Die Taucherin - Aino Trosell - E-Book

Die Taucherin E-Book

Aino Trosell

3,9

Beschreibung

Was als normaler Taucheinsatz auf einer Öl-Bohrinsel geplant war, endet in einem Albtraum. Nicht nur, dass der angedachte fünfte Mann im Tauch-Team eine Frau ist - womit nicht alle einverstanden sind - auch der Auftrag des Teams ändert sich schlagartig. Anstatt die Pipeline zu reparieren soll das Team plötzlich die Besatzung eines havarierten U-Bootes retten. Doch die bringt eine böse Überraschung mit an Bord der Taucherglocke, und der Albtraum beginnt... Rezensionszitat "Ein Kapitän-Nemo-Abenteuer, bei dem der Leser die Luft anhält." - Frankfurter Allgemeine Zeitung, 7.12.2001 Biografische Anmerkung Aino Trosell (*1949) in der schwedischen Kleinstadt Malunge, wurde in Göteborg zunächst als Sozialarbeiterin ausgebildet. Ihr Romandebüt "Sociale Svängen", in dem sie die Erfahrungen als Sozialarbeiterin verarbeitete, erschien 1978. Neben Romanen und Erzählungen, die ihr etliche skandinavische Literaturpreise einbrachten, verfasst Aino Trosell auch Drehbücher für Film und Fernsehen, darunter Adaptionen ihrer eigenen Romane. Die Autorin lebt heute wieder in ihrer Heimatstadt Malunge.

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Aino Trosell

Die Taucherin

Roman

Aus dem Schwedischenvon Gisela Kosubek

Saga

Diese Geschichte handelt von Angst. Angst vor dem Wasser. Angst vor dem Unbekannten. Angst vor der Tiefe und davor, daß es immer dunkler wird, je tiefer man kommt. Daß der Druck steigt und die Lebenschancen sinken, wenn man den Griff lockert und es einfach geschehen läßt. Wenn man sich preisgibt.

Und ich träume – ich träume, eins zu sein mit meinem Element. Es ist dunkel, und ich treibe vorwärts durch das Unbekannte, kann nicht stoppen. Habe keine Kontrolle.

Plötzlich strahlt ein Scheinwerfer auf, und ich sehe den Meeresboden, ich bewege mich über den Schlick dahin, während der Ton meinen Körper mit seiner Riesenfaust knetet. Wie in einem Schraubstock stecke ich hoffnungslos fest. In meinem Traum. Der Griff dieser Faust – ich kann ihm nicht entkommen.

Eine Pipeline taucht im trüben Wasser auf. Es ist tief, woher weiß ich das? Es muß der Ton sein und das so ganz andere Element. Und weil es dunkel ist. Ich bin gezwungen, Licht mit nach unten zu nehmen.

Der Ton preßt das Wissen in meinen Körper, immer tiefer hinein in meinen Körper.

Und die Pipeline mündet in ein Bohrloch, von dem Rohre über den kargen lehmigen Boden wegführen, andere Rohre tauchen auf und verschwinden allesamt in Dunkelheit, in Finsternis. Stahlschlangen, unbiegsam und unbeweglich, ringeln sich über den welligen Boden, über einzelne Stahlbrücken, über Risse und Spalten, so als gäbe es die Härte des Stahls nicht.

Ein riesiges Fundament?! Beton. Wer bin ich? Wohin geht es? Der Lichtkegel sucht sich aufwärts, immer weiter aufwärts. Wie lange? Wie weit noch? Der Druck verändert sich, ich fühle es an dem Griff der Riesenfaust.

Licht? Ja, Licht, von oben jetzt. Ein graues Dämmerlicht, in dem Fische ruhig vorbeischwimmen.

Eine gewaltige Ankerkette. Der Griff der Tonfaust verändert sich. Ein Dach über mir? Was hindert das Licht? Kein Dach ... die Unterseite eines Schiffes!

Die Schrauben bewegen sich gemächlich, drehen sich gegeneinander, um das Schiff an Ort und Stelle zu halten.

Die Tonfaust löst erleichternd ihren Griff, und ich stoße an die Oberfläche.

Wirklichkeit! Richtige Töne, das Klatschen der Wellen und Möwengeschrei.

