Die Sterne über Keeper House - Harriet Evans - E-Book
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Die Sterne über Keeper House E-Book

Harriet Evans

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Beschreibung

Die verworrenen Wege des Herzens: Der Liebesroman »Die Sterne über Keeper House« von Harriet Evans jetzt als eBook bei dotbooks. Von klein auf war Keeper House für Lizzy der sichere Hafen in den Stürmen des Lebens – so auch, als David, ihre erste große Liebe, ihr das Herz brach. Umso bestürzter ist sie, als ihre Eltern verkünden, dass sie das alte Familienhaus verkaufen müssen. In der Hoffnung, das scheinbar Unvermeidliche noch abwenden zu können, kehrt Lizzy zurück in ihren Heimatort … doch dort trifft sie überraschend auf David, der eigentlich schon seit Jahren in Amerika lebt. Sofort kommen die Gefühle der Vergangenheit wieder an die Oberfläche: Lizzy ist zerrissen zwischen der tiefen Zuneigung, die sie beide einst verband, und dem Schmerz, den David ihr zufügte. Und bald muss sie sich die Frage stellen: Wann ist es an der Zeit, etwas loszulassen – und wann lohnt es sich, für das, was man liebt, zu kämpfen? Jetzt als eBook kaufen und genießen: Der gefühlvolle England-Roman » Die Sterne über Keeper House« von Harriet Evans wird alle Fans von Meike Werkmeister und Lia Louis begeistern. Wer liest, hat mehr vom Leben: dotbooks – der eBook-Verlag.

Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:

EPUB

Veröffentlichungsjahr: 2024

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Über dieses Buch:

Von klein auf war Keeper House für Lizzy der sichere Hafen in den Stürmen des Lebens – so auch, als David, ihre erste große Liebe, ihr das Herz brach. Umso bestürzter ist sie, als ihre Eltern verkünden, dass sie das alte Familienhaus verkaufen müssen. In der Hoffnung, das scheinbar Unvermeidliche noch abwenden zu können, kehrt Lizzy zurück in ihren Heimatort … doch dort trifft sie überraschend auf David, der eigentlich schon seit Jahren in Amerika lebt. Sofort kommen die Gefühle der Vergangenheit wieder an die Oberfläche: Lizzy ist zerrissen zwischen der tiefen Zuneigung, die sie beide einst verband, und dem Schmerz, den David ihr zufügte. Und bald muss sie sich die Frage stellen: Wann ist es an der Zeit, etwas loszulassen – und wann lohnt es sich, für das, was man liebt, zu kämpfen?

Über die Autorin:

Harriet Evans wurde in London geboren. Sie arbeitete viele Jahre als Lektorin in Buchverlagen, bis sie beschloss, lieber selbst Romane zu schreiben. Heute ist Harriet Evans erfolgreiche Autorin zahlreicher Liebesromane, mit denen sie immer wieder u.a. auf der Sunday-Times-Bestsellerliste steht.

Bei dotbooks veröffentlichte die Autorin ihre Liebesromane »Die Sterne über Keeper House«, »Eine Liebe in Langford«, »Der Himmel über Chartley Hall« und »Ein halbes Leben zwischen uns«.

Außerdem erschienen bei dotbooks ihre Familiengeheimnisromane »Summercove House – Das Buch der verborgenen Wünsche« und »Winterfold Manor – Der Garten der verbotenen Träume«.

Die Website der Autorin: harriet-evans.com/

Die Autorin bei Facebook: facebook.com/harrietevansbooks/

Die Autorin auf Instagram: instagram.com/harrietevansauthor/

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eBook-Neuausgabe März 2024

Die englische Originalausgabe erschien erstmals 2005 unter dem Originaltitel »Going Home« bei HarperCollins, London. Die deutsche Erstausgabe erschien 2006 unter dem Titel »Das Haus meiner Träume« bei Knaur Taschenbuch.

Copyright © der englischen Originalausgabe 2005 by Harriet Evans

Copyright © der deutschen Erstausgabe 2006 by Knaur Taschenbuch. Ein Unternehmen der Droemerschen Verlagsanstalt

Th. Knaur Nachf. GmbH & Co. KG, München.

Copyright © der Neuausgabe 2024 dotbooks GmbH, München

Alle Rechte vorbehalten. Das Werk darf – auch teilweise – nur mit Genehmigung des Verlages wiedergegeben werden.

Titelbildgestaltung: Wildes Blut – Atelier für Gestaltung Stephanie Weischer unter Verwendung mehrerer Bildmotive von © shutterstock

eBook-Herstellung: Open Publishing GmbH (vh)

ISBN 978-3-98690-974-1

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Liebe Leserin, lieber Leser, wir freuen uns, dass Sie sich für dieses eBook entschieden haben. Bitte beachten Sie, dass Sie damit gemäß § 31 des Urheberrechtsgesetzes ausschließlich ein Leserecht erworben haben: Sie dürfen dieses eBook – anders als ein gedrucktes Buch – nicht verleihen, verkaufen, in anderer Form weitergeben oder Dritten zugänglich machen. Die unerlaubte Verbreitung von eBooks ist – wie der illegale Download von Musikdateien und Videos – untersagt und kein Freundschaftsdienst oder Bagatelldelikt, sondern Diebstahl geistigen Eigentums, mit dem Sie sich strafbar machen und der Autorin oder dem Autor finanziellen Schaden zufügen. Bei Fragen können Sie sich jederzeit direkt an uns wenden: [email protected]. Mit herzlichem Gruß: das Team des dotbooks-Verlags

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blog.dotbooks.de/

Harriet Evans

Die Sterne über Keeper House

Roman

Aus dem Englischen von Tina Thesenvitz

dotbooks.

Für Rebecca und Pippa

In Liebe und mit Dank für alles

Weihnachten

Kapitel 1

Der Bus bahnte sich langsam seinen Weg durch die Edgware Road, und ich klammerte mich wie eine verrückte alte Pennerin an die Last-Minute-Weihnachtsverkäufe zwischen meinen Beinen und auf meinem Schoß, während ich wütende Blicke auf all jene warf, die versuchten sich in meine Nähe zu setzen. Es war Weihnachtsabend, und ich hatte es gerade erst geschafft, meine Geschenke zu kaufen. Mit der deprimierenden Vorhersehbarkeit von Unruhen am Maifeiertag, Regen in Wimbledon und im August Geschichten über Hamster, die Flöte spielen können, schwöre ich mir jedes Jahr wieder, dass ich alle meine Geschenke am 15. Dezember gekauft und eingepackt haben werde, und jedes Jahr wieder ende ich eine Stunde vor Ladenschluss bei Boots und kaufe meinem Vater einen kleinen Zahnstocherhalter aus Buntglas, meiner Mutter einen flauschigen Wärmflaschenbezug und meiner Schwester Jess ein goldumrandetes Briefpapierset mit »Fröhliche Weihnachten« darauf.

Ich sprang an der Ampel hinaus, schloss die Augen und lief über die Straße; dabei betete ich, dass ich nicht auf diese Weise umkommen möge. Ich hatte noch eine halbe Stunde, bevor Tom, mein Cousin, und Jess kämen, um mich abzuholen. Wir fuhren heim, wirklich heim, in einem der tausenden von Autos, die sich von London aus aufmachten, nachdem ihre Insassen einen halben Tag gearbeitet und hastig Taschen gepackt hatten und nun ins Dämmerlicht fuhren. Es war erst drei Uhr nachmittags, doch die Dämmerung schien sich schon über der Stadt niederzulassen.

Meine Wohnung liegt gleich hinter der Edgware Road, hinter einer Reihe von heruntergekommenen Läden, die für mich eine ständige Quelle des Entzückens darstellen. Da gibt es die üblichen niedrigpreisigen Spirituosengeschäfte (»Bacardi für 75p!«) und winzigen Zeitungsläden, die beide keine Twiglets vorrätig haben, aber versprechen, dass sie beim nächsten Mal, wenn ich komme, welche haben würden. Da gibt es außerdem noch einen Bestattungsunternehmer, einen Computershop, der alte Amstrads verkauft, einen Scherzartikelladen namens Cheap Laffs – praktisch, wenn man dringend ein Paar falsche Brüste braucht – und Arthurs Schnäppchen, der unpassenderweise Klaviere und Tastaturen anbietet. Ich persönlich würde niemals mein schwer verdientes Geld für ein Musikinstrument aus einem Laden namens Arthurs Schnäppchen ausgeben, doch chacun à son goût, wie die Franzosen sagen. In einer winzigen Gasse, die so unscheinbar ist, dass ich oft schon bemerkt habe, dass Leute sie nicht bemerkt haben, weg vom Dröhnen der Autos und Lastwagen, die die Edgware Road hinauf- und hinunterdonnern, liegt eine kleine Straße mit Kopfsteinpflaster und hohen schmalen Häusern, von denen eines meines ist. Na ja, eine der schuhschachtelgroßen Wohnungen im oberen Stock ist meine.

Der Verkehrslärm verebbte, als ich in meine Straße einbog. Ich konnte sogar das schwache Rumpeln der U-Bahn unter mir hören, voller Passagiere, die der Arbeit entflohen, um den üblichen Anfall von Verdauungsstörungen, saisonaler Kampfeslust und enttäuschender Ausstrahlungen von Warten aufs Christkind mit ihren Familien zu genießen. Die Blumen, die ich für Mum gekauft hatte, knallrote und orangefarbene Ranunkeln, knisterten in ihrem braunen Einwickelpapier, während ich mich mit dem launischen Schloss an der Haustür abmühte. Ich hievte mich die Treppe hoch, kämpfte dann mit meiner Wohnungstür, stieß sie mit dem Hintern auf und stellte meine Taschen auf dem Boden ab.

