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Das bekannteste Herrschergeschlecht des Hochmittelalters
130 Jahre lang herrschten die Könige und Kaiser der Staufer – von 1138 bis 1268. Ein Mythos sind sie bis heute, allen voran die charismatischen Kaisergestalten Friedrich I. Barbarossa und Friedrich II., dessen Reich sich von der Ostsee bis Sizilien erstreckte. Die Zeit der Staufer, das Hochmittelalter, war zugleich die Blütezeit der Ritter und Burgen, Handel und Städtebau boomten. Überragende Persönlichkeiten wie Hildegard von Bingen und Franz von Assisi nahmen Einfluss auf Glauben und Politik, Dichter schrieben geniale Werke wie den »Parzival«. Häufig jedoch war der Alltag geprägt von harten Konflikten: Papst und Kaiser, König und Fürsten rangen um die Macht im Reich. SPIEGEL- Autoren und renommierte Mediävisten geben Einblick in diese bewegte Epoche. Sie porträtieren die staufischen Herrscher, zeigen, wie deren Untertanen lebten, und legen dar, warum die aus dem Schwäbischen stammende Staufer-Dynastie wie kein anderes deutsches Herrschergeschlecht zur Legende wurde.
• Ein umfassender Einblick in die Epoche des Hochmittelalters
• Kompakte Informationen: Herrscherporträts, Übersichtsdarstellungen, Essays – dazu zahlreiche Grafiken und Abbildungen
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Seitenzahl: 316
Veröffentlichungsjahr: 2011
Stammtafel der Staufer
Wer sich mit den Königen und Kaisern aus dem Geschlecht der Staufer befasst, gerät in eine höchst widersprüchliche Epoche: Es ist die Zeit der Kreuzzüge, der brutalen Ritterschlachten, der Leibeigenschaft und des Aberglaubens. Gleichzeitig werden in diesen beiden Jahrhunderten des hohen Mittelalters wichtige Fundamente der Moderne gelegt: Die Anfänge unseres Rechtssystems entstehen, die Ausübung hoheitlicher Macht wird konstitutionell begründet, Logik und Vernunft ziehen in die Denkschulen ein, schwärmerische Liebe und Traurigkeit in die Dichtkunst. Nicht nur imposante Burgen werden gebaut, sondern viele Städte gegründet, die durch Geldwirtschaft und Handel prosperieren und neue Berufe, neue Schichten entstehen lassen. Es ist eine mobile Zeit, in der immer mehr Kuriere, Gesandte und Kaufleute die Alpenpässe nach Italien überqueren, auch hier regieren die Staufer als römisch-deutsche Kaiser. In der Zeit ihrer größten Machtentfaltung spannt sich ihr Reich von Lübeck bis Palermo. Damals beginnt sich Europa mit seinen zentralen Staaten zu formen.
Wie fortschrittlich, wie innovativ waren die Staufer? Wie weit kam Friedrich I. Barbarossa in seinem Kampf, die unerhörte Macht der Päpste zurückzudrängen? War Friedrich II. wirklich »der erste moderne Mensch auf dem Thron«, wie der Schweizer Kulturhistoriker Jacob Burckhardt schwärmte? Warum wurde ausgerechnet dieses Geschlecht schwäbischer Herzöge so mächtig, so bekannt bis heute wie keine andere Dynastie des Mittelalters? Kein Ottone, kein Salier, kein Luxemburger konnte es je an Popularität mit ihnen aufnehmen. Wie sah das Reich aus, das sie beherrschten – und woran scheiterten sie letztlich?
Diesen Fragen gehen die Autoren des vorliegenden Buches nach – in umfassenden Porträts der großen Staufer Friedrich I. Barbarossa und Friedrich II., Dichterfürst und Falkenliebhaber, in historischen Analysen, die den Konflikt zwischen Staufern und Päpsten, zwischen König und Fürsten, zwischen deutschem Kaiser und rebellischen italienischen Städten beleuchten. Sie beschreiben, wie im Mittelalter Politik gemacht wurde, als Demutsgesten und Bußrituale feste Bestandteile der diplomatischen Kunst waren. Die Historiker Stefan Weinfurter und Wolfgang Stürner zeichnen die großen Entwicklungslinien nach – bis zu den Grenzen der Staufermacht.
SPIEGEL-Redakteure haben sich auf historische Spurensuche begeben und faszinierende Geschichten mitgebracht, etwa aus Palermo in Sizilien, wo Friedrich II. aufwuchs und später herrschte, oder aus der oberitalienischen Metropole Bologna, deren traditionsreiche Universität damals Kaderschmiede der gerade entstehenden Jurisprudenz war.
Das Buch widmet sich aber auch dem Alltag der staufischen Untertanen auf dem Land, in aufstrebenden Städten wie Lübeck und in den Burgen, wo es sich gar nicht so angenehm lebte. Dies erwies sich als schwierige Recherche, bei der viele Details im Dunkeln blieben, denn Geschichtsschreibung im Mittelalter ist meist Herrscher-Berichterstattung – für Bauern und Schmiede interessierte sich kaum ein Chronist.
Die Historiografen dienten auch den staufischen Kaisern, die schon sehr genau wussten, wie PR funktioniert. Sie hielten sich Hofschreiber, die ihre Taten glorifizierten. Damit trugen sie selbst dazu bei, dass sie früh zum Mythos wurden. Die Nationalbewegung des 19. Jahrhunderts machte Barbarossa schließlich zur deutschen Heldengestalt, Kinder erfuhren aus Grimms Märchenbüchern vom sagenhaften Kaiser Rotbart im Kyffhäuser, der schläft, bis er einst bessere Zeiten und ein geeintes Reich bringen wird.
Warum interessieren uns die Staufer noch heute? Wer anfängt zu lesen, wird es schnell erfahren: Die Geschichten aus der Welt der legendären Friedriche sind nicht nur hoch spannend, sie helfen uns, die Entwicklung unserer Welt zu verstehen, unserer heutigen politischen und gesellschaftlichen Ordnung.
Hamburg, im Herbst 2010 Annette Großbongardt, Dietmar Pieper
Schon im Mittelalter werden die Staufer-Kaiser zum Mythos – meist verherrlicht, aber auch verteufelt. Barbarossa entwickelt sich zum Helden der Deutschen, vor der Reichsgründung 1871 verkörpert er die politische Sehnsucht der Nationalbewegung.