Ich liege auf dem sprühenden Wasser. Ich sehe die Schiffswand, die Spanten drücken gegen die Außenhaut. Biegen sich wie Rippen, ich sehe es aus meiner Fischperspektive, und nicht weit entfernt die große Bohrinsel auf ihren Betonfundamenten, die, ich weiß es jetzt, tief, unsagbar tief unter den Meeresspiegel reichen, bis dorthin, wo nur Druck, Dunkelheit und Angst existieren. Meine Antiweit.

Und die Sonne strahlt, die Möwen schreien, und der Himmel ist blau. Ich lebe – Gott, ich danke dir.

Unter mir lauert das Unbekannte.

Diese Geschichte handelt von Angst. Meiner Angst. Von mir. Ich kann mit diesem Wortungeheuer spielen, ohne seinen giftigen Biß zu spüren; ich erzähle, und ich habe Angst. Doch in der Welt, die ich schildere, wird dieses Wort nicht benutzt. Niemals!

Angst ist ein Nichts unter der Oberfläche.

Angst ist wasserlöslich, wird aufgelöst.

Angst verbindet sich mit dem Element selbst. Wird ein Teil von ihm.

Hat keinen eigenen Namen.

Keinen Namen.

I.

Ein Schweißtropfen läuft langsam über die Stirn, dann die Nase hinunter. Er wischt ihn irritiert weg.

Er steht über die geräumige Nylontasche gebeugt und füllt sie mit Slips, Unterhemden, Taschenbüchern, Kassetten, Strümpfen, T-Shirts, Pullovern und Werkzeug. Er ist fünfunddreißig Jahre alt, blond, durchtrainiert und braungebrannt. Wenn sein Blick nicht so unzufrieden wäre, würde er richtig gut aussehen.

Eigentlich hat er keine Eile, aber er hetzt, als warte das Flugzeug nur noch auf ihn.

Es ist still. Hinter ihm steht seine Frau in der Türöffnung, hat ihm den Rücken zugewandt. Sie ist im siebenten Monat schwanger, über dem Hohlkreuz hängt das Kleid locker herunter. Doch vorn wölbt sich ihr Bauch schon deutlich.

Er schielt hastig zu ihr hin, als er die Kommodenschublade noch einmal aufreißt, um weitere Strümpfe einzupacken. Man weiß ja nie.

Nein, man weiß nie.

Der fünfjährige Sohn kommt ins Zimmer. Er preßt sich an Mutters Beine, während er Ian ansieht, der darauf das Packen unterbricht.

Seine Hände sinken herab. Müdigkeit überfällt ihn. Ach könnte man sich doch unter eine schützende Bleidecke legen, um geröntgt, operiert und von all diesen lästigen Forderungen befreit zu werden! Für krank erklärt werden, todkrank, wenn nötig!

Der Sohn sieht ihn an. Vom Rücken seiner Frau gehen Signale aus.

Er sagt, er tue es doch für sie beide, weil er sich um ihr Wohlergehen sorge.

Verächtliches Schweigen. Ginge es nach ihnen, würde er nicht fahren, so einfach ist es. Sie hat ihn schon so oft gebeten – fahr nicht! Fahr nicht!!

Er wiegt die Tasche in der Hand. Sie ist wirklich schwer.

Er sagt, er werde rechtzeitig zurück sein, ehe es soweit ist, doch jetzt müsse er los. In diesen Zeiten könne man über jeden Job froh sein, der einem angeboten wird.

Sie fängt an zu schluchzen, und der Junge rennt aus dem Zimmer. Ian hört, wie sich das Trommeln der kleinen Füße immer weiter entfernt.

Jetzt hält sie den Rücken nicht mehr durchgedrückt, ist in sich zusammengefallen und bebt. »Du hast doch eine Arbeit. An Land«, flüstert sie.

»Wenn es wenigstens eine andere Frau wäre«, sagt sie leise. »Ich bin bald zurück«, erwidert er.

»Und ich werde dann hier auf dich warten? Werde ich das? Sag, werde ich das wirklich?«

Er schafft es nicht, will nicht antworten, denn jetzt hupt ein Taxi auf der Straße vor dem Haus. Seine Muskeln zucken, und er schaut hinaus.

Strahlender Sonnenschein, es wird ein herrlicher Sommertag werden. Er ist schon unterwegs; sitzt in Gedanken bereits auf dem Airport in Aberdeen, um das nächste Flugzeug nach Stavanger zu nehmen.

