Die Sprache der Zeit - Sven Urban - E-Book

Die Sprache der Zeit E-Book

Sven Urban

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Beschreibung

Nach der Trennung von seiner Frau und seiner kleinen Tochter freut sich der erfolgreiche Anwalt Oskar sehr darüber, sein Leben endlich wieder ganz alleine für sich zu haben. Doch da hat er die Rechnung ohne Hermes gemacht - einen gruseligen kalkweißen Kerl mit Zylinder, der Oskar kurzerhand in eine ebenso fantastische wie groteske Bibliothek entführt. An diesem Ort fernab unserer Realität halten die gnomartigen Schreiber zwischen den knorpeligen Wurzeln eines riesigen Baumes in ihren magischen Büchern die Zeit selbst fest. Und immer dann, wenn Oskar eines der von Hermes aufgestöberten Bücher aufschlägt, versetzt es ihn zurück in seine eigene Vergangenheit. Doch wie er bald erfahren muss, gehört zum Schicksal der Menschen weitaus mehr, als nur das, was sich unserem bloßen Auge offenbart...

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Seitenzahl: 347

Veröffentlichungsjahr: 2019

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uxori carissimae

Unerwünschte Störungen

In der Bibliothek geschahen seltsame Dinge. Hugo von Grabenstein hasste seltsame Dinge! Es gab so viel zu tun und alle außergewöhnlichen Vorkommnisse bedeuteten nichts anderes als Verzögerungen, Aufschub und die Nichteinhaltung von Fristen. Hugo hasste es, wenn er seine Fristen nicht einhalten konnte. Bereits jetzt stapelten sich auf seinem kleinen Schreibtisch zwischen den knorpeligen Wurzeln des großen Baumes die nur halb beschriebenen Blätter und unfertigen Bücher mehrere Meter hoch. Nein! So konnte und so durfte es einfach nicht weitergehen.

Vor Wut schnaubend setzte Hugo sich wieder zurück an seinen Platz und warf zähneknirschend einen neidischen Blick hinüber zu dem Tisch seines unmittelbaren Nachbarn und heimlichen Erzrivalen Theodor von Krummholz. Er konnte es nicht fassen. Obwohl der bereits völlig tattrige Theodor geschlagene zweihundert Jahre älter war als er selbst und im Gegensatz zu ihm noch immer einen altmodischen Griffel anstatt einer fortschrittlichen Schreibmaschine verwendete, lag er auch an diesem Tag – wie leider so oft – eindeutig in Führung. Und das alles nur wegen dieser verfluchten Störungen, von denen der fast vollkommen taube und schon beinahe halb blinde Theodor natürlich vollkommen verschont blieb. Ach, wie sehr sehnte Hugo sich in diesem Moment doch danach, ebenso taub zu sein wie Theodor. Bei seiner einzigen Lebensaufgabe, dem Schreiben, waren seine spitzen Ohren – so klein sie auch sein mochten – doch sowieso nichts weiter als ein elendiges Hindernis.

Aber es half alles nichts. Hugo wusste, dass er sich in den nächsten Stunden nicht einmal die allerkleinste Pause gönnen durfte, wenn er auch nur davon träumen wollte, seinen Rückstand aufzuholen. Sofort begannen seine kleinen dicken Finger erneut unermüdlich und mit der gewohnten Präzision über die Tasten seiner treuen Schreibmaschine zu fliegen. Minute um Minute füllte sich abermals eine Seite nach der anderen und allmählich war Hugo wieder halbwegs zufrieden mit seiner Leistung. Vielleicht, ja vielleicht hatte er tatsächlich doch noch eine winzig kleine Chance, Theodor – diesen überheblichen alten Fatzken – wieder einzuholen. Genau! Er würde ihm schon zeigen, wer von ihnen hier unten zwischen den Wurzeln der Fleißigste von allen war!

»Geronimo!«, erschallte es urplötzlich – und seltsam kratzig – weit über Hugos Kopf. Sofort verfehlte einer seiner Finger die angepeilte Taste. Womit hatte er das nur verdient?! Jetzt musste er auch noch diesen verfluchten Fehler korrigieren. Missmutig blickte Hugo in die Höhe und richtete, verwundert über den merkwürdigen Anblick, der sich ihm dort bot, den Sitz seiner dicken runden Brillengläser.

Viele Meter über ihm, mitten zwischen den gewaltigen Ästen des großen Baumes, herrschte eine schreckliche Aufregung. Hugo sah ein gewaltiges schneeweißes Wesen mit großen schwarzen Hörnern und weit ausgebreiteten Schwingen, das von einer ungemein riesigen Horde schrecklich zerlumpter Gestalten verfolgt wurde, während es gleichzeitig auf einen dichten Schwarm garstiger kleiner Vögel zusteuerte. Alle diese Kreaturen waren Hugo zwar nur allzu gut bekannt – hier im Inneren der Bibliothek hatten sie sich allerdings schon seit einer wahren Ewigkeit nicht mehr blicken lassen. Wen er für seinen Geschmack in letzter Zeit hingegen bereits ein Mal zu oft gesehen hatte, waren die zwei seltsamen Männer, die jetzt auf dem Rücken des gehörnten Wesens saßen und sich tief vornübergebeugt in dessen Gefieder festkrallten.

Der vordere der beiden – eine geradezu grotesk dürre Figur mit knallroten Haaren und einem großen schwarzen Zylinder – schien an dem wilden Ritt ganz offensichtlich sein helles Vergnügen zu haben. Der hintere jedoch – ein glatzköpfiger Mann mit Vollbart, der in einem schmuddeligen grauen Anzug steckte – schaute in eben diesem Moment ängstlich zu Hugo herab. Ja, für den Bruchteil einer Sekunde schien es sogar so, als sähe er ihm direkt in die Augen. Dann aber waren die beiden einfach spurlos verschwunden. Ganz so, als hätte es sie überhaupt nie gegeben.

Verwirrt schüttelte Hugo seinen dicken breiten Schädel und blinzelte mit seinen blutunterlaufenen Augen. Was hatte er da eben nur gesehen?

Schon einen Moment später wurde er Zeuge, wie das schneeweiße Wesen gänzlich von dem Vogelschwarm verschluckt wurde, und kurz darauf fielen auch die zerlumpten Gestalten gierig über es her.

Das, was dann folgte, war eine wilde Luftschlacht, die wohl jeden anderen überaus beeindruckt hätte. Nicht so jedoch Hugo. Der rümpfte nur verächtlich seine kleine spitze Nase und wandte sich endlich der Korrektur jenes verabscheuungswürdigen Tippfehlers zu. Sorgsam drehte er an dem bereits etwas rostigen Rad seiner Schreibmaschine und gemächlich wanderte das eingespannte Blatt Zentimeter für Zentimeter nach oben, sodass er die entsprechende Stelle schließlich leicht erreichen konnte. Vorsichtig schmierte er mithilfe eines schmalen Pinselchens die weiße Flüssigkeit über das falsche Zeichen, spannte das Blatt dann wieder korrekt in die Maschine und fuhr anschließend mit seiner Arbeit fort.

