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Der frühchristliche Roman aus der römischen Kaiserzeit entwirft eindrucksvolle Szenen, in denen sich der Apostel Petrus mit einem verwegenen Gegner auseinandersetzt. Der Gegner, Simon der Magier, gibt vor, wie Petrus Wunder wirken zu können, und hat bereits viele Christen abspenstig gemacht. In Rom treten die beiden in einem öffentlichen Wettstreit gegeneinander an. Petrus kann die größeren Wunder wirken und so über seinen Gegner siegen; dadurch gewinnt er die zu dem Zauberer übergelaufene Gemeinde wieder für Christus. Doch als Petrus römische Frauen zur Keuschheit auch in der Ehe anstiftet, regen sich Gegenkräfte – und Petrus landet am Kreuz.Bernhard Lang erläutert den Roman und hat ihn erstmals allgemeinverständlich übersetzt.
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Seitenzahl: 138
Veröffentlichungsjahr: 2015
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Kleine Bibliothek der antiken jüdischenund christlichen Literatur
Herausgegeben von Jürgen Wehnert
Vandenhoeck & Ruprecht
Die Taten des Petrus
Übersetzt und eingeleitetvon Bernhard Lang
Vandenhoeck & Ruprecht
Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek
Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar.
ISBN 978-3-647-99703-2
© 2015, Vandenhoeck & Ruprecht GmbH & Co. KG, Göttingen / Vandenhoeck & Ruprecht LLC, Bristol, CT, U.S.A.www.v-r.deAlle Rechte vorbehalten. Das Werk und seine Teile sind urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung in anderen als den gesetzlich zugelassenen Fällen bedarf der vorherigen schriftlichen Einwilligung des Verlages.Produced in Germany.
Satz: SchwabScantechnik, Göttingen
Inhalt
Einleitung
Inhalt des Werkes
Literarische Gattung und Quellen
Erzählung und Geschichte
Autor und Zeit der Abfassung
Anhang I: Die Tat des Petrus – ein koptischer Text
Anhang II: Aus den Taten des Petrus – ein griechischer Text
Wirkung
Zur Übersetzung
Literatur
Abbildungsnachweis
Dank
Übersetzung
Die Taten den Paulus
Paulus nimmt Abschied von Rom
Simon der Magier kommt nach Rom und spaltet die Gemeinde
Von Christus in einer Vision aufgefordert, reist Petrus von Jerusalem nach Rom
Petrus kommt in Italien an und nimmt Quartier bei Narcissus
Petrus hält eine erste Rede in Rom
Marcellus ist vom Christusglauben abgefallen – Petrus spricht einen Fluch über Simon
Petrus nimmt mit Hilfe eines sprechenden Hundes Kontakt zu Simon auf
Marcellus wendet sich von Simon ab und wird zum Freund des Petrus
Ein Besessener zertrümmert die Marmorstatue des Kaisers, Marcellus macht sie wieder ganz
Der sprechende Hund verhöhnt Simon den Magier
Petrus bringt einen getrockneten Fisch zum Schwimmen
Simon verlässt das Haus des Marcellus, Petrus lässt ihn nicht in die Wohnung des Narcissus
Ein Bericht des Petrus: Simons Diebstahl des Goldes der Eubula in Jerusalem
Petrus wirkt Wunder und predigt im Haus des Senators Marcellus
Der Traum des Marcellus
Simon der Magier und Petrus auf dem Forum von Rom unter den Augen der ganzen Stadt
Ein Rededuell zwischen Petrus und Simon
Simon tötet einen Sklaven – Petrus erweckt ihn und den Sohn einer Witwe
Simon versucht, den toten Senator Nicostratus zu erwecken
Der Präfekt verprügelt Simon, Petrus erweckt den toten Nicostratus
Petrus nimmt Geld von einer Frau von zweifelhaftem Ruf
Simon fliegt vor aller Augen und stürzt ab
Fromme Frauen verweigern sich, von Petrus angestiftet, ihren Männern
Petrus will Rom verlassen, doch Christus erscheint ihm unterwegs
Petrus wird gefangengenommen, gekreuzigt und gibt eine Geheimlehre preis
Die Träume des Senators Marcellus und des Kaisers Nero
Anhang I – Die Tat des Petrus(Fragment eines koptischen Textes)
Warum die Tochter des Petrus halbseitig gelähmt ist und er sie nicht heilen will
Anhang II – Aus den Taten des Petrus(Fragment eines griechischen Textes)
Petrus spricht mit dem Satan und dessen Gefolge und weist sie in die Schranken
Abkürzungen der biblischen Bücher
Einleitung
In den Taten des Petrus werden zwei miteinander verwobene Geschichten erzählt: die Auseinandersetzung zwischen Petrus und seinem Gegner, Simon dem Magier, und der Tod des Petrus. Wir wollen sie kurz als Simonerzählung und Petruserzählung voneinander unterscheiden.
