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Als die Schwestern Olivia, Rosalind und Eve das Ferienhaus ihrer Eltern in Maine ausräumen, finden sie schockierende alte Arztberichte. Darin wird behauptet, dass ihre Mutter, die verstorbene Schauspielerin Jillian Croft, möglicherweise nicht ihre leibliche Mutter war. Olivia und Eve halten die Gutachten für schlicht und ergreifend für falsch. Aber Rosalind hat sich in ihrer auf Erfolg getrimmten Familie nie wirklich wohl gefühlt - wenn sie eine andere Mutter hat, dann will sie das wissen! In den Unterlagen ihres Vaters findet sie Hinweise auf eine gewisse Leila Allerton. Ist Leila Rosalinds biologische Mutter? Und wenn ja, warum haben ihre Eltern sie angelogen?
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Seitenzahl: 575
Veröffentlichungsjahr: 2020
Als die Schwestern Olivia, Rosalind und Eve das Ferienhaus ihrer Eltern in Maine ausräumen, finden sie schockierende alte Arztberichte. Darin wird behauptet, dass ihre Mutter, die verstorbene Schauspielerin Jillian Croft, möglicherweise nicht ihre leibliche Mutter war. Olivia und Eve halten die Gutachten für schlicht und ergreifend für falsch. Aber Rosalind hat sich in ihrer auf Erfolg getrimmten Familie nie wirklich wohl gefühlt – wenn sie eine andere Mutter hat, dann will sie das wissen! In den Unterlagen ihres Vaters findet sie Hinweise auf eine gewisse Leila Allerton. Ist Leila Rosalinds biologische Mutter? Und wenn ja, warum haben ihre Eltern sie angelogen?
Muna Shehadi wuchs im amerikanischen Princeton in New Jersey auf, lebt inzwischen aber in Wisconsin. Sie besitzt selbst ein heißgeliebtes Sommerhaus an der Küste von Maine. Das alles und ihr lebenslange Liebe zum Schreiben inspirierte sie zu »Die Sommertochter«.
M U N A S H E H A D I
DIE
SOMMER
TOCHTER
Roman
Aus dem Englischen vonSonja Rebernik-Heidegger
Vollständige E-Book-Ausgabe
des in der Bastei Lübbe AG erschienenen Werkes
Deutsche Erstausgabe
Für die Originalausgabe:
Copyright © 2019 by Muna Shehadi Sill
Titel der englischen Originalausgabe: »Private Lies«
Originalverlag: Headline Review, an imprint of Headline Publishing Goup
Für die deutschsprachige Ausgabe:
Copyright © 2020 by Bastei Lübbe AG, Köln
Textredaktion: Kerstin Ostendorf, Bonn
Umschlaggestaltung: Birgit Gitschier, Augsburgunter Verwendung von Illustrationen von © gettyimages: Westend61;© shutterstock: Valentin Valkov | Aeypix | Ksana Durand |siam sompunya | ValekStudio
eBook-Produktion: hanseatenSatz-bremen, Bremen
ISBN 978-3-7325-8600-4
www.luebbe.de
www.lesejury.de
Zum Andenken an meine wundervollen Eltern,Fadlou und Alison Shehadi,die so stolz gewesen wären.
20. Januar 1967 (Freitag)
Heute bekam ich die beste Nachricht der Welt, aber auch die allerschlechteste. Die gute Nachricht ist, dass ich die Rolle der Sarah Brown im Frühlingsmusical Guys and Dolls spielen werde! Die Hauptrolle, obwohl ich erst in der Zehnten bin! Deedee Cutler war total pampig und meinte, ich hätte die Rolle nur bekommen, weil ich Mr. McGregors Liebling bin. Ich habe ihr gesagt, dass Grün eine eklige Farbe ist und sie darin echt zum Vergessen aussieht. Sie war stinksauer, aber das ist mir egal. Es stimmt ja.
Ich wäre heute so glücklich gewesen, fast schon im siebten Himmel, aber dann ist etwas Schlimmes passiert und hat alles ruiniert. Nan hat ihre Periode bekommen. Sie war die Einzige in unserem Jahrgang, die noch übrig war. Abgesehen von mir. Als sie es mir erzählte, hab ich sie angelogen und gesagt, dass ich meine Periode schon ewig hätte, aber ihre Gefühle nicht verletzen wollte. Ich ertrage es nicht, dass ich die Letzte bin. Die Letzte in der ganzen Schule. Vielleicht sogar die Letzte im ganzen Bundesstaat.
Ich weine, während ich das hier schreibe. Mom tut, als wäre es keine große Sache, aber so ist sie immer. Christina behandelt mich, als wäre ich ein Freak. Sie meint, dass ich zum Arzt gehen soll, weil sechzehn viel zu spät ist. Sie hat mir richtig Angst gemacht. Vielleicht muss ich sie auch anlügen, damit sie endlich die Klappe hält. Aber wir teilen uns ein Badezimmer, also müsste ich mir echt viel Mühe geben.
Ich weine jetzt noch mehr. Hoffentlich lese ich das hier eines Tages und lache dann darüber, wie viel Sorgen ich mir gemacht habe, als ich noch jung und dumm genug war, um ernsthaft zu glauben, dass mit mir etwas nicht stimmt.
Denn das glaube ich echt.
Rosalind riss das Klebeband vom nächsten Pappkarton. Sie hatte bereits Hunderte vom Dachboden ihres Vaters und ihrer Stiefmutter geschleppt und hoffte, dieses Mal endlich etwas Besonderes darin zu finden. Ein märchenhaftes Kleid vielleicht, das ihre Mutter bei einer Hollywood-Premiere oder einer Preisverleihung getragen hatte, Familienfotos, Briefe, Tagebücher – oder vielleicht sogar Schmuck? Alles, nur nicht noch mehr Unterlagen und Akten. Wissenschaftliche Aufsätze, Finanzunterlagen, Verträge.
Rosalind und ihre Schwestern Olivia und Eve sahen jeden Ordner und jeden Umschlag in sämtlichen Kartons durch, die vor Jahren aus ihrem Elternhaus in Kalifornien hierher nach Maine gebracht worden waren. In den letzten Jahren vor ihrem Tod – die für alle die schlimmsten gewesen waren – hatte ihre Mom ständig ihre Sachen versteckt, weil sie Angst gehabt hatte, jemand könnte sie ihr wegnehmen. Eine silberne Haarbürste in einem Stapel Kochtöpfe. Eine Diamantkette in einem Karton Taschentücher. Das Foto mit einem ihrer Co-Stars samt Autogramm zwischen den Seiten eines Reiseführers.
Als Rosalinds Dad schließlich seine Arbeit als Schauspiellehrer aufgegeben hatte und in Rente gegangen war, um auf die andere Seite der USA in das bescheidene Haus in Maine zu ziehen, in dem die Familie immer ihre Sommerferien verbracht hatte, hatten sie die riesige mediterrane Villa in Beverly Hills praktisch auseinandergenommen und einen Großteil in Kartons untergebracht, bevor der Rest verkauft oder entsorgt werden konnte. Vor Kurzem hatte Dad allerdings einen Schlaganfall erlitten, und nun waren er und Lauren von einem Tag auf den anderen in eine betreute Wohnsiedlung in Blue Hill gezogen, weshalb die drei Schwestern sämtliche Kartons durchsuchen mussten, die vor zehn Jahren einfach eingepackt worden waren.
Rosalind öffnete den nächsten Karton, warf einen vorsichtigen Blick hinein und verzog das Gesicht. Noch mehr Aktenordner, beschriftet in der peniblen Handschrift ihres Vaters. Sie blätterte durch die Registerkarten, und eine vertraute Traurigkeit überkam sie, als sie erkannte, was die Ordner enthielten. Jillian Crofts Film- und Werbeverträge. Es waren Dutzende, und sie waren alle chronologisch geordnet. Von 1970 angefangen, als sie in einem Steve-McQueen-Film ihre erste Rolle ergattert hatte, als Kellnerin, die seine Bestellung entgegennimmt, bis ins Jahr 2001, ihrem Todesjahr, in dem sie nur noch eine kleine Rolle in einem B-Movie und einen Auftritt in einem Werbespot von L’Oréal bekommen hatte.
Resigniert ging Rosalind einen Ordner nach dem anderen durch, überprüfte jede einzelne Seite, trennte zusammengeklebte Blätter und hoffte inständig, dass sie auf etwas lange Vergessenes und Aufsehenerregendes stieß, das sie ein wenig aufheitern würde.
Nichts.
»Was machen wir mit Moms Verträgen?« Während sie auf die Antworten ihrer Schwestern wartete, wettete sie mit sich selbst, dass die beiden etwas genau Gegenteiliges sagen würden.
»Wegwerfen.«
»Behalten.«
Nach einer Woche mit Olivia und Eve wurde sie langsam echt gut.
»Wenn ihr beide sie nicht wollt, dann nehme ich sie«, erklärte Olivia. »Ich würde sie gerne lesen. Mich interessiert, wie sich Showbusiness-Verträge im Laufe der Jahre verändert haben.«
»Abgemacht.« Rosalind stand auf und schleppte den Karton zu Olivia, wobei sie Eves Blick auswich. Ihre jüngere Schwester hätte sicher nur zu gerne angemerkt, dass die Verträge für Olivias Kochshow bei einem Kabelsender vermutlich nichts mit Moms Verträgen für ihre Rollen in internationalen Blockbustern gemeinsam hatten.
Sie hob den nächsten Karton von dem immer noch ziemlich beeindruckenden Stapel. Aufschneiden, aufreißen, aufklappen. Ein schnelles Wühlen in dem in Seidenpapier verpackten Inhalt. Ha! Sie lächelte, als plötzlich eine Plastikschulter aus ihrem weißen Kokon herausstieß. Das war schon besser. Ihre heißgeliebten Heart-Family-Puppen, die jahrelang ihr Lieblingsspielzeug und ihre treuen Begleiter gewesen waren.
