Unter Freunden - Udo Staber - E-Book

Unter Freunden E-Book

Udo Staber

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Beschreibung

Man könnte meinen, Menschen im reifen Alter, die sich seit ihrer Studienzeit kennen und sich Freunde nennen, würden manierlich miteinander umgehen. Dass dem nicht immer so ist, kommt besonders dann zum Vor-schein, wenn Scheidungen und neue Partnerschaften im Spiel sind. Und wenn dazu noch neurotische Neigungen in den Köpfen ihr Unwesen treiben, kann es sogar unter den besten Freunden zu Verstimmungen kommen, die sie beim gemeinsamen Abendessen die Panik des Lebens spüren lassen.

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Seitenzahl: 173

Veröffentlichungsjahr: 2020

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Zu diesem Buch

Man könnte meinen, Menschen im reifen Alter, die sich seit ihrer Studienzeit kennen und sich Freunde nennen, würden manierlich miteinander umgehen. Dass dem nicht immer so ist, kommt besonders dann zum Vorschein, wenn Scheidungen und neue Partnerschaften im Spiel sind. Und wenn dazu noch neurotische Neigungen in den Köpfen ihr Unwesen treiben, kann es sogar unter den besten Freunden zu Verstimmungen kommen, die sie beim gemeinsamen Abendessen die Panik des Lebens spüren lassen.

Autor

Udo Staber wurde 1953 in Ulm geboren. Er studierte in Kanada und den USA Soziologie, Psychologie und Organisationswissenschaften, promovierte an der Cornell University, New York, und war Professor an Universitäten in den USA, Kanada, Deutschland und Neuseeland. Er ist Autor zahlreicher Fachbücher und wissenschaftlicher Zeitschriftenartikel, sowie Empfänger mehrerer Auszeichnungen für seine Forschungsarbeiten.

Mehr über den Autor: www.udostaber.com

UDO STABER

Unter Freunden

Roman

© 2020 Udo Staber

Umschlag, Illustration: Udo Staber

Verlag & Druck: tredition GmbH, Halenreie 40-44, 22359 Hamburg

ISBN

Paperback

978-3-347-15006-5

Hardcover

978-3-347-15007-2

e-Book

978-3-347-15008-9

Das Werk, einschließlich aller seiner Teile, ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung ist ohne Zustimmung des Verlages und des Autors unzulässig. Dies gilt insbesondere für die elektronische oder sonstige Vervielfältigung, Übersetzung, Verbreitung und öffentliche Zugänglichmachung.

Das Gehirn ist das am meisten überschätzte Organ.

— Woody Allen

Inhalt

Für wen sind denn die Blumen?

Die falsche Krawatte

Der Aperitif schlägt mir auf den Magen

Mach den Kragen zu

Spieglein, Spieglein an der Wand

Ich fahre Mercedes

Katholische Unsitten

Der bessere Mann

Ach, das weiß ich gar nicht

Du und deine Akademikerfreunde

Er kann alles, nur nicht parken

Für wen sind denn die Blumen?

„Rate mal, wen ich heute getroffen habe, heute Morgen, im Blumenladen. Deinen Sigmund.“

„Siggi? Im Blumenladen? Unmöglich, da hast du dich verguckt. Siggi kauft keine Blumen. Er hat von Blumen keine Ahnung. Frag ihn mal, ob er den Unterschied kennt zwischen einer Tulpe und einer Nelke.“

Sie sieht mich an, als hätte sie mich bei einem Aprilscherz erwischt. Sie liebt Blumen. Sie sagt, wenn sie etwas von ihrem alten Haus vermisst, dann ist es ihr blühender Garten. Sie sorgt dafür, dass in unserer Wohnung jeden Tag frische Blumen auf dem Tisch stehen. Dass sie Blumen um sich herum haben will, kann ihm in den zwanzig Jahren mit ihr doch nicht entgangen sein.

„Glaub mir, Siggi geht in kein Blumengeschäft, er kann mit Blumen überhaupt nichts anfangen. Wenn er sieht, dass eine Topfblume den Kopf hängen lässt, stellt er sie in die Sonne, statt ihr Wasser zu geben. Und wenn ich ihn bitte, sie zu gießen, schüttet er das Wasser über die Blätter statt in die Erde.“

Ich würde gern laut lachen, aber ich weiß, dass sie mir das übel nehmen würde. Wenn die Sprache auf ihren Ex kommt, findet sie gar nichts lustig, da versteht sie keinen Spaß. „Aber als Chemiker muss er doch wissen, wie Pflanzen funktionieren“, sage ich halb im Scherz.

