Die Frühjahrstochter - Muna Shehadi - E-Book
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Die Frühjahrstochter E-Book

Muna Shehadi

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Beschreibung

Nachdem die Ehe der Schauspielerin Olivia Croft durch eine unverzeihliche Lüge ihres Ehemanns zerbrochen ist, flüchtet sie sich in eine Kleinstadt nach Maine. Dort will sie wieder zu sich selbst finden. Kurz nach ihrer Ankunft lernt Olivia den sympathischen Duncan und seinen kleinen Sohn Jake kennen, den sie sofort ins Herz schließt. Und auch für Duncan hegt Olivia rasch mehr als nur freundschaftliche Gefühle. Aber die Wahrheit über ihre Herkunft und über ihre Mutter holt Olivia auch im fernen Maine ein und droht, ihr neues Glück zu zerstören ...

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Veröffentlichungsjahr: 2021

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Inhalt

CoverÜber dieses BuchÜber die AutorinTitelImpressumWidmungDankKapitel 1Kapitel 2Kapitel 3Kapitel 4Kapitel 5Kapitel 6Kapitel 7Kapitel 8Kapitel 9Kapitel 10Kapitel 11Kapitel 12Kapitel 13Kapitel 14Kapitel 15Kapitel 16Kapitel 17Kapitel 18Kapitel 19Kapitel 20Kapitel 21

Über dieses Buch

Ihre Mutter lebte mit einer Lüge. Wird die Wahrheit ihr das Glück bringen?

Schauspielerin Olivia Croft braucht dringend eine Auszeit, um wieder zu sich selbst zu finden. Denn ihre Ehe ist nach einer unverzeihlichen Lüge ihres Mannes zerbrochen, und ihre Karriere geht nach einigen Enthüllungen steil bergab. Sie flüchtet in eine Kleinstadt nach Maine, um dort endlich zur Ruhe zu kommen. Kurz nach ihrer Ankunft lernt Olivia den sympathischen Duncan kennen, für den sie rasch mehr als nur freundschaftliche Gefühle empfindet. Und auch Duncans kleinen Sohn Jake schließt sie sofort ins Herz. Aber die Wahrheit über ihre Herkunft und über ihre Mutter holt Olivia auch im fernen Maine ein und droht, ihr zartes, neues Glück zu zerstören …

Über die Autorin

Muna Shehadi wuchs im amerikanischen Princeton in New Jersey auf, lebt inzwischen aber in Wisconsin. Sie besitzt selbst ein heißgeliebtes Sommerhaus an der Küste von Maine. Das alles und ihre lebenslange Liebe zum Schreiben inspirierte sie zu »Die Sommertochter«.

M U N A S H E H A D I

Roman

Aus dem Englischen vonSonja Rebernik-Heidegger

Vollständige E-Book-Ausgabe

des in der Bastei Lübbe AG erschienenen Werkes

Deutsche Erstausgabe

Für die Originalausgabe:

Copyright © 2021 by Muna Shehadi Sill

Titel der englischen Originalausgabe: »Honest Secrets«

Originalverlag: Headline Review, London

Für die deutschsprachige Ausgabe:

Copyright © 2021 by Bastei Lübbe AG, Köln

Textredaktion: Ulrike Strerath-Bolz, Augsburg

Umschlaggestaltung: Birgit Gitschier, Augsburgunter Verwendung von Illustrationen von © Yolande de Kort/Trevillion und © shutterstock: Dean Drobot | BoxBoy | siam sompunya | ValekStudio

eBook-Produktion: hanseatenSatz-bremen, Bremen

ISBN 978-3-7517-0372-7

luebbe.de

lesejury.de

Für Isabel – weil sie ist, wie sie ist

Dank

Ich danke meiner wunderbaren Lektorin Kate Byrne von Headline Publishing, die mich mit unglaublichem Geschick und unermüdlicher Unterstützung durch die Schicksalstöchter-Trilogie begleitet hat. Eine dicke Umarmung geht an Diana Roberts und Stanley Pendleton für ihre Gastfreundschaft und die faszinierenden Gespräche über das Leben eines Bootsbauers. Mein Dank gilt außerdem Laura Erickson-Schroth für ihr großartiges Buch Trans Bodies, Trans Selves, das mir bei meinen Recherchen eine große Hilfe war. Ich zolle der weltweiten Transgender-Community Respekt für ihren Mut und ihre Entschlossenheit, wahrgenommen zu werden. Danke an Laura Iding, die immer die passende Anekdote zur richtigen Zeit parat hat, und millionenfacher Dank an meinen Mann Mark Stodder, weil er jedes der drei Bücher gelesen und an den richtigen Stellen gelacht und geweint hat – und weil er ganz einfach der Beste ist.

Kapitel 1

28. Juli 1993 (Mittwoch)

Es ist so stressig. Drei Mädchen und eine einzigartige Karriere, die mich erfüllt. Ich bin total fertig und habe eigentlich keine Zeit, Tagebuch zu schreiben. Trotzdem finde ich es wichtig, mein unglaubliches Leben festzuhalten.

Wir sind gerade aus unserem herrlichen Haus an der Küste Maines zurückgekehrt. Die Mädchen lieben es dort, und es ist eine Freude, sie einfach das felsige Ufer entlanglaufen oder die Wälder erkunden zu lassen. Ganz anders als am Strand in L. A., wo ich sie keine Minute aus den Augen lassen kann. Olivia ist erst zwölf, aber sie entwickelt bereits weibliche Rundungen, und die ersten Männer glotzen ihr hinterher. Auf Rosalind hingegen muss ich ständig aufpassen, damit sie sich nicht umbringt, indem sie wieder mal zu weit hinausschwimmt. Nur Eve sitzt zufrieden neben mir und baut Sandburgen.

In unserem Haus in Stirling gibt es keine Männer, die Olivias Unbeschwertheit im Weg stehen, und auch keine anderen Teenager, deretwegen sie ihre Schwestern links liegen lassen müsste, um cool zu sein. Das Wasser ist zu kalt zum Schwimmen und zum Ertrinken, und Eve baut genauso gerne kleine Häuschen aus Steinen, Ästen, Blättern und Moos.

Daniel und ich können uns entspannen. Als wir das Haus gekauft haben, gaben wir uns das Versprechen, auf keinen Fall unsere Arbeit mitzubringen, selbst wenn es bedeutet, dass wir in manchen Jahren nur eine Woche in Maine verbringen können. Dieses Jahr passten das Wetter und die Gezeiten perfekt, und wir hatten genug Energie, um ein Muschelessen am Strand zu veranstalten. Ich dachte, ich müsste sterben vor Glück, bloß weil ich mit meiner großartigen Familie zusammen sein durfte. Meine hübschen Mädchen und mein attraktiver Ehemann sahen im Licht des Sonnenuntergangs noch hübscher und noch attraktiver aus.

Es tat mir beinahe leid, als wir wieder in die chaotische Realität und das Leben im Rampenlicht zurückkehren mussten. Andererseits liebe ich diesen Teil ganz genauso.

La Primadonna,

Jillian Croft

Olivia Croft blickte in die TV-Kamera und setzte ihr bestes Moderatorinnengesicht auf. Die Augen leicht geweitet, der Blick aufmerksam, der Mund an der Schwelle zu einem strahlenden Lächeln. Im Inneren zerbrach sie währenddessen in tausend Stücke. Es war ihre letzte Rückkehr aus der Werbepause in einer Show, die sie selbst erfunden, dem Studio verkauft und die letzten fünf Jahre auf dem in Los Angeles ansässigen Channel 53 moderiert hatte. CroftyCooks – eine Anspielung auf ihren Nachnamen und eine leichte Abwandlung des englischen Wortes crafty, was clever und gewitzt bedeutete – war ihr Lebensmittelpunkt gewesen, und die Crew ihre Familie. Die vielen Gäste, lauter Hobbyköche aus Los Angeles, hatten sie ihrer Heimatstadt nähergebracht. Am wichtigsten war jedoch, dass die Show ihr Bedürfnis gestillt hatte, auf der Bühne zu stehen, während die Jahre vergingen und ihr nie der wirklich große Durchbruch als Schauspielerin gelungen war. Crofty Cooks hatte sie im Bewusstsein des Publikums verankert und das nagende Gefühl besänftigt, dass sie ihrem Potenzial nicht gerecht wurde und weder ihren Lebenstraum noch die Erwartungen ihrer Mutter erfüllen konnte. Mit einer weltbekannten Filmgröße als Mutter schmerzte die eigene Erfolglosigkeit noch mehr.

Als letzte Sendung hatte Olivia sich für ein Kinderspecial entschieden. Sie hatte Tipps gegeben, wie man Gemüse und Vollkornprodukte als Belohnung verkauft, es gab Kommentare von Kinderärzten zum Thema Zuckerkonsum und dessen Auswirkungen auf die Gesundheit und außerdem einige vorab aufgezeichnete Einspielungen aus ein paar kinderfreundlichen Restaurants in L. A., die auf gesunde Küche setzten. Live zu Gast waren sechs Kinder zwischen vier und acht, die Olivia beim Kochen geholfen, Belohnungshäppchen verkostet und höchst amüsante Statements zum Thema gesunde Lebensmittel abgegeben hatten.

Welches Grünzeug schmeckt euch am besten? Minz-Eiscreme! Grüne M&M’s! Pistazienpudding!

»Zehn Sekunden, Olivia.« John, ihr Stage-Manager, hob beide Hände hoch. Olivia schwärmte heimlich für ihn, weil es einfach unmöglich war, ihn nicht zu mögen.