Rosalind wickelte sie erwartungsvoll aus. Da war Mommy Heart in dem gestärkten rosafarbenen Kleid, mit abstehenden, nach jahrelanger Beanspruchung gekräuselten blonden Haaren und einer makellosen Haut – mal abgesehen von dem roten Strich auf dem rechten Unterschenkel. Eine Operation? Oder ein Zusammenstoß mit einem roten Stift? Als Nächstes kam Dad in einem schicken blauen Anzughemd mit weißem Kragen, einer roten Krawatte und hübschen weißen Hosenträgern. Er wirkte gelassen und unerschütterlich, und die Zeit hatte keinerlei Spuren hinterlassen. Das Leben der Männer war so viel einfacher als das der Frauen.
»Seht mal!« Sie hob das Puppenpärchen hoch. Während Eve und Olivia mit Ken, Barbie und ihren coolen Freunden surfen und segeln gewesen waren, war Rosalind der Heart Family treu geblieben.
Daddy Heart fuhr jeden Morgen in seinem viereckigen VW-Cabrio zur Arbeit, und Mommy Heart kümmerte sich zu Hause um die hinreißenden Zwillinge, ein Junge und ein Mädchen. »Die heiße Hausfrau und ihr gutaussehender Ehemann sind nach all den Jahren immer noch vereint.«
Eve sah auf, und ihr blonder Pferdeschwanz fiel ihr über die Schulter, die unter dem zerrissenen T-Shirt hervorblitzte. »Oh mein Gott, ich erinnere mich an die Dinger! Total abgeschmackt. Aber du hast ständig damit gespielt.«
»Ja, du warst richtig besessen.« Olivia gähnte und streckte ihre beeindruckend straffen Arme über den Kopf. »Ich dachte immer, dass du in deinem Alter bereits zehn Kinder hättest.«
»Ja, wie sieht es damit eigentlich aus?«, fragte Eve.
»Soll das ein Witz sein? Welcher Kerl kann da schon mithalten?« Rosalind schüttelte Daddy Heart liebevoll. »Weiße Hosenträger! Wann habt ihr zuletzt einen Mann mit weißen Hosenträgern gesehen? Er hat mich für die restliche Männerwelt ruiniert.«
»Don war doch perfekt.« Olivia schüttelte reumütig den Kopf. »Du hättest ihm ja ein Paar Hosenträger kaufen können.«
»Hosenträger gibt es nur für richtige Männer.«
Eve kicherte. Olivia öffnete den Mund, um etwas zu sagen, verlor aber im nächsten Moment den Faden und brach in Gelächter aus. »Du bist schrecklich!«
»Danke.« Rosalind grinste und hoffte, dass das Thema damit vom Tisch war. Ihre Schwestern meinten es nur gut, aber gerade dann gingen sie ihr meistens unheimlich auf die Nerven. Sie machte sich wieder an die Arbeit und grub die Zwillinge aus, die immer noch gemütlich in ihrem blauweißen Doppelkinderwagen mit den pinken Rädern lagen. Sie waren ebenfalls kein bisschen gealtert.
»Seht mal, was ich gefunden habe!« Olivia hielt einen Zeitungsausschnitt hoch. »Einen Artikel aus dem People Magazine vom April 1981 mit der Schlagzeile: ›Unsere Gebete wurden erhört‹. Hört euch das an: ›Nach sieben Jahren voller tragischer Enttäuschungen konnten unsere glamouröse Jillian Croft und ihr attraktiver Ehemann, Schauspiellehrer Daniel Braddock, endlich ihr erstes Kind willkommen heißen. Olivia Claudette Braddock wurde am 30. März geboren.‹« Sie drückte sich den Ausschnitt an die Brust und strahlte vor Stolz. »Kaum zu glauben, dass ich den noch nie gesehen habe.«
»Nicht? Mom hat mir meinen Artikel einmal gezeigt.« Rosalind war mit ihrem Karton fertig. Das märchenhafte Anwesen der Heart Family war allerdings nicht aufgetaucht.
»Mein Artikel klebt in meinem Baby-Album.« Eve warf ihrer ältesten Schwester einen Blick zu. »Ich wusste nicht, dass es sieben Jahre gedauert hat, bis sie mit dir schwanger wurde, Olivia. Und Rosalind und ich kamen relativ schnell danach. Zuerst vier und dann nochmal fünf Jahre. Du hast die Sache offenbar erst ins Rollen gebracht.«
Olivia spitzte die perfekt umrandeten Lippen. »Warum haben sie mir den Artikel nie gezeigt?«
»Keine Ahnung. Seht mal.« Eve hielt einen Sack mit in Plastik eingeschweißten Namensschildern hoch. »›Hallo, ich bin Daniel Braddock‹, und das etwa zwei Dutzend Mal. Vermutlich stammen sie von jeder einzelnen Konferenz, an der er jemals teilgenommen hat. Warum bewahrt man so etwas bloß auf?«
Rosalind blinzelte unschuldig. »Falls er einmal vergisst, wer er ist?«
Eve schnaubte. »Als würde der große Daniel Braddock jemals vergessen, wer er ist. Oder es irgendjemanden vergessen lassen.«
»Mein Gott, Eve.« Olivia stemmte die Hände in die Hüften, die in Designerjeans steckten. »Dad liegt im Krankenhaus, sein Zustand ist katastrophal. Und du hast nichts Besseres zu tun, als ihn zu beleidigen?«
Rosalind seufzte. Wenn Eve sich nach rechts wandte, ging Olivia nach links.
»Sein Gesundheitszustand ändert nichts daran, wer er war, Olivia.«
»Wer er ist, nicht wer er war.«
»Hey, Kinder!« Rosalind ließ Mrs. Heart aufgeregt auf und ab hüpfen. »Wer will mit Mommy einen leckeren Kuchen backen?!«
Eve ignorierte sie. »Wer weiß, wer er sein wird, wenn er entlassen wird? Der Schlaganfall war schlimm.«
»Die Leute im Pine-Ridge-Seniorenzentrum meinen, er wird wieder ganz der Alte. Oder zumindest annähernd. Er war kerngesund.«
»Er ist neunundsiebzig, Olivia.«
»Ich weiß, wie alt er ist.«
Mommy Heart hatte langsam genug von dem Gezanke! »Wenn ihr beiden jetzt sofort aufhört, bekommt ihr Shake-a-Pudding als Nachspeise!«
»Wow, Shake-a-Pudding.« Eve beschloss, aus dem Wortgefecht auszusteigen. »Das habe ich ja seit einer Ewigkeit nicht mehr gehört. Was war das noch gleich?«
»Ein echt toll vermarkteter Instant-Pudding.«
»Wie auch immer, Daddy hat die Weltwirtschaftskrise miterlebt. Deshalb hat er die Namensschilder aufbewahrt.« Olivia wandte sich wieder ihrem Karton zu. Sie ließ es sich nach einem Streit nie nehmen, doch noch das letzte Wort zu haben. »Er gehörte eben nicht zur Wegwerfgesellschaft.«
»Von mir aus, aber ich schon.« Eve lächelte kühl und warf die Namensschilder in einen der übervollen Säcke, die sie normalerweise für den Wiesenschnitt und abgestorbene Blätter verwendeten. Das Wohnzimmer war mittlerweile voll davon.
»Machen wir doch eine kleine Pause.« Rosalind legte die Puppe beiseite. »Ich brauche ein wenig frische Maine-Luft.«
»Wenn wir weiter so viele Pausen machen, werden wir nie fertig.«
»Okay, Olivia, da du im Gegensatz zu Rosalind und mir nur eine Woche hier sein wirst, darfst du gerne weitermachen«, erwiderte Eve süßlich.
Olivia warf ihr einen entnervten Blick zu, was zu ihren Spezialitäten gehörte. »Ich muss noch einen Kochbeitrag für die Morgennachrichten am Dienstag drehen, und außerdem habe ich diese Woche meinen Eisprung, weshalb ich auch ein Schäferstündchen mit Derek einschieben muss. Wenn ich die Zeit finde, noch mal herzukommen, um euch zu helfen, werde ich es sicher tun. Aber es ist nun mal schwerer, von LA hierherzufliegen, als von der Ostküste, wie bei euch beiden.«
»Gehen wir doch auf die Veranda.« Rosalind erhob sich. »Es war das ganze Wochenende über nebelig, wir machen uns Sorgen um Dad, und die Arbeit hier nervt. Eine kurze Pause wird uns guttun.«
Schweigen.
Sie setzte einen gebieterischen Gesichtsausdruck auf. »Zwingt mich nicht, Mommy Heart noch mal herauszuholen!«
»Okay, okay.« Eve griff in ihren Karton. »Noch ein Ordner, dann komme ich. Das ist der letzte in diesem Karton.«
»Ich komme gleich mit.« Olivia zog die Baumwollhandschuhe von ihren manikürten Fingern und steckte eine Haarsträhne unter den Seidenschal, den sie sich um den Kopf gewickelt hatte. Olivia hätte selbst in ein paar Lumpen stylish und sexy ausgesehen. Eve zog sich an, als würde sie ihr Aussehen nicht weiter kümmern, doch ihre Größe und die makellosen Gesichtszüge machten sie auch so zum Hingucker.
Rosalind hingegen war einfach »süß«. Sie war immer »süß« gewesen und würde vermutlich bis zu ihrem Tod »süß« bleiben. Manchmal hatte sie das Gefühl, als hätte sie ein betrunkener Storch irrtümlich über dieser irrwitzig attraktiven Familie abgeworfen.
