Die Suche mit Ludwig - Ralf Weidner - E-Book

Die Suche mit Ludwig E-Book

Ralf Weidner

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Beschreibung

Deutschland 2021

Das E-Book Die Suche mit Ludwig wird angeboten von tredition und wurde mit folgenden Begriffen kategorisiert:
Wohnmobil, Camper, Reisen, Unterwegs, Zeitgeschichte, Deutschland, Corona, Steinbeck, Roadmovie

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Seitenzahl: 151

Veröffentlichungsjahr: 2022

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Ralf Weidner

Die Suche mit Ludwig

Ralf Weidner ist Theologe und arbeitet in verschiedenen sozial-diakonischen Bereichen „im Auftrag des Herrn“. Als Sohn eines Fernfahrers wurde ihm von Kindheit an die Freude am Unterwegssein als DNA mitgegeben. Er schreibt seit vielen Jahren auf seinem Reiseblog. Aktuell lebt er mit seiner Familie in Seligenstadt. Zu Hause ist für ihn dort, wo die Menschen sind, die er liebt und sein Wohnmobil parkt.

www.binbesonders.de

Dieser Bericht ist eine Fiktion. Menschen und Dialoge sind frei erfunden. Die beschriebenen Orte kennt der Autor aus zahlreichen persönlichen Reisen.

Ralf Weidner

Die Suche mit Ludwig

Idee einer Reise

Impressum:

© 2022 Texte und Fotos: Ralf Weidner

Verlag & Druck: tredition GmbH

Halenreie 40-44

22359 Hamburg

Erstauflage 2022

Umschlaggestaltung, Illustration: Ralf Weidner

Lektorat: Susanne Pommerien-Weidner

978-3-347-55384-2

Softcover

978-3-347-55386-6

e-Book

Das Werk, einschließlich seiner Teile, ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung ist ohne Zustimmung des Verlages und des Autors unzulässig. Dies gilt insbesondere für die elektronische oder sonstige Vervielfältigung, Übersetzung, Verbreitung und öffentliche Zugänglichmachung.

Vorwort

Hätte ich in diesen Tagen ein Buch geschrieben über eine Reise, dann würde der Titel lauten: „Meine Reise mit Ralf – die Idee eines Lebens“. Denn mit dem Autor dieses Werks darf ich seit knapp einem Jahr – ganz offiziell – durchs Leben reisen. Und das ist nie langweilig und immer schön und spannend. Nun schreibe ich ein Vorwort für sein Buch und das ist eine Ehre für mich.

Ludwig kenne ich auch, haben wir doch schon einige Reisen mit ihm erlebt. Campen, Wohnmobile und das Reisen in dieser Häufigkeit ist etwas Neues für mich. Das habe ich erst so richtig mit Ralf kennengelernt. Seine Begeisterung in diesem Bereich ist ansteckend und seine Erfahrung, Gelassenheit und Routine beruhigend. Es macht Spaß mit den beiden – Ralf und Ludwig – unterwegs zu sein.

Nun geht es in diesem Reisebericht um mehr als um die Aufzählung von Orten und Sehenswürdigkeiten. Es handelt von der Suche danach, wie dieses Land – oder die Menschen, die hier leben – ticken. Wie geht es ihnen (uns) in dieser besonderen Zeit? Wie geht es der Gesellschaft insgesamt? Ralf möchte verstehen und hört und schaut deshalb genauer und tiefer hin. Das berührt mich und macht mich während des Lesens nachdenklich. Gleichzeitig beschreibt der Autor hier eigene Schnittmengen mit dem Erlebten. Und das im besten Sinne ganzheitlich: Er beschreibt Gerüche, die ihn an seine Kindheit erinnern, und Geräusche, die etwas in ihm auslösen. Er teilt seine Begeisterung über Orte und Sehenswürdigkeiten und nimmt mich mit hinein in scheinbar alltägliche und dann doch ganz tiefgehende Begegnungen mit anderen Menschen. Ich spüre, hier reist der ganze Mensch. Innerlich und äußerlich. Er genießt, fragt, staunt, erkennt, spürt nach und findet manche Antworten. Und in all dem nimmt er mich als Leserin so fein und unaufdringlich an die Hand, dass ich tatsächlich das Gefühl habe, dabei zu sein.

