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Die abenteuerliche Suche nach dem Selbst des Albert Lejeune, seine Suche nach dem Sinn, und vom Abschied von vielen Illusionen. Über Liebe, Exotik, Lachen, Leiden und den Tod. Ein Schelmenroman mit zeitweisem Tiefgang.
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Seitenzahl: 112
Veröffentlichungsjahr: 2017
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Buchcover: Gemälde von Elke Trittel „Jump the gap“ Ähnlichkeiten mit lebenden Personen sind rein zufällig
Hans A. Poignée lebt seit 60 Jahren mit seiner Familie in Ettlingen bei Karlsruhe. Er hat eine Reihe von Büchern geschrieben (siehe Buchende). Er studierte Germanistik, Romanistik, Politische Wissenschaften, BWL, Wirtschaftsinformatik, Naturheilkunde und Diplompädagogik in Karlsruhe, Marburg, Mannheim und Freiburg. Er promovierte in pädagogischer Psychologie in Osnabrück. Außer seiner Familie liebt er Musik, Malerei und Schriftstellerei.
Erstes Leben: Dichtung und Wahrheit
Zweites Leben: Lehrjahre des Herzens
Drittes Leben: Alma Mater
Viertes Leben: Die Erprobung neuer Sozialformen oder wie man Handtücher spart
Fünftes Leben: Die Suche nach dem Sinn des Lebens oder La folie à plusieurs
Sechstes Leben: Amateur oder Animator?
Siebtes Leben: Der schleichende Tod oder das Berufsbeamtentum
Schluss
Manchmal erscheint uns das, was wir gemeinhin als unser Leben bezeichnen, ziemlich verworren. Wir ändern uns nicht nur häufig, wir sind auch nicht beständig in unserem Fühlen und in unseren Überzeugungen. Wenn wir in ein Fotoalbum blicken, erscheint es uns manchmal, als ob uns dieser Mensch, der wir ganz offensichtlich einmal waren, gänzlich fremd sei. Vielleicht führen wir nicht nur ein Leben, sondern mehrere, die manchmal mit einem Schicksalsschlag oder einer glücklichen Fügung des Himmels beginnen und manchmal in dunklen Sackgassen und Verwirrungen ein Ende nehmen. Vielleicht lebte Albert Lejeune deshalb sieben Leben, oder acht, wer weiß das schon so genau? Niemand weiß den Tag und die Stunde, da sich zuletzt alles zum Bösen oder zum Guten wendet.
So oft schon streiften uns die Flügel des Todes und wenn wir das sanfte, kalte Schaudern in uns spüren, so vergessen wir es schnell, denn wir sind Kinder des Lichts und des Lebens.
Ein leicht zu übersehendes Lächeln, eine nicht wahrgenommene Berührung hätten die Liebe in dein Leben einlassen können und du bist achtlos den Weg weiter gegangen, den du dir vorgenommen hattest. Menschen, die dir einst alles waren, sind verschwunden aus deinem Leben und selbst ihre Spuren sind verweht im lauen Wind des Lebens.
Albert Lejeune legte das fertige Manuskript eines Büchleins aus der Hand. Eigentlich wollte er in narzisstischer Weise diese Novelle als sein letztes Werk der Öffentlichkeit vorstellen. Während er sich selbst mit dem Genuss einer kompletten Tafel Ritter-Sport belohnte, entschied er sich doch noch einmal darüber nachzudenken, ob es über das Leben als solches nicht noch anderes zu berichten gäbe als die Tatsache, dass es unerklärliche Zusammenhänge im Leben gab, dass unglückliche Zufälle im Rückblick eines Lebens sich als Glücksfälle herausstellen, dass Sexualität etwas ist, das sich entwickeln lässt und dass der Tod immer dann eintritt, wenn man ihn am wenigsten erwartet. Außerdem fühlte er sich, im Abstand von 14 Tagen betrachtet, unwohl bei der kruden Schreibe, in der er seinen ersten Kriminalroman geschrieben hatte. Natürlich war es der Stil von Albert Camus gewesen, dessen Stil er kopieren wollte. Aber heute schrieb niemand mehr einen solchen Stil, voller plötzlicher, aus dem Nichts auftauchender Gefühle. Heute, im Jahr 2000 war es angesagt, extrem cool aus der Welt des Internets zu plaudern, Helden warfen wie bei Grisham nur so mit den 100.000 $ um sich, die Protagonisten reisten ununterbrochen um den Erdball in geheimnisvollen Missionen und wenn nicht, so brachten sie zumindest das Internet zum Erliegen, planten oder verhinderten Attentate auf den amerikanischen Präsidenten oder waren völlig hip in den Diskos, vollgedröhnt mit Exstacy oder Mushrooms. Ihre Message an den Leser war wahlweise:
Es lohnt sich jedes Geschäft, wenn es Geld gibt.