Sie stieg über die zahllosen Bücherstapel, Kartons und Taschen und ging vor Olivia her auf die mit Insektenschutzgitter versehene Veranda, von der man an klaren Tagen einen herrlichen Blick auf Mount Desert Island und ihre markanteste Erhebung, den Mount Cadillac, hatte. Er war zwar kein richtiger Berg, wenn man ihn zum Beispiel mit dem Matterhorn verglich, aber er war der ganze Stolz der Einheimischen, und von oben herab hatte man einen beeindruckenden Ausblick auf die zerklüftete Küste.
Heute Nachmittag hielt sich der Nebel jedoch genauso hartnäckig wie in den letzten drei Tagen. Es wehte nicht ansatzweise genug Wind, um ihn zu vertreiben, und auch die Wolken rissen nicht auf, damit die Sonne dem Nebel den Garaus machen konnte. Sogar Rosalind fand es schwer, der Eintönigkeit etwas Positives abzugewinnen.
Zumindest der herrliche Duft, der in der Luft lag, machte immer noch süchtig. Das Salz des Meeres und die Frische der Pinien, die das Haus umgaben. Es war Ende August, und es roch nach Herbst.
Früher war die Familie Braddock im Sommer so oft wie möglich hier heraus nach Candlewood Point gekommen, das einen holprigen, etwa zehn Kilometer langen Feldweg entfernt von dem nächstgelegenen Städtchen Sterling lag. Im Gegensatz zu den bereits ziemlich überlaufenen südlichen Teilen des Bundesstaates gab es hier oben immer noch ursprüngliche Wildnis, und man konnte an der Küste sitzen und sich ein paar Jahrhunderte zurückversetzen lassen.
Die Mädchen waren nach dem Tod ihrer Mutter nur noch selten in dem Haus in Maine zu Gast gewesen, und ihre Besuche wurden noch seltener, nachdem Dad die um zwanzig Jahre jüngere Lauren geheiratet hatte. »Viel zu tun«, sagten sie dann immer. »Es ist schwer, mal rauszukommen.«
Aber konnten sie damit tatsächlich jemanden täuschen? Am ehesten wohl noch sich selbst. Es war jedenfalls schön, wieder hier zu sein.
Rosalind atmete tief ein und erinnerte sich, dass ihre Mom früher immer dasselbe gemacht und sich über die frische, klare Luft gefreut hatte, die hier so anders war als in LA. Jillian Croft hatte ihre Heimat geliebt. Die Düfte, die Landschaft, die Küste und die Freiheit. Dad und sie hatten das Grundstück in den späten 1970ern entdeckt, als sie am Höhepunkt ihrer Kinokarriere gestanden hatte. Es war ein Platz, an dem sie sich vor ihren Fans verstecken konnte. Rosalinds schönste Erinnerungen an ihre Mutter hatten alle hier ihren Ursprung. Gekochte Hummer und das jährliche Muschelessen am Strand, Segeln und Kajakfahren, Wanderungen und Strandpartys, Abende bei Scharade und gemeinsamem Gesang. Aber am kostbarsten waren die Erinnerungen an eine Mutter, die relativ ruhig und stabil war und Zeit für ihre Mädchen hatte. Eine Mom, die das Abendessen kochte, Bücher las und Spiele spielte. Die fischte, nach Muscheln grub und in alten Klamotten, einer Baseballkappe der Red Sox und mit einer dunklen Sonnenbrille im Waschsalon saß, obwohl jeder in der Stadt wusste, wer sie war. Eine Frau, die am Abend, wenn die Mädchen schliefen, mit Dad lachte, anstatt mit ihm zu streiten.
Wenn sie hier waren, nahm Mom ihre Medikamente regelmäßig. Den Rest des Jahres war es ein Auf und Ab. Als Rosalind ein Teenager war, begeisterte sie der sommerliche Friede genauso, wie sie die Stimmungsschwankungen und Temperamentsausbrüche ihrer Mutter das restliche Jahr über verwirrten und erschöpften, und so fragte sie ihre Mom einmal, warum das so war. Jillian nahm ihre mittlere Tochter in die Arme, und ihre Küchenschürze roch nach dem Gewürzhuhn, das sie in dem eigentümlichen Ofen im Sommerhaus briet. »Weil ich hier draußen wieder Sylvia Moore bin, und Sylvia Moore hat keine bipolare Störung.«
Wie so vieles, das ihre Mutter zu ihr gesagt hatte, ergab auch diese Begründung für die junge Rosalind keinen Sinn. Sylvia Moore und Jillian Croft waren dieselbe Person, also litten sie auch unter derselben Krankheit. Mom hatte Maine mit siebzehn verlassen und kurz darauf ihren Namen geändert, als sie schließlich begonnen hatte, ihre Schauspielkarriere mit geballter Kraft voranzutreiben. Die bipolare Störung hatte sich erst zu erkennen gegeben, als sie Anfang zwanzig war.
Olivia trat auf die Veranda, zog den Schal vom Kopf und schüttelte ihre langen, beneidenswert dicken Haare, die in demselben Goldbraun glänzten, das auch ihre Mutter getragen hatte.
»Man sieht ja überhaupt nichts.« Sie verzog das Gesicht und starrte auf die Bucht hinaus, die im Moment nicht zu erkennen war.
»Du übersiehst die Feinheiten. Dort drüben ist es grau.« Rosalind deutete in die entsprechende Richtung. »Und da, zwischen dem Grau und dem anderen Grau, ist noch mehr Grau. Siehst du?«
»Erinnerst du dich an das Jahr, als Mom mit Dad hier war und später erzählte, dass sich der Nebel drei Wochen lang nicht verzogen hatte? Sogar sie wollte nach Hause, bevor endlich die Sonne durchbrach.« Olivia seufzte. »Mein Gott, ich vermisse sie.«
»Ich habe gerade darüber nachgedacht, dass sie hier oben viel mehr sie selbst war.«
»Ja.« Olivia legte eine Hand auf das Insektengitter und starrte wehmütig ins Nichts. »Es war toll, oder? Sie war so glücklich, und es ging ihr so gut. Und trotzdem endete es so schrecklich.«
»Genau.« Rosalind dachte nicht gerne daran. Und sie hasste es, wenn Olivia so übertrieben traurig wurde. »Wie läufts eigentlich mit Derek? Alles okay?«
»Ach, wer weiß das schon.« Olivia schnaubte, sodass ein Moskito vom Netz aufflog. »Er ist schwer beschäftigt und arbeitet hart. Reist viel. Die Baby-Sache ist eine große Belastung, zumindest für mich. Er kommt ganz gut damit klar, aber ich werde in zwei Jahren vierzig. Ich bin bereit für in vitro, aber er schiebt es immer hinaus.«
»Ich hatte eine Freundin, die künstliche Befruchtung versucht hat. Es hat gleich beim ersten Mal geklappt.« Das war zwar eine Lüge, aber manchmal waren Notlügen einfach wichtig. Rosalind machte sich Sorgen, dass Olivia bald zu der Überzeugung gelangen würde, sie könne nicht schwanger werden, denn das führte oft dazu, dass es wirklich nicht klappte.
»Mom hatte auch Probleme damit. In dem Artikel steht, dass sie es sieben Jahre lang probiert haben, bevor ich auf die Welt kam. Ich dachte, sie hätte gewartet, bis die Schwangerschaft ihre Karriere nicht mehr gefährden würde. Es ist wahrscheinlich logisch, dass ich auch Schwierigkeiten damit habe – schließlich bin ich ihr von uns dreien am ähnlichsten.«
Rosalind umarmte ihre Schwester, auch wenn sie es langsam satthatte, dass Olivia diesen Titel ständig für sich beanspruchte. Obwohl es natürlich stimmte. Olivia hatte nicht nur Moms Haare und ihre üppigen Kurven geerbt, sondern auch ihre Sinnlichkeit. Eve zog die Männer genauso an, doch ihre kühle Art schüchterte sie oft ein, sodass sie lieber Abstand hielten. Olivia hingegen brachte sie reihenweise zum Sabbern.
»Triffst du dich im Moment eigentlich mit jemandem, Rozzy? Ich finde immer noch, dass es ein Fehler war, Don zu verlassen. Er war zumindest besser als dieser Öko-Freak aus Denver und viel besser als dieser Neandertaler, mit dem du aus warst, bevor du aus LA weggezogen bist … Wie hieß er noch gleich?«
»Wolf.«
»Wolf! Genau der.«
»Nein, ich treffe mich im Moment mit niemandem.« Sie starrte ebenfalls ins Grau hinaus und überlegte, was sie mehr hasste: den andauernden Nebel, die Tatsache, dass ihr Urteilsvermögen ständig in Frage gestellt wurde, oder dass man sie Rozzy nannte. »Mir gefällt mein Leben. Ich liebe New York. Ich arbeite gerne im Coffee Shop, ich habe meine Malerei und …«
»Malerei? Was bemalst du? Wände oder Leinwände?«
»Leinwände. Öl.«
»Öl.« Olivia wandte sich zu ihr um und musterte sie neugierig. »Ich erinnere mich, dass du früher ständig gezeichnet hast, aber seit wann malst du?«
»Ich habe in Colorado damit angefangen.« Rosalind redete offen über alle anderen Bereiche ihres Lebens, aber sobald die Sprache auf ihre Kunst kam, fühlte sie sich nackt. Aber nicht nackt und sexy, sondern unrasiert und aufgebläht. Sie bereute bereits, dass sie überhaupt davon angefangen hatte. »Ich entwerfe immer noch Klamotten, mache regelmäßig Sport, bin in zwei Buchclubs und habe viele Freunde. Das reicht mir.«
»Als ob! Du bist die Romantischste von uns dreien, aber du wirst verrunzelt und alleine sterben. Denk nur mal an die Puppen, die du so geliebt hast.« Sie deutete auf Rosalind. »Warum trägst du nicht normale Sachen und lässt dir eine ansehnliche Frisur verpassen? Die wasserstoffblonden Haare wirken zu streng, vor allem, weil sie so kurz sind, und dieses farbenfrohe, wild zusammengewürfelte Outfit ist … Na ja, damit verschreckst du doch alle normalen Kerle. Du siehst aus wie eine echte Exzentrikerin.«
»Ich bin ja auch exzentrisch.« Rosalind fuhr sich lächelnd durch die stacheligen Haare. Die ganze Woche über hatte sie versucht, die Bemerkungen ihrer Schwestern an sich abprallen zu lassen, und sich eingeredet, dass sie aus Liebe so redeten. Sie hatte versucht, nur zuzuhören und nett zu sein.