»Leih dir ein Video aus«, sagt er. »Oder geh ins Restaurant, dir fällt schon was ein, wir haben genug Geld, mach dir keine Sorgen, ich bin bald zurück – dann machen wir dort weiter, wo wir jetzt aufhören.«

In roten Versalien stürzt Deep seahorse über das runde blaue Feld mit schwarzem Rand, das Logo, ein großer Aufkleber, schmückt eine Tasche, Handgepäck, das ein etwa fünfzigjähriger Mann über der Schulter trägt. Sein faltiges Gesicht zeugt von teuer erkaufter Lebenserfahrung. Die Augen sind ausdrucksvoll, blikken wehmütig. Sein Haar ist grau, und der Haaransatz hat sich nach hinten verschoben, dennoch wirkt die noch immer schlaksige Gestalt irgendwie jungenhaft. Er bewegt sich geschmeidig, ja schön.

Er geht über das Vorfeld des Flugplatzes von Stavanger. Sonnenreflexe funkeln in den großen Fenstern der Ankunftshalle. Seine Kleidung ist abgewetzt, dieselbe Bundjacke Sommer wie Winter, als sei er ein Habenichts. Doch ist seine Armut von anderer Art.

Die Maschine, in der er gesessen hat, ist jetzt leer, auch das Gepäck ist ausgeladen. Vor einem Flugsteig warten schon eine Reihe Geschäftsleute, die mit demselben Flieger zurück nach Göteborg wollen. Glenn bemerkt sie nicht. Geistesabwesend tritt er in den kühlen Schatten der Ankunftshalle, wo ein Tumult sofort seine Aufmerksamkeit auf sich zieht.

Anfangs sieht er nicht, woher das Geräusch kommt, hört nur laute Stimmen, hin und wieder Geschrei und entrüstetes Gemurmel.

Es rührt von einem Gepäckband her. Eine Gruppe von Passagieren, vielleicht zurückkehrende Mallorca-Touristen, wartet an dem Band, und irgend etwas passiert dort. Frauen und Männer in leichter Sommerkleidung, auf dem Kopf Panamahüte, gestikulieren und schimpfen – worüber?

Ein junger Mann in teuren Cowboyboots fläzt sich auf einen Stuhl und lacht. Er hat die Beine ausgestreckt, den Hut in den Nacken geschoben, und er lacht schallend, eine Dose Elefantenbier in der Hand. Auf dem Boden steht seine Tasche – mit dem Firmenzeichen von Deep Seahorse in leuchtendem Rot, Blau und Schwarz.

Glenn geht auf ihn zu und setzt sich. Er deutet auf die Tasche, und der junge, gut gebaute Mann hört einen Moment auf zu lachen, drückt ihm die Hand und stellt sich vor: »Bengt, nice to meet you.«

Es stellt sich heraus, daß sie beide Nordländer sind, Bengt kommt aus Oslo. Er zeigt auf das Gepäckband und fängt wieder an zu lachen, und Glenn versteht plötzlich, warum die Mallorca-Touristen so entrüstet sind. Denn dort auf dem Band liegt wie ein Käfer, der auf dem Rücken gelandet ist, ein völlig betrunkener Mann. Bengt sagt, das sei Ian, ein Schotte. »Er gehört zu uns.«

Ian bleibt stecken, sein Körper bildet einen Wall, der den Strom der Koffer stoppt. Die Mallorca-Touristen zerren schimpfend an ihren Gepäckstücken, die sich immer mehr ineinander verkeilen. Mit meerblauen Augen starrt Ian sie verwundert an. Lippen bewegen sich, Augen funkeln vor Wut, und goldene Armbänder klimpern – die Frauen sind am aggressivsten.

Bengt und Glenn stehen auf und gehen zum Band, wo sie den zukünftigen Arbeitskollegen mit vereinten Kräften auf den Boden heben. Die Koffer beginnen ihre Reise von neuem, und brummelnde Damen und Herren reißen ihr Gepäck an sich, um rasch nach Hause zu kommen, wo sie erzählen wollen, wie wunderbar der Urlaub gewesen ist.