Am Ende kehrt Ralf mit Ludwig nach Hause zurück, am liebsten wäre ich lesend mit den beiden weitergefahren.

„Schade“, dachte ich am Schluss, „schon vorbei.“

„Ein Glück“, fällt mir dann ein, „es werden noch viele Reisen folgen – in der Realität. Und ich darf mit.“

Die Suche geht weiter.

Susanne Pommerien-Weidner, im März 2022

Start

Die Idee zu diesem Buchprojekt geht zurück auf das Jahr 1962. In diesem Jahr erschien ein Werk, das für mich zur Initialzündung für vieles wurde.

John Steinbeck begibt sich zwei Jahre zuvor auf eine dreimonatige Rundreise durch die USA – sein Amerika. „Travels with Charley: In Search of America“ entsteht als Reisebericht, in dem Steinbeck auf die Suche geht nach der Vitalität amerikanischer Werte.

Wofür stehen die Menschen in seinem Land? Die Frage konnte er zu Beginn seiner Reise nicht beantworten, denn in den vorangegangenen Jahren hatte er sich innerlich zu weit von ihnen entfernt:

1940 wurde er für seinen Roman „Früchte des Zorns“ mit dem Pulitzer-Preis ausgezeichnet, wodurch er weltberühmt wurde; später arbeitete er zeitweise als Kriegsberichterstatter. Rund zwanzig Jahre später erhielt er als Grammy seines Lebenswerks den Nobelpreis für Literatur. In dieser Zeit war er auf der ganzen Welt zu Hause. Den Nürnberger Prozess verfolgte Steinbeck 1945 auf der Pressetribüne. Er reiste durch Skandinavien, Frankreich und die Sowjetunion. Weitere Ziele waren Nordafrika, Süd- und Westeuropa. Von seinem Land hatte er sich entfernt. Er wollte wieder näher rücken, den Zeitgeist spüren, fühlen, was seine Landsleute bewegt. Im Land tobte zu dieser Zeit ein erbitterter Wahlkampf zwischen Kennedy und Nixon. Und auch der Vietnamkrieg warf seine Schatten, obwohl die USA erst rund vier Jahre später offiziell in den Krieg eingriffen.

In diesem Gemenge aus hochkomplexen Zusammenhängen machte der Autor sich in einem Wohnmobil auf, um zu entdecken: Land – Leute – Befindlichkeiten. Sein Land, die Menschen und deren Lebensgefühl zu erfahren und zu beschreiben. Es treibt ihn raus. Nach allem, was ich über ihn gelesen habe, muss er ein in höchstem Maß Rastloser gewesen sein. Steinbeck wusste das! „Nichts hat bis hierher geholfen“, formuliert er im Vorwort seines Buches. Ist irgendwann der Moment, an dem er sesshaft werden wird? Er ringt mit dem Unterwegssein. Dem Drang danach, Ort und Position zu wechseln.

Ich spürte beim Lesen seines Romans, wie sehr er auch mit der Frage hadert, was ihn wohl antreibt. Die Antwort ist das Gesamtwerk. Wer das Buch gelesen hat, kann möglicherweise keine Antwort formulieren, aber man kann sie erspüren. Und genau das will ich auch: das, was den Autor antreibt, nachspüren.

Ich erkenne mich an manchen Stellen wieder. Steinbeck wird für mich zum Vorbild, zum - Ideengeber, zum Muster, zur Richtschnur für einen Start auf meine eigene Reise. Auch mich treibt die Frage um, was in meinem Land los ist. Rund 30 Jahre nach der Vollendung der Deutschen Einheit – die Ära Merkel ist gerade zu Ende gegangen. Für eine historische Einordnung sicher noch zu früh, aber es gibt derzeit sowieso anderes, das die Aufmerksamkeit dieses Landes bindet: Die Corona-Pandemie wütet seit rund zwei Jahren in Deutschland und der Welt.