Was aber nicht bedeutete, dass sie ihnen nicht am liebsten eine verpasst hätte.
»Du bist keine Exzentrikerin. Du tust nur so als ob. Von hier nach dort und dann schon wieder weiter … Du musst einen Platz im Leben finden …«
»Ich war doch schon immer so. Dad nannte mich immer Kolibri, weißt du noch?« Sie hatte den Spitznamen beinahe genauso sehr geliebt wie die schimmernden, herumschwirrenden Vögel selbst, bis sie ein Gespräch zwischen ihren Eltern mitangehört und erkannt hatte, dass es kein Kompliment war.
Dad hat’s gegeben, und Dad hat’s unweigerlich wieder genommen.
»Die Kolibri-Sache ist eine Ausrede. Nichts bleibt so spannend wie im ersten Moment. Keine neue Frisur, kein neuer Job, keine neue Stadt und ganz sicher keine neue Beziehung. Du musst lange genug bei einem Mann bleiben, um etwas Tiefergehendes zu entdecken.«
»Was du nicht sagst.« Wenn Olivia ihre Beziehung mit Derek als tiefergehend bezeichnete, bevorzugte Rosalind Oberflächlichkeit.
»Hey, Leute?« Eve kam mit einem geöffneten Ordner auf die Veranda und wirkte besorgt. »Ich habe etwas echt Seltsames zwischen den Steuerunterlagen gefunden. Es ist einer von Moms Arztberichten.«
Olivia schnaubte. »Warum ist das seltsam? Sie ging doch ihr ganzes Leben lang bei Ärzten ein und aus.«
»Ja, aber der Bericht ist weder von Dr. Townsend noch von ihrem Psychiater oder den Ärzten in der Entzugsklinik, sondern von einem New Yorker Gynäkologen. Er wurde mit Januar 1969 datiert, das ist das Jahr, bevor sie Dad geheiratet hat. Hier steht: ›Patientin klagt über Schwierigkeiten beim Geschlechtsverkehr.‹«
»Bäh.« Olivia hielt sich die Ohren zu. »So genau wollte ich es gar nicht wissen.«
Rosalind verzog das Gesicht. »Arme Mom.«
»Sie war achtzehn und ›amenorrhoisch‹.«
»Ameno-was?«
»Ich weiß, was das heißt.« Olivia hob die Hand wie ein braves Schulkind. »Sie hatte keine Periode.«
»Dann war sie also schwanger?«, fragte Rosalind. »Aber was ist mit dem Baby passiert?«
»Nein, hört zu.« Eve richtete den Blick wieder auf den Bericht in ihrer zitternden Hand und las: »Die Patientin zeigt Narben im Beckenbereich, die auf eine Entfernung innenliegender Hoden schließen lassen. Sie scheint unwissend, was ihren Zustand betrifft.«
»Welchen Zustand?«
»Entfernung der Hoden? Hat er denn nicht gesehen, dass sie eine Frau ist?« Olivia verdrehte die Augen. »Ich erinnere mich an Moms Narben. Ich habe sie einmal gesehen, als sie sich anzog. Es war eine auf jeder Seite, in der Nähe der Hüftknochen. Sie hatte zwei gutartige Tumore, die ihr als Kind entfernt wurden. Hoden! Was für ein Kurpfuscher!«
Rosalinds Haut kribbelte, wie sie es immer tat, wenn schlechte Nachrichten drohten. »Steht da noch mehr über ihren Zustand?«
»Ganz unten steht die Diagnose. ›Komplette Androgenresistenz‹.«
»Häh?« Olivia trat zu ihrer Schwester und warf einen Blick über deren Schulter auf den Bericht. »Komplette Androgenresistenz? Was bedeutet das?«
Rosalind trat ebenfalls näher und grub die Fingernägel in die Arme. »Vielleicht, dass sie mit Transgender-Leuten nichts anfangen konnte?«
»Aber nein!«, erwiderte Olivia trocken. »Damals gab es Transgender doch noch gar nicht.«
Eve lachte weder über den einen noch über den anderen Scherz. »Ich habe versucht, den Begriff zu googeln, aber ich habe hier ständig Probleme mit dem Internet. Wir hätten Dads Zugang nicht so früh kündigen sollen.«
»Ich bin mir sicher, dass es nichts Ernstes ist.« Rosalind war sich überhaupt nicht sicher, aber es fühlte sich besser an, so zu tun, und abgesehen davon war ihre Mom vor achtzehn Jahren an einer Medikamentenüberdosis gestorben, weshalb diese Diagnose sie im Nachhinein nicht umbringen würde. »Wir sehen das nächste Mal nach, wenn wir in der Stadt sind.«
»So lange will ich nicht warten.« Olivia holte ihr Handy heraus, tippte darauf herum, hielt es ans linke Ohr und stemmte die rechte Hand in die Hüfte. »Donna, hey!«
Rosalind und Eve wechselten einen schnellen Blick, und Eve stieß ein genervtes Seufzen aus. »Sag mir bitte, dass du nicht gerade deine Assistentin anrufst und …«
»Gut. Schwer beschäftigt. Hey, kannst du bitte etwas für mich recherchieren? Das Telefon funktioniert hier zwar, aber der nächste Internetanschluss ist eine halbe Stunde entfernt.« Olivia wandte sich von Eve ab, die mittlerweile die Augen verdrehte. »Danke. Was bedeutet ›Komplette Androgenresistenz‹? Ja, ich warte.«
»Mein Gott, Olivia!« Eve überflog den Bericht noch einmal und setzte sich auf den klobigen Stuhl, den Dad aus angeschwemmtem Treibholz zusammengezimmert hatte. Er war hässlich, aber praktisch, und er war sehr stolz darauf. Mom hatte immer darauf gesessen, solange Dad in der Nähe gewesen war, war aber schnell aufgestanden, wenn er fortging. »Vielleicht finden wir noch etwas, das uns weiterhilft. Du hättest sie nicht damit behelligen müssen.«
»Kein Problem.« Olivia warf ihre Haare zurück und drückte das Telefon erneut ans Ohr. »Das ist ihr Job.«
Das bezweifelte Rosalind allerdings stark. Genauso, wie es sicher nicht Donnas Job war, vergeblich nach einem chinesischen Restaurant zu suchen, das Essen nach Candlewood Point lieferte.
»Hast du etwas gefunden? Gut. Was steht da?« Olivia hörte aufmerksam zu. Ihr entglitten die Gesichtszüge. Sie schnappte nach Luft, und ihre Augen weiteten sich. »Aber das ist … absurd.«
Rosalind trat neben sie. Abgesehen von dem dramatischen Gehabe war ihre Schwester ehrlich entsetzt. »Was ist denn los?«
»Bist du sicher?« Olivia hielt die Hand hoch, um Rosalind zum Schweigen zu bringen. »Es gibt keine andere Definition? Nichts? Nirgendwo? Das bedeutet ›Komplette Androgenresistenz‹? So hieß es doch, Eve, oder?«
»Ja.« Eve erhob sich von dem Stuhl und hielt den Bericht immer noch fest umklammert. »Was sagt sie? Du machst mich nervös!«
»Danke, Donna.« Olivia legte auf und wandte sich an ihre Schwestern. Sie wirkte wie vom Donner gerührt. »Es muss eine Fehldiagnose sein. Vielleicht wurden zwei Befunde verwechselt. Oder es ist eine Fälschung. Wenn unsere Mutter wirklich diese Krankheit hatte, hätte sie keine von uns zur Welt bringen können, denn sie hätte keine Gebärmutter gehabt. Keine Eierstöcke und keine Eileiter. Also absolut keine weiblichen Fortpflanzungsorgane. Punkt.«
Kondensierter Nebel tropfte von den Bäumen und trommelte auf das Verandadach.
Rosalind erschauderte. »Was zum Teufel soll das?«
»Das ist unmöglich«, meinte Eve.
»Natürlich ist das unmöglich«, fauchte Olivia. »Wir stehen immerhin alle drei hier.«
»Kann ich mal sehen?« Rosalind nahm den Bericht und las ihn sorgfältig durch. Er wirkte absolut seriös mit dem Namen des Arztes und der Adresse in der Kopfzeile – James R. Winston, MD – und dem Mädchennamen ihrer Mutter – Sylvia Moore – in der Spalte Patientin.
