.«

Ich versuchte, mich an ihm vorbeizuschlängeln, doch er packte meinen Arm und hielt mich fest. »Hiergeblieben, du kleine Nutte!«

Da wurde es mir zu bunt. »Sag noch einmal Nutte zu mir«, brüllte ich ihn an und trat ihm kräftig in die Eier. Während Wade stöhnend zu Boden ging, klatschten die anderen Beifall. Doch aus Erfahrung wusste ich, dass die Sache damit noch lange nicht vom Tisch war.

Und tatsächlich, einer der Männer trat vor und grinste mich höhnisch an. »Ich stehe auf kleine Raubkatzen«, sagte er und leckte sich mit der Zunge über seine wulstigen Lippen. Seine Augen wanderten begierig über meinen Körper.

Wut und Ekel stiegen in mir hoch. Dieser perverse Widerling dachte scheinbar wirklich, ich würde es ihm so einfach machen. Doch da hatte er sich gewaltig getäuscht!

Drohend kam er näher, ich machte mich auf einen Kampf gefasst. Da blitzte ein Messer in seiner Hand auf.

Unerwartete Hilfe

»Ganz ruhig, Kätzchen. Wir wollen nur ein bisschen Spaß haben.«

Meine Kehle schnürte sich zu, als er unmittelbar vor mir stehen blieb und das Messer provokativ von einer Hand in die andere wandern ließ.

Hin und wieder gab es Ärger, so etwas war nichts Neues für mich. In der Regel reichten ein paar scharfe Worte aus, um die Typen wieder zur Besinnung zu bringen. Doch noch nie hatte einer der Männer ein Messer gezogen!

Während er mich lüstern angrinste, überlegte ich fieberhaft, wie ich heil aus dieser Sache herauskommen sollte. Phil hatte mich zwar trainiert, und das Training machte mir auch wirklich Spaß, doch das hier war etwas völlig anderes!

Mein Knie traf den Angreifer unvorbereitet und so hart im Schritt, dass er sich jaulend auf dem Boden zusammenkrümmte. Ich beugte mich über ihn und drehte ihn auf den Rücken, dann trat ich ihm mit meinem Fuß das Messer aus seiner Hand. Der Mann heulte vor Schmerzen laut auf. »Das Spiel ist beendet«, sagte ich und verpasste dem Messer einen Tritt. Es schlitterte über den Asphalt und blieb außer Reichweite liegen. Da spürte ich, wie ich von hinten gepackt wurde.

»Ich hab sie«, brüllte der Typ und presste seine Hand auf meinen Mund, damit ich nicht schreien konnte. Er drückte so fest zu, dass ich kaum noch Luft bekam. Panik stieg in mir hoch, mein Magen krampfte sich zusammen.

Mit aller Kraft rammte ich ihm meinen Ellenbogen in die Magengrube, woraufhin er seinen Griff ein wenig lockerte. Sofort nutzte ich meine Chance, befreite mich aus seinem Klammergriff und verpasste dem Idioten eine saftige Kopfnuss. Stöhnend wankte er nach hinten. Blut tropfte auf sein Hemd. Entweder hatte er sich auf die Zunge gebissen oder ich hatte ihm gerade die Nase gebrochen. Als ich mich nach den anderen Typen umschaute, waren sie längst über alle Berge. Selbst Wade, dieses feige Arschloch, hatte sich inzwischen aus dem Staub gemacht.

»Du blöde Schlampe«, keuchte der Typ, dem ich gerade das Gesicht lädiert hatte. »Na warte! Dir werd ich’s zeigen.«

Der andere Typ hatte sich unterdessen von meinem Angriff erholt, nun kamen beide Männer drohend auf mich zu. Diesmal war ich mir nicht mehr ganz so sicher, ob ich noch heil aus der Sache herauskommen würde.

Ehe ich reagieren konnte, jagte plötzlich ein Schatten an mir vorbei und warf einen der Angreifer zu Boden. Mit mehreren gekonnten Schlägen setzte er den Typen außer Gefecht. Als der sich nicht mehr rührte, spurtete der Schatten blitzschnell in die andere Richtung und trat dem zweiten Angreifer nach einer kurzen, aber heftigen Rangelei in den Bauch. Sein Körper flog wie eine Schleuderpuppe durch die Luft, bis er schließlich gegen eine Hauswand krachte und dort regungslos liegen blieb. Erst jetzt fiel mir auf, dass dieser Typ ebenfalls über ein Messer verfügte. Es fiel klirrend zu Boden, während sein Körper erschlaffte.

