Die Tänzerin Barberina: Roman aus der Zeit Friedrich des Grossen - Adolf Paul - E-Book
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Adolf Paul

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Beschreibung

In "Die Tänzerin Barberina" entfaltet Adolf Paul ein lebendiges Porträt des 18. Jahrhunderts, das von der Aufklärung und dem Stil Friedrichs des Großen geprägt ist. Der Roman erzählt die fesselnde Geschichte der Tänzerin Barberina, deren künstlerisches Streben und persönliche Ambitionen sich vor dem kulturellen Hintergrund eines sich wandelnden Europas entfalten. Pauls präziser und zugleich poetischer Sprachstil, angereichert mit historischen Details, vermittelt dem Leser ein tiefes Verständnis für die sozialen und politischen Umstände dieser Zeit. Die nimmersatten Ästhetik und die Thematik der Selbstverwirklichung sind zentral in diesem Werk, das als kritische Reflexion über die Grenzen und Freiheiten des Individuums dient. Adolf Paul, ein deutscher Schriftsteller der frühen Moderne, war stark von den Strömungen seiner Zeit beeinflusst. Sein Interesse an der Geschichte und der faszinierenden Welt des Theaters spiegelt sich in den lebendigen Charakteren und der durchdachten Handlung wider. Mit einem ausgeprägten Sinn für die Verflechtung von Persönlichem und Gesellschaftlichem hat er in diesem Roman einen Kontext geschaffen, der sowohl zeitgenössische als auch historische Themen beleuchtet. "Die Tänzerin Barberina" ist eine hochspannende Lektüre für alle, die sich für die kulturellen und politischen Strömungen des 18. Jahrhunderts interessieren. Paul gelingt es, Geschichte und Fiktion so zu verknüpfen, dass der Leser nicht nur unterhalten, sondern auch zum Nachdenken angeregt wird. Daher ist dieses Werk ein unverzichtbarer Beitrag zur literarischen Auseinandersetzung mit der Epoche Friedrichs des Großen. In dieser bereicherten Ausgabe haben wir mit großer Sorgfalt zusätzlichen Mehrwert für Ihr Leseerlebnis geschaffen: - Sorgfältig ausgewählte unvergessliche Zitate heben Momente literarischer Brillanz hervor. - Interaktive Fußnoten erklären ungewöhnliche Referenzen, historische Anspielungen und veraltete Ausdrücke für eine mühelose, besser informierte Lektüre.

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Veröffentlichungsjahr: 2021

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Adolf Paul

Die Tänzerin Barberina: Roman aus der Zeit Friedrich des Grossen

Bereicherte Ausgabe. Intrigen und Tanz am preußischen Hof: Eine deutsche Legende des 18. Jahrhunderts
In dieser bereicherten Ausgabe haben wir mit großer Sorgfalt zusätzlichen Mehrwert für Ihr Leseerlebnis geschaffen
Bearbeitet und veröffentlicht von Good Press, 2022
EAN 4064066113179

Inhaltsverzeichnis

Die Tänzerin Barberina: Roman aus der Zeit Friedrich des Grossen
Unvergessliche Zitate
Notizen

Die Tänzerin Barberina: Roman aus der Zeit Friedrich des Grossen

Hauptinhaltsverzeichnis
Erstes Buch Psyche
1
2
3
4
5
6
Zweites Buch Hebe
7
8
9
10
11
12
Drittes Buch Hahnenkampf
13
14
15
Viertes Buch Fridericus Rex
16
17
18
19
20
21
22
Fünftes Buch Virtuti Asylum
23
24
25

Erstes BuchPsyche[3]

Inhaltsverzeichnis

1

Inhaltsverzeichnis

Phantasieloses — poesieloses Gesindel!« rief Rinaldo Fossano unmutig, setzte sein Barett auf, warf mit geübter Geschicklichkeit den rot gefütterten Mantel um, daß der rechte Zipfel auf die linke Schulter flog, und verließ, in der Haltung eines mit seinen Truppen unzufriedenen Generals, die Bühne des Teatro Farnese[1].

Den ganzen Morgen hatte er sich mit den Tänzerinnen abgequält, um ihnen Verständnis für sein neukomponiertes pantomimisches Ballett beizubringen, mit dem er die Saison in Venedig zu eröffnen gedachte, nachdem seine für das Teatro Farnese zusammengestellte Stagione die Vorstellungen in Parma beendigt haben würde.

Die armen Jüngerinnen Terpsichores gaben sich die erdenklichste Mühe und boten ihre ganze Kunst auf, um ihren Herrn und Meister zu befriedigen.

Aber Signor Fossano war nicht nur ein Tänzer von Gottes Gnaden; er war auch ein Dichter, dessen Phantasie nach rhythmischen Orgien verlangte, in denen sich aber der menschliche Körper nur in den seltensten Fällen ergeht.

Von mit den raffiniertesten Kniffen des Kunsttanzes Vertrauten verlangte er noch Evolutionen, die sich mit Selbstverständlichkeit aus der inneren Empfindung heraus rein instinktiv und ohne Berechnung ergäben — Bewegungen ohne Dressur — , ein Spiel der Linien, das sich ganz unmittelbar aus der Phantasie des Tanzenden ins Körperliche übertrüge — ungewollt — fast improvisiert und so, weil natürlich und einfach, als Kunstdarbietung vollkommen.

Das läßt sich nicht erlernen! Das muß von vornherein da sein![1q] Und bei keiner von allen den schönen Ballerinas hat er's bis jetzt gefunden!

»Hüpfen können sie wie die Grasmücken — schöne Drehungen — kunstvolle Pirouetten machen! Auf den Fußspitzen trippeln — himmelhoch springen — bezaubernd lächeln — glühende Blicke abfeuern — Kußhände in die Logen werfen! Küssen können sie auch!

Aber keine einzige, die es verstünde, bloß als lebend gewordener Drang zur Loslösung von der Erdenschwere da zu sein! — als Wille zum Schweben, wie wenn der Schmetterling, soeben aus der Raupe gekrochen, zum ersten Male im Sonnenschein die Flügel ausbreitet, aber noch nicht fliegt! Ein Stück Himmelsbewohner, der Erde entwachsen, aber noch auf Erden da — noch nicht abgeflogen! — Ein Versprechen, im nächsten Augenblick dahinzuschweben — die Hoffnung unserer Sehnsucht — die Gewißheit der baldigen Erhörung auf der Schwelle der Erfüllung!

Keine einzige, die das hat! Keine, die sich bloß zu zeigen braucht, um das zu geben — die, kaum, daß sie sich bewegt, die Seele des Zuschauers in Orgien des wiegenden Tanzes berauscht, welche der Körper nur ahnen lassen kann, die aber die Seele bewegen, wenn man bloß die Augen schließt!« Er ging sie alle in Gedanken durch — — die Cesi — die Bandolini — die Grassini — die Gandolfi und die viel zu vielen, deren Namen noch keine Namen waren!

Schöne Körper — üppige Formen — schlanke Biegsamkeit — Feuer — Verve — Tempo — virtuoses Können — Geist — Temperament — alles war da!

Nur das eine nicht, was seiner Phantasie vorschwebte, das unnennbare gewisse Etwas, was sie dazu prädestiniert hätte, Psyche darzustellen!

»Zum Teufel mit allem Können! Verflucht die ganze Kunst, wenn sie das nicht hergibt! Lieber die erste beste von der Straße, wenn sie bloß die Empfindung hat und sich treiben läßt — wenn sie bloß ahnt, was ich will, und von keiner virtuosen Verbildung verhindert wird, es auch so zu geben!«

Mißmutig trat er auf den Burghof der »Pilotta[2]« hinaus, wie man den ewig unvollendeten Prachtbau der Farnese nannte, in dessen einen Flügel das riesige Theater eingebaut war. Wie ein Triumphator wurde Fossano von den jungen Parmesanerinnen empfangen. Ein Regen von Blumen überschüttete ihn. Wie ein Schwarm von Schmetterlingen, so flatterte es um ihn, in bunter Mannigfaltigkeit lichter Farben — glutrote Lippen lächelten verheißungsvoll und lachten in übermütigem Jauchzen — Tausende von Händen wetteiferten, einen Zipfel seines Mantels zu erhaschen — es war ein Schreien, ein Aufjauchzen jugendlicher Stimmen, ein Feuerwerk aus glühenden dunklen Augen, ein Drängen, ein Stoßen — wie immer, wenn er nach beendigter Probe oder Vorstellung das Theater verließ.

Keinen Scherz aber hatte er zum Dank bereit, kein munter hingeworfenes Wort — keinen Gruß auf die vielen »Evviva«-Rufe! Die Blumen ließ er liegen, trat sie achtlos mit den Füßen, bahnte sich brüsk seinen Weg durch die Menge — machte dann kehrt, blieb einen Augenblick stehen und musterte sie alle, der Reihe nach, scharf, durchdringend, kehrte ihnen dann achselzuckend den Rücken, drückte den Hut in die Stirn und ging weiter.

»Keine einzige!« murmelte er halblaut, »keine einzige!« und achtete nicht weiter auf die Schar jugendlicher Verehrerinnen, die ihm trotz seiner Gleichgültigkeit das Geleit gaben.