Die Simonerzählung hat einen doppelten Anfang: einen in Rom und einen in Jerusalem. Der Apostel Paulus, der eine Zeit lang in der Christengemeinde in Rom wirkte, ist abgereist, um seine Missionstätigkeit in Spanien fortzusetzen. Zwar gibt es in Rom einen frommen Presbyter namens Narcissus, doch dieser besitzt nicht die Autorität des Paulus. Der soeben nach Italien gekommene samaritanische Magier Simon erscheint in Rom und beginnt, sich der dortigen christlichen Gemeinde als Wunder wirkender Gottesmann zu empfehlen. Er gebärdet sich als neuer Gott, während er den Gott der Christen ablehnt. Von Simons Wundern begeistert, fällt fast die ganze Gemeinde von ihrem bisherigen Glauben ab und schließt sich dem Zauberer an. Dieser findet einen großzügigen Gönner in dem Christen Marcellus, einem vermögenden römischen Senator. Marcellus bietet Simon Quartier und stellt ihm reiche Geldmittel zur Verfügung. Gleichzeitig geschieht etwas Unerwartetes in Jerusalem: In einem Traum unterrichtet Christus den Apostel Petrus von den römischen Vorgängen. Er erinnert Petrus an dessen früheren Triumph über Simon und beordert ihn sogleich nach Rom. Umgehend begibt sich Petrus per Schiff nach Rom. Dort nimmt er Quartier im Haus des Narcissus und fordert Simon zur Auseinandersetzung heraus. Petrus kann Marcellus zum wahren Glauben zurückgewinnen, so dass er Simon aus dem Haus wirft. Dann kommt es zum öffentlichen Wettkampf zwischen den beiden Protagonisten: Wer kann ein wahres Wunder wirken – Simon oder Petrus? Simon gelingt es nicht, einen Toten ins Leben zurückzurufen; für Petrus ist das aber kein Problem. Doch Simon gibt sich nicht geschlagen. Er kündigt an, er werde öffentlich in den Himmel emporfliegen, um dorthin zurückzukehren. Eine große Menschenmenge erlebt, wie Simon fliegt, doch Petrus bittet Christus, einzugreifen. So stürzt Simon ab, bricht sich die Knochen und stirbt kurz darauf. Der Sieg des Petrus ist vollständig, und die Ordnung in der römischen Gemeinde wiederhergestellt.
Petrus bleibt nach dem Tod Simons in Rom. An dieser Stelle beginnt die zweite Erzählung: Die Predigt des Petrus findet besonders bei den Römerinnen viel Anklang. Seiner Verkündigung entnehmen sie die Aufforderung zur Keuschheit, genauer: zur Enthaltsamkeit auch in der Ehe. Als viele Frauen, auch die des heidnischen Stadtpräfekten Agrippa, ihren Männern das eheliche Beilager aufkündigen, formiert sich Widerstand gegen Petrus. Er soll verhaftet werden, doch Petrus bekommt davon Wind. Man drängt ihn zur Flucht, doch vor den Toren Roms hat er eine Erscheinung: Er sieht Christus, der in die Stadt Rom kommt. Von Petrus befragt, warum er hier sei, antwortet er: Um noch einmal gekreuzigt zu werden. Dies bezieht Petrus auf sich selbst und er kehrt in die Stadt zurück. Agrippa lässt Petrus verhaften und kreuzigen. Der Apostel hält sich für unwürdig, wie Christus zu enden, und so lässt er sich mit dem Kopf nach unten (statt nach oben) kreuzigen. Bevor er am Kreuz stirbt, hält er noch eine lange Rede. Darin entfaltet er eine geheimnisvolle, in den Einzelheiten für uns unverständliche Theologie der sichtbaren und unsichtbaren Wirklichkeit sowie der Entstehung der Welt. Die Erzählung endet mit einer kleinen Episode nach dem Tod des Petrus: Kaiser Nero hört von der Hinrichtung des Petrus und rügt Agrippa, weil er Petrus nicht eines qualvolleren Todes hat sterben lassen.
