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Seitenzahl: 524
Veröffentlichungsjahr: 2012
Die siebenHäupter
Historischer Roman
von
Guido Dieckmann
Rebecca Gablé
Titus Müller
Helga Glaesener
Horst Bosetzky
Tessa Korber
Mani Beckmann
Malachy Hyde
Ruben Wickenhäuser
Richard Dübell
Belinda Rodik
Tanja Kinkel
Herausgegeben von Titus Müller und Ruben Wickenhäuser
ISBN 978-3-8412-0541-4
Aufbau Digital,
veröffentlicht im Aufbau Verlag, Berlin, Oktober 2012
© Aufbau Verlag GmbH & Co. KG, Berlin
Die Originalausgabe erschien 2004 bei Aufbau Taschenbuch, einer Marke der Aufbau Verlag GmbH & Co. KG
Dieses Werk ist urheberrechtlich geschützt. Jegliche Vervielfältigung und Verwertung ist nur mit Zustimmung des Verlages zulässig. Das gilt insbesondere für Übersetzungen, die Einspeicherung und Verarbeitung in elektronischen Systemen sowie für das öffentliche Zugänglichmachen z.B. über das Internet.
Umschlaggestaltung Dagmar & Torsten Lemme, Berlin unter Verwendung einer Abbildung von Giulio Clovio / Colonna Missale: Berufung des Johannes, um 1532
Konvertierung: le-tex publishing services GmbH, www.le-tex.de
www.aufbau-verlag.de
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Innentitel
Inhaltsübersicht
Informationen zum Buch
Informationen zu den Autoren
Impressum
Inhaltsübersicht
Prolog
1. Kapitel
2. Kapitel
3. Kapitel
4. Kapitel
5. Kapitel
6. Kapitel
7. Kapitel
8. Kapitel
9. Kapitel
10. Kapitel
11. Kapitel
12. Kapitel
13. Kapitel
14. Kapitel
15. Kapitel
16. Kapitel
17. Kapitel
18. Kapitel
19. Kapitel
20. Kapitel
21. Kapitel
Epilog
Nachwort der Herausgeber
Und es erschien ein anderes Zeichen am Himmel: Siehe, ein großer roter Drache, der hatte sieben Häupter und zehn Hörner und auf seinen Häuptern sieben Kronen, und sein Schwanz fegte den dritten Teil der Sterne des Himmels hinweg und warf sie auf die Erde.
Offenbarung 12,3-4
Ein sächsisches Dorf, im Jahre des Herrn 1223
Der Leib des Fremden war eine einzige Wunde.
Ethlind konnte ihre Abscheu kaum verbergen, als sie ihm die schmutzigen Binden von den geschwollenen Fußknöcheln löste. Oberhalb der Wade schien sich die wäßrige Haut mit dem groben Leinen zu einer grotesken Einheit aus Sehnen und Streifen verbunden zu haben. Faustgroße Flecken von Blut und Eiter drangen durch den Stoff und sonderten einen so widerlichen Geruch ab, daß es Ethlind beinahe den Magen umdrehte.
Der Mann drehte sich auf die Seite, krümmte sich und begann leise zu wimmern, dabei hatte sie ihn noch nicht einmal berührt. Die Tortur der Säuberung stand ihm noch bevor. Behutsam legte Ethlind ihre Hand auf seine Stirn. Seine Haut glühte wie ein funkensprühendes Kohlenbecken. Besorgt stellte sie fest, daß seine Augenlider unter ihren sanften Berührungen zuckten, als begehrten sie gegen die unfreiwillige Ohnmacht auf, die ihn nun bereits seit drei Tagen in einem Winkel der sächsischen Bauernkate auf sein Strohlager zwang.
»Ich brauche eine Schüssel Wasser«, rief Ethlind über die Schulter. Sie konnte ihre Dienstmagd im Dämmerlicht der kleinen Kammer kaum erkennen, denn draußen auf der Gasse war es noch zu hell für eine Lampe, und das Herdfeuer brannte, auf Befehl des Bauern, nur in der gemeinschaftlich genutzten Stube. Aber sie wußte, daß Bertha irgendwo im Schatten stand, lauernd wie eine Katze vor dem Mauseloch, und jede ihrer Bewegungen haargenau vermerkte. In der Stube klapperten Holzpantinen über den festgestampften Lehmboden. Ein mißmutiges Husten und Zischen war zu hören.