Ich stürzte in mein winziges Schlafzimmer, das ich trotz seiner Größe, seines schrägen Dachs und mangelnden Lichts liebe. Der Ausblick ist nicht eintönig malerisch, außer man mag Wermutbüsche malerisch nennen. Doch es ist meine Wohnung, mein Ausblick. Wenn also andere Leute aus dem Fenster schauen und sagen: »O mein Gott, ist das eine Leiche dort in deiner Straße?«, antworte ich: »Von hier aus kann man Little Venice sehen, wenn man sich auf diesen Stuhl da stellt und ein Fernglas benutzt.«

Das Einpacken, dessentwegen ich um ein Uhr morgens noch so selbstgefällig gewesen war, war nicht in dem fortgeschrittenen Stadium, das ich mir eingebildet hatte, als ich verkatert und zerzaust ein paar Stunden später zur Tür hinausgelaufen war. Ich hatte alle meine Socken eingepackt, aber keine Schuhe, sieben Hosen und keine Jacken, und war offenbar in nostalgischer Stimmung gewesen, weil Lizzy, die Betrunkene, es angebracht gefunden hatte, drei Teddys mitzunehmen (Bären, keine Wäsche), eine Sammlung von Just-William-Geschichten und nur eine Unterhose.

Ich erwartete, Toms Hupe jede Minute ertönen zu hören, und rannte deshalb in der Wohnung herum, riss Sellotape und Unterhosen aus meinen Schubladen, Kontaktlinsenlösung und Feuchtigkeitscreme aus dem Schrank im Bad, goss Pflanzen, während ich Zeitungen und Zeitschriften aufhob, die am Boden herumlagen, und ließ sie neben dem Sofa fallen. Die Wohnung war staubig und sah vernachlässigt aus. Weihnachtskarten waren runtergefallen und nicht wieder aufgehoben worden, Videos und CDs lagen ohne Hüllen herum, genauso wie eine Ansammlung von ungeöffneten Rechnungen von meiner Bank und meinem Handy-Anbieter. Ich liebte meine Wohnung. Ich hatte sie vor zwei Jahren von der alten Dame gekauft, von der ich sie vorher gemietet hatte. Sie war von mir gestrichen worden, und das Loch im Gips neben der Haustür war durch mich entstanden, als ich auf die Wand eingeschlagen hatte, weil ich sauer war. Es war mein Heim. Doch bei solchen Gelegenheiten wie heute, wenn ich herumrannte und darauf brannte, wegzukommen, wusste ich, dass es eigentlich kein Heim war, nicht so, wie Keeper House es immer gewesen war, lange bevor ich noch geboren worden war.

Während ich ein paar alte Zeitungen in den Papierkorb stopfte, hörte ich eine Hupe und beugte mich zum Wohnzimmerfenster hinaus.

»Ich habe Zigis! «, rief Tom.

»Und ich hab Zeitschriften!«, echote Jess.

»Ich komme!«, brüllte ich hinunter, hob Koffer und Taschen auf und blieb an der Tür stehen, als ich entdeckte, dass das Licht am Anrufbeantworter aufleuchtete. Wie eine Mischung zwischen einem Tai-Chi-Lehrer und einem russischen Gewichtheber beugte ich langsam die Knie und drückte mit dem Ellbogen auf den Abspielknopf.

»Sie haben zwei Nachrichten«, sagte der Apparat, während Tom sich auf die Hupe legte.

»Los dann«, sagte ich frustriert zum Gerät.

»Nachricht eins. Hi, Lizzy, hier ist Ash. Ich rufe nur an, um zu sagen, dass du deinen CD-Walkman im Büro vergessen hast. Egal, fröhliche Weihnachten und schöne Zeit zu Hause, und ich rede mit dir, wenn du zurück bist. Oh, und ich habe vergessen, dir heute Folgendes zu sagen, und es wird dich wirklich ärgern, aber du kennst doch Sally? Sally aus der Presseabteilung? Nun, sie hat Jaden am Sonntag gesehen, und er hat ihr erzählt, du habest ihm immer noch nicht gesagt, ob du mit ihm ausgehst oder nicht, und dass er glaubt, du magst ihn nicht mehr. Er glaubt auch, dass du noch nicht über deinen Ex hinweg bist und dass du dich am Negativen in deinem Leben festhältst, und dass Frauen alle diesen Makel haben und im Grunde Männer hassen, weshalb ihr Zyklus immer zusammenfällt, wenn sie im selben Haus wohnen, um Männer aus ihrem Frauenleben auszuschließen. Aber er hat auch gesagt, er würde immer noch gerne mit dir schlafen und dass du tolle Titten hast. Da stimme ich ihm zu. Tschüss.«

»O Gott«, sagte ich.

»Zweite Nachricht. Lizzy, hier ist Tom. Ich habe die Heat von dieser Woche, kauf sie also nicht. Kannst du ein paar CDs mitnehmen? Ich habe eine neue Anlage im Auto, und man kann ungefähr vierzehn oder so gleichzeitig abspielen. Ich habe auch gerade mit Jess gesprochen, und sie hat mit deiner Mum und deinem Dad telefoniert, und sie hätten zuletzt gehört, dass Mike gesagt habe, er komme nicht. Er war nicht in der Stadt und muss ein paar Tage arbeiten.«

Ich biss die Zähne zusammen über die erste Nachricht und stöhnte über die zweite. Jaden, o Jaden. Er war Drehbuchautor, und ich habe ihn bei der Arbeit kennen gelernt. Er wohnte in L. A. und war verdammt süß, aber völlig verrückt. Rief mich um sieben Uhr am Sonntagmorgen an, um mir zu sagen, dass das Müsli, das ich aß, an meinen unteren Gedärmen festklebe und meine Eingeweide vergifte, weshalb meine Leber nass sei und ich mich die ganze Zeit so ausgelaugt fühle. Als ich ihm später erklärte, dass ich mich ausgelaugt fühlte, weil ich ständig ausging und mich aus Versehen betrank, dann mitten in der Nacht aufwachte und voll angezogen auf dem Sofa lag, schüttelte er nur den Kopf. Ich würde mir die Entscheidung darüber, ob ich ihn wiedersehen wollte, aufheben, bis die Hölle von Silvester vorbei war. Und was das anging, dass ich noch nicht über meinen Ex hinweg sei, nun ja ... ha.

Und das mit Mike war scheußlich. Obwohl wir alle gewusst hatten, dass er es wahrscheinlich nicht schaffen würde, sich freizunehmen, würde Weihnachten ohne ihn nicht dasselbe sein. Mike gehört zu jenen Menschen, die alles zum Glänzen bringen, sobald sie einen Raum betreten.

Die Hupe quäkte lange und laut, und ich brüllte: »Ich komm schon, verdammt noch mal!«, winkte meiner armen vernachlässigten Wohnung zum Abschied zu und schloss die Tür hinter meinem Londoner Leben. Meine Absätze klapperten auf dem Pflaster, als ich meine Sachen in den Kofferraum warf, Tom und Jess küsste und mich dann selbst auf den Rücksitz warf.

Nach einer heißen Diskussion, welchen Sender wir hören sollten, und nachdem wir uns für den Hauptstadtsender entschieden hatten, stritten wir darüber, wann wir wohl nach Hause kämen und ob wir zu spät dran wären oder nicht. Als wir erst einmal auf der Autobahn waren, stritten wir dann über Jess’ Bitte, aufs Klo zu gehen. Ich sagte, dass sie, obwohl sie immer noch meine jüngere Schwester war, jetzt fünfundzwanzig sei und gelernt haben sollte, ihre Blase während einer zweistündigen Fahrt zu kontrollieren. Tom bemerkte, dass es sein Auto sei, und wenn sie auf den Sitz pinkeln würde, dann würde er sie persönlich lebendig enthäuten, weshalb wir bei der nächsten Tankstelle anhielten.

Inzwischen war es dunkel und fast fünf Uhr, und ein leichter Nieselregen fiel. Der Hauptstadtsender war schon lange nicht mehr zu empfangen, und wir hörten eine CD mit Weihnachtsliedern, die Jess hervorgeholt hatte, »um uns in Stimmung zu bringen«. Tom und ich nannten sie tragisch, weil sie sie gekauft hatte, und sangen dann den Rest der Autobahn mit, stritten uns wieder und spielten anschließend Shoot Shag Marry und brüllten unhöflich über die Entscheidungen der anderen.

»Okay, okay, okay!«, rief Jess, als wir an der letzten Ausfahrt vor unserer vorbeikamen. »Tom, das hier ist für dich. Okay. Janet Street-Porter, Esther Rantzen, Lily Savage. Shoot, shag or marry? Erschießen, vögeln oder heiraten?«

»Gute Frage, Jess«, meinte ich. »Tom, das ist leicht. Ich weiß, wen ich auswählen würde.«

»Aber du bist ja auch komisch«, sagte Tom. »Also, ich würde Esther Rantzen erschießen. Ich würde Janet Street-Porter vögeln. Und ich würde Lily Savage heiraten.«

»Bist du verrückt?«, kreischte ich. »Du würdest Lily Savage heiraten und nicht Janet Street-Porter? Auf keinen Fall! Sie würde dich zum Frühstück verzehren. Und sie wäre den ganzen lieben Tag mit Dale Winton und Cilla Black unterwegs. Du wärst Strohwitwer.«

»Hm«, machte Tom. »Ich riskiere es. Besser wie wenn Street-Porter den ganzen Tag quatscht.«

»Nein, ich mag sie. Sie macht Bergwanderungen und so. Du könntest toll mit ihr reden. Und bist du schwul? Lily Savage ist ein Mann in Frauenklamotten.«

»Als ob ich das sehen könnte. Und seit wann stehst du auf Bergwanderungen?«, spottete Tom.

