Kopernikus?! - Sven Urban - E-Book

Kopernikus?! E-Book

Sven Urban

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Beschreibung

Seien Sie gewarnt! Dieses Buch handelt von Hexen und Zauberern, von räuberischen Piraten, schießwütigen Gangstern und todesmutigen Kriegern, von gammeligen Zombies, schleimigen Aliens, einem wirklich reizenden schneeweißen Einhorn sowie einer pummeligen pechschwarzen Katze mit smaragdgrünen Augen und dem seltsamen Namen Kopernikus. Sofern Sie dieses merkwürdige Durcheinander nun nicht vollkommen abschreckt, sondern Sie gerne erfahren würden, was es mit alledem bloß auf sich hat und vor allem auch ob der bemitleidenswerte Büroangestellte Egon, der sich am furchtbarsten Tag seines gesamten armseligen Daseins plötzlich derart ungewöhnlichen Strapazen ausgesetzt sieht, wieder heil aus der Sache herauskommt, greifen Sie zu! Ansonsten lassen Sie es halt bleiben...

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Seitenzahl: 386

Veröffentlichungsjahr: 2019

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Für alle, die ein bisschen anders sind.

Inhaltsverzeichnis

Kapitel

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Kapitel

Kapitel

Kapitel

Kapitel

Kapitel

Kapitel

Kapitel

Kapitel

Kapitel

Kapitel

Kapitel

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Kapitel

Kapitel

1. Kapitel

Egon hatte in seinem ärmlichen Leben bereits sehr viele sehr schlechte Tage erlebt. Viel zu viele, als dass er sich noch an die meisten von ihnen hätte erinnern können. Genau genommen verschwamm oft sein ganzes Leben vor seinem inneren Auge zu einem einzigen geradezu hundsmiserablen Tag. Der heutige Tag allerdings war anders. Dieser Tag würde ihm für immer und ewig unvergesslich bleiben als der absolut furchtbarste Tag seines gesamten bisherigen Daseins. Daran bestand nicht der Hauch eines Zweifels – vorausgesetzt natürlich, dass er ihn überlebte. Doch dieser Sache konnte er sich in diesem Moment leider alles andere als sicher sein.

»La-lass mich, la-lass mich los!« Immer und immer wieder trat Egon mit all der Kraft, die seine hageren Beine aufzubringen vermochten, gegen den halb verwesten Kopf des offensichtlich völlig ausgehungerten Untoten. Der widerlich stinkende Zombie war wie aus dem Nichts gekommen und hatte ihn mit seinen fauligen Zähnen an der Hose gepackt. Das Monstrum steckte in den fadenscheinigen Überbleibseln eines schwarzen T-Shirts, dessen Vorderseite ein grausiger Totenkopf zierte. Seine untere Hälfte hatte sich anscheinend bereits vor einiger Zeit dazu entschieden, in Zukunft getrennte Wege zu gehen. Außerdem – nun ja, außerdem besaß es ein geradezu penetrantes Faible für Hosenbeine. Denn trotz all der Tritte, die Egon ihm verpasste, wollte und wollte das modrige Ungetüm einfach nicht loslassen.

»Hirn!«

»La-lass los, habe ich gesagt!« Egon teilte einen weiteren beherzten Tritt aus und diesmal ertönte ein schreckliches, ja geradezu übelkeiterregendes Knacken. Zwar gab der Zombie immer noch nicht nach – sein Unterkiefer dafür allerdings schon. Widerwillig verließ dieser seinen gewöhnlichen Arbeitsplatz und polterte dumpf auf die Erde. Egon war frei!

Zeit zum Verschnaufen blieb ihm jedoch keine. Ein kurzer Blick über seine Schulter genügte ihm, um zu erkennen, dass hinter seinem Rücken noch immer die ganze Straße bis zum Bersten mit den untoten Bewohnern seiner Heimatstadt gefüllt war. Eine schreckliche Kakophonie aus tiefem Stöhnen, gierigem Schmatzen und den beunruhigenden Schleifgeräuschen zahlreicher stinkender Zombiefüße, die langsam, aber unaufhaltsam über den rauen Asphalt gezogen wurden, hallte von den Häuserwänden am Straßenrand wider. Hunderte glasige Augen hatten ihn mehr oder weniger fest im Visier und fast – aber nur fast – ebenso viele Arme und Hände wurden gierig in seine Richtung ausgestreckt.

Die meisten der bleichen Gesichter kannte er nur zu gut. Irgendwo in der Masse sah er nicht nur einige seiner Arbeitskollegen, sondern auch ehemalige Mitschüler, Lehrer und noch viele andere Menschen, die ihm sein tägliches Leben schwer machten oder irgendwann einmal schwer gemacht hatten. Zwar hatte er sich schon oft eingebildet, die gesamte Stadt wolle ihm an den Kragen, doch im Gegensatz zu seiner alltäglichen Paranoia schien es in diesem Augenblick wirklich und wahrhaftig der Fall zu sein! Er zögerte daher nicht einen Augenblick länger, sondern nahm seine Beine in die Hand, so lange sie noch zu ihm gehörten, und rannte so schnell er nur konnte.

»Hirn!«

Zu seinem Glück kannte Egon in dieser Gegend jeden Winkel und jede Straßenecke. So wie sich ihm diese Winkel und Ecken momentan präsentierten, hatte er sie allerdings wirklich noch nie zu sehen bekommen. Seine ansonsten gleichermaßen beschauliche wie langweilige Heimatstadt war zu dem Schauplatz eines postapokalyptischen Albtraums geworden!

Es war tiefste Nacht. Die meisten Straßenlaternen waren bereits gestorben oder gaben in ihrem langwierigen Todeskampf nichts weiter als ein erstickendes Flackern von sich. Dafür sandte ein riesiger Vollmond, an dem nur vereinzelt ein paar schwarze Wölkchen müde vorüberglitten, sein helles Licht hinab zu der scheinbar völlig wahnsinnig gewordenen Welt. Links und rechts der Straße standen zahlreiche ausgebrannte Autos und als makabere Hintergrundmelodie erklang irgendwo in der Ferne das schiefe Heulen völlig sinn- und zweckloser Sirenen. Ein Kleinbus hatte einen Hydranten angefahren, aus dem das Wasser nun in einer riesigen Fontäne kraftvoll empordrängte, wieder hinabregnete und sich mit dem ausgelaufenen Öl und Benzin der Autos zu einem widerlich schmierigen schwarz-braunen Film vermischte.

Jede einzelne Sehne und Faser nicht nur Egons kraftloser Beine, sondern seines gesamten schmächtigen Körpers teilte ihm eindeutig und unmissverständlich mit, dass eine solche Anstrengung gegen ihren verbrieften Arbeitsvertrag verstieß und die außerordentliche Kündigung daher unmittelbar bevorstand. Der Schweiß rann ihm in Sturzbächen seine hohe Stirn und seinen schmalen Rücken hinab und ließ sein weißes Hemd unangenehm an seiner Haut kleben. Ständig musste er sich seine große Brille zurechtrücken, die durch die Last ihrer dicken Gläser einfach nicht an Ort und Stelle bleiben wollte. Dass sich zu allem Überfluss außerdem immer wieder einige Strähnen seiner dichten schwarzen Haare dazu entschieden, unerlaubt in sein Gesicht vorzudringen und seine Augen zu verdecken, erleichterte ihm die Flucht auch nicht gerade.