»Danke.«

Ein kleines Mädchen – Amber, wie ihr Namensschild verriet – kam aus Olivias Fernsehküche gelaufen, wo sie zusammen mit den anderen Kindern einen »angemessen nahrhaften« Kuchen verdrückte, den Olivia vorhin gebacken hatte. Er enthielt Vollkornmehl, pürierte Trockenpflaumen als Ballast- und Süßstoff, dazu Kakaopulver. Olivia fing Amber auf, hob sie hoch und kitzelte sie am Bauch, sodass die Kleine zu kichern begann.

»Fünf Sekunden.«

Olivia winkte ab, als Ambers Mutter hektisch auf sie zugelaufen kam. Dann beugte sie sich spontan nach vorne und saugte den süßen Kleine-Mädchen-Geruch in sich auf, nach dem sie sich so sehr verzehrte. Vielleicht war sie nach dem Ende der Show entspannter, und Derek und sie würden endlich schwanger. Das war so ziemlich der einzige Lichtblick, den sie erkennen konnte. Mit neununddreißig hatte sie panische Angst davor, dass sich das fruchtbare Zeitfenster bald schloss. Wie so viele andere Fenster, durch die sie sehnsüchtig geblickt hatte.

Wenn Gott einer Show ein Ende setzt, findet irgendwo ein neues Vorsprechen statt. Das war eines der vielen Sprichwörter, die sich ihre Mutter selbst ausgedacht hatte. Hoffentlich hatte sie recht.

»Drei, zwei …« John zählte den Countdown an den Fingern herunter.

»Hallo, ihr Lieben! Willkommen zurück bei Crofty Cooks! Dieses bezaubernde Mädchen, das ich gerade auf dem Arm halte, heißt Amber.« Olivia wandte sich an das Kind. »Ich hatte heute jede Menge Spaß. Wie sieht es mit dir aus? Hast du etwas Wichtiges gelernt?«

Amber nickte. Auf ihrer Wange klebte zuckerreduzierte Kuchenglasur. »Kuchen ist lecker.«

»Sehr gut!« Olivias Herz schmolz dahin. Es fühlte sich so gut an, den kleinen Körper in den Armen zu halten. Sie hatte vorgehabt, noch ein paar Wochen mit solchen Sondersendungen zum Thema kindergerechte Ernährung weiterzumachen, aber …

Sie blickte erneut in die Kamera und rang sich ein Lächeln ab, das nichts von ihren Gefühlen erkennen ließ. »Die Kinder von heute sind die Erwachsenen von morgen, und wir müssen ihnen zu einem bestmöglichen Start verhelfen. Je weniger süße Speisen sie zu sich nehmen, desto geringer ist ihr Verlangen nach Zucker. Und für alle glücklichen werdenden Mütter: Das betrifft auch Dinge, die Sie in der Schwangerschaft zu sich nehmen.

Umarmen Sie Ihre Kleinen heute Abend ganz fest.« Olivia drückte Amber und war erleichtert, dass diese nicht gleich nach ihrer Mommy rief. »Geben Sie sich selbst das Versprechen, sie gesund zu ernähren. Und falls Sie – so wie ich – Schwierigkeiten haben, schwanger zu werden, oder aus einem anderen Grund kinderlos sind, dann verwöhnen Sie die Kinder anderer Leute mit Ihrer Liebe und lustigen Unternehmungen, anstatt mit Zucker.

Danke, dass Sie auch heute wieder eingeschaltet haben.« Ihre Stimme brach beinahe, doch sie überspielte es mit einem schnellen Räuspern. »Ich denke an Sie. Essen Sie gut und gesund! Amber, winkst du den Zuschauern gemeinsam mit mir noch einmal zu?«

Olivia und Amber winkten in die Kamera, und während der Abspann lief, stellte Olivia das kleine Mädchen ab, nahm die winzige, weiche Hand und führte Amber zurück an den Tisch mit den anderen kuchenverschmierten Kindern, wo sie in die Knie ging und mit jedem Einzelnen ein paar Worte wechselte.

Schließlich verkündete John, dass bereits die nächste Werbung lief.

Es war vorbei.

Olivia verzog ihre aufeinandergepressten Lippen zu einem Lächeln. Eltern traten in die Kulissen, sammelten ihre Kleinen ein und begannen sofort, sich gegenseitig mit neuen Vorsprechterminen, Tanzerfolgen und Ernährungsplänen zu übertrumpfen. Ambers Mutter war eine liebenswürdig wirkende Blondine, die sich durch ihre Zurückhaltung von der Masse der Mütter abhob, die sich ständig in den Vordergrund drängen wollten. Sie kam zögernd mit Amber auf der Hüfte auf Olivia zu, als hätte sie Angst, dass selbst ein relativ unbekannter Promi wie Olivia beißen würde, wenn sie ihr zu nahe käme. Olivia schenkte ihr ein warmherziges Lächeln. Schüchterne Fans waren ihr um einiges lieber als Leute, die glaubten, sie hätten Anspruch auf sie – Fans, die sie anfassten, ihr langweilige Familiengeschichten erzählten und Dutzende Selfies schossen. Die Tatsache, dass mittlerweile jeder eine Kamera zur Hand hatte, streichelte ihr Ego, aber es schadete eben auch der Privatsphäre.

»Hallo …« Sie warf einen Blick auf das Namensschild der Frau. »Jeanine.«

»Ich wollte Ihnen nur sagen, wie sehr ich Ihre Sendung mag.«

»Danke.« Olivia hatte lange überlegt, ob sie dem Publikum sagen sollte, dass die heutige Ausgabe die letzte sein würde, doch am Ende hatte sie sich dagegen entschieden. Sie wollte nicht, dass sie den Zuschauern als weinendes Wrack in Erinnerung blieb. Fans wie Jeanine zu enttäuschen war niederschmetternd, und ihre einzige Hoffnung war, es in Würde hinter sich zu bringen. »Ich danke Ihnen.«

»Meine Nachbarin war einmal hier. Sie haben das Truthahn-Tetrazzini-Rezept ihrer Großmutter neu überarbeitet. Sie kocht es noch immer nach Ihrer Version.«

Olivia strahlte, als wäre das perfekte Truthahn-Tetrazzini-Rezept schon immer ihr Lebenstraum gewesen. Doch sie war nun mal Schauspielerin, keine Köchin. »Das freut mich.«

»Außerdem wollte ich Ihnen noch sagen …« Jeanine hob Amber auf die andere Hüfte. »Ich habe einmal Ihre Mutter getroffen.«

»Ach, wirklich?« Olivias Lächeln gewann an Natürlichkeit, und ein warmes Gefühl breitete sich in ihr aus. Wie immer gepaart mit einer unausweichlichen Traurigkeit.

»Ich war zehn und wollte unbedingt Schauspielerin werden. Ich habe Jillian auf der Straße gesehen. Sie war wunderschön, auch abseits der Leinwand.«

»Ja.« Olivia nickte stolz. Egal, wo Mom aufgetaucht war, alle hatten sich nach ihr umgedreht. Olivia hatte sich wie eine Königin gefühlt, wenn sie mit ihr die Straße entlanggeschlendert war.

»Es war total unerwartet, und ich war so schrecklich aufgeregt, dass ich ihr vor die Füße stolperte. Und zwar wortwörtlich. Ich wäre am liebsten im Erdboden versunken.« Jeanine lachte und verdrehte die hübschen blauen Augen, während ihre Wangen rosig leuchteten. »Aber sie war so freundlich. Sie half mir nicht nur hoch, sondern blieb auch stehen, um sich mit mir zu unterhalten. Sie fragte, was ich einmal werden wollte, und ermutigte mich, hart zu arbeiten und immer am Ball zu bleiben.«

»Ja, so war Mom.« Gib niemals auf war Jillian Crofts Mantra gewesen, das Olivia als Kind so oft zu hören bekommen hatte, bis sich ihre Mutter sicher gewesen war, dass es sich in das Gedächtnis ihrer ältesten Tochter eingebrannt hatte.

Jeanine schüttelte ehrfürchtig den Kopf. »Jillian Croft war ein Weltstar, aber sie hat getan, als würde ich ihr tatsächlich etwas bedeuten.«

»Das haben Sie auch.« Olivia streckte die Hand aus und zupfte den Spitzenkragen an Ambers pinkfarbenem Kleid zurecht. »Sie war ein unglaublich authentischer Mensch, und sie liebte Kinder.«

»Sie war ein großes Vorbild.« Jeanine drückte ihre Lippen auf Ambers Stirn, und Olivia seufzte neidisch, als sie den spontanen Liebesbeweis einer Mutter an ihre Tochter beobachtete. »Mit der Schauspielerei hat es zwar nicht geklappt, aber … na ja, ich wollte es Ihnen einfach erzählen.«

»Ich bin froh, dass Sie es getan haben. Danke, Jeanine.«

»Und danke, dass Amber in Ihrer Show mitmachen durfte. Sagst du auch danke, Amber?«

Amber schüttelte den Kopf, und Jeanine sah sie erschrocken an.

»Amber hatte einen anstrengenden Tag.« Olivia legte eine Hand auf den unglaublich weichen Arm des Mädchens. »Du hast das wirklich gut gemacht, Liebes. Aber jetzt willst du sicher raus hier, oder? Nach Hause zum Spielen? Oder für ein Nickerchen vielleicht?«

Amber nickte begeistert. »Spielen!«

»Gut so. Danke für deine Hilfe. Auf Wiedersehen.« Olivia winkte ihnen nach, bis sie das Studio verlassen hatten. Langsam gingen auch die letzten Gäste. Der Adrenalinschub ließ nach, Anspannung und Erschöpfung gesellten sich zu der Traurigkeit. Glücklicherweise waren ihre Schwestern hergeflogen, um bei ihr zu sein. Rosalind aus New York und Eve aus Boston. Derek war auf einem Filmset irgendwo in Montana. Wäre Olivia jetzt allein in ein leeres Haus zurückgekehrt, hätte sie sich zuerst mit Scotch betrunken und anschließend den ganzen Nachmittag gekotzt. Stattdessen hatten Eve und Rosalind während der Sendung alles für ein Picknick am Zuma Beach eingekauft.