»Darum geht es nicht. Du hast die Falsche ausgewählt, das ist alles.«

»Du musst gerade reden«, gab Tom zurück.

Es herrschte peinlich berührtes Schweigen.

»Ich habe gemeint im Spiel, nicht im Leben«, sagte er nach einer Weile.

»Das weiß ich«, erwiderte ich.

Jess räusperte sich. »Lizzy, du bist dran. Okay, das ist gut. Also – Jonny Wilkinson, David Beckham, Mike Atherton.«

»Leicht«, sagte ich. »Ich würde David Beckham erschießen, weil ich finde, er ist ein bisschen ein Weichei. Ich würde Mike Atherton vögeln, weil er nett zu sein scheint. Und ich würde eindeutig Jonny Wilkinson heiraten – ich würde auf einem Rugbyfeld wohnen, wenn er mich darum bitten würde.«

Tom schlug sich gegen die Stirn. »Gottogott«, stöhnte er. »Meint ihr beiden das ernst? Zum einen Mike Atherton? Warum ihn mit berücksichtigen?«

»Er ist der Kapitän des Kricketteams«, gab Jess überrascht zurück. »Du weißt schon, für England.«

»Nein, ist er nicht, du Dummerchen! Schon seit einer Ewigkeit nicht mehr! Himmel... Und Lizzy, selbst wenn er es wäre, willst du sagen, du würdest David Beckham erschießen und stattdessen Atherton vögeln? Ich meine, im Ernst?«

»Ja«, antwortete ich fest und wusste gleichzeitig, dass ich wohl einen Fehler gemacht hatte. Ich meine, David Beckham mag reden wie ein Sechsjähriger, aber man schaue ihn doch nur an! Ich konnte Tom jedoch nicht wissen lassen, dass ich ihm zustimmte. »Ich sage die Wahrheit.«

»Du lügst«, stellte Tom ärgerlich fest.

»Du auch«, erwiderte ich automatisch.

Tom runzelte die Stirn. »Was meinst du damit?«, fragte er.

»Das machst du doch immer! Immer suchst du dir diese raus, um mich zu ärgern, und dann lügst du hinsichtlich desjenigen, den du am liebsten magst. Niemals sagst du die Wahrheit.«

»Ich habe sie nicht rausgesucht«, widersprach Tom. »Es ist nur ein Spiel.«

»Aber ich nehme es ernst und du nicht«, entgegnete ich.

»Nun, ich weiß nicht, was ich sagen soll. Du triffst eine schreckliche Entscheidung. Und ich werde nicht aussprechen, was mir auf der Zunge liegt, weil du dich dann aufregen wirst.«

»Was?«, fragte ich und erkannte dann, dass er etwas Gemeines über David sagen würde. Mein David, nicht David Beckham. Mein Ex-David. »Ach, vergiss es.«

Obwohl Jess, Tom und ich in London lebten, sahen wir uns seltener, als wir es wollten. Jess macht eine Ausbildung in Kunststiftungen und wohnt mit drei Schulfreundinnen in einer überfüllten Wohnung in South Clapham. Ich liebe meine Schwester, doch sie kann nicht mal einen Kreis zeichnen, geschweige denn einen 3D-Gegenstand, und so bin ich mir nicht ganz sicher, was sie den ganzen Tag macht.

Tom ist ein mächtiger Anwalt. Er arbeitet furchtbar schwer und wohnt im trendigen Clerkenwell, wo er sich in seiner seltenen Freizeit mit Klatschzeitschriften umgibt und seiner Leidenschaft für High-Tech-Spielzeug frönt. Abgesehen von meinen Eltern und meiner Schwester ist Tom der Mensch, den ich auf der Welt am liebsten habe. Wir sprechen oft miteinander, meistens, wenn er noch um elf Uhr abends im Büro ist und ich in einem Pub und mit undeutlicher Stimme in mein Handy nuschle: »Komm her! Du muss was trinken!« Tom sieht schrecklich gut aus. Sein Haar wellt sich, ohne dass es so fürchterlich wie bei Hugh Grant ausschaut, er ist immer gebräunt und lächelt viel, was die Tatsache verschleiert, dass er der sarkastischste Mensch auf der Welt ist.

Der einzige Mensch, den Tom wirklich liebt, ist seine Mutter Kate, die neben meinen Eltern wohnt. Als wir beide drei waren, hatte sein Vater Tony einen Herzanfall und starb. Er war erst achtundzwanzig, nicht viel jünger als mein Dad. Tom vermag sich kaum an ihn zu erinnern, obwohl er sich vorstellen kann, wie er in einem Sommer neben ihm im hohen Gras auf der Wiese gegenüber von Keeper House lag und so stark gekitzelt wurde, dass ihm schlecht wurde. Ich finde, dass das eine höchst unglückliche letzte Erinnerung an einen Dad ist, aber Tom sagt nein, denn sie sei vollständig; er kann sich erinnern, was er anhatte, wie er sich fühlte, wie sein Dad aussah und wie heiß es war. Tom redet nicht viel über Tony, ja, keiner von uns tut das. Aber unser Haus ist voller Erinnerungen an ihn, von einer kleinen Krickettrophäe, die er gewann, als er zwölf war, bis zu seiner riesigen Sammlung von Opernprogrammen, und ich glaube, Tom schaut sie sich gerne heimlich an, wenn er hinaufgeht. Und er ist gerne in dem Haus, in dem sein Vater aufwuchs.

Während wir weiter aufs Land hinausfuhren, wurden die Straßen schmaler und dunkler, und die Bäume wölbten sich über uns. Das Auto bahnte sich seinen Weg durch die alten vertrauten Orte, die Szenen unserer Kindheit, die ich immer vergaß, bis ich wieder zurückkam. Wir näherten uns mehr und mehr unserem Heim.

An der Wiese vorbei, die uns gehörte, als meine Tante Kate noch ritt und dort ein Pony hielt, und wo wir als Kinder immer Beerdigung für Tiere spielten, ein ziemlich unheimliches Spiel, zu dem gehörte, dass man immer wieder verschiedene Zeremonien nachspielte, die wir für vor kurzem verschiedene Hunde, Katzen, Hamster, Rennmäuse und Meerschweinchen abgehalten hatten. Am Fluss entlang, in dessen Mitte eine Insel war, dann knapp vorbei an einem kleinen Wald, in dem sich Tom einst verirrte, alles zivilisierte Leben aufgab und beschloss, von nun an ein Kind des Waldes zu sein, bis unsere Tante Chin ihn dort fand. Die Straße neigte sich sanft ins Tal hinab, und nun konnte ich gerade so das Dorf Wareham erkennen, das eine Meile entfernt lag – es war derselbe Blick wie früher von meinem Zimmer aus. Jetzt fuhren wir an dem Haus vorbei, in dem die liebe Mrs. Favell lebte. Sie hatte mich verwöhnt, als ich klein war, und belohnte mich mit alten Ausgaben der Radio Times, ein glamouröser Luxus für Jess und mich, denn sie war aus unserem Haus als vergeudetes Geld verbannt. Als ich das letzte Mal zu Hause war, fand ich eine alte Ausgabe und war enttäuscht, als ich sah, dass der aufregendste Artikel über die neue Serie von Ever Decreasing Circles ging.

Wir fuhren an dem Pfad vorbei, der hinunter zu dem efeuumrankten Tunnel der schon lange aufgegebenen Eisenbahn führte, an dem entlang die Dampfzüge meinen Vater und seine Brüder zur Schule gebracht hatten und meine Großeltern in die Stadt. Die Strecke war lange bevor ich geboren wurde stillgelegt worden und wurde ersetzt durch keuchende, unzuverlässige Busse, voll und stickig, vor allem im Sommer, und absolut unzureichend.

»Fast da«, stellte Tom fest, als er von der Hauptstraße abbog und das Geräusch von nassen Blättern unter den Rädern des Autos zu hören war. »Ich kann es nicht glauben. Ich dachte, ich würde eher an einer Alkoholvergiftung sterben, bevor ich es bis zum Weihnachtsabend schaffe.«

Ich wusste, was er meinte. Ich finde die Zeit vor Weihnachten so anstrengend, dass es manchmal ein Kampf ist, sich Energie für die Feiertage aufzubewahren. Manche der Geschäfte in der Oxford Street befestigen ihre Weihnachtsbeleuchtung zwei Wochen vor Halloween. Ich dachte an den Zahnstocherbehälter und schauderte. Nächstes Jahr würde ich meine Einkäufe auf jeden Fall vor Bonfire Night erledigen.

»Also, wer wird da sein, wenn wir ankommen?«, fragte Jess.

»Mum, weil wir bei euch wohnen«, antwortete Tom. Kate lebte in einem Cottage in derselben Straße wie meine Eltern.

»Und Mike wird wirklich nicht kommen?«, fragte ich.

»Mum hat vor einer Woche mit ihm gesprochen. Er ist offenbar kaputt und muss, glaube ich, am siebenundzwanzigsten wieder im Büro sein, um einen Vertrag abzuschließen.«

»Was ist, wenn er nur lügt, einfach einen typischen Onkel-Mike-Scherz macht?«, meinte Jess hoffnungsvoll.