Endlich gelangte er an die nächste Straßenkreuzung. Schnell bog er um die Ecke und hechtete auf das nächste Grundstück. Dort durchquerte er die breite Einfahrt, rannte hinter das zu ihr gehörige Mehrfamilienhaus, kauerte sich schließlich an dessen Wand und vergrub das Gesicht in seinen schwitzigen Fingern. Sein Herz raste. Seine Hände zitterten. Er meinte, sich jeden Augenblick übergeben zu müssen. Diese verdammte Anstrengung war einfach zu viel für ihn! Sicher würde er bald einen Herzanfall bekommen, oder er würde sich einen Fuß verstauchen, oder sein Kreislauf würde kollabieren, oder, oder – er zwang sich zur Ruhe. Wenn alles klappte, wie er es sich erhoffte, würden die Zombies, sobald sie die Kreuzung erreichten, nicht wissen, wo er war und einfach an seinem Versteck vorbeischlurfen, ohne ihn auch nur zu bemerken. Ja, genau! Vielleicht würden sie ihn sogar ganz vergessen. Bei all ihrer Gier, die Klügsten schienen sie nicht gerade zu sein. Vielleicht war das ja auch der Grund, weshalb sie hinter seinem Gehirn her waren.

»Ach, mein lieber Egon, das hilft doch alles nichts! Was habe ich dir gesagt? Du musst aktiv gegen deine Angst ankämpfen! Du musst den Dingen ins Auge sehen und dich ihnen stellen. Ja, du musst dich zur Wehr setzen wie ein ganzer Mann!«

Egon nahm die Hände von seinem Gesicht und öffnete die Augen. Direkt vor ihm saß eine gar nicht so kleine, pummelige schwarze Ratte mit etwas struppigem Fell und strahlenden smaragdgrünen Augen. Sie betrachtete ihn kopfschüttelnd. »Du-du …«, begann er, doch er war noch immer viel zu erschöpft, um zu sprechen. Wie konnte das Tier nur ernsthaft von ihm verlangen, sich gegen eine solche Meute von Zombies zur Wehr zu setzten? Und das auch noch mit bloßen Händen!

Die Ratte legte den Kopf schief und zog eine Augenbraue hoch. »Weißt du Egon, du gibst einfach immer viel zu schnell auf. So funktioniert das nicht. Im Leben ist es dann und wann vonnöten, zu kämpfen. Berge wollen erklommen, Hindernisse überwunden werden. Das Dasein ist eine einzige große Herausforderung!«

»A-aber … « Egon holte tief Luft. »Zombies!«

»Ja, das sind Zombies«, bestätigte die Ratte. »Vollkommen richtig erkannt. Widerliche Kreaturen, ich gebe es ja zu. Aber wenn du dich vor ihnen versteckst, bringt uns das keinen Deut weiter.« Die Ratte schüttelte ihren spitzen Kopf. »Glaube mir bitte. Das, was ich jetzt tue, bereitet mir wirklich keinerlei Vergnügen. Aber du lässt mir leider überhaupt keine andere Wahl. Vertraue mir. Es ist nur zu deinem Besten.«

Egon schwante Übles. Seine Nackenhaare signalisierten Alarmbereitschaft. »Wa-was?! Wa-warte! Nein!«

Doch es war zu spät. Denn schon klemmte die Ratte sich das Ende ihres langen nackten Schwanzes in die Schnauze, atmete einmal tief ein und gab sodann einen derart schrillen Pfiff von sich, dass Egon meinte, seine Trommelfelle würden jeden Augenblick implodieren. Verfaulte Ohren hin oder her, das mussten die Zombies einfach gehört haben!

Doch offenbar wollte die Ratte auf Nummer sicher gehen. »Hier! Hier hinten, ihr fauligen Ungetüme!«, rief sie um einiges lauter, als man es ihren kleinen Stimmbändern zutrauen würde. »Hier hat er sich versteckt!«

Egon blickte die Ratte völlig entgeistert an, dann schlug er erneut die Hände vor das Gesicht. »Wawarum nur, Ko-Kopernikus?!«

Einen Moment später ertönte hinter ihm in der Einfahrt des Grundstückes ein erschreckend hungriges Stöhnen, gefolgt von einem geradezu zermürbenden Schleifgeräusch.

»Hirn!«

Grinsend präsentierte Kopernikus seine beiden strahlend weißen Vorderzähne. Offenbar war er schrecklich stolz darauf, sein Ziel erreicht zu haben. Auffordernd deutete er mit seiner Schwanzspitze auf Egon, erhob seine kleinen Vorderpfoten, ballte sie zu Fäustchen und amte gestikulierend die Bewegungen eines Boxers nach. Es war wirklich nur zu offensichtlich, was er damit sagen wollte.

Gleichzeitig kamen die schleifenden Schritte immer näher und näher. Egon musste handeln! Doch ganz sicher würde er nicht einmal versuchen, was Kopernikus da von ihm verlangte. Hektisch suchte er stattdessen nach einer Fluchtgelegenheit. Außer der Einfahrt, durch die er gekommen war, schien kein weiterer Weg von dem Grundstück herunterzuführen. Glücklicherweise gehörte zu dem Haus allerdings ein recht großer Garten, welchen nur ein niedriger Jägerzaun von dem Nachbargrundstück trennte. Das war ein überwindbares Hindernis nach Egons Geschmack! Er sprang auf – und das nicht eine Sekunde zu früh! Denn in demselben Augenblick stürzten bereits die ersten Zombies um die Häuserecke und stolperten stöhnend in seine Richtung.

»Hirn!«

Egons Herz blieb beinahe stehen, als er die Anführerin der fauligen Meute erkannte. Es handelte sich um Martina, seine Friseurin – oder zumindest das groteske Etwas, in das sie sich verwandelt hatte. Das rechte Auge der jungen Blondine hing aus seiner Höhle, eine unglückliche Wendung des Schicksals hatte ihre Nase von ihrem angestammten Platz entfernt und die pinkfarbenen Reste ihrer Arbeitskleidung bedeckten nur noch notdürftig ihren gräulichen verwesenden Körper. Äußerst schwer konnte Egon sich in diesem Moment vorstellen, wie anziehend er Martina trotz ihrer typischen gehässigen Bemerkungen immer gefunden hatte. Viel Zeit dazu, jedes grauenhafte Detail dieses verstörenden Anblicks voll und ganz in sich aufzunehmen, blieb ihm aber nicht. Er musste zusehen, dass er davon kam.

Als er wenige Sekunden später den Jägerzaun erreichte, stand er kurz davor, zu hyperventilieren. Doch zu seiner Erleichterung waren auf dessen anderer Seite nirgendwo Untote zu entdecken. Ja, es schien gerade so, als hätte er tatsächlich eine klitzekleine Chance, diesem Albtraum unversehrt zu entkommen. Zuvor aber musste er sich ganz und gar seiner nächsten Aufgabe widmen.

Seit seiner Kindheit war er nicht mehr über einen Zaun geklettert. Dennoch war er zuversichtlich, diese Kleinigkeit trotz seiner butterweichen Knie ohne größere Schwierigkeiten meistern zu können. Der Zaun war da leider anderer Meinung. Denn kurz nachdem Egon seinen rechten Fuß auf die erste Latte gesetzt hatte, ertönte hinter seinem Rücken ein schriller Stoßseufzer Martinas. In einem akuten Anflug kopfloser Panik gepaart mit verhängnisvoller Selbstüberschätzung setzte Egon seinen zweiten Fuß daher sofort auf eine der Spitzen des Zaunes. Das war keine sonderlich gute Idee. Denn hierdurch blieb er mit dem rechten Fuß hängen, verlor das Gleichgewicht und fiel mit rudernden Armen kopfüber auf das andere Grundstück, wo sein Sturz jedoch durch den weichen Rasen etwas abgebremst wurde.