Von Annette Großbongardt
Fünf Jahre lang gruben sich die Fürstlich-Schwarzburgischen Kumpel nun schon in den Berg am Südwestrand des Kyffhäuser-Gebirges, ganze 178 Meter tief hatten sie sich hineingearbeitet, doch den begehrten Kupferschiefer immer noch nicht gefunden. Da plötzlich, es war im Dezember 1865, vier Tage vor Weihnachten, brachen sie mit ihren Pickeln durch eine Wand, hinter der sich ein geheimnisvoller Hohlraum öffnete. Im Schein ihrer Grubenlaternen erblickten die Bergleute bizarre Gipsgebilde an Decken und Wänden. Sie hatten eine riesige Höhle aus Anhydrit-Gestein entdeckt, die sich in vielen Verzweigungen, so zeigte sich, über 13 000 Quadratmeter erstreckte.
Der Fund war so sensationell, dass bereits drei Wochen später die erste Gruppe durch die Höhle geführt wurde. Über 2600 Besucher kamen allein im ersten Jahr. Das Mineral Anhydrit quillt unter Feuchtigkeit auf und verwandelt sich, in phantastische Formen berstend, zu Gips.
Aber da war noch etwas anderes, das zur Faszination beitrug: Erzählte nicht die Sage, dass der legendäre Kaiser Barbarossa in einer unterirdischen Zuflucht schlafend darauf warte, im rechten Moment das deutsche Kaisertum zur Vollendung zu führen? Dass dieses Versteck im Harz, im Kyffhäuser, liegen könne, hatte bereits um 1421 der Geschichtsschreiber Johannes Rothe in seiner »Thüringischen Chronik« beschrieben. Er berichtet darin von einem »ketzerischen Glauben«, nach dem »Keißer Frederich noch lebe unde der her wander zu Kuffhußen yn Doringen uf dem wüsten Sloße«.
War die Felsengrotte mit ihren sonderbaren Gipsausformungen vielleicht dieses »wüste Schloss«? 1891 wurde die inzwischen sorgfältig vermessene Höhle mit elektrischer Beleuchtung ausgestattet – gerade rechtzeitig vor dem eigentlichen Ansturm. Denn zehn Kilometer weiter im Kyffhäuser-Gebirge wurde gerade ein Denkmal von nationaler Bedeutung errichtet: eine Heldengedenkstätte für den verstorbenen Kaiser Wilhelm I., der hoch erhoben und zu Ross über einer mächtigen Steinskulptur des Stauferkaisers Barbarossa thront.
Der Kyffhäuser – auf Ruinen der alten Reichsburg aus Stauferzeiten steht das 1896 eingeweihte Monument, das Kaiser Wilhelm I. als Vollender der Reichsidee Barbarossas feiert.
Hier, in den Ruinen der mittelalterlichen Reichsburg Kyffhausen, sollte die kaiserliche Linie von den Hohenzollern zurück zu den Staufern für alle sichtbar gezogen werden. »Auf dem Kyffhäuser, in welchem nach der Sage Kaiser Friedrich der Rotbart der Erneuerung des Reiches harrte, soll Kaiser Wilhelm der Weißbart erstehen, der die Sage erfüllt hat«, heißt es in der Urkunde zur Grundsteinlegung im Mai 1892 – Barbablanca, der Heldenkaiser, der 1871 endlich die langersehnte Einheit der Deutschen zustande brachte.
Und in der Anhydrit-Höhle, die längst offiziell zur »Barbarossa-Höhle« erklärt war, stand nun ein steinerner Thron für den Kaiser mit Tisch davor, durch den, wie die Sage erzählt, sein Bart schon hindurchgewachsen ist. Die Rottlebener Höhle in der idyllischen Landschaft knapp 70 Kilometer nördlich von Erfurt kann man heute besichtigen, das Wilhelm-Denkmal »Für Kaiser und Reich« ist zum Museum geworden, inmitten der wunderschönen Kulisse der Burgruine. Der Kyffhäuser mit seinem gigantomanischen Denkmal markiert den Höhepunkt einer nationalen Überhöhung der Staufer, die das schwäbische Herrschergeschlecht zum Urbild des deutschen Kaisertums erhob.
Die Staufer waren – und sind – so beliebt wie keine andere Dynastie des Mittelalters, kein Ottone, kein Salier konnte es je mit ihnen aufnehmen an Popularität. Sie alle, ob Friedrich I., Barbarossa, Heinrich VI., Friedrich II., seine Söhne Manfred, Enzio und Heinrich, der arme Konradin, wurden zu Helden unzähliger Dramen, Balladen und Gedichte, die meisten sind heute vergessen.
Warum gerade diese Familie schwäbischer Herzöge, die sich selbst erst in der Zeit Friedrichs II. als Staufer bezeichnen? Ihr Aufstieg beginnt im Jahr 1079, als der Salier Heinrich IV. aus machtpolitischem Kalkül den jungen Grafen Friedrich, einen treuen Gefolgsmann, zum Herzog von Schwaben macht und ihm seine Tochter Agnes zur Frau gibt. Stammsitz des Schwiegersohns wird die Burg »Staufen« auf dem Hohenstaufen, der Name geht später auf die Familie über. Der erste Staufer, dem es nach etlichen Wirren gelingt, von den deutschen Fürsten einhellig zum »König des römisch-deutschen Reiches« gewählt zu werden, ist Konrad III. 1138 ist das, und nun regiert die Dynastie fast 130 Jahre lang, bis der gerade 16-jährige Konradin im Kampf gegen Karl von Anjou und den Papst unterliegt und hingerichtet wird.
Was hebt die Staufer ab von anderen Herrscherhäusern? Warum spielen nicht Karl der Große oder Kaiser Otto I. diese prominente Rolle in der Saga der Deutschen? Die Staufer, sagt der Heidelberger Historiker Bernd Schneidmüller, eignen sich jedenfalls besonders gut dazu, »nationale, ja übernationale Größe zu zelebrieren«. Karl der Große und die Karolinger, so Schneidmüllers Argumentation, sind noch nicht deutsch, sie sind Franken. Die Ottonen stehen noch im Übergang von der fränkischen Welt zum Europa des Mittelalters, im 10. Jahrhundert fehlt auch noch der wirtschaftliche und kulturelle Aufschwung, der die Staufer-Welt auszeichnet. Und die Salier, das nächste große Geschlecht, verschleißen sich im Riesenkonflikt mit dem Papsttum, dem Investiturstreit, der Heinrich IV. zum Gang nach Canossa zwingt.
Die staufischen Fürsten Barbarossa und Friedrich II. sind aber auch ungemein markante Kaisergestalten, Schneidmüller spricht von »charismatischer Herrschaft«. Sie leuchtet umso heller, je länger sie zurückliegt. Vor allem Barbarossa wird zum glorifizierten Inbegriff des mächtigen, schwertumgürteten Königs. Von Friedrich II., dem schillernden Deutsch-Italiener, schwärmt Nietzsche als einem der »zauberhaften Unfassbaren und Unausdenklichen«, in ihm sieht er den »ersten Europäer nach meinem Geschmack«.