Als keine Gefahr mehr bestand, wurde der Schatten merklich langsamer, bis er schließlich direkt vor mir stehen blieb und mich mit großen dunklen Augen eingehend musterte.

Mir steckte der Schreck noch in den Gliedern. Vor lauter Stress hatte ich nicht einmal bemerkt, dass der zweite Angreifer ebenfalls bewaffnet gewesen war. Ich hatte mich ablenken lassen und war unaufmerksam gewesen. Im schlimmsten Fall hätte das für mich böse enden können!

»Danke«, sagte ich kleinlaut und schaute mir meinen unbekannten Retter etwas genauer an. Irgendwie sah er seltsam aus. Seine Kleidung war eine Mischung aus schwarzem Stoff und Leder, über seiner Brust kreuzten sich mehrere Gurte, in denen verschiedene gebogene Messer steckten. Der Knauf eines Schwertes lugte hinter seinem Rücken hervor. Seine langen, schwarzen Haare hatte er zu einem dicken Zopf zusammengebunden. Einige Strähnen hatten sich durch den Kampf gelöst und hingen seidig glänzend über seinen breiten Schultern. Er war groß und muskulös und strotzte nur so vor Kraft. Seine Augen, die mich unentwegt musterten, waren dunkel und tiefgründig. Wild und gefährlich. Und von einer Intensität, dass ich kaum meinen Blick von ihm losreißen konnte. Er war jung, kaum älter als ich. Was mich jedoch am meisten verwirrte, war dieses ausgesprochen merkwürdige Kostüm. Es wirkte ziemlich echt.

»Wer bist du?«, fragte ich mit trockener Kehle. Noch immer hatte ich Mühe, das Erlebte zu verarbeiten.

Der Fremde antwortete nicht, stattdessen legte er den Kopf schräg, wobei er mich keine Sekunde lang aus den Augen ließ.

»Wie heißt du?«, versuchte ich es wieder. Erst da bemerkte ich den dunklen Fleck an seiner Hüfte, der sehr schnell größer wurde. Der Stoff war an dieser Stelle blutdurchtränkt.

Obwohl ich nicht wusste, ob ich ihm trauen konnte, machte ich einen Schritt nach vorn, streckte meinen rechten Arm aus und berührte mit zwei Fingern ganz vorsichtig den zerfetzten Stoff.

Er war verletzt. Meinetwegen!

Blitzschnell packte er mein Handgelenk, gleichzeitig durchzuckte mich so etwas wie ein Stromstoß. Seine Augen weiteten sich, als hätte er es auch gespürt. Nichtsdestotrotz machte er keinerlei Anstalten, mich loszulassen. Erschrocken taumelte ich zurück und versuchte, mich aus seinem harten Griff zu befreien. Mehrmals schlug ich nach ihm, doch er wich meinem Angriff jedes Mal geschickt aus. Egal, was ich auch anstellte, ich hatte nicht den Hauch einer Chance. Wahrscheinlich merkte er nicht einmal, dass ich mich nach allen Kräften wehrte. Dieser Fremde war stärker als alle Männer, die ich kannte. Sogar noch viel stärker als Buddy!

Als meine Kräfte allmählich nachließen, beschloss ich, meine Taktik zu ändern. »Ich tu dir nichts«, sagte ich. Ganz bewusst verlieh ich meiner Stimme einen beruhigenden Klang. »Bitte, lass mich los.«

Eine Zeit lang schaute er mich stillschweigend an. Dann ließ er mein Handgelenk urplötzlich los, als hätte er sich verbrannt, und ich atmete erleichtert aus.