Kaum hatte er sich wieder aufgerappelt und seine verbogene Brille zurechtgerückt, da hatten die ersten Zombies unter Martinas Führung den Zaun erreicht und streckten gierig sämtliche ihnen noch zur Verfügung stehenden Extremitäten über diesen hinweg. Zwar waren sie offensichtlich zu dumm dazu, das eigentlich recht niedrige Hindernis zu übersteigen, doch begann es sich unter dem gemeinsamen Druck all ihrer stinkenden Leiber bereits bedenklich zu biegen. Schon jetzt hörte Egon das beunruhigende Knacken einzelner Latten. Lange würde das arme kleine Holzkonstrukt diesen gammeligen Monstern nicht standhalten.

So schnell er konnte sprang Egon auf und ergriff erneut die Flucht. Bald stand er wieder auf der Straße und blickte sich um. Die meisten der Zombies mussten mittlerweile in den Garten vorgedrungen sein, denn nur weit in der Ferne sah er vereinzelt ein paar offensichtlich besonders hirnlose Exemplare herumstolpern, die den Anschluss verloren zu haben schienen. Zumindest hatte er etwas Zeit gewonnen. Doch was nun?

»Du möchtest wirklich partout nicht auf mich hören, nicht wahr?« Nur wenige Zentimeter vor Egons Füßen saß Kopernikus. Er hatte seine kurzen Vorderläufe vorwurfsvoll übereinandergeschlagen, seine spitze Nase trotzig erhoben und blickte missbilligend zu ihm empor.

»I-ich kann nicht!«, stammelte Egon. Seine Stimme nahm einen geradezu flehenden Tonfall an. »U-und überhaupt! Da-das geht doch gar nicht! Wi-wie stellst du dir das denn bi-bitte vor? I-ich alleine gegegen die alle?«

Kopernikus rollte mit den Augen. Dann musterte er Egon wortlos. Er schien nachzudenken.

»Na gut«, sagte er nach einigen Sekunden – die sich für Egon allerdings eher nach Jahren angefühlt hatten. »Ich gebe zu, es ist möglich, dass ich ein klein wenig zu früh ein winziges bisschen zu viel von dir verlangt habe.« Er seufzte. »Wenn du mir bitte folgen würdest.«

Die zwei passierten Martinas Friseursalon. Seit langem hatte Egon den kleinen Laden an der Ecke jeden dritten Mittwoch im Monat aufgesucht. Doch damit schien es sich vorerst erledigt zu haben. Denn nicht nur seine junge Friseurin, nein auch ihr Arbeitsplatz war nichts weiter als ein blasser Schatten seiner selbst. Auf seinem letzten hoffnungslosen Einsatz war ein grobschlächtiges Löschfahrzeug der hiesigen Feuerwehr mit einer solchen Wucht in das kleine Lädchen hinein gerast, dass es den Großteil seiner Fassade mehrere Meter nach hinten versetzt hatte. Aus den kläglichen Überresten des völlig zerstörten Schaufensters hingen die letzten Bestandteile eines halb zerfressenen weißhaarigen Kunden heraus, an dessen Zustand die hungrige Martina sicherlich nicht völlig unschuldig war.

Auch Egons alte Schule, die sich in der unmittelbaren Nachbarschaft befand, erinnerte ihn an eine ausgebrannte Weltkriegsruine. Wie oft hatte er sich doch während seiner Jugend ein solches Schicksal für dieses Gebäude gewünscht! Hätte diese ganze Angelegenheit mit dem Weltuntergang nicht auch ein paar Jahre früher stattfinden können? Unweigerlich dachte er an die zahllosen Schikanen seiner ehemaligen Mitschüler, allen voran der grausamen Raufbolde Toni und Billy, die ihm dann erspart geblieben wären. Mit besonderem Groll erinnerte er sich außerdem an seinen grummeligen Klassenlehrer Herrn Martin sowie an seine hysterische Mathematiklehrerin Frau Becker und an all ihre furchtbaren Unterrichtsstunden, durch die er sich Tag für Tag hatte quälen müssen.

Schließlich erreichten sie eine große Kreuzung, deren Ampeln seltsamerweise das Einzige in der gesamten Stadt waren, das noch einwandfrei funktionierte. Dennoch bog die schwarze Ratte, ohne auch nur im Geringsten auf ein geradezu provokant rotes Licht zu achten, im gestreckten Galopp in die nächste Straße. Hier blieb sie gleich wieder stehen und verkündete zufrieden: »Na also, da wären wir!«

Egon erreichte Kopernikus schwitzend und keuchend. »Wa-was? Wo?« Alles, was er sehen konnte, war ein großer, alter und außerdem vollkommen ramponierter Bus, der einige Meter vor ihnen die Straße blockierte. Bei genauerem Hinsehen meinte er, dass es sich dabei sogar um ein und dasselbe zerschundene Vehikel handelte, das ihn noch am heutigen Morgen zur Arbeit gebracht hatte.

»Dort drinnen«, sagte Kopernikus und deutete mit der Schwanzspitze auf das Wrack. »Komm! Oder würdest du es vielleicht lieber noch einmal mit den Zombies versuchen?« Die Ratte grinste. »Das wäre überhaupt gar kein Problem. Sieh nur!«

Egon wandte sich um – und sein Herz flüchtete in seine Hose. Tatsächlich war die Straße hinter ihnen schon wieder auf gesamter Breite mit Zombies gefüllt. Er saß in der Falle! Wie stellten die Biester das nur an? Sie waren definitiv um einiges schneller, als man es von ihnen erwarten würde.

»Hirn!«

»Wenn die nur wollen, sind die schon ganz schön flink, nicht wahr?«, sagte Kopernikus. »Also? Du hast die Wahl. Bus oder Zombies?«

Egon strich sich eine schweißnasse Strähne aus der Stirn. Sein grünäugiger Begleiter musste ihn auf den Arm nehmen wollen, dass er diese Frage überhaupt stellte. »Bu-Bus!«, schrie er. Das war doch wohl offensichtlich!

»Nun gut, wie du meinst«, sagte Kopernikus und legte – wesentlich langsamer, als es Egon lieb sein konnte – die letzten Meter zurück. Als sie den Bus dann endlich erreicht hatten, blieb er unmittelbar vor dessen verschlossener Hintertür stehen. »Na sowas. Eigentlich müsste dieses Vehikel doch offen sein.«

Egon traute seinen Ohren nicht. »Bi-bist du dir auch wirklich sicher, da-dass wir hier richtig sind?«

»Aber selbstverständlich!«, versicherte Kopernikus. Er klang überaus beleidigt. »Sag mal, wofür hältst du mich eigentlich?“ Er tippte sich mit seiner kleinen Rattenkralle nachdenklich an sein spitzes Rattenkinn. „Aber wie wäre es denn, wenn du vielleicht einmal versuchen würdest, diese Tür zu öffnen? Ich bin dafür doch viel zu klein und zu schwach!«

Zwar wurde Egon das dumpfe Gefühl nicht los, dass dieses hinterhältige Nagetier schon wieder irgendetwas im Schilde führte, doch da er so schnell wie möglich in diesen klapprigen Bus hinein und aus dieser verzwickten Situation hinaus wollte, griff er ohne zu murren nach der von Rostflecken überzogenen Türklinke und zog so stark an ihr, wie er nur konnte. Die Tür allerdings zeigte sich davon wenig beeindruckt. Sie bewegte sich keinen Millimeter.