Die Staufer-Begeisterung hat Dichter wie Historiker über Jahrhunderte befeuert, ihre Epoche gilt manchen gar als Höhepunkt der deutschen Geschichte. Tatsächlich verbindet sich mit den Staufern die Glanzzeit der hochmittelalterlichen Architektur und Literatur, der höfisch-ritterlichen Kultur, des Burgenbaus. Der Aufbruch der Wissenschaften ereignet sich ebenso in diesen Jahrzehnten wie der Aufschwung der Städte und des Handels.
Vor der dekorativen Kulisse von Burgen und Ritterturnieren liefern die Staufer erstklassigen Stoff für Heldensagen vom Aufstieg und Fall eines Königsgeschlechts, mit allem, was dazugehört. Krieg, Triumph und Demütigung, Mord und Intrige, Liebe und Heiratspolitik. Große historische Mythen überdauern nur, sagt Staufer-Kenner Schneidmüller, »wenn sie für jedes Jahrhundert sozusagen frisch anknüpfungsfähig sind«. Auf die Friedrichs und Konrads trifft das zu. Das schwäbische Herrschergeschlecht erweist sich durch fast alle Epochen hindurch als immer wieder neu interpretierbar. Jede Epoche nahm sich, was sie brauchte – die Reformation den Widerstand gegen die Päpste, die Romantik den Minnesang und die höfische Kultur, die Nationalbewegung des 19. Jahrhunderts die Reichsidee. Sogar die Nazis fanden einen Weg, die Staufer propagandistisch einzuspannen.
Der Staufer-Mythos entstand nicht erst in der Neuzeit, sondern bereits im Mittelalter. Schon zu Lebzeiten wird Friedrich II. überhöht zum »größten unter den Fürsten«, zum »stupor mundi«, dem »Staunen der Welt«. Kräftig nährt er selbst den Personenkult um sich. »Kaiser Friedrich II., immer erhabener Caesar der Römer, König Italiens, Siziliens, Jerusalems, des Arelats; der Glückliche, der Sieger, der Triumphator«, nennt er sich etwa im Vorsatz seines Gesetzbuches für Sizilien, das er 1231 veröffentlichen lässt.
Sein Großvater Barbarossa engagiert als Hofchronisten einen der bekanntesten Geschichtsschreiber der Zeit: Bischof Otto von Freising, ein Onkel des Kaisers. In dessen Auftrag verfasst er 1157/58 eine propagandistisch gefärbte Chronik der »Gesta Frederici« (»Taten Friederichs«), in der die Staufer zu Erfüllern des göttlichen Willens stilisiert werden. Lobpreis über alle Maßen spendet der zeitgenössische Kölner Vagantendichter Archipoeta: »Kaiser Friedrich, in der Welt bist du Herr der Herren, dass Posaunen dir des Feindes Burgen niederzerren. Wir verneigen uns vor dir, Ameise wie Tiger, Busch und Zeder Libanons beugen sich dem Sieger.«
Bloß im Ausland ist Barbarossa herzlich unbeliebt. Denn angesichts ihres Expansionsdrangs wächst auch Abwehr gegen die Deutschen. Damals entsteht das Bild vom »barbarischen, ungezügelten und plumpen Deutschen«, die Angst vor dem »furor teutonicus« nimmt Gestalt an. »Wer hat die Deutschen zu Richtern über die Nationen bestellt?«, erzürnt sich der englische Philosoph Johann von Salisbury, papsttreuer Bischof von Chartres, als Barbarossa 1160 einem Gegenpapst an die Macht verhilft. »Rohe und gewalttätige Menschen« nennt er die Deutschen.
Für die Mailänder und den norditalienischen Lombardenbund, die sich mit Unterstützung des Papstes von dem schwäbischen Herrscher freikämpfen wollen, ist Barbarossa ohnehin der hässliche Deutsche. Der Kaiser lässt ihre Auflehnung brutal niedermetzeln. Gegen Ende seiner 38-jährigen Regentschaft kriselt seine Macht, da verhilft ihm sein tragischer Tod in einem anatolischen Fluss, der ihn auf dem Kreuzzug ereilt, quasi zur Unsterblichkeit. »Ein solches Ende lässt sich gut als Märtyrertod im Kampf gegen die Muslime feiern«, meint Schneidmüller. »Das hat ihm ein Angedenken beschert, das letztlich alle Krisen überstrahlte.«
Auch sein Enkel Friedrich stirbt im weit entfernten Reichsteil Italien, wo er aufgewachsen ist und auch die meiste Zeit seiner Regentschaft verbracht hat. Er war ein ferner Kaiser, jedenfalls für seine Untertanen im Nordreich, schon damals mehr Mythos als wirkliche Gestalt. Die Nachricht von seinem zunächst geheim gehaltenen Tod 1250 im apulischen Castel Fiorentina kommt so spät an im Reich, dass sogleich die Spekulation beginnt – vielleicht ist er gar nicht tot und hält sich nur versteckt? In Italien kursiert die Prophezeiung der Sibylle von Erythrea, die geweissagt hat, er werde zwar sterben, aber doch nicht tot sein. Die Menschen können nicht glauben, dass die politisch beherrschende Figur der letzten drei Jahrzehnte einfach so verschwunden ist. Der Kaiser sei mit großem Gefolge in den Ätna geritten, heißt eine der Legenden.
Schon seit der Spätantike haben sich verzweifelte Menschen an dem Glauben an einen Endkaiser als eine Art Erlöser aufgerichtet, eine Tradition, die der westfränkische Mönch Adso im 10. Jahrhundert niederschreibt. Sie besagt, dass einmal ein Kaiser kommen wird, nach Jerusalem zieht, alle irdischen Feinde Christi besiegt und seine Krone in der Grabeskirche niederlegt. Dann beginnt das Jüngste Gericht. Vor allem der Verweis auf die Grabeskirche ist perfekt für Friedrich II., hat er sich doch dort 1229 mit der Krone Jerusalems geschmückt.
Die Sehnsucht nach dem politischen Messias verstärkt sich noch, als mit dem Ende der Staufer das Land in die Wirren des sogenannten Interregnums stürzt – Schiller nannte sie später »die kaiserlose, die schreckliche Zeit«. Aus der Verklärung der Vergangenheit erwächst Friedrich fast heilsgeschichtliche Bedeutung. »Die Rettergestalt eines kommenden Friedrichs aus dem Geschlecht der Staufer … bestimmte während des ganzen Mittelalters den Erwartungshorizont breiter Bevölkerungsschichten«, sagt der Historiker Klaus Schreiner.
