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Arthur Schönhuber, im Hauptberuf Unternehmensberater, hat in der Hoffnung, wissenschaftlich tätig sein zu können, eine Stelle als Gastprofessor an einer vor einem Jahr gegründeten Privathochschule im Herzen Schwabens angenommen. Mit der Ernennung einer neuen Geschäftsleitung entpuppt sich diese als Vorzeigehochschule gefeierte Bildungseinrichtung jedoch als Produktionsstätte von Schein und Schwindel. Schönhuber muss nun eine schwere Entscheidung treffen.
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Seitenzahl: 157
Veröffentlichungsjahr: 2024
Das Buch
Arthur Schönhuber ist hauptberuflich Unternehmensberater und arbeitet nebenberuflich als Gastprofessor an einer neugegründeten Privathochschule in einer Kleinstadt im Herzen Schwabens. Seine Hoffnung, an dieser Hochschule wissenschaftlich tätig sein zu können, wird durch eine Kette grotesker Ereignisse zerstört. Hinter der Fassade einer sich als eliteträchtig und international inszenierender Bildungsstätte verbergen sich Machenschaften der Geschäftsleitung, die diese Einrichtung als Farce erscheinen lassen. Für Außenstehende mögen die Geschehnisse als schlechter Witz erscheinen, für den pflichteifrigen Schönhuber jedoch sind sie eine persönliche Tragödie.
Autor
Udo Staber wurde 1953 in Ulm geboren. Er studierte in Kanada und den USA Soziologie, Psychologie und Organisationswissenschaften, promovierte an der Cornell University, New York, und war Professor an Universitäten in den USA, Kanada, Deutschland und Neuseeland. Er ist Autor zahlreicher Fachbücher und wissenschaftlicher Zeitschriftenartikel, sowie Empfänger mehrerer Auszeichnungen für seine Forschungsarbeiten.
Mehr über den Autor: www.udostaber.com
UDO STABER
Die Spätzlesuni
Novelle
© 2020 Udo Staber
Umschlag, Illustration: Udo Staber
Verlag & Druck: tredition GmbH, Halenreie 40-44, 22359 Hamburg
ISBN
Paperback
978-3-347-04484-5
Hardcover
978-3-347-04485-2
e-Book
978-3-347-04486-9
Das Werk, einschließlich aller seiner Teile, ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung ist ohne Zustimmung des Verlages und des Autors unzulässig. Dies gilt insbesondere für die elektronische oder sonstige Vervielfältigung, Übersetzung, Verbreitung und öffentliche Zugänglichmachung.
Die Kultur muss alles aufbieten, um den Aggressionstrieben der Menschen Schranken zu setzen.
- Sigmund Freud, Das Unbehagen in der Kultur, 1930
Als Arthur an diesem Morgen aus dem Bad kam, fand er auf dem Anrufbeantworter eine Nachricht von Andrea, der Sekretärin des neuen Geschäftsführers. Er solle heute um elf Uhr zwanzig zu einem Gespräch mit Professor Dr. Assmann in dessen Büro kommen. Den Grund für dieses Gespräch nannte sie nicht, und wie lange es dauern würde, sagte sie auch nicht. Und was ist das überhaupt für ein Ton, diese kühle, distanzierte Ausdrucksweise?, fragte sich Arthur. Das war nicht ihre Art zu kommunizieren, zumindest nicht mit ihm. Sie habe ihn zu Hause angerufen, sagte sie, weil sie ihn um acht Uhr dreißig immer noch nicht im Büro angetroffen habe. „Immer noch nicht“, so wie sie das sagte, klang es wie ein Vorwurf. Eigentlich unverschämt. Seit wann durfte er nicht über seine Zeit verfügen, wie es ihm passte? Und er solle pünktlich sein, hatte sie am Ende ihrer Nachricht noch hinzugefügt, nachdem sie bereits den Abschiedsgruß gesagt hatte. „Nicht zu spät kommen. Professor Dr. Assmann hat auch noch andere Termine heute.“
Vielleicht will Assmann jeden der Professoren einzeln treffen, um sich persönlich vorzustellen. Das sollte man eigentlich von einem Geschäftsführer innerhalb weniger Tage nach Antritt seiner Stelle erwarten. Aber dass er seine Sekretärin offenbar angewiesen hatte, auf bedingungslose Pünktlichkeit zu bestehen und seinen Namen nur mit vollem Titel zu nennen, was sie in dieser kurzen Nachricht gleich dreimal getan hatte, kam Arthur nicht gerade erbaulich vor. Diese Einladung hörte sich an wie eine Vorladung zu einem Gespräch, in dem Assmann ihn die Macht seiner Position würde spüren lassen. Arthur kannte diese Art der Selbstdarstellung von seinen Klienten. Da waren etliche Manager dabei, denen es offenbar Vergnügen bereitete, ihn zu einem Gespräch zu den unmöglichsten Zeiten antanzen zu lassen. Er konnte solche arroganten, selbstverliebten Typen nicht ausstehen.
