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Ralf Weidner hält inne. Nach rund fünf Lebensjahrzehnten ist es an der Zeit, Erinnerungen zwischen Start und Ziel aufzuschreiben. Mit einem Augenzwinkern erzählt er von Fahrten im LKW seines Vaters, von einer Jugend in den Neunzehnhundertachtziger Jahren, von beruflichen Wegen, die auf den ersten Blick verworren erscheinen, für ihn aber ein logisches Ganzes sind. Heute ist er als Theologe angekommen, arbeitet hauptberuflich als Pastor und Referent für Arbeitsmarkt und Sozialpolitik bei der Evangelischen Kirche. Seine Erinnerungen sind voller Tiefgang, fröhlich bis heiter aber nie trivial. Auch die schweren Momente seines Lebens erhalten Ihren Raum, nehmen ihm aber nicht die Freude am Abenteuer Leben. Diese erste Halbzeit dürfte für die Menschen seiner Generation einen außerordentlichen Wiedererkennungswert haben, für alle anderen hält das Werk, die Botschaft bereit: Es macht Spaß, seinen eigenen Weg zu gehen.
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Seitenzahl: 86
Veröffentlichungsjahr: 2020
Ralf Weidner
ZWISCUEM START UND ZIEL
Erinnerungen eines (fast) normalen 1967 Geborenen
www.binbesonders.de
Impressum:
© 2020 Texte und Fotos: Ralf Weidner
© Foto Vorwort: Georg Magirius
Verlag & Druck: tredition GmbH
Halenreie 40-44
22359 Hamburg
Erstauflage 2020
Umschlaggestaltung, Illustration: Ralf Weidner
978-3-347-08414-8 (Paperback)
978-3-347-08415-5 (Hardcover)
978-3-347-08416-2 (e-Book)
Das Werk, einschließlich seiner Teile, ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung ist ohne Zustimmung des Verlages und des Autors unzulässig. Dies gilt insbesondere für die elektronische oder sonstige Vervielfältigung, Übersetzung, Verbreitung und öffentliche Zugänglichmachung.
Vorwort:
Dieses Buch ist die Geschichte eines Rufes, der merkwürdig ist. Vordergründig präsentiert Ralf Weidner ein Sammelsurium an pointiert erzählten Anekdoten aus seinem Leben. Das ist nicht gerade wenig. Denn es liest sich amüsant und überrascht. Der Autor versucht erst gar nicht so zu tun, als ob das Leben ein Uhrwerk sei. All jenen, die darauf aus sind, das Leben niemals aus der Reihe tanzen zu lassen, ist von der Lektüre daher dringend abzuraten!
Und doch haben Weidners leicht und lustvoll erzählte Lebenslichter ein untergründiges Thema. Als der Erzähler einen nicht alltäglichen Ruf hört, hat er gerade selbst gerufen. Oder besser gesprochen. Er wolle Pastor werden, sagt der Jugendliche in einer Berufsberatung vor seinen Mitschülern. Sie sind verblüfft, aber auch er selbst. Dabei hat er es doch gesagt! Nur wirkt das Gesagte für ihn neu und fremd. Zugleich scheint er in diesem Ruf heimisch zu sein wie vielleicht nur in wenig anderem.
Der Ruf liegt in dem Gerufenen offenbar schon länger, vielleicht sogar von Anfang an. Bereits als Kind ist da die Begabung, aufgewühlten Menschen ein Wort sagen zu können, das trifft und Leichtigkeit verleiht. Er, der Zehnjährige, sagt es dem Vater, als diesem etwas widerfährt, das ihn zutiefst in Frage stellt. Doch mit einem Mal ist durch den Mund eines Kindes dem Schweren das Unerbittliche genommen. Und es kann weitergehen. Der Kunst, ein lösendes Wort zu sagen, bleibt der Jungendliche treu. Aber doch geschieht das auf eine Weise, die nicht gerade üblich ist. Denn es geht nicht geradewegs ins Amt des Pastors. Und auch nicht mit Verspätung. Stattdessen sind da viele Umwegen, die allerdings alle zu dieser besonderen Berufungsgeschichte dazugehören.
Denn das Amt allein ist nicht das wahre Ziel, das den künftigen Seelsorger antreibt. Er will mehr! Unendlich mehr: nämlich suchen und finden, gefunden werden und sich mitreißen lassen vom Leben, vom Größten und Kleinsten, vom Letzten und Ersten, dem Ewigen. Es lockt nicht ein Ziel, sondern das Ziel, all jene Momente, bei dem man das Gefühl haben kann, die Uhr steht auf der Zwölf. Es ist das Haus, in dem der Lebenswanderer bleiben darf und will immerdar.