Sind die Zeiten schlecht, beflügelt das die Hoffnung auf einen Erlöser, etwa als 1347 bis 1352 die große Pest wütet. In der zeitgenössischen Chronik des Johann von Winterthur wird der neue Herrscher gar zu einem Gesellschaftsrevolutionär verklärt: »Dieser Meinung nach wird Friedrich wiedererweckt werden und an die Spitze seines Reiches zurückkehren; dann wird er arme Mädchen und Frauen reichen Männern zu Ehe geben und umgekehrt. Er wird die Nonnen und Laienschwestern verheiraten und die Mönche verehelichen. Den Unmündigen, Waisen und Witwen, denen alles und jedes geraubt wurde, wird er das Weggenommene wiedererschaffen und jedermann Gerechtigkeit widerfahren lassen.«
So setzt sich das fort durch die Jahrhunderte. Selbst die massiven negativen Gegenbilder, die vor allem die Propagandisten des Papstes verbreiten, können dagegen nichts ausrichten. Sie verteufeln Friedrich als Vorläufer des »Antichristen«, der wie ein Untier dem Meer entsteigt, beschimpfen ihn als »Fürst der Tyrannei«, »Vernichter des Glaubens«, »Verderber der Welt«. Der papsttreue italienische Franziskaner Salimbene de Adam schreibt, Friedrich sei »ein unheilvoller und verworfener Mensch«, »ein verschlagener Mann, durchtrieben, geizig, ausschweifend, boshaft und jähzornig«. Doch es schwingt auch Bewunderung mit: »Wäre er ein guter Katholik gewesen, und hätte er Gott, die Kirche und seine eigene Seele geliebt, so hätte er wenige seinesgleichen unter den Herrschern der Welt gehabt.«
Der messianische Volksglaube richtet sich zunächst klar auf Friedrich II., auch wenn es ein bisschen durcheinandergeht, wo er sich denn versteckt halte: Mal ist es der Untersberg bei Salzburg, mal Sennheim im Elsass, mal eine Grotte nahe Kaiserslautern – schließlich der Kyffhäuser. Doch dann, vom 15. Jahrhundert an, verdrängt Barbarossa seinen Enkel nach und nach aus der Rolle des kaiserlichen Erlösers. »Ohne diesen Wechsel hätte die Legende wohl kaum zum Nationalmythos der Deutschen werden können«, sagt der Berliner Politologe Herfried Münkler, denn der in Umbrien und Sizilien aufgewachsene bartlose Friedrich, mehr Italiener denn Deutscher, hätte in Deutschland kaum patriotische Begeisterung wecken können.
»Nationalmythen beschwören Gestalten aus der Vergangenheit, um die Zukunft zu garantieren«, erläutert Münkler. Für die Humanisten der Reformationszeit ist diese Zukunft eine, in der die Allmacht der katholischen Kirche gebrochen ist. Luther und seine intellektuellen Mitstreiter nutzen den Konflikt Friedrichs I. mit dem Papst, »um antirömische und antiklerikale Ressentiments zu schüren«. Aus den Staufern werden richtige Deutsche gemacht.
Im späten 18. Jahrhundert beginnt, in Sagen und Märchen, Liedern und Erzählungen, die Suche nach den Ursprüngen eines deutschen Volkscharakters. Jetzt bekommen die Staufer Hochkonjunktur. »Sollten es nicht die Zeiten der Schwäbischen Kaiser verdienen«, hatte schon 1767 der Dichter und Philosoph Johann Gottfried Herder angeregt, »dass man sie mehr in ihr Licht der deutschen Denkart setzt?«
Bald stürzen sich die Romantiker auf das Mittelalter, das sie als »das schöpferische Jugendalter deutscher Kultur« verklären und germanisieren. Ganze Sammlungen von Volkspoesie entstehen, die Brüder Grimm nehmen die Kyffhäuser-Legende 1816 in ihr Kompendium der »Deutschen Sagen« auf. »Er soll doch noch nicht tot sein«, heißt es da über »Friedrich Rotbart«, »sondern bis zum jüngsten Tage leben, auch kein rechter Kaiser nach ihm mehr aufgekommen. Bis dahin sitzt er verhohlen in dem Berg Kyffhausen, und wann er hervorkommt, wird er seinen Schild hängen an einen dürren Baum, davon wird der Baum grünen und eine beßre Zeit werden.« Einmal, so geht die Sage weiter, habe ein Zwerg einen Schäfer hineingeführt, da sei der Kaiser aufgestanden und habe gefragt: »Fliegen die Raben noch um den Berg?« Als der Schäfer das bejahte, rief er: »Nun muß ich noch hundert Jahre länger schlafen.« Die Raben und der lange Bart, der schon in den steinernen Tisch hineingewachsen ist, gehören fest zur Kyffhäuser-Geschichte.
Barbarossa-Monument am Kyffhäuser-Denkmal
»Welcher Nationalstoff! Kein Volk hat einen nur etwa gleich großen!«, jubelt Christian Dietrich Grabbe, ein Dramatiker des Vormärz, der gleich zwei Staufer-Dramen schreibt. Wortgewaltig dichtet auch Friedrich Rückert 1817: »Der alte Barbarossa« hat mit hinabgenommen »des Reiches Herrlichkeit«. Seine Verse, wer kennt sie nicht, werden zur Schullektüre bis weit ins 20. Jahrhundert.
Nun wollen alle über die Staufer schreiben, ganze Staufer-Zyklen entstehen. Das ist nicht immer hohe Kunst, mitunter, wie bei Wilhelm Nienstädt, klingt das arg bemüht: »So, auf erhabner Vorzeit dunkeln Trümmern, Ihr Licht in weite Ferne stolz gewandt, sah ich gepriesne Königs-Häupter schimmern, an Glück und Weh uns immerdar verwandt.« Bloß Goethe ist kein besonderer Fan der Staufer. Ihm genügt es, gemeinsam mit Großherzog Karl August auf den Kyffhäuser zu wandern, um den Sonnenaufgang zu erleben. Zwei Skizzen vom Berg, immerhin, bringt er mit.
Konradin, dem letzten der Staufer, widmen sich die Literaten mit besonderer Leidenschaft und Hingabe. Sein tragisches Los rührt das Publikum. Über hundert Konradin-Dramen und -Fragmente entstehen, darunter der populäre Ritterroman »Konradin von Schwaben« oder die tragische Oper gleichen Namens, 1812 in Stuttgart uraufgeführt. Die Geschichte findet ihren Weg in die Lehrpläne der Schulen, und Jesuiten-Zöglinge führen Konradins Untergang in lateinischer Sprache auf. Fast jedes Jahr erscheint ein neues Rührstück, so dass der Literaturkritiker Julius Hart schließlich 1915 den Augenblick herbeisehnt, »wo auf der Bühne der letzte Staufer zum letzten Mal das Schafott betritt«.