Olivia verabschiedete sich liebevoll und todtraurig von der Crew, wobei sie darauf achtete, jeden Mitarbeiter mit Namen anzusprechen und die besonderen Verdienste zu loben, die ihr das Leben einfacher gemacht hatten. Das hatte sie ebenfalls von ihrer Mom gelernt. Vergiss nie, was diese Leute für dich tun, egal, wie weit unten sie stehen.

Anschließend ging sie zu ihren Schwestern. Sie war erleichtert, dass sie bald unter Leuten sein würde, bei denen sie zusammenbrechen konnte, wenn sie das Bedürfnis danach hatte.

»Du warst großartig.« Rosalind, die freigeistige Brünette, war die Mittlere der drei Töchter. Sie schlang die Arme um Olivia, während Eve – die Jüngste – wartete, bis sie an der Reihe war.

Rozzy trug ein einfaches gelbes Top und knielange pinkfarbene Shorts und sah darin überraschend normal aus. In der Regel reizte sie die modischen Grenzen so weit aus, dass diese beinahe unter dem Druck nachgaben. Die blonde Eve hingegen kleidete sich betont unauffällig. Trotzdem zog sie in ihren marineblauen geblümten Capris und dem einfachen weißen T-Shirt alle Blicke auf sich. Die Leben ihrer beiden Schwestern hatten sich im letzten Jahr beträchtlich verändert. Genauso wie Olivias – allerdings nicht gerade zum Besseren.

»Danke. Danke, dass ihr gekommen seid.« Sie erwiderte die Umarmungen ihrer Schwestern innig und kämpfte gegen die aufsteigenden Gefühle an. »Und jetzt lasst uns von hier verschwinden!« Dann machte sie sich auf den Weg in Richtung Ausgang, und Eve und Rosalind eilten hinter ihr her.

»Geht’s dir gut?«, fragte Eve.

»Darüber will ich im Moment nicht nachdenken.« Olivia hasste Tränen; das allein gab ihr die nötige Kraft, um sie zurückzudrängen, während sie durch den für L. A. typischen sonnigen Junitag zu dem Parkplatz ging, auf dem ihr Auto wie seit fünf Jahren auf sie wartete. »Jetzt machen wir erst mal Party in Malibu!«

»Ach, herrlich.« Rosalind seufzte glücklich. »Es ist Jahre her, seit das jemand zu mir gesagt hat.«

Olivia holte ihr Handy aus der Handtasche und sah nach, ob Derek vielleicht ein paar tröstende oder beruhigende Worte geschickt hatte. »Wahrscheinlich deshalb, weil du seit Jahren nicht mehr hier warst.«

»Genau! Das könnte durchaus sein.« Rosalind klang eher amüsiert als verärgert. Sie war nicht leicht aus der Fassung zu bringen. Eve hingegen … wenn sie ausflippte, war es, als hätte man einem Kleinkind die Süßigkeiten weggenommen.

Keine Nachricht von Derek. Er konnte doch unmöglich vergessen haben, was für ein Tag heute war. Andererseits war er nun mal ein Mann.

Dafür hatte sie eine E-Mail von Susan bekommen, der Empfangsdame des Fernsehstudios. Olivia hielt etwa einen Meter vor ihrem Auto inne. Es war ein feuerroter Audi RS 7, den sie wegen seiner Luxusausstattung und seiner Geschwindigkeit liebte. In L. A. war die Wahl des Fortbewegungsmittels genauso wichtig wie die der Wohnung oder des Hauses – weil man in beidem gleich viel Zeit verbrachte.

»Was ist denn los?«, fragte Rosalind.

»Seltsam.« Olivia hielt ihr Telefon hoch. »Ich habe eine E-Mail von der Empfangsdame bekommen. Ratet mal, wer gerade für mich angerufen hat.«

»Steven Spielberg?«

»Martin Scorsese?«

»Haha.« Sie warf ihren Schwestern den bitterbösen Blick zu, der zu ihrem Markenzeichen geworden war. »Es ist sogar noch schräger. Es war Dereks Ex-Frau, Jade.«

»Hast du denn Kontakt zu ihr?« Rosalind öffnete den Wagen und hielt Olivia den Schlüssel hin.

Die hob abwehrend die Hände. »Du fährst. Ich ziehe mich im Auto um. Und nein, natürlich nicht. Sie sind seit etwa zwölf Jahren geschieden, wir sind seit acht Jahren verheiratet. Ich kenne sie nicht mal persönlich.«

»Oh nein, ich fahre sicher nicht. Ich hasse den Verkehr in L. A.« Rosalind wollte Eve den Schlüssel in die Hand drücken.

»Vergiss es.« Eve weigerte sich ebenfalls, ihn entgegenzunehmen. »Das ist aber schon seltsam. Du glaubst doch nicht, dass Derek noch Kontakt zu ihr hat, oder?«

»Nicht, dass ich wüsste. Aber es war eine einvernehmliche Scheidung, insofern würde es mir nichts ausmachen, wenn es so wäre. Also, wer weiß?«

Olivia rutschte auf den Rücksitz, auf dem bereits ihre Strandklamotten warteten. »Los, kommt jetzt. Eve, du fährst.«

Eve schob sich murrend auf den Fahrersitz.

»Rosalind, wie kannst du den Verkehr in L. A. hassen?« Olivia trat sich ihre Walter-Steiger-Pumps von den Füßen. »Du wohnst in New York!«

»Aber ich fahre dort nicht mit dem Auto.« Rosalind setzte sich auf den Beifahrersitz. »Ich bin ja nicht verrückt.«

»Darüber lässt sich streiten.«

»Haha.« Rosalind zog ihr Handy heraus. »Ich suche mal nach der schnellsten Route.«

»Nimm doch das Navi.«

»Nö, die App ist mir lieber.« Rosalind tippte auf dem Display herum. »Durchs Hinterland wären wir schneller, aber nur um fünfzehn Minuten. Fahren wir lieber die Küste entlang. Der Verkehr durch die Stadt ist zwar die Hölle, aber danach wird es besser.«

Olivia öffnete den breiten Ledergürtel, mit dem sie ihr Etuikleid von Carolina Herrera aufgepeppt hatte. Sie war die einzige der drei Töchter, die einen Sinn für Mode hatte, auch wenn ihre Mutter alles darangesetzt hatte, ihnen allen das nötige Wissen zu vermitteln. Kleider können das Beste aus einer miesen Situation herausholen. »Wo habt ihr das Essen gekauft?«

»Bristol Farms in West Hollywood.« Eve sah in den Rückspiegel und stieg aufs Gas. Das Auto schoss dank des V8-Motors wie der Blitz davon, und sie lachte nervös auf. »Deine Karre ist wohl auf Steroiden!«

»Wir haben gegrillte Artischocken, Taboulé, Käse, ein Baguette, Weintrauben, Schoko…« Rosalind kreischte. »Pass auf!«

»Ich passe ja auf. Aber der da nicht!«

»Wir sind hier aufgewachsen, und du hast deinen Führerschein hier gemacht«, meinte Olivia, während sie sich aus dem Kleid schälte. »Hast du deinen Mumm verloren?«

»Ja, beim Umzug«, erwiderte Eve. »Der Verkehr in Boston ist auch irre, aber ich fahre nie mit dem Auto in die Stadt.«

»Wir sind beide zum letzten Mal vor über zehn Jahren in L. A. mit dem Auto unterwegs gewesen. Seitdem ist es viel schlimmer geworden.« Rosalind verband ihr Telefonkabel mit dem USB-Anschluss des Wagens. »Eve und ich konnten es kaum glauben.«

Olivia nickte und schlüpfte in ihr knallrosa Bikinihöschen. »Das stimmt auf jeden Fall. Ich überlege ernsthaft, ob ich mir nicht noch ein zweites Haus als Rückzugsort zulegen soll. In Nordkalifornien oder Maine. Wir waren nicht ganz bei Trost, als wir Moms und Dads Haus in Stirling verkauft haben.«

»Ja, vielleicht …«, erwiderte die stets auf Beschwichtigung bedachte Rosalind. »Es war ein Ort voller Erinnerungen.«

»Wollen wir vielleicht zusammen etwas kaufen?« Olivia öffnete ihren BH und streifte sich das Bikinioberteil über.

»Ein Haus in Maine wäre herrlich«, meinte Eve. »Und es wäre von Swampscott aus leicht mit dem Auto erreichbar.«

»Das kommt darauf an, wohin ihr wollt«, erwiderte Rosalind. »Ich schätze, an die Küste, oder? Vielleicht in die Nähe von Dad und Lauren?«

»Natürlich an die Küste! Jedenfalls nicht zu Grandma Betty und ihren Elchen!« Olivia zog sich eine weiße Spitzentunika über den Bikini, während Eve sich gemeinsam mit einem viel zu großen Teil der vier Millionen Einwohner L. A.s von einer Kreuzung zur anderen quälte.