Ich will auf die Suche gehen nach den Menschen, die mit mir Teil dieses Landes sind. Vieles in den vergangenen Jahren habe ich nicht verstanden. Ich will den Menschen begegnen, ihnen gegenüberstehen, zuhören, sie verstehen. Und ich will auf die Suche nach mir selbst gehen, will mir begegnen, mir gegenüberstehen. Wo ist er geblieben, der Friedensaktivist in mir?

Ostermarsch in den 1980er Jahren – ich war dabei. Bürgerinitiative gegen die neue Startbahn am Frankfurter Flughafen – ich war dabei. Hätte es damals Fridays for Future gegeben, ich wäre sicher ebenfalls dabei gewesen. Und heute? Angst. Fridays for Future macht mir Angst. Seit mehr als drei Jahrzehnten zahle ich treu und ehrlich meine Steuern in diesem Land. Nochmal so lange und meine statistische Lebenserwartung ist vorbei. Ich habe noch Hoffnungen, Träume und Vorstellungen, wie ich diese Zeit gerne füllen möchte. Zahltag! Ich habe so viel hinein gegeben in dieses Land, mich engagiert, war für die am Rand da. Ich habe mich mit Langzeiterwerbslosen solidarisiert, war ehrenamtlich aktiv. Auch hier rastlos. Ich habe Angst, dass mir etwas genommen wird, was ich mir verdient habe. Ich bin in Vorleistung gegangen. Und trotz all dieser Ängste ist mir eine Eigenart geblieben: Den Weg zum Gegenüber zu finden. Das hat für mich etwas mit Haltung zu tun. Zum Miteinander gehört es zwangsläufig dazu – ist unabdingbar – danach zu fragen, was die gegenüber fühlen, was sie bewegt.

Wie würde ich fühlen, wäre ich heute zwanzig, am Anfang meines Lebens? Das ist im Leben wie beim Fußball. In der Mitte wird schon mal nach dem aktuellen Stand gefragt. Gibt es einen ordentlichen Vorsprung oder muss in der 70. Minute nochmal gewechselt werden? Am Anfang geht es um die Aufstellung. Wie würde ich mich heute aufstellen? Was wäre meine Strategie? Ich beobachte, dass sich zahlreiche Lebenswelten häufig unversöhnlich gegenüber stehen: Die mit der Startaufstellung gegenüber denen, die zwar müde gespielt sind, aber auch schon ein paar ordentliche Spielzüge ihres Lebens vorzuweisen haben. Inklusive mehr oder weniger zahlreichen Toren. Die in der Provinz, vorzugsweise Ostdeutschlands, die sich abgehängt fühlen und von diesem Land gar nichts mehr erwarten, gegenüber denen, die in bürgerlichen Milieus einen beachtlichen Wohlstand erreicht haben. Die Langzeiterwerbslosen mit gebrochenen Biografien gegenüber den Strebsamen, die ihre Karriere verfolgt haben, ihr Ziel erreicht haben, wie das im Einzelfall auch immer formuliert sein mag. Die Lebensbehüteten gegenüber den Chancenlosen. Die Ängstlichen mit ihrem Drang, sich impfen zu lassen, weil ihnen sonst ihr Leben um die Ohren fliegt. Die anderen Ängstlichen, die keinen Drang zum Impfen haben, weil ihnen sonst ihr Leben um die Ohren fliegt. Diese Aufzählung ließe sich beliebig fortsetzen. Antagonisten, Gegenspieler sind allgegenwärtig. Das macht es spannend, das macht es komplex und bisweilen ist es nicht zu begreifen. Manchmal fühlt es sich auch nach purer Verzweiflung an.