Je mehr er darüber nachdachte, desto wahrscheinlicher schien es ihm, dass Assmann Vergeltung üben würde, wegen einer Sache, die Arthur sich selbst zu verdanken hatte, seiner unflätigen Aufsässigkeit, mit dem er seine Abneigung gegen Assmann in seiner ersten Begegnung mit ihm zum Ausdruck gebracht hatte. Sein Unbehagen nahm noch um einige Grade weiter zu, als er Andreas Nachricht auf dem Anrufbeantworter ein zweites Mal abhörte. „Herr Professor Dr. Assmann will Sie sehen, Punkt elf Uhr zwanzig.“ Er war jetzt so angewidert von der Aussicht, sich die Demütigung, die er bei dieser ersten Begegnung erfahren hatte, ein weiteres Mal über sich ergehen lassen zu müssen, dass er mit der Faust auf den Löschknopf des Anrufbeantworters schlug.
Er hatte Assmann gegen Ende des vergangenen Semesters im Rahmen eines Empfangs nach dessen Gastvortrag getroffen und mit ihm ein kurzes, abrupt beendetes Gespräch geführt. Schon im dritten oder vierten Satz hatte Assmann ihm eine Frage gestellt, mit der er zuerst nichts anzufangen wusste: „Haben Sie gedient?“ Er musste Assmann völlig entgeistert angesehen haben, weil dieser die Frage zweimal wiederholte und dann nachhakte, „Sie haben doch gedient, oder?“, bis es ihm in den Kopf schoss, dass Assmann ihn nach seiner Dienstzeit bei der Bundeswehr fragte.
Diese Frage war ihm noch nie von einer ihm völlig fremden Person gestellt worden, und schon gar nicht auf diese unverschämt direkte Art und Weise. Schon allein deswegen hatte er ihm nicht wahrheitsgemäß geantwortet, dass er den Wehrdienst verweigert und stattdessen zwei Jahre lang in einer psychiatrischen Klinik Patienten die Essensreste vom Gesicht gewischt und alle paar Stunden irgendwo in der Anstalt Erbrochenes in Putzeimer geschaufelt hatte. Er hatte ihm nichts von seiner pazifistischen Einstellung und seinem Hass auf alles Militärische gesagt, weil Assmann das schlichtweg nichts anging. Wer war denn dieser Assmann überhaupt?! Seine Meinung zu einer sehr persönlichen Angelegenheit einem völlig Unbekannten gegenüber zu rechtfertigen – denn darauf wäre das Gespräch hinausgelaufen, so wie Assmann ihn mit seinen Fragen bedrängte –, hätte bedeutet, ihm zu dienen und damit einen großen Teil seiner Selbstachtung einzubüßen.
Die Antwort, die er Assmann gegeben hatte, war sarkastisch gemeint. „Ich hätte dem deutschen Volk ja gern gedient, aber ich durfte nicht, wegen einer körperlichen Behinderung, wo ich doch so gern zur Marine gegangen wäre, weil ich schon immer eine Wasserratte war.“ Als Sechszehnjähriger habe er beim Wildwasserfahren einen Unfall gehabt. Am Hüftgelenk seien Bänder gerissen und danach nicht mehr richtig zusammengewachsen. „Ich würde nicht stramm stehen können, sagten sie mir bei der Musterung. Und lange marschieren würde ich auch nicht können, genauso wie ich auch nicht auf dem Boden herumkriechen, über Stacheldrahtzäune klettern oder die Fahne schwenken könne. Sie sagten, ich soll froh sein, wenn ich nicht irgendwann ein Stützkorsett tragen muss. So wurde also aus dem Dienen nichts. Sie können sich gar nicht vorstellen, wie schlimm das für mich war.“
Das hatte er zu Assmann gesagt und sich dabei an die Hüfte getippt und eine gequälte Grimasse gezogen. Schließlich könnte er auch Jahre nach dem Unfall immer noch Schmerzanfälle haben. Das sollte Assmann ruhig sehen. Assmann hatte den Sarkasmus in seiner Antwort offenbar verstanden, weil er ihm einen scharfen Blick zuwarf, keine weiteren Fragen stellte und außer einem steifen „Ist das so?“ nichts mehr sagte und sich dann ohne Gruß von ihm abwandte.