»Also gut. Noch mal von vorn«, begann ich zögernd. »Kannst du sprechen? Kannst du mir sagen, wie du heißt?«

Seine dunklen Augen glühten, als er endlich antwortete. »Ke vadim nore.«

Damit hätte ich im Leben nicht gerechnet. »Was immer das heißen soll«, murmelte ich kopfschüttelnd. »Es tut mir leid, aber ich verstehe kein einziges Wort. Ist das eine Geheimsprache oder so was in der Art?«

Er beugte sich leicht vor und drückte dabei seine rechte Faust gegen seine Brust. »Ke voland Yven.«

Das letzte Wort klang wie ein Name. Ich gab mir einen Ruck und fragte: »Yven? Ist das dein Name?« Als er zustimmend nickte, stieß ich einen Seufzer der Erleichterung aus. Mit dem Zeigefinger tippte ich mir auf die Brust. »Kathleen Allyson Shephard. Am besten nur Daja.«

»Daja?« Seine Stimme war rau und sinnlich und verlieh meinem Namen einen exotischen Klang. Ich schüttelte die Faszination ab, die mich ergriff, und deutete mit einem Kopfnicken auf seine Wunde. »Du blutest.«

Er folgte meinem Blick und verzog das Gesicht. »Mork!«

»Das muss gesäubert werden«, erklärte ich mit Nachdruck. »Wenn sich die Wunde entzündet, kriegst du Schwierigkeiten.« Genauso wenig, wie ich ihn verstehen konnte, war ich mir sicher, dass er auch kein einziges Wort von dem verstand, was ich von mir gab. Das war doch zum Verrücktwerden!

Eigentlich wollte ich längst zu Hause sein, doch ich brachte es einfach nicht fertig, ihn stehen zu lassen. Er hatte mir geholfen, also war ich ihm etwas schuldig!

Zögernd drehte ich mich um und ging in den Club, um meine Jacke zu holen. Sollte er inzwischen verschwunden sein, dann hatte sich die Sache für mich erledigt. Wenn nicht, musste ich mir etwas einfallen lassen.

Zu meinem Erstaunen stand er immer noch da, als ich wieder aus dem Club kam. Also tat ich das Einzige, was mir auf die Schnelle einfiel. Mit einem letzten Blick auf meine Angreifer, die immer noch bewusstlos auf dem Boden lagen, hob ich meine Hand und bedeutete ihm, dass er mir folgen sollte. Vielleicht wollte er nur sichergehen, dass ich mein Ziel unbeschadet erreichte. Warum auch immer, er folgte mir tatsächlich.

Gemeinsam gingen wir schweigend die Straße entlang. Immer wieder schielte ich heimlich zu ihm hinüber und musterte sein ebenmäßiges Gesicht. Er war perfekt. Von Kopf bis Fuß ein wahrgewordener Traum. Dennoch wusste ich, dass dieser Typ keineswegs harmlos war. Ich hatte ihn kämpfen sehen!

Zu Hause angekommen, schob ich Yven die Treppe hoch, als er zögernd davor stehen blieb, und öffnete leise die Tür. Es war gerade erst kurz vor sieben, und außer Phil war von den anderen Angestellten noch niemand da. Dennoch wollte ich nicht riskieren, erwischt zu werden. Zwar hatte ich bis jetzt noch nie einen Kerl mit nach Hause gebracht, doch jeder von uns wusste genau, wie temperamentvoll Martha sein konnte. Sollte sie ihn entdecken, musste ich auf alles gefasst sein, sogar darauf, dass sie mit der Bratpfanne auf ihn losging.

»Hier rein«, flüsterte ich und öffnete die Tür zur Bibliothek. Dieses Mal folgte er mir, ohne zu zögern. Ich beobachtete ihn sehr aufmerksam, während er sich in unserer Bibliothek umschaute. »Die Bücher gehören meinem Dad«, erklärte ich bereitwillig, obwohl er auch das wahrscheinlich nicht verstand. Doch ich musste etwas sagen, ganz egal was, weil ich auf eine Antwort hoffte. Ich wollte unbedingt noch einmal diese wundervolle tiefe Stimme hören.

Seine Finger bewegten sich über die Bücher, er schien die Titel zu studieren. Dann drehte er sich zu mir und lächelte mich an. Zum ersten Mal. Und mir blieb beinahe das Herz stehen.