»Mach dir keine Hoffnungen«, erwiderte Tom. »Er wird nicht kommen.«

Mike war Dads ältester Bruder und der Liebling aller. Er ist der komischste Mann, dem ich jemals begegnet bin. Er hat einiges getan, um sich diesen Titel zu verdienen, als ich ungefähr fünf Jahre alt und ziemlich leicht zu beeindrucken war, aber irgendwie weiß er genau, was einem am besten gefällt oder wie man einen aufheitern kann, wenn man es am meisten braucht. Wer sonst würde den zehnten Geburtstag seines Patensohnes Tom vergessen und dann eine Woche später zwei ferngesteuerte Spielzeugautos, ausgerüstet mit blitzenden Lichtern, richtiger Gangschaltung und roten emaillierten Kühlerhauben, durch einen Mann in voller Livree von Hamleys liefern lassen? Wer kümmerte sich für meinen dreizehnten Geburtstag um die Party, als Mum Grippe hatte, und begleitete mich mit zehn meiner Freundinnen ins Kino, wo wir einen Film ab fünfzehn sahen (Ein Fisch namens Wanda), und ging dann mit uns zum Pizza Express, wo er uns alle ein Glas Wein trinken ließ und dem Kellner ein Trinkgeld gab, damit er mir eine richtige Geburtstagstorte aus der Konditorei nebenan kaufte? Mike.

Tatsächlich ist er allerdings meistens nicht von großem Nutzen. Er taucht nie auf, hat keinen Schimmer, wie alt man ist oder was man macht, er kommt zu spät, er ist unorganisiert, und wenn er da ist, hat er oft keine Ahnung, was los ist, aber ich nehme an, gerade deshalb ist er so toll – man weiß nie, was er als Nächstes tun wird.

Mike ist wie Tom ein mächtiger Anwalt und wohnt in New York, wo er noch schwerer arbeitet als Tom und nur ab und zu eine Freundin nach der anderen hat. »Das Gesetz ist meine Geliebte, Suzy«, sagte er immer als Antwort auf Mums hoffnungsvolle Fragen nach seinem Liebesleben.

»Mir ist es egal, wer deine Geliebte ist, du Dummkopf«, entgegnete Mum dann sauer. »Hast du eine Freundin?«

Tom schlängelte sich durchs Dorf. Ein Christbaum voller blinkender Lichter schien durch ein Cottage-Fenster, und in einem anderen konnte ich das Leuchten eines Fernsehers sehen. Der Regen hatte aufgehört, und die Temperatur war deutlich gesunken.

»Mum hat mir gestern erzählt, dass Chin ihren neuen Typen mitbringt«, berichtete Jess.

»Ich wusste gar nicht, dass sie mit jemandem geht«, sagte Tom. »Warte! Es ist doch nicht dieser Australier ... Gibbo? Sie bringt ihn mit?«

»Offensichtlich«, antwortete Jess. »Es muss ernster sein, als wir dachten.«

»Scheint so, wenn sie bereit ist, ihn einem Weihnachtsfest zu Hause auszusetzen«, meinte ich.

Chin war Dads viel jüngere Schwester und für uns mehr eine Cousine als eine Tante. Sie war Designerin; manche ihrer Schals waren bei Liberty verkauft worden, und sie stellte auch Halsketten und kleine Taschen her. Sie wohnte ebenfalls in London, doch ich hatte sie eine Zeit lang nicht gesehen, obwohl sie eine Wohnung nicht weit weg von mir hatte, in der Portobello Road. Selbst jetzt noch erschien sie als der Inbegriff von schickem, bohemienhaftem Glamour, ohne sich auch nur anzustrengen; die Art von Frau, die in einen Trödelladen gehen und sagen konnte: »Wow, was für ein entzückender französischer Schrank aus dem 18. Jahrhundert für fünfzig Pfund! Ich nehme ihn.« Wenn ich drei Sekunden früher dort gewesen wäre, hätte ich nur ein altes verrostetes Teil für vierhundert Pfund entdeckt.

Sie ging jetzt seit ein paar Monaten mit Gibbo, und ich wusste über ihn nur, dass er lange Haare hatte und im November Flipflops trug. Jess hatte sie eines Abends in Soho getroffen, und Chin – die normalerweise mit weltgewandten Franzosen oder furchtbar attraktiven Plattenmanagern ausgeht, die ihr das Herz brechen, und nicht mit zerzausten jungen Australiern, die sie gutmütig in den Arm boxen und sagen: »Dann mal los, Kumpel!« – konnte nicht schnell genug wegkommen.

»Das wäre es dann«, sagte Jess. »Das sind alle.«

»Du hast deine Eltern vergessen«, mahnte Tom. »Vielleicht zählen sie aber auch nicht. Ich meine, es ist ihr Haus. Sie sind immer da.«

Kapitel 2

Es war das Haus meiner Eltern, doch es fühlte sich wie ein Heim für uns alle an. Das Heim der Familie Walter. Das war es seit über hundert Jahren gewesen, ziemlich erstaunlich, wenn man es recht bedenkt. Mein Ururgroßvater, Sir Edwin Walter, war ein erfolgreicher Gesellschaftskünstler gewesen, der viktorianische Ladys malte. Elise war die dunkeläugige achtzehnjährige Tochter eines Papierfabrikanten. Sie hatten sich verliebt, als er sie malte. Er bat ihren Vater um ihre Hand, und der sagte nein, Edwin sei ein windiger Maler aus London ohne Wurzeln, der in einem wüsten Studio in Hampstead lebe, ausgerechnet da.

Also suchte mein Ururgroßvater, der bis dahin immer nur an sich selbst gedacht hatte, nach etwas, wo er sich niederlassen könnte, und fand Keeper House. Der Besitzer war gerade gestorben. Seine Familie hatte dort gelebt, seit es 1592 erbaut worden war, und er war der Letzte aus der Linie. Eine einzige Familie über dreihundert Jahre. Es war heruntergekommen, ungeliebt und verfallen, doch mein Ururgroßvater sah übers Tal, auf die Wiesen, die Felder und den Fluss und hinauf zu den blinkenden Fenstern und wusste sofort, dass er mit Elise dort leben würde. Als er ihren Vater überredet hatte, es ihr zu zeigen, standen alle drei – so will es die Familienlegende – im Flur und tranken auf Elises und Edwins zukünftiges Glück. Ich habe diese Geschichte schon immer geliebt.

Keeper House ist aus einem weichen goldfarbenen Stein, der im Sommer leuchtet und im Winter glüht. Es ist in L-Form erbaut, mit hohen bleigefassten Fenstern, deren Rahmen sich bei feuchtem Wetter verziehen, langen, gewundenen Fluren mit unebenen Brettern und tückischen Heißwasserrohren, die selten funktionieren und, wenn sie es tun, wie das Tattoo von Edinburgh klingen. Aber es ist ein schönes Haus, und wir hatten Glück, dort aufwachsen zu dürfen. Es ist von einer Mauer umgeben, und vorne hat es eine Terrasse aus Steinen, die vom Alter abgeschliffen wurden und in deren Ritzen jedes Frühjahr winzige weiße Blumen sprießen. Hinten gibt es einen langen Rasen und einen eingemauerten Garten, wo Reihen mit Lavendel sich von der Küchentür aus erstrecken, unterbrochen von süß duftenden Rosen, senffarbenem Salat und den köstlichsten Kartoffeln.

Im Sommer ist es der beste Ort auf der Welt. Im Winter kann es ein Albtraum sein – kalt, zugig und zu Zusammenbrüchen und Launen neigend, doch das erwähnen wir aus Höflichkeit dem Haus gegenüber nie, zumindest ich nicht. Ich habe Mum einmal überrascht, wie sie den alten Boiler umarmte und stöhnend mit dem Kopf gegen seine rot angemalten Windungen stieß. »Warum tust du mir das an?«

Tom fuhr um die letzte Ecke und steuerte links die Auffahrt an. Jess und ich reckten die Hälse wie zwei Fünfjährige. »Da ist Chin, und das muss Gibbo sein«, rief Jess. Ich konnte sie alle durch das große Fenster sehen, als Tom das Auto zum Stehen brachte – Mum, mit einem Becher in der Hand, halb im Stehen, lächelnd, Dad strahlend, während er zur Haustür ging, Chin und Gibbo hinter ihm und dann Kate.

Einer nach dem anderen kam heraus. »Hallo!«, schrien wir. »Hallo!« Ich umarmte Dad, gab Gibbo die Hand und küsste Chin.

»Meine Lieblinge, ihr seid hier!« Meine Mutter hielt ein schwer verdaulich aussehendes Stück Kuchen in der Hand, mit dem sie uns zuwinkte. »Oh, ich freu mich so, euch zu sehen. Ihr habt es schnell geschafft, oder?« Sie küsste mich und Jess, dann Tom. »Kommt rein, wir essen gerade den bayrischen Stollen, den ich gebacken habe.«

Jess und Tom verdrehten die Augen, gerade als Kate erschien. »Hallo, Tom«, begrüßte sie ihn und schloss ihn wie eine Bärin in ihre Arme.

Während wir eintraten, überschwemmte mich der Geruch nach Zuhause, eine mächtige Mischung aus feuchten alten Bodenplatten, brennenden Scheiten und etwas, was im Aga buk. Dann nahm ich den Duft des Weihnachtsbaums im Flur und der Kiefernzapfen wahr, die überall im Haus auf den Fensterbrettern auslagen.