Immer diese verfluchten Ablenkungen! Nun würde er es heute ganz bestimmt nicht mehr schaffen, Theodor noch einzuholen!

Inhaltsverzeichnis

Kapitel

Kapitel

Kapitel

Kapitel

Kapitel

Kapitel

Kapitel

Kapitel

Kapitel

Kapitel

Kapitel

Kapitel

Kapitel

Kapitel

Kapitel

Kapitel

Kapitel

Kapitel

Kapitel

Kapitel

1. Kapitel

Die Haustür fiel mit einem leisen Klacken in ihr Schloss. Oskar drehte sich nicht noch einmal um, sondern beeilte sich, diesen Ort so schnell wie möglich hinter sich zu lassen. Nur wenige Schritte benötigte er, um den Vorgarten zu durchqueren, während der eisige Wind lautstark durch die verzweigten Äste der knorrigen alten Eiche pfiff, auf denen sich bereits die ersten blutjungen Knospen zeigten. Als er auf den Bürgersteig hinaustrat, stürzte sich der Regen von einem Moment auf den anderen mit seiner ganzen Kraft auf ihn und Hunderte kalter Tröpfchen brachen sich unter dem brennenden Gefühl winzig kleiner Nadelstiche auf seinem Gesicht. Zu seinem Glück trennten ihn jedoch nur noch wenige Meter von der Tür seines Porsche, in dessen schwarzem Lack sich das schwache Licht aus den großen Fenstern des Hauses hinter seinem Rücken verzerrt widerspiegelte. In seinem Inneren empfing ihn der wohlige Duft des noch immer brandneuen Sportwagens und kaum hatte er sich angeschnallt, da strich er mit einer Hand liebevoll über das samtweiche Leder des Lenkrades, betätigte die Zündung und melodisch surrend sprang das Auto an.

Wenig später befand Oskar sich auf der fast völlig leeren Landstraße in Richtung Frankfurt und kaum zwanzig Minuten darauf lenkte er den Porsche hinab in den dunklen Eingang der Tiefgarage des großen Apartmenthauses. Schließlich betrat er seine Wohnung, hängte sein Sakko an die Garderobe und stellte seine Schuhe sorgfältig an ihren Platz. Dann ging er zu seiner Hausbar und goss sich in einem Anflug von Übermut viel zu viel Whiskey in ein viel zu kleines Glas.

Während er dieses Glas in seinem großen Lieblingssessel austrank, zog an seinem inneren Auge eine ganze Reihe von Erinnerungen an längst vergangene Ereignisse vorüber, die ihn an diesen Punkt in seinem Leben geführt hatten: Der Stress seines Studiums, sein erster Tag in der Kanzlei, all die vielen Überstunden, aber auch die zahlreichen erfolgreich abgeschlossenen Fälle. Insgesamt sollte er mit sich zufrieden sein, sagte er sich. Sicher, es war nicht immer alles so gelaufen, wie er es sich irgendwann einmal vorgestellt hatte – aber wer konnte das schließlich schon von sich behaupten?

Die leuchtenden Ziffern im Armaturenbrett des Porsche hatten Oskar mitgeteilt, dass es bereits nach neun Uhr abends war, als er den Wagen einige Zeit früher vor dem Haus zum Stehen gebracht hatte, in dem seine Frau Corinna zusammen mit seiner kleinen Tochter Amelie wohnte.

»Du bist spät«, sagte Corinna, als sie die Haustür öffnete und ihren Mann aus müden, rot unterlaufenen Augen anblickte. Sie trug eine löchrige Jogginghose und ein ausgewaschenes T-Shirt, das vor einigen Jahren einmal grün gewesen sein mochte. Zwischen den Fingern ihrer rechten Hand klemmte eine Zigarette, deren Rauch sich in kleinen blauen Spiralen in die Luft empor drehte.

»Du hast wieder angefangen«, bemerkte Oskar. Eigentlich hatte Corinna sich das Rauchen bereits vor langer Zeit abgewöhnt, als sie schwanger geworden war. Bis dahin war es die einzige schlechte Angewohnheit gewesen, die ihn an ihr wirklich gestört hatte. Später waren noch ein paar andere hinzugekommen.

Eine Strähne ihrer schulterlangen blonden Haare wehte Corinna in ihr von dünnen Sorgenfältchen durchzogenes Gesicht. Sie ignorierte sie und zog genervt an ihrer Zigarette. »Es ist kalt. Komm gefälligst rein und kümmere dich um deinen eigenen Kram.« Der Rauch verließ ihren Mund gemeinsam mit ihren trotzigen Worten.

Oskar begab sich in das Innere des kleinen Vorbaus. »Ich hatte noch etwas Wichtiges zu erledigen«, sagte er, während er sich die Füße abtrat.

»Pah! Hast du das denn nicht immer?«

Es fiel Oskar nicht schwer, diese Spitze zu ignorieren. Stattdessen streifte er sich, der Macht einer alten Gewohnheit gehorchend, die Schuhe von den Füßen und stellte sie auf den kleinen hölzernen Schuhschrank, der noch immer treu an seinem Platz stand – an der Wand gleich neben der Eingangstür.

Corinna schloss die Haustür hinter ihnen. »Amelie hat auf dich gewartet.«

»Ich sagte ja, ich hatte noch etwas zu erledigen«, erwiderte Oskar. »Ein wichtiges Telefonat mit einem Vertreter von Tactech hat sich etwas in die Länge gezogen.«

Mit einem leichten Seufzer gab Corinna zu verstehen, was sie von Oskars Rechtfertigung hielt. Wortlos ging sie an ihrem Mann vorüber und Oskar folgte ihr in den Flur. Das weiche Gefühl des dicken Teppichs unter seinen Füßen brachte ein ganzes Bündel an Erinnerungen mit sich, doch er schob es abwehrend zur Seite.