Horowitz, der noch bis vor wenigen Tagen die Position des Geschäftsführers der Hochschule bekleidet hatte, war bei diesem kurzen Gespräch dabei gewesen und hatte ihm danach gesagt, dass er Assmann mit seiner Antwort wahrscheinlich zutiefst beleidigt habe. Er kenne Assmann gut genug, um sagen zu können, dass dieser Mann eine abgrundtiefe Abneigung habe gegen Leute, die entweder den Wehrdienst verweigerten oder wegen irgendeiner lächerlichen Behinderung vom Wehrdienst ausgeschlossen wurden. Schon allein sein Werdegang als Soldat spräche dafür. „Wahrscheinlich hat er schon als kleines Kind mit Spielzeugpanzerfäusten trainiert“, hatte Horowitz gespöttelt, „sonst hätten sie ihn in der Bundeswehr nicht so schnell zum Hauptfeldwebel befördert.“
Horowitz hatte seine eigenen Probleme mit Assmann. Die Bestellung Assmanns als neuer Geschäftsführer käme einer feindlichen Übernahme gleich, hatte er neulich gesagt und dabei etwas von „Unvermögen“ und „Blindheit“ im Verwaltungsrat gefaselt, ohne jedoch auf Näheres einzugehen. Und dann hatte er sich über den Namen Assmann lustig gemacht. Das sei ein Name, den man sich gut merken könne, weil man ein „bestimmtes Bild im Kopf hat, wenn man ihn von hinten sieht.“ Mit seiner Erfahrung an der Universität Osnabrück im „Ansammeln von Lehrstuhlsitzfleisch“ sei er „einer dieser erlauchten Professoren, die von ihrem Stuhl nur aufstehen, wenn sie aufs Klo müssen. Wissenschaftlich hat der noch nie irgendwelche Leuchtraketen in den Himmel geschossen.“
Arthur wäre damals nie auf den Gedanken gekommen, dass er Kommandant Assmann jemals wiedersehen würde, und jetzt saß dieser Mann ein Stockwerk über ihm und er würde ihm heute Rede und Antwort stehen müssen, für seine Weigerung, die Frage nach dem Dienen mit dem gehörigen Respekt vor militärischer Autorität zu beantworten. Arthur spürte ein Stechen in der Schläfe, als er sich vorstellte, wie Assmann ihn begrüßen würde, im Befehlston eines Feldwebels, der einen Trupp Jungrekruten durch Schlammpfützen hetzt.
Was sollte er Assmann antworten, wenn er ihn auffordern würde, seine Einstellung zum Wehrdienst zu erklären? In Angriffsstellung gehen und fragen, ob er gedient hatte, an welchem Standort und in welcher Teilstreitkraft der Bundeswehr? Er könnte vielleicht sogar noch weiter ausholen und ihn fragen, ob er als junger Rekrut in seiner Kompanie auch Küchendienst gemacht und ab und zu auch das Bettenmachen für die Kameraden übernommen hatte, als bescheidener Beitrag zu einer freundlichen Organisationskultur. Doch spätestens an diesem Punkt würde Assmann den Sarkasmus erkennen, und dann wäre der Teufel los. Assmann würde ihn anbrüllen. „Was erlauben Sie sich eigentlich?!“ Vielleicht wäre es besser, auf die Tränendrüse zu drücken und ihm seine angebliche Wehruntauglichkeit anschaulich vorzuführen. Man muss es ja nicht unbedingt übertreiben. Er könnte sich zum Beispiel in etwas gebückter Haltung und leicht hinkend in Assmanns Büro schleppen, eine Idee, die ihm in diesem Moment gar nicht so schlecht vorkam.