»Ich werde uns eine frische Kanne Tee machen«, sagte Mum. »Warum bringt ihr euer Gepäck nicht rauf, damit wir nicht drüberfallen?«

Jess und ich schleppten unsere Koffer die Treppe hinauf, die sich über den Flur hoch schwang, entlang dem Galeriekorridor, von dem aus man Sachen auf Neuankömmlinge fallen lassen konnte, vorbei an dem Alkoven mit dem abgestoßenen Schaukelstuhl und einem Bücherregal voll mit grünen Penguin-Ausgaben und billigen alten Hardcovern, vorbei am Schlafzimmer unserer Eltern, hin zu der L-förmigen Ecke, in der mein Zimmer lag, ein langer, niedriger Raum, mit Fenstern auf beiden Seiten.

Ich streifte meine Schuhe ab, warf meine Tasche mit den Geschenken aufs Bett und öffnete dann die Tür in der Ecke.

Unter mir erstreckte sich das wellige Tal mit den Lichtern von Wareham in der Ferne, wo ab und zu Rauchkringel aus den Schornsteinen aufstiegen. Die Wolken hatten sich verzogen, und Sterne waren zu sehen, die in dichten Gruppen über den Feldern leuchteten. Der Maulbeerbaum auf der Terrasse war mit hellen Lichtern geschmückt worden, die wie verzaubert blinkten. Ich konnte Mum mit Kate in der Küche reden hören. Eine Eule rief im Wald hinter mir.

»Ich bin zu Hause«, sagte ich und schlang die Arme um mich.

Es gibt in meiner Familie die Tradition, dass wir am Weihnachtsabend Schlehengin trinken. Dies ist eine von vielen Traditionen, die die fröhliche Vorweihnachtszeit kennzeichnen, die im Oktober beginnt, wenn wir die Schlehen in den Hecken über dem Haus pflücken. Bewaffnet mit Plastiktüten und Hüten, da es immer regnet, machen wir uns alle vom Haus aus auf und suchen nach den dicken blauschwarzen Beeren, die sich zwischen den Dornen verstecken.

Schlehen pflücken ist nicht leicht. Ein Filmmanager aus L. A. führte mich dieses Jahr zum Mittagessen in ein teures Restaurant in Soho aus und blickte fragend auf meine zerkratzten Hände, die ziemlich dramatisch auf dem weißen Leinentischtuch aussahen. »Ich mache alle Stunts selbst«, erklärte ich und erzählte ihm dann, wie ich den Sonntagnachmittag verbracht hatte. Er hielt mich – und meine Familie – offensichtlich für verrückt.

Als Jess klein war, sah sie aus wie ein Äffchen, nicht im Gesicht, aber von ihrem Körperbau her. Sie konnte überall hinklettern. Einmal hat Mum sie geohrfeigt, weil sie zu Hause aufs Dach gestiegen war und dort ihren Rekorder abspielte (ein bisschen wie Brian May im Buckingham Palace, nur kleiner und mit weniger Haar). Sie befestigte immer die Lichter im Maulbeerbaum und kletterte zwischen den Zweigen umher, bis sie sich fast selbst aufhängte. Als unsere inzwischen verstorbene Katze Seamus auf das höchste Regal im Arbeitszimmer kletterte und sich weigerte, herunterzukommen, reichte Dad Jess einen Fünfer und eine Leiter und verließ den Raum. Sie war toll beim Schlehenpflücken – klein und geschmeidig, und sie fand immer einen Haufen Beeren, während wir anderen schrien: »Ooh, wo ist die Tüte? Ich glaube, ich habe eine gefunden!« In diesem Jahr hatte sie sich selbst übertroffen, sodass es viel mehr Gin als sonst zu trinken gab.

Später an diesem Abend versammelten wir uns alle im Esszimmer, um die Ergebnisse unserer Jagd zu probieren, und wünschten uns fröhliche Weihnachten. Wenn ich zu Hause in London gewesen wäre, hätte ich mich mit einem großen Glas Rotwein und einem Teller Pasta mit Butter und Marmite (verwerfen Sie es nicht, bevor Sie es nicht versucht haben) in meinen alten ausgeleierten Socken hingesetzt, mein Haar mit einem alten ausgeleierten Band zurückgehalten. Doch zu Hause in Keeper House hielten sich noch die Förmlichkeiten eines anderen Zeitalters. Obwohl keiner weiße Fliege und Smoking anlegt oder die Tiara abstaubt, hatte ich es doch für nötig gehalten, mir mit der Bürste durchs Haar zu fahren, mein Top zu wechseln und neuen Lip Gloss aufzutragen. Mum und Kate, die beide Gewohnheitstiere sind, führten die festliche Kollektion von Marks & Spencer vor – eine Masse von burgunderfarbenem Knittersamt und Palazzohosen mit Dehnbund.

Mum hatte Efeu auf den Kamin im Esszimmer und um die Lampen ausgebreitet und Stechpalmenzweige auf die Bilder gelegt. Sie goss Schlehengin in kleine Gläser und sang zu der Frank-Sinatra-CD, während Dad Knabberzeug herumreichte. Gibbo, der unsere Herzen erobert hatte, indem er Chin »Kumpel« nannte und sie wie ein Feuerwehrmann die Treppe hochtrug, stand am Feuer. Er hatte sein außergewöhnlich krauses Haar mit Wasser geglättet und nun ein kariertes Hemd an, das bis zum Hals zugeknöpft war.

»Also keine Spur von Mike?«, fragte Kate, als sie ins Zimmer kam.

»Er könnte doch immer noch auftauchen«, meinte Dad. »Er hat schon vor einer Ewigkeit seinen Flug gebucht und das Auto gemietet. Vielleicht ruft er noch an.« Hoffnungsvoll sah er zum Telefon, als ob er erwarten würde, dass es plötzlich sagte: »Er ist auf dem Weg, Sir, fährt gerade an Membury Services vorbei.«

»Wann hast du das letzte Mal mit ihm gesprochen?«, fragte Tom.

»Letzte Woche. Aber er hat gestern eine Nachricht hinterlassen, doch sie hat nicht viel Sinn ergeben. Ich glaube, er hatte ein bisschen viel getrunken. Aber ich hatte den Eindruck, er hasste die Arbeit und würde es nicht schaffen.«

»Wieso?«

»Nun ja, er meinte, er hasse die Arbeit und dass er es wohl nicht schaffen würde.«

»Nimm ein Glas«, sagte Mum und verteilte die Drinks. »Ach Chin, siehst du bezaubernd aus«, fuhr sie fort, als Chin in der Tür auftauchte. Sie trug einen schönen schwarzen Samtrock und ein schmales Oberteil aus Wolle, das mit Rosen bedruckt und mit kleinen Perlen besetzt war, auf die Jess neidisch blickte.

»Danke, Suzy«, erwiderte Chin und nahm sich selbst ein Glas. »Was macht die Arbeit, Lizzy?«

Ich kann nicht sagen, wie sehr ich diese Frage hasse, wenn ich gerade zum ersten Mal seit Wochen aufgehört habe an die Arbeit zu denken. Ich arbeite als Scout für die Filmgesellschaft Monumental und suche nach Büchern, Zeitschriftenartikeln, TV-Sendungen und natürlich Drehbüchern, die gute Filme abgeben würden. Dann entwickle ich diese Projekte. Wie völlig blöd mein Job sein kann, beweist die Tatsache, dass ich das nun seit drei Jahren mache und erst ein Film als Ergebnis meiner Arbeit herausgekommen ist. Zwei Fast-Erfolge und einer, der es bis zum Casting-Stadium schaffte, aber dann aus Mangel an Geld und wegen eines Schufts von amerikanischem Produzenten durchfiel, der sich herauswand, und der eine, an dem ich gerade zu arbeiten begonnen habe, doch das ist auch alles.

»Die Arbeit ist in Ordnung«, antwortete ich. »Es ist aber gut, jetzt eine Pause zu haben. Ich bin erschöpft.«

»Ich weiß, was du meinst.« Chin nickte. »Ich bin praktisch der einzige Mensch, den ich kenne, der im Land geblieben ist. Alle meine Freunde sind abgehauen, um etwas Sonne abzubekommen.«

Da die meisten von Chins Freunden Millionäre mit ererbtem Vermögen sind, die entweder schicke Cafés führen und grünen Tee in Notting Hill ausschenken, Schmuck designen, Drehbücher schreiben oder im Rehabilitationszentrum in Malibu einchecken, konnte ich das sehr wohl glauben. »Gibbo scheint nett zu sein«, bemerkte ich beiläufig. »Wo hast du ihn kennen gelernt?«

Chin sah sich um. Gibbo redete gerade mit Dad.

»Ach, hier und da«, antwortete sie. Chin macht immer ein Geheimnis um ihr Liebesleben. »Er ist Schreiner, und da habe ich gedacht, er würde gerne das Haus sehen. Vor allem das Treppenhaus«, fügte sie wenig überzeugend hinzu.

Ich versuchte, nicht zu lachen. »Sehr tapfer, ihn mitzubringen.«

»Nun ja, du weißt schon.« Chin trank einen großen Schluck Gin und wechselte flugs das Thema. »Also das war die Arbeit. Wie ist dein Liebesleben?«

Ich rannte nicht weg und schrie »Hilfe!« bei dieser Frage, da Chin sehr gut in Beziehungen ist – nicht weil sie alle gerne sesshaft sieht und am Wochenende zu Grillfesten geht, sondern weil sie besessen ist von Einzelheiten aus dem Leben der Leute.