„Ach, der weiß doch nicht mal, dass er Chemiker ist. Den Unterschied zwischen einem Reagenzglas und einem Einmachglas mag er vielleicht noch kennen, aber wenn es um Grünzeug geht, hört sein Verstand auf. Wenn ich ihn in den Garten schicken würde, um was Frisches für den Salat zu holen, käme er mit Regenwürmern zurück.“

„Vielleicht will er nur witzig sein.“

„Nein, nicht witzig. So ist er wirklich, lebensfremd.“

„Oder er will dich ärgern.“

„Das geht auch ohne Regenwürmer im Haus.“

Ich denke mal, dass sie mit ihren Geschichten über ihn wahnsinnig übertreibt. Schon allein wenn sein Name fällt, dreht sie hohl. Sie ärgert sich dann maßlos über sich selbst, dass sie nicht schon früher gegangen ist. Sie sagt, wenn sie kleine Kinder gehabt hätte, könnte man das noch verstehen, aber sie hat keine Kinder. Es ist ihr auch unerklärlich, warum sie sich mit ihm überhaupt eingelassen hat, wo er ihr doch von Anfang an wie ein Chaot vorgekommen sei. Ich denke an meine dritte Frau, die war auch ziemlich verwirrt. Sie glaubte, Existenzialismus sei eine Art Geisteskrankheit. Sie hat mir das schon bei unserer ersten Begegnung gesagt. Ich konnte ihr das nicht ausreden, und trotzdem habe ich sie geheiratet! Und der Mann einer Kollegin von mir ist fest davon überzeugt, dass die Evolution im gleichen schwarzen Loch enden wird, in dem sie begann. Sie sagt, sie habe einen Hornochsen geheiratet, aber sie ist immer noch mit ihm zusammen. „Also“, sage ich zu Regine, „ich glaube schon, dass er vorhatte, Blumen zu kaufen. Zumindest hatte er welche in der Hand, als ich ihn sah.“

Sie grinst. „Das bedeutet gar nichts. Er kann eine Katze auf dem Schoß haben und glauben, es ist ein Kaninchen, dem er die Ohren langzieht. Du weißt gar nicht, was er alles anstellt, ohne einen blassen Schimmer zu haben, warum er das tut. Aber wahrscheinlich war er’s gar nicht, der Mann, den du im Laden gesehen hast.“

„Doch, das war er. Er hat es dann auch gleich zugegeben. Ich habe ihn auch gleich erkannt. Er sah genauso aus wie auf dem Foto, das du mir einmal gezeigt hast. Das Foto von ihm als Student, mit seinem Freund am Strand in Spanien, wie sie auf der Luftmatratze sitzen, mit einer Bierflasche in der Hand, und Bikinimädchen nachschauen. Der gleiche Wuschelkopf, wie auf dem Foto.“

Regine hat immer noch ihren skeptischen Ausdruck im Gesicht. „In welcher Gemütsverfassung war er denn?“

„Oh, ich würde sagen, er war ziemlich durcheinander. Er kam mir verwirrt vor, so wie er dastand, unschlüssig, was er als Nächstes tun sollte.“

„Und was hatte er an, dieser Meister der Verwirrung?“

„Regine, du kannst bei einem Mann nicht vom Äußeren auf seinen Gemütszustand schließen.“

„Doch, in seinem Fall kann man das, sehr gut sogar. Wenn es Sigmund war, den du gesehen hast, dann trug er bestimmt ein buntkariertes, ausgewaschenes Hemd. Er liebt buntkariert. Wenn er mal eins anhat, kann es sein, dass er es zwei Wochen lang nicht mehr auszieht.“ Sie rollt mit den Augen. „War sein Hosenschlitz offen?“

„Keine Ahnung. Das ist eine Gegend beim Mann, wo ich nie so genau hinschaue. Aber so viel kann ich sagen, elegant war er nicht gerade gekleidet. Das Hemd habe ich nicht gesehen, aber er trug eine karierte Jacke, blau, glaube ich, mit einem Lammpelzkragen. Sah aus wie ein Stück aus den sechziger Jahren. Vielleicht war seine Brille beschlagen, als er heute früh was aus dem Schrank zog. Oder die Dunkelheit hatte ihn im Griff.“