»Bring mir auch einen Schwamm, er liegt auf dem Wandbord, gleich hinter den irdenen Krügen«, befahl Ethlind mit strenger Stimme. Sie ahnte, daß es der jungen Magd ihres Vaters gegen den Strich ging, ausgerechnet ihr zu gehorchen. Immerhin schlief Bertha seit dem vergangenen Winter, der so hart gewesen war, daß zwölf Dorfbewohner und drei Knechte des Gutsherrn das Zeitliche gesegnet hatten, nicht mehr in der Gesindestube. Sie teilte das Bett des Bauern. Vermutlich rechnet sie sich gute Chancen aus, bald selbst auf dem Hof das Sagen zu haben, dachte Ethlind und verzog den Mund. Als Magd war auf Bertha kein Verlaß, dafür besaß sie jene Qualitäten, von denen die Männer in den Schenken schwärmten, sobald der heiße Würzwein ihren Körper erhitzte. Daß sie ein verschlagenes Biest war, interessierte weder ihren Vater noch die Knechte und Freibauern, denen Bertha im Laufe der vergangenen Monate schöne Augen gemacht hatte.
Ethlind biß sich auf die Unterlippe. Gewiß würde Bertha ihrem Vater heute abend brühwarm berichten, daß Ethlind ihr verboten hatte, zum Gutshaus hinaufzugehen, um seinen Auftrag auszuführen. Daß sie ihre Arbeit vernachlässigte, um mit diesem verlausten Vaganten zusammenzuhocken. Ihm die Wunden zu verbinden. Seinem Gestammel von fernen Ländern zu lauschen …
Ethlinds langer, geflochtener Haarzopf rauschte über die Decke, die sie zum Schutz vor der beißenden Februarkälte über den entblößten Oberkörper des Bewußtlosen gelegt hatte. Sie bestand aus zusammengenähten Kaninchenfellen und gehörte dem Hausherrn. Er war stolz auf diese Decke, zeigte sie überall herum, als versuche er mit ihrer Hilfe Ethlinds Chancen auf dem Heiratsmarkt zu verbessern. Nun aber hatte sie längst den Geruch des Kranken und seines Lagers angenommen. Und auch dafür würde ihr Vater sie verachten.
Sie erhob sich. Ihr war eingefallen, daß es noch einen kleinen Vorrat an Heilkräutern im Hause gab. Der alte Lurias, ein fahrender Krämer, der zweimal im Monat mit seinem Karren den Pfad zum Hofgut einschlug, hatte sie ihr vor Mariä Lichtmeß überlassen, damit sie dem Krampfhusten ihres Vaters zu Leibe rücken konnte. Einige der Arzneien bewahrte sie seitdem in versiegelten Zinnkrügen auf, die in einem Hohlraum zwischen den Schiebesteinen des Kellerfensters klemmten. Bertha wußte nichts von diesem Versteck, und dies war auch besser so.
»Ich gebe Euch etwas gegen das Fieber, sobald das dumme Ding aus dem Haus ist, Herr«, sagte sie leise. Sie warf ihren Zopf zurück, während sie sich von neuem über den Leib des jungen Mannes beugte. Als sie ihn im Graben vor dem Fallgatter des Dorfes aufgelesen hatte, war sein Gesicht unter der dicken Schicht aus geronnenem Blut, Staub und verkrustetem Schmutz kaum zu erkennen gewesen. Aber Ethlind hatte trotz dieses erbärmlichen Anblicks sofort gespürt, daß der Fremde kein gewöhnlicher Bettler oder Trunkenbold war. Er schien auch kein Bauer zu sein, jedenfalls keiner aus der Gegend, denn Ethlind kannte jedes Gehöft an der Straße nach Dessau, gleichgültig, ob es von freien Zinsbauern, wie ihrer Familie, oder Hörigen bewohnt wurde.
Die schlanken weißen Finger dieses Mannes hatten weder jemals einen Pflug geführt noch eine Forke in den Ackerboden geschlagen. Möglicherweise gehörte er dem Ritterstand an, oder er war ein Kaufmann, der auf dem Handelsweg nach Polen Wegelagerern zum Opfer gefallen war. Nun, da Kaiser und Papst sich unter den Edlen des Reiches Verbündete suchten, um ihren unheilvollen Machtstreit auszufechten, gab es kaum noch eine Landstraße, die für unbescholtene Reisende sicher war.