Allen geht es schlecht, aber mir geht es besonders.
Männer sind noch blöder.
Nur in geheimer Mission, mit MG, Maserati und Laptop lohnt sich der Einsatz des Lebens.
Nur frisch eingekaufte Hemden, Kokain und Alkohol gemischt mit juvenilem Zynismus machen das Leben schön.
Albert sehnte sich, wie das bei vielen Männern nach der Midlife-Crisis der Fall ist, zurück nach der guten alten Zeit. Vielleicht war es die Mühe wert, einmal aufzuzeigen, wie die Welt früher war, vor einem halben Jahrhundert, in jener Zeit, die die jetzige Jugend kaum mehr vom Dritten Reich unterscheiden kann. Er legte den Bleistift aus der Hand und legte sich schlafen. In der Nacht legten sich Bänder um sein Herz und er rang nach Luft wie ein Sterbender. Ein gutes Zeichen; am nächsten Morgen würde er wie wiedergeboren sein. Am Nachmittag endlich, nach Kaffee, Brötchen, Morgenzeitung, Stadtbummel und Telefonaten, machte er sich an die Arbeit und begann zu schreiben. Dieses Mal nahm er den neuen Laptop zur Hand, installierte ein Diktierprogramm- eine Sekretärin kann sich ein Schriftsteller nur leisten, wenn er gleichzeitig Staatsminister ist- und bemühte sich, dem Computer seine Stimme nahe zu bringen. Der erste Abend war geschenkt. Er brauchte bis in die späte Nacht, um das Programm zu „zähmen“. Am nächsten Tag begann das eigentliche Diktat,
Das Dumme am zweiten Weltkrieg ist, dass er überhaupt stattfand. Ständig stößt man in Europa auf bescheuerte Ausländer, die einem als Deutschen deswegen schneiden. In Split wird man auf offener Straße als „Scheiß-Deutscher“ beschimpft, wenn man verräterische Krachlederne anzieht.
Dabei ist seine hirschlederne Hose, die ihm seine Eltern mit 7 Jahren verpasst hatten – ein Erbstück – sicher unschuldiger an den Massenmorden an Serben als die Ustasha der Kroaten.
Aber auch die Kroaten wollten einmal einen 14- jährigen Jungen ins Gefängnis stecken, weil er sich mit einem 5 – Pfennig – Schein eine Zigarette anzünden wollte, mit dem Abbild des Staatspräsidenten Tito auf der vorderen Seite. Und auf einem Parkplatz in Porec war es einem Kroaten eine Ehre, ihnen, den blöden Deutschen, den Parkplatz, auf den wir offensichtlich gerade einfahren wollten, weg zu schnappen.
Sie hatten sich gerächt und den gegnerischen Fiat in der Parklücke um 90 Grad gedreht. Das geht schon bei 6 kräftigen Helfern! Persönlich hatte er ein beeindruckendes Beispiel französischen Hasses auf Deutsche erleben müssen. Nachts um 22 Uhr war er in der Nähe von Marseille mit einem französischen Freund auf dem Heimweg von der Diskothek. Im Dunkel und nicht allzu fern hörte ich das Wort „Bosch“, das sich wohl auf das Deutsch bezog, das mein Freund mit ihm üben wollte. Zu spät versuchte er ihn davon zu überzeugen, dass sie es lieber mit Französisch versuchen sollten, schon bekamen sie beide einem Kinnhaken und lagen am Boden. Damals wusste er noch nicht, dass sich Jugendliche aus Marseille am Samstagabend auf ihre Motorräder schwingen, die Campingplätze in der Nähe aufsuchen und ihren Spaß haben wollen. Was so ein Straßenbau-Facharbeiter, Ladearbeiter, Sanitärlehrling oder Arbeitsloser unter Spaß versteht. Seither hatte er sich die Überzeugung zugelegt, dass Rassismus eine Frage der Intelligenz und nicht der Überzeugung ist. Dass Hitler selbst ein Depp gewesen ist, passt hervorragend zu seinen Beobachtungen. Einmal wollte er ein paar Hauptschülern nahe bringen, warum Nationalsozialismus nichts Vernünftiges ist. Diese Schüler sind – das verstehen viele Intellektuelle nicht – fasziniert von der Tatsache, dass einer wie sie, ein Hitler (= Hüttler), der Name sagt schon alles, zum Führer werden konnte. Will man ihnen diesem Mann madig machen, genügt nicht der Hinweis auf 6 Millionen Juden. Man muss ihnen sagen, wie unendlich dumm dieser Mann war, sich nach der Aufbauarbeit mit einem Gegner wie der Sowjetunion oder den USA anzulegen. Man muss ihnen das Gefühl geben, besser zu sein als Hitler, was sie meistens auch sind. Über Hitler, den Nationalsozialismus und sein Verhältnis zu Frankreich zu schreiben, war eine Notwendigkeit, der sich Albert nicht entziehen konnte, denn sein Leben begann nur sechs Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs.