»Papa!« Oskars Tochter Amelie stürzte aufgeregt aus der Küche auf den schmalen Flur hinaus und stürmte mit der ganzen ungebändigten Energie eines Kindes auf ihn zu. Sie steckte in einem pinkfarbenen Schlafanzug, der von einer ganzen Armee vollkommen identischer Einhörner verziert wurde. Mit offenen Armen prallte sie an Oskars Hüfte und zog ihren Vater fest an sich. »Da bist du ja endlich.«

»Kleines Fräulein!«, schimpfte Corinna. »Hatte ich dir nicht gesagt, dass du in der Küche warten sollst?«

»Es tut mir leid, mein Schatz. Ich hatte noch etwas zu tun«, sagte Oskar und strich seiner Tochter liebevoll über den Kopf. Amelie hatte die strohblonden Haare ihrer Mutter geerbt. »Außerdem weißt du doch, dass ich nur kurz vorbeigekommen bin, um schnell etwas zu unterschreiben.«

»Nein!« Amelie drückte sich noch etwas fester an ihren Vater. »Mach das nicht! Bitte Papa!«

Oskar hatte nichts anderes erwartet. Seit er vor einigen Monaten ausgezogen war, nutzte seine Tochter jede einzelne sich ihr bietende Möglichkeit, ihn darum zu bitten, sich nicht von Corinna scheiden zu lassen. Amelie nahm sich die ganze Sache viel zu sehr zu Herzen.

»Aber mein Schatz«, sagte Corinna und trennte ihre Tochter behutsam von Oskar. »Wir haben doch schon so oft über das Ganze gesprochen. Die Sache ist viel komplizierter, als du dir das vorstellst.« Sie führte Amelie vor sich her und Oskar folgte den beiden in die Küche.

Dort angekommen setzte Amelie sich auf einen der Stühle an dem großen Esstisch und verschränkte schmollend die Arme. »Nein!«, rief sie. »Die Sache ist ganz einfach. Papa soll das nicht unterschreiben.«

Mit Ausnahme des stinkenden übervollen Aschenbechers, in dem Corinna jetzt ihre Zigarette ausdrückte, sah die Küche noch immer genauso aus, wie Oskar sie seit Jahren kannte. Mitten auf dem großen Esstisch stand die kleine blaue Blumenvase, die Corinna irgendwann einmal von seiner Mutter zum Geburtstag geschenkt bekommen hatte. Auf der Arbeitsplatte gleich neben dem Herd sah er die alte Kaffeemaschine, die sie damals noch vor ihrer Hochzeit als ersten Gegenstand ihrer gemeinsamen Wohnung zusammen ausgesucht hatten und die Corinna – wie er genau wusste – nur deswegen nie gegen eine neue ausgetauscht hatte. Und auch an der Tür des großen Kühlschrankes hing weiterhin jenes Bild, das Amelie vor gar nicht allzu langer Zeit in der Schule gemalt und mit nach Hause gebracht hatte. Es zeigte die ungelenken Versuche einer kaum Sechsjährigen, ihre Familie zu porträtieren: Oskar in der Mitte – wie er fand etwas unvorteilhaft um die Hüfte herum dargestellt – mit Corinna und Amelie links und rechts an seinen Händen. Darüber stand mit rotem Buntstift in Buchstaben, denen man die ersten unbeholfenen Schreibversuche noch deutlich ansah: Meine Famlie.

»Amelie möchte, dass das dort hängen bleibt«, erklärte Corinna, als sie bemerkte, dass Oskars Blick auf dem Bild ruhte.

Die Worte seiner Frau klangen ein wenig zu gleichgültig in Oskars Ohren. »Dann lass es halt hängen«, sagte er und zuckte mit den Schultern. »Warum schließlich auch nicht? Wir sind ja weiterhin ihre Eltern, oder etwa nicht?«

»Aber wir sind keine Familie mehr!«, rief Amelie.

»Ach was! Blödsinn!« Oskar ging zu seiner Tochter, bückte sich und fasste sie bei den Schultern. »Zwar kann man die Zeit nicht zurückdrehen, aber eins verspreche ich dir hoch und heilig: Ich werde mich immer darum kümmern, dass ihr zwei gut versorgt seid. Du ganz besonders. Und natürlich werden wir uns auch weiterhin sehen. Aber glaub mir mein Schatz, so ist es wirklich das Beste für alle Beteiligten.« Nach einer kurzen Pause fügte er hinzu: »Außerdem kannst du dich bei mir melden, wann immer du möchtest.«

Amelies Blick wanderte hinab auf Oskars Knie. »Ach. Du hast ja eh nie Zeit.«

»Ich bin viel beschäftigt, ja«, gab Oskar zu und richtete sich auf. »Aber nur dank meiner Arbeit können Mama und du hier in diesem schönen großen Haus leben und …«

»Tu bloß nicht schon wieder so verdammt gönnerhaft!«, fiel Corinna ihm aufgebracht ins Wort. Ihre Augen funkelten angriffslustig. »Ich arbeite schließlich auch, vergiss das gefälligst nicht immer! Außerdem geht es Amelie um dich, nicht um dein verdammtes Geld. Wann verstehst du das endlich? Geld, Geld, Geld, das ist alles, an das du seit Jahren denkst!«

Oskar konnte sich ein hochmütiges Lächeln nicht verkneifen. »Na ja, bei deinem kleinen Lehrergehalt würdest du ja wohl auch noch vierzig Jahre lang die Raten für ein Haus wie das hier abstottern.« Er blickte sich suchend in der Küche um. »Aber lassen wir das. Wo sind jetzt diese Papiere?«

Corinna sah ihren Mann einen Augenblick lang fassungslos an. Dann schüttelte sie kaum merklich den Kopf. »Ach, es hat doch sowieso keinen Sinn mehr mit dir. Seitdem du damals diese verdammte Stelle bei Hausmann Meier angenommen hast, hast du dich einfach so sehr verändert, dass ich dich überhaupt nicht mehr wieder erkenne.« Sie seufzte. »Was ist nur damals mit dir passiert?«

»Ich …«, setzte Oskar an.

Doch Corinna winkte ab. »Lass es bloß sein! Ich will das alles wirklich nicht noch einmal hören. Warte hier. Ich hole gleich die Papiere.« Sie drehte sich zu ihrer Tochter herum. »Aber vorher bringe ich dich kleine Dame erstmal auf dein Zimmer. Na los, sag Papa gute Nacht.«

Doch Amelie blieb wie angewurzelt sitzen.

»Hör auf deine Mutter, meine Kleine«, sagte Oskar.

»Aber ich will nicht auf mein Zimmer!« Ein ängstlicher Ausdruck trat in Amelies Augen. »Da, da sind doch die Monster!«

»Du hast gehört, was ich gesagte habe. Außerdem hast du dafür doch deine Puppe.« Corinnas verärgerte Stimme zitterte leicht und Oskar erkannte deutlich, wie seine Frau ihre Tränen zurückhalten musste. Warum war sie bloß so verdammt emotional?

Amelie zögerte noch einen Moment. »Na gut«, seufzte sie dann, stand sichtlich widerwillig auf, ging zu Oskar und legte ihre kleinen Arme um ihn. »Gute Nacht, Papa.«

»Gute Nacht, mein Schatz«, sagte Oskar und gab ihr einen schnellen Kuss auf die Stirn. »Ich hab dich lieb.«

»Ich dich auch.«

Während Corinna Amelie daraufhin in ihr Zimmer im Obergeschoss des Hauses brachte, rang Oskar mit der Frage, warum sie die Kleine gerade an diesem Abend überhaupt zu ihm gelassen hatte. Musste Corinna ihr das Ganze wirklich noch schwerer machen, als es für sie ohnehin bereits war?