Kurz bevor er sich auf den Weg in sein Büro machte, klingelte das Telefon. Es war Bruno Sedlmeier, sein junger Kollege, für dessen Anstellung er sich so stark eingesetzt hatte, dass man behaupten konnte, eigentlich habe er ihn geheuert. Ob Arthur mit dem neuen Geschäftsführer schon gesprochen habe, fragte Sedlmeier, und ob er bestätigen könne, dass Assmann der Uwe Assmann von der Universität Osnabrück sei. Er habe einen Freund, der einige Semester dort studiert und einen Kurs bei einem Professor mit diesem Namen belegt hatte. Assmann sei ein harter Brocken, arrogant, elitär und autoritär, habe sein Freund gesagt. Assmann sei bekannt dafür, dass er seine Vorlesungen im Stakkatoton abhalte und Fragen von Studenten auf eine Weise beantworte, die den Fragesteller vor allen Leuten im Hörsaal bloßstelle. Auch seine wissenschaftlichen Fähigkeiten ließen sehr zu wünschen übrig. Er habe nicht viel publiziert, jedenfalls nichts Gescheites, und sein Englisch sei hundsmiserabel. Wenn man ihn Englisch sprechen höre, müsse man sich an den Kopf fassen. Seine dürftigen Englischkenntnisse zeigten sich unter anderem auch darin, dass er seine Artikel für englischsprachige Zeitschriften von seinen Mitarbeitern am Lehrstuhl schreiben lasse und dann auch noch die Frechheit besäße, seinen Namen an die erste Stelle in der Autorenliste zu setzen.
Arthur sagte zu Sedlmeier, dass er über Assmann nicht mehr wisse als das, was er von Horowitz gehört habe, nämlich dass Assmann einen Lehrstuhl in Osnabrück gehabt habe. Er solle sich keine großen Gedanken wegen Assmanns Bestellung als Geschäftsführer machen. Der Austausch des Geschäftsführers an einer Privathochschule sei nichts Ungewöhnliches. Das HMT sei eine Neugründung und da dürften Kurskorrekturen in der Anfangsphase nicht überraschen. Warum ein Lehrstuhlinhaber an einer staatlichen Universität am Ende seiner Laufbahn an eine Privathochschule gehe, sei ihm ein Rätsel. Da könne man nur spekulieren. Mehr Gehalt vielleicht, die Hoffnung auf eine Steigerung von Macht und Ansehen, oder die Verzweiflung nach einer missratenen Scheidung. Was er Sedlmeier nicht sagte, war, dass er heute ein Gespräch mit Assmann führen würde, von dem er ihm beim Abendessen heute bei sich zu Hause berichten könne.
***
Als Arthur um elf Uhr zweiundzwanzig Assmanns Büro betrat, war die Begrüßung etwa so, wie er es erwartet hatte. Assmann stand nicht einmal auf, um ihm die Hand zu geben. „Hatten Sie Probleme, mein Büro zu finden?“ Mit einem Kopfnicken deutete er auf den Stuhl auf der anderen Seite des Schreibtisches, was wohl bedeutete, dass er Arthur die Erlaubnis gab, sich zu setzen. Dabei warf er Arthur einen Blick zu, der sagen sollte, dass die zwei Minuten, die er verspätet erschienen war, sich für ihn, dessen Tag mit unzähligen Terminen ausgefüllt war, wie zehn Minuten anfühlten. Es war der Blick eines Feldwebels, der dem Rekruten schon am ersten Tag das Strammstehen beibringen will.
Arthur spürte, wie eine dicke Schweißperle seinen Rücken hinunter rann, während er sich die aufgeblähten Hände ansah, mit denen Assmann in einer Aktenmappe nach irgendwelchen Papieren suchte. Die geschwollenen Finger passten zum Gesamterscheinungsbild Assmanns, das Arthur seit Andreas Anruf heute Morgen im Kopf gehabt hatte. Der Mann war übergewichtig, ein ziemlicher Fettkloß, würden manche sagen. Sein Dienst beim Militär hatte Spuren hinterlassen. Vielleicht eine Reaktionsbildung in Anbetracht des Drucks, körperlich fit und jederzeit einsatzbereit zu sein. Sein Jackett spannte in den Schultern und über der Brust wie das Schlagfell einer Trommel. Bei seinem Gastvortrag hatte er ein ähnliches, um zwei Nummern zu kleines Jackett getragen, und sein Gesicht war genauso rot angelaufen gewesen wie in diesem Moment. Damals hatte Arthur geglaubt, Assmann leide unter Bluthochdruck, doch jetzt war es vielleicht sein Zorn wegen Arthurs gespielt lässigen Auftritts, was seinen Kopf eine rötliche Farbe hatte annehmen lassen. Arthur hatte ihn schlicht mit „Hallo Herr Assmann“ begrüßt, als er ins Büro trat.
