Die Tage des Gärtners - Jakob Augstein - E-Book

Die Tage des Gärtners E-Book

Jakob Augstein

3,8
8,99 €

Beschreibung

Wo finde ich die schönsten Tulpen? Darf ich in meinen Garten eine Statue stellen? Und neigen Gärtner zu Gewaltverbrechen? Jakob Augstein hat ein ungewöhnliches, sehr subjektives Buch über die Gartenarbeit verfasst. Man findet darin nicht nur hilfreiche Informationen zum Büschepflanzen, Zwiebelnsetzen und Blumengießen, sondern auch sehr amüsante Abschweifungen zu allerlei Fragen, die einem beim Unkrautjäten durch den Kopf gehen. Nils Hoff hat die Texte mit liebevollen Illustrationen versehen. Dieses Buch ist ein großes Vergnügen und ein Geschenk für alle, die einen Garten haben oder von ihm träumen.

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Hanser eBook

Jakob Augstein

Die Tage des Gärtners

Vom Glück, im Freien zu sein

Illustriert von Nils Hoff

Carl Hanser Verlag

ISBN 978-3-446-23938-8

Alle Rechte vorbehalten

© Carl Hanser Verlag München 2012

2. eBook-Version Juli/2015

Satz und Gestaltung: Manja Hellpap, Berlin

Datenkonvertierung eBook:

Kreutzfeldt digital, Hamburg

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und viele andere Informationen finden Sie unter:

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Inhalt

Einleitung

Herbst

Pläne, Erde

Arbeit, Zwiebeln

Abschied

Winter

Teich, Natur,

Immergrün, Ordnung

Warten

Frühling

Gärtner, Wasser

Frösche, Vögel

Nutzen

Sommer

Unkraut, Rosen

Geranium, Hortensien

Funkien

Epilog oder der Tod im Garten

Apparat: Register, Gartenbücher, Textnachweis

Einleitung

Doch nichts mehr von Natur.

Ein hold ergötzend Mährchen ist’s der Kindheit,

Der Menschheit von den Dichtern, ihrer Amme,

Erzählt. Kleist, FAMILIE SCHROFFENSTEIN

Dieses Buch handelt von meinem Garten und allem, was darin ist. Nicht mehr und nicht weniger. Mein Garten liegt hinter dem Haus, nach Südwesten hin. Er ist nicht sehr groß. Als der Hund unser Kaninchen gejagt hat, waren es nur ein paar Sprünge bis zum Gestrüpp am Maschendrahtzaun. Dahinter liegen andere Gärten. Das Kaninchen ist nie zurückgekommen und wir haben auch nie mehr irgendwelche Spuren von ihm gefunden, oder Überreste. Ich habe viele Wochen, eigentlich bis zum Einbruch des nächsten Winters, damit gerechnet, zwischen den Brettern und Steinen und Werkzeugen, die dort hinten am Zaun liegen und zwischen denen sich das Laub sammelt, irgendwann auf das Fell des erlegten Tieres zu stoßen. Oder auf seine Knochen. Wir haben unserem Sohn gesagt, das Tier sei ausgewandert, um an einem anderen Ort glücklich zu werden, mit vielen kleinen Kaninchen. Und dann haben wir ein neues gekauft und ihm denselben Namen gegeben. Aber das erste Kaninchen haben wir nie vergessen, sondern wir reden immer noch von ihm, und eigentlich gehört es weiterhin zu diesem Garten. Das gilt auch für den Pflaumenbaum, den ich gefällt habe. Oder für die Eibe, die dem Teich gewichen ist. Oder für den schmalen Weg aus Schieferplatten und alten Ziegeln, den ich vor Jahren hinten rechts angelegt habe und den die Gärtner abgeräumt haben, als sie das Hochbeet bauten, auf dem nun die Ligusterhecke wächst. Alles, was hier mal war, ist hier immer noch.

Im Ernst. Das ist eine interessante Beobachtung. Alles hat seinen Platz, auch wenn es ihn gegenwärtig nicht einnimmt.

Es gibt so etwas wie eine Gartenzeit, in der die Unterschiede zwischen Gegenwart und Vergangenheit nicht so wichtig sind. Die Bilder überlagern sich und die Zustände, die Jahreszeiten, die Lebenszeiten, die Bewegungen und die Stillstände. Das hängt mit dem Raum zusammen, dem Gartenraum, der voller Erinnerungen ist, der begrenzt ist, und darum erfahrbar. Der Garten ist ein Ort der Langsamkeit. Die Überschaubarkeit im Raum bringt mit sich eine Überschaubarkeit in der Zeit. »Nach 2000 Jahren Pflege wird mein Rasen recht annehmbar sein, denke ich«, sagt der Brite, der bei ASTERIX UND OBELIX mit einer finger-großen Sichel den letzten Halm Unkraut aus seiner makellosen Grünfläche entfernt. Im Garten sind tausend Jahre wie ein Tag, wenigstens im übertragenen Sinne. Es fallen Vergangenheit und Zukunft in einer andauernden Gegenwart zusammen. Das erlebt man nicht oft.

Draußen befördert Beschleunigung das Vergessen und drinnen die Langsamkeit die Erinnerung. Man arbeitet im Garten auch für die Erinnerung.

Es dauert 19 Sekunden, diesen Garten in der Länge und 12 Sekunden ihn in der Breite abzuschreiten. Das ist, wie gesagt, nicht sehr groß. Aber was heißt schon groß und klein? Nehmen wir die Erde. Die Erde misst ungefähr 510 Millionen Quadratkilometer. Der Garten dagegen nicht mehr als 1400 Quadratmeter. Das bedeutet, der Garten ist 364.285.714.285.714.29-mal kleiner als die Erde. Aber er hat, im Gegensatz zur Erde, den großen Vorteil der Überschaubarkeit.