Eine ausholende Geste zum Band und ein kehliger Laut, ein Haufen Konsonanten, zusammengequetscht wie eben noch das Gepäck, halten sie zurück. Glenn und Bengt sehen sich fragend an. Mit einem unbegreiflichen Gemisch von F- und S-Lauten versucht es Ian noch einmal, diesmal mit größerem Nachdruck!

Glenn dreht sich um und sieht eine einsame Sporttasche auf dem Band im Kreis fahren. Während Bengt sich bemüht, Ian in aufrechter Stellung zu halten, geht Glenn die Tasche holen.

Bei näherem Hinsehen bemerkt er noch einen anderen Aufkleber darauf. Ein bedeutend jüngerer Reisender, der dieselbe Tasche benutzt hat, ist offenbar in einem schottischen Legoland gewesen.

Glenn nimmt die Tasche, dreht sich um und geht zu seinen Kollegen zurück. Auf diesem kurzen Weg überfällt ihn das private Fiasko der letzten Woche.

Eigentlich ist alles nur komisch gewesen. Ja, sein ganzes Leben ist überhaupt nur ein Witz gewesen. Ein göttlicher Scherzbold hatte Spaß daran gefunden, ihn direkt in den Straßengraben, zwischen Disteln und Gestrüpp zu lenken.

Die hinter ihm liegenden gescheiterten Ehen kann er jedenfalls nur sich selbst anlasten. Scheidungen, als wäre er der reinste Filmstar, auch wenn sein Anklang bei Frauen da überhaupt nicht mithalten kann.

Beim ersten Mal war er einfach zu jung gewesen. Christer war geboren worden, noch bevor sie eine eigene Wohnung besaßen, und Geld hatten sie auch nicht. Er selbst war keine große Hilfe, das muß er sich heute, nach so langer Zeit, tatsächlich eingestehen. Damals aber ging ihm ihr ewiges Genörgel auf die Nerven. Wenn er abends von der Werft nach Hause kam, wollte er sein Essen und Ruhe und Frieden haben, denn so hatte es seine Mutter bei Vater und ihm immer gehalten. Statt dessen wirbelten ihm Töpfe, Windeln und Einkaufslisten um die Ohren. Und unentwegt das liebe Geld – nämlich, daß keins da war. Hier Kredite und dort Schulden, obwohl er nichts anderes tat, als zu arbeiten.

Als Christer in die Tagesstätte kam und Lisa ihren Job antrat, sah es mit den Finanzen besser aus, sie hörten auf, um Geld zu streiten. Und auch miteinander zu schlafen. Denn Lisa war mit ihm fertig. Das konnte er an allem spüren. Er versuchte, den Jungen ins Spiel zu bringen, aber auch damit kam er zu spät. Sie habe das Kind geboren und sich allein darum gekümmert, gab sie Glenn zu verstehen.

Also hatte er nicht viel vorzubringen, als sie ihn nicht mehr haben wollte. Ob er sie zu diesem Zeitpunkt immer noch geliebt hat, weiß er nicht mehr, doch im Licht der Erinnerung tritt nun der ganze Mechanismus deutlich zutage. Wie nutzlos, wie verdammt blödsinnig, wie blind und unnötig das alles gewesen ist!

Die Jahre danach hat er allein verbracht – hat die Werftkrise erlebt, bis zu Kündigung und Berufsberatung: Ich habe schließlich einen Beruf, schert euch zur Hölle! Mal eine Kneipenrunde und eine Nacht in einem fremden Bett, das war alles. Die Mutter erkrankte an Krebs, und der Vater verkümmerte, als der Kran von Eriksberg nicht mehr kreischend losratterte. Die Werft – der Mittelpunkt der Welt und Vaters ein und alles! Eine Zeitlang hatte Glenn geglaubt, die Stilllegung der Werft werde den Alten ins Jenseits befördern.

Doch als der Vater schließlich eine Abfindung samt ehrenvoller Danksagung erhalten hatte, war sein Rükken wieder gerader geworden, er ließ die goldene Uhr sehen und murmelte, man habe sich schließlich nie krankschreiben lassen, und jetzt wären die Jungen an der Reihe.

Die Arbeit auf der Bohrinsel hatte Glenn wieder Auftrieb gegeben. Ein neues Leben begann: exotisch, interessant, manchmal schwer, aber gut bezahlt.