Egon versuchte es erneut. Diesmal stemmte er außerdem seinen Fuß gegen die Karosserie und wandte noch einmal alle Kraft auf, die seine schmalen Schultern hergaben. Empört quietschend gab die Tür daraufhin tatsächlich einige Zentimeter nach, der entstandene Spalt hätte allerdings höchstens für Kopernikus ausgereicht – nie im Leben für Egon.

»E-es geht einfach nicht!«, schrie er. »Si-sie klemmt!« Ihm wurde vor Angst schon ganz schwarz vor Augen. So sollte sein Leben also enden!

»Ich bedaure Egon, aber dabei kann ich dir leider wirklich nicht helfen. Entweder gelingt es dir jetzt, diese Tür zu öffnen, oder ich fürchte, du musst dich wohl oder übel doch noch einmal mit den Zombies beschäftigen. Was soll so eine hilflose kleine Ratte wie ich denn schon unternehmen?«

»Hirn!«

Zwar wusste Egon ganz genau, dass Kopernikus alles andere war als eine hilflose kleine Ratte, doch im Moment hatte er wirklich keine Zeit, über diese Angelegenheit zu diskutieren. Ja, schon jetzt kroch ihm der übelkeiterregende Gestank der Zombies tief in die Nase. Daher unterdrückte er die in ihm aufsteigende Panik so gut es ging und stemmte sich ein weiteres Mal mit aller Gewalt gegen das verbeulte Blech. Das Blut stieg ihm in den Schädel, pulsierte in seinen Schläfen und ließ kleine ungesunde Lichtblitze vor seinen Augen aufleuchten. Seine dicke Brille rutschte hinab auf seine Nasenspitze und drohte zu Boden zu fallen. Doch das alles war jetzt nebensächlich. Sein Leben, so oft und so sehr er es an diesem Tag bereits verflucht haben mochte, hing nun einzig und allein davon ab, dass er diese verdammte Tür öffnete!

Doch ohne sich noch auch nur im Geringsten zu rühren, gab diese noch immer nichts weiter als ein widerliches Knarzen, dann ein sogar noch widerlicheres Quietschen von sich und einen Moment lang sah es ganz danach aus, als würde Egons mittlerweile arg malträtiertes Gehirn den Zombies als kleiner Mitternachtssnack dienen.

Dann aber geschah das Unfassbare. Zu beidseitiger Überraschung öffnete sich die Tür mit einem derart plötzlichen Ruck, dass Egon mehrere Schritte zurücktaumelte und den Zombies damit um ein Haar in die Arme gefallen wäre. Als er sich wieder aufrappelte, meinte er, bereits die ersten fauligen Finger auf seiner Schulter zu spüren, die ihn zu seinem Glück jedoch nicht richtig zu fassen bekamen. Schnell hechtete er in das vermeintlich sichere Innere des alten Busses.

Das aber hätte er am liebsten sofort wieder rückwärts verlassen. Der süßlich-faulige Verwesungsgestank, der ihn hier willkommen hieß, übertraf an Intensität alles, was er in seinem Leben bisher kennengelernt hatte. Auf mehreren der Plätze saßen – offensichtlich schon seit geraumer Zeit – einige Passagiere und warteten noch immer auf ihre Haltestelle. Egon erkannte die ledrigen Überreste einer alten Frau, deren steinharter Dauerwelle sogar der Tod persönlich nichts hatte anhaben können. Die fest verschlossene Tür hatte gewissenhaft dafür gesorgt, dass sie und all die anderen Insassen ihren konzentrierten Gestank einzig und allein für sein völlig überwältigtes Riechorgan aufgespart hatten.

»Ko – per – ni – kus!«, hustete Egon. Er benötigte all seine schwache Willenskraft, um einen schier überwältigenden Brechreiz zu unterdrücken. »Wowo geht es denn jetzt hi-hier raus?«

Kopernikus hatte direkt hinter Egon ebenfalls den Bus betreten. Mit drei kurzen Sätzen war er vollkommen ungerührt an den Mumien vorübergesprungen und hatte schließlich gleich neben dem Fahrersitz an dem gegenüberliegenden Ende des schrottreifen Gefährts Platz genommen. Von dort aus beobachtete er Egon aufmerksam, ohne einen Ton von sich zu geben.

Egon hegte einen schrecklichen Verdacht. »Ko-Kopernikus?!«

»Hirn!«

Die ersten Zombies drängten in den Bus. Ihre fauligen Arme griffen nach Egon. Krank vor Angst wich er weiter und immer weiter zurück. Doch er saß erneut in der Falle. Wenn Kopernikus ihm jetzt nicht half, war es wirklich und wahrhaftig um ihn geschehen!

Der aber schien überhaupt nicht an so etwas zu denken.

»Ko-Kopernikus?!« Mittlerweile war Egon beinahe bis zu der schwarzen Ratte selbst zurückgewichen. Dort, ganz am Ende des Busses, machte er sich so dünn, wie es es ihm möglich war. Jeden Augenblick würden die Zombies ihre Zähne in sein mageres Fleisch schlagen.

Doch endlich gab Kopernikus ein enttäuschtes Seufzen von sich. »Ich sehe schon. Das mit dir wird sogar noch um einiges schwieriger, als ich vermutet hatte.«

In diesem Moment erschien mitten zwischen Egon und den Zombies wie aus dem Nichts eine alte vollkommen verwitterte Tür, deren weißer Lack schon vor langer Zeit begonnen hatte, sich freiwillig von dem Holz ihres Rahmens zu schälen. Ihr goldener Messingknauf war matt und abgegriffen und ein unansehnlicher Riss zog sich einmal quer durch ihren gesamten oberen Teil. Doch trotz all dieser Schönheitsfehler war die Tür für Egon in diesem Moment der wundervollste Anblick, den er sich überhaupt nur vorstellen konnte.

»Bitte sehr«, stöhnte Kopernikus.

»Da-danke!«, schrie Egon und ohne auch nur eine Sekunde länger zu zögern, ergriff er den Knauf, riss die Tür mit einem Ruck auf und sprang mit einem kräftigen Satz durch sie hindurch.

2. Kapitel

Einige Stunden zuvor

Als Egon am Morgen dieses Tages erwachte, rechnete er natürlich nicht im Geringsten mit jenen furchtbaren Ereignissen, welche die nächsten Stunden mit sich bringen sollten. Was sich allerdings von der allerersten Sekunde an deutlich abzeichnete, war, dass es kein besonders guter Tag werden würde. Das Erste, das seine vom Schlaf noch völlig verkrusteten Augen an diesem Morgen nämlich gezwungen waren zu sehen, war die leblose Hülle seines während der Nacht vermutlich an akuter Altersschwäche gestorbenen Weckers. Und als hätte dieser tragische Verlust nicht bereits genügt, verriet ihm ein zweiter schneller Blick auf sein Handy auch noch, dass er fast eine ganze Stunde verschlafen hatte!

»Ve-verdammte …«

Erschrocken schleuderte er seine Bettwäsche von sich, als stünde sie lichterloh in Flammen und sprang auf, als wäre er neben dem Teufel persönlich aufgewacht. Derselbe Schrecken, der ihn damit fast senkrecht aus dem Bett katapultierte, sorgte ebenfalls dafür, dass er sich dabei seinen kleinen Zeh an der unteren Kante des Bettkastens anstieß – weshalb er sofort in ein lautes schrilles Jaulen verfiel. Wer auch immer behauptete, dass es so etwas wie schlechte Omen nicht gab, hatte wirklich überhaupt keine Ahnung, wovon er da eigentlich sprach.