Dieses Buch soll kein zeitgenössischer Abklatsch des amerikanischen Autors werden. Mir wird klar, ich muss mich emanzipieren. Ich muss und will mich aus einer Gefahr von hemmender Abhängigkeit lösen. Meine Selbstständigkeit besteht darin, nicht nur zu beschreiben! Ich will eintauchen in Lebenswelten. Was haben mir die Menschen, die ich treffe, zu erzählen? Wie fühle ich mich, wenn ich an sie heran rücke? Die Spaltung unserer Zeit im Besonderen, wie die Spaltung von Menschen im Allgemeinen können nur dadurch überwunden werden, dass wir verstehen, wie sie sich anfühlen. Freiheit ist immer auch die Freiheit meines Gegenübers, so ähnlich hat es Rosa Luxemburg formuliert. Was viele hierbei allerdings nicht wissen, sie hatte eine revolutionäre Idee vor Augen. Ich will keine Visionen über Gesellschaftsordnungen austauschen, ich will die emotionale Gemengelage ausloten. Ich will verstehen, warum mein Gegenüber sich jetzt in seiner Freiheit eingeschränkt fühlt. Wer die Radien der Menschen kennt, der kann auch verstehen, wo die Fundamente zum Brückenbau verortet sein müssen. Ausgangspunkte zu solchen Verortungen sind Begegnungen. Davon will ich erzählen. Zunächst neutral wahrnehmen, mitunter sicher auch kommentierend, dabei allerdings wertschätzend. Jeder Mensch darf sein, jeder Mensch auf meiner Reise darf sein. Diese Haltung sagt mir schon mein Glaube. Das Evangelium, wie wir es im Neuen Testament vorfinden, ist ein Zeugnis dafür, wie Gott den Menschen auf Augenhöhe begegnet. Daraus habe ich viel gelernt. Ich muss nicht jeden toll finden, aber ich muss damit rechnen, das mir in jedem Gegenüber Gott begegnet. Das macht es nicht einfacher, lässt mich aber mit einer gesunden Demut starten. Unsere in diesen Tage scheidende Bundeskanzlerin hat einmal gesagt, es gehe darum, dem Land zu dienen. Vielleicht hat dieses Buch ja ein dienendes Herz, eine Haltung, die nutzt, wem auch immer!

Liebe Leser (übrigens, bei mir wird nicht gegendert, es sind immer alle gemeint), lassen Sie mich über Hoffnung schreiben. Welche Hoffnung habe ich ganz konkret mit diesem Buch? Ich vermute, es wird ein therapeutisches Buch werden. Vielleicht finde ich Schrödingers Katze auf dem Weg, vielleicht finde ich mein ganz persönliches Es, vielleicht unser aller Ich, vielleicht auch nichts von alledem. Als Hoffnung für mich will ich einen Begriff mitnehmen, der mich begleiten soll: Perspektivwechsel. Das kann etwas furchtbar Unbequemes sein. Ich verlasse offenen Auges meine persönliche Komfortzone. Dieses Verlassen wird in nahezu jedem Coaching-Workshop gebetsmühlenartig gepredigt, ist zur Phrase verkommen. Trotzdem meine ich, es ist etwas dran. Wie es sich allerdings anfühlt, eine Komfortzone zu verlassen, persönliche Unsicherheiten zu überwinden, bleibt häufig im Nebel. Vom Nutzen ganz zu schweigen. Aber ein solcher Schritt, das Beschreiten eines solchen Weges heißt eben auch, freier zu werden.

Für mein Vorhaben habe ich einen wunder-baren Reisebegleiter: Ludwig! Ludwig ist ein als Wohnmobil ausgebauter Kastenwagen modernster Bauart. Nach mehr als zwei Jahrzehnten mit überwiegend nostalgischen Bullis wurde Ludwig angeschafft. Zahltag! Ich könnte dauerhaft in so einem Wohnmobil leben. Zu Hause ist dort, wo ich parke. Und natürlich, wo die Menschen sind, mit denen ich meine Zeit verbringen möchte – die mir nahe sind, die ich liebe.

Schön ist vor allem, dass meine Frau dieses Projekt in jeglicher Form unterstützt. Sie hat unter anderem das gesamte Lektorat übernommen! Da mir der Ruf vorauseilt, ein „optischer Germanist“ zu sein („Sieht das jetzt richtig aus?“) bin ich froh, mit ihr nicht nur mein Leben zu teilen, sondern auch noch eine begnadete Lektorin vorzufinden.

Was habe ich noch dabei? Eine Straßenkarte! Dick, schwer, sperrig, aber mit den neuesten Straßenführungen. Ein Navi nur im Notfall.