Häufig steht die Poetisierung des Mittelalters in krassem Gegensatz zu der oft grausamen Wirklichkeit der Ritterzeit. Eine bevorzugte Quelle vieler solcher Staufer-Dichtungen ist das Werk eines Historikers, Friedrich von Raumer: »Geschichte der Hohenstaufen und ihrer Zeit« (1823 bis 1825). Es ist eine idealisierend-romantisierende Darstellung, das Drama vom blendenden Aufstieg und tragischen Fall eines Königsgeschlechts. »Das entsprach der allgemeinen Sicht auf die mittelalterliche Kaiserzeit als einer glorreichen Vergangenheit, der eine Jahrhunderte währende Epoche nationaler Erniedrigung folgte«, urteilt der Münchner Historiker Knut Görich.
Auch der Königsberger Geschichtsprofessor Wilhelm von Giesebrecht, dessen Werk großen Einfluss auf das Geschichtsbild des deutschen Bildungsbürgertums haben sollte, trägt seinen Teil bei zur Monumentalisierung der Staufer. In seiner sechsbändigen »Geschichte der deutschen Kaiserzeit« (ab 1855), die als solide Materialschau Verdienste hat, feiert er die staufische Kaiserzeit als »Periode, in der unser Volk, durch Einheit stark, zu seiner höchsten Machtentfaltung gedieh. Wo es nicht allein frei über sein eigenes Schicksal verfügte, sondern auch anderen Völkern gebot, wo der deutsche Mann am meisten in der Welt galt und der deutsche Name den vollsten Klang hatte.« Das klingt schon stramm nationalistisch.
Ein Auslöser des Barbarossa-Fiebers von Beginn des 19. Jahrhunderts an ist sicherlich die Demütigung der Deutschen durch Napoleon und seine Besatzungstruppen gewesen. Und die Frustration endet nicht: Nach dem Sieg über Napoleon verwehrt der Wiener Kongress die erhoffte politische Einigung Deutschlands. Die Revolution von 1848 scheitert. Aber ihren Staufer-Mythos kann den träumenden Patrioten keiner nehmen. Barbarossa, sagt der Historiker Schneidmüller, »ist nun der nationale Recke, an dem die Deutschen ihre Sehnsucht nach der Reichseinheit festmachen«.
Die Freiheitsliebenden, die Anhänger der Demokratie, haben allerdings oft ihre liebe Not mit den Staufern. Der Liberale Ludwig Pfau versucht 1847 in einem Gedicht gegen den Trend anzuschreiben: »Laß ruhn den Barbarossa doch, auf seines Schwertes Knauf. Laß ihn bei seinem Trosse doch. Und wach Du selber auf!« Keiner aber verspottet die Staufer so kunstvoll wie Heinrich Heine. In seinem satirischen Versepos »Deutschland. Ein Wintermärchen« (1844) träumt der politische Dichter von einem Besuch im Kyffhäuser, wo er sich mit dem alten Barbarossa unterhält. »Geh’, leg Dich schlafen«, befiehlt er ihm respektlos, »wir werden uns auch ohne Dich erlösen … Bedenk’ ich die Sache ganz genau. So brauchen wir gar keinen Kaiser.«
Was die anderen in den Himmel heben, nennt Heine schlicht das »alte Heilige Römische Reich« mit seinem »modrigsten Plunder«. Der vielgepriesene Kaiser ist bei ihm ein knauseriger Depp, der seinen Soldaten nur einen Dukaten pro Jahrhundert zahlt und die Französische Revolution verschlafen hat. Hämisch beschreibt Heine, wie er »durch die Säle herumwatschelt«, der alte Rotbart, »mit mir in trautem Geschwätze, er zeigte, wie ein Antiquar, mir seine Kuriosa und Schätze«.
Die Staufer müssen auch herhalten für den erbitterten Richtungsstreit um den künftigen Kurs der Reichspolitik. Es geht um die Frage, in welchen Grenzen das Reich herzustellen sei – sollte man in einer großdeutschen Lösung alle deutschsprachigen Gebiete vereinen oder, als kleindeutsche Variante, nur den Norddeutschen Bund mit Süddeutschland? Die Staufer hätten sich in Italien verzettelt und deshalb die nationalstaatliche Entwicklung blockiert, mäkelt der Münchner Historiker Heinrich von Sybel. Sein Innsbrucker Kollege Julius Ficker, der eine großdeutsche Lösung unter habsburgischer Führung propagiert, hält dagegen – daraus sollte ein Historikerstreit werden, der bis ins nächste Jahrhundert nachwirkt.
1871 zur Reichsgründung entzweien die Staufer sogar noch die Parteien im Reichstag – als ginge es um eine aktuelle Politikvorlage. Der Sprecher der Nationalliberalen, der Abgeordnete Rudolf von Bennigsen, macht den imperialen Kurs Barbarossas und Friedrichs II. nieder: Gerade die mächtigsten Kaiser hätten sich um Deutschland nicht gekümmert und »in langen Regierungsjahren Deutschland kaum betreten«. Zwar kritisiert auch der Zentrumsabgeordnete Ludwig Windthorst die Italien-Züge der Staufer, findet aber in der Erinnerung an sie eine Poesie, die »eine tiefe Saite des deutschen Charakters zum Schwingen bringe«. Tatsächlich soll die Anbindung an das erste Kaiserreich dem nüchternen Beamten- und Militärstaat Preußen etwas geschichtlichen Glanz verleihen. Praktische Politik, so Münkler, wird aus der nostalgischen Rückschau aber nicht.
Der Glanz strahlt zur prächtigen Siegesfeier gerade recht, nach dem Triumph über die Franzosen dichtet Theodor Fontane vaterländische Sentenzen über Wilhelm I., den »Kaiser Blanchebart«. Zum Empfang der aus Frankreich zurückkehrenden Truppen gibt das Hoftheater in Stuttgart »Kaiser Rotbarts Erwachen«, in Karlsruhe spielt man »Kaiser Rotbart« und in Berlin »Barbarossa«.
Aufwendig würdigt das Wilhelminische Reich die mittelalterlichen Ahnen. Die staufische Kaiserpfalz in Goslar wird restauriert, das Nationaldenkmal auf dem Kyffhäuser geschaffen, 1896 läuft ein großes Schiff vom Stapel, die »Barbarossa«. Als der Deutsche Kriegerbund, der spätere Kyffhäuserbund, nach dem Tode Wilhelms I. 1888 einen Gedenkort für den preußischen Heldenkaiser sucht, ist der Kyffhäuser schnell Konsens. Schließlich habe, wie es der Schriftführer formuliert, »Kaiser Weißbart die Sage erfüllt und Kaiser Rotbart erlöst«.