Die Tatsache, dass Egon sowohl dieses als auch alle anderen Vorzeichen auf die ungewöhnlichen Ereignisse, mit denen er im Verlauf der kommenden Stunden konfrontiert werden sollte, vollkommen unbemerkt blieben, braucht jedoch nicht zu überraschen. An die perfiden kleinen Gemeinheiten, mit denen ihn sein Alltag zu necken pflegte, hatte er sich bereits viel zu sehr gewöhnt, als dass er in Dingen wie einem angedellten Zeh oder einem dahingeschiedenen Wecker noch die Vorboten eines größeren Unglücks hätten erkennen können. Ja, tatsächlich waren sie das Einzige, das etwas Abwechslung in sein ansonsten sterbenslangweiliges Leben brachte. Eine Abwechslung allerdings, auf die er dann doch gerne verzichtet hätte.

Auch an diesem Morgen setzte die hochmotivierte kleine Pechsträhne, die höchstpersönlich für Egon zuständig war, ihre Arbeit unbeirrt fort. Denn kaum hatte er humpelnd das Wohnzimmer durchquert und endlich das Badezimmer erreicht, da hörte er, wie sein Handy – das selbstverständlich noch im Schlafzimmer lag – empört klingelnd seine Aufmerksamkeit verlangte.

Eigentlich wusste Egon sehr gut, dass er es einfach klingeln lassen sollte. Sein Chef würde ihm sowieso schon den Kopf abreißen! Andererseits konnte es sich bei dem Anrufer um niemand anderen handeln als um seine Mutter. Wenn er jetzt nicht an sein Handy ginge, würde er sich später stunden-, wenn nicht sogar tagelang dafür rechtfertigen müssen. Also seufzte er, machte kehrt und stolperte mit einem nach wie vor intensiven schmerzhaften Puckern in seinem kleinen Zeh zurück ins Schlafzimmer – während er gleichzeitig versuchte, etwas Zahnpasta auf seine Zahnbürste aufzutragen.

»Egon?!«, ertönte die schmerzhaft schrille Stimme seiner Erzeugerin am anderen Ende der Leitung.

»Ja-ja Mu-Mutter«, antwortete Egon, der bereits wieder damit beschäftigt war, ins Badezimmer zurückzuhumpeln. Außer auf seinem Nachthemd, seinem linken Fuß und seinem Handgelenk befand sich mittlerweile sogar ein wenig Zahnpasta auf seiner Zahnbürste. »Du-du i-ich habe ge-gerade überhaupt…«

Doch wie immer dachte Egons Mutter nicht einmal im Traum daran, ihn zu Wort kommen zu lassen. »Du machst dich doch bestimmt gleich auf den Weg zur Arbeit, oder?«

»Ja, na ja, also ei-eigentlich…«

»Gut. Dann steig doch eine Station früher aus dem Bus und hole meine Sachen aus der Reinigung ab, ja? Die machen doch immer so schrecklich früh zu.«

»A-also Mutter, ei-eigentlich …«, begann Egon erneut – und bereute seine Worte bereits kurz nachdem sie seinen unvorsichtigen Mund verlassen hatten.

»Was heißt hier eigentlich?! Du Nichtsnutz wirst ja wohl noch so eine winzige Kleinigkeit erledigen können! Immerhin tust du ja sonst kaum etwas für mich!«

Egon schluckte. Er wusste, dass seine Mutter wie immer schamlos übertrieb – deswegen taten ihm ihre Worte allerdings nicht weniger weh. Er erledigte ständig Dinge für sie. Er holte ihre Wäsche nicht nur aus der Reinigung, er war es auch, der sie überhaupt erst dorthin gebracht hatte. Er kaufte für sie ein, er begleitete sie zu jedem einzelnen ihrer übertrieben zahlreichen Arzttermine und er kümmerte sich um all die anderen Kleinigkeiten, die sie von so furchtbar wichtigen Dingen hätten abhalten können wie, nun ja, wie sich mit ihren grauhaarigen Freundinnen zum Kaffee zu treffen oder ihre Lieblingsseifenoper im Fernsehen anzusehen.

»Do-doch, du-du weißt doch, nor-normalerweise gerne«, versuchte Egon sie zu beschwichtigen. »Nunur gerade heute …, wei-weißt du, ich …« Doch exakt in diesem Moment legte Egons Pechsträhne den nächsten Gang ein.

Gerade als die Schmerzen in seinem kleinen Zeh etwas abzuklingen begannen, verschätzte er sich aufgrund seiner Aufregung um wenige Millimeter und stieß erneut mit ein und demselben Zeh gegen die leider besonders spitze hölzerne Schwelle der Badezimmertür. Ein scharfer Schmerz durchfuhr sein gesamtes Bein – und er geriet ins Stolpern. Dies alleine hätte noch kein sonderlich großes Problem dargestellt. Da er jedoch in der einen Hand sein Handy hielt, während die andere dummerweise damit beschäftigt war, seine Zahnbürste zu balancieren, konnte er sich nirgendwo abstützen. Rückblickend betrachtet hätte er selbstverständlich einfach seine Zahnbürste fallen lassen sollen. Doch wann in all den Jahren seit Erschaffung der Welt hätte ein Reflex schon jemals eine wohl überlegte und vor allem vernünftig durchdachte Entscheidung getroffen? Als Egon also stolperte und sein aufgeschrecktes Kleinhirn bemerkte, dass es, sofern es nichts unternahm, zusammen mit seinem gewöhnlichen Aufenthaltsort – Egons Kopf – eine unsanfte Bekanntschaft mit den harten Fliesen des Badezimmerbodens machen würde, zog es die Notbremse und sorgte dafür, dass Egon sein Handy im hohen Bogen von sich schmiss.

Plutsch!

»Schei-Scheibenkleister!« Egon ahnte bereits, wo sein Handy gelandet war.

Ein kurzer Blick in die Toilette bestätigte seinen schlimmsten Verdacht. Mit einer für ihn eigentlich vollkommen ungewöhnlichen Treffsicherheit hatte er nicht nur sein Handy, sondern zusammen mit diesem – was noch um einiges schlimmer war – auch seine Mutter im Klo versenkt. Mit einem tiefen Seufzer schlug er sich die Hand vors Gesicht. Jetzt würde er nicht nur zu spät zur Arbeit kommen, er würde außerdem auch noch seiner Mutter erklären müssen, warum er das Gespräch mit ihr einfach abgebrochen und ihre Wäsche nicht aus der Reinigung geholt hatte. Ja, in diesem Moment fragte er sich tatsächlich, ob ein Tag, der auf diese Art und Weise begann, noch viel schlimmer werden konnte. Ach, er hatte ja keine Ahnung!

Als Egon nach einer in hygienischer Hinsicht bedenklich kurzen Katzenwäsche seine Duschkabine wieder verließ, hatte er längst den Entschluss gefasst, das Frühstück heute ausfallen zu lassen. Bereits wenig später warf er sich seinen fleckigen alten Rucksack über die Schulter und trat – nach einer kurzen Fahrt in einem nicht nur engen, sondern vor allen Dingen stinkenden Fahrstuhl – hinaus aus dem schmucklosen aschgrauen Gebäude, das er sein Zuhause nannte.

Es war recht kühl – um nicht zu sagen saukalt. Der Himmel war mit tiefhängenden Wolken bedeckt und die feinen Tröpfchen eines leichten Nieselregens wurden ihm von einer wiederum gar nicht so leichten Brise zu Hunderten gegen die Gläser seiner Brille geweht. Seine widerspenstigen Haare hatte er nur hastig zur Seite gekämmt, seinem knittrigen weißen Hemd war deutlich anzusehen, dass er es bereits mehrmals getragen hatte, und die schludrig gebundene Schleife seines rechten Schuhs stand schon jetzt im Begriff, sich wieder in ihre Bestandteile aufzulösen. Dafür allerdings war er guter Dinge, den Bus noch zu erwischen, auf den er es abgesehen hatte. Ein flüchtiger Blick auf seine Armbanduhr verriet ihm, dass er sogar noch ein paar Minuten Zeit hatte, die nur wenige hundert Meter entfernte Haltestelle zu erreichen. Er konnte es schaffen, wenn er sich bloß ein wenig beeilte.