Dieses Resümee bleibt naturgemäß dürftig. Den Leser erwarten, über das Werk verstreut, schön ausgeführte Episoden: Ein mit menschlicher Stimme sprechender Hund verhöhnt Simon; Petrus berichtet, wie er in Jerusalem einer Frau ihren gestohlenen Goldschatz wieder zurückbrachte; die Gemeinde versammelt sich zum Gottesdienst, Petrus erklärt das Evangelium und lässt seine eigene Lebensgeschichte mit einfließen; wiederholt heilt Petrus Kranke; ihm zugestecktes Geld nimmt er ohne Bedenken an, um damit die Armen zu unterstützen.
Zur besseren Übersicht, nun alphabetisch, die wichtigsten Personen in den Taten des Petrus:
Agrippa: Heidnischer Stadtpräfekt (praefectus urbi) von Rom, verantwortlich für die öffentliche Ordnung. Als Schiedsrichter zwischen Simon und Petrus steht er auf der Seite der Christen, doch später lässt er Petrus hinrichten.
Marcellus: Römischer Senator und Christ, ein wohlhabender Mann, die Stütze der Gemeinde, jedoch zeitweise auf der Seite Simons stehend. Oft versammelt sich die Gemeinde in seiner geräumigen Villa.
Narcissus: Eingeführt als Presbyter (presbyterus), ist er die einzige Amtsperson in der römischen Christengemeinde. In seiner Wohnung kann er Gäste unterbringen. Petrus und andere nehmen bei ihm Quartier.
Paulus: Der Apostel befindet sich am Anfang der Erzählung unter Bewachung in Rom (im Anschluss an Apg 28,16.30–31), dann begibt er sich auf Missionsreise nach Spanien. Man erwartet seine Rückkehr, über die jedoch nicht berichtet wird.
Petrus: Der Apostel reist von Jerusalem nach Rom, um den Kampf gegen den Magier Simon aufzunehmen, der die Gemeinde zum Abfall von Christus verführt hat. Im Wettstreit mit Simon ist Petrus überlegen kraft seiner Fähigkeit, Wunder zu wirken. Der Stadtpräfekt Agrippa lässt ihn schließlich kreuzigen.
Simon: Der aus Judäa von Petrus vertriebene samaritanische Zauberer kommt nach Rom, nimmt Quartier im Haus des Marcellus, und hält die Christengemeinde zum Narren, bis ihn Petrus der Scharlatanerie überführt. Als er sich bei einem Flugversuch die Knochen bricht, muss er Rom verlassen und stirbt.
Nach modernen Begriffen haben wir es mit einem kurzen Roman oder einer Novelle zu tun. Der heutige Bibelleser ist mit solchen Erzählungen mit fiktiver Handlung vertraut, er muss nur an die Geschichte von Josef und seinen Brüdern in Ägypten, die Erzählung von Esther, der jüdischen Gattin des Perserkönigs Artaxerxes, oder – unter den alttestamentlichen Apokryphen – an die Geschichte von Judith denken, jener Heldin, die den feindlichen Feldherrn Holofernes durch ihre Schönheit blendet und dann tötet. Solche Erzählungen hat man auch über die Apostel Jesu gedichtet. Schon die Apostelgeschichte enthält nicht wenige Episoden, die man als Apostelfiktion bezeichnen kann. Solche Erzählungen gehen teils auf freie Phantasie, teils auf historische Erinnerung zurück, und es will nur selten gelingen, Fakten und Fiktionen zu unterscheiden.
Auf die Seite der Fakten gehören im Falle der Taten des Petrus zumindest zwei der handelnden Personen: Petrus und Paulus. Die Fiktion arbeitet mit einem Repertoire bewährter Motive, die sich auch sonst in biblischen Erzählungen und im antiken griechischen Roman finden: Wanderungen oder Reisen, oft in Gestalt von Seefahrten; das Vollbringen von Wundertaten, etwa Heilungen; Ungeheuerliches wie etwa ein sprechendes Tier; Lenkung des Geschehens durch göttlichen Befehl, der den Empfänger oft im Traum erreicht; und, besonders beliebt, Erotik – man denke an den Versuch der Ägypterin, Josef zu verführen, in den Taten des Petrus an die Weigerung der Frauen, mit ihren lüsternen Männern weiterhin das Bett zu teilen.