Da, als er in die Strada al duomo einbiegen wollte, glitt eine Gestalt an ihm vorüber, die sofort seine Blicke gefangennahm.

Da war sie! Das war's! — Ein Schweben — ein leichtes Hinschreiten — eine Rhythmik der Bewegung — eine Hoheit der Haltung — ungewollt und selbstverständlich — ein Königtum der Linien, so stolz und frei, daß es die ärmliche Kleidung adelte, die den mädchenhaften, kaum noch der Kindheit entwachsenen Körper umhüllte!

Er wollte ihr nach, kam aber nur langsam vorwärts im Gedränge — verlor sie aus den Augen, fluchte — brach sich mit Ungestüm Bahn, stürzte wie ein Wahnsinniger vorwärts auf die Piazza del duomo hinaus und kam gerade noch zur Zeit, sie mit den Blicken zu fassen, als sie zwischen den roten marmornen Löwen Correggios am Tor des Domes hindurchschritt, um im Dunkel der Kirche zu verschwinden.

Schnell wie der Wind setzte er ihr nach und trat in das Gotteshaus.

Er suchte sie in den Kapellen der Seitenschiffe unter den dort Knienden — suchte sie unter den vor den Beichtstühlen Harrenden, aber umsonst.

Endlich fand er sie!

Da oben, auf den vielen Stufen am Ende des Mittelschiffes, wo die riesige Kuppel sich vor dem Hauptaltar wölbt, stand sie allein, die Blicke nach oben gerichtet. Sie war so tief in inbrünstiges Schauen versunken, daß sie nichts davon merkte, was sich um sie her zutrug. Schlank wie eine Gerte, erhob sich der jugendliche Körper in seltenem Ebenmaß der Formen — fast ohne Schwere stand sie da, kaum noch die Erde berührend, und — als wollte sie sich im nächsten Augenblick zum Fluge heben, so wuchs sie — löste sich allmählich vom Fußboden — hob sich mit unvergleichlicher Grazie auf die Fußspitzen und breitete die Arme nach oben.

So stark war der Eindruck, daß er im Nu die vielen Stufen nahm und auf sie zustürzte, um sie festzuhalten, damit sie ihm nicht entflöge. Aber sie bemerkte ihn nicht. Im Geiste war sie schon da oben, und sein Geist flog mit.

Er sah, was sie schaute und was ihre Seele erfüllte, er empfand ihre Empfindung.

Nicht unten auf den Steinfliesen des Fußbodens stand er mehr — dort oben weilte er unter den Gestalten, die der Pinsel Correggios hingezaubert hatte, teilhaft des Wunders der Erlösung aus dem Fleische.

Zunächst nur als Schauender, vom Licht Geblendeter, als einer der Apostel, die, rings um die Brüstung, über die sich die Kuppel wölbte, in ehrfürchtiger Anbetung festgebannt, kaum die Blicke zu erheben wagen, aber vom Lichte angezogen, in inbrünstiger Verzückung erstarrt, mit den Blicken die Herrlichkeit einsaugen, von der sie nachher den Erdenwürmern künden sollen, während ringsum die Genien den Tempel schmücken, die Flammen der Opferschalen mit den Flammen des ewigen Lichtes schüren und den Raum, durch den der Ausblick ins Himmlische verstattet werden soll, umsäumen, um jedem unheiligen Gedanken das Nahen zu verwehren.

Und sie?! Die Gottesmutter selbst war sie, die, von Genien und Cherubinen getragen, durch rosenrote Wolken dem ewigen Lichte entgegenschwebte, von einem Cherub zärtlich umschlungen, der sie vorwärts drängte und zugleich zurückhielt. Während ihre Blicke angstvoll nach oben starrten — ihre Arme sich öffneten — die Hände nach oben gestreckt, wie um das unfaßbare Glück zu erhaschen: — die Befreiung durch tiefste schmerzlichste Lust — die Auflösung fleischgewordenen Dunkels in geistsprühendes Licht!

Leben — volles leidvolles Leben war dies! — Und das war sie noch nicht — die Erfüllung noch nicht! Die Sehnsucht danach war sie, die süße verheißungsvolle Sehnsucht, die am höchsten trägt, weil sie immer noch unbefriedigt bleibt, immer noch strebt und nach Seligkeit verlangt! — Psyche war sie, die sich dort oben, frei und unbehindert, von ihrer inneren Kraft allein gehoben, aus dem Kranze der Seligen loslöste! Während Maria noch, von ihrer irdischen Mutterschaft beschwert, sich von seligen Kindern tragen lassen mußte! Und er war nicht länger der geblendete Zuschauer, der kaum mit den Blicken zu folgen wagte — der Genius war er, der allein mitten im Kreise am höchsten schwebte, den Weg zu zeigen — dem sie alle zu folgen hatten!

Er hatte ihre Gedanken recht erraten. Erst war sie vom Bilde der leidenden Gottesmutter gebannt, vom Cherub umschlungen und nach oben gehoben wie sie — dann von ihm und den übrigen beschwert und nach unten gezogen! Sie stampfte auf, um sich frei zu machen, und da traf ihr Blick Psyche, die, von nichts gehalten, frei, von ihrer inneren Begeisterung gehoben, nach oben schwebte! Und dieselbe Begeisterung kam über sie! — Kaum noch empfand sie die Berührung mit der Erde — sie erhob sich in voller Entfaltung ihrer natürlichen Grazie, die Hände nach oben gestreckt, mit den Blicken verzückt das Licht und die Farben einsaugend.

Da packte ihn die Angst, sie zu verlieren! Der Führer und Wegweiser ins himmlische Licht wurde zum Luzifer, der ihr den Weg verlegte, das leuchtende Licht vom Himmel stahl und in Glut der Leidenschaft wandelte, um ihr damit auf dem Weg in die Tiefe zu leuchten.

In die Tiefe mußte sie — zur Erde zurück — in alle Höllen des Lebens untertauchen — das Erdhafte, das noch ihre Seele umfing, abstreifen! Dann erst durfte sie hinauf! Dann erst konnte sie den Staub hienieden verlassen — nach Kampf und Leiden! Eher nicht!

Und auf einmal von der Begegnung mit ihr in der Phantasiewelt zurück, stand er wieder hinter ihr, als der Tänzer Fossano, bereit, sie auch leiblich zu erhaschen und sie mit seiner Kunst an die Erde zu bannen!

Er trat an sie heran, und indem er auf das Deckenbild — die Himmelfahrt Marias — zeigte, flüsterte er ihr neckend zu:

»Das möchtest du wohl, so bis in den Himmel hineinschweben können?!«

Sie zuckte zusammen, war sofort wieder unten und sah ihn erschrocken an, aus großen dunklen Augen, die noch vor Erregung glühten!

»O ja!« sagte sie dann hingerissen, schloß die Augen, seufzte und war mit ihrer Seele wieder oben in der Region der Seligen.

Er ließ sie aber nicht so leichten Kaufes. Schnell umschlang er ihre Schulter und flüsterte noch eindringlicher:

»Das zu wollen — danach aus ganzer Seele zu trachten — weißt du, was das ist?«

»Nein«, antwortete sie, ohne die Augen zu öffnen.

»Das ist — der Tanz!«

Sie machte kehrt und sah ihn groß und fragend an.

»Ach, könnte ich's!« kam's wie ein Stoßseufzer zwischen ihren halbgeöffneten Lippen hervor.

»Du kannst es! Denn du scheinst mir den Trieb aus dir heraus zu haben! Das ist der Tanz in höchster Potenz: hinauf zu wollen und unten bleiben zu müssen — den Himmel offen zu sehen und so doppelt schwer die Abhängigkeit von der Erde zu fühlen!«

Sie sah ihn angstvoll an, sank dann plötzlich auf dem Steinboden zusammen und fing an bitterlich zu weinen.

Er hob sie auf.

»Nur nicht weinen«, sagte er. »Finde dich mit der Erde ab — sieh, wie schön sie ist, wie bunt sie in Gold und Farben glitzert! — Freue dich, daß du da bist — gib dich deiner Freude am Dasein hin — spende sie den anderen — mach auch sie den Drang hinauf vergessen — töte jene Sehnsucht, die Schmerzen bringt — tauche sie in Lust, wie's die anderen auch tun, und du wirst glücklich sein!«

Sie riß sich von ihm los, trat einen Schritt zurück und sah ihn entsetzt an.

»Folge meinem Rat! — Erkenne die Welt in ihrer ganzen Schönheit — und du wirst ihre Herrin sein und über sie gebieten!«

Nochmals blickte sie nach oben, aber draußen war eine Wolke über die Sonne geglitten, das Licht unter der Kuppel schwand, die Farben erloschen, das Wunder der Himmelfahrt hatte seine Zauberkraft eingebüßt, alles durch ihn, den schönen, selbstgefällig lächelnden Mann, der ihr sein Gift in die Ohren geträufelt hatte! — Der Teufel war er, der ihr die Erdenlust pries und ihr zu sagen schien: »All das gebe ich dir, wenn du nur nicht hinaufblickst, wenn du mir zu Füßen fällst und mich anbetest!«

Schnell zog sie ihr herabgeglittenes Tuch um den Hals zusammen und floh aus dem Gotteshause, ohne zu wagen, den Versucher auch nur anzusehen.