Arthur sah sich im Zimmer um. Hier war alles an seinem ihm zugeordneten Platz. Auf einer Ecke des Schreibtisches stand ein Assmann zugewandtes gerahmtes Foto, das wahrscheinlich seine Familie zeigte, und auf der gegenüberliegenden Ecke thronte die schwarze Marmorbüste eines Mannes, der Hermann Göring sein könnte. Die hinter Glas gerahmte Urkunde an der Wand hinter Assmann sah wie eine Universitätsdiplomurkunde aus, oben ein im Rundbogen lang gestreckter Schriftzug und unten, auf beiden Seiten, die Stempel eines Logos, und am unteren Rand, in der Mitte, ein rotes Siegel. Die sechs, mit grauem Stoff überzogenen Besuchersessel waren im exakt gleichen Abstand um einen riesigen Glastisch platziert, der wohl als Konferenztisch diente. Im Bücherregal, in dem kein einziges der vierzig oder fünfzig Bücher schief stand oder über die anderen hinausragte, entdeckte er ein halbes Dutzend Exemplare von Peters und Watermans Bestseller „Auf der Suche nach Spitzenleistungen“, drei Exemplare von Druckers „Die Kunst des Managements“ und mehrere Jahrgänge der Zeitschriften „Informatik im Betrieb“ und „Angewandte Betriebswirtschaft“. In diesem Büro herrschte eine gnadenlos pedantische Ordnung, die perfekt zu den grau gestrichenen Sichtbetonwänden passte. Ein Spielzeugpanzer, der rattert und Funken sprüht, wenn man ihn über den Schreibtisch fahren lässt, wäre gar nicht so schlecht, dachte Arthur. Er würde etwas Pfiff in die stocksteife Stimmung hier bringen.
„Ich nehme an, Sie wissen, warum Sie hier sind, Herr Schönhuber“, sagte Assmann schließlich, nachdem er das von ihm gesuchte Dokument in der Mappe gefunden und vor sich auf den Schreibtisch gelegt hatte.
„Um Sie bei uns willkommen zu heißen?“, entgegnete Arthur angestrengt lächelnd. Assmann sah ihn mit zusammengekniffenen Augen an. „Ich habe gehört, Sie sind jetzt bei uns Geschäftsführer“, fügte Arthur schnell hinzu.
„Ja, und wissen Sie auch warum?“
„Nein, eigentlich nicht. Herr Horowitz hat uns nichts darüber gesagt.“
„Das muss er auch nicht. Sie wissen, dass wir einen Verwaltungsrat haben und dass die zentralen Entscheidungen vom Verwaltungsrat getroffen werden, und nicht von Herrn Horowitz. Und die wichtigste Entscheidung, die der Verwaltungsrat jetzt getroffen hat, ist, dass diese Hochschule ab sofort wie eine private Bildungseinrichtung geführt werden wird.“ Hier machte er eine Pause, aber nachdem Arthur nichts dazu sagte, fuhr er fort: „Das heißt, wir werden uns an betriebswirtschaftliche Kriterien halten, wir müssen effizienter arbeiten. Ich stelle fest, dass viel Geld für unsinniges Zeug ausgegeben wurde, für Dinge, die nichts mit Weiterbildung zu tun haben. Ich muss Ihnen nicht sagen, was das für Dinge sind. Oder?“
Assmann sah ihn mit Strichaugen an, und Arthur war im Alarmzustand. Assmann erwartete ganz offensichtlich Arthurs Zustimmung zu seiner Feststellung des unsinnigen Geldausgebens, doch die wollte er ihm nicht ohne weiteres gewähren. Er versuchte es mit einer ironisch gemeinten Bemerkung: „Meinen Sie die Parkanlage hinter dem Gebäude? Da würde ich Ihnen zustimmen, wir brauchen keine Landesgartenschau um die Einfahrt herum. Ein einfaches Stück Wiese mit ein paar Sitzbänken würde es auch tun.“ Assmanns Mund öffnete sich leicht, aber er sagte nichts. „Oder der Speiseplan der Cafeteria? Linsen und Spätzle zweimal die Woche, und Butterbretzeln für den kleinen Hunger. Mit Weiterbildung hat das eigentlich nichts zu tun, und wenn ich das so sagen darf, mit gesunder Ernährung auch nicht. Eher mit Verstopfung.“ Assmann warf ihm jetzt einen giftigen Blick zu, dem Arthur mit einer weiteren, diesmal allerdings ernstgemeinten Bemerkung zum kulinarischen Angebot der Cafeteria standzuhalten versuchte. „Und was wir Leuten anbieten, die bei uns einen Gastvortrag halten, ist auch nicht gerade gesundheitsfördernd: Kekse und Apfelsaft. Oder sehen Sie das anders, Herr Assmann?“