Als Corinna wenige Minuten später in die Küche zurückkehrte, hatte sie sich – so schien es Oskar zumindest – wieder etwas beruhigt. In ihrer Hand hielt sie mehrere aneinander geheftete Blatt Papier. »Amelie nimmt das alles wirklich ganz schön mit, weißt du?«, sagte sie und legte die Blätter auf den Küchentisch.

Oskar nickte – ohne den Gedanken jedoch weiter zu verfolgen. »Was war das denn vorhin von wegen Monster?«, fragte er stattdessen.

Corinna massierte sich die Stirn. »Ach weißt du, das ist gerade nur wieder so eine Phase von ihr.« Sie zündete sich eine Zigarette an, nahm einen ersten Zug und blies den Rauch in die Küche. »Das geht schon eine ganze Zeit so.«

»Ach?«

»Ja. Aber als ich vor kurzem mit ihr in der Stadt war, sind wir an einem Flohmarkt vorbei gekommen. Du weißt schon, so einem, wo die Leute ihren ganzen alten Plunder verkaufen.« Sie zog an ihrer Zigarette. »Ich hatte gedacht, die gäbe es heutzutage gar nicht mehr.«

»Hmm.« Eigentlich wollte Oskar nur die Papiere unterschreiben und verschwinden. »Dachte ich auch.«

»Na ja, wie auch immer. Plötzlich wollte sie auf jeden Fall unbedingt so eine schäbige alte Puppe haben. Sie war von dem Stand überhaupt nicht mehr weg zu bekommen. Ein echt schräges Teil. Gehörte irgend so einer schludrigen alten Frau.« Corinna schüttelte den Kopf. »Zuerst wollte ich ihr die natürlich nicht kaufen. Aber dann kam mir so eine Idee und ich habe ihr erzählt, dass die Puppe sie von jetzt an vor den bösen Monstern beschützt. Tja, und dadurch war es wirklich auch eine Zeit lang besser.« Ein Anflug von Stolz huschte über Corinnas müdes Gesicht – verschwand aber genauso schnell, wie er gekommen war. »Ich hab wirklich keine Ahnung, warum sie gerade jetzt plötzlich wieder damit anfängt.«

»Du weißt ja, wie Kinder sind«, sagte Oskar. »Ich hatte in ihrem Alter immer panische Angst vor kleinen grünen Kobolden unter meinem Bett.« Er seufzte, nahm sich die Papiere vom Küchentisch und begann in ihnen zu blättern. »Aber wenn du genau weißt, dass sie das alles so aufregt, warum hast du sie dann heute nicht zu deinen Eltern gebracht?«

»Na, warum wohl?!«, blaffte Corinna und ohne dass Oskar es sich wirklich hätte erklären können, schien sie von einem auf den anderen Moment vor Wut regelrecht zu kochen. »Weil sie dich unbedingt sehen wollte.«

Oskar horchte auf. Allerdings nicht aufgrund von Corinnas Worten, sondern weil ihm war, als höre er das leise Getrappel kleiner Kinderfüße im Flur des Obergeschosses. Doch vermutlich hatten ihm bloß seine Ohren einen Streich gespielt. »Nun, das war ja wohl nicht gerade die beste Idee, oder?«, wandte er seine Aufmerksamkeit wieder dem Gespräch zu.

»Du!« Corinna machte einen schnellen Schritt auf Oskar zu. Offensichtlich hatte sie alle Mühe, ihren Zorn zu unterdrücken.

Oskar hingegen blieb ruhig. »Ich was?«

»Du Riesenarschloch!«, rief sie. »Du verstehst wirklich überhaupt gar nichts mehr!«

»Ich verstehe was nicht?«, fragte Oskar, trennte seinen Blick jedoch nicht auch nur für eine Sekunde von den Papieren, sondern schlug betont desinteressiert die nächste Seite auf.

»Dass du schuld an allem bist! Dass dank dir einfach alles den Bach herunter geht! Dass deine kleine siebenjährige Tochter deinetwegen oben in ihrem Zimmer liegt und in ihr Kissen weint, weil sie sich von ihrem Vater verlassen fühlt!«

Oskar schaute in Corinnas zornige Augen. Musste sie denn immer gleich so übertreiben? »Also, ich würde ja sagen, dass an einer gescheiterten Beziehung immer beide Parteien eine gewisse Mitschuld tragen.«

»Ach, ja?!« Corinna taumelte gespielt zwei Schritte zurück, als hätte man sie vor den Kopf gestoßen. »Und was wäre dann bitte meine Schuld, Mister Neunmalklug? Vielleicht, dass ich mich jeden Tag um unsere Tochter gekümmert habe, während du kaum mal zu Hause warst?«

»Bitte. Mach dich nicht lächerlich. Ich muss eben arbeiten.« Oskar hatte wirklich überhaupt keine Lust, all diese Dinge, die sie schon gefühlt eine Million Mal miteinander durchgekaut hatten, heute Abend noch ein weiteres Mal zu diskutieren.

»Es geht im Leben nicht immer nur um deine verfluchte Arbeit!«, schrie Corinna, der jetzt endgültig der Kragen zu platzen schien. »Du hast wirklich jedeverdammte Möglichkeit dazu genutzt, dein scheiß Büro nicht zu verlassen! Wenigstens ab und zu hättest du doch auch mal einen Abend mit uns verbringen können!«

»Ach, jetzt hör aber auf! Ich war immer da, wenn es für euch wichtig war.«

»Das ist eine glatte Lüge! Und das weißt du auch!« Corinna war dermaßen außer sich, dass sie erst bemerkte, dass ihre Zigarette mittlerweile ganz verqualmt war, als die Glut ihre Finger erreichte. »Verdammt!«, rief sie, verzog ihr Gesicht und steckte den glimmenden Stummel in den Aschenbecher. »Du warst ja nicht einmal für mich da, als Julia gestorben ist.«

Oskar warf seiner Frau einen flüchtigen Blick zu. »Jetzt fang bloß nicht wieder damit an. Es ging halt nicht. Außerdem …«

»Außerdem was?«

Oskar hatte diese Diskussion in den letzten Jahren schon viel zu oft geführt, um noch jedes einzelne seiner Worte auf die Goldwaage zu legen. »Außerdem war das doch wohl eher Julias Problem als deines.«

Corinna starrte Oskar fassungslos und mit vor Zorn geweiteten Augen an. Erst nach einer Weile ergriff sie wieder das Wort. Ihre Stimme war jetzt leise und in ihre Worte mischte sich ein unterdrücktes Schluchzen. »Und du hast damals mit diesem Flittchen geschlafen«, presste sie zwischen ihren Zähnen hervor. »Nicht ich.«

Oskar blickte von den Papieren auf. Corinnas zornige Augen hatten sich inzwischen mit Tränen gefüllt. Er fragte sich, was sie nur für ein Problem hatte. Schließlich würde es ihr an überhaupt nichts fehlen. Seine monatlichen Unterhaltszahlungen waren generös und vertraglich verbrieft auf eben jenen Seiten, die er gerade in der Hand hielt. Ja, sogar das große Haus, das sie sich ohne ihn nie im Leben hätte leisten können, war das ihre, solange sie zusammen mit Amelie darin wohnen wollte. Erst bei einem etwaigen Verkauf standen ihm fünfzig Prozent des Erlöses zu. In finanzieller Hinsicht konnte man sie als vollkommen sorgenfrei bezeichnen. Was wollte sie denn schon mehr?