Während Bertha geräuschvoll in der Stube ihres Herrn hantierte, betrachtete Ethlind den Fiebernden. Seine Haut glänzte in dem schwachen Lichtstreifen, der durch die Kammertür drang, wie brüchiger Sandstein. Seine dunklen, gewellten Haare hatte Ethlind mit duftender Honigseife gewaschen, sorgfältig gekämmt und im Genick mit einem Lederriemen zusammengebunden. Den verfilzten schwarzgrauen Bart hatte sie ihm jedoch kurzerhand abgenommen. Sie fand, daß der Fremde trotz seiner entstellenden Blessuren gut aussah. Irgendwie südländisch, auch wenn sie nicht zu sagen vermochte, worauf sich ihr Gefühl begründete, denn sie hatte in ihrem jungen Leben den kleinen Weiler kaum verlassen. Doch wer, bei allen Heiligen, war er? Was hatten die sonderbaren Worte zu bedeuten, die er während seiner ersten Nacht in der Kate im Fiebertraum gerufen hatte?
Cathay … Mongolenpfad …
Energisch schüttelte sie diese Gedanken ab und drehte sich nach der jungen Magd um, die soeben in die Kammer gestapft kam. Bertha balancierte eine bis zum Rand gefüllte Holzschüssel in den Händen. Über ihrem Arm hingen mehrere Streifen Linnen. »Der Bursche ist nicht nur verwundet, sondern schwachsinnig, wenn du mich fragst«, sagte sie mit gerümpfter Nase. »Schwachsinnig oder versponnen wie du selbst und …«
»Dich fragt aber keiner! Stell gefälligst die Schüssel neben den Bettkasten, ehe das ganze Stroh aufweicht!«
Ethlind nahm den Schwamm, tauchte ihn in das eiskalte Wasser und beobachtete einen Augenblick lang gebannt, wie die einzelnen Tropfen unter ihren Händen zurück in die Schüssel perlten. »Du kannst gehen, Bertha. Ich brauche dich heute nicht mehr im Haus.« Kein Mensch braucht dich hier, setzte sie in Gedanken hinzu und lächelte, als die Magd beleidigt hinausging.
Plötzlich drang ein gequältes Seufzen an ihr Ohr. Dem Laut folgte ein Wort, undeutlich, wie das Glimmen eines Feuers, kurz bevor es erlischt. Ethlind hatte dasselbe Wort schon einmal vernommen, damals in der ersten Nacht ihrer Krankenwache. Aufgeregt starrte sie zum Lager des Fremden hinüber.
»Gebt ihm … den Samen des Drachen. Er ist … das Ende der Welt. Der Herr befiehlt …«
Da! Hatte er sie nicht soeben erst angesehen? Einen Herzschlag lang hatten sich ihre Blicke gekreuzt. Ethlind spürte seine Augen wie glühendes Eisen auf der nackten Haut. Es war, als habe das Fieber auch sie heimgesucht.
Die Lippen des Fremden öffneten und schlossen sich rhythmisch, als versuchte er zu kauen.
»Sterbt nicht, mein guter Herr«, flüsterte Ethlind voller Angst. »Ich will, daß Ihr bleibt.«
Er erwachte unter einem Himmelsdach aus rotem Stoff, der glänzte, als hätten sich tausend Sonnenstrahlen in ihm versteckt. Auch die Kissen und Decken, auf denen er lag, fühlten sich glatt und kühl an wie Metall, dabei waren sie zart und warm. Sein Körper duftete nach Orangenblüten, Jasmin und einigen Pflanzen und Früchten, die er nicht einmal kannte. Über ihm, an der Decke des Gemachs, schaukelten große bunte Lampen. Sie waren mit verschiedenen Tierbildern geschmückt und schimmerten durchsichtig wie Pergament. Er hatte nie zuvor etwas Schöneres gesehen, nicht in Ägypten und auch nicht in Persien.
Zwei hübsche, schmale Augen blickten ihn abschätzend an. Sie gehörten einem jungen Mädchen, das eine goldene Glocke in der Hand hielt. Sie war schmaler gebaut als die Mongolenmädchen, die er auf dem Markt der Hafenstadt Kaffa gesehen hatte, doch ihr Haar war ebenso dunkel und glatt. Einen Herzschlag lang sah die junge Frau auf die Glocke in ihrer Hand. Dann öffnete sie die Lippen, um ihn anzusprechen. Ihre Stimme klang süß wie Engelsgesang, aber er verstand kein Wort von dem, was sie sagte. Erst als sie auf seine Kleider und den venezianischen Dolch zeigte, die auf einem herrlich geschnitzten Fußschemel neben dem Bett lagen, kehrte die Erinnerung zu ihm zurück. Er war nicht tot, nicht im Paradies.