Ein kurzes Lachen verfolgte sie und beflügelte ihre Schritte.

Draußen, im Menschengewühl, gewann sie allmählich ihre Sicherheit wieder. Die Sonne brach wieder durch die Wolken, alles prangte im Glanz des Frühlings — alles lachte und jauchzte und freute sich des Daseins. An einer Straßenecke war Musik und Tanz. Sie mischte sich unter die Neugierigen, drängte sich bis in die erste Reihe vor und schaute andächtig zu.

Ein kleines Mädchen von sieben Jahren, barfuß und mit nackten Beinen, in hellem leichtem Kleid und rotsamtner, mit Pailletten besetzter Jacke, tanzte eine Tarantella[4] zu den Rhythmen ihres Tamburins, begleitet von einem alten schmutzigen, zerlumpten Kerl, der auf der Erde saß und die Zither spielte.

Sie hatte die natürliche Grazie der Kinder des Südens, die leichte Beweglichkeit und den rhythmischen Sinn; sie schlug taktfest ihr Tamburin, als sie im Kreise herumflog, schüttelte es hoch über dem Kopfe, die andere Hand in die Seite stemmend, und drehte sich schneller und schneller, immer wieder von den Zurufen ihres Begleiters getrieben, dem sie nicht genug tun konnte. Ihr Lächeln hatte etwas Gezwungenes, ihr ganzes Auftreten war von einem fremden Willen gelenkt. Das einzige Natürliche bei ihr war die Angst — und die war nichts als die Furcht, den Unwillen ihres Herrn und Gebieters zu erregen. Sie strahlte vor Freude, als nach beendigtem Tanz die Kupfermünzen auf das bereit gehaltene Tamburin niederprasselten, und leerte es rasch in die Hand des Alten, der, unzufrieden brummend, die Ernte gierig in die Tasche schob und halblaut auf den Geiz der Leute schalt!

»Vorwärts, einsammeln!« rief er, »die da hat noch nichts gegeben!« und zeigte auf das junge Mädchen, das in der ersten Reihe stand.

Schnell wollte sie sich hinter die Umstehenden verbergen. Aber das Kind war rascher als sie. Schon stand es vor ihr, das Tamburin vorgestreckt, und sie hatte nichts zu geben und errötete vor Scham.

»Weiß Gott—ich möchte dir gern ein Goldstück hineinwerfen«, dachte sie, »aber woher es nehmen?«

Kaum gedacht, da flog ein Goldstück über ihre Schulter in das Tamburin hinein. — Sie blickte sich um und sah — einen jungen, hübschen, schlanken Menschen, in der Haltung stolz wie ein Fürst, der sie lächelnd anblickte. Derselbe, der sie in der Kirche erschreckt hatte, und doch nicht derselbe! Jetzt flößte er nur Zutrauen ein, wie ein alter Bekannter, ein guter Kamerad, der da war, ihr aus der Verlegenheit zu helfen!

Es schimmerte etwas wie Dankbarkeit in ihrem Blick, als sie ihn ansah. Er lächelte und, wie um ihr zu zeigen, daß er ihren Wunsch erraten hatte, warf er ein zweites Goldstück in das Tamburin, das das Kind noch hinhielt, starr über die unverhoffte fürstliche Gabe.

»Vorwärts«, rief er lachend, »nun tanz mir noch einen Saltarello!«

Und das Kind eilte, die goldene Ernte bei seinem Gebieter in Sicherheit zu bringen.

»Mille grazie, Signore!« kam es von dem Alten zurück, die Gitarre zirpte — das Kind flog wieder im Kreise herum, sein Tamburin schlagend und schüttelnd, daß die Schellen klirrten — und niemand schaute zu — alle hatten nur Augen für den berühmten Tänzer!

»Fossano! Evviva, Fossano!« riefen sie und drängten sich um den Vielbewunderten, der da stand und die Huldigung über sich ergehen ließ.

»Hier trete ich nicht auf«, rief er, sich lachend wehrend, »hier bin ich nur Publikum! Schaut zu ihr hin! Die hat jetzt die Kunst zu vertreten!«

Und alles lachte und klatschte Beifall. Die Kleine tanzte wie um ihr Leben. Und Fossano, der sich doch immer als Mann der Öffentlichkeit geben mußte, ob er auftrat oder nicht, fing an, sie laut zu kritisieren und ihren Tanz zu verhöhnen, immer noch sich an das junge Mädchen wendend, hinter dem er stand, und das ihn groß anblickte, beglückt, von dem berühmten Tänzer überhaupt bemerkt zu werden.

»Du blickst mich so an«, lachte er, »als fürchtest du, ich würde dich lebendig fressen! Blick lieber die Drehpuppe da an! — Da kannst du sehen, wie der Tanz nicht sein soll! Oder gefällt's dir?«

»Ich weiß nicht!«

»Nein, du weißt nicht! Aber du ahnst es, und deshalb werde ich dir sehen helfen. Das Überschäumen des Blutes — der landesübliche musikalische Sinn ohne Sinn, den das Pack hierzulande immer hat — die Geilheit, die das Tempo gibt, solange sie da ist, und dann nicht mehr! Angelernte Bewegungen ohne innere Notwendigkeit! Die Poesie — die Innerlichkeit, der Drang, sich zu geben, fehlen! Ebenso das Können, die Fähigkeit, aus anderer Leute Seele Funken zu schlagen, zu zünden, mitzureißen und zu begeistern. Woher Geist nehmen — wo keiner ist!—Ein hübsches Spiel für die Augen, solange sie hübsch ist — und dann ist's aus! — Der Tanz da gibt nie im Leben eine Himmelfahrt! — Und wenn's im Leben versäumt wird, nachher ist's aus! — Hüpf zu!« rief er der Tänzerin zu. »Hüpf zu — und fall nicht! Denn nachher liegst du auf dem Rücken und zappelst, und da ist's aus mit dem Tanz, da hüpfst du nicht mehr!«

Die Umstehenden lachten und warfen ihr noch derbere Scherzworte zu — weinend floh sie zu dem Alten, um Schutz zu suchen. Brummend stand er auf, schlug seinen Mantel um sich und sie, ging um die Ecke und verschwand mit ihr und seiner goldenen Ernte! Das Publikum zerstreute sich. Fossano blieb stehen.

Ihm war alles andere gleichgültig. Er dachte nur an das junge Mädchen, dem er gefolgt war. Nur zu ihr oder für sie hatte er gesprochen, und nur um zu sehen, wie sie sich dabei verhielte! Alles andere war ihm gleichgültig. Zornig hatte sie geblickt und Empörung gezeigt — Tränen des Mitleids waren ihr in die Augen gekommen. Und als sie ihm den Rücken zukehrte und ging, bewunderte er die feine Biegung des Halses, den wundervoll angesetzten fein geschnittenen Kopf und die unabsichtlich natürliche Plastik ihrer Bewegungen, wie sie so langsam davonschritt und dann wieder stehenblieb.

»Niobe«, dachte er, »Niobe — die noch nicht die Kinderschuhe ausgetreten hat!«

Sie empfand seinen kalten, prüfenden Blick, sah ihn lächeln — das Blut schoß ihr gegen den Kopf, sie eilte auf ihn zu.

»Die Augen könnte ich Ihnen auskratzen!« rief sie und ballte ihre Fäuste unter seinem Gesicht.

»Bravo!« rief er, aufrichtig erfreut über ihren prächtigen Zorn, und packte ihre Hände.

Sie riß sich los, nicht ohne den bewundernden Ausdruck in seinem Gesicht bemerkt zu haben, und sagte, immer noch schmollend, aber bedeutend besänftigt: »Sie sind abscheulich!« —

»Und du bist entzückend!«

Sie stampfte auf den Boden!

»Sagen Sie, was Sie wollen, aber es war herzlos von Ihnen! Wie konnten Sie dem Kinde weh tun wollen?«

»Du willst wissen, was ich wollte!« lachte er. »Denkst du, die kümmert mich? Dich wollte ich sehen! Und du hast dich mir gezeigt — im Schmerz und Mitleid ganz gut — im Zorn ausgezeichnet!«

Tränen der Wut und Beschämung traten ihr in die Augen.

»Warum machen Sie sich über mich lustig?«

»Das tue ich nicht! Mein Interesse an dir ist aufrichtig! Ich mag dich gern!«

Sie blickte ihn fragend an. Er wollte es aber nicht gleich weitertreiben und fragte nur beiläufig:

»Wie alt bist du?«

»Sechzehn!«

»Wie heißt du?«

»Babara!«

»Nun, Baberina — hast du schon ein richtiges Ballett gesehen?«

»Nein!«

»Bist du nicht im Theater gewesen?«

»Niemals!«

»Aber du möchtest wohl?«

»O wie gern!«

»Willst du heute abend das Ballett sehen, in dem ich tanze?«

»O ja!«

»Komm also eine Viertelstunde vor der Vorstellung nach dem Teatro Farnese, frag nach dem Ankleidezimmer Fossanos — Fossano, das bin ich!«

»Ich weiß.«

»Frag also den Türwärter danach, und man wird dich hineinführen. Du nimmst deine Eltern mit.«

»Ich habe nur die Mutter!«

»Bring sie mit! Und nach der Vorstellung laßt euch zu mir führen!«

Er wandte sich zum Gehen, blieb aber stehen und sah sie an.