Oskar griff in die Innentasche seines Sakkos, zog einen Kugelschreiber hervor, legte die Papiere auf den Küchentisch und unterschrieb sie mehrmals an verschiedenen Stellen. »So. Damit wäre das erledigt.« Er steckte den Kugelschreiber wieder ein und hielt Corinna die Papiere hin. »Und spare dir bitte in Zukunft diese alten Kamellen, ja?«

Corinna nahm die Papiere entgegen. Einen Augenblick lang erweckte sie den Eindruck, als wüsste sie nicht, was sie dort in ihrer Hand hielt. Dann endlich schien der Gedanke sie zu erreichen. »Raus!«, rief sie. »Mach bloß, dass du verschwindest!«

2. Kapitel

Als Oskar am nächsten Morgen durch das nachdrückliche Summen seines Weckers erwachte, fühlte er sich so benommen wie nach einer allzu langen und ausgelassenen Weihnachtsfeier. Für einen kurzen Moment fragte er sich, woran das nur liegen konnte – bis ihm das große Glas Whiskey wieder einfiel, das er sich so spät am vergangenen Abend noch zu Gemüte geführt hatte. Einen Augenblick lang kämpfte er mit seiner Benommenheit, dann aber stand er auf und schlüpfte in seine Hausschuhe. Er wurde halt auch nicht jünger.

Wie an jedem anderen Morgen schob er auch heute zuerst die schweren weißen Vorhänge seines Schlafzimmerfensters beiseite und öffnete es. Das helle Tageslicht brannte in seinen trüben Augen. Daher dauerte es einen Moment, bis er sah, dass der Regen aufgehört hatte und auch die dunklen Wolken zum größten Teil fortgezogen waren. Der graue Asphalt der Straßen weit unter ihm war noch immer sichtlich nass. Ansonsten aber war ein kalter Wind alles, was von dem schlechten Wetter des vergangenen Tages übrig geblieben war. Für die Jahreszeit versprach es ein durchaus schöner Tag zu werden.

Es war kurz nach sieben. Oskar hatte sich seit einigen Jahren angewöhnt, um diese Uhrzeit aufzustehen. In zwei Stunden würde er wie immer im Büro sein. Da er seine Arbeitszeiten im Wesentlichen selbst bestimmen konnte, hätte er zwar ebenso gut auch etwas später anfangen können, allerdings bekam er vormittags einfach am meisten erledigt. Doch dies hielt ihn – wie Corinna hierzu sicherlich etwas bitter bemerkt hätte – keineswegs davon ab, oft bis spät abends in der Kanzlei zu bleiben, wenn seine Arbeit es erforderte. Und das tat sie fast täglich.

Als er wenige Minuten später aus der Duschkabine trat, fühlte er sich wesentlich wacher. Während des Zähneputzens warf er – wie so oft in letzter Zeit – einen kritischen Blick in den Spiegel. Sicher, die Tatsache, dass ihm nur noch an den Seiten seines Kopfes einige kurz rasierte graue Stoppeln geblieben waren, verhinderte jeden Versuch, sein wahres Alter zu leugnen. Ebenso wie die vielen kleinen Fältchen und das ein oder andere Kilo zu viel, das in den letzten Jahren dazu gekommen war. Seiner Meinung nach verliehen ihm seine Glatze und die Falten in Verbindung mit seinem grau melierten Vollbart jedoch mehr Reife – und damit auch eine gewisse Attraktivität – als es noch die vollsten Haare und das glatteste Gesicht jemals gekonnt hätten. Ja, alles in allem konnte er mit sich zufrieden sein.

Schließlich saß Oskar alleine in seiner geräumigen Küche, trank schwarzen Kaffee und aß eine kleine Schale Müsli. Ein großzügigeres Frühstück – ein absolutes Muss für Corinna – hatte er sich nach ihrer Trennung ziemlich schnell abgewöhnt. Die Zubereitung erschien ihm als Zeitverschwendung. Es gab wirklich wichtigere Dinge. Vor ihm auf dem Küchentisch stand sein Tablet-PC, auf dem er jeden Morgen die Tageszeitung las. Sein ganz besonderes Interesse erweckte heute ein kleiner Artikel im Wirtschaftsteil:

Bevorstehende Fusion von Tactech und Pan-Sec fast perfekt.

Bei diesen Unternehmen handelte es sich um zwei IT-Security Riesen, die Oskar nur zu gut kannte, da sie ihn derzeit sehr auf Trab hielten. Die beiden Großmächte ihrer Branche standen im Begriff, nicht nur ihre Firmen, sondern auch einen Großteil ihrer Produkte miteinander zu verschmelzen. Es waren Millionen im Spiel und besonders an der Börse wurde die Fusion daher äußerst kritisch beäugt. An diesem Punkt kam Oskars Arbeitgeber, die Kanzlei Hausmann Meier, ins Spiel, denn selbstverständlich ging eine solche Aktion niemals ohne Komplikationen im rechtlichen Bereich vonstatten. Managerverträge mussten neu ausgehandelt, ein komplett neuer Vorstand aufgebaut und – was vor allem in diesem Fall von ganz besonderer Bedeutung war – umfangreiche Patentrechte überschrieben werden.

Zwar handelte es sich bei Hausmann Meier um eine sehr alte deutsche Kanzlei, doch gerade in dem vergangenen Jahrzehnt hatte sie durch eine immer weiter fortschreitende Spezialisierung auf IT- und Wirtschaftsrecht einen wahren Boom erlebt. Der Fall Tactech/Pan-Sec war daher zwar nur eines in einer langen Reihe ähnlicher Projekte – aber definitiv eines der profitabelsten. Nicht zuletzt für Oskar.