Die Mutter war gestorben. Der Vater ging zum Seniorentanz und schaffte sich schon bald eine neue rosige Frau an, die er vor dem Fernseher tätschelte, wenn sie ihm altmodische Hausmannskost mit fetter Bratwurst, Grützwurst oder auch Heringsauflauf mit Korinthensoße vorgesetzt hatte. Der Vater schnurrte wie ein Kater, und Glenn seufzte erleichtert.

Schon früh hatte er sich fürs Tauchen interessiert. Machte sich immer in der Nähe der Taucher zu schaffen. Und eines Tages durfte er mit nach unten, es war eine reine Notlösung, weil kein anderer zur Stelle war.

Zehn Jahre später besaß er alle Taucherscheine, konnte sich frei zwischen den Ländern bewegen und war mit seiner Ausbildung und der Rohrschlosservergangenheit auf der Werft auch noch ungewöhnlich vielseitig.

Als er dann ein paar Jahre später Mia kennenlernte, glaubte er wirklich, es würde gutgehen. Schließlich war er ja nur drei Wochen weg zur Arbeit und danach zwei zu Hause. Dennoch klappte es nicht. Die Kinder wurden geboren, und die Zeiten, in denen er draußen war, blieben schwarze Flecken auf dem Film.

Die Nachricht von Pontus’ Geburt erhielt er direkt in die Druckkammer: bei hundertzwanzig Metern Tiefe. Er hatte nicht das geringste empfunden. Als er endlich wieder nach Hause kam, hatte Mia sich mit dem Sohn dort schon eingerichtet. Britta, zu diesem Zeitpunkt zwei Jahre alt, verhielt sich abwartend.

Es war einfach nicht gut, damals, als er nach Pontus’ Geburt nach Hause kam. Irgend etwas lief schief, obwohl kein böses Wort geäußert wurde.

Wie sich herausstellen sollte, kam auch seine zweite Frau ausgezeichnet ohne ihn klar. »Was glaubst du eigentlich, was ich bin?« hatte sie gesagt. »Eine Art Küchenherd, den man an- und ausschaltet? Wenn du jetzt mehrere Wochen nicht hier gewesen bist, mußt du mir etwas Zeit geben und dich nicht gleich auf mich stürzen und losstoßen wie ein unerzogener Dorfköter!«

Und dann war sie zur Arbeit gegangen. Die Kinder besuchten die Tagesstätte. Er war allein zu Hause und wußte nicht, was er mit sich anfangen sollte. Das Essen stand auf dem Tisch, wenn sie abends heimkamen, und er fühlte sich, verdammt noch mal, als sei er ein Dienstmädchen. Sagte zwar nichts, aber es war ihm wohl doch anzumerken. Wie wütend er war, denn so war es.

Und es ging schief. Ging völlig daneben. Aber schließlich hatte er schon einiges hinter sich. Eine Menge sogar. Hatte das Fröj-Unglück mitgemacht. Meinte, sich mit äußeren Katastrophen auszukennen. Es gab keinen Grund, Trübsal zu blasen oder sich zu beklagen, wenn das Dach über ihm einstürzte.

Jahre vergingen. Das Licht der Verklärung wurde immer stärker. Die Indianer nannten die Vergangenheit Zukunft, weil sie hellerleuchtet und deutbar vor ihnen lag. Er verstand sie nur zu gut.

Also hatte er vorige Woche einen Entschluß gefaßt. Er hatte in Fornebu den Flieger genommen und gedacht: Egal, was jetzt passiert, aber dieses Cowboyleben ertrage ich nicht länger, ich bin schon über füflfzig und muß ein Zuhause haben, ein inneres Zuhause bei den Meinen. Bei denjenigen, die mir trotz allem am nächsten stehen.

Er hatte diverse Geschenke besorgt. Es war kein Besuchswochenende, das hatte es schon lange nicht mehr gegeben, aber hol’s der Teufel. Ein sinnvolles Privatleben folgt keinen vorgezeichneten Mustern.

Betrunken war er wirklich nicht. Hatte lediglich ein paar Gläschen in einer Kneipe genommen, um die undefinierbare Angst zu verjagen.