So reist der Erzähler durch Länder und Berufe, überschreitet Grenzen, wechselt die Seiten. Aber nicht weil er sich untreu wird, sondern weil er mit Aufrichtigkeit durchs Leben gehen will. Er feiert das Leben, erlebt Gefahren, hat den Mut zum Irrtum, da sind Zerstörung und ein großes Scheitern. Der Angst schaut er ins Gesicht. Dennoch bleibt es dabei, nein, immer weiter enthüllt sein Leben den Ruf: Ralf Weidner ist Pastor, ein Sich-Sorgender, ein Seelenbegleiter, der Vertrauen erweckt. Denn er weiß, dass das Leben Grenzen hat. Und er hört nicht auf danach auszuschauen, was hinter der Grenze lockt. Er sagt Worte, die weiterführen – um nichts anderes handelt es sich bei diesem Buch.
Georg Magirius, im Mai 2020
Georg Magirius, Theologe, freier Schriftsteller und Journalist für mehrere ARD-Sender. Veröffentlichungen u.a. im Gütersloher Verlagshaus, bei Kreuz, Suhrkamp, edition chrismon, Aufbau. Seit 2002 gestaltet er Konzertlesungen in Kirchen und im Hörfunk und leitet in der 2009 von ihm begründeten Reihe GangART regelmäßig spirituelle Tageswanderungen.
Erinnerungen
Als im Jahr 2012 mein Vater verstarb, war ich auf vielen Ebenen unfassbar traurig. Über einige dieser Ebenen wird hier noch zu lesen sein. Das Zwischenmenschliche, das Verhältnis zwischen Vater und Sohn, die Rollen, die er hatte, seine Persönlichkeit, die sperrig, mitunter auch anstößig war, zumindest wenn man seine Biographie nicht kannte. Und dann war er gestorben. Er hat all die Geschichten, die er in seinem Leben erlebt hatte, die sein Leben reich, vielfältig, kurzweilig und aufregend gemacht haben, mit ins Grab genommen.
Einige kenne ich, viele sind verloren gegangen. Er war am Ziel angekommen, ohne etwas aufzuschreiben. Vermutlich hätte er das auch gar nicht gewollt. Mein Vater hielt sich für völlig unbedeutend. Er konnte sich zu Lebzeiten nicht vorstellen, dass ihn jemand vermissen würde. Er hat einmal zu mir gesagt: „Ihr begrabt mich am besten auf dem Supermarkt-Parkplatz, da bekomme ich wenigstens Besuch“. Bis heute besuche ich regelmäßig sein Grab, er fehlt. Seine Persönlichkeit fehlt, sein aufopferndes Wesen, seine Liebe, die er so schwer ausdrücken konnte, sie fehlt. Im vergangenen Jahr konnte ich mir einen langgehegten Traum erfüllen. Ich besuchte eine Weiterbildung zum biografischen Schreiben. Seitdem plane ich aufzuschreiben, was mir zwischen Start und Ziel wichtig geworden ist. Ich selbst würde einschätzen, dass mein Leben bis heute alles andere als langweilig war. Ich habe schon allein beim Sammeln von Stichwörtern und Überschriften gemerkt, welch große Freude es mir bringt, all die Geschichten Revue passieren zu lassen. In Gedanken all den Menschen, die mein Leben bis heute bereichert haben, zu begegnen.
Eine wunderbare Erfahrung. Mit dieser Erkenntnis kann ich zwar immer noch nicht beantworten, wer das hier lesen soll, aber ich habe so viel Spaß daran, dass es sich allein deshalb bereits gelohnt hat, zu schreiben. Es macht mich reich, es macht mich glücklich, es macht mich dankbar, es macht mich demütig vor dem Leben im Allgemeinen. Eins war für mich zu klären, bevor ich mit einem bunten Kaleidoskop unterschiedlichster Geschichten, Eindrücke, Berichte starte. Wo ist der rote Faden? Wo ist das, was meinem Leben einen Rahmen gibt? Mein Lieblingsschriftsteller schreibt im Klappentext eines seiner Werke: „Lieber verglühen, lieber tausendmal Angst haben als sterben müssen nach einem aufgeräumten, lauwarmen Leben“. Das ist es, irgendwie war und bin ich immer davon getrieben, das lauwarme Leben hinter mir zu lassen. Leben ist für mich Abenteuer. Mal ruhig und ausgeglichen, mal spannend und mit ordentlich Seegang. Wer auch immer dies irgendwann lesen mag, ich wünsche dabei viel Freude, und auf geht’s ins Abenteuer Leben, irgendwo zwischen Start und Ziel.