Als er die Anstellung bei Hausmann Meier vor einigen Jahren angenommen hatte, hatte sich der kometenhafte Aufstieg der Kanzlei zwar bereits am Horizont abgezeichnet, war aber noch lange keine Realität gewesen. Tatsächlich war Oskar überaus stolz darauf, dass er selbst zu einem nicht unwesentlichen Teil dazu beigetragen hatte, ihn Wirklichkeit werden zu lassen. Ja, durch seinen fleißigen Einsatz war er in der Hierarchie der Kanzlei schnell so weit nach oben geklettert, dass so gut wie in allen wichtigen Fällen, in die seine Abteilung involviert war, seit Jahren kein Vertrag mehr abgeschlossen wurde, ohne dass er zuvor durch seine Hände gegangen wäre. Oskar genoss das befriedigende Gefühl, das damit verbunden war, Ereignisse von großer wirtschaftlicher Bedeutung mitzugestalten. Dass sein Familienleben für diesen gewaltigen beruflichen Erfolg oft hatte zurückstecken müssen, empfand er dabei als eine Selbstverständlichkeit.

Auch in dem kurzen Artikel der heutigen Zeitung spiegelten sich zwischen den Zeilen Oskars jüngste Bemühungen wider. »Es wird im Allgemeinen davon ausgegangen, dass die endgültige Fusion der beiden Konzerne noch vor Ende des Monats zur rechtlichen Tatsache wird. Bedeutende Komplikationen werden gemeinhin nicht erwartet«, las Oskar laut vor und fügte hinzu: »Was der Kanzlei Hausmann Meier eine gewaltige Stange Geld einbringen wird. Ha!« Er lachte, klappte das Cover des Tablet-PCs zu und stand auf. Der erfolgreiche Abschluss dieses Falls würde ihm mindestens einen großen Bonus einbringen, vielleicht sogar eine weitere Gehaltserhöhung. Soviel stand fest.

Einige Minuten später befand Oskar sich wieder hinter dem Lenkrad seines Porsche. Wie an jedem Morgen legte er auch heute die wenigen Kilometer von der einen Tiefgarage seines Wohnhauses in die andere Tiefgarage des Kanzleigebäudes mit dem Auto zurück. Und wie so oft geriet er dabei auch heute in einen Stau. Da er an diese Situation allerdings seit langem gewöhnt war, war er weit davon entfernt, sich aufzuregen. Besonders an diesem Tag konnte der dichte Berufsverkehr seiner Laune kein Härchen krümmen. Nicht nur war seine Scheidung endlich ein rechtlicher Fakt, auch der Fall Tactech/Pan-Sec war so gut wie abgeschlossen. Was machten da schon ein paar Autos vor ihm oder hinter ihm? Immerhin schien der Himmel selbst seine Hochstimmung zu teilen! Denn kaum hatte er die Garage verlassen, da verzogen sich auch noch die letzten übergebliebenen Wolken und ließen den warmen Strahlen der Sonne freie Bahn.

Oskars Handy klingelte. Das Display seines Bordcomputers meldete ihm, dass es sich bei dem unerwarteten Anrufer um Martin handelte, seinen langjährigen besten Freund und Arbeitskollegen. Oskar schaltete den Anruf auf seine Freisprechanlage.

»Guten Morgen. Was gibt’s denn, das nicht noch die paar Minuten warten kann?« Martin war für gewöhnlich ein wenig eher in seinem Büro als Oskar – damit er es so früh wie möglich wieder verlassen konnte. »Ich bin doch gleich in der Kanzlei. Stehe nur gerade wie immer im Stau.«

»Guten Morgen, du haarige Billardkugel,« kicherte Martin. »Deswegen rufe ich dich ja an. Du musst heute wohl woanders parken. Die Zufahrt zu unserer Tiefgarage ist blockiert.«

Oskar stutzte. »Blockiert?«

»Ja. Aber Gott sei dank wahrscheinlich nicht mehr allzu lange. Die Purzilei ist gerade dabei, die da wegzuschaffen.« Er seufzte. »Aber eben wird das noch nichts, tut mir leid.«

»Wegzuschaffen?« Oskar ärgerte sich, dass offensichtlich irgendwer im Begriff war, einen lästigen Schatten auf seinen perfekten Tag zu werfen. »Du sprichst in Rätseln. Ist da etwa eine Demonstration im Gange, oder so was?«

»Ha! Schön wärʼs. Aber nein, das hier ist viel skurriler.«

»Nun mach es doch nicht so unnötig spannend«, rief Oskar, doch genau in diesem Moment drängelte sich ein kleiner zerbeulter Opel Corsa so unmittelbar vor seinem Wagen in die Spur, dass er ihm um ein Haar in die Seite gefahren wäre, wenn er nicht kräftig auf die Bremse getreten hätte. »Du Spinner!«, brüllte Oskar und betätigte mehrmals die Hupe.

»Hey! Kein Grund gleich ausfallend zu werden.«

»Was? Ach so, nein, ich meinte hier jemanden auf der Straße. Aber nun raus mit der Sprache. Sag endlich, was da los ist.«

»Gerne. Aber du wirst es mir eh nicht glauben. Unser gesamtes Gebäude ist umgeben von einem großen Flohmarkt.«

»Einem was?« Oskar traute seinen Ohren nicht. »Jetzt verarschst du mich aber!«

»Keineswegs! Glaub mir, ich wünschte, es wäre so. Aber du wirst das ja alles gleich selbst sehen. Such dir nur irgendwo anders einen Parkplatz, in Ordnung?« Martin musste lachen. »Irgendwie ist es ja auch ganz witzig. Manche von den Verkäufern schießen echt den Vogel ab. Aber wie auch immer. Bis gleich. Ich hab zu tun.«

»Bis gleich«, beendete auch Oskar das Gespräch. »Ein Flohmarkt also«, sagte er zu sich selbst. »Na, da bin ich aber mal gespannt.«

Im Herzen Frankfurts einen Parkplatz zu finden, der sich auch nur halbwegs in der Nähe von Oskars Büro befand, war gar kein so einfaches Unterfangen. Nachdem er eine gefühlte Ewigkeit mit der Suche im dichten Stadtverkehr verschwendet hatte, war sein Geduldspotential endgültig aufgebraucht. Daher entschied er sich zu der zwar teuersten aber auch einfachsten Lösung und fuhr direkt zum größten Parkhaus der Stadt. Etwa zwanzig Minuten nachdem er seinen Wagen dort abgestellt hatte, näherte er sich langsam seinem Ziel. Von weitem sah er bereits die Spitze des Hochhauses, in dessen gläsernen Fenstern sich die hellen Strahlen der Sonne brachen. Die Basis des Bürogebäudes wiederum – den Ort, an dem sich dieser seltsame Flohmarkt befinden sollte – verdeckten im Moment noch mehrere kleinere Gebäude. Trotzdem meinte Oskar, schon das gedämpfte Gemurmel Hunderter Stimmen hören zu können. Endgültig von Neugier gepackt, beschleunigte er seinen Schritt.