»Wenn Sie einen Garten, einen Teich lange Zeit und gewissenhaft beobachten, werden Sie mehr leisten, als wenn Sie im Fluge die ganze Welt durchziehen«

hat Professor Alwin Voigt gesagt, ein Mann der auch heute noch einen gewissen Ruf hat, wenigstens in ornithologisch bewanderten Kreisen. Voigt hat seinerzeit, also zu Beginn des zwanzigsten Jahrhunderts, Bahnbrechendes auf einem Gebiet geleistet, auf dem nicht gerade wissenschaftliches Gedrängel herrscht. Es handelt sich um jenen schmalen Zweig der Forschung, der zwischen Musikwissenschaft und Vogelkunde austreibt. Voigt hat sich mit der Zuordnung und Notierung von Vogelstimmen befasst. Voigt konnte sich ganz gut vorstellen, was passiert, wenn man über die Dinge so im Fluge hinwegweht, und dass das zwar für Vögel eine angemessene Art der Welterfahrung sein mochte, aber nicht für Menschen. Die Dinge verschwimmen dann nämlich, man sieht nur aus großer Entfernung noch klar und der Blick für das Einzelne geht verloren. Das sind die Kennzeichen einer eiligen Epoche, für die Goethe, sehr früh, das hübsche Wort »veloziferisch« geprägt hat.

Das ist eine Weile her. Im Vergleich zu heute herrschte damals Stillstand. Aber die Beschleunigung hört ja nicht auf. »Sogar die Elementarbegriffe von Zeit und Raum sind schwankend geworden«, hat Heine geschrieben, als das Zeitalter der Eisenbahn anbrach. Aber ihre echte Auflösung haben Raum und Zeit bekanntlich erst im Digitalen gefunden. Um so schöner, dass Raum und Zeit im Garten noch völlig in Ordnung sind. Man könnte sogar sagen: Die ganze Welt ist im Garten noch in Ordnung. Das ist natürlich Unsinn. Aber ein willkommener.

Das war jetzt eben ein wichtiges Wort: Ordnung. Es geht im Garten um Ordnung. Wenn das nicht so wäre, könnte der Gärtner einpacken. Er stemmt sich mit seiner Arbeit gegen die Unordnung, gegen die Auflösung, gegen den Zerfall, gegen die gleichmäßige Streuung aller Teile im Raum, im Gartenraum, also gegen die Entropie.

Entropie ist das Maß an Unordnung in einem System. Die maximale Entropie bedeutet die gleichmäßige Streuung aller Teile. Das ist der Zustand, den die Dinge einnehmen, wenn man sie sich selbst überlässt. Sie geraten dann erst in Unordnung und finden dann zu ihrer eigenen Ordnung zurück. Das ist philosophisch gesehen ganz hübsch, gärtnerisch ist es eine Katastrophe: Die Lysimachia clethroides überwuchert das neben ihr stehende Sedum, das Sedum, das seinem deutschen Namen Fetthenne im Laufe des Gartensommers immer mehr Ehre macht, zerfällt von der Mitte her nach allen Seiten und drückt das Geranium platt, das Geranium wuchert in die Hortensie hinein, der Farn franst an den Rändern aus, die Beete verlieren ihre Konturen, die Rasenkanten verwaschen und so weiter. Ich will gar nicht erst davon anfangen, was geschieht, wenn Sie dem Giersch nicht regelmäßig Einhalt gebieten. Außerdem liegen Werk- und Spielzeuge überall herum, der Teich versumpft und wenn es im August drei Wochen nicht regnet, ist alles vertrocknet und tot und aus und vorbei. Keine einzige meiner Gartenpflanzen würde in unserem Klima von allein übers Jahr kommen. Keine einzige würde in meinem Garten überhaupt wachsen, wenn ich nicht wäre. Und ohne mich löst sich alles auf und stirbt.

Sie befinden sich also als Gärtner in einem steten Ringen um Ordnung. Vergessen Sie das Gerede von der Natürlichkeit der Gärten. Ein Garten ist kein natürlicher Ort, sondern ein künstlicher. Er ist Produkt menschlicher Arbeit, nicht natürlicher Fügung. Die Natur mag idyllisch sein. Aber nicht auf kleinem Raum.

Eine Idylle auf 200 Quadratmetern ist nur auf Kosten der Natur herstellbar und im Kampf gegen sie. Das ist die Wahrheit.

Andererseits ist der Garten eine Zone des Übergangs. Menschliche und natürliche Ordnung gehen ineinander über. Der ideale Garten, der mir vorschwebt, müsste ein solcher sein: Das Haus als Zentrum menschlicher Ordnung befindet sich in der Mitte, und mit steigender Entfernung vom Haus nimmt der natürliche Charakter der Umgebung zu: Ein geometrischer Kräutergarten grenzt an Terrassen mit Rabatten, die zu sanft geschwungenen Staudenbeeten hinführen, an die sich eine parkähnliche Landschaft anschließt, hinter der die Felder beginnen oder der Wald. Man bräuchte dafür ein Grundstück in einer Größe von ungefähr 20.000 Quadratmetern. Das habe ich nicht. Aber es geht auch kleiner.

Davon handelt dieses Buch. Unter anderem.

Es wird um Igel und Schnecken gehen und um Zwiebeln und Stauden und Statuen und Bäume und Menschen – ja, die gibt es auch, ganz ohne Menschen kommt der Garten nicht aus – und um Rosen und Beile und Harken und Fische und Wasser und Erde und Staub und natürlich um Laufenten, die Laufenten vor allem sind für den Garten, um den es hier geht, von großer Bedeutung.