Sie schüttelt den Kopf. „Ich würde eher sagen, der Wahnsinn hat ihn im Griff. Nicht nur früh am Morgen. So läuft er den ganzen Tag herum.“

„In dieser Aufmachung? Ich meine, ein Blumenladen ist ja nicht die Oper, aber die Jacke sah aus wie eine, in der Mick Jagger vor fünfzig Jahren herumhopste. Und trägt er eigentlich immer solche ausgeleierte Latschen?“

„Wenn es Sigmund war, den du gesehen hast, dann waren das wahrscheinlich seine Hausschuhe.“

„Hausschuhe? Auf der Straße?“

„Ja natürlich, so was ist bei ihm normal. Du wirst ja sehen, wie er heute Abend daherkommt.“

Ich habe ihn jetzt wieder vor Augen, wie er vor den Blumenauslagen hin und her tippelte. „Irgendwie sah er doch lustig aus“, sage ich zu Regine, „in dieser Aufmachung und mit seinem hektischen Herumtänzeln. Wie ein nervöser Pfau auf Brautschau.“

Sie protestiert heftig. „Nein, nicht lustig. Ich habe das über zwanzig Jahre lang mitgemacht, jeden Tag. Er braucht eine Frau, die ihm den Wecker stellt und ihm sagt, er soll ein frisches Hemd anziehen, bevor er zu stinken beginnt. Aber jetzt hat er ja eine Neue. Vielleicht hört er auf sie.“

„Wieso sollte er auf sie hören?“

„Weil sie nicht so dumm ist wie ich.“

„Aber auch sie hat ihn geheiratet!“ Das hätte ich nicht sagen sollen. Sie wird mich jetzt daran erinnern, dass auch ich gegen Dummheit nicht gewappnet bin, wenn es um den Umgang mit chaotischen Frauen geht. Und sie hätte recht. Einen Dümmeren wie mich kann es nicht geben.

Sie denkt kurz nach. „Bin gespannt, wie sie aussieht.“

„Und ich bin gespannt, wie sie sich dir gegenüber verhält. Die Neue trifft die Alte, und der Mann der Neuen sitzt daneben und begutachtet den Neuen seiner Alten. Das geht schon ins Tragische, meinst du nicht? Mich interessiert, ob sie so viel anders ist als du, der exakte Gegenentwurf zur Verflossenen sozusagen, oder ob sie nur eine andere Version deiner selbst ist, eine bessere Ausgabe vielleicht. Das soll es ja geben. Der geschiedene Mann will gar nichts radikal Neues, heißt es. Es ist wie auf einer ewig langen Zugfahrt. Die Landschaft ist ja recht schön, aber irgendwann gewöhnt man sich daran. Und wenn nur die Schienen nicht so holprig wären. Ein Seitensprung ist für ihn wie der Gang zum Speisewagen. Er braucht kurz mal eine Abwechslung, neue Sitznachbarn, interessante Unterhaltung, Stärkung für Geist und Seele sozusagen. Alles, nur keine Entgleisung.“

„Ach Hermann, das hast du schön gesagt. Aber bei Siggi hat es eine Entgleisung gegeben. Der Zug ist aus dem Gleis gesprungen, die Alte ist weg. Jetzt muss er mit einer Neuen weiterfahren.“

Sie seufzt, als hätte sie Mitleid mit ihm. Ich fasse sie an der Hand und sage: „Mach dir keine Sorgen. Da muss er durch. Die Neue wird’s schon irgendwie richten.“

„Was genau soll sie denn richten, seine Gundula? Ich wüsste nicht, was sie bei dem richten kann. Er wird sich nie ändern.“

„Vielleicht muss er das auch gar nicht. Er redet nicht gern, hast du mir gesagt. Vielleicht ist sie eine, bei der er gar nicht viel sagen muss. Vielleicht liest sie ihm alle seine Bedürfnisse vom Gesicht ab. Der Wunsch vieler Männer, wie man hört. Er will in Ruhe gelassen werden, er will bedient werden, und zwar so, und das ist der Trick dabei, den sie beherrschen muss, wenn sie eine Zukunft mit ihm haben will, dass er nicht das Gefühl hat, mit einer Dienerin verheiratet zu sein. Sie soll ihm freiwillig zur Seite stehen, uneigennützig, mit Herz und Seele, wie man so schön sagt. Dann wird er auf sie hören. Solche Männer gibt es. Warum das so ist, kann ich jetzt nicht so leicht erklären. Die Sache ist kompliziert. Und natürlich gibt es Frauen, die sich auf so etwas einlassen. Vielleicht ist sie so eine. Sie schneidet für ihn das Fleisch auf seinem Teller und kocht für ihn salzarm, damit er die nächsten zwanzig Jahre gesund bleibt. Vielleicht färbt sie ihm sogar die Augenbrauen. Sie will, dass es ihm gut geht, denn wenn‘s ihm gut geht, fühlt auch sie sich gut.“