Als er deswegen zu einem kleinen Sprint ansetzte – kam er sofort wieder stolpernd zum Stehen. Denn ausgerechnet in diesem Moment hatte sich eine große schwarze Katze dazu entschlossen, unmittelbar vor seinen Füßen den Gehweg zu überqueren – selbstverständlich von links nach rechts. Um ein Haar hätte er das Tier getreten. »He-Hey! Pa-pass doch auf!«, rief Egon.

Doch die Katze zeigte sich sichtlich unbeeindruckt von Egons Aufforderung. Ohne ihn vorerst auch nur eines Blickes zu würdigen, stolzierte sie völlig ungerührt weiter und sprang schließlich mit einem kraftvollen Satz auf eine Mauer. Dort drehte sie sich geradezu schon arrogant herum und schaute zu Egon herab – während sie demonstrativ sorgfältig begann, sich ihre rechte Pfote zu lecken.

Das Fell des Tieres war von einer absolut makellosen, glänzenden Schwärze. Es trug kein Halsband. Außerdem war die Katze nicht nur recht groß, sondern regelrecht pummelig. Wirklich beeindruckend, ja geradezu unheimlich jedoch waren ihre Augen. Denn diese waren von einem derart intensiv leuchtenden Smaragdgrün, wie Egon es bisher noch nie bei einem Tier gesehen hatte. Ja, für einen Moment ließen ihn diese Augen sogar vollkommen vergessen, dass er sich in akuter Zeitnot befand. Dann aber wurde er von der siedend heißen Realität eingeholt. Er musste doch seinen Bus erwischen! Ohne einen weiteren Blick auf die Katze zu werfen, rannte er los so schnell er nur konnte.

Da er seinen schon von Natur aus eher unsportlichen Körper einer solchen Ertüchtigung bereits seit Jahren nicht mehr ausgesetzt hatte, erreichte Egon die Bushaltestelle schwer schnaufend und schwitzend – aber pünktlich! In der Ferne erkannte er, dass sich der klapprige Bus, der ihn an sein Ziel bringen sollte, bereits näherte. Erschöpft stützte er die Hände auf die Knie und atmete mehrmals tief durch. Zumindest das war geschafft.

Als der Bus vor ihm zum Stehen kam, erkannte Egon schon von Außen, dass das Innere des altersschwachen Vehikels derart überfüllt war, dass selbst er seine liebe Mühe haben würde, sich noch hineinzuquetschen. Und selbstverständlich entschied sich nicht ein einziger Fahrgast dazu, an dieser Haltestelle auszusteigen. Dafür begrüßten ihn die dicht an dicht stehenden Menschen kollektiv mit einem solch anklagenden Blick, als stünde der Innenraum ihnen ganz alleine zu. Am liebsten hätte Egon ihrem unausgesprochenen Wunsch, sich gefälligst zur Hölle zu scheren, umgehend Folge geleistet und auf dem Absatz kehrtgemacht. Er hasste derartige Menschenansammlungen ebenso sehr wie sie ihn. Doch leider hatte er keine andere Wahl. Seufzend betrat der den Bus.

Nachdem er sich dort ein wenig hin- und hergewunden hatte, kam er schließlich wie ein schlecht passender Tetris-Stein in einer nicht allzu bequemen Pose zwischen einer leicht brüskiert dreinblickenden alten Frau mit einer helmartigen Dauerwelle und einem hageren jungen Mann mit langen rotblonden Haaren zum Stehen. Die übergroße grüne Handtasche der Frau drückte sich unnachgiebig in Egons Rücken, während der Mann ein schwarzes T-Shirt trug, von dem aus ihm ein widerlicher Totenkopf leicht debil entgegengrinste. So gut er es in der Enge des Gefährts bewerkstelligen konnte, drehte Egon sich zur Seite und schaute aus dem Fenster auf die gemächlich vorbeiziehende Stadt.

Gerade passierte der Bus seinen Friseursalon. Durch dessen großes Schaufenster erkannte Egon, dass seine Friseurin Martina in diesem Moment damit beschäftigt war, einem älteren Herren seine bereits schlohweißen Haare zu schneiden. Wie bei all ihren Kunden – mit Ausnahme von Egon – drückte die junge Blondine sich dabei eng an das Ohr des zufrieden grinsenden Mannes. Doch dieser flüchtige Eindruck verflog ebenso schnell, wie er gekommen war. Genauso erging es kurz darauf auch Egons alter Schule, des ihm für Jahre verhasstesten Ortes auf diesem Planeten.

Egon kannte die Strecke, die er schon sein ganzes Leben lang jeden einzelnen Morgen mit dem Bus zurücklegte, derart in- und auswendig, dass er die Augen schließen konnte und, bevor er sie wieder öffnete, exakt wusste, was er sehen würde. Manchmal fragte er sich, ob er dieser Stadt jemals den Rücken kehren, ob sich sein Leben jemals auch nur ein klein wenig verändern würde. Doch derartige Gedanken schob er meistens ebenso schnell wieder beiseite, wie sie gekommen waren. Hier hatte er schließlich nicht nur seine Arbeit, hier lebten auch seine Mutter und seine einzige Freundin Lotte. Wohin auch immer er gehen würde, dort wäre er vollkommen alleine. Nein, ob es ihm gefiel oder nicht, sein Platz – so langweilig und deprimierend er auch sein mochte – war hier. Alles würde für immer genau so bleiben, wie es war. Manche Menschen waren dazu geboren, in die Welt hinauszugehen und sie zu erobern. Egon gehörte nicht dazu.

Nach ein paar Minuten hielt der Bus an jener Haltestelle, an der Egon hätte aussteigen müssen, wenn er die Sachen seiner Mutter aus der Wäscherei hätte abholen wollen. Für den kurzen Moment, in dem die Türen direkt vor seiner Nase offen standen, war er unschlüssig. Sollte er nicht vielleicht doch schnell herausspringen? Herr Kruschinski, sein Chef, würde ihn vermutlich so oder so in der Luft zerreißen. Ein paar Minuten mehr oder weniger würden daran überhaupt nichts ändern. Aber nach einem kurzen Blick auf die Uhr besann er sich eines Besseren. Dadurch, dass er sich so sehr beeilt hatte, hatte er schon eine Menge Zeit gut gemacht. Wenn er jetzt ausstieg, wäre das alles dahin. Auch wenn eine kräftige, mit spitzen Krallen bewehrte Hand – die sich sehr nach den runzeligen Fingern seiner Mutter anfühlte – in diesem Moment nach seinem Magen griff, er blieb dennoch stehen. Um seine Mutter würde er sich kümmern, wenn es soweit war.

Als er endlich die drückende Enge des Busses verlassen konnte, trennten ihn nur noch ein paar wenige Querstraßen von dem trostlosen beigefarbenen Gebäude, das seine Firma beheimatete. Die Arbeit, der er dort tagein tagaus nachging, war ihm oft selbst ein Rätsel. Er verbrachte den Großteil seiner Stunden damit, in einem prall gefüllten Großraumbüro unglaubliche Mengen eintöniger Daten auszuwerten, die ihm Personen zusandten, die er in seinem Leben noch nie getroffen hatte, und seine Ergebnisse dann weiterzuleiten an andere Personen, von denen er nichts kannte außer ihren E-Mail-Adressen. Vor Jahren hatte er einmal die Vermutung gehabt, dass das Ganze irgendetwas mit Versicherungen zu tun haben könnte. Inzwischen war er sich da aber nicht mehr ganz so sicher. Und eigentlich war es ihm auch vollkommen egal.