»Stehen in nächster Zeit wieder Vorsprechen an, Olivia?«

»Eines.« Sie versuchte, nicht zu verzweifelt zu klingen. »Für einen Film über Außerirdische. Der Höhepunkt einer nicht existenten Karriere. Wenn es nicht klappt … ich weiß auch nicht. Ich habe Angst, dass sich der Stress negativ auf unsere Babypläne auswirkt.«

»Eine Pause wäre vielleicht nicht schlecht.« Eve gab vor einer gelben Ampel Gas. »Ich könnte mir vorstellen, dass Stress nicht gut ist.«

Rosalind grinste breit. »Ich kann es kaum erwarten, die verrückte Tante des armen Bengels zu werden.«

»Vielleicht bekommt ihr sogar noch vor mir Nachwuchs.« Olivia legte den Gurt an und lehnte sich zurück. Eine Pause klang gut, aber vielleicht ergab sich gerade dann die Chance auf die Rolle ihres Lebens. Mom hatte immer gesagt: Ein Wolfsrudel lässt sich nicht von einem sanften Kätzchen anführen. »Hat Bryn dir schon einen Antrag gemacht?«

»Nö.« Rosalind winkte ab. »Und selbst wenn wir bald einmal heiraten sollten, will ich mir mit dem Kinderkriegen noch Zeit lassen.«

»Warte nur nicht zu lange.« Olivia seufzte und starrte auf die Häuser und Läden hinaus, die am Fenster vorbeizogen. Ihre Augen fielen langsam zu, und sie ließ es erschöpft geschehen. Ihre Schwester hatte Bryn – Bildhauer und ein durch und durch netter Kerl – letzten Herbst kennengelernt, nachdem sie sich mutig auf die Reise nach New Jersey gemacht hatte, um ihre leibliche Mutter kennenzulernen. »Man kann nie wissen, wie lange es dauert.«

»Stimmt …«

Sie bemerkte nur am Rande, dass ihre Schwestern sich weiter unterhielten. Einen Augenblick später hielt das Auto auch schon, und Eve machte den Motor aus.

Olivia öffnete widerwillig die Augen und erkannte, dass sie auf dem Parkplatz am Zuma Beach standen. »Wow. Wie lange habe ich geschlafen? Eine Stunde?«

»So in etwa.« Rosalind öffnete die Tür und ließ die herrliche Meeresluft ins Auto. »Juhu! Ich liebe diesen Strand. Es ist wunderbar, wieder hier zu sein.«

»Ja, stimmt.« Eve stieg ebenfalls aus, und Olivia folgte den beiden. Zuma Beach war auch einer ihrer Lieblingsstrände. Fast fünf Kilometer lang, selten überlaufen und mit einer sanften Brandung, in der man wunderbar schwimmen konnte.

Sie holten das Essen, eine Decke und ihre Badetücher aus dem Kofferraum und fanden kurz darauf den perfekten Platz. Möwen flogen über ihre Köpfe hinweg, eine warme Brise wehte vom Ozean herein.

»Zuerst schwimmen oder zuerst essen?«

»Essen!« Rosalind presste sich eine Hand auf den Bauch. »Ich bin am Verhungern.«

»Klingt gut.« Eve breitete die Decke aus und fing an auszupacken. »Olivia, du setzt dich einfach hierhin und lässt dich verwöhnen.«

»Das ist eines der wenigen Dinge im Leben, die ich perfekt beherrsche.« Olivia streckte sich auf ihrem Badetuch aus und besprühte Haut und Haare mit einem Sonnenschutzspray von Clarins. »Wie läuft’s in der Welt der Architektur, Eve?«

»Gemächlich, aber nicht schlecht.« Eve öffnete ein Glas mit leckeren gegrillten Artischocken, bei deren Anblick Olivia das Wasser im Mund zusammenlief. Artischocken waren für sie ein Gemüse direkt aus dem Paradies. »Mir wurde gestern ein neuer Job auf Washington Island angeboten.«

»Wirklich?« Rosalind rieb sich mit einer weitaus billigeren Sonnencreme ein. »Das ist toll!«

»Dann könntest du ja gleich nach Wisconsin ziehen«, schlug Olivia vor. »Clayton würde sich sicher freuen.«

Eve zuckte mit den Schultern und ignorierte die Anspielung demonstrativ. Olivia hätte zu gerne gewusst, ob ihre Schwester bereits mit dem Mann geschlafen hatte, den sie im Frühjahr auf der Insel kennengelernt hatte.

Aber es wäre natürlich extrem unhöflich, sie danach zu fragen. »Also. Seid Clayton und du jetzt endlich über euren Schatten gesprungen und habt es miteinander getrieben?«

»Olivia!« Rosalind schlug sich grinsend die Hand vor den Mund.

Eves böser Blick reichte beinahe an Olivias Markenzeichen heran.

Die begann zu lachen. »Ich will dich eben unbedingt glücklich sehen.«

»Wenn es so weit ist, erfährst du es sicher als Letzte. Es ist jedenfalls ein guter Job. Es geht um die Innenrenovierung eines Hauses, und ich werde ihn vermutlich annehmen. Aber umziehen möchte ich nicht. Wisconsin ist nett, und der Lake Michigan ist ziemlich cool, aber …«

»Es ist nur ein See.« Olivia deutete auf die Wellen hinaus und atmete gierig die feuchte Luft ein. »Ich wohne hier schon mein ganzes Leben lang, aber ich finde es immer noch unglaublich, dass ich jederzeit Zugang zu so wunderschönen Stränden habe. Ich wurde fürs Meer geboren. Mom hat es auch geliebt. Mehr noch als Dad, glaube ich.«

Ihre Schwestern wechselten einen Blick, doch Olivia ließ sich nicht aus dem Konzept bringen. Seit die drei im letzten Sommer herausgefunden hatten, dass ihre Mutter keine Kinder bekommen konnte und sie alle die Töchter von Leihmüttern waren, schien es Eve und Rosalind unangenehm, über sie zu sprechen. Als wäre sie nicht mehr ihre Mutter.

Doch für Olivia war Jillian Croft immer noch ihre Mom – Ende der Geschichte. Und wenn sie sich eine … kreative Methode … überlegt hatte, um Kinder zu bekommen, die alle Welt – einschließlich besagter Kinder – als Jillians Fleisch und Blut betrachtete, war das nur ein weiteres Zeichen ihrer Stärke.

Obwohl es natürlich nicht ganz so einfach war. Fremde Frauen zu engagieren, damit dein Mann sie schwängern kann, während du dir selbst Schwangerschaftsbäuche umschnallst, ist ziemlich krank. Aber die Gespräche über die ethischen Aspekte ermüdeten Olivia schrecklich, vor allem, weil es dabei um eine Frau ging, die sie vergöttert und bewundert hatte. Also hatte sie beschlossen, es schlichtweg zu ignorieren. Sie hatte nicht einmal Derek davon erzählt.

»Der Strand war der einzige Ort in Kalifornien, an dem Mom immer inkognito war, wisst ihr noch? Sie wollte nicht, dass sie irgendjemand beim Sonnenbaden oder Schwimmen stört.« Olivia steckte die Finger in den warmen Sand und hob eine Handvoll hoch. »Sie war oft mit mir hier am Zuma Beach, als ich noch klein war. Ich war fest entschlossen, mich bis nach China zu graben, und war jedes Mal enttäuscht, dass nicht genug Zeit dafür war.«

»Das ist hinreißend.« Eve gab ihr eine Scheibe Baguette mit einem blütenweißen Aufstrich, der kaum merklich nach Ziege schmeckte und extrem lecker war. »Ich kann mich nicht erinnern, jemals mit ihr am Strand gewesen zu sein.«

»Ihr beide wart noch so jung, als sie starb.« Olivia kaute, doch eine vertraute Traurigkeit legte sich über den Käsegenuss. Eve war elf gewesen, als ihre Mutter am letzten Abend des Jahres 2001 irrtümlich zu viele Medikamente geschluckt hatte. Rosalind war sechzehn gewesen, Olivia zwanzig. Olivia hatte ihre Mom länger gekannt als ihre beiden Schwestern und war ihr auch nähergestanden – vor allem wegen ihrer gemeinsamen Liebe und Hingabe zur Schauspielerei.

»Wo ist eigentlich Derek?« Rosalind griff nach einer weiteren Artischocke und nahm auch noch etwas Käse. Es machte Olivia verrückt, wie viel Rosalinds stämmiger ehemaliger Turnerinnenkörper vertrug, ohne weiteres Gewicht anzusetzen. Bei Eve war es sogar noch schlimmer. Sie war immer untergewichtig gewesen, obwohl sie nicht mehr so erschreckend dünn war, seit sie ihrem grauenhaften Freund den Laufpass gegeben und Clayton gefunden hatte. Wenigstens war Olivia durch den Stress, den ihre mysteriöse Unfruchtbarkeit und die Einstellung ihrer Sendung verursachten, gewichtsmäßig nun ebenfalls dort, wo sie sein wollte, und hatte nur ein minimal schlechtes Gewissen, wenn sie ein kleines Stückchen Käse aß.

Okay, es war doch um einiges größer, aber sie würde einfach nachher doppelt so hart trainieren. In einer Stadt, in der sich Bohnenstangen als Frauen verkleideten, durfte ihr Gewicht auf keinen Fall der Grund sein, warum sie eine Rolle nicht bekam.

»Er ist in Montana. Er musste für einen Film über Kinder mit besonderen Bedürfnissen, die reiten lernen, eine Ranch finden. Der Regisseur hatte ganz genaue Vorstellungen, wie groß die Ranch sein soll. Die Farbe des Hauses, die Ausstrahlung, wie viele Bäume, wie viele Wege, wie viele Pferde und so weiter. Derek war beinahe am Ausflippen. Aber am Ende hat er sie gefunden.« Olivia war stolz auf ihren Mann. Er liebte seinen Job als Location-Scout, und sie liebte die Tatsache, dass er oft unterwegs war. Ihre Ehe funktionierte um einiges besser, wenn sie ihn vermisste und sich anschließend freute, sobald er wieder nach Hause kam.

»Mich würde interessieren, was seine Ex von dir wollte.«

Olivia holte ihr Handy heraus. »Ich kann mich nicht erinnern, ob sie eine Telefonnummer … Moment. Da ist noch eine Mail von Susan.«

»Hast du denn keine Assistentin, die deine E-Mails liest?«, fragte Rosalind mit zuckersüßer Stimme.