„Hermann, dir ist ja wohl klar, dass du hier von einem ausgesprochen dummen Klischee sprichst.“

„Ja, ich weiß, aber das Spannende an einem Klischee ist doch die Frage, warum die Leute sich daran halten, beziehungsweise, dass es sogar einen Riesenspaß machen kann, wenn man aus einem Klischee neue Wahrheiten konstruiert.“

„Und welche Wahrheiten wären das?“

„Na zum Beispiel, wenn Leute sagen, heirate keinen Mann mit Altlasten, weil das Unglück bringt, ist das ein Klischee, richtig? Trotzdem verknallt sie sich in so einen Mann. Und warum? Weil er anders ist als die anderen, erklärt sie ihren Freundinnen, die sagen, sie machen sich Sorgen um sie. Er ist anders, weil sie das so sehen will und weil sie die intellektuellen Mittel besitzt, dieses Klischee als etwas zu begreifen, das auf sie nicht zutrifft, weil auch sie anders ist. Und wenn der Neue ihr von seinen Altlasten erzählt, dann so, dass er wie ein Gewinner dasteht. Er sagt, er hat seine Vergangenheit voll im Griff. Dann sind es keine Lasten, an die er sich erinnert, sondern einzigartige Prüfungen, die er bestanden hat. Mit anderen Worten, er hat nicht mit Ach und Krach überlebt, sondern er ist ein Held, der aus einer verdammt schwierigen Lage eine Erfolgsgeschichte gemacht hat.“

„Dann bist du mit deinen drei verkorksten Ehen wohl ein Superheld“, sagt sie mit einem breiten Lächeln.

„Moment, die erste zählt nicht. Da war ich noch Student und in meiner Persönlichkeit noch nicht gefestigt. Und bei der zweiten und dritten habe ich den Absprung geschafft. Den Absprung rechtzeitig hinkriegen, das ist eine nicht zu unterschätzende Leistung. Und beide Male ein gelungener Sprung, das zweite Mal leider in verdammt eiskaltes Wasser. Ich wäre fast ersoffen, aber eben nur fast.“

„Und dein dritter Sprung?“

„Bei dir war die Landung butterweich. Meine Muse, mein Segen, meine Hoffnung, meine letzte Hoffnung.“

Sie strahlt und streichelt sanft meine Hand. „Das hast du aber wieder mal schön gesagt.“

„Finde ich auch. Und wie ist dein Siggi bei Gundula gelandet? Hart oder weich?“

„Das kommt darauf an, wie lange sie es mit ihm aushält.“

„Nun, so wie du ihn mir beschreibst, gibt es für sie nur zwei Optionen. Entweder sie verkümmert an seiner Seite, oder sie folgt dem Vorbild Lady Chatterleys.“

„Vielleicht wissen wir heute Abend mehr. Jetzt sag mal, über was habt ihr euch denn unterhalten?“

„Unterhaltung kann man das nicht nennen. Ich glaube, es war ihm peinlich, mich zu treffen. Ich hatte das Gefühl, er wäre am liebsten auf der Stelle abgehauen.“

Regine sagt, ich könne mir nicht vorstellen, wie es ist, mit einem wie Sigmund verheiratet zu sein. Sie ist der Überzeugung, dass er mit zwanzig in seiner Entwicklung stehen geblieben ist. Sie hat alles versucht, um seine weitere Entwicklung doch noch in Gang zu bringen. Sogar zu einem Eheberater hat sie ihn geschleppt, sagt sie, aber irgendwie hat er es immer wieder geschafft, mitten in der Sitzung für eine Viertelstunde ins Klo zu verschwinden. Einmal war Gruppentherapie angesagt, aber weil er am Morgen dieses Tages hohes Fieber bekam, musste er im Bett bleiben. Eine Freundin Regines, die nach ihrer eigenen Scheidung in den Eheberaterberuf einstieg, hat zu ihr einmal gesagt, Sigmunds Problem, wie das aller Männer, die sie kenne, sei, dass er sich kaum bis gar nicht ausdrücken könne. Die Kommunikationsfähigkeit von Männern lasse sehr zu wünschen übrig, aber bei Sigmund sei diese Fähigkeit völlig im Eimer.