»Was ist mit Joden, dem Drehbuchautor, passiert?«

»Er hieß Jaden«, entgegnete ich.

»Nuff hat gesagt, es ist vorbei.«

Ich wollte dieses Thema so schnell wie möglich hinter mich bringen. »Es war nie etwas, wenn du weißt, was ich meine. Wir ... nun ja, ich habe ihn ein paarmal gesehen, wenn er in London war. Vielleicht sehe ich ihn wieder, wenn ich zurück bin. Er ist nett, aber er spinnt.«

Das stimmte zumindest. Ich wusste, was sie mich als Nächstes fragen würde. Es gab eine kurze Pause. Dann ...

»Und ... hast du in letzter Zeit von David gehört?«

Ich schüttelte den Kopf und sah weg.

»Deine Mum fragt mich ständig danach. Sie macht sich solche Sorgen um dich. Aber sie will dich nicht fragen. Du weißt, wie das ist.«

»Ich will nicht darüber reden.«

»Weißt du nicht, wo er an Weihnachten sein wird?«, beharrte sie.

»Nein«, antwortete ich. »Und es interessiert mich auch nicht.«

Chin drückte meinen Arm. »Ich weiß, Darling, ich weiß.«

Peinlicherweise spürte ich, wie mir Tränen in die Augen stiegen und sich meine Kehle zusammenzog. Ich starrte auf das Porträt meiner Ururgroßmutter und dachte daran, wie sie vor fast hundert Jahren Weihnachten in diesem Haus wohl gefeiert hatte. Hatte sie ihren Mann so sehr geliebt, dass es fast wehtat? Hatte sie Angst vor ihrem eigenen Glück gehabt, als sie in dieses schöne Haus zog? Ich sah auf die unverbindlichen dunklen Augen, auf die Hand in ihrem seidenen Schoß, in dem ein Finger die Seite eines Buchs anzeigte. Sie begegnete meinem Blick, wie sie es immer tat.

»Oh, Crisps!«, rief Chin aus und reichte mir die Schüssel, während Mum zwei Gläser aneinanderstieß.

»Ich höre die Weihnachtssänger kommen«, sagte sie.

»Yippie!«, schrie Gibbo.

Wir starrten ihn an, und Jess schaute aus dem Fenster. »Ja, sie sind am Tor«, bestätigte sie.

Wir begaben uns nach draußen. Die Nacht war bitterkalt, und Frost kroch über den Rasen. Die Weihnachtssänger, von denen ich mehrere aus der Kirche in Wareham kannte, stampften mit den Füßen auf und riefen Mum Grußworte zu, als sie nach vorne eilte, um das Tor zu öffnen und sie hereinzulassen. Wir konnten sehen, wie ihr Atem in der Luft aufstieg, dünn im Schein der Fackeln, während sie eine kleine Gruppe bildeten, die Kinder vorne, eingemummelt in Mützen und Schals, und ihre Augen vor Aufregung glänzten, dass sie so lange aufbleiben durften.

Sie fingen an mit meinem Lieblingsweihnachtslied, jenem, das für mich Weihnachten zusammenfasst, vor allem den Weihnachtsabend und das Heimkommen.

»It came upon the midnight clear,

That glorious song of old.

From angels bending near the earth

To touch their harps of gold.

›Peace on the earth, goodwill to men,

From heaven’s all gracious King‹

The world in solemn stillness lay,

To hear the angels sing.«

»Schönes Lied«, hörte ich Gibbo Chin zuflüstern. »Schau dir den Typen links mit dem großen braunen Bart an – er steht von seinem Kinn in einem Fünfundvierzig-Grad-Winkel ab! Was für ein Typ!«

Nachdem ich erst ein wenig nostalgisch und traurig gewesen war – so wie einen fröhliche Familienfeste manchmal machen können –, wurde ich plötzlich von einem Kicheranfall überwältigt.

»Und das alte Mädchen dort. Schau sie dir an! Sie ist völlig gaga.« Gibbo stieß mich nun in die Seite, den Blick auf Mrs. Thipps gerichtet, die Frau des Organisten, die den Mund beim Singen bei jedem Wort unglaublich weit aufriss und ihn schallend wieder schloss.

Als der Chor »Whence Is That Goodly Fragrance Flowing?« anstimmte und Gibbo ziemlich laut fragte: »Was zum Teufel singen sie denn jetzt?«, drehte Kate sich um und sagte: »Sei still, du Idiot.« Er lächelte, entschuldigte sich und war für den Rest des Vortrags mucksmäuschenstill. Am Ende trat Mr. Thipps mit einer Samtmütze vor, und wir alle steckten etwas Geld hinein, während Dad mit einem Tablett voller Pappbecher, gefüllt mit Schlehengin, vortrat.

»Eine schöne Abwechslung nach all dem Glühwein«, sagte Mrs. Thipps, während sie ihren hinunterkippte.

Gibbo drehte sich wieder zum Haus hin, bekämpfte einen hysterischen Anfall, und dabei sah ich, wie Kate seinen Blick auffing. Meine Tante ist eine stolze Person, jemand, der nicht oft lächelt, doch wenn sie es tut, ist sie schön. Ihre schönen dunkelgrünen Augen blitzten, und sie tätschelte Gibbos Hand. Ich war froh, dass sie ihn mochte.

»Danke Ihnen allen«, sagte Mum, als sich die Gruppe zum Gehen bereitmachte.

»Ja, danke«, echoten wir. »Fröhliche Weihnachten! Wir sehen uns in der Kirche.«

Zitternd eilten wir zurück in die Wärme des Hauses. Der Wind frischte jetzt auf, und die Fensterläden klapperten. Tom warf noch ein Scheit ins Feuer, und Funken zischten heraus auf den Teppich.

»Das Abendessen ist in ein paar Minuten fertig«, verkündete Mum. »Zeit für noch ein Glas?«

Wenn man Schlagworte auf Grabsteine schriebe, wäre dies der für meine Eltern.

»Ich mach’s«, sagte Tom, nahm die Karaffe und ging damit herum.

»Geht es dir gut?«, fragte ich.

»Ja, natürlich.« Er sah überrascht aus. »Warum nicht?«

»Du bist ein wenig still«, antwortete ich.

Tom lachte. »Mir geht es gut. Ich habe nur gerade an etwas gedacht, was ich in der Arbeit nicht erledigt habe.«

»Ich möchte einen Toast ausbringen«, verkündete Dad. Jess und ich stöhnten. Dad liebt Toasts und kleine Reden – es gehört zu seinem endlosen Bemühen, den Titel »Der Welt peinlichster Dad für zwei Teenager-Töchter« für sich zu beanspruchen, den er während meiner Jugend mehrere Jahre lang innehatte.

»Ruhe, Mädchen«, sagte Mum, obwohl ich weiß, dass sie uns zustimmt.

»Ja, Ruhe.« Dad stellte sein Glas auf dem Tisch ab. »Ich möchte ein paar Dinge sagen. Es ist wunderbar, dass ihr alle heute Abend hier seid. Lizzy, Jessica und Thomas, ihr habt euch von all den wichtigen Dingen, die ihr in London macht, losgerissen, und wir sind alle sehr stolz auf euch und froh, dass ihr hier seid. Und meine kleine Schwester Chin, der es so gut geht mit ihren Schals und Taschen, dass nicht nur Liberty noch mehr davon genommen hat, wie ich höre, sondern auch ein Laden in ...« Er hielt inne, bevor er die Worte sagte, und sprach sie dann aus, als ob er ein Richter wäre, der fragte, wer die Beatles seien. »... Notting Hill – ja? Ist es so? – dasselbe machen will.«

»Oooh«, murmelten wir alle.

»Lass die J.-R.-Hartley-Nachahmung, John«, sagte Chin und gab ihm einen Klaps auf den Schenkel.

Die Zweige des Maulbeerbaums schlugen gegen das Fenster, und die Scheite knisterten im Feuer. Dad räusperte sich und fuhr ungerührt fort: »Ich möchte vor allem Gibbo willkommen heißen. Es ist schön, dich Weihnachten bei uns zu haben, und da du dieses Jahr ... äh ... Regenmäntel gegen Sonnencreme eintauschst, hoffen wir alle, du hast nicht zu großes Heimweh« – ehrlich, zu mehr reicht Dads Humor nicht –, »und wir freuen uns sehr, dich kennen zu lernen. So, uns allen frohe Weihnachten und willkommen daheim!« Er hob sein Glas und trank, und wir wollten es ihm gerade gleichtun, als ein lautes Krachen im Flur zu hören war. (Später, nachdem die Aufregung vorbei war, fanden wir heraus, dass ein Fenster auf der Hälfte der Treppe aufgeflogen und dadurch ein kleiner Krug mit einer Stechpalme auf den Boden gefallen war, wo er in winzige Stücke zerschlug.) Wir sprangen auf, und Kate und Mum klammerten sich aneinander und schrien wie alte Jungfern in einem Horrorfilm.

Dann schwang die Terrassentür auf.

Diesmal schrien wir alle. Eine schattenhafte, vom Wind zerzauste Gestalt stand draußen. Dad warf ihr sein winziges Ginglas entgegen, als ob es eine riesige Donnerbüchse wäre. Wir machten alle einen Schritt zurück. Die Gestalt betrat den Raum und schleuderte ihren Filzhut von sich. »Fröhliche Weihnachten allerseits! Es tut mir so leid, dass ich zu spät komme, aber hier bin ich! Gott, ist es gut, wieder zurück zu sein! Ist das ein neuer Sessel?«

»Mike!«, schrie Jess, die sich als Erste wieder erholte. »Du bist hier! Das ist ja fantastisch!«

»Verdammt, Mike«, sagte Kate säuerlich, während wir alle erleichtert aufseufzten.