»Dein Vatersname?« fragte er.

»Campanini!«

»Babara Campanini! Babara Campanini! Sage mal, Baberina«, er kam wieder auf sie zu, »ihr seid wohl nicht allzusehr mit Glücksgütern gesegnet?«

»So wie heute sind uns die Goldstücke nicht gleich bei der Hand, wenn's ans Zahlen geht!«

»Das kann noch kommen!« lachte er.

»Wie meinen Sie?«

»Nun — das hast du doch soeben gesehen! Du brauchtest nur zu wünschen, und gleich waren sie da!« Sie wußte, daß er die Wahrheit sagte, aber sie mochte es doch nicht glauben.

»Woher wußten Sie, was ich gerade wünschte?«

»Ein Wunsch ist nicht schwer zu erraten, wenn das Interesse da ist!«

»Aber Sie warfen gleich ein Goldstück!«

»Wolltest du nicht ein Goldstück für sie?«

»Ja. Und daß Sie das gleich wußten, macht mich bange!«

»Wer fürstlich zu wünschen versteht und gleich vom Schicksal mit der Erfüllung bedient wird, braucht keine Angst zu haben! Wünsche nur weiter!«

Er lächelte, und dies Lächeln brachte sie wieder in Harnisch.

»Was wollt Ihr von mir? Warum seid Ihr hinter meinen Gedanken und Wünschen her — erst in der Kirche und dann jetzt?«

Er lachte laut.

»Hast du Angst, mir etwas schuldig zu bleiben?«

»Wenn Sie so lachen, ja — weiß Gott — da möchte ich eine Handvoll Goldstücke haben, um —«

»Um?«

»Um sie Ihnen ins Gesicht zu werfen!«

»Bravo«, lachte er wieder. »Das war wieder fürstlich gedacht! Das Vergnügen kannst du noch haben!«

»Wieso?«

»Etwa — wenn ich dir Unterricht gäbe und es ans Zahlen käme! Mich zahlt man nur mit Goldstücken!« lachte er.

»Ihr wißt gut, daß ich das nicht könnte! Und deshalb solltet Ihr nicht lachen!«

Die Tränen kamen ihr wieder in die Augen.

Er wurde plötzlich ernst. Er hatte sich das Vergnügen gemacht, sie aus der einen Stimmung in die andere zu hetzen! In jeder Empfindung hatte sie pariert, alles war echt und von ungesuchtester Natürlichkeit! Er durfte es aber nicht zu weit treiben, sonst würde er die Führung verlieren — sonst würde sie ihm aus den Händen gleiten! Und er wollte sie einfangen — er brauchte sie, denn sie war, was er suchte!

»Verzeih mir!« sagte er, und seine Stimme nahm eine warme Färbung an, »ich wollte dir nicht weh tun! Ich bin nicht gewohnt, alles so ernst zu nehmen und zu meinen! Mir lacht eben das Leben; daher kommt's, daß ich über alles lache! Mehr ist's auch nicht wert! Und ich möchte es dir auch beibringen! Du hast das Tanzen im Blute, da gehe ich nicht fehl! Ich mach es dir frei! Ich bringe dir das Tanzen bei — du wirst bei mir Unterricht haben!«

Sie sah ihn groß an, als erzähle er ihr ein Märchen.

»Sechzehn Jahre bist du schon?«

»Bald siebzehn!«

»Höchste Zeit denn, wenn aus dir noch was werden soll! Komm also mit deiner Mutter heute ins Theater. Nachher wirst du mir sagen, wie es dir gefallen hat! Und das Weitere wird sich finden!«

Sie war außer sich vor Freude. Ihr Traum, ihr Traum sollte Wirklichkeit werden! Sie wagte es kaum zu glauben, sie wußte auch nichts zu sagen; von Glück überwältigt blickte sie ihn an, Tränen der Dankbarkeit in den Augen; sie beugte sich rasch, ergriff seine Hand und küßte sie. Errötete dann über ihre Dreistigkeit und floh davon wie der Wind.

»Babara!« rief er. Aber sie hörte ihn nicht.

»Ich hätte mitgehen sollen. Ich hätte wenigstens fragen sollen, wo sie wohnt!«

Er fürchtete, Psyche, die er so lange gesucht und endlich gefunden hatte, würde ihm wieder verlorengehen.

»Bah — sie wird schon ins Theater kommen«, dachte er dann achselzuckend. »Wenn sie die Richtige ist, wird es sie treiben — dann wird sie's nicht lassen können! Und sie ist die Richtige! Mein Auge betrügt mich nicht!«

2

Inhaltsverzeichnis

Er hatte recht — und unrecht zugleich.

Die Begegnung in der Kirche hatte sie erschreckt, ihr Innerstes aufgewühlt und in eine noch nie empfundene Unruhe versetzt. Sein Hohn hatte sie empört, sein herzloses Lachen sie angewidert. Auch wenn er freundlich zu ihr sprach, war etwas Kaltes, Lauerndes in seinen Blicken, daß ihr angst und bange wurde, die freundlichen Worte würden im nächsten Augenblick schneidendem Hohn Platz machen. Und dem wollte sie sich nicht aussetzen.

Die Empörung trieb ihr das Blut ins Gesicht, als sie an seine herzlosen Worte an die arme Straßentänzerin dachte. Wenn er ihr jemals so kommen würde, sie würde ihm das Messer ins Herz stoßen!

Für ihr Leben gern wollte sie ins Theater! Sie hatte eine brennende Lust, einmal ein richtiges Ballett zu sehen! Aber nachher müßte sie ja zu ihm; und wer weiß, wie er zu ihr sprechen würde? Also lieber nicht!

Sie erzählte wohl der Mutter getreulich von der Begegnung mit ihm, tat nicht wenig stolz über ihre Unterhaltung mit dem berühmten Tänzer, über sein offenbares Interesse für sie: wie er ihr nachgegangen wäre, und wie wenig sie sich daraus machte! Aber sie erwähnte mit keinem Wort sein Anerbieten, auch nicht die Einladung, ins Theater zu gehen.

Die Mutter wurde ganz aufgeregt.

»Das Glück! Das Glück! Den bringe ich noch dazu, dich zu unterrichten!«

»Um aller Heiligen willen!«

»Schweig, du bist eine Gans — eine dumme Gans bist du! Das Glück fällt dir in den Schoß, und du brauchst bloß zuzugreifen! Bloß zuzugreifen brauchst du! Ja, hast du denn eine Ahnung davon, was das bedeutet, wenn solch ein großer Mann sich für dich einsetzt!? Ein Wort von ihm kostet es nur, und gleich liegt dir die Welt offen! — Schmuck, Reichtum, schöne Kleidung, Ehren aller Art werden sich dir zu Füßen häufen, und du brauchst bloß zuzugreifen —«

»Er wird sich hüten. Er hat anderes zu tun, als sich um so eine wie mich zu kümmern!«

»Wenn er dich bloß tanzen sieht, wird er weg sein! Du weißt nicht, wie hübsch du tanzest — du weißt es nicht! Ich hab's dir ja nie gesagt, denn ich wollte dich nicht eitel machen! Aber sooft ich dich sah, und neben dir die anderen, dann dachte ich es mir — und mehr als eine von den Basen hat's auch gesagt — und wie oft haben sie's mir gesagt: >Die Babara muß zum Ballett! — Die Babara könnte mit den Beinen ihr Glück machen! — Sie hat das Zeug, daß ihr das ganze Leben zum Tanz wird!< Das haben sie gesagt! Aber wo hätte ich das Geld hernehmen sollen, um dich in die Ballettschule nach Mailand zu bringen? So etwas kostet Geld — viel Geld, und bei unserer Armut ...! Nein, da hab' ich's mir verbissen! — Aber ich habe zu der Madonna gebetet, ihr so manche Kerze geweiht! Und sie hat mich erhört! — Jetzt ist die Gelegenheit da — jetzt gehe ich zu ihm! — Sofort gehe ich und werfe mich ihm zu Füßen!«

Sie warf ihren Mantel um und wollte gehen.

»Tu's nicht!« rief Babara. »Ich will's nicht! Ich habe gar keine Lust.«

»Ob du Lust hast — ob du Lust hast?! Tanzest du nicht für dein Leben gern!«

»Zum Vergnügen, ja!«

»Das Leben ist kein Vergnügen, das Leben will verdient sein! Dir ist's gegeben, es dir mit den Beinen zu verdienen! Aber nicht so, daß du auf der Straße bettelnd herumstreichst, wie's sonst kommen wird! Sondern indem du die Gabe ausnützt, die dir der Himmel gab! Das Tanzen zum Vergnügen — wir wissen, wo das endet! In den Armen eines Burschen und dann in den Armen eines anderen und dann im Rinnstein! — Ins Elend führt der Tanz! Nein, da werde ich schon vorsorgen!«

»Ich will's aber nicht! Ich will nicht!«

»Ich will aber. Und du hast dich danach zu richten. Gehorchen sollst du, ob du willst oder nicht, wo deine Mutter nur dein Bestes will!«

Sie wollte gehen. Und da mußte Babara lieber mit der Einladung herausrücken.