Mir fällt dabei ein, wie ich vor ein paar Jahren mit einem Leihwagen rund um Neapel unterwegs war. Unter anderem wollte ich von Pompeji aus auf den Vesuv. Das Navi hat mich im Stich gelassen: kaum GPS, immer wieder in die falsche Richtung, eine Hauptzufahrt war gesperrt. Mit einer uralten Karte, die mehr aus Verlegenheit den Weg in mein Gepäck gefunden hatte, ging ich damals in ein Café und bestellte erstmal einen Cappuccino. Dann den Kellner herbei gewunken und mit Händen und Füßen gefragt, wo der richtige Weg lang führt. Es folgte ein wunderbares Gespräch, soweit das sprachlich eben möglich war. Aber: Mit einem funktionierenden Navi wäre diese Begegnung nicht zustande gekommen. Unterwegssein ist für mich, Menschen zu treffen. Bei einem solchen Projekt mehr denn je. Ich freue mich auf die Tour, habe Lust auf Leben. Das war in den vergangen zwei Jahren doch ein wenig anästhesiert.

Also, Ludwig ist gepackt, der Kühlschrank gut ausgestattet, alle Tanks gefüllt, es kann los gehen.

Reise in die Vergangenheit

Manchmal frage ich mich, wo es herkommt – mein Reise-Gen. Gerade jetzt in der Pandemie, wo diese Bedürfnisse, die daraus zwangsläufig entstehen, viel zu wenig befriedigt werden. Natürlich hat das etwas mit meinem Dad – dem Truckerfahrer – zu tun. Er war sein ganzes Leben in Bewegung. Stillstand konnte er schwer aushalten.

Ich starte mit Ludwig, begebe mich auf Spurensuche. Die Skyline der Hochhäuser Frankfurts wird im Rückspiegel kleiner, rechts der Flughafen. Als Kind war hier im Süden des Flughafens die Zufahrt zur Air Base – „Gateway to Europe“ hatten die Alliierten an der Einfahrt vermerkt. Ich sah es damals immer wieder aus der anderen Richtung. Ein Tor nach Europa ist ja auch irgendwie eines aus Europa heraus. Flugzeuge, die in den alten Kontinent einfliegen, müssen auch früher oder später wieder auf dem entgegengesetzten Kurs heraus. Neben dem Flughafen führt die Autobahn 5 vom Frankfurter Kreuz aus Richtung Süden. Hier ist sie auf 17 Kilometer vierspurig, zählt man die Gegenfahrbahn dazu, sogar achtspurig. Den wenigsten, die hier über eine der am höchsten frequentierten Autobahnen Deutschland rollen, dürfte bewusst sein, dass sie sich über eine im Notfall zur militärischen Rollbahn werdenden Anlage bewegen. Taktisch damals fest in der Verteidigungsstrategie des Westens eingeplant. Heute frage ich mich, warum wir das damals so entspannt hingenommen haben? Hätte es den Ernstfall zwischen Ost und West gegeben, hier wäre die Drehscheibe gewesen. Seltsam, wie man doch lernt, mit latenter Bedrohung zu leben.

Ich folge nach dem Darmstädter Kreuz der A67 und erreiche mein Ziel: die Tank- und Rastanlage Pfungstadt-West. Anfang der 1950er Jahre war hier ausschließlich Feld. Langsam entstand die notwendige Infrastruktur der mobilen Nachkriegsgesellschaft. Im nahen Darmstadt lehrte damals der wahrhaftige Architekturpapst Ernst Neufert. Nach ihm ist heute noch das Standardwerk für Architekten in der Bau-Entwurfslehre benannt. Und genau dieses Brain planerischen Zeitgeistes erhielt den Auftrag, eine Tank- und Rastanlage zu konzipieren. Das, was er schuf, wurde zum Vorbild für eine ganze Generation von solchen Anlagen. Spannend daran ist für uns heute: Pfungstadt-West ist die einzige Tank- und Rastanlage ihrer Art in Deutschland, die wegen epochaler verkehrsbaulicher Besonderheiten unter Denkmalschutz steht. Hier anzuhalten ist eine Reise in die Vergangenheit. Zurück in die Zukunft, Raststätten-Nostalgie pur.