Drei Quellen, von denen sich der Autor der Taten des Petrus inspirieren ließ, sind klar zu erkennen: Es sind die Apostelgeschichte und die beiden Petrusbriefe aus dem Neuen Testament sowie die um 150 n. Chr. entstandene Apologie von Justin dem Märtyrer. In diesen Büchern fand der Autor Themen, die er literarisch weiterentwickelte. Aus der Apostelgeschichte weiß der Autor vom Aufenthalt des Paulus in Rom, von der Seefahrt von Cäsarea (als Hafen von Jerusalem) nach Puteoli (als Hafen von Rom), von der prominenten Stellung des Petrus in der frühen Jerusalemer Christengemeinde, und vor allem von dessen Kontroverse mit Simon dem Magier. In der Apostelgeschichte wird Simon als heidnischer Mann geschildert, der durch seine Zauberkünste in der Stadt Samaria (Sebaste) eine beachtliche Anhängerschaft gewinnt (Apg 8). Durch die christliche Predigt des Philippus werden er und seine Anhänger zu Gläubigen und lassen sich taufen. Als Petrus nach Samaria reist, um den Gläubigen durch Handauflegung den Geist Gottes mitzuteilen, kommt es zu einem Zwischenfall: Simon bietet Petrus Geld an, wenn er ihm die Macht überträgt, den göttlichen Geist auf andere zu übertragen. Anders ausgedrückt: Simon möchte sich die Apostelwürde erkaufen. Schroff weist ihn Petrus zurück. Die Szene endet mit der Bitte Simons, für ihn bei Gott um Schutz vor den ihm angekündigten Strafen zu flehen. Für den Autor der Taten des Petrus ist Simon kein Mitglied der christlichen Gemeinde, sondern jemand, der magische Künste pflegt und den Aposteln Konkurrenz macht.
Aus der zweiten Quelle, den Petrusbriefen, hat unser Autor mehrfach geschöpft. Dem ersten Petrusbrief entnahm er die Mahnung des Apostels an die Gläubigen, sich der weltlichen Obrigkeit unterzuordnen und einander zu lieben: „Unterwerft euch um des Herrn willen jeder menschlichen Ordnung (...). Erweist allen Menschen Ehre, liebt die Geschwister, fürchtet Gott, und ehrt den Kaiser.“ (1. Petr 2,13.17) Im zweiten Petrusbrief stieß der Autor auf ein Interesse des Apostels an Tieren mit menschlicher Stimme. Der Brief erwähnt eine alttestamentliche Episode, die von einem „mit menschlicher Stimme“ redenden Lasttier handelt (2. Petr 2,16). Vermutlich war es diese Stelle, die unseren Verfasser zur Episode vom sprechenden Hund anregte. Bevor ihn Petrus zum Reden bringt, bewacht der angekettete Hund das Haus des Marcellus. Man denkt unwillkürlich an ein Fußbodenmosaik aus Pompeji: Ein großer schwarzer Hund zerrt an seiner Kette, den Schwanz aufgestellt, geduckt zum Angriff, die Zähne fletschend, mit der Beischrift cave canem – Warnung vor dem Hunde. Wir sehen, wie sorgfältig der Autor seine Einfälle ausgearbeitet hat, um seine Erzählung anschaulich zu gestalten. Wenn der Verfasser den Hund nach Beendigung seiner Mission sterben lässt, mag er dazu von der in der römischen Kaiserzeit kursierenden ägyptischen Erzählung vom „Lamm des Bokchoris“ inspiriert worden sein: Das Lamm kündet dem Land Ägypten eine auf allgemeines Chaos folgende Heilszeit an; dann fällt es tot um (Demotischer Papyrus D 10.000 aus dem Jahr 4 n. Chr., Österreichische Nationalbibliothek, Wien).