So schicken sich die Hohenzollern an, die Staufer als überlebensgroße Herrschergestalten abzulösen, wie schon ein Gedicht von Karl August Mayer (1870) zeigt: »Die Krone sendet der Stauf dem Zollern dort. In ihm hat Deutschland endlich gefunden seinen Hort. Mit starkem Arm zusammen, hat er das Reich gerafft. Indeß ich bei den Wälschen zersplittert meine Kraft. Ich war ein römischer Kaiser; Er wird ein deutscher sein.« Auch die krächzenden Raben sind nun verschwunden. In einer zeitgenössischen Karikatur sieht man, wie Barbarossa den Kyffhäuser abschließt, die Raben in einem Käfig. Auf der Tür steht: »Wegen Geschäftsaufgabe geschlossen!« Nun verschwindet Barbarossa auch nach und nach aus der Dichtung.
Aber der Mythos hält sich. Selbst die Nationalsozialisten, die für das Kaisertum eigentlich nicht viel übrig haben, lockt doch der Duft des Germanischen, der die Staufer umweht. Die staufischen Helden werden »umstandslos in die neue, staatlich verordnete Geschichtskonzeption der Nationalsozialisten integriert«, so Görich. Da steigt dann, wie bei der Eröffnung des »Hauses der Deutschen Kunst« 1937, »in Rotbart, dem staufischen Kaiser, die germanische Kraft zur höchsten glanzvollen Würde«. Abteilungen der Hitlerjugend ziehen nun zu Sonnwendfeiern und Fahnenweihen auf den Hohenstaufen. »Barbarossas Geist lebt wieder, hat Millionen deutscher Volksgenossen ergriffen«, titelt die Göppinger Zeitung zum »1. Hohenstaufentreffen der Hitlerjugend« im Juni 1933.
Akademiker wie der Historiker Richard Suchenwirth, Mitbegründer der NSDAP in Österreich, später Geschäftsführer der Reichsschrifttumskammer in Berlin, helfen, die Staufer zu nationalsozialistischen Helden umzudichten. 1933 zur »Machtergreifung« veröffentlicht er »Zwölf Schicksalsgestalten der deutscher Geschichte«. Barbarossa erscheint darin als »herrliche ideale Königsgestalt«. Er und seine Gefährten, »welche Heldenreihe! Deutschland war selten so reich an großen Männern wie damals.« Bei ihm wird nun Hitler zum Erfüller der Sage: Der Kaiser werde wiederkehren, »wenn nicht mehr die Raben um den Berg flatterten. Nun – im Reiche tun sie es seit Hitlers Sieg nicht mehr. Der alte Barbarossa wird bald wiederkehren, wenn das Dritte Reich, Großdeutschland entsteht.«
Es sind die Jahre des aggressivsten Staufer-Missbrauchs. Der Tiefpunkt ist mit der SS-Division »Hohenstaufen« erreicht und dem Überfall auf die Sowjetunion 1941 unter dem Namen »Unternehmen Barbarossa«. Hitler hatte ihn selbst ausgesucht.
Auch der »Führer« pilgert zum Kyffhäuser, 1934 und 1939, er schaut sich die Ausgrabungen der mittelalterlichen Burg an, mit denen er den Reichsarbeitsdienst beauftragt hat. Die Halle im Denkmalsturm ist zu der Zeit mit Hakenkreuz-Fahnen geschmückt. In der Ecke stehen Urnen mit Erde der verlorenen Gebiete, erzählt der heutige Denkmalsleiter Ralf Rödger.
Nach dem Krieg wollen örtliche Kommunisten im Osten des nun geteilten Deutschlands das Preußen-Denkmal sofort sprengen, doch die russische Besatzungsmacht zögert. Schließlich rettet DDR-Ministerpräsident Otto Grotewohl dem Reiterstandbild und Barbarossa den Kopf: »Eine Verschrottung des Kyffhäuser-Denkmals kommt zurzeit nicht in Betracht«, befindet er 1951.
Wohl oder übel arrangiert sich die DDR mit der ungeliebten Gedenkstätte. Um sie wenigstens ideologiekritisch zu nutzen, werden Ausstellungen arrangiert, in denen der preußische Revanchismus gegeißelt und die NVA der Bundeswehr gegenübergestellt wird, berichtet Rödger, ein ehemaliger DDR-Bürger. Ein linientreuer Künstler wird beauftragt, einen Zyklus zu entwerfen, der die Weltgeschichte seit dem Mittelalter aus der Sicht des Arbeiter-und-Bauern-Staates darstellt: Das Bronzerelief hängt noch heute in der Fahnenhalle des Museumsturms.
Von FRIEDRICH RÜCKERT
Der alte BarbarossaDer Kaiser Friederich,Im unterird’ schen SchlosseHält er verzaubert sich.
Er ist niemals gestorben,Er lebt darin noch jetzt;Er hat im Schloß verborgenZum Schlaf sich hingesetzt.
Er hat hinabgenommenDes Reiches Herrlichkeit,Und wird einst wiederkommenMit ihr, zu seiner Zeit.
Der Stuhl ist elfenbeinern,Darauf der Kaiser sitzt;Der Tisch ist marmelsteinern,Worauf sein Haupt er stützt.
Sein Bart ist nicht von Flachse,Er ist von Feuersglut,Ist durch den Tisch gewachsen,Worauf sein Kinn ausruht.
Er nickt als wie im Traume,Sein Aug’ halb offen zwinkt;Und je nach langem RaumeEr einem Knaben winkt.
Er spricht im Schlaf zum Knaben:Geh’ hin vor’s Schloß, o Zwerg,Und sieh, ob noch die RabenHerfliegen um den Berg.
Und wenn die alten RabenNoch fliegen immerdar,So muß ich auch noch schlafenVerzaubert hundert Jahr.
Der 1788 geborene Dichter Friedrich Rückert schreibt 1817 eine Ballade, die dem alten Sagenstoff aktuelle politische Bedeutung gibt: Das zersplitterte Deutschland wartet auf seine Zeit.
Der Barbarossa-Felsen in der idyllischen Burgruine ist beliebt bei den DDR-Bürgern, es kommen fast doppelt so viele Besucher wie heute. Nur der authentische Burgfried bleibt ihnen versperrt, er ist einsturzgefährdet, das Honecker-Regime hat kein Geld oder kein Interesse, die Ruine wieder aufzubauen. Das ist heute in schönster Weise gelungen. Der ganze Denkmalsort ist ein Schmuckstück, doch die Besucherzahlen gehen zurück. Das Museum wirbt schon mit riesigen Bodenbildern auf den umliegenden Feldern, die nur von der Burg aus zu sehen sind, Barbarossa reicht nicht mehr als Attraktion.