»Ihr braucht nicht zu ihm zu gehen«, sagte sie schmollend. »Er hat mich gebeten, heute abend ins Theater zu kommen! — Mit Euch soll ich hinkommen! Und nachher will er uns sprechen!«

Die Alte sank auf einen Stuhl nieder.

»Und das verheimlichst du mir?!«

»Ich wollte nicht hin! Ich gehe auch nicht! Er macht sich nur lustig über mich! Ich mag nicht, daß er über mich lacht!«

Eine schallende Ohrfeige war die Antwort. Und dann prasselte eine Flut von Schimpfworten auf sie nieder. »Du Schlampe, du faules, nichtsnutziges Ding! Lumpenprinzeßchen du! Du blähst dich auf und zierst dich und dünkst dich zu vornehm, etwas zu tun, um im Leben vorwärtszukommen! Als ob du auf Gott weiß was für großen Reichtümern säßest, so hast du dich! Und dabei hast du nichts als das bißchen Jugend, das bald vorüber ist! Du willst nicht?! Ja, sag' einer bloß! Schämst du dich gar nicht, solche Launen zu haben?! Du Undankbare! Denkst du denn gar nicht an deine alte Mutter, die sich um dich geschunden hat und bald nicht mehr imstande sein wird, sich weiter für dich abzurackern? Und dann — was dann? Dann bist du auf dich angewiesen — dann mußt du verhungern, so ein faules und vergnügungssüchtiges Ding wie du!«

»Scheltet nur, soviel Ihr wollt! Ich gehe doch nicht! Und wenn Ihr mich noch so schlagt!«

»Sei doch nicht albern, sei nicht dumm! Benutze die Gelegenheit, die dir der Himmel gibt! Denn da liegt dir das Glück offen! Und du brauchst nur die Hand auszustrecken, brauchst bloß zu wollen — die Gelegenheit ist da! Jetzt oder nie! Einmal im Leben kommt das Glück nur, und da gilt's zuzugreifen! Die Minute, die du unbenutzt vorüberstreichen läßt, ist für ewig verloren! — Ich hab's an mir erfahren! Ich wollte auch tanzen — mein Leben lang wollte ich's, und immer noch tanzt's in mir, wenn ich euch Kinder tanzen sehe! Ich hätte es gekonnt — ich hätte es zu was gebracht! — Habe ich euch nicht tanzen gelehrt, daß alle Leute die Augen aufreißen, wenn sie euch springen sehen? Ich hätte es sicher zu was gebracht. — Aber mein Vater war dumm! Er hat's nicht eingesehen! Ich sollte ehrbar bleiben, hieß es immer! Ich sollte arbeiten lernen — einen braven Mann heiraten, anständig leben — und ich habe ihm gehorcht! — Nun — was habe ich davon gehabt? Einen Mann, der trank, der mich schlug und der viel zu spät gestorben ist — Gott hab' ihn selig! Was habe ich davon? Euch, die ihr mich bis aufs Blut aussaugt, für die ich mich schinden muß, ohne es zu etwas zu bringen! Und dann blüht mir das Siechtum und ein elender Tod! Hätte ich nur nicht auf ihn gehört! Wäre ich lieber davongelaufen! Hätte ich lieber mein eigenes Leben gelebt! Dann ging's mir besser! Euch aber will ich das Leben ersparen, das ich leben mußte! Ihr sollt es gut haben, in Glanz und Reichtum leben — ihr werdet es auch erreichen! Denn ihr seid schön — am schönsten du, Babara — und was ich nur in meinen Träumen haben durfte, das sollt ihr in der Wirklichkeit haben! Denn ich werde nicht so schlecht an euch handeln wie mein Vater an mir — ihr werdet mich nicht verfluchen wie ich ihn — ihr werdet meiner dankbar gedenken und für euren Gehorsam was vom Leben haben! Eine große Künstlerin wirst du werden, wenn du mir gehorchst; in der ganzen Welt wird man dich mit Ehren nennen, mit Auszeichnungen überhäufen! Greif nur zu, und die Welt wird dir zu Füßen liegen!

Komm, ich putze dich — komm, ich mache dich schön — du brauchst gar keine Angst zu haben, daß man dich im Theater scheel ansieht — du kannst dich in jeder Gesellschaft zeigen — komm, mein Püppchen, sollst sehen, deine alte Mutter wird schon für dich sorgen!« Und sie suchte aus ihren Schränken und Truhen allerhand vergessenen Tand aus ihrer Jugend, bunte Perlenschnüre, seidene Tücher, Schürzen, Mantillen, Hauben und einen geblümten seidenen Rock, der ihrer Babara wie angegossen saß!

»Jaha — ich war auch mal schlank — ich war auch mal wie ein Prinzeßchen — schau mal dies Mieder — da bist du noch viel zu üppig dazu — aber es geht schon — wir schnüren ein bißchen — das wird schon gehen!«

Und sie schnitt und nähte und änderte und paßte ab und putzte ihr Töchterchen aufs prächtigste heraus! Und die ließ sich's gefallen und fand sich so allmählich damit ab, mit ihr in die Vorstellung zu gehen.

Wenn die Mutter mitginge, wäre es ja nicht so gefährlich. Da würde er sie wohl nicht zu verhöhnen wagen! Und wenn auch — schließlich war die Sache das wohl wert! Schließlich konnte man das hinnehmen, wenn man bloß einmal ins Theater könnte und ein richtiges Ballett zu sehen bekäme!

Am Abend saßen sie dann auch im Theater in einer der ersten Reihen des Parterre, wo man schon angefangen hatte, Sessel einzustellen, die Domina stolz und sicher, als wäre sie in ihrem Leben nichts andres gewohnt gewesen, als ihre Abende dort zu verbringen, und Babara aufgeregt und neugierig in diese ihr so neue und bunte Welt hineinblickend, die bald ihre Welt sein würde.

Es war ihr wie ein Traum. Das schwatzende, lachende Publikum in schönen Kleidern, reich geschmückt, die bunte Masse, die sich schreiend und johlend im Parterre hin und her schob und drängte, die Musik — das Mitsingen des Publikums, die fröhlich ausgelassene Stimmung, die Blumen, die festliche Beleuchtung, das Drängen, der Kampf um die besten Plätze, und schließlich die Aufführung, die viel zu schnell vorbei war. Sie fühlte sich bedrückt inmitten all der Pracht! Das bunte Treiben verwirrte sie — dann ging der Vorhang auf — und zum erstenmal empfand sie die Macht, die hat, wer auf der Bühne steht — die Herrschsucht packte sie — schlich sich in ihre Seele und nahm sie in ihre Gewalt. Jetzt konnte sie nicht mehr zurück — jetzt mußte sie hin, ob sie durfte oder nicht.

»Denk, Baberina — wenn du da oben stehst — und all die Tausende nach dir blicken!« flüsterte die Mama. »Das wäre doch ein Glück!«

Babara hörte nicht; mit weit offenen Augen starrte sie nur hinauf. Fossano gab die Hauptrolle in der Pantomime: »Pierrots letztes Abenteuer«, eine burleske Szene voll derb grotesker Situationen, die wahre Lachsalven im Publikum entfesselten. Dann tanzte er einen Bauerntanz mit dem ganzen Corps de Ballett, und zum Schluß »Das Urteil des Paris«, eine wahre Orgie in sinnbetörenden Farben und Formen, eine bis an die äußerste Grenze des Gewagten gehende und doch das künstlerische Maß innehaltende Phantasie voll glutvoller Leidenschaft, deren einzelnen Phasen das Publikum in atemloser Stille folgte, um dann, als der Vorhang fiel, in rasende Beifallskundgebungen auszubrechen, die nimmer enden wollten.

Immer wieder mußte Fossano mit seinen Partnerinnen vor dem Vorhang erscheinen, von den Evvivarufen umtost. Er wurde mit Blumen, Kränzen und Goldstücken beworfen, und man ruhte nicht, ehe er nicht als Zugabe seinen berühmten »pas du diable[5]« zum besten gegeben hatte.

Während sich die Zuschauer in dichten Massen am Bühneneingang und im Hof der Pilotta stauten, um ihm bei der Abfahrt vom Theater ihre Huldigung darzubringen, wurden Babara und ihre Mutter zu ihm geführt. Er empfing sie im Foyer der Solisten, immer noch im Kostüm, jetzt ganz der große Künstler, vornehm, herablassend, sie kaum eines Grußes würdigend.

»Ah — sieh da — die kleine Bekanntschaft von heute früh! Nun — du hast es jetzt gesehen! — Es ist kein Kinderspiel, so leicht es auch aussieht! — Arbeit, harte, emsige Arbeit — wenn einer es so weit bringen will — und — Talent, versteht sich — vor allem Talent! Nun — wir werden sehen, was mit dir los ist! Ich werde dich erst ausprobieren! Du wirst gleich im neuen Ballett mittanzen — du brauchst keine Angst zu haben! Es gilt da noch lange keinen Kunsttanz — es ist gar nicht schwer! Du brauchst bloß zu verstehen, was du darzustellen hast — ich mach es dir klar — ich übe es mit dir ein! Kannst du das bewältigen — und ich erwarte es von dir — dann werde ich dich unterrichten — dann wirst du meine Schülerin sein!