Sein Herr, der Kaufmann, war tot. Er war in dessen Kleider geschlüpft. Sein eigentlicher Herr würde es ihm nie verzeihen, wenn er seine Mission nicht erfüllte. Also hatte er die Karten an sich genommen, um den Weg nach Cathay fortzusetzen.
Den langen Weg über den Mongolenpfad.
Bertha hatte sich bei Ethlinds Vater ausgeweint. Soviel stand fest. Als der Bauer gegen Abend in die Stube polterte und nach ihr rief, wußte Ethlind, daß sie sich etwas einfallen lassen mußte. Ärger lag in der Luft.
»Ich will den Kerl nicht länger in meinem Haus haben«, knurrte der Bauer, nachdem er einen flüchtigen Blick auf den Fremden geworfen hatte. »Hast du mich verstanden, Ethlind?« Er warf die knarrende Tür der Kammer ins Schloß und trat ihr entgegen. Ohne Vorwarnung packte er seine Tochter derb am Handgelenk. Seine Augen blitzten bedrohlich, während er sie hinter ihrem Webrahmen hervor und zum prasselnden Feuer zerrte.
»Bertha sollte auf mein Geheiß zum Haupthaus hinauf, um Ritter Hartmann von dem Fremden zu erzählen«, sagte er zornig und spuckte in die Glut. »Dafür hatte ich sie persönlich beim Vogt angemeldet. Der Bruder des Herrn ist nämlich zurückgekehrt. Er möchte den Frühling auf Gut Repgow verbringen und wüßte gewiß …«
»Herr Eike ist zurück?«
»Hab ich doch gesagt, Mädchen!« Der Bauer stieß Ethlind so kräftig von sich, daß sie taumelte und mit der Hüfte gegen die Kante des wuchtigen Eichentisches stieß. Ihr Schmerzensschrei schien ihn zur Besinnung zu bringen, denn er rührte sie nicht mehr an. Statt dessen ergriff er einen gefüllten Krug mit Buttermilch, der neben der steinernen Werkplatte stand, setzte ihn an und trank in so gierigen Zügen, daß sich die Flüssigkeit wie eine weiße Viper über sein Kinn schlängelte.
»Vielleicht ist der Kerl unter meiner Decke ja ein gemeiner Totschläger«, sagte er eine Weile später mürrisch. »Du kennst nicht einmal seinen Namen.« Er lachte höhnisch auf und wischte sich die Milch mit seinem Ärmel aus dem Gesicht. »Cathay wird er doch wohl nicht heißen, oder? Das ist kein Name für einen Christenmenschen!«
Ethlind schwieg. Es war sinnlos, mit ihrem Vater zu diskutieren. Besonders, wenn er gerade von Bertha kam und nach dem betörenden Gift roch, welches ihre scharfe Zunge ihm regelmäßig in die Ohren träufelte.
Cathay war, wenn sie den Worten eines Fiebernden glauben durfte, ein fernes Land unermeßlichen Reichtums. Es lag jenseits des Mongolenpfads, und kein Untertan des Kaisers hatte es bislang jemals betreten. Nachdem der Bauer sich mit einer Schüssel lauwarmen Gemüsebreis in seine Kammer zurückgezogen hatte, öffnete Ethlind die Falltür zum Vorratskeller und ließ sich geräuschlos in die Finsternis hinabgleiten. Sie mußte ihre Zinnkrüge holen, ehe das Fieber ihres Schützlings wieder anstieg. Anschließend schlich sie sich leise in die Kammer zurück. Draußen begann der Wind zu heulen und gegen die Holzläden zu wüten. Gewitterwolken teilten sich den grauen Himmel auf wie eine Kriegsbeute. Wenig später zuckten die ersten grellen Blitze durch die Winternacht.
Er hat von einem Mädchen phantasiert, dachte Ethlind fröstelnd. Sie versuchte, sich die wirre Beschreibung des Mannes ins Gedächtnis zurückzurufen. Ein Kleid aus fließendem Stoff, das im Glanz der Sonne geschillert habe wie der Flügel einer Libelle? Schmale schwarze Augen? Aber da war noch etwas anderes gewesen: Der Mann hatte vom Drachensamen gesprochen. Einem Samen, der die Macht besaß, das Ende der Welt heraufzubeschwören.