Mit wenigen Schritten erklomm er die große breite Treppe vor dem Eingang des Gebäudes. Dann zog er wie jeden Morgen seine bereits vollkommen zerkratzte Karte durch den abgewetzten Schlitz neben dem Schloss, wartete auf das auffordernde Surren und öffnete die Tür.

Das erste, das Egon sah, als sich die silberfarbenen Fahrstuhltüren auf seiner Etage wenig später wieder für ihn öffneten, war das kantige Gesicht seines bösartigen Kollegen Ronnie. »Na Mensch, Egon. Da bist du ja endlich!«

Egon sackte ein kleines Stück in sich zusammen.

3. Kapitel

Unmittelbar nachdem Egon jene alte und vollkommen verwitterte Tür durchquert hatte, die im wirklich allerletzten Moment in dem stinkenden Bus voller Zombies erschienen war, fand er sich mitten in der Schwerelosigkeit wieder. Diese völlig unerwartete Veränderung der grundlegenden physikalischen Gesetze überraschte ihn derart, dass er nicht einmal dazu kam, seine neue Umgebung genauer in Augenschein zu nehmen – bevor sie ihn mit einem harten Schlag gegen den Schädel willkommen hieß.

»A-aua!« Egon rieb sich die schmerzende Stelle nur wenige Zentimeter über seinem rechten Ohr. Trotz seiner dichten Haare bemerkte er deutlich einen eckigen Abdruck. Er benötigte einen Augenblick, um die vielen kleinen Sternchen zu verscheuchen, die um seinen Kopf kreisten, dann aber sah er, dass die unhöfliche Kante, deren unerwünschte Bekanntschaft er soeben gemacht hatte, zu einem riesigen Schaltpult gehörte, auf dem nicht nur Tausende bunter Lämpchen leuchteten, sondern mindestens ebenso viele silberne Schalterchen glitzerten.

Dieses merkwürdige Objekt war allerdings nicht das einzig Seltsame an Egons jetzigem Aufenthaltsort. Wie sich herausstellte, schwebte er im Inneren eines langen Korridors, dessen Enden mit zwei schweren Luken verschlossen waren. An den weißen Wänden des Raumes verliefen dicke blaue Rohre sowie zahlreiche dünne Kabel in allen möglichen Farben, hier und dort flackerten außerdem kleine Bildschirme. Für Egons Geschmack wirkte alles viel zu futuristisch – bis auf einen angebissenen Apfel, der unmittelbar an ihm vorüberschwebte.

»Wo-wo bin ich denn jetzt schon wieder ge-gelandet?«

»Weißt du, mein lieber Egon, diese Frage ist gar nicht so einfach zu beantworten, wie du vielleicht denken magst.«

Die Stimme gehörte Kopernikus. Doch konnte Egon seinen grünäugigen Begleiter nirgendwo entdecken. Vielleicht lag es an der Schwerelosigkeit, aufgrund derer es an diesem Ort kein wirkliches Oben und kein wirkliches Unten gab – vielleicht aber auch einfach an seiner generellen Orientierungsschwäche. Jedenfalls hatte Egon wirklich nicht die leiseste Ahnung, aus welcher Richtung Kopernikusʼ Worte gekommen waren. Als er deswegen versuchte, sich nach ihm umzusehen, geriet er schnell in eine unfreiwillige Rotationsbewegung, deren Gefährlichkeit er erst bemerkte, als es längst zu spät war. Denn ehe er sich versah, drehte er sich mit einer solchen Geschwindigkeit um die eigene Achse, dass die spitzen Ecken des Schaltpultes nicht viel weniger lebensbedrohlich waren als die abgebrochenen Zähne eines fauligen Untoten.

»Hi-Hilfe!«, schrie Egon. Dann aber spürte er, wie ihn eine kräftige kleine Hand an seinem Knöchel ergriff und die Rotation zum Erliegen brachte. Erleichtert atmete er auf. Doch als endlich auch sein Verstand wieder aufhörte sich zu drehen, sah er sich Angesicht zu Angesicht mit etwas konfrontiert, das ihn erneut in panische Angst versetzte. Und dieses Etwas schwebte direkt vor seinen Augen. »Hi-Hilfe!«, wiederholte er sich.

»Egon! Ich bitte dich!«, tadelte ihn Kopernikus. »Du weißt doch, dass du von meiner Wenigkeit nichts zu befürchten hast.«

Das mochte im Grunde zwar richtig sein, doch hätten diese beruhigenden Worte ihren Sinn und Zweck sicherlich um einiges besser erfüllt, wären sie einem Mund oder wenigstens einem Maul entsprungen. Das aber war keineswegs der Fall. Vielmehr verließen sie eine seltsame Art von gebogenem Schnabel inmitten einer widerlichen Ansammlung von schlabberigen, schleimigen Saugnäpfen und Fangarmen. Mit anderen Worten: Das Wesen, das direkt vor Egons Augen in der Luft schwebte, glich am ehesten einem Tintenfisch. Einem pechschwarzen Tintenfisch um genau zu sein, der neben seinen acht Armen über einen mehr oder weniger normalen – wenn auch eher kleinen und pummeligen – menschlichen Körper verfügte, der wiederum in einem grau-blauen Raumanzug steckte. Direkt über dem Schnabel und exakt in der Mitte all jener glitschigen Extremitäten funkelten zwei große smaragdgrüne Glubschaugen.

Egon kam wieder etwas zur Ruhe. »Ko-Kopernikus?«

»In Persona«, erwiderte das Ungetüm.

»E-Entschuldigung«, sagte Egon und rang sich ein gequältes Lächeln ab. Er empfand Kopernikusʼ neues Äußeres als derart widerwärtig, dass es ihm beinahe den Magen umgedreht hätte, doch er riss sich zusammen und verkniff sich jeglichen Kommentar. Das Letzte, was er wollte, war, Kopernikus zu beleidigen. Wer wusste schließlich schon, was der alles mit ihm anstellen konnte? »Ähm, wo-wo sind wir jetzt also?«, kehrte er schnell zu seiner ursprünglichen Frage zurück.

»Nun, wie ich bereits sagte, das ist gar keine so einfach zu beantwortende Frage.« Kopernikus schlug seine menschlichen Arme übereinander und führte gleichzeitig einen seiner Tentakel an das ihm nächstgelegene Rohr. Ein kleiner Schubser genügte und er schwebte gekonnt einmal quer durch den Korridor, um schließlich an einem schmalen runden Fensterchen anzukommen, das Egon zuvor zwischen all den Lämpchen und Bildschirmen überhaupt nicht aufgefallen war. Kopernikus warf einen kurzen Blick hindurch, dann gestikulierte er Egon mit einer Hand. »Würdest du bitte einmal hier zu mir herüberkommen?«

Egon versuchte Kopernikus nachzuahmen so gut er konnte. Auch er stieß sich ab und schwebte quer durch den Korridor. Im Gegensatz zu seinem grünäugigen Bekannten verschätzte er sich allerdings, weshalb sein Flug unsanft durch seine Stirn abgebremst wurde. Es würde sicher noch ein wenig dauern, bis er sich an diese neue Art der Fortbewegung gewöhnte.