»Soral kavar?«

Zögernd erwiderte ich sein Lächeln. »Tut mir leid, aber ich verstehe dich nicht.«

»Er hat dich gefragt, ob alles in Ordnung ist.« Phil betrat die Bibliothek und steuerte geradewegs auf meinen Gast zu. Unmittelbar vor ihm bremste er ruckartig ab und drückte seine Faust gegen die Brust, während er sich leicht verneigte, wie der Fremde es vorhin getan hatte. »Kat davor. Ke voland Philon.«

Mir fielen fast die Augen aus dem Kopf.

Der Fremde erwiderte den Gruß mit einem erfreuten Lächeln. »Kat davor, Philon. Ke voland Yven.«

Phil klopfte ihm mannhaft auf die Schulter und strahlte dabei über das ganze Gesicht.

»Du sprichst seine Sprache?«, fragte ich überrascht. Ich konnte es nicht glauben, selbst als Phil zustimmend nickte.

»Wir stammen aus derselben Gegend«, erklärte Phil.

Das überraschte mich. »Und ich dachte immer, du wärst Engländer.«

Phil schmunzelte. »Warum? Weil alle Butler aus England kommen?« Er lachte, und ich wurde knallrot. »Das ist Yven«, stellte er den fremden Mann vor. »Er ist ein dinarischer Krieger.«

Ich blinzelte. Hatte Phil gerade das Wort Krieger benutzt? »Dein dinarischer Krieger hat mir vorhin den Arsch gerettet und wurde dabei verletzt«, erklärte ich hastig. »Ich glaube, der Idiot hat ihn mit dem Messer erwischt.« Phil starrte mich entsetzt an, doch ich winkte schnell ab. »Erzähle ich dir später. Zuerst einmal sollten wir seine Wunde versorgen.«

Zögernd wanderte sein Blick zu dem Fremden. »In Ordnung«, sagte er nach einer Weile. »Ich hole das Verbandsmaterial. Du bleibst hier bei ihm.«

Ich nickte. »Alles klar.« Außerdem hatte ich ohnehin nicht vor, diesen Raum zu verlassen, obwohl ich eigentlich todmüde war. Ein innerer Impuls hielt mich davon ab. Ich musste hierbleiben. Ich musste einfach!

Mit hochrotem Kopf starrte ich auf meine verschränkten Finger und versuchte fieberhaft, mich von seinen dunklen Augen abzulenken. »Okay.« Ich holte tief Luft. »Du musst dein Hemd ausziehen, damit wir dich verarzten können.« Als er nicht reagierte, machte ich einen Schritt auf ihn zu. Mit einem Kopfnicken auf die Waffen, die quer über seiner Brust befestigt waren, sagte ich: »Die kannst du dort drüben auf den Tisch legen, solange wir uns um deine Wunde kümmern.«

Zu meinem Erstaunen begann er damit, seine Waffen abzulegen. Als Letztes zog er das Schwert hinter seinem Rücken hervor und legte es zu den anderen Waffen auf den Tisch.

»Gut. Und nun das Hemd.«

Er tat wie geheißen, und als er mit nacktem Oberkörper vor mir stand, hatte ich das Gefühl, jemand würde mir mit einem Ruck den Boden unter den Füßen wegziehen. Wie gebannt starrte ich auf seinen muskelbepackten Brustkorb und auf die merkwürdigen Tätowierungen, die sich über beide Arme bis hin zu seinen Schultern schlängelten und dann irgendwo auf seinem Rücken endeten.

Und da war noch etwas.

Die Verletzung, die er sich zugezogen hatte, als er mir zu Hilfe geeilt war, schien nicht die erste gewesen zu sein. Während er sich zur Seite drehte, um sein Hemd abzulegen, bemerkte ich die Narben auf seinem Rücken. Einige waren schon älter, andere noch frisch und gerötet. Die Wunden schienen von unzähligen vorausgegangenen Kämpfen zu stammen.