Er hatte sie also getäuscht. Nein, nicht er, die Kleider und Waffen seines Herrn waren es, die den Blick seiner Gastgeber vernebelten. Menschen sehen nur das, was sie wirklich sehen wollen, dachte er, während er sich von dem Alten, dem Vater seiner Wächterin, durch dessen Anwesen führen ließ. Der Alte hatte gewiß keinen so jungen Handelsmann erwartet, aber er stellte glücklicherweise nur wenige Fragen. Zum Dank für die großmütige Pflege wechselte der venezianische Dolch seines verstorbenen Dienstherrn den Besitzer.
Der alte Mann sprach ein paar Worte Persisch, so wie er selbst. Er erklärte ihm die Funktion der Sonnenuhr, der Garküchen und der hohen Mauern seines Handelshofes. Letztere sollten einen drohenden Angriff der Mongolen abwehren.
»Die Mauern allein werden Euch nicht vor der Horde des Khans retten«, ließ er den Alten nach dem Rundgang wissen. »Ihr braucht Waffen nötiger als Ingwer, Muskatnuß oder feine Teppiche.«
Zuletzt, nach einigem Zögern, führte sein Gastgeber ihn zu einem Haus, das ein wenig abseits der prächtigen Wohnpaläste in einem Garten stand. Es war rot angestrichen und besaß ein Dach aus Bambusstauden. Der alte Mann nannte es das «Haus des roten Drachen«.
»Heute, nach Einbruch der Dunkelheit, feiern wir den ersten Vollmondtag des neuen Jahres«, sagte der Alte fröhlich. »Du wirst miterleben, was der Samen des Drachen vermag!«
Auf Wunsch des Alten legte er ein Gewand aus blauer Seide an, um den Feiertag zu begehen. Daß dieser offenkundig heidnisch war, störte ihn dabei nicht im geringsten. In diesem Land besaß seine Kirche weder Macht noch Einfluß. Er genoß die lächelnden Gesichter der schwarzhaarigen Mädchen, den Strom des süßen Weines. Bis ein gewaltiger Donnerschlag den Erdboden erzittern ließ. Die Menge im Saal sprang auf, drängte hinaus auf die Aussichtsterrasse. Er ließ sich mitreißen, obgleich der Schreck ihm in alle Glieder gefahren war und seine Beine ihm den Dienst versagen wollten.
Ein Grollen und Zischen brandete auf. Es klang ihm in den Ohren, als öffnete sich der Himmel, um den ewigen Streit zwischen Gut und Böse vor seinen Augen auszufechten. Hoch über seinem Haupt leuchteten riesige Sterne auf. Begleitet von weiteren schweren Donnerschlägen, erschienen sie aus dem Nichts der Dunkelheit und verpufften in einem silbernen Regen. Über den Gärten stiegen Rauchsäulen auf. Die Apfelbäume des alten Gutsherrn schienen in Flammen zu stehen, aber keiner lief davon, um sie zu löschen. Die Menschen klatschten begeistert in die Hände und verneigten sich, bis die Ärmel ihrer seidenen Gewänder den Boden berührten.
Der junge Mann spürte, wie sein Herz schmerzhaft gegen die Rippen hämmerte. Mit geweiteten Pupillen starrte er in die Nacht hinaus. Er zuckte unter jedem Donnerschlag zusammen, doch er rührte sich nicht von der Stelle.
Und dann verließ der Drache sein Haus mit dem gewölbten Bambusdach. Er sah aus, wie die Priester ihn immer beschrieben hatten: rot wie loderndes Feuer, mit sieben schuppigen Häuptern und zehn Hörnern, welche die Luft zerrissen. Goldene Kronen schwebten in einem zuckenden Schweif über seinen Häuptern, und der Schwanz bewegte sich so schnell, daß er die goldenen und silbernen Sterne hinwegfegte und zur Erde warf.
Das Ende der Welt war über sie gekommen, und er war der einzige Mann, der in der Lage war, die Bedeutung des Drachens zu begreifen.
»Nun hast du gesehen, was geschieht, wenn der Drache sein Haus verläßt!« hörte er den Alten zu seiner Linken mit hoher Stimme wispern.Ein gewaltiges Grollen erschütterte den Himmel, und Regen peitschte gegen das Flechtwerk der Bauernkate.