Erst will ich aber sehen, ob du Talent hast, und ob ich dir mit gutem Gewissen raten kann, Tänzerin zu werden! Und ich glaube, ich werde es können ——«

Domina Campanini ließ die Tochter nicht zu Worte kommen. Sie floß gleich über vor Seligkeit und Rührung, küßte Fossano die Hände und rief den Segen aller Heiligen auf ihn herab. — Er würde schon sehen, daß er sich nicht geirrt hätte! Die Babara hätte Begabung wie wenige! Seit sie klein war, hätte sie getanzt — wie eine Sylphide — wie eine Elfe — wie ein Engel Gottes! Und sie hatte es von sich aus — ganz allein hätte sie sich alles, was sie könnte, ausgedacht! Denn sie wären arm, sie hätten nichts, womit sie den Unterricht hätten bezahlen können — —

Hier stockte ihre Suada. Sie bekam plötzlich Angst, er würde sie nicht als Schülerin aufnehmen, wenn sie nicht zahlen könnte!

»Aber was sein muß, muß sein«, sagte sie dann rasch, ehe er noch antworten konnte. »Ich werde arbeiten gehen, ich werde verdienen — ich habe auch Verwandte und gute Bekannte, die alle gern helfen werden, damit meine Baberina ihr Glück machen kann — sie müssen alle was beisteuern, denn der Unterricht bei solch großem Meister kostet doch wohl viel ——?«

Hier stockte sie wieder, in der Erwartung, er würde ihre versteckte Frage mit der Erklärung beantworten, es koste bei ihm nichts! Er empfand das und wollte es auch gleich sagen, hielt aber inne und blickte Babara an. Ein unbestimmtes Vorempfinden sagte ihm, daß er vielleicht doch in die Lage kommen würde, einmal Entgelt von ihr zu verlangen!

Er lächelte also bloß, winkte der Alten gnädig zu, blickte Babara an und sagte:

»Das wird sich später finden! Vorerst wollen wir sehen, ob du was taugst, und dann fleißig lernen!«

Er hielt ihr die Hand hin, die die Alte schnell ergriff und mit Küssen bedeckte, streichelte Babara die Wange, nickte herablassend und ging in die Garderobe. Die Audienz war zu Ende.

3

Inhaltsverzeichnis

Er hatte sich nicht geirrt. Babara strotzte von Talent. Sie war ein Genie — von einer Ursprünglichkeit in ihrer ganzen Art, sich zu geben, und von einer Poesie der Unberührtheit, die, im Verein mit ihrer jugendlichen Anmut, einen unbeschreiblichen Reiz ausübte.

Sie lebte noch in der Ahnung, da aber stark und voll, mit der ganzen Keuschheit einer natürlichen Leidenschaftlichkeit, die sich ihrer noch nicht bewußt geworden war. Sie hatte, obwohl noch Kind, die Kraft voll entwickelter Triebe. Und die erste Aufgabe seiner Erziehung wurde: sie bewußt einzudämmen, sie zu leiten und erst allmählich zu entfesseln, indem er sie mit ganzer Gewalt auf die Kunst losließ, ihr aber das Leben im übrigen verschloß.

Das Leben im Kunstwerk sollte zunächst ihr Leben sein. Wenn sie da alles erschöpft hätte, dann erst wollte er sie freigeben, denn dann wäre es notwendig zur vollen Entfaltung! Erst den Gipfel besteigen, und dann erst den Abflug!

So aber, wie sie jetzt war, war sie prädestiniert dazu, die Psyche zu geben! Dafür hatte sie von Natur aus alles in so reichem Maße, daß er nur leise daran zu rühren brauchte, damit sie es hergab, mit einer Sicherheit der Empfindung und einer Vollendung, die durch kein Studium je erreicht werden kann, wenn sie nicht von vornherein da ist.

Hatte sie es einmal erfaßt, so war sie sofort mittendrin, kaum daß er ihr den darzustellenden Vorgang erzählt hatte! — Sie war Psyche, wie sie ihm in seiner kühnsten Phantasie vorgeschwebt hatte! — Und seine ganze Lehrtätigkeit konnte sich darauf beschränken, ihr die Situationen zu erklären — ihr die Stellungen zu zeigen und die einfachen kunstlosen Tanzschritte mit ihr einzuüben, deren sie bedurfte — kurz, dem Gedicht, in dem sie auf der Bühne zu leben hatte, das Gerüst zu geben!

Ihr Triumph wurde auch vollständig.

Sie siegte — weil sie gar nicht daran dachte, überhaupt zu siegen — sie verstand noch nichts von »Wirkung«, war sich nicht bewußt, daß sie die vielen Zuschauer in ihren Bann zu bringen hatte — sie dachte nur an ihre Aufgabe, gab sich ganz dem hin, was sie darzustellen hatte; sie erlebte es und vergaß darüber alles andere.

Freilich — im ersten Augenblick, als sie auf der Bühne stand und durch den Vorhang das Stimmengewirr der draußen Harrenden hörte, da kam etwas wie Angst über sie.

Sie blickte hinaus, sah die vielen tausend fröhlichen Menschen, die lachten und plauderten und ihre Toiletten, ihren Schmuck zur Schau trugen. Sie entsetzte sich beim Gedanken, daß all diese Augen sich auf sie richten — all diese Lippen das Urteil über sie sprechen würden! Sie zitterte — das Herz klopfte hörbar — ein Schwindel befiel sie — sie vergaß alles außer der Angst — sie wußte nichts mehr von alledem, was sie darzustellen hatte — sie konnte sich kaum noch aufrecht halten!

Ganz vernichtet schlich sie in die Kulisse hinein, und da brach sie zusammen.

»Heilige Mutter Gottes, hilf mir«, flüsterte sie inbrünstig und schloß die Augen. Und da war sie wieder in der Kathedrale, deren hohe Gewölbe sich über sie erhoben! Und hoch über ihrem Haupte schwebte wie ein Kranz von Sommerblüten in den Wolken die Mutter Gottes, von seligen Geistern umgeben, der Verklärung entgegen, und allen voran Psyche! Sie vergaß alles andere, vergaß, wo sie war — die Erregung legte sich, kühle Besonnenheit, Sicherheit und Kraft kehrten in ihre Seele zurück.

»Ich danke dir — ich danke dir«, flüsterte sie und stand erquickt wieder auf. Und als Fossano, der sie voll Unruhe gesucht hatte, sie endlich fand und ihr Mut zusprach, da war's längst nicht mehr nötig!

Sie ließ sich von ihm zu ihrem Platz hinführen. Und als der Vorhang aufging und das Spiel begann, da dachte sie nicht mehr daran, daß sie sich den vielen Neugierigen zeigen mußte, sondern ging ganz in der Wonne auf, sich geben zu dürfen.

Gleich in der ersten Szene der Psyche nahm sie die Huldigung an Stelle der Schönheitsgöttin Venus mit einer Demut und einer holden Beschämung an, aus der sich die Hauptstimmung der nächsten Szene folgerichtig ergab. So kam die Empfindung ihrer Unwürdigkeit und ihrer Strafbarkeit, weil sie sich hatte göttliche Ehren erweisen lassen, natürlich zum Ausdruck, ebenso der Schrecken bei der Verkündung ihrer Strafe durch Merkur sowie ihre Zerknirschung und die Ergebenheit in ihr Schicksal, als sie unter Trauertänzen beim Fackelschein nach dem Felsen hingeleitet wurde, wo sie dem ihr zum Gatten ausersehenen Ungeheuer ob ihres Frevels geopfert werden sollte. Und als die Fackeln eine nach der andern zu ihren Füßen gelöscht wurden und Eltern und Geschwister als letzte sie weinend verließen, da waren ihr Schmerz und ihre Verzweiflung ebenso echt wie die dann allmählich wiedergewonnene Fassung, die Ergebung in das Unabwendbare. Wie sie dann in banger Erwartung die Augen schließt und sich unbeweglich, ohne sich mit einer Zuckung des Gesichts oder der Glieder zu wehren, von der unsichtbaren Gewalt des Zephirs packen läßt, um im sanften Fluge vom Felsen nach dem blumenbedeckten Rasen an dessen Fuße hinabzuschweben — eine staunenswerte maschinelle Leistung des damaligen Theaters —, da wurde es draußen unter den Zuschauern so still, daß man das eigene Herz schlagen hören konnte. Und alle Augen blickten gerührt zu dem zarten, kindlichen Wesen, das da, wie ein Schmetterling vor dem Winde, von einem unerbittlichen Schicksal dahingeweht wurde, um unten regungslos liegenzubleiben.

Aber die qualvolle Spannung bei den vielen tausend Zuschauern löste sich in ein Gemurmel des Entzückens auf bei der unmittelbar darauf einsetzenden Szene ihres Wiedererwachens zu neuem Leben!