Wenig später bog er um die letzte verbliebene Ecke und sein Blick fiel das erste Mal auf die zahlreichen Tische und Pavillons sowie all die Autos und Kleinbusse, die das gesamte untere Ende des Hochhauses so eng umfassten wie ein viel zu tief sitzender Gürtel. Zwischen diesen Ständen ging eine überraschend große Menschenmenge hin und her und musterte neugierig die angebotenen Dinge. Bereits jetzt erkannte Oskar edle Schreibtische und verzierte Stühle, bunte Gemälde und antike Standuhren, ja sogar den großen goldenen Trichter eines alten Grammophons, der in der hellen Sonne blitzte und blinkte. Am äußersten Rande des Ganzen sah er außerdem – wie von Martin erwähnt – einige Polizeiautos, sowie die dazu gehörigen Beamten in ihren blauen Uniformen, die energisch gestikulierend mit einigen der Personen an den Ständen beschäftigt waren.

Schließlich betrat Oskar den Flohmarkt und obwohl er sich ursprünglich fest vorgenommen hatte, dieses lästige Hindernis so schnell wie möglich zu durchqueren, um endlich in seine Kanzlei zu gelangen, spürte er plötzlich – jetzt, da er all die angebotenen Waren aus nächster Nähe sah – wie die Stände eine geradezu magische Anziehungskraft auf ihn ausübten und seinen Blick regelrecht fesselten. Wie ferngesteuert begann deshalb auch er, über den Markt zu schlendern, als wäre dieser in Wirklichkeit schon die ganze Zeit lang sein Ziel gewesen.

Nach einigen Metern kam er an einem Stand vorbei, der einer dicklichen Frau gehörte, die altes, sichtlich wertvolles Porzellan verkaufte. Der große Tisch, hinter dem sie saß und ihrerseits die Besucher des Marktes beobachtete, war über und über mit zierlichen Tassen, Teekännchen und Tellern bestellt. Oskar sah zerbrechliche Vasen, edle Schüsselchen aber auch kleine Figürchen, die bunte Elefanten, elegante Frauen und Männer in barocken Kleidern oder freudig hechelnde Hunde darstellten. Ja, tatsächlich wirkte sogar die Besitzerin selbst, mit ihrer sehr weißen Hautfarbe, ihren merkwürdig leblosen Puppenaugen und ihrem weit geschnittenen, altertümlichen Kleid, auf Oskar ein wenig so, als sei auch sie ganz aus Porzellan gemacht.

Nur wenige Augenblicke später sah er sich mit einem anderen Stand konfrontiert, der kaum einen größeren Gegensatz hätte darstellen können. Vor einem geöffneten VW-Kleinbus – dem selbst schon beinahe ein Platz im Kreise der Antiquitäten gebührte – waren auf kleinen Tischen, Ständern und in Schaukästen Militaria aller Gattungen ausgestellt. Oskar sah Orden, Uniformen und Patronenhülsen, Helme, Bajonette und Gürtelschnallen. Auf dem Kopf einer lädierten, alten Schaufensterpuppe saß eine glänzende Pickelhaube, während an ihrer Seite ein rostiges Gewehr lehnte. Gerade wunderte Oskar sich noch über dessen mögliche Funktionstüchtigkeit, als ihm auffiel, dass auch der Besitzer dieses Standes beinahe so aussah, als wäre er ebenfalls ein Teil seiner Auslagen. Mit übereinander geschlagenen Beinen saß auf der Kante der geöffneten Tür des Busses ein drahtiger alter Mann mit grauen Haaren und einem vollen Schnauzbart, der sich an den Seiten weit empor kringelte. Er trug eine alte Uniform und musterte seine potentiellen Kunden mit scharfem Blick durch ein Monokel. Oskar ging ganz schnell weiter.

Besonders ins Auge fiel Oskar außerdem ein einzig und allein unzähligen von Schallplatten gewidmeter Stand, dessen langhaariger Verkäufer eine dünne Nickelbrille trug, während ein anderer kauziger Händler – der allerlei Gemälde von Sonnenblumen und surrealen Sternenhimmeln anbot – nur noch ein Ohr besaß. Aber auch der Rest des Marktes war ähnlich kurios.

Als er sich nach einiger Zeit wie an einen vergessenen Traum wieder daran erinnerte, dass er eigentlich in seine Kanzlei musste, wo man sicherlich bereits auf ihn wartete, wusste Oskar zuerst nicht, wie lange die Eindrücke des Marktes ihn festgehalten hatten. Durch einen schnellen Blick auf seine Armbanduhr erfuhr er jedoch, dass sein gewöhnlicher Arbeitsbeginn nun mehr als zwei Stunden der Vergangenheit angehörte. »Verdammt!«, fluchte er so laut, dass sich einige der anderen Marktbesucher verwirrt zu ihm herum drehten, und zielstrebig machte er sich auf den Weg zu dem Haupteingang des Bürogebäudes. Dabei kam er zwar noch an zahlreichen anderen Ständen vorbei, doch unter der Aufwendung all seiner Willenskraft gelang es ihm, sie größtenteils zu ignorieren. Bis zu dem Augenblick jedenfalls, in dem er angesprochen wurde.

»Hey, du!«, sagte eine seltsam kratzige Stimme neben Oskar. »Ja genau. Du da ohne Haare. Willst du nicht wenigstens mal einen kurzen Blick riskieren, was ich hier so alles anzubieten habe?«

Oskars Antwort kam völlig automatisch. »Ich habe keine Zeit.« Seltsamerweise blieb er aber dennoch stehen.

»Ach, so ein Quatsch! Für ein gutes Buch hat man immer Zeit«, beharrte die Stimme. »Oder man nimmt sie sich.«

Oskar konnte sich beim besten Willen nicht daran erinnern, wann er das letzte Mal ausreichend Zeit zu verschwenden gehabt hatte, um ein Buch zu lesen. Dennoch wandte er sich zu der kratzigen Stimme herum – wenn auch nur, um seine Neugier zu stillen, mit was für einer Kuriosität von Mensch er es in diesem Fall wohl zu tun hatte.

Er wurde nicht enttäuscht. Vor ihm stand ein geradezu grotesk schlaksiger Mann, der ihn um mehr als einen ganzen Kopf überragte. Seine fast schon unnatürliche Größe wurde noch dadurch gesteigert, dass er einen bereits sehr lädierten, aber noch immer samtschwarzen Zylinder trug, an dessen Seite eine weiße Feder mit einem kurzen schwarzen Ende befestigt war. Ansonsten steckte er in einer zerschlissenen ebenfalls schwarzen Weste und einem furchtbar knittrigen weißen Hemd mit dünnen Nadelstreifen. Seine dichten, ja geradezu wolligen Haare waren kurz und von demselben intensiven Rot wie sein langer Ziegenbart. Knallrot war ebenfalls seine Hose, die außerdem ein breites Karomuster durchzog. Sein Gesicht hingegen war geradezu kalkweiß und wurde dominiert von zwei starren schwarzen Pupillen – sowie einem regelrecht diabolisch breiten Grinsen.