„Wie hast du ihn denn angesprochen?“, fragt sie mich.

„Ganz einfach, ich bin auf ihn zugegangen und hab gesagt, Ja hallo, sind Sie nicht Herr Himmelreiter? Sigmund Himmelreiter?“

„Sehr schön! Man kann bei ihm nicht direkt genug sein. Und was passierte dann?“

„Du hättest sehen sollen, wie er zusammenzuckte. Als hätte der Blitz ihn getroffen. Ich wusste nicht, war er erschrocken, dass jemand ihn ansprach, oder war er entsetzt, weil ich seinen Namen kannte.“

„Oder du hast ihn an seinen Namen erinnert. Es ist schon mal passiert, dass er seinen Namen vergessen hat. Er sollte beim Zahnarzt ein Formular ausfüllen und er fragte mich, ob er Sigmund oder Siegfried hinschreiben soll. Kein Witz.“

Irgendwie erinnert mich das an meine dritte Frau, die, bei der ich fast ersoffen wäre. Sie konnte sich bis zu unserer Trennung nicht entscheiden, ob sie Ritter heißen will, ihren Geburtsnamen behalten soll oder einen Doppelnamen führen will, und wenn es ein Doppelname sein muss, ob ihr Geburtsname am Anfang oder hinten stehen soll. „Ich wollte eigentlich nur etwas Smalltalk machen“, sage ich zu Regine, „aber er machte keinerlei Anstalten, mit mir ein Gespräch anzufangen, obwohl ich mich artig vorgestellt hatte.“

„Wie, artig? Wie hast du dich denn vorgestellt?“

„Ich sagte, ich bin Hermann Ritter, ich bin mit Regine zusammen. Ich gab ihm meinen vollen Namen, weil ich dachte, er hätte ihn vielleicht schon mal gehört, von euren Nachbarn vielleicht.“

„Du meinst, von den Oesterles? Gut möglich. Die waren schon immer wahnsinnig neugierig, was bei uns so alles abgeht. Und wie hat er reagiert? Was hat er zu dir gesagt?“

„Ach du grüne Neune!“

Jetzt habe ich sie doch zum Lachen gebracht. „Sonst nichts? Hat er nach mir gefragt?“

„Nein, aber ich fragte ihn, ob er mir bei der Blumenauswahl helfen könne. Ich sei auf der Suche nach Blumen für dich, er sei in diesen Dingen doch bestimmt Fachmann. Regine, das sagte ich nur, um die Atmosphäre etwas aufzulockern. Aber er gab mir keine Antwort, nicht mal eine zum Spaß. Stattdessen machte er Anstalten zu gehen.“

„Ja, das ist Siggi. Du hast ihn genauso erlebt, wie er ist. Wenn’s für ihn ungemütlich wird, packt er seine Sachen und haut ab. Und wie ging’s dann weiter?“

„Also ich denke, jeder normale Mensch würde an dieser Stelle aufgeben, sich entschuldigen und sich dann zurückziehen. Aber wahrscheinlich bin ich nicht normal. Ich sah das als eine Gelegenheit, mich ihm vorzustellen. Ich dachte, wenn wir hier ein paar Worte wechseln, wird unser Abendessen heute nicht so steif sein. Und wenn ich mich ihm gegenüber locker zeige, dürfte ihm ein kleines Gespräch doch nichts ausmachen. Fehlanzeige. Ich glaube, er hätte mich doch glatt stehen lassen, wenn ich ihm nicht die Hand hingestreckt hätte.“ Regine grinst hämisch. Ich bin ihm ins Messer gerannt, soll das heißen. „Ich sagte zu ihm, so ein Zufall, dass wir uns hier treffen. Kommen Sie oft in dieses Geschäft? Statt einer Antwort, stammelte er irgendetwas von Irrtum und Zeitdruck. Ich sagte, die Auswahl an Blumen hier ist ja wirklich überwältigend. Da weiß man gar nicht, was man kaufen soll. Ach ja, dann lass ich Sie mal gehen, war seine Antwort. Dann drehte er sich weg. Ich ließ aber nicht locker. Ich hätte schon etwas Zeit, sagte ich. Ich bin nicht in Eile, ich will mich nur mal umsehen, was die hier so haben, bevor ich mich für etwas entscheide. Also, dann verabschiede ich mich schon mal, sagte er. Aber ich ging gar nicht darauf ein, sondern sagte, ist doch nett, dass wir uns auf diese Weise kennenlernen. Ja, ja, war seine Antwort. Ist doch interessant, was Zufälle so alles bringen, sagte ich. Daraufhin er: Ja, stimmt. Ich: Wir sind beide im gleichen Laden, um vielleicht das Gleiche zu kaufen. Ist das nicht witzig? Er: Wenn Sie meinen. Ich: Unsere Wege hätten sich doch auch woanders kreuzen können. Er: Vielleicht. Regine, so ging das eine Weile hin und her. Egal was ich sagte, er wollte partout keine Unterhaltung mit mir führen. Und er wurde auch immer zappeliger.“