»Suzy ...« Mike umarmte meine Mutter. »Schau.« Er spielte an seinem Mantel herum. »Oh, verdammt ... ich wollte sie mit Schwung hervorzaubern, weißt du. Ah, hier sind sie. Autsch. Scheiße. Tut mir leid.« Er zog einen schlappen, mit Zellophan umhüllten Strauß Tankstellen-Rosen aus dem Ärmel.

»Es ist schön, dich zu sehen, du böser Mann. Danke.« Mum strahlte und näherte sich dem Fenster. »Oh ... mein Gott! Ist noch jemand da draußen?«

Während der Wind pfiff und der Kamin Rauch ins Zimmer hustete, sagte Mike: »Ich möchte euch allen Rosalie vorstellen.«

Er grinste ziemlich gerissen, und eine zweite Gestalt erschien hinter ihm, tadellos geschminkt, kein Haar aus der Reihe tanzend trotz des Windes, eine Frau Anfang vierzig mit einem – und das war sogar in ihrem Kaschmirmantel offensichtlich – spektakulären Atombusen.

»Das ist Rosalie«, wiederholte Mike. »Meine Frau.«

Rosalie trat vor. »Es ist mir ein Vergnügen, euch alle kennen zu lernen«, sagte sie und lächelte, und dabei enthüllte sie eine Reihe schockierend weißer Zähne.

Kapitel 3

Wir sind in unserer Familie so britisch. Wenn wir Italiener gewesen wären, wären wir auf und ab gehüpft, hätten mit den Armen gewunken und wissen wollen, wo und wann Mike sie kennen gelernt hatte. Wären wir Afghanen gewesen, Franzosen oder Brasilianer, hätten wir mindestens einige der Fragen gestellt, die uns auf der Zunge brannten. Stattdessen nickten wir einfach nur und schwiegen.

Dann brach Kate den Bann. »Herzlichen Glückwunsch! Wundervoll!«, rief sie und küsste Rosalie und Mike, der ihre Hand umklammert hielt.

»Dem Himmel sei Dank für dich, Kate«, sagte er.

Mum und Dad folgten ihrem Beispiel und murmelten höflich etwas, dann schüttelten Tom und Gibbo ihm verschämt die Hand. Trotz all seiner Aufrichtigkeit von der südlichen Halbkugel konnte Gibbo ganz deutlich die Stimmen seiner Vorfahren hören, wenn eine peinliche Situation bevorstand.

Mike hängte ihre Mäntel an die lange Holzgarderobe im Flur und brachte Rosalie nach oben, um ihr das Schlafzimmer zu zeigen. Das lange und niedrige auf der Vorderseite des Hauses mit der rosafarbenen Tapete, das, wie Mum sagte, so gut zu Rosalie passe, als ob sie gewusst hätte, dass ihr Schwager mit einer völlig Fremden auftauchen würde, an die er sich gerade gebunden hatte. Wir standen herum wie Statuen auf den Osterinseln, bis sie ungefähr fünf Minuten später wiederkamen und ziemlich durcheinander aussahen.

»Lasst diesen schrecklichen Gin sein, und trinken wir etwas Anständiges.« Mike zauberte zwei Flaschen hervor. »Wir haben Champagner mitgebracht.« Er riss die Folie und den Draht ab, ließ den Korken knallen, und heraus strömte er schaumig in Dads leeres Schlehenginglas, das Mike nun austrank.

Ich trat von einem Bein aufs andere. Kate summte und sah auf den Sims.

»Lasst mich noch ein paar Gläser holen«, sagte Mum und eilte mit Chin in die Küche.

»Wir haben uns im November bei einem Anwaltskongress kennen gelernt«, erzählte Mike aus heiterem Himmel, während Rosalie zu ihm auflächelte.

»Diesen November?«, fragte Dad wie jemand, der kurz vorm Ersticken war.

»Nüsse, Rosalie?«, fragte Tom unschuldig.

»Halt den Mund«, zischte ich.

»Nun, danke – Tom, nicht wahr?«, hauchte Rosalie und schenkte ihm ein strahlendes Lächeln.

Tom hüstelte.

»Wann ... wann habt ihr euch denn entschlossen zu heiraten?«, stammelte Dad.

»Nun ...« Rosalie und Mike sahen sich an und kicherten.

»Nun, John«, sagte Rosalie, »du wirst es nicht glauben, aber wir haben gestern geheiratet. Im Rathaus um halb zwölf. Dann haben wir beschlossen, hier herüberzufliegen.«

»Ich kümmere mich mal um die Gläser«, verkündete Tom und ging.

»Aber wie habt ihr so kurzfristig einen Flug bekommen, Rosalie? Sind sie nicht alle ausgebucht?«, fragte Jess.

»Nun ja«, fing Rosalie an. »Ihr habt einen wundervollen Onkel.« Sie ballte ihre Hände zu winzigen Fäusten und boxte in die Luft. »He! Danke für diesen Mann!«

Ich sah mich verstohlen um, nicht ganz sicher, wem sie dankte. Uns? Dem Herrn?

Sie fuhr fort: »Er hatte doch tatsächlich in der Woche, nachdem wir uns kennen gelernt hatten, einen Flug für mich gebucht – er wollte unbedingt, dass ich mit ihm komme, damit ich euer wunderbares Heim sehe. Und ich muss sagen, es ist mir eine Ehre, hier zu sein. Ihr habt wirklich ein ... schönes Heim.«

»O Gott, wo sind denn die Gläser?«, fragte ich und schlich mich aus dem Zimmer.

Am Küchentisch flüsterten Mum, Chin und Tom wie die drei Hexen in Macbeth. Sie sprangen schuldbewusst auseinander, als ich hereinkam, und entspannten sich dann sichtlich.

»Ich habe ihnen gerade erzählt, dass er sie im vergangenen Monat bei einem Anwaltskongress kennen gelernt hat«, zischte Chin mir über den Tisch zu.

»Ich weiß«, erwiderte ich.

»Und sie haben erst gestern geheiratet!«, ergänzte Tom und schlug zur Betonung mit der Hand auf den Tisch.

»Das habe ich auch gehört«, sagte ich.

Sie sahen mich säuerlich an, als ob ich ihnen den Spaß verderben würde.

»Ich kann euch berichten, dass sie gerade für einen so wunderbaren Mann gedankt hat und dass sie unser Heim wirklich schön findet«, erzählte ich mit einem Blick über die Schulter, um mich zu vergewissern, dass die Luft rein war.

»Neiiiin!«, riefen sie im Chor.

»Und auch, dass Mike eine Woche, nachdem sie sich kennen gelernt haben, bereits den Flug für sie gebucht hat, weil er wusste, dass er sie uns vorstellen wollte.«

»Neiiin!«

»Doch«, gab ich zurück, zufrieden über ihre Reaktion.

»Ist sie eine Hure, die hinter seinem Geld her ist?«, fragte Tom.

»Ist sie überhaupt Anwältin?«, fragte Chin. »Sie sieht nicht wie eine aus.«

»Ich bin sicher, sie ist eine sehr nette Frau«, meinte Mum, die plötzlich wieder erwachsen wurde.

»Aber ich wette, sie hat schon früh ein Bild von dem Haus gesehen und sich eingeredet, Mike sei ein Herzog oder so«, fügte Chin hinzu.

»Ich bin mir dessen sicher«, pflichtete Mum ihr bei. »Nun, egal, es ist schön, Mike zu Hause zu haben, und ich freue mich für ihn. Sie scheint nett zu sein, und ich denke, sie sind sehr glücklich.«

Wir starrten sie enttäuscht an. Mum nahm die Gläser und noch eine Flasche Schlehengin – Gott sei gedankt für Jess’ geschickte Finger im Oktober. An diesem Abend arbeiteten wir uns wirklich in Windeseile durch den Fusel.

»Lasst uns noch schnell etwas trinken und dann zu Abend essen.«

Wieder starrten wir sie an, und Tom seufzte. »Tante Suzy, sei nicht so ein Gutmensch.«

»Hallo!«, ertönte eine Stimme an der Tür. Wir fuhren herum, und da stand Rosalie.

»Himmel noch mal, Rosalie, du hast uns vielleicht erschreckt! Ich habe dir gerade ein Glas geholt. Alles in Ordnung?«, fragte Mum und fuhr sich mit den Fingern durchs Haar.

»Ja, natürlich, Susan«, antwortete Rosalie. Sie wischte sich unsichtbaren Staub vom Ärmel und lächelte, als ob sie sich Kapitel Nummer zwei in einem Ratgeber über das Knüpfen von Beziehungen mit Fremden vor Augen führte. »Hi, Ginevra, hi, Tom, hi, Lizzy. Ich wollte nur wissen, ob ich euch hier bei irgendwas helfen kann.«

»Wie nett von dir, aber nein danke. Du musst erschöpft sein. Geh wieder ins Wohnzimmer – das Essen ist fast fertig«, sagte Mum mit einem Glitzern in den Augen. Ich konnte erkennen, dass sie nach etwas suchte, das sie an ihrer neuen Schwägerin mögen konnte. Tom, Chin und ich traten von einem Fuß auf den anderen – wir sind keine netten Menschen und wollten sie nicht mögen.

»Komm und hilf mir den Tisch decken, wenn du willst«, bot ich schließlich an.