»Die ist weg«, erwiderte Olivia knapp, damit man ihr nicht anhörte, wie nahe es ihr ging. Ihre Assistentin Donna hatte sich einen anderen Job geangelt, und nachdem ihre Sendung eingestellt worden war, gab es keinen Grund, einen Ersatz einzustellen. »Oh mein Gott, Jade hat noch einmal angerufen. Sie bittet um meinen Rückruf und meinte, es wäre dringend.«

»Okay.« Eve hielt mit der Gabel voller Taboulé vor dem Mund inne. »Das ist seltsam. Geht es Derek gut?«

»Natürlich.« Olivias Herz klopfte. »Und warum sollte jemand ausgerechnet sie verständigen, wenn es nicht so wäre?«

»Na, dann ruf sie doch zurück«, drängte Rosalind ungeduldig. »Ich möchte wissen, was sie will.«

Olivia hatte ein schlechtes Gefühl bei der Sache. Sie wusste nicht, warum, aber sie wollte eigentlich gar nicht wissen, was die Ex ihres Mannes für so wichtig hielt. »Jetzt gleich?«

»Warum nicht?«

Nachdem Olivia kein guter Grund einfiel, versuchte sie, mit zusammengekniffenen Augen die Telefonnummer zu entziffern. Die Tatsache, dass es ihr in letzter Zeit immer schwerer fiel, Kleingedrucktes zu lesen, nervte sie. »Okay, ich rufe an.«

Jade antwortete nach dem ersten Klingeln. »Olivia.«

»Hallo, Jade. Was ist los?« Olivia hatte nicht vor, Zeit mit Smalltalk zu vergeuden. Derek und Jade hatten sich am College verliebt, geheiratet und sich innerhalb eines Jahres wieder scheiden lassen. Keine Kinder, keine allzu sehr verletzten Gefühle.

»Ich habe mir heute Crofty Cooks angesehen.«

»Oh.« Olivia verdrehte die Augen und rutschte näher an ihre Schwestern heran, damit diese ebenfalls hören konnten, wie sehr Jade die Sendung gefallen hatte. Vielleicht wollte sie aber auch ein altes Familienrezept für die nächste Show beisteuern, die allerdings niemals gesendet werden würde. »Das freut mich.«

»Das, was Sie über das Kinderkriegen gesagt haben … dass Sie und Derek … ich konnte es kaum glauben … ich bin total durcheinander.«

Olivia runzelte die Stirn. Jade war durcheinander? »Okay …«

Rosalind richtete sich auf und rutschte näher heran, um besser zu hören.

»Sie versuchen also, schwanger zu werden?«, fragte Jade.

»Ja.« Offensichtlich, oder?

»Ich glaub’s nicht.«

Olivia und ihre Schwestern wechselten einen Blick. »Jade, wovon reden Sie eigentlich?«

»Derek wollte nie Kinder.«

»Na ja, das hat sich offensichtlich geändert«, brauste Olivia auf. »Warum rufen Sie mich deshalb an?«

»Es tut mir leid. Es tut mir leid, ich kann das nicht so gut.«

Olivia tat, als wollte sie das Telefon von sich schleudern, und erwartete, dass Rosalind und Eve zu kichern begannen. Doch das taten sie nicht. »Was können Sie nicht?«

»Derek wollte während unserer Ehe keine Kinder, also hatte er … er hat sich sterilisieren lassen.«

Eve und Rosalind schnappten nach Luft und fuhren zurück, als wollten sie nicht mehr länger zuhören. Olivia hielt das Handy wie erstarrt ans Ohr und versuchte zu begreifen, was Jade ihr gerade erzählt hatte.

»Das ist doch lächerlich.« Ihre Stimme war viel zu hoch und nicht annähernd unhöflich genug.

»Es tut mir so leid, Olivia. Ich konnte es gar nicht glauben, als Sie meinten, Sie hätten Probleme. Es ergab keinen Sinn. Und dann … ich meine, ich weiß, wozu Derek fähig ist …« Jade seufzte verzweifelt. »Belassen wir es besser dabei. Sie kennen ihn ja inzwischen besser als ich.«

Rosalind und Eve akzeptierten das Gehörte mit düsteren Gesichtern. Sie glaubten tatsächlich, was die Frau gerade gesagt hatte.

Das war doch verrückt!

»Er hat es sicher rückgängig gemacht. Nach der Scheidung.« Auch wenn der Erfolg einer solchen Operation nicht garantiert war. Und warum hatte Derek nie etwas gesagt? »Er muss es rückgängig gemacht haben.«

»Vielleicht. Aber er war sehr bestimmt darin, dass er niemals Kinder haben wollte. Es tut mir leid, ich wollte nur sichergehen, dass Sie Bescheid wissen. Er kann sehr … Na ja, wenn er etwas haben will, dann bekommt er es auch. Und zwar wann er will. Das wissen Sie sicher inzwischen.«

Olivias Angst verwandelte sich in Wut. »Wissen Sie was? Ich will nicht länger mit Ihnen über meinen Mann diskutieren!«

»Nein, natürlich nicht. Es tut mir leid. Ich wollte nur, dass Sie Bescheid wissen.«

»Ja, danke vielmals.« Olivia legte auf und stieß ein bösartiges Lachen aus. »Na, das war ja wohl die reinste Zeitverschwendung.«

»Olivia …« Das Mitleid in Rosalinds Augen wirkte wie ein rotes Tuch auf einen wilden Stier.

»Mein Mann ist nicht steril!« Der Ziegenkäse in ihrem Magen schlug einen Salto nach dem anderen. »Er kann mich doch nicht absichtlich all die Jahre durch die Hölle geschickt haben! Auf keinen Fall!«

»Aber der Arzt hat doch gesagt, dass mit dir alles in Ordnung ist …«

»Und mit Derek auch.«

Eves Gesicht war aschfahl vor Sorge. »Hast du selbst mit dem Arzt geredet? Oder hat Derek dir bloß von dem Gespräch erzählt?«

Olivia warf ihrer Schwester einen trotzigen Blick zu und hasste diese bestechende Logik. Derek hatte ihr bloß davon erzählt.

»Vielleicht ist das der Grund, warum der Arzt keine künstliche Befruchtung machen wollte. Und warum sich Derek gegen eine In-vitro-Behandlung gewehrt hat.« Rosalind sah genauso schockiert aus, wie Olivia sich fühlte. »Vielleicht wussten sie beide, dass es Zeitverschwendung ist.«

»Unser Arzt ist ein Heiliger. Er hätte mir auf jeden Fall gesagt, wenn Derek das Problem wäre.«

»Ärztliche Schweigepflicht«, meinte Eve. Es klang wie ein Todesurteil. »Ein Arzt darf gesundheitliche Informationen nicht ohne die Einwilligung des Patienten weitergeben.«

»Ich würde gerne wissen, warum zum Teufel Derek dir nichts davon erzählt hat.« Rosalind stemmte die Hände in die Hüften. Ein Racheengel in Pink und Gelb. »Wenn es stimmt, dass er dich wissentlich in diese Lage gebracht hat, dann werde ich …«

»Und ich werde dir dabei helfen«, unterbrach Eve ihre Schwester.

»Nein, nein. Er würde mir so etwas nie antun. Wenn er sich wirklich hat sterilisieren lassen, dann hat er das rückgängig machen lassen. Ich rufe ihn jetzt sofort an und frage ihn. Ende der Geschichte.« Olivia griff nach ihrem Handy und überlegte, wie sie die Frage am besten formulieren sollte. Doch dann wurde ihr klar, dass es unmöglich war. »Was tue ich da? Ich kann ihn das nicht fragen! Es wäre eine unglaubliche Beleidigung, so etwas überhaupt von ihm zu denken.«

Rosalind und Eve wirkten nicht gerade überzeugt.

»Außerdem würde er es einfach abstreiten.« Rosalind ließ sich zurücksinken. »Er weiß ja, dass du keinen Beweis dafür hast. Er stellt seine Ex als rachsüchtig hin, ihr Wort steht gegen seines, bla, bla, bla. Du kannst unmöglich wissen, ob er die Wahrheit sagt oder nicht.«

»Aber das weiß ich. Ich weiß es.« Olivia wusste, dass ihr anzuhören war, wie nah sie einem Zusammenbruch war. »Es gibt sicher eine logische und nachvollziehbare Erklärung dafür.«

Eve biss sich auf die Lippe und sah dabei so wunderschön aus, dass es unfair war. »Ich glaube, diese Erklärung hast du gerade gehört. Von Jade.«

Olivia erhob sich zitternd. Ihr war übel, und sie war unendlich wütend, dass dieser schreckliche Tag, den das Picknick mit ihren Schwestern hätte retten sollen, nun noch grauenhafter geworden war. »Warum sollte ich ihr mehr glauben als meinem eigenen Mann? Woher weiß ich, dass sie nicht tatsächlich rachsüchtig ist und mich fertigmachen will?«

»Zwölf Jahre nach einer einvernehmlichen Scheidung?«, fragte Rosalind. »Warum denn jetzt?«

Olivia fand es ungeheuerlich, dass ihre beiden Schwestern auf etwas so Verrücktes so ruhig und vernünftig reagierten. Sie hätten wehklagend Kreise im Sand ziehen sollen. Sie selbst würde das jedenfalls jeden Moment tun.

»Wenn ich Derek nicht fragen kann, was los ist, wie soll ich dann beweisen, dass Jade nur ein abartiges Spiel mit mir treibt?«

Ihre Schwestern schwiegen.

»Seht ihr?« Sie warf verzweifelt die Arme hoch. »Es ist unmöglich.«

Sie saßen in düsteres Schweigen gehüllt beieinander, und die fröhlichen Schreie einiger Kinder, die vor den Wellen davonliefen, boten einen surrealen Soundtrack zu ihren Gedanken.