»Nein«, schrie der Fremde in grenzenloser Panik auf. »Die Saat ist verflucht!« Er saß senkrecht auf dem Strohsack und umklammerte seine Decke, als wäre sie ein lebendiges Raubtier, das bereit war, ihn mit Haut und Haaren zu verschlingen. Seine glasigen Augen fixierten die winzige Fensterluke, vor der sich die verkrüppelten Äste einer alten Linde im Sturmwind bogen.
Ethlind war sofort bei ihm. Sie hatte sich nahe dem Herdfeuer ein Lager zurechtgemacht. »Beruhigt Euch doch, Herr, Ihr hattet einen bösen Traum«, flüsterte sie, während sie sich vergeblich bemühte, den jungen Mann wieder in die Kissen zu drücken. »Ihr seid noch zu schwach. Eure Wunde am Bein …«
»Wer zum Teufel bist du?« fiel er ihr ins Wort. Er starrte sie feindselig an, ließ es sich aber gefallen, daß Ethlind seine verkrampften Finger öffnete und ihm die Decke entwand. Er hatte die Felle auseinandergerissen. Es würde Tage dauern, bis …
Unwichtig, befand sie. Sie tastete nach dem Tonbecher, den sie kurz vor Mitternacht vorsorglich noch einmal gefüllt hatte, und ließ den Fremden daraus trinken.
»Ihr seid in einem Dorf, das zum Grundbesitz der Herren von Repgow gehört.« Sie holte tief Luft, ehe sie leise hinzufügte: »Und mich nennt man Ethlind.«
»Meine Kleidung … mein Beutel …«, stammelte der Mann. »Hast du den Samen des Drachen gefunden, Mädchen?«
Ethlind verstand nicht sogleich, was er meinte. Der Mann hatte ein zerlumptes Wams getragen, als sie ihn gefunden hatte. Einen Beutel hatte er nicht bei sich gehabt. Als sie ihm dies so schonend wie möglich beibrachte, begann er sie anzuschreien, als wäre er toll geworden. Voller Angst wich sie zurück und bekreuzigte sich. Womöglich hatten ihr Vater und Bertha doch recht gehabt, und der Fremde war schwachsinnig. Unwillkürlich horchte sie, ob sich in dem Verschlag, den ihr Vater bewohnte, etwas regte. Doch es blieb alles still.
»Bitte hilf mir, Ethlind«, sagte der Fremde plötzlich unerwartet sanft. Sein weicher Akzent verstärkte sein Flehen. Er streckte die Hand nach ihr aus. »Hast du mein Wams und den Kapuzenmantel aufbewahrt?«
Sie nickte argwöhnisch.
»Trenne den Saum des Futters auf, unterhalb der Ärmelfalte. Willst du das für mich tun?«
Ethlind entwischte auf Zehenspitzen aus der Kammer. Im Holz der Feuerstelle bemerkte sie noch ein wenig Glut. Hastig entzündete sie eine Talgkerze und kehrte mit dieser in die kleine Schlafkammer zurück, wo der junge Mann sie bereits ungeduldig erwartete. Sie zog die Lumpen unter der Bettstatt hervor und warf sie auf die Decken, daß es staubte. Während sie die Nähte öffnete, spürte sie, wie der Fremde ihr seine Hand auf die Schulter legte. Er begann ihr offenes Haar zu zerwühlen. Ethlind wagte kaum, sich zu bewegen, und hoffte, daß die Naht sich ihren Nägeln noch recht lange widersetzen würde.
»Ich hab’s gefunden«, rief sie nach einer Weile. »Ihr hattet recht, es ist ein Beutel!« Ethlind befühlte das weiche Leder mit ihren Fingerspitzen. Was, um alles in der Welt, konnte an dem Säckchen so kostbar sein? Die merkwürdigen, eckigen Schriftzeichen, die es trug? Sie nahm die Kerze vom Boden auf und führte sie an den Lederbeutel heran.
»Bist du wahnsinnig, Weib?«
Stöhnend warf sich der junge Mann über Ethlind und riß ihr den Beutel aus der Hand. »Fort mit der verdammten Kerze!«
Ethlind gehorchte erschrocken.