»Das muss ein Missverständnis sein. Morgen ist Montag, da rufen wir sofort in der Praxis in New York an und reden mit dem Arzt oder seiner Assistentin oder wem auch immer.«
»Das ist fünfzig Jahre her. Der Kerl praktiziert sicher nicht mehr. Wahrscheinlich lebt er gar nicht mehr.« Olivia hielt ihr Telefon immer noch fest umklammert. »Und die Unterlagen werden auch nicht so lange aufbewahrt.«
»Wir könnten Lauren fragen.« Rosalind legte den Bericht wieder zurück in den Ordner. Sie wollte ihn nicht mehr sehen. »Vielleicht weiß sie etwas.«
»Nein«, erwiderte Olivia barsch. »Wir werden nicht mit Lauren über Moms gesundheitliche Probleme reden.«
Rosalind verkniff sich eine entnervte Antwort. Dad hatte Lauren vor fünfzehn Jahren geheiratet, drei Jahre nach Moms Tod, und Olivia tat immer noch so, als hätte er ein Verbrechen begangen. »Wir können Dad nicht fragen, zumindest nicht, bevor er wieder vollständige Sätze von sich geben kann. Gestern nannte er mich Roland.«
»Nicht Lauren.« Olivia verschränkte die Arme vor der Brust. »Das geht sie nichts an.«
»Ich verstehe dich ja«, entgegnete Rosalind sanft. »Aber wenn Lauren etwas weiß, ersparen wir uns eine Menge Zeit …«
»Und wenn nicht, dann würdest du ihr etwas auf die Nase binden, von dem Mom zu tausend Prozent nicht wollte, dass sie es jemals erfährt.«
»Okay, aber …«
»Lass es, Rosalind.« Eve knallte den Ordner auf den großen Tisch, um den sich die Familie zahllose Male zum Hummeressen versammelt hatte. »Das bringt nichts.«
»Ich will wissen, was hier los ist.«
»Das wollen wir alle, aber das ist nicht der richtige Weg.«
»Das ist doch lächerlich. Ich kann nicht glauben, dass wir so etwas überhaupt in Betracht ziehen.« Olivia stampfte ins Haus und ließ Eve und Rosalind zurück, die sich ratlos ansahen. Kurz darauf kam Olivia mit einem Fotoalbum wieder. »Eigentlich wollte ich das hier beim Abendessen ansehen. Wir haben Fotos, die beweisen, dass wir falschliegen. Ein ganzes Album voll.«
»Mein Gott, du hast recht«, rief Rosalind erleichtert. »Die Schwangerschaftsbibel.«
»Halleluja!« Eve stand auf und ging mit Rosalind zu Olivia, um sich das Album anzusehen.
»Hier ist Mom schwanger mit mir.« Olivia deutete mit dem Finger auf ein Bild, blätterte ein paar Seiten weiter und tippte erneut auf ein Foto. »Das hier ist kurz vor meiner Geburt, vor unserem Haus in Beverley Hills. Und da ist Tante Christina, die bei uns allen Moms Geburtshelferin war. Hier ist Mom schwanger mit dir, Rosalind. Im sechsten Monat, und dann im achten.«
»Aber was hat es dann mit dem Befund auf sich?«, murmelte Eve. »Wenn es ein Irrtum war, warum haben Mom und Dad ihn aufgehoben?«
»Und hier ist sie schwanger mit dir, Eve! Das war während einer Reise nach Paris Ende 1989. Damit gibt es Fotos von uns allen.« Olivia klappte das Album zu. »Ich hab’s euch ja gesagt!«
»Aber wie kann das sein? Haben sie sie operiert?« Eve nahm Olivia das Album ab. »Damit sie uns bekommen konnte?«
Rosalind schüttelte den Kopf, und erneut stieg Übelkeit in ihr hoch. »Laut Donna haben Menschen mit diesem Zustand doch keinerlei Fortpflanzungsorgane. So etwas kann man nicht einfach nachwachsen lassen.«
»Eine Transplantation vielleicht …?«
»Damals war das sicher noch nicht möglich. Ich weiß nicht mal, ob es jetzt geht.«
Ein Vogel raschelte in den unteren Ästen der jungen Kiefern, zwitscherte zaghaft und verstummte wieder. Die Stille war beinahe gespenstisch. Selbst die sanften Wellen, die vorhin noch gegen die Küste geschlagen hatten, waren nicht mehr zu hören.
»Vielleicht hat sie sich auf eine Rolle vorbereitet. Das hat sie doch immer sehr ernst genommen.« Eves Gesicht hellte sich hoffnungsvoll auf. »Erinnert ihr euch, wie sie für ihren ersten Film mit Burt Reynolds nach Montana flog, um reiten zu lernen und sich um die Pferde zu kümmern? Und für ihre Rolle in Der Geist der Pioniere lebte sie eine Woche in einer Blockhütte ohne Strom. Sie fand es fürchterlich, aber sie hat es durchgezogen.«
Rosalind wollte Eves Begründung unbedingt glauben, obwohl sie im Grunde nicht schlüssig war. »Ich erinnere mich an keinen einzigen Film, in dem sie eine Frau spielte, die keine Kinder bekommen konnte.«
»Und warum sollte sie dafür gleich ein ganzes Befundblatt zusammenstellen?«
»Damit es echt wirkt.« Eves Stimme brach. »Ich kann mir gut vorstellen, wie sie den Befund immer wieder gelesen und versucht hat, die Traurigkeit zu fühlen.«
»Nein, das kann ich mir nicht vorstellen.« Olivia schüttelte den Kopf.
Eve seufzte. »Vielleicht sollten wir wirklich mit Lauren reden? Wenn es stimmt, hat Dad ihr sicher davon erzählt.«
»Nicht, wenn es nichts zu erzählen gibt«, schoss Olivia zurück. »Wenn wir Lauren davon erzählen, verraten wir unsere Mutter. Was, wenn das rauskommt? Denkt doch mal an Mom!«
Eve lachte bitter. »Ich glaube, an dem Ort, wo Mom jetzt ist, spielt das alles keine Rolle mehr.«
»Mein Gott, Eve. Das ist echt kaltherzig. Ich rede von der Presse. Es würde im Chaos enden. Sogar Dads Schlaganfall war ein Riesenthema.«
»Es ist nur so …« Rosalind schlang die Arme um den Oberkörper, und ihr Blick wanderte zwischen ihren Schwestern hin und her. Ihr Magen zog sich erneut zusammen. »Wir sehen wirklich alle unterschiedlich aus. Blond, brünett, rothaarig; verschiedene Augen und Nasen; und ihr seid beide groß, während ich …«
»Hör auf! Sofort!« Olivia nahm das Schwangerschaftsalbum und hielt es ihr vor die Nase. »Drei Schwangerschaften, drei Töchter. Das reicht als Beweis.«
»Ich verstehe, dass du aufgebracht bist, Olivia. Das sind wir alle. Aber wir müssen den verschiedenen Möglichkeiten ins Auge blicken.«
»Na gut.« Olivia knallte das Album auf den Tisch und verschränkte die Arme. »Wir wissen, dass Mom schwanger war und uns alle drei auf die Welt gebracht hat. Also, welche Möglichkeiten gibt es?«
»Dass …« Rosalind zuckte mit den Schultern. »Ich weiß auch nicht. Dass sie die Schwangerschaften nur vorgetäuscht hat?«
»Was?« Olivia sah sie entsetzt an. »Warum sollte sie die Schwangerschaften vortäuschen?«
Eve hob eine Augenbraue. »Ja, warum wohl?«
»Damit niemand erfuhr, dass sie keine Kinder bekommen konnte«, erklärte Rosalind.
»Warum sollte ihr das so viel bedeutet haben?«
»Weil ihr Image ihr einfach immens wichtig war«, erwiderte Eve bitter. »Das weißt du doch. Du bist auch in dem Business.«
»Aber wichtig genug, um drei Schwangerschaften vorzutäuschen? Und drei Geburten?« Olivia schüttelte den Kopf. »Das kann ich mir nicht vorstellen.«
Eve schwieg und las den Befund noch einmal. Rosalind wollte nicht laut aussprechen, was ihre Schwester vermutlich dachte: dass es Jillian Croft vielleicht tatsächlich das Risiko wert gewesen war.
»Okay, und wo kommen wir dann her?« Olivia warf die Arme hoch und ließ sie auf die Hüften knallen. »Aus dem Labor? Vom Storch? Amazonbaby.com?«
»Adoption.« Rosalind musste flüstern, um das Wort überhaupt über die Lippen zu bringen, aber sie hätte genauso gut brüllen können. Olivia und Eve erstarrten und schwiegen geschockt. Irgendwo in der Ferne bellte eine Robbe. Im Wald raschelte es.
Eve schloss den Ordner. »Das würde bedeuten, dass Dad nicht unser leiblicher Vater ist.«
»Das ist doch Schwachsinn!« Olivia presste das Album an ihre Brust. »Moms Name steht auf allen drei Geburtsurkunden, genau wie Dads. Das sind Rechtsurkunden. Was du da sagst, ist einfach verrückt, Roz. Dass Mom die Schwangerschaften und Geburten nur vorgetäuscht und Dokumente gefälscht hat … dass so viele Leute eine derart lächerliche Farce über so lange Zeit durchgehalten haben … Es ist schon unwahrscheinlich, dass so etwas einmal klappt. Aber doch nicht dreimal!«
»Du hast recht.« Eve schüttelte den Kopf. »Du hast recht. Es ist verrückt.«
»Und was ist mit den Geschichten, die sie uns immer erzählt hat?« Olivia war jetzt richtig in Fahrt. »Jede von uns kennt sämtliche Details über die Wehen und die Geburt selbst.«
»Ja …« Rosalind dachte daran, dass ihre Mutter eine außergewöhnlich talentierte Schauspielerin und Geschichtenerzählerin gewesen war. Sie dachte an das unerträglich peinliche und nichtssagende Gespräch mit ihrer Mom, nachdem sie zum ersten Mal ihre Periode bekommen hatte, und daran, dass sie kaum fähig schien, die Fragen ihrer Tochter zu beantworten. Daran, dass sie sich ihren Töchtern nie nackt gezeigt hatte, obwohl sie oben ohne für den Playboy posiert hatte. »Im Grunde hat es keinen Sinn, darüber zu diskutieren, weil wir einfach nicht genug wissen.«
»Das stimmt. Also gehen wir zurück an die Arbeit.« Olivia stapfte wieder ins Haus, und Eve warf Rosalind einen schnellen Blick zu, bevor sie ihr folgte.