Es gibt ja Leute, die meinen, ein Gespräch über Laufenten sei gleichsam ein Verbrechen, weil es ein Schweigen über so viele Untaten einschließe. Das ist für ein Gartenbuch natürlich ein schwerwiegender Vorwurf. Da muss es gleich in die Knie gehen und sich geschlagen geben: Ja, es ist wahr, ich handele nicht von der Erlösung der Menschheit. Sondern nur von einem kleinen Garten, einem unbedeutenden Stück Land. Aber, liebe Leser, so schnell geben wir die Schaufel nicht ab. O nein, manchmal ist der Mensch eben nur Gärtner. Und der Gärtner trägt bei zur Ordnung im höheren Sinne. Es manifestiert sich in seinem stillen Wirken die Würde der Arbeit. Der Mensch bedenkt seinen Platz in der Welt auch nicht viel anders als ich meinen Platz in meinem Garten. In kleinerem Maßstab, unter zugegeben suburbanen Umständen. Gleichwohl. Auch im Vorort gilt es, in den Tiefenschichten der gärtnerischen Existenz die ständig fließende Grenze zwischen Natur und Kultur auszuloten. Außerdem kommen einem beim Graben manchmal die besten Ideen. Mit denen lässt sich dann auch etwas anfangen, draußen, in der Welt, vor dem Gartenzaun.

Herbst

»Frederick, warum arbeitest Du nicht?«, fragten sie.

»Ich arbeite doch«, sagte Frederick, »ich sammle Sonnenstrahlen für die kalten, dunklen Wintertage.«

Leo Lionni, FREDERICK

Pläne

Östlich von Berlin, im Buckower Land, das von den zurückweichenden Gletschern jener Phase des Pleistozän geprägt wurde, die wir hier Weichsel-Kaltzeit nennen, liegt der Schermützelsee. Von Bäumen umstanden, in einer Landschaft aus Schmelzwasserrinnen, Mooren und Söllen. Wir wollen das mit der Erdgeschichte nicht übertreiben: Aber was hätte aus Norddeutschland ohne die landschaffenden Kräfte des Pleistozän werden können, das bekanntlich erst vor 9660 Jahren endete und hinter dem das uns umgebende Land im Wesentlichen flach zurückblieb? Ein paar Seen hier und da, Urstromtäler, Geestrücken. Es ist ein stilles Land, nicht ohne Reiz, aber doch kein Vergleich mit den sanften Hügeln und trägen Tälern der langgestreckten Mittelgebirge und erst recht nicht mit den überraschenden Hängen und schattigen Senken der südlichen Vorgebirge. Die norddeutsche Tiefebene findet ihre eigentliche Erfüllung darin, Platz für die ungeheuer weiten Himmel darüber zu machen. Es gibt hier nicht viel zu sehen. Allerdings wenn im Herbst die Abendsonne noch einmal unter den dunklen Wolken hervorkommt und wenn die Wälder dann mit ihrem lila Leuchten anfangen und die Felder in ein sonderbares Strahlen geraten, dann sollte man mal vorbeikommen, wenn man in der Gegend ist. Oder wenn am frühen Wintermorgen im grünen Licht der Kälte nebelige Milchstreifen ungefähr fünf Meter über dem Boden hängen und darunter der Frost in den schrägen Strahlen der aufgehenden Sonne glitzert. Das ist auch nicht so schlecht. Es gibt Gegenden, die kommen ganz gut ohne Himmel aus. Und dann gibt es Norddeutschland, das offenbar vor allem den Zweck erfüllt, dem Himmel und seinem Licht jede denkbare Möglichkeit zur Selbstdarstellung zu geben.

Da liegt also dieser Schermützelsee. An seinem Ufer steht ein Haus und in dem Haus wurde ein Gedicht geschrieben, das geht so:

Am See, tief zwischen Tann und Silberpappel

Beschirmt von Mauer und Gesträuch ein Garten

So weise angelegt mit monatlichen Blumen

Daß er vom März bis zum Oktober blüht.

Hier, in der Früh, nicht allzu häufig, sitz ich

Und wünsche mir, auch ich mög allezeit

In den verschiedenen Wettern, guten, schlechten

Dies oder jenes Angenehme zeigen.

Glücklicherweise ist der Gärtner kein Germanist und muss nicht entscheiden, ob diese Buckower Bukolik nun Alterslyrik ist oder politische Lyrik oder was Brecht sich sonst dabei gedacht hat in den Wochen nach dem 17. Juni 1953, der keiner geringen Zahl von Ostdeutschen den Tod oder das Gefängnis einbrachte und den Westdeutschen einen Feiertag, dieses und andere Gedichte zu schreiben, in seinem Sommerhaus, unweit Berlins, den Schermützelsee vor Augen. Aber wir haben gesagt, dass der Mensch eben manchmal nur Gärtner ist. Und um wie vieles mehr gilt das für den Dichter, der eben auch nicht immer Revolutionär sein mag. Glücklicherweise, möchte man hinzufügen. Denn es geht einem die Didaktik von Brechts epischem Theater doch ziemlich auf die Nerven, während beispielsweise die Poesie der Hauspostille uns ganz erfasst, vor allem die Gedichte der dritten Lektion, »zu durchblättern«, wie Brecht in der Anleitung schreibt, »in den Zeiten der rohen Naturgewalten (Regengüsse, Schneefälle, Bankerotte usw.)«.