Die dritte prominente Quelle unseres Autors, die Apologie von Justin dem Märtyrer, ist eine in Rom in griechischer Sprache entstandene kleine Schrift, geschrieben von einem frühchristlichen Lehrer und Philosophen. Justin stammt aus Palästina, genauer: aus Neapolis, dem heutigen Nablus, das in der Antike zu Samaria gehörte. Zeitweilig lebte er in Rom. Die Apologie will das Christentum der heidnischen Öffentlichkeit als eine überlegene oder zumindest Anerkennung verdienende Religion darstellen. In ihr findet sich folgender merkwürdiger Abschnitt:
„Ein gewisser Samaritaner Simon aus dem Flecken Gittä hat unter Kaiser Claudius (41–54 n. Chr.) durch die Macht der in ihm tätigen Dämonen in eurer Kaiserstadt Rom Zauberkünste ausgeübt. Ihr habt ihn für einen Gott gehalten und durch eine Bildsäule geehrt. Diese Bildsäule steht im Tiber mitten zwischen den zwei Brücken und trägt eine lateinische Inschrift: Simoni deo sancto.“ (Justin, Apologie I 26) Tatsächlich wurde die von Justin erwähnte Bildsäule gefunden, und zwar an dem genannten Ort, der Tiberinsel (Isola Tiberina). Es handelt sich um die Basis einer Marmorstatue mit der Aufschrift Semoni Deo Sanco Fidio Sacrum, zu Deutsch: „Dem Gott Semo Sancus Fidius geweiht“, einem bekannten altrömischen Gott. Offenbar deuteten Justin und seine christlichen Zeitgenossen die Inschrift anders, nämlich „Dem heiligen Gott Simon geweiht“. Wie Justin zu dieser Fehlinterpretation kam, lässt sich etwa folgendermaßen nachvollziehen: Er kam nach Rom, sprach mit dort lebenden Gläubigen und erzählte ihnen von seiner Herkunft aus Samaria. Da berichtete man ihm von einer Säule mit lateinischer Inschrift, die Simon nenne. Justin glaubte dies, ohne selbst nachzuforschen. Aufgrund dieses Missverständnisses entstand unter römischen Christen die Meinung, Simon der Magier habe nicht nur in seiner Heimat Samaria, sondern auch in Rom sein Unwesen getrieben.
Diese drei Quellen sowie das angeführte Repertoire der Romanmotive lieferten dem begabten Autor genügend Stoff für seine Erzählung. Sein produktiver literarischer Einfall lässt sich unschwer erkennen: Der Magier Simon war nach Rom gekommen und hat dort göttliches Ansehen erlangt. Das konnte erst geschehen, als Paulus nicht mehr in Rom war, sondern auf Missionsreise in Spanien. So lag es nahe, auch Simons Gesprächspartner Petrus, nun zum Gegner stilisiert, nach Rom zu holen. Was sich dort ereignet, entstammt der fast unerschöpflichen Phantasie des Erzählers.
Schon in der frühen Kirche wurden den Taten des Petrus zwei Mitteilungen entnommen und als Fakten verstanden: der Aufenthalt des Petrus in Rom und sein dortiger Märtyrertod. Ein weiteres Faktum, die Bestattung des Petrus in Rom, ließ sich daraus erschließen. Alle drei Angaben sind heute unter Historikern umstritten. Während manche die Angaben als historisch zuverlässig einschätzen, neigen andere – wie der Bearbeiter der vorliegenden Schrift – dazu, sie als unverbürgt und legendär einzustufen. Wir haben es mit freier Erfindung durch den frühchristlichen Erzähler zu tun: Erst lässt er Simon durch eine missverstandene Inschrift nach Rom gelangen, dann in dessen Gefolge auch Petrus.
Wenn wir daher vom historischen Thema „Petrus in Rom“ Abschied nehmen müssen, bedeutet das nicht, die Taten des Petrus seien geschichtlich völlig wertlos. Sie ermöglichen uns überraschende Einblicke in das frühchristliche Gemeindeleben. In der Gemeinde spielt der Gemeindeälteste, der den Titel Presbyter trägt, eigentlich keine Rolle. Ablesen lässt sich das an dem Presbyter Narcissus, der in der Erzählung eine blasse Nebenfigur bleibt. Von der Gemeinde wird er nicht sonderlich ernst genommen – die Mitglieder fallen scharenweise auf einen dahergelaufenen Charismatiker herein, der vorgibt, Wunder wirken zu können. Narcissus wird als ein Mann vorgestellt, der zwar Gäste bei sich aufnimmt, sich aber kein eigenes Haus leisten kann. Man hat den Eindruck, dass er zur Miete im Obergeschoss eines jener bekannten mehrgeschossigen Häuser lebt, in denen das römische Proletariat wohnte (vgl. Taten des Petrus 14). Fraglich bleibt, ob man in einer solchen bescheidenen Wohnung tatsächlich christliche Versammlungen abhalten kann (Taten des Petrus 13). Offenbar ist der Autor mit den römischen Wohnverhältnissen nicht vertraut.
In ganz anderen Umständen lebt Marcellus, der angesehene und reiche Großbürger mit Verbindungen zur Regierung. In seinem geräumigen Haus, einer Art Stadtvilla, finden Gottesdienste statt, er