Seine Eltern waren ohne nennenswerten Schaden aus den Kriegswirren hervor geschliddert. Eine Sprengbombe hatte nur das Treppenhaus des väterlichen Elternhauses in die Tiefe gerissen. In diesem Haus erlebte Albert seine frühe Kindheit.
Manchmal stellte er sich vor, russische Flieger kämen plötzlich aus den dunklen Tannenwald des Schwarzwaldes hervor und würfen ihre Bomben auf Freiburg. Aber die Russen waren weit weg, Freiburg war französische Besatzungszone und die Kinder der Sergeants und Officiers gingen auf das Lucée Turenne, direkt neben dem altertümlichen Gebäude, in dem Albert seine ersten Schuljahre verbrachte.
Der Weg in dieses Schulhaus war nicht weniger bedrohlich als der Aufenthalt in demselben. Wegelagernde ältere Jungen lauerten ihm auf und hatten eine Freude daran, ihn zu vermöbeln.
In der Schule versuchte sich ein Lehrer daran, die Schüler dadurch zu bändigen, dass er sie so lange mit dem Rohrstock auf den Rücken prügelte, bis blaue und grüne Striemen die Schüler zumindest zeitweise zur Ruhe brachte. Warum Albert auch zu den Kindern gehörte, die verprügelt wurden, war ihm damals und ist ihm noch heute ein Rätsel. Doch genug von diesen Albernheiten.
Goethe schrieb in Dichtung und Wahrheit ein Erlebnis aus der Zeit, als er so alt wie Albert war. Seine Eltern fanden den jungen Johann Wolfgang am Küchenfenster sitzen wie er, herzallerliebst, das gesamte Inventar an tönernem Geschirr aus dem Fenster warf. Goethe führt dies im Rückblick darauf zurück, dass er sich am Klang zerspringender Tontöpfe und Teller erfreut habe. Albert brauchte Jahre, nachdem ihm sein Deutschlehrer diese Anekdote übermittelt hatte, um den wahren Sinn des Geschehens zu begreifen. Auch Johann Wolfgang wurde wie Albert von der Geburt eines Bruders überrascht, der bald alle Aufmerksamkeit auf sich zog. Da galt es gegenzusteuern. Mit dem Lärm konnte er das glänzend bewerkstelligen. Albert warf, als sein Bruder Karl um die Weihnachtszeit zur Welt gekommen war, den gesamten Christbaumschmuck, vor allem die hell klingenden Glaskugeln aus dem dritten Stock. Darin erschöpfen sich jedoch die Ähnlichkeiten in beider Lebensläufen.
Das Leben nach dem Krieg war abenteuerlich und für ein Kind wie ein unentdecktes Eiland. Wenn ein Land bei null anfängt – als Kind und als Teilnehmer der freien Marktwirtschaft – ist immer alles aufregend. Noch lag vieles in Trümmern – heute würde man diese Welt einen Abenteuerspielplatz nennen. Frankreich war nicht nur als die Besatzungsmacht immer sehr nahe gewesen. Der Bürgersteig hieß nie anders als trottoir die Pisshäuschen an den Straßen hießen pissoirs und die Mädchen sollten keine visi(t)matente(n) machen.