Man braucht also, um einen Garten so anzulegen, »daß er vom März bis zum Oktober blüht«, einen Plan. »Weise angelegt« ist der Garten dann, sagt Brecht. Da hat dann einer nachgedacht und das sieht man, das zeigt sich. Wenn die Blütezeiten der Blumen aufeinanderfolgen, wenn die Formen und Farben der Grünpflanzen zueinanderpassen, wenn die Stauden sich in Größe und Wuchs nicht in den Weg kommen, wenn der Raum in seiner Tiefe und in seiner Höhe, wenn das Licht und der Boden und die Feuchtigkeit und der Wind, wenn also alle Faktoren und Einflüsse und Bedingungen, die für Gestalt und Gesundheit und Charakter des Gartens eine Rolle spielen, wohlüberlegt und gestaltet und gegeneinander abgewogen sind, dann ist das ein »weise« angelegter Garten. Viel Spaß dabei. Sie haben es da mit einer Gleichung mit einer großen Zahl von Variablen zu tun. Und alle haben Einfluss aufeinander.

Das ist ein kompliziertes Gewebe aus Ursachen und Wirkungen. Wenn der Gärtner ganz am Anfang ist, hoffnungsvoll zwar, aber unerfahren, dann kann ihn das echt fertigmachen. Und da reden wir noch gar nicht vom unendlichen Spaß der Taxonomie, also der Ordnungs- und Klassifikationslehre der Pflanzen und ihrer Namen, die jede Menge Überraschungen bereithält, wie etwa die Unterscheidung zwischen der Hosta sieboldiana und der Hosta sieboldii, die Blaublattfunkie die eine, die über blaugrüne Blätter verfügt, die Weißrandfunkie die andere, deren Blätter eine weiße Randzeichnung aufweisen. Wobei die Blaublattfunkie aber auch in der Sorte ‘Semperaurea’ vorkommt, deren Blätter eigentlich gar nicht blaugrün sind, sondern gelbgrün, und die Weißrandfunkie auch als H. sieboldii var. sieboldii, deren Blätter keinen weißen Rand haben, dafür aber eine blaugrüne Farbe aufweisen. Es ist mit dem Garten wie mit vielen anderen Dingen im Leben: Wenn man keine Ahnung hat, denkt man, es ist leicht. Wenn man ein bisschen Ahnung hat, fürchtet man, es ist nicht zu bewältigen. Und wenn man ein bisschen mehr Ahnung hat, sieht man: Es geht schon.

Was die Planung angeht, lässt sich also sagen: Sie ist sehr wichtig. Aber es geht auch ohne. Allerdings werden Sie das bereuen. Ob die Furcht vor dieser Reue Sie dazu treibt, doch auf die Planung zu setzen, ist im Wesentlichen eine Charakterfrage und fällt damit aus dem Zuständigkeitsbereich dieser Betrachtung heraus.

Ja, mach nur einen Plan

Sei nur ein großes Licht

Und mach dann noch ’nen zweiten Plan

Gehn tun sie beide nicht.

Denn für dieses Leben

Ist der Mensch nicht schlau genug

Das hat auch Brecht geschrieben.

Die Frage ist, in welcher Verfassung treffen Sie und Ihr Garten aufeinander. In welchem Stand des Wissens befinden Sie sich. Und in welchem Zustand von Pflege oder Verwahrlosung befindet sich Ihr Garten.

Der Gärtner sympathisiert mit der Annahme, dass langsames, schrittweises, sozusagen organisches Wachstum weit ausholenden Großmaßnahmen grundsätzlich vorzuziehen ist. Das gilt für Sie und für Ihren Garten. Die Natur macht keine Sprünge und der Gärtner sollte das auch nicht tun. Das bedeutet, es ist nur scheinbar von Vorteil, wenn Ihr Garten einem jungfräulich erdigen Acker gleicht, bar jeder Pflanze, der darauf wartet, von Ihnen bestellt zu werden. Sie müssen sehr abenteuerlustig sein oder sehr kundig oder sehr viel Zeit haben, wenn Sie sich dem stellen. Und dennoch wird dann sehr viel schiefgehen. Besser ist es, Sie übernehmen einen bereits angelegten Garten, ganz gleich wie weise oder unweise angelegt. Sie können anknüpfen, aufbauen, weitergehen und vor allem lernen. Selbst in der umfassenden Verwilderung können Sie ja noch Spuren vergangener Pläne erkennen: ein Blumenbeet, weil die Sonne hier günstig ist, eine Hecke, weil Windschutz hier nottut, eine Rhododendron-Bepflanzung, weil der Boden das hier erlaubt. Was hatte der Vorgänger im Sinn? Wo ist es ihm gelungen und wo ist er gescheitert? Wenn Sie genau hinsehen, werden Sie diese Fährten in die Vergangenheit an vielen Orten erkennen. Es ist also, bevor sich einer mit der Zukunft befasst, hilfreich, sich mit der Vergangenheit zu beschäftigen: Zäune, Steine, Wegplatten, Terrassen oder ihre Überreste und Bruchstücke deuten darauf hin, welche räumliche Struktur ein Garten einmal hatte. Spaliere, Stangen und Gerüste zeigen, welche Pflanzen dort einmal wuchsen, und wenn Sie den Spaten in den Boden stecken, wissen Sie nie, worauf Sie stoßen.

Ein Mensch ist zu beneiden um den ersten Moment in seinem neuen Garten. Wenn alles noch vor ihm liegt. Wenn die Zukunft weit ist wie ein Feld und der Baum der Möglichkeiten sich in den Himmel verzweigt. Übrigens muss man dafür nicht umziehen und auch nicht das Haus des Nachbarn einreißen und sein Grundstück dem eigenen hinzufügen. Es lässt sich ja auch denken, dass Sie schon seit langer Zeit an einem Ort wohnhaft sind und eines Tages beschließen, sich Ihrem Garten zuzuwenden. Vielleicht wurde er bis dahin von Ihrer Schwiegermutter versorgt, welche nun bedauerlicherweise ins Altenheim verlegt werden musste. Oder Sie hatten das Grundstück an den benachbarten Kindergarten verpachtet, damit die Kleinen mehr Platz zum Spielen haben – eine Entscheidung, die Sie bald bereuten und nun zum erstmöglichen Zeitpunkt revidieren. Oder die vermooste Brache hinter dem Haus war bisher einfach Ihrer Aufmerksamkeit entgangen. Jedenfalls ist es nie zu spät, sich seinem Garten zuzuwenden, und es kann jeder Tag wie der erste sein.