»Wartet!« Rosalind hob eine Hand. Ihre Augen strahlten. »Es gibt eine Möglichkeit. Mir ist gerade etwas eingefallen.«

Kapitel 2

5. August 1993 (Donnerstag)

Heute hatte ich eine Erleuchtung. Meine Freundin Josie ist Psychologin und hat mir von einer psychischen Erkrankung erzählt, von der ich noch nie gehört hatte.

Narzisstische Persönlichkeitsstörung.

Genau das hat meine Mutter.

Es war eine riesige Erleichterung. Meine grauenhafte Kindheit in diesem Haus und meine schreckliche Beziehung zu ihr waren nicht meine Schuld. Ich muss es gleich noch einmal schreiben: Es war nicht meine Schuld.

Es war kein Akt der Grausamkeit meiner Mutter gegenüber, dass ich mit siebzehn von zu Hause weggelaufen bin, sondern reiner Selbstschutz.

Dieses Wissen gibt mir Freiheit. So große Freiheit! In meinen zahllosen Therapiesitzungen habe ich immer nur über mich, mich und noch mal mich geredet. Ich habe den Therapeuten erzählt, was sie wissen wollten, doch sobald sie mich nach meinen Eltern fragten, murmelte ich immer nur, wie streng sie gewesen seien. Ich wollte nicht mehr sagen. Ich konnte nicht einmal meinen Therapeuten von meiner Missbildung erzählen, obwohl sie immer in meinem Hinterkopf herumspukt, wenn ich an meine Mutter denke – an die große und schreckliche Betty Moore.

Sie war der Meinung, ich müsste nicht wissen, was mit mir los ist. Sie hat sogar dem Arzt verboten, es mir zu sagen. Wahrscheinlich glaubte sie, dass mein körperlicher Makel ein schlechtes Licht auf sie werfen würde. Sie, sie, sie – immer nur sie.

Das neue Verständnis für das Verhalten meiner Mutter ist zum Teil befreiend, aber andererseits weiß ich mittlerweile, dass es keine Heilung für diese psychische Störung gibt. Was bedeutet, dass mein größter Wunsch niemals in Erfüllung gehen wird. Nämlich, dass meine Mom sieht, wer ich wirklich bin, dass ich es ihr erklären kann und dass sie mich am Ende versteht und lieben lernt.

Wie verabschiedet man sich von einem Traum, der einen das ganze Leben lang begleitet hat? Ich schätze, man wendet sich ab und trauert um ihn. Die Ironie dahinter ist, dass ich für die Öffentlichkeit der lebende Beweis bin, dass Träume wahr werden. Das ist die Rolle, die ich spiele. Sie verstehen nicht ansatzweise, durch welche Hölle ich Tag für Tag gehe.

Olivia beugte sich nach unten, öffnete den Backofen, hob eine Seite der Folie an und stach in die Schweinerippchen.

Perfekt. Zart, aber immer noch bissfest.

Sie nahm die Kasserolle aus dem Ofen und stellte sie auf eine der fünf Platten ihres geliebten Wolf-Gastroherdes. Sie musste die Rippchen nur noch ein paar Minuten auf den Grill legen und ein letztes Mal mit der selbst gemachten Barbecuesoße bestreichen, die sie aus ihren Lieblingszutaten zusammengemischt hatte. Frische Chilischoten für eine fruchtige Schärfe, Sirup für die Tiefe, Essig für den Säurekick und Ketchup, weil … na ja, weil es einfach dazugehörte.

Auf dem Küchentisch stand bereits das fertig gebackene Maisbrot, und die Bio-Butter auf der Anrichte würde nachher beim Essen angenehm weich sein. Auf dem Herd köchelte der Blattkohl, den sie mit einem Schinken vom Berkshire-Schwein verfeinert hatte, und unter Olivias Lieblingskuchenglocke aus Bleikristall residierte eine dreilagige Kokostorte.

Es war Dereks Lieblingsessen, denn es erinnerte ihn an seine Kindheit in Biloxi, und Olivia kochte es aufgrund der astronomischen Kalorienmenge nur zu besonderen Anlässen. Jedes einzelne Gericht versprach zusätzliches Fett auf den Rippen, sodass sie entweder nie wieder eine Rolle bekommen oder vielleicht sogar an einem Herzinfarkt sterben würde.

Sie würde sicher nicht viel davon essen.

Der Teaktisch auf der von einem Architekten perfekt auf sie zugeschnittenen Veranda war bereits mit ihrem Hochzeitsgeschirr mit dem kobaltblauen und goldenen Rand und blauen Platzdeckchen gedeckt. Daneben lag Moms Silberbesteck, das weder Rosalind noch Eve haben wollten, während Olivia es sich sehnlichst gewünscht hatte. Als Akzent lag auf jedem Platz eine mit Monogramm versehene rosa Leinenserviette, die genau zu dem Tischgesteck aus Orchideen und den rosafarbenen Kerzen in den Kerzenständern aus Bleikristall passte. Auch an das Bierglas von Waterford für Dereks Lieblingsgetränk aus der San Diego’s Stone Brewing Company hatte sie gedacht.

Alles war bereit. Derek würde jeden Moment vom Flughafen nach Hause kommen.

Olivia hätte sich am liebsten übergeben.

Als Rosalind ihr vor zwei Wochen am Zuma Beach von ihrem teuflischen Plan erzählt hatte, hatte Olivia rundheraus abgelehnt. Sie würde keine Spielchen mit ihrem Mann spielen. Wenn es Probleme gab, sprach sie ihn direkt darauf an. Ihr berechtigter Zorn hatte dazu geführt, dass Rosalind und Eve mit der Zeit widerwillig nachgegeben hatten.

Doch der Samen, den sie gesät hatten, war mit jedem Tag gewachsen.

Wenn Derek ihr tatsächlich etwas so Schlimmes, ungeheuer Grausames und Bösartiges angetan hatte …

Olivia schloss die Augen und umklammerte den Stoff ihres roten Kleides aus Kunstseide. Sie hatte ihren Schwestern nicht gesagt, dass sie ihre Meinung geändert hatte. Niemand wusste davon, und sie konnte kaum glauben, dass sie es tatsächlich bis hierher durchgezogen hatte. Sie hoffte inständig, dass sie am Ende des Abends beruhigt und tief beschämt sein würde, weil sie Derek etwas anderes als den typisch männlichen Egoismus vorgeworfen hatte.

Ihre Ehe war nicht perfekt, aber Olivia hatte ihm das Versprechen gegeben, bei ihm zu bleiben, und sie hatte vor, es zu halten. Es sei denn, er hatte ihr absichtlich die schrecklichsten und furchteinflößendsten Jahre ihres ganzen Lebens beschert.

Sie schüttelte den Kopf und wollte es immer noch nicht glauben, weil es schlichtweg unmöglich war. Wenn sie sich das wirklich alles nur einbildete, würden sie das Essen tatsächlich zur Feier seiner Wiederkehr genießen, und es wäre nicht bloß ein Trick, um ihn in die Irre zu führen.

Bitte, lieber Gott …

Ihr Handy piepte. Noch eine Nachricht von Derek.

Bin in fünf Minuten da. Scheiße, nach Montana fühlt man sich in L. A. wie in einem vollgestopften Aufzug mit lauter ungeduschten, flohverseuchten Marathonläufern.

Olivia lächelte. Ja, der arme Derek war wie so viele andere Männer alles andere als perfekt, aber er war witzig und charmant, und wenn er nach einer Dienstreise durch die Haustür trat, machte ihr Herz immer noch einen Sprung. Genau wie damals, als er in der Bar des Ristorante Vincenti in Brentwood auf sie zugekommen war, während sie mit einem Glas Nebbiolo an der Theke gesessen hatte. Nein, es hatte nicht bloß einen Sprung gemacht – es hatte zu tanzen begonnen. Derek hatte sie bereits am ersten Abend gebeten, ihn zu heiraten, und er hatte den Antrag in den darauffolgenden drei Wochen jede Nacht wiederholt, bis sie schließlich unter der Bedingung einer angemessen langen Verlobungszeit eingewilligt hatte.

Acht Jahre nach ihrer aufsehenerregenden Hochzeit auf Hawaii, bei der sie alle Register gezogen hatten, stand heute Abend alles auf dem Spiel. Ihre Ehe. Ihr Vertrauen in ihn. Alles.

Ihr Lächeln verblasste, während sie zurückschrieb.

Wir können gerne nach Montana ziehen.

Da setze ich mich lieber in eine Badewanne voller Skorpione.

Na gut. Dann musst du dich mit dem Verkehr abfinden. Bis gleich.

Fünf Minuten.

Sie ging ins Badezimmer, um ihr Make-up zu überprüfen und sicherzustellen, dass die Haare ihr Gesicht perfekt umrahmten und in hübschen Wellen auf ihre Schultern fielen. Es würde schwer werden, von innen heraus zu strahlen, während sie doch so große Angst hatte. Aber Olivia war eine Schauspielerin. Sie würde es schaffen. Mom hätte es auch geschafft. Mom hätte mit fünf Handgranaten jongliert und dabei immer noch fröhlich ausgesehen, wenn es jemand von ihr verlangt hätte.

Wenn du die Hitze nicht aushältst, dann lass es dir wenigstens nicht anmerken.

Das Garagentor öffnete sich rumpelnd.

Sie nahm sich noch einen Augenblick Zeit, um sich ein wenig zu beruhigen, dann trat sie so entspannt wie möglich und mit einem strahlenden Lächeln auf die Veranda. Ihr Herz klopfte so schnell, dass sie beinahe ohnmächtig wurde.