Auf achtzehn Rädern durch die Zeit
Meine Geschichten die ich schildere, sind nicht chronologisch. Die Reihenfolge muss einen Sinn ergeben. Deshalb fang ich auch tatsächlich damit an, über das Verhältnis zu meinem Dad zu erzählen. Die allermeisten Menschen seiner Generation die ich kenne, sind oder waren, was das unterwegs sein betrifft, von ängstlicher Natur. In meiner Kindheit und Jugend hatten Familien Urlaubsziele. Das kann der Schwarzwald gewesen sein, ein Tal in Südtirol der immergleiche Ort an der Nordsee. Man fuhr dort hin, weil man es kannte, weil es vertraut war, weil es Sicherheit bot. Für mich Ziele von unfassbarer Bräsigkeit, zumindest ab dem zweiten Mal. Ein neues Ziel? Einmal im Jahr Unbekanntes, dass machte die meisten nervös. Das kennen wir nicht, dann lieber wieder ans vertraute Ziel. Mein Dad kannte in dieser Beziehung keinen halben Sachen, bei ihm wurde es das große Ganze. Ein neues Ziel?
Juhu, da war ich noch nie, das ist schön!
Diese Haltung machte ihn zu einem Vollprofi im Vierzigtonner. Jahrzehntelang fuhr er kreuz und quer durch Europa. Am Tag des Mauerbaus war er mit seinem Lastwagen in Berlin. Im Heißen Herbst 1977 bin ich mit ihm unterwegs. Wir fahren an Bonn vorbei, damals Regierungssitz und abgeriegelt wie man es sich in Fort Knox gemeinhin vorstellt. Keinen Hotspot hat er ausgelassen. Er hatte wahrlich eine akademisches Auffassungsgabe, was das Straßennetz im Allgemeinen und die Zusammenhänge im Straßenverkehr im Besonderen betrifft. Im Grunde war er die analoge fleischgewordene Version heutiger Navigationsgeräte. Seinem ersten Navi, gekauft beim Discounter seines Vertrauens, erklärte er regelmäßig, dass der gezeigte Weg länger oder schlechter ist, als der den er kennt, oder einfach so nicht richtig. Steindumme Allerwelts-Routen nervten ihn. Ich erinnere mich an eine Situation, das muss Ende der Neunzehnhundertsiebziger Jahre gewesen sein.
Damals gab es Landkarten. In der Regel brauchte er die nicht. Wir hatten irgendwo in der fränkischen Provinz eine Ausladestelle, die er tatsächlich noch nicht kannte. Das Abladen war unproblematisch, und los ging es Richtung der nächsten Autobahn. Wir fuhren auf einen Zubringer. Ich genoss den Moment, der Diesel röhrte gleichmäßig durchs Fahrerhaus. Irgendwann fährt er unvermittelt auf einen Parkplatz. Das etwas nicht stimmte, konnte ich daran erkennen, wie er mit dem meterlangen Schalthebel die niedrigen Gänge einwarf. Es zischte, Handbremse rein, Motor aus, er schaut mich an. „Ich glaube wir sind falsch, gib mir mal die Karte“. Ich war überrascht, ich konnte mich nicht daran erinnern, dass er jemals vorher eine Landkarte gebraucht hätte. Er faltete die im Patentverfahren zusammen gelegte Landkarte auf, verfolgte den Weg, schaut nochmal kurz nach dem Sonnenstand. Dann die für ihn dramatische Diagnose. „Ich bin in die falsche Richtung gefahren“. Ich konnte spüren, wie vernichtend diese Feststellung für ihn gewesen sein muss.
Vom heiligem Zorn angetrieben, startete er den Diesel, Gang rein, gewendet und zurück. Kein Wort mehr. Trotz der dreihundertzwanzig Pferdestärken, die kräftig arbeiteten, war es still. Für mich damals kaum auszuhalten. Irgendwann bemerkte ich: „Es waren doch nur zehn Kilometer“. Wieder Stille. Seine Bewertung war eisenhalt zu sich selbst. „Das war ungenügend, so etwas darf einem Profi nicht passieren“. Wieder Stille, irgendwann kam mir ein Gedanke, der dazu taugen könnte, dem Moment die Schwere zu nehmen. „Weißt du was der Unterschied zwischen einem Amateur und einem Profi ist? Der Amateur wäre weitergefahren, der Profi merkt den Fehler“. Stille. Ich habe es vielleicht gehofft, aber nicht erwartet. Die Wirkmächtigkeit dieser Feststellung lies den Uhrzeiger auf der Zwölf anhalten. Ich sah ein Lächeln auf seinem Gesicht. Ich glaube ich habe ihn in diesem Moment unermesslich glücklich gemacht.
Lieber Gott lass mich lang genug leben