„Professor Assmann!“
„Natürlich, ja, Professor.“
„Das müssten Sie eigentlich wissen, Herr Schönhuber. Ich war schon einmal in diesem Haus.“
War das jetzt der Moment, wo Assmann ihn als nächstes auffordern würde, sich zu seiner sarkastischen Bemerkung damals bezüglich des Dienens am Volk zu äußern? Vielleicht sollte er schnell auf Smalltalk umschalten und ihn fragen, ob es ihm in Herrenberg gefalle, ob er mit seiner Familie hier oder im schönen Tübingen wohne. Oder er könnte sich kurz angebunden geben und nur das absolut Notwendige sagen. Es gab sicherlich verschiedene Möglichkeiten, Assmann in ruhigeres Fahrwasser zu lotsen. Was er jedoch auf keinen Fall tun würde, war, sich ihm anbiedern – was nicht heißen müsse, dass er ihm nicht wenigstens eine kleine Prise Bewunderung zukommen lassen könnte. Er könnte zum Beispiel Interesse an der Urkunde an der Wand bekunden und ihn etwas zu seinem Studium fragen. Oder, weil Assmann von Effizienz gesprochen hatte, könnte er ihm seine eigenen Gedanken zu den inhärenten Widersprüchen organisatorischer Effizienz darlegen. Dagegen wäre nichts einzuwenden. Auch mit seinen Klienten führte er gelegentlich sehr anregende Gespräche über die positiven und negativen Konsequenzen einer effizienten Organisationsstruktur.
„Ja, ich kann mich erinnern, Sie hielten bei uns einen Vortrag“, sagte er und fügte hinzu, wohlwissend, dass Assmann die folgende Bemerkung als Provokation auffassen könnte. „Ich bin auch Professor, aber Sie müssen mich nicht unbedingt mit meinem Titel anreden. Das muss nicht sein.“
„Sie, Professor?!“, schnaubte Assmann. „Da muss ich Sie aber korrigieren. Man hat Ihnen für die Zeit, die Sie am HMT arbeiten, den Titel eines Gastprofessors gegeben, aber von Ihrem Werdegang her sind Sie kein Universitätsprofessor. Ich habe mir Ihr Curriculum Vitae angesehen, Herr Schönhuber. Sie sind Unternehmensberater. Ich weiß, Sie haben einen Doktortitel, aber den haben Sie in den USA erworben, nicht in Deutschland. Und eine Habilitation haben Sie auch nicht. Sie können sich hier also gar nicht als Professor ausweisen. Dazu bräuchten Sie einen …“
„Verzeihung, aber warum steht dann in meinem Arbeitsvertrag, dass mein Lehrauftrag mit einem Professorentitel verbunden ist? Herr Horowitz hat mir gesagt, dass das HMT Professoren bräuchte, die ihr Ph.D. im Ausland erworben haben, am besten in den USA, weil das gut sei für das Image einer internationalen Hochschule. Und wenn Sie mein C.V. gelesen haben, wissen Sie, dass ich an einer hochkarätigen amerikanischen Universität promoviert habe, in Princeton, in New Jersey.“
Der letztere Hinweis war von Arthur nicht unbedingt als Provokation gedacht gewesen, doch Assmann verstand ihn als solche. Er antwortete in einem Ton, der pure Verachtung ausdrückte: „Ich weiß wo Princeton liegt, mein lieber Herr Schönhuber. Aber ich will Ihnen jetzt etwas sagen, was Sie