Sanfte Musik trifft die Schlummernde. Sie öffnet die Augen, erhebt sich halb — lauscht den lieblichen Liedern unsichtbarer Geister — erhebt sich — sucht die Sänger bald hier, bald dort zu entdecken — immer mehr wird ihr Körper von den Rhythmen der aufjauchzenden Musik bewegt, wirbelt schneller und schneller dahin, daß das leichte Kleid in tausend Wellenlinien den Körper umspielt und dessen Formen heraushebt — die Hände flehend emporgestreckt, die Blicke bittend, die Lippen halb offen, sehnsüchtige Seufzer aushauchend. Aber die unsichtbaren Sänger bleiben unerbittlich und zeigen sich nicht, senden nur einen Regen von Rosen auf sie herab, die sich zu ganzen Gewinden verdichten und allmählich die Bühne mit ihrem bunten Netzwerk verhüllen.

Dann erhebt sich der Blumenschleier unter langsam wallenden Wogen der Musik, und um sie herum ist alles verwandelt. Ein Palast hat sich aufgetan — die Wohnstätte Amors. — Alles glitzert und glänzt von edlem Metall und buntem Gestein — staunend steht sie da, ohne zu wagen, sich zu rühren, und blickt alles scheu an. Dann, von Neugier überwältigt, betastet sie alles in kindlicher Freude. Sehnsüchtig blickt sie sich nach Gespielinnen um, aber vergebens! Alles Erdenkliche, was ihr zur Erquickung oder zur Bequemlichkeit dienen kann, ist, kaum gewünscht, sofort zur Stelle! — Der Becher mit Wein, den Durst zu löschen — der reich besetzte Tisch, um den Hunger zu stillen! Und als sie, vor Erschöpfung müde, umsinkt, empfängt sie ein prachtvolles Lager, auf dem sie sanft einschlummert. Da kommt im Traum Gott Amor — in rosenrotem Dämmerlicht schwebt er einher. Sie sieht ihn nicht, fühlt aber seine Nähe. Eine leichte Unruhe bemächtigt sich ihrer. Ohne die Augen aufzutun, wirft sie sich unruhig hin und her, die Lippen flüstern leise, sie streckt die Arme sehnsüchtig aus. Da schleicht er an ihr Lager, schmiegt sich an sie — sie erwacht — der Traum ist aus — der Geliebte verschwunden. Sie setzt sich auf, blickt sich nach ihm um — selig glaubt sie seine Stimme zu hören — schmerzvoll seufzend horcht sie auf seinen Befehl, legt die Hände auf die Augen, wie um ihnen das Sehen zu verbieten, drückt sie gegen den Mund, um ihm das Fragen zu untersagen — alles mit einer Natürlichkeit der Empfindung und einer Intensität im Ausdruck, die keinen Zweifel über den Vorgang aufkommen lassen.

Dann sinkt sie wieder um — ein Traum erschreckt sie. — Die Schwestern — neidisch auf ihr Glück, erscheinen, um sie zu verhöhnen, zeigen ihr — im Traum — das Ungeheuer, dem sie angeblich vermählt wurde, reden ihr vor, es wäre der Gebieter des Hauses und wage wegen seiner grausigen Gestalt nicht, sich ihr zu zeigen! Sie belehren sie, wie sie es töten soll, wenn es das nächste Mal im Dunkel der Nacht ihr zur Seite ruht, und schleichen davon — ihr heimlich den Dolch und die Lampe lassend.

Sie erwacht voll Entsetzen, flieht von ihrem Lager, wankt, von Angst und Grausen gepackt, durch die jetzt dunkle Halle — findet die verhüllte Lampe und den Dolch und schleicht dann, mit ihrer immer mehr zunehmenden Angst kämpfend — die Lampe hoch in der ausgestreckten Hand haltend, das Gesicht abgewandt, den Dolch an den keuchenden Busen gedrückt — zurück zum Lager, wo Amor wieder schlummernd liegt, schaudernd zögert sie und bricht halb zusammen! Und dann der schnelle Entschluß — der sich aufbäumende Trotz — der jähe Wille zur befreienden Tat — das Aufraffen der letzten Kraft — das zaghafte Hinblicken — die Überraschung — das Staunen beim Anblick des schlafenden Gottes — das Fallenlassen des Dolches — die Zerknirschung, die Gewissensbisse — die wuterfüllte Drohung gegen die unsichtbaren Traumschwestern, deren Hohnlachen sie um sich zu hören glaubt! Dann das schrankenlose Aufgehen in diesem ungeahnten Glück — die Bewunderung, die Anbetung — das zaghafte Nahen — das Erhaschen und Fallenlassen seiner herabhängenden Hand — die Betastung seiner Flügel — das Auffinden seiner Waffen, das Spiel damit, die Verwundung an seinen Pfeilen und dann das sofort einsetzende Auflodern der Leidenschaft, die sie alles vergessen macht — das Hinsinken auf die Knie neben dem Schlafenden — das Aufgehen in einem namenlosen Glücksgefühl — und schließlich das Besitzergreifen des Glückes — das Zusammenbrechen über dem Geliebten und der Kuß, der ihn halb erweckt. Dann das Aufschrecken ob ihrer Dreistigkeit — die Flucht, die Wiederkehr, das unwiderstehliche Hingezogenwerden — das leichte Hinschleichen auf den Fußspitzen, um sich wieder an seinem Anblick zu weiden — das Zittern der Hand, die die Lampe hält, und dann die Katastrophe — der Tropfen brennenden Öls, der ihm auf die Schulter fällt und ihn jäh erweckt — das Zusammenbrechen unter seinem Zorn — ihr vergebliches Flehen, ihr Schluchzen, ihr Haschen nach seiner Hand, seiner Kleidung — ihr Versuch, ihn gewaltsam zurückzuhalten, und dann die Verzweiflung, als sie sich verlassen sieht und ohnmächtig zusammenbricht — das waren alles Momente der höchsten Kunst, die Babara mühelos geben konnte, weil sie's im Moment des Gebens sah und erlebte. Sie weilte in einer anderen Welt, hoch über allem Irdischen, und als der Vorhang fiel und der tosende Beifall der aufs höchste aufgeregten Menge draußen einsetzte, da erwachte sie mit einem heftigen Schrecken aus ihrem Traum. Sie war wieder auf der Erde, aus allen Himmeln gefallen; und mehr tot als lebendig ließ sie sich von Fossano an die Rampe schleppen, um die begeisterte Huldigung des Publikums anzunehmen.

»Nie mehr werde ich's können — nie mehr werde ich so voll darin aufgehen und alles vergessen«, jammerte sie, als der Vorhang zum letztenmal fiel und Fossano sie umarmte und beglückwünschte.

»Du kannst«, erwiderte er, »wenn du nur mir folgst! An meiner Hand, unter meiner Führung wirst du das und noch viel mehr lernen! Aber — du mußt dich führen lassen — du mußt mir unbedingt gehorchen. Willst du?«

»Ja«, antwortete sie ohne Bedenken, aber auch ohne ihn zu verstehen.

Er war sich auch nicht ganz klar über die Tragweite seiner Worte, aber er folgte seinem Instinkt. Aus der Kulisse hatte er ihr Spiel verfolgt, sie innerlich Szene für Szene vorwärts getrieben; mit seiner ganzen Geisteskraft war er dabei gewesen, hatte alles miterlebt, jede ihrer Empfindungen voraus empfunden und sie so gestützt. Und jetzt, als es aus war, war er ebenso erschöpft wie sie. Und so sehr er sich auch über den Sieg freute — er empfand nur, wie sie, Angst, daß das alles verloren gehen könnte, daß es nie wiederkehren würde; aber auch, daß es seine Aufgabe sein würde, dafür zu sorgen, daß nicht dies echte schlackenfreie Talent, dem kein Mißerfolg je etwas anhaben könnte, durch den Triumph hochmütig gemacht und so zugrunde gerichtet werde.

»Demütigen, demütigen!« war sein erster Gedanke. Und so fing er, noch ehe sie die Bühne verlassen hatte, an, sie zu kritisieren und sagte ihr alle Fehler, die sein scharfes Auge, trotz seines Entzückens, gesehen hatte. Ernst und sachlich setzte er ihr auseinander, wie weit sie von der Vollendung entfernt sei — wieviel sie noch zu lernen hätte — wie wenig die Leute im Zuschauerraum begriffen, und wie wertlos ihre Beifallsäußerungen seien! So nahm er ihr sorgsam jedes eigene Verdienst, schon ehe sie sich ihres Sieges bewußt worden war und sich daran berauschen konnte. Er hatte sie wieder unterjocht — er hatte sie in der Gewalt und gewann damit auch seine eigene Sicherheit wieder.

Der Mutter spendete er, als sie, im Überschwang ihres Glückes, sich in Lobeshymnen erging, herablassend einige kühl bemessene Worte der Anerkennung für das unzweifelhafte Talent ihrer Tochter.

Es würde schon was aus Babara werden! Er glaubte es schon! — Aber — man könnte ja nicht wissen! Das Leben hinge von soviel Zufälligkeiten ab! Jedenfalls wollte er sich ihrer annehmen und mit ihr weiterarbeiten! — Sooft seine »Psyche« gegeben würde, sollte sie darin spielen dürfen, vorläufig ohne Gehalt, denn man könne nicht anders — wegen der anderen Tänzerinnen! Man müsse ihre Gefühle schonen! Sie wären schon ohnehin ärgerlich, daß er nicht einer von ihnen die Rolle gegeben hatte!

Er wolle aber mit aller Energie an ihrer Vervollkommnung arbeiten! Er wolle nichts dafür haben! — Aber sie müsse sich ganz seiner Führung anvertrauen! Das wäre die Bedingung!