Rosalie sah entzückt aus, und Mum auch. Es war eine fast anrührende häusliche Szene.

Wir gingen ins Esszimmer nebenan und begannen mit dem Besteck. »Wir sind zehn, und die Teller sind im Schrank. Ich hole sie«, sagte ich.

Rosalie zählte mühselig zehn Messer und Gabeln ab. War sie Anwältin? Sie sah wie ein vollständig angezogenes Mitglied der Baywatch-Mannschaft aus. Wer bewegt schon die Lippen, wenn er bis zehn zählt?, dachte ich. Dann wurde mir bewusst, dass ich es tat.

»Okay«, sagte ich. »Der Wein und die Wassergläser sind hier. Und die Serviettenringe – dort in der Schale auf der Kommode.«

Rosalie griff hinter sich und stellte die Schale auf den Tisch. »Habt ihr alle solche? Sie sehen aus, ja, wie Silber!«

»Ah ... ja, haben wir. Und sie sind aus Silber. Wir haben alle einen als Taufgeschenk bekommen, aber mein Dad hat den von meinem Großvater – er ist vor ein paar Jahren gestorben. Also gibt es noch einen freien für Gibbo.«

»Der australische Typ, oder?« Sie hielt inne. »Aber he, da ich jetzt ja auch ein Mitglied der Familie bin, nehme ich an ... Sollte ich ihn nicht bekommen? Gibbo ist doch nicht mit Ginevra verheiratet, oder?«

Sie stellte diese Frage so unumwunden, doch mit so viel Raffinesse, dass ich bestürzt war. Es war so eine winzige Sache, doch ich sah, dass es leicht den Anfang vom Ende darstellen konnte. (Außerdem hatte ich vor kurzem spät in der Nacht einen amerikanischen Fernsehfilm mit Tori Spelling in der Hauptrolle gesehen, der Mother, May I Sleep With Danger? hieß und in dem es um eine Frau ging, die ihrer undankbaren, dümmlichen Cheerleader-Tochter ständig nachgab, was darin endete, dass die Tochter fast von ihrem Freund, der aus schlechten Verhältnissen stammte und die Neigung hatte, seine Liebsten mit einer Holzhacke beiseite zu schaffen, umgebracht wurde. Es war alles superironisch, da die Mutter wusste, sie hätte den Beinahe-Mord verhindern können, indem sie von Anfang an streng zu ihrer Tochter gewesen wäre. Egal.)

»Nein, du kannst diesen hier haben«, sagte ich und reichte ihr einen Ring aus Holz. Ich sah sie an. Sie neigte den Kopf, als ob sie sich geschlagen gäbe, und ich fühlte mich wie Maximus Decimus Meridius in Gladiator, wie er den Jubel der Menge nach einem besonders blutigen Kampf entgegennimmt.

Mum kam herein. »Ich werde nun die Glocke läuten«, verkündete sie und sah Rosalie an. »Oder möchtest du es machen? Das erste Mal im Haus, und du bist ja jetzt ein Mitglied der Familie, oder?«

Verdammt, Mum, dachte ich.

Rosalie schien entzückt und schwang die riesige Schweizer Kuhglocke, die mein Ururgroßvater von einem Malausflug in die Alpen mitgebracht hatte und die seitdem auf einem Regal im Esszimmer stand.

Die anderen kamen herein, und wir setzten uns alle. Jess schenkte den Wein ein, Dad stand auf. »Ich möchte nur eine kleine Rede halten.«

Die Heiligen mögen uns bewahren! Zwei an einem Abend. Ich fragte mich, warum ich Weihnachten nach Hause gekommen war. Meine Wohnung – obwohl das Essen dort nur aus diesen weißen Bohnen bestand, die man über Nacht einweichen muss, sodass man nie dazu kommt, sie zu kochen – wäre ein wunderbarer Ort gewesen, um Weihnachten nur mit einer Flasche Wein als Gesellschaft zu feiern.

»Ahm ... nun ja, auf Mike und Rosalie«, sagte Dad eilig, trank und setzte sich. Es war die kürzeste Rede, die er je gehalten hatte, doch um was für einen bitteren Preis – das Opfer meines Lieblingsonkels an einen Troll mit falschem Busen, der genau in diesem Moment das Besteck betrachtete, um zu sehen, ob es wirklich versilbert war.

»Danke, John«, erwiderte Mike. Er stand auf und zerzauste sich das Haar mit den Händen – das tat er immer. »Vielen Dank.« Er lächelte uns so breit an, dass ich dachte, sein Gesicht würde explodieren. »Gott, es ist fantastisch, wieder zu Hause zu sein. Ahm ... ich will nur sagen, dass es mir mehr bedeutet, als ihr euch vielleicht vorstellen könnt.«

Er schluckte und sah ziemlich durcheinander einen nach dem anderen am Tisch an. »Hier sind wir also alle. Es ist Weihnachtsabend ...« Wir warteten höflich so lange, dass ich mich fragte, ob er nach einer Bestätigung für das Datum suchte oder ob er noch etwas zu sagen hatte. Dann blieben seine Augen schließlich auf Rosalie haften, und er schenkte ihr sein blödestes Lächeln. »Fröhliche Weihnachten allerseits«, sagte er.

Das Abendessen verging wie in einer Art Traum, als ob wir alle für eine Reality-Fernsehshow gefilmt würden.

Das Rind war köstlich, genauso wie das Püree, doch Mums Weihnachtsspezialität, ihr Mini-Yorkshire-Pudding, war ausgefallen. Ich hatte ihn vorher gesehen, bereit, in kleinen Tassen in den Aga zu wandern, doch er tauchte nie auf dem Tisch auf. Entweder war er schrecklich danebengegangen, oder wir hatten zwei zu wenig und Mum hatte ihn weggeworfen, anstatt bei Mike und Rosalie Schuldgefühle hervorzurufen.

Nach dem Essen stritten sich Mum und Kate wie üblich darum, wer den Abwasch erledigte.

»Geh und setz dich, Suzy, du hast heute Abend genug getan.«

»Mach dich nicht lächerlich, Kate. Du musstest heute arbeiten, du solltest dich entspannen.«

»Absolut nicht. Ich will nichts davon hören. Aus dem Weg!«

»Nein, geh du aus dem Weg.«

»Au, du tust mir weh!«

»Hör auf zu drängeln!«

»Gott, ist das lächerlich«, meinte Chin von der Tür her. »Ihr geht beide und setzt euch in das andere Zimmer. Warum fangt ihr nicht mit dem Rosenkohl für morgen an? Ich bringe euch Kaffee, und wir räumen dafür auf.«

Tom und ich sahen uns an. »Na, vielen Dank, Tantchen«, sagte Tom, doch er ging in die Küche und begann die Geschirrspülmaschine zu beladen.

Kate zog einen Beutel Rosenkohl aus der Vorratskammer, und sie und Mum verschwanden im Seitenzimmer mit dem Fernseher und den bequemen Sesseln. Dort aßen wir, wenn wir keine förmlichen Mahlzeiten hatten. Es war sonnig und schön tagsüber, doch auch erstaunlich gemütlich am Abend, mit einem großen offenen Kamin, Regalen voller Zeitschriften, Videos, Gartenratgebern, Lexika, Fotos von der Familie und Postkarten aus der ganzen Welt – vor allem viele von Mike. Es war eines meiner Lieblingszimmer im Haus – wir hatten es aus dem, was einmal das Dienstbotenzimmer gewesen war, in das verwandelt, was die Amerikaner einen »Den« nennen würden.

Der Kessel pfiff, und ich goss Wasser in die Kaffeekanne, während Tom Becher von den Haken nahm. Ich konnte Rosalie im Flur mit Mike tändeln hören. Gibbo erschien und fragte, ob wir Hilfe brauchten.

»Nein, Süßer«, erwiderte Chin.

Er riss ihr das Handtuch aus der Hand und küsste sie. »Komm schon, meine Schöne«, sagte er ihr ins Ohr. »Zeit fürs Bett.«

Tom und ich wechselten einen Blick vorgetäuschten Entsetzens.

»Es ist Weihnachtsabend. Ich gehe noch nicht ins Bett, selbst wenn es mit dir wäre, du ...« Chin flüsterte etwas, was Gibbo dazu brachte, sich aufzurichten, zu erröten und ein wenig zu hüsteln. Sie tätschelte seinen Arm und machte sich wieder ans Abtrocknen.

»Dann gehe ich zu den anderen. Bis dann«, murmelte er.

»Keine Angst, ich will noch ein bisschen fernsehen. Ich habe genug Familientratsch für einen Abend gehabt«, sagte Chin.

»Oh.« Gibbo kratzte sich an der Wange. »Rosalie schaut Fernsehen. Offenbar läuft ihr Lieblingsfilm. Sie hat Mum und Kate gefragt, ob sie ihn nicht vielleicht auch anschauen wollten.«

»Sie ist so rücksichtslos«, sagte Tom. »Ich frage mich, was das für einer ist – Weekend at Bernie’s? Pretty in Pink?«

»Pretty Woman«, schlug ich vor. »Nein, Risky Business, Nein! Robin Hood, König der Diebe!«

»Ich hab’s!«, rief Chin. »Showgirls! Zusammen mit Top Gun!«

»Tatsächlich«, ertönte eine Stimme von der Tür her, »ist es Manche mögen’s heiß, und er läuft gerade.«

Wir drehten uns um. Wieder Rosalie. Der Welt leiseste Schleicherin. Es herrschte völliges Schweigen. Ich fühlte mich schrecklich.