Seine zweite gesetzlich angetraute, jetzt vogelfreie Ehefrau öffnete die Tür des Reihenhauses mit unverhohlener Verwunderung: »Glenn! Was machst du denn hier? Und die vielen Päckchen?!«

Er habe nur mal vorbeischauen wollen, sind die Kinder da? Nur ein bißchen reden und mit ihnen zusammensitzen ...

»Hast du denn vergessen? Ja, natürlich hast du das. Sie sind diese Woche im Ferienlager. Das war doch schon seit letztem Sommer geplant! Wie kannst du nur behaupten, dir etwas aus den Kindern zu machen, wenn du so was Wichtiges vergißt!«

Keine Chance, zu verhandeln oder auch nur eine Tasse Kaffee zu erhalten. Er lud die Päckchen auf sie ab und ging. Als hätte sie ihm unrecht getan. An irgendwem mußte er seine Wut schließlich auslassen.

Aber aufgeben galt nicht. Die nächste Station auf seinem Golgathagang war der erwachsene Sohn aus erster Ehe. Glenn kannte die Adresse und wußte ungefähr, was der Junge so trieb, doch es stimmte schon, seit dem letzten Mal war eine ganze Weile vergangen.

Als der Sohn nach ewigem Gebimmel endlich die Wohnungstür aufmachte, wirkte er nicht gerade begeistert.

»Vater? Was machst du denn hier? Ist was passiert?«

»Nicht, daß ich wüßte. Darf ich reinkommen?«

In Glenns Jackentasche steckte ein guter Duty-free-Cognac, denn der Sohn war schließlich erwachsen und würde seine Umsicht sicher zu schätzen wissen. Doch nichts dergleichen!

Hier gab es nicht mal die Chance einzutreten.

»Keine Zeit. Muß zum Training, verstehst du. Fängt in einer Viertelstunde an. Was willst du eigentlich?«

»Dachte nur, wir sollten irgendwie wieder Kontakt aufnehmen, bin ja trotz allem dein Vater, und ich ...«

Der Sohn unterbrach ihn: »Du! Red keinen Scheiß. Ich bin jetzt erwachsen und such mir die Leute aus, mit denen ich verkehre, und dazu gehörst du nicht. Wo bist du denn gewesen, damals, als ich Fußball gespielt habe und unsere Mannschaft aufgestiegen ist? In dem einen Jahr. Und dann im nächsten, als wir wieder abgestiegen sind? Daran erinnerst du dich nicht mal! Wo bist du gewesen, als ich einen ganzen Winter lang auf dem Dachboden Alleskleber geschnüffelt habe? Hattest keine Ahnung davon. Wo bist du all die Abende gewesen, wenn ich zu der heulenden Mutter nach Hause kam und sie mir gesagt hat, sie komme mit mir nicht klar? Der Junge wird schon, er geht nach mir, war dein einziger Kommentar, wenn du dich irgendwann mal, weiß der Teufel woher, gemeldet hast. Also mach, daß du wegkommst, und laß mich in Frieden.«

Er ging. Es reichte ihm. Begab sich in die erstbeste Kneipe. Versuchte bei einem Weib zu landen und blitzte natürlich ab. Logisch. Man beginnt nicht mit einem Griff an den Hintern.

Einigermaßen stabilisiert betrat er zwei Uhr nachts die Wohnung. Der Stapel Werbematerial war ansehnlich, doch der Kühlschrank war leer. Die Wohnung roch muffig. Eine zeitweilige Behausung, aber kein Zuhause. Nein, ein Zuhause besaß er nicht.

In jenem Augenblick hatte er eingesehen, daß er sich tief unten befand, auch dann, wenn er an Land war. Ja, vor allem dann. Und genau wie bei der Arbeit unter Wasser war er gezwungen gewesen, sein Gefühlsleben abzuschalten. Er mußte einfach weitermachen, egal wie es vor ihm auch aussah.

So stand es um sein Privatleben, und schuld daran, daß er aus dem Gleichgewicht geraten war, ist dieses Kind, das Ian irgendwo hat und das neben Papas sehr viel größeres Deep Seahorse ein kleines kindliches Logo geklebt hatte.

Glenn wirft sich die Tasche über die Schulter und packt Ians Arm. Auf der anderen Seite hält Bengt ihn mit festem Griff. Bengt schwankt ein wenig und lacht noch immer.