Ich setze den Blinker, nehme den Fuß von Gas und lasse Ludwig langsam ausrollen. Es ergreift mich ein Gefühl des Angekommenseins. Ich setze mich bewusst dem hier aus. Kindheitserinnerungen werden wach. Wenn ich auf solchen Anlagen mit meinem Dad unterwegs war, hatte ich Ferien. Unbeschwerte Tage irgendwo in Deutschland. Unter mir brummte der Diesel, durch die riesige Frontscheibe ein Ausblick im Weitwinkelmodus.

Ich parke Ludwig und steige aus. Angenehm wenig los heute. Trotzdem natürlich die übliche Betriebsamkeit. 40-Tonner fahren an die für heutige Verhältnisse wenigen Zapfsäulen. Die Handbremse wird zur Arbeit aufgefordert, es zischt – mein Geräusche-Gedächtnis ist sofort präsent. Und auch meine Nase nimmt ihre Arbeit auf. Ich kann mich noch genau erinnern, wie es gerochen hat damals. Ein Hauch Diesel war immer wahrnehmbar. Für viele der stinkende Frevel einer der Natur feindlich gegenüberstehenden Mobilität. Für mich der Duft der großen, weiten Welt. Gummiabrieb war ebenso dabei. Ich bilde mir ein, dass Reifen damals viel intensiver gerochen, pardon, geduftet haben als heute. Kupplungs- und Bremsstaub hatten eine ganz eigene Duftnote. Vor 40 Jahren selbstverständlich asbesthaltig. Nein, ich sage nicht, dass damals alles besser war. Ich bin froh, wenn die Technik besser wird, Mensch und Umwelt dient. Und doch, diesen Moment einer kindlichen Erinnerung will ich mir nicht nehmen lassen. Ich genieße es, hier zu stehen, bin einfach so da! Ein Soda-Moment, der den Geruch meines ersten Lebensabschnittes wiederbelebt.

Natürlich begibt man sich während solcher Augenblicke regelmäßig in Gefahr, die Vergangenheit zu verklären. Sie ist mir bewusst, und genau deshalb kann ich meine Erinnerung genießen, mich ihr ausliefern. Ich verweile noch ein paar Minuten in dem Moment. Der Sekundenzeiger scheint stehengeblieben zu sein.

Irgendwann nehme ich mein Umfeld wahr. Ich sehe dieses beeindruckende Flugdach, das so scheinbar schwerelos auf schlanken Rundsäulen mit Pilzköpfen ruht. Die Zufahrt wurde mit Blaubasalt gepflastert (für heute undenkbar). Ihr Anblick versprüht einen aufrichtigen Charme. Die gesamte Anlage ist für heutige Augen schon ziemlich aus der Zeit gefallen. Ludwig wirkt hier wie von einem anderen Stern. Zur Zeit ihrer Entstehung waren hier VW-Bullis der ersten Generation anzutreffen. Eigentlich müsste jetzt ein 40-Tonner mit Mercedes-Zugmaschine einfahren. Ein 2032er – das war der Polarstern der Truckerwelt in den 1970er Jahren. Wenn die Autobahnen die Lebensadern eines Landes sind, dann waren die Daimler damals die roten Blutkörperchen, die alles am Leben gehalten haben.

Autobahnen samt ihrer Rastanlagen waren Sehnsuchtsorte, auf denen man selten im Stau stand, die allerdings das Vertrauen in den Fortschritt einer ganzen Generation abbildeten. Mein Dad konnte sich die Welt ohne Mobilität nicht vorstellen. Ihm waren Forderungen nach „Güter auf die Schiene“ ein Gräuel, destruktive Utopien.

Ich flaniere langsam umher. Was überhaupt nicht ins Bild passt, sind die ganzen Hinweise, die sämtliche Hygienemaßnahmen organisieren. Verrückte Zeiten brauchen ebensolche Maßnahmen. Ich komme mit einem Mitarbeiter der Tankstelle ins Gespräch.

„Warten Sie auf jemanden?“, fragte er mich.

„Nein, ich schaue mir die Rastanlage an.“

„Schon wieder einer.“

„Wie, kommen öfter Menschen, die sich hier umschauen?“