»Du mußt den Drachensamen aus dem Haus schaffen«, verlangte der Fremde mit schwacher Stimme. »Auf der Stelle!« Entkräftet ließ er sich auf das Kissen zurücksinken und hielt Ethlind den Beutel unter die Nase. »Ich will nicht, daß du dir den Tod ins Haus holst oder aus Unwissenheit das Jüngste Gericht entfesselst, nur weil du mir aus Barmherzigkeit geholfen hast. Vielleicht fällt dir ein Ort ein, an dem du den Beutel für mich verbergen kannst. Wenigstens so lange, bis ich kräftig genug bin, meine Reise fortzusetzen.«
Nirgendwo im Dorf gab es ein wirklich sicheres Versteck für die geheimnisvolle Gabe. Und wenn Ethlind ehrlich mit sich selber war, so wollte sie das Höllenzeug auch nicht in ihrem Keller, zwischen den Schiebesteinen, wissen. Selbst wenn es ein Vermögen wert gewesen wäre.
Sie wußte jedoch einen anderen Ort, wo niemand das Säckchen aus dem fernen Cathay finden würde. Weder Bertha noch ihr Vater oder irgendein anderer würde dort auf ihr Geheimnis stoßen.
Gegen Morgen ließ der Regen endlich nach. Ethlind band sich ein Wolltuch um den Kopf, verbarg den Beutel des Reisenden unter ihrem Kleid und stahl sich aus dem Haus. Ihr Vater schlief noch tief und fest. Möglicherweise war Bertha bei ihm. Der Fremde – sie hatte nicht einmal nach seinem Namen gefragt – war in einen unruhigen Dämmerschlaf gefallen. Sie mußte zurück sein, bevor er erwachte.
Auf dem Dreschplatz war noch alles still, als Ethlind durch die schmale Kuhpforte mit dem winzigen Türmchen schlüpfte. Ein Hund schlug an, doch er verstummte bereits nach wenigen Augenblicken. Irgendwo in der Nähe knarrte eine Scheunentür.
Ethlind schritt aus, ohne sich umzublicken. Eilig folgte sie dem aufgeweichten Trampelpfad, der hinter dem Anger zum Haus der Herren von Repgow führte.
Der rote Drache hatte sein Haus verlassen.
Burg Anhalt, April 1223
Na warte, du Schandmaul, das wirst du büßen!« drohte Henner und hob die Fäuste.
Groß wie Schinken, dachte der eher schmächtige Johann nervös. »Es ist niemals eine Schande, die Wahrheit auszusprechen.«
Damit war alles gesagt. Henner stürzte sich auf seinen Vetter, und Johann hatte gerade noch Zeit zu staunen, wie sehr der Angriff dem einer wütenden Wildsau glich, ehe er niedergewalzt wurde und die Schinkenfäuste auf seinen Kopf hinabfuhren. Er wehrte sich, so gut er konnte, plazierte hier und da einen Gegenschlag und traf Henner mit einem kräftigen Tritt am Schienbein, so daß er ihm einen wütenden Schrei entlockte, aber die schiere Masse seines Gegners drohte ihn zu überwältigen, schnürte ihm die Luft ab, und er bekam wirkliche Angst. Mit fest zugekniffenen Augen legte er die Arme um den Kopf und biß die Zähne zusammen.
»Halt, halt, halt. Ich glaube, das reicht, junger Herr.«
Johann vernahm die Stimme seines Retters nur wie von ferne, aber gleich darauf hörten die Schläge auf, und die erdrückende Last wich von seiner Brust.
Langsam setzte der Junge sich auf und wischte sich verstohlen mit dem Ärmel übers Gesicht, ehe er hochschaute.
Ludger von Repgow stand einen Schritt zur Linken und hatte Henner am Schopf gepackt. In der anderen Hand hielt er seine Laute. »Was denkt Ihr Euch nur dabei, am höchsten Feiertag des Jahres solch eine unwürdige Rauferei anzufangen?«
Henner, der aufgrund seiner Leibesfülle ohnehin schon keinen erkennbaren Hals besaß, zog den Kopf noch weiter zwischen die Schultern und schwieg trotzig.
Ludger ließ ihn los und betrachtete ihn kopfschüttelnd. »Ihr könnt froh sein, daß Vater Thaddäus das nicht gesehen hat.« Dann wandte er sich an Johann, zog ihn auf die Füße und spähte in das blasse, schmale Gesicht. »Ihr seht richtig gefährlich aus mit Eurer blutigen Nase, wißt Ihr. Johann von Brandenburg – der wehrhafte Recke.«
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