„Ja, der Mann ist furchtbar hektisch. Das ist sein Naturzustand. Was hättest du denn gern, das er zu dir gesagt hätte?“

„Nun ja, er hätte mich zum Beispiel fragen können, welche Sorte Blumen ich für dich suche.“

„Nein, nicht Siggi. Das hätte er dich nie gefragt, nie und nimmer.“

„Hat er dir denn nie Blumen geschenkt?“ Das hab ich meinen Ex-Frauen übrigens auch nicht, aus verschiedenen Gründen. Die erste war Studentin und hat sich schnell in einen anderen verliebt, auch ohne dass er ihr Blumen schenkte. Und die zweite hat sich selber Blumen geschenkt. Sie traute mir wohl nicht, dass ich ihren Geschmack erwische. An meine letzte Ex will ich gar nicht denken. Der hätte ich Kakteen mit zehn Zentimeter langen Stacheln ans Bett stellen sollen. Sie hatte ein ganzes Gewächshaus im Wohnzimmer stehen und hat dem Grünzeug morgens und abends eine halbe Stunde lang gut zugeredet, weil sie glaubte, die Pflanzen würden dann besser miteinander auskommen. Warum müssen Frauen immer Blumen bekommen? Es heißt, das hat etwas mit dem Schenken von Beachtung zu tun. Sie wollen Aufmerksamkeit, und sie wollen, dass der Mann das weiß. Aber warum kann man Blumen nicht an einem xbeliebigen Tag schenken, warum muss es immer nur der Geburtstag oder Valentines sein? Alles so gekünstelt, finde ich, so mechanisch. Das wirkt dann so unehrlich. Und man kann doch auch etwas anderes als Blumen schenken. Ein Buch zum Beispiel. Das kann sogar noch persönlicher sein als irgendwelche Blumen von der Stange, von denen es sowieso nur eine begrenzte Anzahl an Sorten gibt, Blumen, die praktisch jeder auf dieser Welt kauft, und immer nur die für einen bestimmten Anlass vorgegebene Sorte. Und ein Buch verwelkt wenigstens nicht. Man muss es nicht dauernd gießen und man braucht auch keinen speziellen Platz dafür, außer es ist ein künstlerisch aufgemachter Bildband oder der Museumskatalog einer weltweit einmaligen Ausstellung, den man auf dem Couchtisch präsentiert, damit die Gäste sehen, wie ungemein gebildet man ist, ohne dass man dafür den Mund aufmachen muss. Für Blumen braucht man immer eine passende Vase, und sündhaft teuer sind sie auch noch, für die wenigen paar Tage, die sie halten.

„Willst du jetzt nicht wissen, für wen er Blumen kaufen wollte?“, frage ich sie. „Würde es dich ärgern, wenn er sagen würde, er kauft Blumen für Gundula? Wäre das schlimm für dich?“ Wenn ich wüsste, dass meine Ex einen Neuen hat, der ihr ein Blumengeschenk macht, würde mich das kalt lassen. Der Neue geht mich nichts an, er kann mit ihr machen was er will. Ich bin ja schon froh, wenn sie einen Neuen hat. Dann habe ich sie endgültig vom Hals, und ich muss auch keine Angst haben, dass sie sich an Regine ranmacht.

Sie beantwortet meine Frage nicht, sie zuckt nur mit der Schulter. Ich bin gespannt, wie das heute Abend mit