Im Westen des Landes hat sich schon in den fünfziger Jahren ein neuer Blick auf die Staufer geöffnet, wie Historiker Schneidmüller sagt. Nun wird die nationale Sicht stark gedimmt, lieber spricht man von der abendländischen Kultur, die sich in diesen Herrschern manifestiert hat. Und so wird Friedrich II. zum Multikulti-Kaiser, »der mediterran denkt und vernetzt ist« (Schneidmüller), auch wenn es an dem Bild dann einiges zu korrigieren gibt.
Die Wissenschaft entdeckt die Staufer neu, könnte man sagen, sie sieht nun mehr die Handlungsräume und Netzwerke als einzelne historische Gestalten. Die Ausstellung »Die Staufer und Italien« 2010 in Mannheim ist Ausdruck dieses frischen Zugangs. Das Reich wird zerlegt in »Innovationsregionen im mittelalterlichen Europa«, die Helden werden einer kritischen Revision unterzogen. Man sieht stärker auch die Gegenbilder, die Verfälschungen durch Mythen, Propaganda und Gegenpropaganda.
Schneidmüller, einer der beiden wissenschaftlichen Koordinatoren der Mannheimer Ausstellung, spricht auch von der »Zuspitzung von Grausamkeit« unter den Staufern, deren Herrschaft immer wieder in Frage gestellt war. »Wir betreiben keinen Denkmalssturz, aber in der modernen Mediävistik beachten wir sehr deutlich die Grenzen der Heroisierung.«
Der fröhlichen Vermarktung steht aber auch die ambitionierte Schau nicht entgegen: Da gibt es Staufer-Wein und Staufer-Bier im Staufer-Glas. Und auf dem Rasen im Mannheimer Luisenpark prangt im Sommer ein Barbarossa-Beet mit sprießendem roten Blumenbart.
1056
Der Salier Heinrich IV. wird mit sechs Jahren römisch-deutscher König und Kaiser. Seine Mutter Agnes regiert für ihren unmündigen Sohn.
1076
Investiturstreit zwischen Kaiser und Papst Gregor VII. um die Einsetzung der Bischöfe. In Worms erklären deutsche und lombardische Bischöfe den Papst für abgesetzt, Gregor VII. bannt Heinrich IV.
1077
Bußgang Heinrichs nach Canossa, wo er sich mit dem Papst versöhnt. Rudolf von Rheinfelden wird zum Gegenkönig ausgerufen.
1079
Der Staufer Friedrich erhält von Heinrich IV. für seine Treue das Herzogtum Schwaben. Er lässt die Burg Staufen errichten.
1096
Erster Kreuzzug; 1099 wird Jerusalem erobert.
1116
Herzog Friedrich II. von Schwaben verwaltet das Reich im Auftrag des Königs Heinrich V., der auf Italien-Feldzug ist.
1125
Friedrich II. unterliegt bei der Königswahl gegen Lothar von Supplingenburg.
1138
Friedrichs Bruder Konrad III. wird König, der erste Staufer auf dem Thron.
1152
Konrads Neffe Friedrich I. Barbarossa wird in Aachen zum König gekrönt.
1155
Die für ihre Rechtsgelehrten berühmte Universität von Bologna erhält von Barbarossa das Scholarenprivileg, eine gewisse Autonomie.
1157
Der Hoftag von Besançon endet mit einem erneuten Grundsatzstreit zwischen Kaiser und Papst.
1176
In der Schlacht von Legnano unterliegt Barbarossa dem Heer der norditalienischen Städte, der »Lega Lombarda«. Im Frieden von Konstanz erkennt er 1183 die »innere Autonomie« der norditalienischen Kommunen an.
1177
Der Friede von Venedig: Friedrich Barbarossa unterwirft sich Papst Alexander III. und küsst ihm die Füße.
1184
Das Hoffest zu Mainz wird zu einer der glanzvollsten Inszenierungen höfischer Macht und Pracht.
1190
Barbarossa stirbt auf dem Kreuzzug – beim Bad in einem anatolischen Fluss.
1191
Sein Sohn Heinrich VI. wird in Rom zum Kaiser gekrönt. Durch seine Ehe mit Konstanze von Sizilien erhält er auch Anspruch auf das süd-italienische Königreich.
1192
Auf der Rückkehr vom Kreuzzug im Heiligen Land wird der englische König Richard Löwenherz von einem österreichischen Verbündeten Heinrichs VI. gefangen genommen und monatelang in Geiselhaft gehalten, zunächst in Dürnstein, dann auf der Burg Trifels. Erst gegen ein hohes Lösegeld lässt Heinrich VI. seinen Rivalen frei.
1197
Als Heinrich VI. stirbt, bleibt seinem kaum dreijährigen Sohn Friedrich zunächst nur das Königreich Sizilien.
1198
In Mainz wird Herzog Philipp von Schwaben zum König gekrönt, in Aachen der Welfe Otto IV., Sohn Heinrichs des Löwen.
1208
Königsmord: Philipp wird in Bamberg erstochen. Der Welfe Otto IV. lässt sich 1209 zum Kaiser krönen.
1212
Der in Sizilien aufgewachsene Friedrich II. reist nach Deutschland, um seinen Thronanspruch durchzusetzen. Er wird zum König gekrönt.
1220
Im staufischen Nordreich überlässt Friedrich II. seinem Sohn Heinrich (VII.) die Königswürde, der lehnt sich jedoch später gegen ihn auf. Im November wird Friedrich vom Papst zum Kaiser gekrönt.
1250
Friedrich II. stirbt und wird in Palermo beigesetzt.
1268
Friedrichs Enkel, der erst 16-jährige Konradin, wird in Neapel hingerichtet. Mit seinem Tod endet die Herrschaft der Staufer.
Der Heidelberger Historiker Stefan Weinfurter über den höfischen Luxus in der Stauferzeit, die Angst der Menschen im Mittelalter vor dem Weltuntergang und die Rückständigkeit der deutschen Reichsgebiete
Das Gespräch führten Annette Großbongardt und Dietmar Pieper.
SPIEGEL: Herr Professor Weinfurter, seit mehr als drei Jahrzehnten erforschen Sie das Mittelalter: Stellen Sie sich vor, Sie könnten mit Hilfe einer Zeitmaschine in die Epoche der Staufer reisen – wen würden Sie gern einmal kennenlernen, wo wären Sie gern dabei?
WEINFURTER: Die faszinierendste Gestalt ist sicherlich Friedrich II., ein Mann, der noch immer voller Rätsel und Geheimnisse steckt. Von seinem Kaiserpalast in Foggia, seiner Lieblingsresidenz, ist leider fast nichts mehr erhalten. Wie war das Leben dort? Was hat die Menschen beschäftigt? Oder nehmen wir Palermo, diese blühende Metropole Siziliens: Dort strömten multikulturelle Einflüsse von allen Küsten des Mittelmeers zusammen. Das können wir uns ganz schwer vorstellen, wie die verschiedenen Kulturen auf engem Raum miteinander auskamen oder wie sie ihre Konflikte austrugen. Ein paar Quellen haben wir dazu. Sie berichten etwa, dass sich christliche Frauen in Palermo damals so kleiden wie muslimische Frauen, dass sie sich auch so schmücken und das gleiche Parfüm benutzen und die gleiche Schminke tragen.