Rosalind trottete hinter den beiden her und hatte das Gefühl, in eine neue Dimension eingetreten zu sein. Alles um sie herum war immer noch vertraut, aber nichts war mehr so wie zuvor. Ihre Mutter war in aller Öffentlichkeit dreimal schwanger gewesen und hatte sie alle drei mit Hilfe ihrer Schwester zur Welt gebracht. Eine Schwester, die als Hebamme jeden beliebigen Namen auf eine Geburtsurkunde schreiben konnte. Oder sogar auf drei.
Aber Olivia und Eve hatten bereits genug unter der Last dieser Entdeckung zu tragen, weshalb sie ihnen nicht noch mehr aufbürden wollte. Noch nicht. Es musste eine logische Erklärung für diese Diagnose geben, die allem widersprach, was sie über ihre Mutter wussten.
Denn wenn nicht, dann würde dieses abgegriffene, vergessene und falsch abgelegte Blatt Papier ihre Leben gewaltig auf den Kopf stellen.
26. Januar 1967 (Donnerstag)
Mom war heute nach der Schule mit mir beim Arzt. Christina hat sie dazu gebracht, nachdem sie mich weinen gesehen hat und ich dumm genug war, ihr den Grund zu verraten. Weil ich siebzehn bin und die Highschool besuche und immer noch nicht meine Periode habe. Ich rede nie wieder mit ihr. Beim Arzt war es schrecklich. Ich kann Dr. Tibbet sowieso nicht leiden. Er riecht abscheulich, und man muss über Witze lachen, die nicht einmal eine Vierjährige lustig fände. Ich wollte nicht, dass er mich ohne Klamotten untersucht, aber er hat überall an mir herumgedrückt, sogar dort unten. Und dann wurde es noch schlimmer, denn er hat mit einem Metallding in mir herumgestochert und die ganze Zeit verwirrt vor sich hin gemurmelt. Mom war auch keine Hilfe. Sie hat ihm nicht gesagt, dass er aufhören soll, obwohl ich ständig zu ihr hinübergeschaut habe und total fertig war.
Er hat immer wieder das Licht neu eingestellt und einfach weitergemacht, und es hat verdammt wehgetan, aber ich habe nichts gesagt. Ich wollte so tun, als wäre alles normal, damit er denkt, ich wäre auch normal, und mich in Ruhe lässt.
Jetzt schickt er mich zu einem Arzt in Bangor. Mehr haben sie mir nicht gesagt, und ich hatte zu große Angst, um nachzufragen. Später habe ich Mom darauf angesprochen, aber sie meinte, dass alles in Ordnung wäre und sie nur noch etwas überprüfen müssten. Ich glaube ihr nicht. Etwas stimmt nicht.
Ich will nicht zu diesem Arzt gehen. Ich will Spaß beim Theaterspielen haben und es genießen, dass ich die jüngste Schülerin bin, die an meiner Schule jemals eine Hauptrolle spielen durfte. Ich will ewig leben und am Broadway und in Kinofilmen spielen. Christina hat gefragt, was los ist, aber ich habe nur gesagt, sie soll die Klappe halten. Hätte ich bloß ein eigenes Zimmer. Es ist so nervig, dass ich sie und alle anderen nicht einfach aussperren kann.
Rosalind öffnete die Augen und starrte an die holzvertäfelte Schlafzimmerwand. Sie fühlte sich leer und erschöpft, als wüsste ihr Körper genau, dass etwas Wichtiges und Unangenehmes passiert war, obwohl sie sich nicht daran erinnern konnte.
Doch dann fiel es ihr wieder ein. Adrenalin schoss durch ihre Adern, und ihr wurde übel. Mom.
Sie drehte sich zur Seite, rollte sich zu einem Ball zusammen und wartete, bis das Gefühl vorüberging. Noch hatten sie keinen Beweis, dass ihre Mutter tatsächlich unter einer Androgenresistenz gelitten hatte. Es gab keinen Grund, die Nerven zu verlieren. Trotzdem hatte sich die Diagnose letzte Nacht in Rosalinds Unterbewusstsein festgesetzt, und sie wusste auch ohne Beweise, dass es stimmte. Sie vertraute ihrem Unterbewusstsein zwar nicht bedingungslos, aber immerhin mehr, als ihre Schwestern es taten.
Weiches, graues Licht drang unter den Rollläden hindurch. Es war entweder noch sehr früh am Morgen oder immer noch nebelig, vielleicht aber auch beides. Die Geräusche im unteren Stockwerk und ein Blick auf die Uhr gaben ihr Gewissheit. Es war noch sehr früh, doch Olivia war bereits wach und machte sich für die Fahrt zum Flughafen bereit.
Rosalind war erleichtert, dass sie nicht versuchen musste, noch einmal einzuschlafen. Das einzig Positive an der schlaflosen Nacht war, dass sie eine Entscheidung getroffen hatte. Sie würde einen Beweis für die Diagnose finden und – wenn nötig – weitere Nachforschungen anstellen, um zu erfahren, wie aus ihren Schwestern und ihr eine Familie geworden war.
Gestern Abend hatten Rosalind, Olivia und Eve nach der unangenehmen Entdeckung beschlossen, das Auspacken der Kartons zu verschieben und ein traditionelles Familienessen zu veranstalten, wie sie es früher in Maine immer getan hatten. Es war zwar nicht das Muschelessen am Strand, das ihre Mutter so geliebt hatte, aber es gab gekochten Hummer mit luftigen Brötchen, grünen Salat und Lebkuchen mit massenhaft Schlagsahne. Vielleicht war es für eine ganze Weile das letzte Mal, dass sie alle drei zusammen waren. Alles hing davon ab, ob und wann Olivia wieder nach Maine kommen konnte. Sie wollte und plante es zwar, doch bei Olivia bedeutete das nicht, dass sie es dann auch tatsächlich tat.
Das Abendessen war herrlich, aber auch sehr ruhig gewesen, trotz des Champagners zu den geräucherten Muscheln, die sie als Vorspeise genossen hatten, und einer Flasche Chablis zum Essen. Die Schwestern konnten ihre Entdeckung vom Nachmittag nicht vergessen und sich einfach amüsieren, aber sie hatten es auch noch nicht genügend verarbeitet, um darüber zu diskutieren. Sie brauchten einfach mehr Zeit und mehr Informationen.
Rosalind schlug die Decke zurück und schnappte sich ihr Sweatshirt von dem Stuhl, über den sie es am Vorabend geworfen hatte. Dann schlüpfte sie in die pinkfarbenen Hausschuhe, die sie hier in Maine für kalte Morgen bereithielt, und tappte zum Fenster, um die Rollläden zu öffnen, wobei sie inständig hoffte, dass sich der Nebel gelichtet hatte.
Sie seufzte erleichtert. Die Sonne ging gerade auf, und die Bäume hinter dem Haus schirmten die ersten Strahlen ab, aber der Himmel färbte sich bereits rosarot, die Bucht breitete sich wie gewohnt vor ihr aus, während die gegenüberliegende Küste scharf und klar hervorstach. Das glatte Wasser mit den bunten Hummerbojen bildete einen perfekten Spiegel für die mit Kieferwäldern bewachsenen Inseln, deren felsiger Untergrund nur bei Ebbe sichtbar wurde. Vor dem Haus stießen die mit Rankenfußkrebsen bedeckten Steine ebenfalls aus dem Wasser, und das Seegras würde sich erst wieder in eine golden braune Wiese verwandeln, wenn die Flut zurückkehrte.
Rosalinds Furcht davor, Olivia und Eve ihre Entscheidung mitzuteilen, löste sich langsam auf. Das schöne Wetter erschien ihr wie ein gutes Omen.
Sie ging hinunter und traf Olivia in der Küche vor der Spüle an. Sie trug ein legeres Reiseoutfit, bestehend aus einem weißen, ärmellosen Oberteil, eng anliegenden schwarzen Capri-Hosen und hochhackigen schwarzen Sandalen, und ihre Haare und das Make-up waren wie immer perfekt.