Als er dann blinzelnd durch das kleine Fenster schaute, hatte er alle Mühe seinen Augen zu trauen. Dass er sich in einer Art Raumschiff befinden musste, hatte er sich selbstverständlich bereits gedacht. Die Schwerelosigkeit und all die vielen rätselhaften Apparaturen an den Wänden um ihn herum stellten einen ziemlich eindeutigen Hinweis dar. Bis zu diesem Moment hatte er die Bedeutung dieser Erkenntnis jedoch nicht in ihrer ganzen Tragweite an sich herangelassen. Und auch jetzt, trotz des absolut phantastischen Anblicks, der sich ihm auf der anderen Seite des Fensterchens darbot, hielt noch immer ein kleiner erzkonservativer Bereich seines Gehirns hartnäckig die Stellung und weigerte sich kategorisch, diesen letzten Schritt zu gehen.

Das Universum war eine wahre Pracht! Dort draußen funkelten Millionen, nein Milliarden von Sternen, als wären riesige Diamanten einfach so in den Himmel geklebt worden. Weit in der Ferne erkannte Egon einen riesigen violett-rot-blauen Gasnebel, vor dem ein majestätischer Komet seinen langen weiß-blauen Schweif hinter sich herzog. Seinem Gehirn fehlten die passenden Superlative, um wirklich zu begreifen, was er sah. Mit einer Mischung aus Staunen und Schrecken bemerkte er ebenfalls, dass nur wenige Meter vor dem Fenster des Raumschiffes immer wieder kleine Meteoriten mit einer schier unfassbaren Geschwindigkeit vorübersausten. Gleichzeitig sah er, dass sich das glitzernde Licht der Sterne in der glatten Oberfläche eines gewaltigen silbernen Flügels widerspiegelte, der von einem großen blauen Globus verziert wurde. Auf was für einer Mission mochte sich dieses Gefährt nur befinden?

»Meinen persönlichen Schätzungen zufolge«, sagte Kopernikus und in seinen Glubschaugen schimmerte eine gewisse Selbstsicherheit, »trennen uns in diesem Augenblick noch etwa 500.000 Kilometer von der felsigen Oberfläche des Mars. Plus minus ein paar Tausend Kilometer, versteht sich.«

Egon meinte sich verhört zu haben. »Vo-vom Mars?!«

»Allerdings!«, bestätigte Kopernikus. »Siehst du diesen winzigen blauen Punkt dort drüben?«

Egon nickte.

»Das ist die Erde.«

»Di-die Erde?«, wiederholte Egon Kopernikusʼ Worte ebenso entsetzt wie zuvor – obwohl er eigentlich mit dieser Antwort gerechnet hatte. Dennoch fühlte er sich, als hätte man ihm in diesem Augenblick im wahrsten Sinne des Wortes den Boden unter den Füßen weggezogen. »U-und wir sind auf dem We-Weg zum Mars?«

»Exakt. Genau das habe ich gerade gesagt. Ja.«

»A-aber wa-was machen wir denn hier?!«

»Das ist eine sehr gute Frage. Wenn du mir bitte folgen würdest!« Erneut stieß Kopernikus sich mit einem seiner schleimigen Tentakel ab und schwebte quer durch den Korridor. Diesmal war sein Ziel eine der großen Luken an dessen Ende. Dort angekommen räusperte er sich auffordernd. »Würdest du mir hier wohl bitte kurz zur Hand gehen?«, sagte er und deutete auf ein großes Rad, mit dem die Luke geöffnet werden konnte.

Nachdem Egon – diesmal schon ein wenig geschickter – zu Kopernikus hinübergeschwebt war, stellte er bei seinem ersten Versuch an dem Rad zu drehen fest, dass sich die Physik einen kleinen Spaß mit ihm erlauben wollte. Denn nicht das Rad, sondern er selbst begann sich zu drehen. Nachdem er aber seinen Fuß zwischen zwei an den Wänden verlaufenden Rohren festgeklemmt hatte, öffnete sich die Luke mit erstaunlicher Leichtigkeit.

»Wunderbar. Ich danke dir.« Kopernikus zeigte auf den Durchgang. »Bitte nach dir.«

Unmittelbar hinter der Luke befand sich ein schmaler Schacht mit einer hageren kleinen Leiter. Egon hangelte sich an deren dürren Sprossen entlang und kam auf diese Weise recht schnell in der Schwerelosigkeit vorwärts. Zügig erreichte er die nächste Luke. Er öffnete auch diese und sein Blick fiel in einen halbrunden Raum, der vollständig in ein kräftiges dunkelrotes Licht getaucht war. Er schluckte. Rote Lichter wie dieses deuteten überaus selten darauf hin, dass alles in bester Ordnung war.

»Wir werden alle sterben!«, kreischte eine weibliche Stimme unter dem Einsatz für das menschliche Ohr kaum noch hörbarer Frequenzen – und bestätigte somit Egons schlimmsten Verdacht. Am liebsten hätte er sofort auf dem Absatz kehrtgemacht, doch wusste er leider nur zu gut, dass ihm diese Option nicht zur Verfügung stand. Widerwillig stieß er sich ab und schwebte so langsam und vorsichtig wie möglich in den Raum hinein.

Offenbar befand er sich jetzt in dem Cockpit des Raumschiffes, das neben dem bedrohlichen Schein der tiefdunkelroten Beleuchtung nur noch von dem flackernden Licht zahlreicher großer und kleiner Bildschirme erhellt wurde. Unmittelbar vor Egon befanden sich drei Sitze, die allesamt auf eine große Scheibe hin ausgerichtet waren. In diesen Sitzen saßen drei Menschen in grauen Raumanzügen, von denen Egon allerdings nichts weiter sah als ihre behelmten Köpfe, die ein Stück über die Lehnen hinausragten. Hinter der großen Scheibe zeigte sich der Mars in all seiner roten Pracht. Das Raumschiff war dem Planeten bereits so nahe, dass Egon ohne größere Mühe zahlreiche Details der von tiefen Kratern und hohen Gebirgszügen zerfurchten Oberfläche erkennen konnte.

Zwar war Egon sich nicht sicher, welche der drei Personen ihrer Verzweiflung zuvor derart ausdrucksstark Luft gemacht hatte, doch die tiefe und selbstsichere Stimme, die er als nächstes hörte, war es eindeutig nicht gewesen: »Immer mit der Ruhe. Noch haben wir eine Chance.«

Egon stutzte. Den missmutig-sachlichen Tonfall erkannte er sofort. Jahrelang hatte er ihn tagein tagaus gehört, ob er gewollt hatte oder nicht. Es handelte sich um die Stimme seines alten Klassenlehrers Herrn Martin.

Vermutlich hätte Egon sich in diesem Moment darüber wundern sollen, was der Lehrer hier – Millionen Kilometer von seinem Klassenzimmer entfernt – im Cockpit eines futuristischen Raumschiffes und im Anflug auf den roten Planeten zu suchen hatte. Tatsächlich jedoch tat er das nicht. Schließlich hatte er ja kaum eine Ahnung, was genau er selbst hier eigentlich tat. Wie käme er also dazu, sich über die Anwesenheit irgendeiner anderen Person zu beschweren?

»Und welche bitte?«, meldete sich wieder die weibliche Stimme zu Wort. »Was können wir denn schon tun?!« Da sich ihre Frequenz zumindest halbwegs zurück in den für normale Menschen hörbaren Bereich verlagert hatte, erkannte Egon nun auch diese Person. Es handelte sich um Frau Becker, seine ehemalige Mathematiklehrerin.

»Na, das ist doch wohl offensichtlich. Jemand muss da raus gehen und das verdammte Ding von Hand entriegeln«, brummte Herr Martin.