Als ich bemerkte, dass er mich beobachtete, räusperte ich mich kurz und versuchte von da an, mich nur noch auf die frische Wunde zu konzentrieren. Der Schnitt war nicht sonderlich tief, doch er blutete stark. Kurzerhand warf ich meine Jacke über die Stuhllehne, riss ein Stück Stoff aus meinem Top und drückte es auf die Wunde, um die Blutung zu stoppen. »Phil, wo bleibst du denn?«, rief ich über meine Schulter hinweg. »Mom kriegt einen Anfall, wenn er den Teppich vollblutet.«

Da legte er seine Hand auf meine Schulter und berührte vorsichtig die frische Prellung an meinem Oberarm. Ich zuckte leicht zusammen, als er mich mit seinen intensiven dunklen Augen fragend anschaute. »Shore vel kors?« Seine Miene verfinsterte sich, während er den violetten Fleck begutachtete.

»Phil«, murmelte ich, wie elektrisiert von seiner sanften Berührung.

Verwirrt blickte er zu mir auf. »Phil?«

Obwohl er ruhig blieb, erkannte ich den Zorn, der in seinen wilden Augen aufflammte. »Es ist nicht das, was du denkst«, erklärte ich mit einem Lächeln. »Wir trainieren des Öfteren zusammen. Ich war nicht ganz bei der Sache, sonst wäre das gar nicht passiert.«

Seine Miene entspannte sich ein wenig, seine Hand rutschte von meiner Schulter. Wie beiläufig blieb sie an meiner Hüfte liegen. Selbst wenn er mich nicht verstanden hatte, so schien ihn meine Stimme dennoch ein wenig zu beruhigen.

Plötzlich war er mir so nahe, dass ich die Hitze seines Körpers spüren konnte. Mir wurde schwindlig, als er beide Arme behutsam um meine Taille legte und mich an seine nackte Brust zog. Kurz darauf wurde mein Körper von einer wohltuenden Wärme erfasst, die sich überall in mir ausbreitete und auf wundersame Weise dafür sorgte, dass ich mich in seinen Armen sicher und geborgen fühlte.

Er senkte seinen Kopf auf Augenhöhe und legte seine Stirn für einen kurzen Moment an meine. »Mavala«, flüsterte er wenige Zentimeter von meinen Lippen entfernt. Seine raue Stimme löste ein heftiges Flimmern in meiner Magengrube aus. »Mavala«, sagte er noch einmal, ehe er sich wieder aufrichtete und mich freigab.

Ich blinzelte verwirrt. Was zum Henker war hier gerade passiert? Erst als Phil kurz darauf mit einem Verbandskasten unter dem Arm die Bibliothek betrat, kam ich wieder zur Besinnung. Widerwillig trat ich einige Schritte zurück.

»Wir sollten uns beeilen«, meinte Phil, während sein irritierter Blick zwischen Yven und mir hin und her huschte. »Nicht mehr lange und Martha taucht in der Küche auf, um mit den Vorbereitungen für das Frühstück zu beginnen. Wir wissen beide, wie sie auf unangemeldeten Besuch reagiert.«

So gut ich konnte, ging ich Phil zur Hand. Dabei vermied ich es, Yven noch einmal anzusehen. Dennoch entging mir nicht, dass er mich pausenlos anstarrte. Doch irgendetwas hatte sich während der letzten Minuten an seiner Haltung verändert. Mit einem Mal wirkte er angespannt und unruhig. Rastlos. Allerdings konnte ich mir beim besten Willen nicht erklären, was diesen plötzlichen Stimmungswechsel ausgelöst hatte.

»Fertig.« Phil räumte das restliche Verbandszeug weg. »Ein bisschen Ruhe und er ist wieder völlig hergestellt.«

Es folgte ein kurzer Wortwechsel zwischen Phil und Yven, in dieser seltsamen Sprache, woraufhin Phil zu einem Regal eilte, ein Buch herauszog und Yven in die Hand drückte.

Nachdem ich endlich wieder halbwegs klar denken konnte und die Anspannung aus meinem Körper wich, kehrte schlagartig mein angeborenes Misstrauen zurück. »Hast du gesehen, was der für Klamotten trägt?«, flüsterte ich an Phil gewandt. »Zuerst dachte ich, das wäre irgendein abgedrehtes Kostüm. Und die Waffen. Selbst für Halloween finde ich diese Aufmachung ziemlich übertrieben.«

Phil lächelte. »Dort, wo er herkommt, ist so etwas nicht sehr ungewöhnlich. Seine Aufmachung ist keine Verkleidung und seine Waffen sind sein ganzer Stolz.«

Ich schluckte. »Das ist kein Halloweenkostüm?«

»Nein.« Phil schüttelte den Kopf.