Bitte, werden wir nicht zu gefühlig: Aber Sie müssen erst einmal lernen, Ihren Garten zu lesen, zu erfahren, zu fühlen.

Es lässt sich nicht anders sagen: Der größte Teil der Gartenarbeit findet in Ihrem Inneren statt. Das ist schon so. Also setzen Sie sich gefälligst irgendwo hin, in Ihren Garten, in die Mitte am besten, an einen Punkt, von dem aus Sie Überblick haben, alles erfassen können, der ganze Umkreis, dem künftig Ihr gärtnerisches Wirken gilt. Und machen Sie sich klar: Das ist jetzt Ihres. Sie sind zuständig. Ihre Verantwortung. Keine Ausreden.

Aber eben auch die ganze Macht der Gestaltung. Der ganze Raum der Möglichkeiten. Was werden Sie tun? Was wollen Sie? Großartige Fragen! Gewiss, man kann das auch einfacher formulieren: Welche Art von Garten streben Sie an? Für die Kinder zum Fußballspielen? Zum Spazierengehen über gewundene Wege an Rosenstöcken vorbei durch verwunschene Pergolen? Möglichst geringer Pflegeaufwand? Oder ein großer Anteil nutzbarer Pflanzen, seien es Obstgehölze oder Kräuter? Das sind die praktischen Ausprägungen der tiefer liegenden Frage: Warum tun Sie das eigentlich? Warum werden Sie Gärtner? Jeder soll darüber selber nachdenken.

Es gibt ja so eine Art Renaissance des Gartens. Vielleicht gar eine der Natur. Zeitschriften gehen weg wie geschnitten Brot. Bücher kommen auf den Markt. Ein Generationswechsel finde statt, heißt es. Eine neue Generation strebe in die Gärten, heißt es. Ja, das wird schon so sein. Es strebt immer eine neue Generation empor und Zeitschriften und Bücher müssen auch neue gemacht werden. Das hat schon alles seine Ordnung so, dass jede Generation denkt, sie erfinde alles neu oder alles erst einmal wieder, was versunken war. Aber die Gärten sind ja da und wollen bestellt werden. Und dann kommen die Erben oder die Leute mit kleinen Kindern, die es aus den Städten heraus an den Rand drängt, und schauen aus dem Fenster und sagen sich: So kann das aber nicht bleiben. Es ist zu vermuten, dass das früher nicht anders war. Es sind ja nicht alle Gärten von alten Frauen versorgt worden, die immer schon alt waren und allein im Haus gelebt haben, und plötzlich sterben die alle und es kommt eine große Zahl an Gärten gleichzeitig gewissermaßen auf den Markt und eine ganz neue Generation von Gärtnern findet sich in unerwarteter Rolle wieder. Ganz so ist es ja nicht. Obwohl ich solche alten Frauen kenne. Meine Nachbarin war eine. Und seit sie weg ist, also tot, ist der Garten verkommen. Das muss man sagen. Und auf der anderen Seite, ein paar Häuser die Straße runter, ist die Frau jetzt auch weg, also tot. Ich habe gesehen, wie der Krankenwagen sie abgeholt hat neulich, da lebte sie noch, sonst kommt der Krankenwagen nicht. Und dann blieb das Haus über den Winter geschlossen, und nach ein paar Wochen, von einem Tag auf den anderen, war es ein totes Haus und man sah ihm an, dass die Frau, die hier gelebt hatte, nicht mehr zurückkommen würde. Wir sind an dem Haus vorbeigefahren, jeden Tag, den ganzen Winter hindurch, und haben gesagt: Da, das Totenhaus. Jetzt habe ich gesehen, wie es ausgeräumt wurde. Schlaksige junge Männer standen davor und haben geraucht und sich gelangweilt, während sie auf den Lieferwagen warteten, der Kisten und Möbel und Lampen und Hausrat abholen sollte, die auf der Treppe und dem Bürgersteig gestapelt waren. Also, das gehört nicht hierher. Wer weiß, ich denke gerade, vielleicht sind doch diese Frauen, die sich um die Häuser gekümmert haben, alle gleichzeitig gestorben und haben ihre Häuser und Gärten freigemacht für neue Menschen, Väter und Mütter und Kinder und Hunde und Kaninchen. Und die Kinder laufen voraus und dringen auf das neue Grundstück vor, während die Eltern Hand in Hand hinterherkommen, langsamer als sonst, und sich umblicken. Vielleicht.

Der Garten erscheint dem Gärtner in seiner Gesamtheit ja als Bild. In seinem Kopf in den langen Stunden des Nachdenkens. Und vor seinen Augen, wenn er in den ungewohnten warmen Strahlen der Frühlingssonne auf der Bank sitzt.

Welches Bild wollen Sie sehen? Das ist keine ganz leicht zu beantwortende Frage, wenn Sie in Ihrem Garten keine Strukturen haben, von denen Sie ausgehen können.