Die wohlgenährten Männer dieser Zeit waren die Schrotthändler. Der später in Vergessenheit geratene Ausruf: „Lumpen, Alteisen, Papier“ hatte für Albert etwas Verruchtes an sich. Einmal brach er durch ein ebenerdiges Fensterchen in eine Schrebergartenhütte ein und entwendete einen Hammer und ein Stemmeisen, um es bei demSchrotthändler, der unweit am Bahndamm seinen Platz hatte, zu Geld zu machen. Doch selbst der Schrotthändler, der schon Jahre später seine Villa mit vergoldeten Wasserhähnen in Littenweiler besaß, war sich der Legalität dieses Geschäftes nicht sicher. „Das hast du doch irgendwo gestohlen?“ Normalerweise waren Schrotthändler nach dem Krieg nicht so wählerisch. Freiburg lag voller Trümmer, aus denen sie jedoch einfach leicht verformte Eisenrohre ziehen konnten, die sie dann als gebrauchte Ersatzteile teuer verkaufen konnten.
Der besagte Schrotthändler, Schottmüller hieß er, wandte sich bald dem Hochbau zu. In seinem Lager türmten sich Wasserrohre, Siphons, Abflussrohre, Badewannen sowie weiße, grüne und rosa Kacheln. An jeder Straßenkreuzung konnte er Arbeitslose finden, einarmige Plattenleger, kräftige Maurer mit einem Auge, auch ehemalige Parteimitglieder, die sich im Krieg in Schreibstuben warm und gesund gehalten hatten und sich auf Arbeitseinsätze – gleich welcher Art – verstanden. So wie die Uniformen beim Einmarsch der Alliierten in Senkgruben und Feuern verschwanden, so wollte plötzlich niemand mehr Nazi gewesen sein, höchstens Mitläufer der zweiten Stunde; Persilscheine wurden zu Hunderten problemlos ausgestellt. Nur die wenigen Obernazis, die nicht rechtzeitig nach Argentinien und Bolivien ausgereist waren oder schnell noch ihre Zyankalikapseln geknackt hatten, wurden an einem Ort namens Nürnberg zum Tod verurteilt. Albert Lejeune war damals viel zu jung, um das mitzubekommen geschweige denn zu begreifen.
Kundschaft für Schottmüller gab es mehr als genug: Die ersten Mietskasernen sollten bald die Obdachlosen aufnehmen. Sein Geschäftsbereich wuchs, als er mit einen katholischen Pfarrer, den er aus seiner Zeit bei der christlichen Jugend kannte und zehn anderen die CDU gründete. Die neue Partei, die sie christlich – demokratisch nannten, war frei vom üblen Geschmack der Straßenschlachten, der den Sozialdemo-kraten und den Kommunisten anhaftete. Der Parteivorsitzenden der bayrischen Schwesterpartei, ein Mann namens Franz Josef Strauss, hielt eine bemerkenswerte, rhetorisch geschliffene Rede, in der er die populäre Forderung (Er sollte sich immer auf das verstehen, was populär und gewinnträchtig war!) aufstellte: „ Jedem Deutschen soll die Hand abfallen, der je wieder ein Gewehr in die Hand nimmt!“. Strauss fiel sie später nicht ab, als er mit der erlauchten Prominenz Bayerns auf Jagd ging oder wenn er mit Waffen Geschäfte machte.
Albert hatte nun unglücklicherweise nichts dazu beitragen dürfen, den gewaltigen Bedarf an Eisen nach dem Krieg zu befriedigen, sein gestohlener Hammer war rüde zurückgewiesen worden. Für einen Jungen von vier Jahren war es 1955 noch ziemlich schwer, auf ehrliche Weise zu Geld zu kommen. Weiter unten in der Erwinstraße stand das Gründerzeithaus, in dem die Familie Lejeune im dritten Stock eine Vier-Zimmer-Wohnung bewohnte. Ein Stück weiter unten gab es eine Bäckerei, deren Schaufenster gerade mal zwei Quadratmeter groß war, in dem ein einziges Brot vor sich hin dämmerte, umrahmt von zwei steinharten Brötchen und einer langsam vergilbenden Meringe. Im Verkaufsraum war es dunkel, hinter der Theke etwas mehr Brot, aber auch nicht füllig. Durch einen dunklen Schlund gelangte der mutige Albert in die Backstube, in dem Mehlstaub in der Luft das Atmen schwer machte, Teigklumpen auf weißem Leinen ausgebreitet lagen und Herr Brandner die ganze Nachbarschaft mit Backwaren versorgte. Brandner, noch nicht versorgt mit modernem Gerät,