»Bist du noch da?«, fragte der Mann, nachdem Oskar ihn bereits eine geraume Zeit lang mit offenem Mund angestarrt haben musste.

»Ähem. Entschuldigung?«

»Ist schon gut. Kein Problem. Manchmal habe ich diese Wirkung auf Menschen«, sagte der Mann und streckte Oskar ein zwar kleines, dafür aber ziemlich dickes, in Leder gebundenes Buch entgegen. »Hier! Guck dir lieber das mal an. Glaub mir, das musst du wirklich unbedingt gelesen haben!«

Oskar hatte jedoch absolut kein Auge für das Buch. Denn erst jetzt fiel ihm auf, dass der Stand dieses komischen Kerls – wenn man es denn überhaupt so nennen konnte – sogar noch um einiges merkwürdiger war als er selbst. Bei diesem nämlich handelte es sich ausschließlich um Tausende von Büchern, welche sich – keineswegs ordentlich aufgetürmt, sondern als wären sie von einem riesigen Laster einfach an dieser Stelle ausgekippt worden – um ihren kauzigen Verkäufer herum zu solch enormen Bergen aufhäuften, dass Oskar nur vermuten konnte, es mochten sich irgendwo unter ihnen vielleicht auch noch Tische befinden. Neben unzähligen Taschenbüchern in allen möglichen Stadien ihres typischen Verfalls sah er in diesem lieblosen Durcheinander allerdings auch einige wirklich schöne Ausgaben von in Leinen oder Leder gebundenen Klassikern. Unwillkürlich dachte er an Corinna. Unordnung hin oder her – er hätte wohl alle Mühe gehabt, sie hier wieder wegzubekommen.

»Hallo-o?!«, sagte der Mann und streckte Oskar das Buch jetzt sogar noch nachdrücklicher entgegen.

»Ähm, ich ähm, ja ich brauche wirklich kein Buch.« Oskar winkte ab – zögerte dann aber doch noch einen Augenblick. Wie von dem gesamten Markt an sich, so schien auch von diesem Buch eine geradezu unheimliche Anziehungskraft auszugehen. Er spürte regelrecht, wie sich seine Finger verselbstständigen wollten. Daher kostete es ihn eine geradezu körperliche Anstrengung, ablehnend den Kopf zu schütteln und hinzuzufügen: »Aber danke für das Angebot.«

»Bitte bitte«, sagte der Mann und ließ das Buch wieder sinken. Sein unheimliches Grinsen wurde sogar noch ein kleines bisschen breiter. »Aber du wirst schon noch sehen. Dieses Buch brauchst du ganz bestimmt.«

Endlich fasste Oskar sich ein Herz. »Das glaube ich kaum«, sagte er, drehte sich mit einem Ruck von dem Mann weg und ging mit großen Schritten in Richtung Haupteingang des Hochhauses. Er war sowieso schon viel zu spät dran. Doch ohne dass er zu sagen gewusst hätte warum, lief ihm in eben diesem Augenblick ein eiskalter Schauer den Rücken hinunter.

3. Kapitel

Erweckte das Hochhaus, das die Kanzlei Hausmann Meier beherbergte, bereits von außen den Eindruck, als würde es ausschließlich aus Glas bestehen, so setzte dieser sich auch in seinem Inneren konsequent fort. Überall hatte der federführende Architekt peinlich genau darauf geachtet, die tragenden Elemente des Gebäudes durch optische Tricks und Kniffe auf ein Minimum zu reduzieren, während gleichzeitig der zur Verfügung stehende Raum maximiert wurde. Bei der Gesamterscheinung des Gebäudes handelte es sich daher – wie Oskar schon oft und nicht ohne einen gewissen Stolz gedacht hatte – um ein wahres Sinnbild eben jener Werte, mit denen sich seine Kanzlei identifizierte: Effizienz und Kompetenz.

Oskars Abteilung befand sich in der 23. Etage, weshalb es die Taste mit dieser Zahl war, die er – keine zwei Minuten nachdem er sich von dem seltsamen rothaarigen Kauz losgerissen hatte – im Inneren des Fahrstuhls betätigte. Als sich die silberfarbenen Schiebetüren der Kabine kurz darauf wieder für ihn öffneten, trat er hinaus auf den Flur – und somit hinein in seine eigene Welt.

»Guten Tag, Herr Kaufmann«, begrüßte ihn Silvia, die stämmige, etwa sechzigjährige Sekretärin hinter dem Empfang. »So spät heute?«

»Tag«, erwiderte Oskar und blieb kurz stehen. Er mochte Silvia, die in gewisser Weise eine Art Mutterrolle in der Abteilung innehatte und bereits so lange für Hausmann Meier arbeitete wie niemand anders, den er kannte. »Tja, heute kam irgendwie aber auch wirklich alles zusammen. Zuerst natürlich wie immer der Stau und dann musste ich mir wegen dieses seltsamen Flohmarktes auch noch einen Parkplatz in der Stadt suchen.«

Silvia nickte verständig. »Ja, der macht uns schon den ganzen Morgen Probleme.« Sie legte die Stirn unter ihren kurz geschnittenen grauen Haaren in Falten. »Was das aber auch ist. Ich habe so etwas jedenfalls noch nicht erlebt. Heute Morgen war der plötzlich da und keiner weiß so recht, was es damit auf sich hat.«

»Na ja, aber die Polizei scheint sich ja jetzt darum zu kümmern«, sagte Oskar und hob grüßend die Hand. »Wie auch immer. Ich muss in mein Büro. Die Arbeit wartet nicht.«

»Ähm, Herr Kaufmann! Einen Augenblick noch bitte. Herr Scheuble kam gerade hier vorbei und da hat er mich gefragt, ob ich Sie heute schon gesehen hätte. Vielleicht gucken Sie zuerst kurz zu ihm ins Büro.«

Bei Herrn Scheuble handelte es sich um Oskars Freund Martin. »Wird gemacht Silvia«, sagte Oskar. »Das hatte ich sowieso vor.« Tatsächlich hatte er eigentlich zuerst seinen Aktenkoffer in sein Büro bringen wollen. Doch auch wenn Silvia in der offiziellen Hierarchie der Kanzlei noch so weit unter ihm stehen mochte, empfand er ihre Empfehlung in gewisser Weise als eine Art Anweisung.

Martins Büro befand sich nur ein kleines Stück den Flur hinunter. Oskar klopfte nicht, als er dort