»Hey, Rosalind, schon so früh auf den Beinen?«
»Ich konnte nicht schlafen.«
»Wem sagst du das! Aber das kann ich nie, wenn ich einen dieser lächerlich frühen Flüge erwischen muss. Ständig wache ich auf und frage mich, ob ich schon aufstehen muss. Ich habe höllische Angst zu verschlafen.«
Rosalind sah sie erstaunt an. »Deswegen hast du schlecht geschlafen?«
»Willst du Kaffee? Ich habe genug gemacht.« Sie deutete auf die stylische Edelstahlmaschine, die an die Stelle der alten Krups getreten war, die Mom und Dad jahrzehntelang verwendet hatten. »Es ist eine Schande, was Lauren aus der Küche gemacht hat. Sie hat ihr die Seele genommen.«
»Die Küche war doch wirklich in einem schlechten Zustand.« Rosalind ging zum Kühlschrank und holte den Orangensaft heraus. Sie hatte die erfrischende, süße Säure jetzt dringend nötig. »Mom war keine wirkliche Köchin, und nichts hat mehr richtig funktioniert. Wir fanden es vielleicht witzig, den Backofen ständig auf- und zuzumachen, damit er die Temperatur hält, aber …«
»Stimmt.« Olivia ließ wehmütig die Hand über die glatte Granitarbeitsplatte gleiten. »Ich vermisse die große alte Eisenspüle.«
»Die hatte doch bereits Rost angesetzt.«
»Ja, du hast ja recht. Aber das hier …« Sie machte eine abwertende Handbewegung, die den ganzen Raum miteinschloss. »Das hier könnte eine beliebige Küche in einem beliebigen Vorort irgendeiner Stadt sein. Vorher war es die Küche dieses Hauses, weißt du?«
»Ja. Ich weiß.« Rosalind nahm an der Kücheninsel Platz. »Sie ist ziemlich durchschnittlich. Aber für uns war das Haus ein magisches Sommerdomizil, in das wir uns zurückziehen konnten. Die verschrobene, alte Einrichtung gehörte zum Charme. Lauren hatte hier ihren Alltag.«
»Ja, klar. Aber sie hätte trotzdem eine bessere Auswahl treffen können. Schwarze Elektrogeräte anstatt Edelstahl, Holzarbeitsplatten, Holzschränke mit Kochutensilien aus Eisen …«
»Also mir macht das Weiß nichts aus. Früher war es hier ohnehin viel zu dunkel.« Rosalind stürzte den Saft hinunter und goss sich eine Tasse Kaffee ein. Olivias Kaffee war so dünn, dass es kaum etwas brachte, ihn überhaupt zu trinken. »Also, was machst du, wenn du wieder in Kalifornien bist? Derek ans Bett fesseln und von ihm verlangen, dass er seine Pflicht erfüllt?«
»Ja, so in etwa.« Olivia goss sich ebenfalls noch eine Tasse ein. »Ich sag es dir, dieses Baby ruiniert noch unser Sexleben. Wir waren gerne spontan und ungezügelt. Jetzt steht der Sex während des Eisprungs alle zwei Tage auf dem Kalender, er muss oben sein, und ich bete die ganze Zeit, dass er bald kommt und seine kleinen Freunde auf die Reise schickt. Er weiß natürlich, was ich denke, deshalb fühlt es sich so an, als hätte sein Orgasmus gar nichts mehr mit uns zu tun. Und es ist mir mittlerweile sogar egal, ob ich komme oder nicht.«
»Mein Gott, Olivia. Ich glaube, Derek tut mir sogar ein bisschen leid – zum ersten Mal überhaupt.«
»Ich weiß. Ich bin schrecklich. Und weißt du, was noch sinnlicher ist? Danach liege ich eine Stunde lang mit einem Kissen unter dem Hintern auf dem Rücken und strecke die Beine in die Höhe wie ein toter Käfer.«
Rosalind kicherte. »Echt?«
»Ich nutze die Schwerkraft, damit die kleinen Kerle es leichter haben.« Olivia schüttelte kläglich den Kopf. »Es ist die Hölle.«
»Ist es das noch wert?« Rosalind bemühte sich, nicht zu beunruhigt auszusehen. Ihre Schwester hasste Mitleid. »Nach all den Jahren?«
»Klar ist es das noch wert. Der Arzt meint, mit mir wäre alles in Ordnung, und Dereks Arzt behauptet das Gleiche. Es muss irgendwann einmal klappen.«
»Sieht Derek das auch so?«
Olivia verzog das Gesicht. »Eher nicht. Ich glaube schon, dass er noch Kinder möchte, aber er macht es mir nicht leicht.«
Rosalind runzelte die Stirn und nippte an ihrem Kaffee. Sie hatte Olivia die Meinung gesagt, als sie sich verlobt hatte, und sich selbst geschworen, ihre Schwester nach der Hochzeit zu unterstützen. In Anbetracht der Tatsache, dass Derek ein totales Arschloch war, war das allerdings manchmal etwas schwierig. »Wärst du nicht lieber mit einem Kerl verheiratet, der genauso gerne Kinder hätte wie du?«
»Klar. Aber was soll ich machen? Mit den Fingern schnippen, und im nächsten Moment taucht der perfekte Mann auf?« Olivia stieß ein bitteres Lachen aus. »Ich bin fast vierzig, ich habe keine Zeit für solche Dinge. Derek ist nicht perfekt, aber ich bin auch nicht gerade eine einfache Frau.«
»Nein, das bist du wirklich nicht.« Rosalind grinste, als ihre Schwester ihr einen finsteren Blick zuwarf. »Habt ihr schon mal überlegt, ein Kind zu adoptieren?«
»Wir werden kein Kind adoptieren.« Olivia stand auf und goss den restlichen Kaffee in die Spüle. »Ich will meine eigenen Kinder, nicht die einer anderen.«
»Warum nicht?« Rosalind versuchte, möglichst ungezwungen zu klingen. »Wenn es wahr ist, was wir gestern herausgefunden haben, dann waren Mom und Dad doch zufrieden mit der Entscheidung, uns zu adoptieren.«
»Hör auf!« Olivia fuhr herum und warf ihr einen mörderischen Blick zu. »Ich will nicht mehr über diesen Schwachsinn reden, Rosalind. Nie mehr. Verstanden?«
»Echt jetzt?« Rosalind stellte den Kaffeebecher ab und starrte ihre Schwester an. Sie hatte heftige Gegenwehr erwartet, aber nicht, dass sie die Sache rundheraus leugnete. »Du willst das ignorieren?«
»Genau das werde ich tun.«
»Warum? Olivia, das wäre eine echt große Sache!«
»Es ist keine große Sache. Es ist nichts als eine winzige Fliege auf einer sehr dünnen Scheibe. Ich bin die Tochter von Jillian Croft und Daniel Braddock.«
Olivia deutete auf ihre Brust und dann auf Rosalind und zur Zimmerdecke. »Du und Eve seid meine Schwestern. Das wird sich niemals ändern, egal was passiert. Und deshalb will ich es auch nicht wissen. Vergiss die Sache einfach.«
»Das kann ich nicht. Ich muss es wissen.«
»Es ist ein Fehler, dem nachzugehen, Rosalind.«
»Warum sagst du das?«
»Deine Vergangenheit ist ein Teil von dir. Du kannst sie nicht einfach hinter dir lassen und dir eine neue suchen, so wie du es sonst immer mit allem machst.« Olivia zählte es an den Fingern auf. »Wo du wohnst, wo du arbeitest, mit wem du ausgehst, wie du aussiehst … Mom und Dad waren vielleicht nicht die perfekten Eltern, aber sie waren unsere Eltern, und mehr müssen wir nicht wissen.«
Rosalind holte Luft. »Ich verstehe, dass du so fühlst, aber …«
»Aber du wirst der Sache trotzdem nachgehen.«
Rosalind nickte langsam und beobachtete, wie ihre Schwester das Kinn vorstreckte und ihre Gefühle hinter einer ausdruckslosen Miene versteckte. So ging Olivia jedes Mal mit unerwünschten Emotionen um. »Ich will die Wahrheit wissen. Wenn sich herausstellt, dass Mom uns nicht auf die Welt gebracht haben kann, dann will ich wissen, wer es war.«
Olivia wandte sich wieder zur Spüle herum, wusch ihren Becher aus, stellte ihn in die Spülmaschine und blieb mit herabhängenden Schultern einen Moment lang an der Arbeitsplatte stehen. Dann drehte sie sich wieder zu Rosalind um und verschränkte die Arme vor der Brust. »Okay, gut. Das ist deine Entscheidung. Aber halte mich da raus, okay? Mein Leben ist so schon kompliziert genug.«
»Okay.« Rosalind ließ sich ihre Erleichterung nicht anmerken. »Danke. Ich weiß, das war gerade sehr schwer für dich, und du sollst wissen, dass ich …«
»Ja, klar. Was auch immer.« Olivia grinste, nahm ihr Handy und tippte einmal drauf, um das Display zum Leben zu erwecken. »Ah. Fast fünf. Ich muss los.«
Rosalind war immer noch schlecht vor Anspannung, aber sie war dankbar, dass Olivia nicht auf sie losgegangen war. Das Gespräch mit Eve würde einfacher werden. »Soll ich dir helfen, dein Gepäck zum Auto zu bringen?«
»Klar. Danke.«
Sie folgte ihrer Schwester ins Wohnzimmer und dann in den Hausflur, wo Olivias riesiger Koffer und eine kleinere Reisetasche an der Tür lehnten. Rosalind stemmte den Koffer hoch und stolperte damit nach draußen und den von Muschelschalen begrenzten Weg in Richtung Einfahrt hinunter. Sie fragte sich, warum sie und Eve Olivia immer wie eine zarte Blume behandelten, obwohl sie lächerliche Summen für einen Personal Trainer ausgab und sie vermutlich beide gleichzeitig hochstemmen konnte. »Kannst du den Kofferraum öffnen?«
»Hier. Ich stelle sie gleich auf den Rücksitz.« Olivia nahm den Koffer, als wöge er gerade mal fünf Kilo, und schwang ihn zusammen mit der Tasche auf den Rücksitz. »Danke fürs Helfen.«
»Klar doch.« Rosalind breitete die Arme aus. »Guten Flug, Olivia. Ich hoffe, der Matratzensport trägt diesen Monat Früchte.«
»Mein Gott, ich auch.« Olivia umarmte sie lang und innig. Sie roch wie immer nach einem erfrischenden, subtil teuren Parfum. »Ich sehne mich so sehr nach diesem kleinen Wesen.«
»Es wird passieren. Das weiß ich.«
Olivia ließ sie los und schniefte mehrere Male. Dann blinzelte sie. »Mir ist klar, dass ich verwöhnt bin. Und unglaublich gesegnet. Ich weiß, dass mein Leben sehr viel einfacher ist als das von so vielen anderen, und ich versuche auch, nicht alles als selbstverständlich zu sehen. Aber die Vorstellung, dass ich dieses Kind nicht bekommen werde, ist einfach unerträglich.«
Ihre Stimme brach, und sie versuchte, tapfer zu lächeln, doch es gelang ihr nicht.
Rosalinds Herz wurde schwer.