Also schaffen Sie sich Strukturen! Gärten sind im Ganzen eine suburbane Angelegenheit, machen wir uns nichts vor. Sie werden es selten mit parkähnlichen Grundstücken zu tun bekommen. Dennoch ist es auch im Garten hilfreich, sich am Prinzip der Sichtachse zu orientieren, das in der Gestaltung großräumiger Landschaften üblich ist. Diese Achse beschreibt die bevorzugte Blicklinie, die, was auch immer dem planenden Kopf das Wesentliche war, besonders zur Geltung kommen lässt. Das Wesentliche ist im Wörlitzer Landschaftsgarten des Fürsten von Anhalt-Dessau etwas anderes als im barocken Schlosspark Nymphenburg des Franzosen Dominique Girard und in Ihrem Garten wird es auch etwas anderes sein. Aber es empfiehlt sich, im Garten so ein Wesentliches zu haben. Wenigstens eins. Im Laufe der Zeit können Sie noch weiteres hinzufügen. Aber am Anfang genügt es, sich auf einen Aspekt zu konzentrieren. Die Wand eines am Rande liegenden Schuppens? Ein großer Stein am Kopfende des Teichs? Die zufällig entstehende Flucht der Stämme einiger Waldkiefern, die über die Nachbargrundstücke und die Straße hinausläuft? Es wird irgendeinen Punkt geben, den der Gärtner besonders schätzt, einen Blickwinkel, der ihm besonders lieb ist. Und es wird einen besonderen Ort geben, von dem aus der Garten erfahren wird: Das Arbeitszimmer im ersten Stock. Das große Wohnzimmerfenster. Die Bank hinter dem Haus. Die hölzerne Laube am Rand. Die Stühle um den Tisch auf der Terrasse. Ziehen Sie zwischen diesen Punkten eine Linie, vom Sofa zu dem Delta, das sich hinten links zwischen den Wipfeln der Eiche und der Rotbuche ergibt, oder vom Schreibtisch zum rotlackierten Pfosten der Pergola des Geräteschuppens. Fangen Sie Ihre Planung entlang dieser Linie an. Das hilft ungemein.

Darf ich Sie daran erinnern, dass Sie es im Garten unter anderem mit den zwei Aspekten unserer Wirklichkeit zu tun haben, Raum und Zeit, die sich in vier Dimensionen erschließen. Die Sichtachsen geben dem Raum eine Struktur in der Tiefe. Höhe und Ausdehnung wird von den Pflanzen bestimmt, für die sich der Gärtner entscheidet. Und die Pflanzenfolge über das Gartenjahr hin gibt der Zeit eine Struktur. »Von März bis Oktober«, wie Brecht schreibt, ist dabei noch gar nicht mal so anspruchsvoll. Bis November, Dezember mag es schon Blüten geben in unseren Gärten und in Wahrheit kann der Gärtner es so lange blühen lassen, bis der Frost dazwischenkommt. Der berühmte Potsdamer Staudengärtner und Gartenphilosoph Karl Förster hat seinem Naturbetrachtungsbuch sogar den Titel es wird durchgeblüht gegeben – eine preußische Aufforderung an die versammelten Bataillone der Blumen und Sträucher, der aber strenggenommen in unseren Breiten keine Pflanze nachkommen kann. Und die von Förster geliebten Rittersporne schon gar nicht, deren Charakter in ganzem Gegensatz zu ihrem markigen Namen steht, da sie zum Umkippen neigen. Vollkommen überschätzte Pflanzen sind das. Und ein Festessen für Schnecken. Ein Rat am Rande: Lassen Sie bloß die Finger vom Rittersporn!

Aber Vorsicht: Man kann sich verlieren in diesen Planungen. Der Garten kann zur Obsession werden.

Seine derzeitige und künftige Gestalt, seine Ausdehnung und Beschaffenheit, sein Licht, sein Geruch, der ganze Reichtum seiner Eindrücke, all das kann sich zu einem alles andere verdrängenden, unerwartet dominant werdenden Oberton verdichten. Ihre Ansprüche und Fragen, Ihr Wollen und Rätseln. Die Farben und Größen und Zeiten und Materialien und die Namen. Vor allem die Namen. Es kann sein, dass Sie nachts aufwachen und bibbernd feststellen, dass Sie schon wieder vergessen haben, ob beim Geranium die Art mit den leuchtend blauen Blüten nun himalayense heißt oder dalmaticum. Oder dass Sie sich schlaflos wälzen, weil sie plötzlich fürchten, dass Sie es beim Mulchen übertrieben haben könnten und der Weg Ihrer Päonien ans Licht im kommenden Jahr so weit sein könnte, dass leider die Blüte ausfällt, so sind sie nämlich, die Päonien.

Mit einem Wort: Der Garten kann einen wahnsinnig machen. Sind Sie dem gewachsen? Und dabei ist hier noch nicht die Rede von der dauernden, nie nachlassenden Verpflichtung. Denn wenn die Phase der Planung und des Aufbaus hinter Ihnen liegt, sind Sie ja nicht durch mit der Sache. Von wegen. Dann beginnt der lange mühsame Weg der Ebene. Niemals nachlassen. Immer gießen und mähen und harken und belüften und zupfen und schneiden.

Ein Garten ist ja nicht so wie ein Kind. Das wächst und geht irgendwann aus dem Haus. Der Garten bleibt immer da. Will immer bekümmert werden. Und wenn Sie nachlassen, straft er sie unmittelbar mit Verwilderung. Wollen Sie das wirklich? Man kann auch ohne Garten sehr glücklich werden. Ziehen Sie in eine Etagenwohnung, meinetwegen mit Balkon – und dann bepflanzen Sie den Balkon nicht. Das geht ohnehin schief. Balkonpflanzen vertrocknen spätestens in den Sommerferien immer, weil die Hausmeisterin nicht wusste, dass Ihr Wunsch, sie möge täglich gießen, ernst gemeint war. Und sollten die Pflanzen wider Erwarten den ersten Sommer überleben, macht der Winterfrost sie auf jeden Fall fertig. Denn Sie haben garantiert vergessen, dass man die Töpfe mit Stroh oder Styropor gegen das Durchfrieren sichern muss.