Dereks Porsche Boxster, den sie ihm zum fünften Jahrestag geschenkt hatte, stand in der Auffahrt; er holte gerade seinen Koffer heraus. Ihr attraktiver Ehemann. Groß, dunkel, die dichten Haare zu einem gepflegten Pferdeschwanz gebunden. Er trug ein schwarzes Seidensakko, schwarze Jeans und schwarze Stiefel.

Absolut heiß.

Er schloss den Kofferraumdeckel, hob den Koffer auf und ging zwei Schritte, bevor er sie sah.

»Hey.« Er ließ den Koffer fallen, grinste und joggte auf sie zu. Die letzten Meter setzte er zu einem Sprint an, der Olivia kreischend zurückweichen ließ, obwohl sie wusste, dass er rechtzeitig anhalten, sie hochheben und küssen würde, bis ihr Lippenstift überall auf ihren Gesichtern verteilt war und sie atemlos und lachend in seinen Armen lag.

Wie konnte sie nur glauben, dass dieser Mann sie hinterging?

»Hallo, Ehefrau.« Er hatte die Arme um sie geschlungen, und seine Stirn ruhte auf ihrer.

»Hallo, Ehemann.« Sie presste die Worte hervor und war entsetzt, dass sie ihn überhaupt verdächtigt hatte. Derek liebte sie. Er vergötterte sie. Sie sollte die glücklichste Frau auf der ganzen Welt sein. Sie würde alle Bedenken über Bord werfen und ihren misstrauischen, voreingenommenen Schwestern sagen, wie falsch sie lagen.

»Du bist die heißeste Frau in ganz Kalifornien.« Seine Hände wanderten nach unten und umfassten ihren Hintern. Dann zog er sie näher, damit sie seine Erektion spürte.

Olivias Glückstaumel wurde von Gedanken darüber abgelöst, was sie mit seiner Beule anstellen würde, wenn sich bestätigte, dass er wissentlich Monat für Monat, Jahr für Jahr Blindgänger abgefeuert hatte.

»Das Essen ist fertig.«

»Das Essen kann warten.« Er schob den Saum ihres Kleides hoch.

»Nein, dieses Mal nicht.« Sie löste sich von ihm. Kein Sex, bis sie eine Antwort hatte.

»Es gibt kein Essen, das es mit dir aufnehmen kann.«

»Rippchen, Maisbrot, Blattkohl, Kokostorte. Und danach Sex.« Sie hob die Augenbrauen, als wäre sie gespannt auf seine Antwort, obwohl sie ganz genau wusste, dass sie ihn in der Hand hatte.

»Ach … verdammt!« Er warf einen Blick auf den Tisch und zuckte verwundert zusammen. »Wow. Gibt es einen besonderen Anlass?«

»Du bist wieder zu Hause. Und ich muss dir etwas Fabelhaftes erzählen.«

»Hmmm, lass mich raten. Du hast mir eine Jacht gekauft, damit wir uns das Feuerwerk am Mittwoch vom Wasser aus ansehen können?«

»Ähm … gute Idee, aber nein. Setz dich doch. Trink ein Bier, iss etwas. Wir reden später.« Sie ging in die Küche und schaffte es irgendwie, angemessen fröhlich und aufgeregt zu klingen. Immerhin war sie Jillian Crofts Tochter. »Bist du hungrig?«

»Ja, sehr. Das Essen im Flugzeug war scheiße. Ich habe kaum etwas hinuntergebracht. Mein Gott, das riecht aber lecker.« Er umarmte sie von hinten und zog sie an sich. »Schön, wieder zu Hause zu sein.«

Olivia wandte sich zu ihm um, küsste ihn und legte eine Hand auf seine stachelige Wange. »Schön, dass du wieder da bist. Eine Zeitlang wenigstens. Bier?«

»Das wäre super.« Er ließ sie los. »Als Nächstes soll ich eine Location für die Innenaufnahmen eines Kurzfilms aus der Zeit der Weltwirtschaftskrise ausfindig machen. Gleich hier in der Gegend.«

»Klingt gut.« Sie schenkte ihm das Bier ein und gönnte sich einen Scotch auf Eis. Ein einundzwanzig Jahre alter Macallan aus dem Eichenfass. Passend zum Anlass. Sie hatte bereits ein schnelles Glas hinuntergestürzt, bevor er gekommen war. Dutch Courage hatte es ihre Mutter genannt, wobei Olivia keine Ahnung hatte, weshalb die Niederländer in dem Ruf standen, besonders mutig zu sein.

»Mann, sieh dir die Torte an.« Derek schlenderte zur Tortenkuppel und berührte die glänzende Oberfläche sehnsüchtig. »Du bist ein richtiger Profi, Babe. Das ist unglaublich.«

»Eher eine begabte Amateurin.« Olivia nippte an dem Scotch. Samtig und unglaublich tröstlich. »Bloß ein kleines Willkommensgeschenk.«

»Danke.« Er nahm einen großen Schluck Bier, und das Zitat von Philip Sidney, das er sich um den Hals tätowieren hatte lassen, hüpfte auf und ab.

Wo ein Wille, da auch ein Weg.

»Legen wir los?« Sie hob die Folie von den Rippchen. »Während die hier auf dem Grill brutzeln, gibt es die eingelegten Shrimps. Nach dem Rezept deiner Mom.«

»Oh mein Gott!« Er nahm das Tablett und machte einen Schritt in Richtung Veranda, doch dann drehte er sich noch einmal besorgt um. »Alle meine Lieblingsgerichte … Bist du dir sicher, dass es keine schlechten Nachrichten sind und du bloß den Schlag abfedern willst?«

»Aber nein.« Sie lächelte liebevoll und hoffte, dass sie es nicht übertrieb. »Ganz im Gegenteil.«

Dereks Gesicht entspannte sich. »Gut. Ich mache den Grill an.«

»Danke.« Sobald er ihr den Rücken zugewandt hatte, stürzte Olivia den Scotch hinunter und goss sich eilig ein weiteres Glas ein. Sie holte die mit Essig und Zitrone marinierten und mit Zwiebel verfeinerten Shrimps aus dem Kühlschrank und trug sie zum Tisch, wobei sie im letzten Augenblick auch noch nach dem Macallan griff. Während Derek die Rippchen auf den Grill legte, richtete sie die Vorspeise auf den mit Salatblättern belegten kleinen Tellern an.

»Also, Schatz …« Derek setzte sich, nahm die Gabel und spießte einen Shrimp auf. »Was gibt es Neues?«

»Also …« Olivia sank tiefer in ihren Stuhl und nippte an ihrem Scotch. Ihr Hals war staubtrocken. »Erstens habe ich letzte Woche einen Anruf von Cherie erhalten.«

Dieser Teil der Geschichte stimmte. Der Anruf ihrer Agentin war genau zum richtigen Zeitpunkt gekommen.

»Wirklich?!« Er kaute und schloss die Augen. »Mann, sind die lecker. Was wollte sie? Hat sie eine Rolle für dich?«

»L. A. Morning bringt einen Beitrag zum Thema Unfruchtbarkeit. Einer aus dem Team hat offenbar gehört, wie ich in Crofty Cooks unsere Probleme erwähnt habe. Sie wollen ein Interview.«

»Ja?« Er nahm zwei weitere Shrimps. Bemühte er sich um ein ausdrucksloses Gesicht, oder zeigte er keine Reaktion, weil es keinen Grund dafür gab? »Na ja … das ist okay. Glaube ich. Ehrlich gesagt bin ich nicht gerade begeistert, dass du so öffentlich über unser Privatleben sprechen willst. Ich meine, das ist doch eine Sache zwischen uns beiden, oder?«

»Ja, aber …« Olivia lehnte sich mit den Ellbogen auf den Tisch und betrachtete ihn. Sie war zu nervös, um etwas zu essen. »Viele Frauen haben Schwierigkeiten, ein Baby zu bekommen. Je mehr darüber gesprochen wird, desto besser. Die Leute sollen erfahren, dass es nicht nur sie allein betrifft. Jede öffentliche Diskussion erhöht den Druck auf die Forschung, Leuten wie uns zu helfen.«

Derek nickte kauend und spießte drei weitere Shrimps auf. Er aß immer zu schnell, wenn er sich unwohl fühlte. Das war zwar kein eindeutiger Beweis, bereitete ihr aber doch Sorgen. »Mir wäre lieber, du würdest es lassen, Schatz. Aber es ist deine Karriere und deine Entscheidung. Du weißt, dass ich dir nie im Weg stehen würde.«

»Ja, das weiß ich.« Ihre Worte klangen bitter. Sie nahm einen Schluck Wasser, obwohl ihr der Scotch lieber gewesen wäre.

»Also, das sind tolle Neuigkeiten! Glaube ich zumindest.« Er wirkte ein wenig verwirrt, und sie konnte es ihm nicht verübeln.

Sie beschloss, ihn nicht weiter hinzuhalten. Wenn alles vorbei war, konnten sie sich endlich entspannen und das Essen genießen, das sie vorbereitet hatte.

»Es gibt nur ein Problem.«

»Ja?« Derek sah von seinem Teller auf. Er wirkte neugierig und vielleicht auch ein wenig argwöhnisch. »Und das wäre?«

Sie bemühte sich um ihr strahlendstes Lächeln. »Ich weiß nicht, ob ich ein guter Gast wäre.«

»Warum nicht?«

»Na ja.« Ihre Augen leuchteten. Jetzt war es so weit. In den nächsten Sekunden würde sie ihre Ehe und ihr ganzes Leben aufs Spiel setzen.

Wollte sie das wirklich?

Sie betrachtete ihren Mann, der sie seinerseits nicht aus den Augen ließ. Sein Kinn wurde langsam ein wenig weicher, seine Haare ein wenig schütterer.

Was, wenn es ihr trotz allem nicht bestimmt war, mit ihm alt zu werden?