»Glaub weiter daran. Stell dir das Baby ganz genau vor. Juble dem Sperma in dir zu.« Sie lächelte aufmunternd und schnippte dann mit den Fingern. »Jetzt weiß ich es! Du solltest Derek Pompons kaufen und ihm einen Tanz beibringen.«
»Was?«
»Er kann ihn aufführen, während du dein Toter-Käfer-Ding abziehst.« Rosalind warf sich in Pose und streckte die imaginären Pompons von sich. »Hey, Spermien! Ha! Findet das Ei und rein mit der D-N-A!«
Olivia lachte. »Du hast recht. Du bist wirklich verrückt.«
»Hab ich ja gesagt.«
»Pass gut auf dich auf, Rozzy.« Olivia umarmte sie erneut und verwuschelte ihre Haare. »Ich mache mir Sorgen um dich, weil du dich in diese Sache stürzt. Ich will nicht, dass du verletzt wirst.«
»Nö. Ich doch nicht. Ich bin robust.«
»Mhm.« Sie stieg ein. »Und lass dir die Haare wachsen.«
»Auf Wiedersehen, Olivia.«
»In einer echten Haarfarbe.«
»Auf Wiedersehen, Olivia!«
»Ich schicke dir ein paar Klamotten. Größe achtunddreißig? Oder neununddreißig? Du wirst überrascht sein, wie anders dich die Leute plötzlich behandeln.«
»Auf! Wiedersehen! Olivia!«
Olivia lachte und startete den Wagen. »Okay, okay, ich fahre ja schon. Grüß Eve von mir!« Sie fuhr die Auffahrt hinunter, und Kieselsteine spritzten in alle Richtungen, während sie zweimal hupte, auf die Zufahrtsstraße bog und den Motor aufheulen ließ.
Rosalind zuckte zusammen und überlegte sofort, wie viele Leute die Hupe wohl geweckt hatte. Das nächste Haus war etwa eine fußballfeldgroße, bewaldete Fläche entfernt, doch hier draußen war es so unglaublich still, dass sämtliche Geräusche meilenweit zu hören waren.
Sie ging zurück ins Haus, säuberte die Kaffeemaschine und setzte eine neue Kanne auf, dieses Mal auf menschliche Bedürfnisse abgestimmt. Seit Moms Tod war Rosalind die einzige Langschläferin in der Familie. Eve würde also bald wach sein, wenn sie das Hupen nicht schon geweckt hatte. Ein gutes Frühstück vor der langen Rückfahrt nach Boston, wo sie in einem Architekturbüro arbeitete, das Hotels entwarf, würde ihr sicher guttun und sie vielleicht auch in die passende Stimmung versetzen, sodass sie Rosalinds Plänen zustimmte.
Rosalind warf einen schnellen Blick in die Schränke und fand eine ungeöffnete Backmischung für Vollkorn-Pancakes, die noch genießbar aussah. Sie folgte den Anweisungen, mischte den Teig und holte die kleine Grillpfanne hervor, die vermutlich mit Laurens neumodischem Herd mitgeliefert worden war, denn sie passte genau auf die ovale Platte. Während sie die Pfanne erhitzte, nahm sie auch noch eine Bratpfanne, schlug vier Eier hinein und gab einen Schuss Milch und ein wenig Salz dazu, um Rührei zu braten, sobald ihre Schwester nach unten käme.
Der Pancake-Teig floss mit einem zufriedenstellenden Zischen in die Pfanne, und während die ersten beiden Pancakes brieten, schnitt sie einen duftenden Pfirsich in Stücke und gab noch ein paar wilde Blaubeeren dazu. Die winzigen Früchte hatten einen so intensiven Geschmack, dass sie alle anderen Sorten in den Schatten stellten. Sie legte die fertigen Pancakes nacheinander auf einen Teller und stellte sie schließlich zum Warmhalten in den Ofen.
In diesem Moment hörte sie Schritte im Obergeschoss, und als ihre Schwester zerknautscht und verschlafen in einem schmuddeligen T-Shirt und dunkelblauen Jogginghosen nach unten kam, brutzelten die Rühreier bereits in der Pfanne.
»Mmh, das sieht ja toll aus! Und Obst gibt es auch! Danke.« Eve gähnte und rieb sich die Hüfte. »Haben wir Toast?«
»Nein. Viel besser.« Rosalind öffnete den Backofen. »Les Cakes du Pan.«
»Ooh! Du bist eine Wucht. Danke.« Eve goss sich einen Becher Kaffee ein. »War alles okay bei Olivia?«
»Ja. Sie ist sogar relativ pünktlich los.«
»Gut.« Sie setzte sich an die Kücheninsel und umfasste ihren Becher mit beiden Händen. »Ich hoffe, der Verkehr nach Bangor ist nicht zu schlimm.«
»Ja, ich auch.« Rosalind goss Ahornsirup aus Maine in ein kleines Kännchen und stellte ihn zum Aufwärmen in die Mikrowelle. »Haben Mike und du schon Pläne für die kommende Woche?«
»Nö.« Eve schmierte eine dicke Schicht Butter auf ihren Stapel Pancakes. Würde Rosalind so viel Butter essen, hätte sie beim letzten Bissen bereits drei Kilo mehr auf den Hüften. Eve hingegen verlor vermutlich noch Gewicht, weil sie beim Aufstreichen der Butter so viele Kalorien verbrauchte. »Wir haben überhaupt nichts vor.«
»Das klingt ja spannend.«
»Nun – ist es nicht.«
Rosalind sah ihre Schwester an. Der stumpfe Unterton in ihrer Stimme gefiel ihr nicht. »Warum lasst ihr euch nicht etwas einfallen? Vielleicht probiert ihr mal ein neues Restaurant aus oder so?«
»Das will Mike sicher nicht.« Sie goss den Sirup auf die Pancakes, sodass er auf allen Seiten nach unten lief.
»Warum denn nicht?« Rosalind zog einen Stuhl heraus und setzte sich Eve gegenüber. Mike war ein recht netter Kerl, aber auch ein ziemlicher Langweiler. »Was ist denn los?«
»Er will kaum noch raus. Oder sonst irgendetwas tun.« Eve spießte einen von Sirup triefenden Bissen auf die Gabel. »Es ist hart, wenn er den Sommer über nicht arbeitet.«
Das klang nicht gut. »Ist er depressiv? Oder hat er genug vom Unterrichten?«
»Beides, schätze ich.«
Rosalind aß stirnrunzelnd ihre Eier, während sie überlegte, wie sie helfen konnte. »Bist du depressiv?«
»Vielleicht.«
»Eve.« Rosalind legte ihre Gabel beiseite und stellte erschrocken fest, dass ihr nichts Ungewöhnliches am Verhalten ihrer Schwester aufgefallen war. »Davon hast du ja gar nichts erzählt!«
»Ich wollte nicht. Die Familie hat schon genug um die Ohren, um es milde auszudrücken.«
»Was wirst du dagegen tun? Therapie? Oder Medikamente?«
»Keine Ahnung. Ich muss das alles erst begreifen. Die Depression ist ein hinterhältiger kleiner Teufel, weißt du? Mike und ich sind jetzt drei Jahre lang zusammen, und zuerst habe ich mir eingeredet, dass die Leidenschaft eben nicht für immer anhält und so. Dass ich zufrieden und nicht gelangweilt bin. Dass es ein Zeichen der Ruhe und nicht des Stillstandes ist. Es gab eine Million Gründe, warum ich so lethargisch bin. Und dann ist da auch noch die Arbeit. Ich dachte am Anfang, dass sie mich zu diesem Zeitpunkt bereits befördert hätten. Ich werde nächstes Jahr dreißig und plane immer noch Badezimmer und Aufzugschächte. Notwendige, wichtige Dinge, aber …«
»Du brauchst eine Veränderung.«
Eve verdrehte die Augen. »Das sagst du doch immer.«
»Ich meine es ernst. Einen neuen Job, einen neuen Mann, eine neue Stadt, irgendetwas Neues.«
»Das ist deine Lösung für alle Probleme. Du bist nicht glücklich? Dann lauf davon!«
»Es geht nicht darum fortzulaufen, sondern darum, nicht in eine Lage zu geraten, die nicht gut für dich ist und nicht zu dir passt. Und übrigens habe ich schon verstanden, dass Olivia und du nicht mit der Art einverstanden seid, wie ich mein Leben lebe. Ihr könnt aufhören, ständig darauf herumzureiten.«
Eve hob den Blick von ihren Pancakes. »Tut mir leid.«
Rosalind musste den Blick abwenden. Jemanden direkt auf etwas anzusprechen war immer schlimmer, als alles zu schlucken, wie sie es normalerweise tat. Sie hatte ihren Standpunkt klargemacht, aber jetzt hatte sie das Gefühl, sich entschuldigen zu müssen. »Ich weiß ja, dass ihr nur helfen wollt. Aber denk mal darüber nach, was ich gerade gesagt habe. Vielleicht hilft ein Tritt in den Hintern. Ein neuer Weg. Ein Welpe, damit Marx Gesellschaft hat. Die Wohnung violett ausmalen. Etwas Neues eben.«
»Vielleicht hast du recht.«
»Natürlich habe ich recht!« Rosalind grinste und aß noch einen Pancake, während sie immer wieder einen verstohlenen Blick auf ihre Schwester warf und den richtigen Moment abwartete. »Also … Ich habe darüber nachgedacht, die Sache mit Mom weiterzuverfolgen.«
»Das dachte ich mir schon.«
»Ich will herausfinden, ob sie tatsächlich diese Fehlbildung hatte, und falls ja, unter welchen Umständen wir adoptiert wurden und von wem – zumindest was mich betrifft.«
»Okay.« Eve legte ihre Gabel beiseite und griff nach dem Kaffee. »Warum?«