Noch können Sie umkehren.

Erde

Als mein Garten und ich uns fanden, so kann man das wohl nennen, war er in keinem guten Zustand. Es hatten vor uns zwei Musiker mit ihren Familien das Haus bewohnt. Sie waren als Freunde eingezogen und dann zu Feinden geworden. Sie spielten in einem berühmten Orchester, dessen Name hier nichts zur Sache tut. Der eine schlug die Trommel, der andere … ich habe es vergessen. Ich habe die beiden nicht gut kennengelernt, aber sie schienen mir einander ähnlich in ihrer sonderbaren, in sich gekehrten Hemmungslosigkeit. Aber was weiß ich. Ich habe den Garten von ihnen übernommen und den Hinweis, dass irgendwo links der Hund der Familie begraben liegt. Meine Tochter hat da später auch das Meerschweinchen begraben. Wenn es um die Entsorgung von verstorbenen Hausgenossen geht, sind Kinder ja reichlich unsentimental. Sie hat das tote Tier damals einfach gepackt, in einen Karton geworfen und verbuddelt. Ich bin darauf vorbereitet, jederzeit und überall auf Knochen zu stoßen. Es kommt immer nach oben, was man vergräbt.

Am westlichen Rand meines Gartens stieß ich eines Tages auf armdicke Fernmelde-Kabel aus dem Krieg, weil im Dachboden des Nachbarhauses eine Abhörstation der Nazis untergebracht war. Nahe der Terrasse fand ich Reste von Betonfundamenten, denen ich gar nicht weiter nachgehen wollte. Und im Osten habe ich eine schmale Zone, die voller Schlacke ist, schwarz, verschmolzen, bald einen halben Meter tief, Gott weiß, woher die stammt.

Die Musiker. Sie hatten sich zerstritten und hatten nach langen Kämpfen beide das gemeinsame Haus verlassen und führten den Krieg nun von anderen Stützpunkten weiter. Da wir zunächst nur als Mieter in dieses Haus kamen, wurden wir ohne unser Zutun in diesen Streit hineingezogen, dessen Weiterungen hier ohne Bedeutung sind. Es lohnt sich allerdings, ein kurzes Augenmerk auf die Existenzform des Orchestermusikers zu werfen, die fraglos zu den interessantesten und heikelsten gehört, die sich denken lassen. Keine einfachen Menschen, diese Orchestermusiker. Schwierige Charaktere in einem schwierigen Beruf. Seine Arbeit verrichtet der Orchestermusiker ja in einem besonderen Zustand des Ausgeliefertseins. Er ist ganz und gar seinem Musikdirektor untertan. Wenn auch heute nicht mehr ganz so wie zu Beginn des vergangenen Jahrhunderts, als der Orchesterkontrakt für die Dauer seiner Laufzeit unkündbar war – es sei denn, wie ein damals häufig verwendetes Vertragsmuster vorsah, es treten »Krieg, Brand, Landtrauer, ansteckende Krankheiten, politische Umwälzungen, Teilnahmslosigkeit des Publikums oder sonstige Ereignisse ein«. Aber noch hundert Jahre später sagte der Dirigent Nikolaus Harnoncourt: »Der Orchestermusiker ist notwendigerweise durch seinen Beruf ein verzweifelter Mensch.« In einem Praxisleitfaden zum Orchestermanagement heißt es über den Orchestermusiker: »Er kämpft mit Langeweile oder bekommt einen Widerwillen gegenüber dem ewigen Zwang zu Neuinterpretationen seitens der Dirigenten, ist häufig mit seiner Situation unzufrieden und minimalisier zunehmend sein Erleben im Beruf. Auch gibt es ein wirklich gutes, freundschaftliches Klima in Orchestern meistens nicht.« Es ist im Rückblick also kein Wunder, dass mir die Vorbewohner unseres Hauses einen reichlich durchgeknallten Eindruck machten.

Der Vollständigkeit halber sei hier jedoch erwähnt, dass eine unlängst an der Technischen Universität Berlin vorgelegte Dissertation zum Thema »Arbeits- und Berufszufriedenheit im Orchestermusikerberuf« zum unerwarteten Ergebnis kam, dass 77,3 Prozent der Orchestermusiker mit ihrer Arbeit »ziemlich« oder sogar »völlig« zufrieden sind.

Bei rechter Betrachtung scheint es denkbar, dass die Beschäftigung mit dem Orchester ähnlich vielseitig ist wie die mit dem Garten,

und vielleicht haben die Pflege der Musik und die Pflege der Natur mehr miteinander zu tun, als man auf Anhieb annehmen könnte. Vielleicht tut sich hier ein fruchtbarer Seitenzweig der Erkenntnis auf. Vielleicht auch nicht. Wir werden dem nicht weiter nachgehen.