»Weil …« Sie zwang sich zu einem warmherzigen Lächeln, während ihr Inneres zu Eis gefror. »Weil ich schwanger bin.«

Derek erstarrte. Er blinzelte nicht einmal. Er starrte bloß ins Nichts, als hätte er einen Schlag in die Magengrube erhalten. Dann schluckte er so schwer, dass sie es über den Tisch hinweg hörte.

Aber das reichte nicht. Noch nicht. Vielleicht war er einfach sprachlos vor Freude. Das war doch möglich. Oder?

»Ist das nicht ein Wunder?« Sie schob den Stuhl zurück und legte die Hände schützend auf ihren flachen Bauch. »Genau hier. Unser Kind. Das Kind, das wir …«

Sein Stuhl kratzte über den Boden. Er sprang auf. »Verdammt noch mal! Willst du mich verarschen?«

Olivia konnte sich nicht bewegen. Sie saß einfach da, die Hände über den leeren Uterus gebreitet, und versuchte, das alles zu begreifen. Logisch genug zu denken, um sich den nächsten vernünftigen Schritt zu überlegen. Das Einzige, was ihr einfiel, war, ihn mit dem Porsche zu überfahren.

Sie hatte so sehr gehofft, dass er sie in die Arme nehmen und ihr schwören würde, der beste Vater der Welt zu werden. Und nachher hätte sie ihre Schwestern angerufen und ihnen ihren Erfolg unter die Nase gerieben. Stolz darauf, dass sie ihre Frau gestanden hatte. Glücklich darüber, dass seine Ex eine verlogene Schlampe war.

Es wäre auch okay gewesen, wenn er die OP zugegeben und anschließend verkündet hätte: Oh, Schatz! Es ist ein Wunder! Gott sei Dank habe ich die Sterilisation rückgängig gemacht. Es war jeden Penny wert. Das habe ich nur für dich getan. Für uns. Für diesen Moment!

Verdammt noch mal! Willst du mich verarschen? war allerdings nicht okay. Nicht einmal annähernd.

Obwohl Olivia es im Grunde erwartet hatte. Hätte sie wirklich an Dereks Unschuld geglaubt, dann hätte sie nie so getan, als wäre sie schwanger. Zumindest eine Person in dieser Ehe war zu solcher Grausamkeit nicht fähig.

Sie zwang sich zu einer Antwort. »Natürlich will ich dich nicht verarschen. Warum sollte ich über so etwas Witze machen? Das ist doch genau das, worauf wir schon so lange warten.«

Derek wandte sich mit in die Hüften gestemmten Händen von ihr ab. Als er sich wieder umdrehte, war sein Blick mörderisch. »Wie ist das möglich?«

»Derek!« Sie sah ihn erstaunt an – eine schauspielerische Meisterleistung. Viel lieber wäre sie zusammengebrochen und hätte ihn angebrüllt, wie zum Teufel er ihr das antun konnte. Stattdessen stieß sie ein perfektes, unsicheres Lachen aus. Sie spürte Jillian Croft in sich. Das Selbstvertrauen, das ihre Mutter auf der Leinwand ausgestrahlt hatte, war in jede Zelle ihres Körpers übergegangen. »Was meinst du mit Wie ist das möglich? Der Penis wird in die Vagina eingeführt und bis zum Orgasmus in ihr bewegt, nicht wahr? Genau das haben wir doch einmal im Monat gemacht, oder nicht?«

»Du Schlampe!«

Olivias Mund klappte auf, und ihre Augen weiteten sich vor Schreck. Das hier war der zweite Akt dieses Albtraums, und es lief genau so, wie ihre Schwestern es vorhergesagt hatten. Nur die lächerlich naive, verträumte Olivia hatte bis zuletzt daran geglaubt, dass ihr Mann doch kein himmelschreiendes Arschloch war. »Wie bitte?«

»Wer ist es?«

Sie starrte ihn an, als versuchte sie, zu verstehen, und es fiel ihr nicht einmal schwer, denn das wollte sie tatsächlich. Wie konnte sie so lange mit ihm verheiratet sein, ohne die geringste Ahnung zu haben, wer er war? Was er einer Frau antun konnte, obwohl er geschworen hatte, sie zu lieben, für sie da zu sein und für sie zu sorgen.

»Wer ist wer?«

»Der Kerl, mit dem du mich betrügst.«

Olivia griff nach dem Macallan, goss sich ein großzügiges Glas ein und stürzte es in einem Rutsch hinunter. Dann knallte sie es auf den Tisch und erhob sich. »Was soll das, Derek? Wie kommst du von ›Schatz, ich bin schwanger‹ auf ›Du hast mich betrogen‹? Was bringt dich auf die Idee, dass ich …«

»Das Kind ist nicht von mir. Und du solltest nichts trinken. Sonst bringst du noch einen Vollidioten zur Welt.«

»Mann, das ist aber süß! Du klingst wie der Traummann schlechthin!« Sie sah ihn voller Verachtung und Zorn an, und auch diesen Blick hatte sie von ihrer Mutter. »Ich trinke, so viel ich will. Und nachdem ich mit keinem anderen Mann geschlafen habe, seit ich dich kenne, bist du der Vater. Es sei denn, ich hätte mich selbst befruchtet.«

»Ich bin nicht der Vater.« Seine Augen loderten vor Zorn. »Also, wer ist es?«

Olivia trat einen Schritt zurück und klammerte sich an den Stuhl. Sie brauchte eine weitere Barriere zwischen ihnen, der Tisch reichte nicht. Sie zitterte vor Zorn, und sie war noch nie so wütend auf einen Menschen gewesen. Es war sogar noch schlimmer als damals als Teenager, als sie das Telefon abgehoben und gehört hatte, wie ihr Vater zärtlich auf eine Frau einredete, die nicht ihre Mutter war. Schlimmer als an dem Tag, als Dad ihnen Lauren vorgestellt und seinen Töchtern die schwachsinnige Geschichte aufgetischt hatte, dass er sie erst ein Jahr nach dem Tod ihrer Mutter kennengelernt hatte, obwohl Olivia die Stimme vom Telefon zweifelsfrei wiedererkannt hatte. Sie hatte ihrem Vater verziehen, und vielleicht würde sie eines Tages auch Lauren vergeben.

Nur Derek würde sie niemals in ihrem ganzen Leben verzeihen.

»Es gibt keinen Vater.« Sie hörte sich selbst lachen, wie sie ziemlich sicher noch nie gelacht hatte. Es war kein angenehmes Geräusch. »Und es gibt auch kein Baby, Derek.«

»Was zum …«

»Und willst du wissen, warum es kein Baby gibt?«

Entsetzen machte sich auf seinem Gesicht breit. Sobald er verstanden hatte, dass sie ihn mit einem Trick dazu gebracht hatte, zuzugeben, dass er das weltgrößte Arschloch überhaupt war, würde die Wut zurückkehren. Im Moment hatte sie allerdings die Oberhand.

»Es gibt kein Baby, weil du mir vier Jahre lang verschwiegen hast, dass du keine Kinder zeugen kannst. Vier Jahre der Kinderlosigkeit, in denen wir von einem Arzt zum nächsten gerannt sind, Spezialisten aufgesucht, Tränen geweint und Hoffnung gehegt haben und dabei jedes Mal aufs Neue so schrecklich enttäuscht worden sind.« Ihre Stimme brach. Verdammt noch mal! Sie musste jetzt stark sein. Sie musste an ihrer Wut festhalten. Wenn sie zu weinen begann, war alles aus. Denn dann würde er sie trösten. Beruhigend auf sie einreden. Versuchen, sie zu überzeugen, dass er seine Gründe gehabt hatte und es für alle das Beste gewesen wäre.

Sie hasste ihn. Sie hasste ihn, wie sie nur sehr wenige Menschen auf dieser Welt hasste, und sie hoffte, dass sie nie wieder jemanden derart hassen würde. Aber es war ein schöner Hass. Ein guter Hass. Ein Hass, der ihr Kraft gab.

»Ich frage mich, wie du auf die Idee gekommen bist, dass dieses winzige Detail in unserem Kampf um eigenen Nachwuchs nicht wichtig sein könnte.«

»Wer hat dir gesagt, dass ich keine Kinder zeugen kann?« Er wischte sich die Haare aus dem Gesicht und lehnte sich ungelenk nach vorne, bevor er sich langsam zurücksinken ließ, als hätte man ihn angeschossen. »Das ist doch Schwachsinn. Woher kommt denn das so plötzlich?«

»Aus dem Wörterbuch.« Sie lächelte, als hätte sie den Spaß ihres Lebens. »S wie Sterilisation.«

»Ich hatte keine Sterilisation.« Er konnte ihr dabei sogar in die Augen sehen.

Wie viele andere Lügen hatte er ihr im Laufe der Jahre aufgetischt?

Sie wollte es gar nicht wissen.

»Oh, das glaube ich dir gern.« Sie hob eine Augenbraue und bemühte sich um ein ernstes Gesicht, während sie inständig hoffte, dass er nicht merkte, wie sehr sie zitterte. Hoffentlich schaffte sie es bis zum Ende, ohne zusammenzubrechen. Oder sich zu übergeben – es sei denn, die Kotze ergoss sich genau über die schwarze Seide. Die sie bezahlt hatte. »Oder besser gesagt: Ich werde dir gerne glauben. Sobald du mir erklärt hast, warum du vorhin sofort gedacht hast, das Kind wäre von einem anderen.«

Nicht einmal dem verlogenen Drecksack fiel darauf auf die Schnelle eine Antwort ein.

»Ich höre, Derek.«

Er versuchte es. Sein Blick sprang auf der Suche nach einem Schlupfloch hektisch hin und her. Er wollte unbedingt wieder die Oberhand gewinnen.