»Und die Waffen sind … echt?«, fragte ich, nur um ganz sicherzugehen.

Phil schenkte mir einen bedeutungsvollen Blick. »Er gehört zu einem uralten Volk, einer anderen Art, die tief verborgen in den Dinariden lebt, einer weitläufigen Gebirgskette, die sich über mehrere Länder erstreckt. Niemand weiß, dass sie existieren, denn normalerweise meiden sie den Kontakt zu Menschen, weshalb ich mir auch nicht ganz sicher bin, was ihn nach New Jersey geführt haben könnte.«

Obwohl seine Erklärung mehr Fragen als Antworten aufwarf, gab es eine ganz bestimmte Sache, die mich extrem verwirrte. »Eine andere Art?«, fragte ich argwöhnisch.

Phil wechselte einen kurzen Blick mit Yven, bevor er mir Rede und Antwort stand. »Sein Volk ist in gewisser Hinsicht menschlich, doch im Gegensatz zu einem Normalsterblichen haben sie schon vor sehr langer Zeit gelernt, ihre körperlichen wie geistigen Kapazitäten voll auszunutzen, und das verschafft ihnen uns gegenüber eine ganze Menge Vorteile. Sie verfügen über erstaunliche Fähigkeiten und sie leben um einige Jahre länger.«

Ich blinzelte. »Um wie viele Jahre länger?«

»Bis zu ihrem einundzwanzigsten Lebensjahr altern sie genauso wie jeder normale Mensch auch«, erklärte Phil. »Danach verlangsamt sich der Alterungsprozess jedoch rapide. Tausend Jahre und mehr sind keine Seltenheit.« Mit einem Kopfnicken deutete Phil auf Yven. »Der hier ist noch sehr jung, etwa dreihundert Jahre alt.«

Ich spürte das Frösteln, das mich durchlief. Mit zittriger Hand fuhr ich mir durch die Haare und versuchte, das Gesagte irgendwie zu verarbeiten. »Du willst mich verarschen, oder?«

Phil lächelte milde. »Ich würde dich niemals anlügen, Daja. Das weißt du doch.«

Daja war ein liebevoller Kosename, den nur Phil und Martha benutzten. Manchmal auch Milly, unser Zimmermädchen. Meine Mom hingegen konnte solche Kürzel auf den Tod nicht ausstehen. Von ihr wurde ich immer mit meinem vollen Namen angesprochen, was mich tierisch nervte. Doch so war sie nun einmal. Stets korrekt und immer um Haltung bemüht.

»Warum nennt er dich Daja?«, fragte Yven plötzlich in beinahe perfektem Englisch und brachte mich damit völlig aus dem Konzept.

Ungläubig starrte ich ihn an. »Du kannst unsere Sprache?«

Er zuckte die Schultern. »Jetzt schon«, gab er lächelnd zu und deutete auf das zugeklappte Buch in seinen Händen.

»Soll das bedeuten, während wir uns unterhalten haben, hat er unsere Sprache gelernt?«, fragte ich Phil ungläubig.

»Ich sagte dir bereits, dass sie über viel mehr Wissen verfügen als wir, und es auch gezielt einsetzen können«, entgegnete er mit einem Nicken.

Doch das Problem war, dass ich ihm nicht glauben konnte – oder wollte. Sosehr ich mich auch bemühte, mein Verstand sträubte sich hartnäckig dagegen. »Also gut. Lassen wir das.« Ich seufzte. »Eigentlich heiße ich Kathleen Allyson Shephard, wie ich dir bereits gesagt habe. Daja ist nur so eine Art … Kosename.«

Yven schaute mich stirnrunzelnd an. »Und welcher Name gefällt dir am besten? Wie möchtest du genannt werden?«

Das hatte mich bis jetzt noch niemand gefragt. »Hm, eigentlich finde ich Daja ganz schön, obwohl mir Phil bis heute nicht erklärt hat, wie er auf diesen Spitznamen gekommen ist.«