SPIEGEL: Wenn wir die Stauferzeit insgesamt betrachten, wie müssen wir uns diese Welt des 12. und 13. Jahrhunderts vorstellen?
WEINFURTER: Dieses Jahrhundert von etwa 1150 bis 1250 ist ein sehr dynamischer Zeitraum, kein einheitlicher Block. Vieles verändert sich tiefgreifend. In der zweiten Hälfte des 12. Jahrhunderts etwa verbessert sich das Klima. Es wird wärmer in Mitteleuropa, im Durchschnitt um ein bis zwei Grad. Die Bauern fahren bessere Ernten ein, sie können Felder in bisher verschlossenen Gegenden anlegen, in Höhenlagen im Schwarzwald oder im Voralpenland. Weil es nun mehr und bessere Nahrung gibt, kann die wachsende Bevölkerung ernährt werden. Menschen sind ja das Kapital in dieser Zeit.
SPIEGEL: Ein so dynamisches Wachstum brachte sicher auch einige Unruhe.
WEINFURTER: Ja, das ist sogar ein besonderes Kennzeichen dieser Epoche. Die Gesellschaft verändert sich, entwickelt neue Organisationsformen. Ein ganz wichtiger Punkt ist die Feudalisierung des Reiches. Das Lehnrecht wird zum bestimmenden Element des politischen Zusammenlebens. Und es bilden sich funktionale Ordnungsprinzipien heraus, das heißt, die Gesellschaft gliedert sich nach Gruppen, die bestimmte Aufgaben übernehmen: Wer gibt Schutz, wer sorgt für die Nahrung – und wer für das Seelenheil?
SPIEGEL: Also Ritter, Bauern, Klerus?
WEINFURTER: Exakt, wobei die Kirche mit den Priestern als Vermittlern des Seelenheils den obersten gesellschaftlichen Rang einnimmt. Für die Stauferzeit ist das von größter Bedeutung, denn erst jetzt geht der Machtkampf zwischen Papst und Kaiser in die entscheidende Phase.
SPIEGEL: Welche Stellung hatte der weltliche Herrscher in früherer Zeit gegenüber dem Papst?
WEINFURTER: Bis in die Zeit des Investiturstreits im ausgehenden 11. Jahrhundert gab es streng genommen keinen weltlich legitimierten Herrscher. Der König wurde vielmehr als der Stellvertreter des himmlischen Königs angesehen: Er herrscht über ein Reich, das eigentlich dem himmlischen Herrn gehört. Es ist ein Gottesreich, »Domus dei«, das »Haus Gottes«. Die Bezeichnung »Römisches Reich«, die sich daneben einspielt, ist eigentlich nur ein Ersatzname, der vom Kaisertum herkommt. Doch dieses alte Ordnungsmodell vom Gottesreich geht zugrunde durch den Anspruch des Papstes, die höchste Verantwortung für die römisch-christliche Welt zu besitzen. Überallhin schickt er jetzt seine Legaten, bis in die entferntesten Regionen in Europa und in den Mittelmeerraum, mit Ausnahme von Byzanz. Er ist präsent wie nie zuvor, während das Kaisertum seine alte Funktion, den Raum des Stellvertreters Christi abzustecken, verliert.
SPIEGEL: Sahen sich die Staufer noch – in der alten Tradition – als irdische Stellvertreter des Herrn?
WEINFURTER: Diese Vorstellung ging nicht ganz unter. Sicherlich hingen sie der Auffassung an, dass dem König und mehr noch dem Kaiser eine sakrale Legitimität zukommt, aber sie begründet nur mehr eine Zuständigkeit für die weltlichen Dinge. Der Auftrag rührt zwar von Gott her, erstreckt sich jedoch nicht mehr auf die Angelegenheiten der Kirche und des Glaubens.
Neben der politischen Geschichte und den Lebensläufen der großen Herrscher hat Weinfurter immer auch die gesellschaftlichen und kulturellen Wandlungen im Blick. Die besondere Aufmerksamkeit des 1945 geborenen Historikers gilt den Epochen der Ottonen, der Salier und der Staufer. Im Stauferjahr 2010 ist er wissenschaftlicher Koordinator der Mannheimer Ausstellung »Die Staufer und Italien«. Weinfurter lehrt seit 1999 in Heidelberg.
SPIEGEL: Unter Barbarossa kommt der Begriff des »heiligen Reiches«, »Sacrum Imperium«, auf. Sollte damit nicht der göttliche Auftrag noch einmal besonders hervorgehoben werden?
WEINFURTER: Da muss man sehr genau hinschauen: »Sacrum Imperium« bedeutet eine Heiligkeit, die von der Kirche, der »Sancta Ecclesia«, unabhängig ist.
SPIEGEL: Wenn wir das Jahr 1138 betrachten: Da wird Konrad III. als erster Staufer zum König gewählt. Die Kölner Königschronik klingt düster: »Die Zeiten dieses Königs waren ziemlich traurig. Unter ihm herrschten schwankendes Wetter, dauernde Hungersnot, wechselnder Kriegslärm.« Trifft das die Zeit?
WEINFURTER: Die Jahre zwischen 1138 und 1152 sind vom Klima her tatsächlich nicht gut, zu kalt, zu wenig Sonne, die Ernten sind schlecht, es kommt zu Hungersnöten. Das ist eine Ausnahme, nachher ändert sich das. Aber alles in allem waren die Lebensumstände hart.
SPIEGEL: Das heißt, die meisten Zeitgenossen der Staufer lebten in Armut und Abhängigkeit?
WEINFURTER: Ja. Keiner von uns möchte damals gelebt haben. Die Menschen hatten aber keine Wahl, sie konnten sich nichts Besseres aussuchen. Wer als Einzelner die Freiheit gesucht hätte, wäre ohne Schutz gewesen – er hätte gar keine Chance gehabt zu bestehen. Man darf sich auch nicht vorstellen, dass ein Adeliger ständig über die Felder reitet, die Ernte zerstört und die Bauern durch die Wälder jagt. Warum soll er das machen? Er würde seine eigenen Grundlagen vernichten. Im Gegenteil, der Herr muss darauf achten, dass seine Leute gut wirtschaften können, weil dann seine Einkünfte steigen.
SPIEGEL: Klingt mehr nach Unternehmergeist als nach dunklem Mittelalter.