Die Musiker jedenfalls haben sich mit dem Garten gar nicht befasst. Er war, das lässt sich nicht anders sagen, weitgehend verwildert. An den Rändern standen alte Eiben, einige von beachtlicher Höhe. Es fällt mir schwer, ein gutes Wort für diese Pflanze zu finden. Sie gehört mit ihrem undurchdringlich traurigen Grün und ihrem widerspenstigen Wuchs sicher zu den düstersten und trübsinnigsten Gewächsen, die sich im Garten denken lassen. Ihr Vorteil, wenn man das so nennen will – ich würde eher sagen: ihre Charakterlosigkeit liegt im völligen Fehlen jeder Bedürfnisse. Man kann sie in irgendeiner schattigen Ecke in den Sand pflanzen und weder gießen noch düngen, und sie wird einem das in ihrer ganzen unsympathischen Anhänglichkeit mit stetem Wachstum und überlangem Leben danken. Für die Randbepflanzung eines stillgelegten Friedhofs mag das noch hingehen – irgendjemand jedoch war auf die Idee gekommen, eine solche Eibe in das Zentrum dieses Gartens zu setzen. Sie muss da schon viele Jahre gestanden haben, vier, fünf Meter Höhe hatte sie am Ende erreicht und eine entsprechende Ausdehnung. Sie stand da, dräuend wie der schwarze Monolith in Kubricks 2001 - ODYSSEE IM WELTRAUM, ein dunkles, mahnendes Zeichen für schlechten Geschmack.

Wobei vielleicht noch zu erwähnen ist, dass die Eibe zu den giftigsten Gartenpflanzen gehört, die einem so einfallen können.

Bei entsprechender Dosierung versterben die meisten Säugetiere, der Mensch eingeschlossen, erstaunlich schnell an Atemlähmung und Herzversagen.

Kaninchen und Meerschweinchen etwa bringen Sie mit rund zwei Gramm Eibennadeln um die Ecke, für Pferde braucht es etwa 100 bis 200 Gramm, ein Mensch findet nach Einnahme eines Suds aus 50 bis 100 Gramm Eibennadeln den sicheren Tod. Im Internet findet sich der Hinweis, dass auch das Einatmen des Blütenstaubes gefährlich sein soll: in England sollen dadurch fünf Rentner gestorben sein. Aber es steht ja auch viel Unsinn im Netz. Aus den Früchten lässt sich allerdings Marmelade kochen, die sehr schmackhaft sein soll und vollkommen ungefährlich, wenn es Ihnen gelingt, vorher die Samenkörner vollständig zu entfernen, die wiederum hochgiftig sind. Vielleicht eher als Geschenk denn zum Selbstverzehr geeignet.

Es kann ein Zufall sein, vielleicht aber auch ein Hinweis auf unvollendete Pläne einer der beiden miteinander verfeindeten Eigentümerparteien, jedenfalls war die Eibe nicht die einzige Giftpflanze im Garten: es fanden sich daneben noch Goldregen und Fingerhut. Vermutlich war es gut, dass die Eigentümer ihr Miteinander am Ende durch eine Zwangsversteigerung beschließen wollten und nicht zu anderen Mitteln gegriffen haben. Tegel ist kein schöner Ort, nicht mal für einen Orchestermusiker.

Es gab aber auch essbare Pflanzen im Garten: drei alte Apfelbäume, ein Kirschbaum, ein Pflaumenbaum, ein Mirabellenbaum und außerdem eine beeindruckende Forsythie und jede Menge Jasmin und Flieder. Das war nicht so schlecht. Aber die Bäume waren lange nicht mehr geschnitten worden, die Kirsche war nach oben hin ausgewachsen, zwei der Äpfel und die Pflaume waren krank, ich musste sie fällen.

Die beiden Männer hatten das Grundstück geteilt, die unten wohnende Partei erhielt den hinteren Teil des Gartens, die oben wohnende den neben dem Haus liegenden. Wenn nun die oben wohnende Partei sich in ihrem Teil des Gartens hätte aufhalten wollen, vielleicht um dort Freunde zu bewirten, mit den Kindern in der Sonne zu spielen oder um sich der Gartenarbeit zu widmen, dann hätte sie das gemeinsame Treppenhaus mit den zu Feinden gewordenen früheren Freunden noch häufiger nutzen müssen, als ohnehin nicht zu vermeiden war: noch mal rauf, nach dem Teewasser sehen, mehr Kuchen holen, eine Decke, den Ball, das Telefon, die dreizinkige Harke. Mehr Auf und Ab im Treppenhaus hätte mehr Risiko des Kontaktes bedeutet. Von der plötzlichen Nähe im Garten mal ganz abgesehen.

Es war vielleicht dieser Grund, der den oben wohnenden Musiker und seine Familie davon abgehalten haben, sich um seinen Teil des Gartens zu kümmern. Denn der Zustand dieses Teils war noch erbärmlicher als der des anderen: Hier wuchs nichts mehr. Hier war nur noch Steppe. Abgestorbenes Moos, trockenes Gras. Ein anschauliches Beispiel dafür, was in diesen Breiten mit einer vernachlässigten Fläche geschieht, die man sich selbst überlässt, oder der Natur, wenn man so will: sie stirbt.

Von Natur aus, wie gesagt, wächst im Garten nichts. Nicht einmal Unkraut.

Es sind aber nicht nur die Pflanzen, die unter der Vernachlässigung leiden und vergehen. Es ist auch der Boden selbst, der darbt.

Ich habe im Lauf der Zeit gelernt, dass der Boden in meinem Garten nicht von gleichmäßiger Qualität ist. Bindige und nichtbindige Abschnitte wechseln sich ab. Feinschluff mit Grobsand, Mittelschluff mit Feinsand, Grobschluff mit Mittelsand, wie auch immer, es ist von außen nicht immer gut zu erkennen, aber in der Zeit des zurückweichenden Eises sieht man zum Beispiel, wo das Wasser steht, wo der Boden träger taut und wo die Zwiebeln schon durchs lockere Erdreich stoßen. Bodenkunde, Sie sehen das schon, ist ein Fach für sich. Greifen wir auf DIETRICHS ENZYKLOPÄDIE DER GARTENKUNST von 1860 zurück. (Der vollständige Titel lautet übrigens: »ENZYKLOPÄDIE DER GESAMMTEN NIEDEREN UND HÖHEREN GARTENKUNST.