Das sagte ihm die Domina auch zu, ehe sie beglückt dem Ausgang zuschritt, wo Tausende von Menschen sich gestaut hatten, um dem neuaufgegangenen Stern ihre Huldigung darzubringen. Begeisterte Zurufe flogen Babara entgegen, als sie sich zeigte — schüchtern blickte sie Fossano an, wie um Erlaubnis zu fragen, ob sie auch das alles auf sich beziehen dürfe! Er verzog keine Miene. Er gab ihr nur den Arm und führte sie ironisch lächelnd zu seinem Wagen, um sie nach Hause zu bringen und sie so ihren Verehrern zu entziehen!

Das gelang ihm freilich nicht. Ein Dutzend junge Leute nahmen den Wettlauf auf und folgten dem wegen des Gedränges nicht übermäßig schnell fahrenden Wagen.

Kaum waren sie in der bescheidenen Behausung der Campanini angelangt, so sammelte sich schon eine ganze Menschenmasse unter den Fenstern. Bald erklangen die Gitarren, und liebegirrende Stimmen schmetterten ihre sehnsüchtigsten Töne in die Nacht hinein. Die Passanten blieben stehen und nahmen an der Kundgebung teil. Und bald war an kein Durchkommen mehr zu denken.

Die Domina schwelgte in Wonne. Babara wurde auch freudig bewegt. Die Geschwister waren außer sich vor Freude über den Triumph — das ganze Haus in größter Aufregung.

Nur Fossano blieb ruhig. Seine Züge verfinsterten sich mehr und mehr.

Schließlich konnte er nicht an sich halten.

»Höre nicht hin!« rief er. »Bei allem, was dir heilig ist, höre nicht hin! Wenn es dir ernst um die Kunst zu tun ist, dann höre nicht hin! Erst wenn du eine große Künstlerin bist, darfst du's wagen! Heute bist du nur eine große Hoffnung! Ein Versprechen, das nur durch emsige Arbeit in strenger Abgeschiedenheit einzulösen ist! Erst das! Dann tu, was du willst!«

Sie blickte ihn groß an. Sie verstand ihn nicht — hörte kaum zu. Draußen lockte das Leben — von dort drangen liebliche Klänge herein und schmeicheltem ihrem Ohr mit süßem Wohllaut! In ihr jauchzte es von Glück und Stolz! Das Leben brauste durch ihre Adern und rief sie hinaus zum Genuß und zum Glück! — Und er, der ihr den Weg in dieses Leben gezeigt hatte — er hielt sie zurück!? Er zeigte ihr das Ziel — und verbot ihr, es im Flug zu nehmen?!

»Wer etwas werden will«, sagte er noch eindringlicher, »darf sich nicht von den Freuden der Welt verlocken lassen! Nicht hinsehen! Nicht hinhören! Alle Sinne nur auf das Ziel richten, mit allen Trieben ganz und voll in der Kunst aufgehen! — Dein ganzes Sehnen, dein gesamtes Trachten mußt du nur darauf richten, die Schwierigkeiten des Weges zu überwinden! Nur so kannst du den höchsten Gipfel erklimmen! Und dazu bist du unter Tausenden ausersehen, wenn du treu bleibst! Einmal oben, dann entfalte die Schwingen — dann heb an zum Flug und bewege dich frei — aber erst dann! — Willst du's so halten?«

»Ja!«

»Dann bringe ich dich auch so weit! Aber du mußt geloben, blind meiner Führung zu folgen. Du mußt mir unbedingten Gehorsam versprechen![2q] Willst du das?«

»Ja.«

»Du darfst nie einen jungen Mann mit liebenden Augen ansehen, nie den Worten der Verführung lauschen — streng darauf achten, deinen Sinn rein von aller Betörung zu halten! Schwöre es bei allem, was dir heilig ist — bei der Madonna ——«

»Bei der Himmelfahrt im Dom«, sagte sie und lächelte inbrünstig — »dabei schwöre ich ——« »Stets so zu bleiben, wie's die heilige Kunst von mir verlangt —« sprach er ihr vor.

»Stets so zu bleiben, wie's die heilige Kunst von mir verlangt«, wiederholte sie feierlich.

Aber es genügte ihm nicht.

»Und brichst du den Eid«, sagte er, und es funkelte drohend in seinen Augen, »so jage ich dich auf der Stelle fort. Dann bist du nicht mehr meine Schülerin! Dann mußt du selbst sehen, wie du dich durchschlägst!« Große Tränen drangen ihr in die Augen.

»Ich bleibe treu«, sagte sie fast schluchzend. »Die Madonna[6] wird mir helfen! Alle Tage will ich ihr Blumen opfern.«[3q]

Draußen klangen noch die Lieder ihr zu Ehren. Sie hielt sich die Ohren zu.

»Ich will gehen und sie fortjagen!« sagte Fossano. »Lebe wohl — morgen in der Probe sehen wir uns wieder.«

Er ging. Draußen versuchte er die Sänger zum Schweigen zu bringen. Aber sie lachten ihn aus. »Er ist eifersüchtig — er will sie selbst für sich behalten. Der Schwerenöter! Das Schleckermaul! Don Juan du!« riefen sie. »Psyche hat schon ihren Amor gefunden! Fossano — evviva! Fossano — amoroso! Evviva!«

Lachend nahm er die Huldigung an und bestritt es mit keinem Worte, daß er ihr Liebster sei. Mochten sie's nur glauben — dann würden sie sie in Frieden lassen! Sie würden sich hüten, es mit ihm aufzunehmen!

Sie mochten dasselbe gedacht haben. Denn sie zogen lachend und johlend ab und widmeten im Gehen schnell noch ein Spottlied der spröden Schönen, die sich zum Dank für das Ständchen nicht einmal gezeigt hatte.

Fossano schickte seinen Wagen fort und ging zu Fuß nach Hause.

Er kam sich in der Rolle eines Sittenpredigers sonderbar vor! Weiß der Teufel, was in ihn gefahren war! Sonst hielt er es in der Beziehung nicht streng mit seinen Schülerinnen! — Sonst war er eben für jede Freiheit! Aber diese — — um die war ihm bange! Sie war ein seltenes Juwel, das ihm das Glück in die Hände gespielt hatte und das er nicht herausgeben wollte, ehe er ihm den besten Schliff und die schönste Fassung gegeben hätte, damit es über alle Welt leuchten könnte.

Und das war nur so möglich! Ihr ganzes Triebleben mußte ganz folgerichtig und mit vollem Bewußtsein auf den Ehrgeiz gerichtet werden, in der Kunst das Höchste zu leisten, bis sie ganz Meisterin geworden wäre! Da würde er sie auf das Leben loslassen!

Aber er — er selbst mußte das tun — kein anderer durfte es, und vor allem keine Minute zu früh!

Solange wollte er die eigene Leidenschaft, die schon jetzt in ihm loderte, zurückzudämmen suchen! Und wenn er selbst als Lohn für seine Mühe die Blume gepflückt hätte, dann wollte er ihre Leidenschaft in die richtige, die für die Karriere einzig mögliche Bahn leiten, ins Vergnügen, zum Rausch! Aber sie nimmermehr zur großen Passion oder gar zur hingebenden Liebe werden lassen. Die mußte gründlich abgetötet werden, sonst würde sie die Kunst töten.

Das sollte der Gipfel seiner Erziehung sein! Denn nur so könnte er ihrer Kunst die letzte Weihe geben, die der bewußten Sinnlichkeit, die ihr jetzt mangelte und auch noch lange nicht zur Entfaltung kommen durfte — ehe sie auch als Künstlerin reif genug wäre, zu begreifen, wie in dieser Welt der Sinne die Selbstherrlichkeit des Fleisches herrscht und wie der Geist Fleisch werden muß, um hier zu gebieten — —

Er lächelte befriedigt bei dem Gedanken, schlug selbstgefällig den Mantel um die Schultern, drückte den Hut in die Stirn und ging halblaut summend nach Hause.

Babara aber verbrachte eine schlaflose Nacht voll unruhiger Gedanken. Und als der Morgen kam und alles noch in Schlaf versunken lag, schlich sie hinaus nach dem Dom, mit Blumen für die Madonna, und kniete da lange inbrünstig betend und in Betrachtung des Meisterwerks von Correggio[7] versunken.

4

Inhaltsverzeichnis

Sie machte so schnelle Fortschritte, daß er nicht aus dem Staunen herauskam. Sie bewältigte alles spielend leicht. — Es gab für sie keine Schwierigkeiten! Ihr Körper, elastisch wie eine Stahlfeder, war von der höchsten Harmonie der Formen, der größten Ausgeglichenheit der Glieder und einer fabelhaften Leichtigkeit der Bewegung. Der Tanz auf den Fußspitzen machte ihr gar keine Schwierigkeiten. In Sprüngen hatte sie nicht ihresgleichen. Sie hatte Rasse, Temperament und einen sprudelnden Humor, der sie für die burlesken Tänze ebenso geeignet machte wie für die seriösen. Aber bei allem Tempo und allem Übermut war über dem Ganzen doch eine Keuschheit und eine Unberührtheit, als tanze sie im Traum.