Ian geht bereitwillig mit in Richtung Ausgang, doch ist er müde, furchtbar müde. Ein paar Kommentare im Telegrammstil, mit komplizierter Syntax und Wörtern, die aus lauter Konsonanten bestehen, sind alles, was er zum Gespräch beisteuern kann, während sie vor der Paßkontrolle warten.

Als sie dann endlich im Freien stehen, schaut der Taxifahrer sie an, als seien sie Maffiosi. Sie lassen sich anstandslos mustern und werden schließlich akzeptiert, da sie den Eindruck erwecken, eventuelle Reinigungskosten bezahlen zu können.

Der Portier, der ihnen die Schlüssel aushändigt, hebt nicht einmal die Augenbrauen. Die Taucherfirma ist ein verläßlicher Kunde, dessen Personal sich häufig in einem bizarren Zustand befindet, er ist daran gewöhnt.

Ian versucht sich erneut zu orientieren, seine Augen rollen unkontrolliert hin und her. Die Arbeitskollegen schleppen ihn in den Fahrstuhl, wo er seinem Spiegelbild begegnet, das er freundlich grüßt.

Im Hotelzimmer legen sie ihn aufs Bett und ziehen ihm die Schuhe aus. Was können sie sonst noch für ihn tun? Irgendwelche Nachtbars kommen ja wohl nicht in Frage. Bengt zieht eine Tulpe aus dem Strauß auf dem Tisch, öffnet Ians Hosenstall und steckt die Blume hinein.

Die Tulpe schwingt leicht hin und her. Ian hat jetzt zu schnarchen angefangen. Glenn und Bengt schlagen sich vor Lachen auf die Schenkel.

Bengt stellt noch den Papierkorb an das Kopfende des Bettes.

Dann ziehen sie vorsichtig die Tür hinter sich zu und gehen.

Der Abend ist mild, das sich verändernde Licht der Nacht färbt den Himmel bereits in violetten Tönen. Aus dem Cobra Club sind Lärm und Musik zu hören.

Draußen auf dem Fjord glitzert eine Bohrinsel. Aus dieser Entfernung erinnert die Arbeit der Schweißer an ein fröhliches Feuerwerk. Funkenregen, die Lichtbogen und der Tanz des geschmolzenen Eisens über die Träger der Plattform lassen das seidig schimmernde Wasser blitzen und funkeln.

Glenn und Bengt haben im Restaurant gut zu Abend gegessen, beide fühlen sich in der Gesellschaft des anderen wohl. Jetzt wartet das süße Leben auf sie.

Der Einlasser heißt sie willkommen, und die Musik schlägt ihnen entgegen wie eine Wand. Die Sängerin lebt am Mikrofon ihr ganzes erotisches Register aus, die Luft ist rauchgeschwängert, und an der Bar hocken bereits eine Menge Leute. Glenn und Bengt quetschen sich zwischen sie und bestellen je ein Bier und einen Whisky.

Sie stoßen auf die bevorstehende Arbeit an und darauf, daß sie in einem Monat wieder hier sitzen, mit heiler Haut und um mindestens achtzigtausend Kronen reicher. Und es soll wirklich bei diesem einzigen Whisky bleiben, damit sie morgen auch tatsächlich an Bord gehen können, denn darin ist man genau, sehr genau.

Glenn betrachtet seinen jüngeren Kollegen. Könnte fast sein Sohn sein. Allerdings hätte der eigene Sohn ihn wohl kaum als Begleiter in die Tiefe akzeptiert. Nein, für den eigenen Sohn wäre er vermutlich nicht gut genug gewesen.

Doch dieser Bursche hier akzeptiert ihn ohne weiteres. Glenn hatte nur ein paar Orte erwähnt, ein paar Namen – überhaupt kein Problem! Und der Kollege hatte seine eigene kurze Karriere heruntergebetet, die völlig okay zu sein schien.

Sie plaudern über dieses und jenes, reden über Leute, die sie beide kennen. Der Tratsch ist das Fundament des gemeinsamen Ölgeschäfts. Sie trinken und entspannen sich. Sie sind es gewöhnt, immer einen Tag nach dem anderen zu leben, die Gegenwart ist alles, und der morgige Tag wird schon für sich selber sorgen. So pflegt es zu sein, so ist es immer gewesen. Glenns Herz schlägt bereits ruhiger, er ist wieder draußen, auf Arbeit – er ist ein Teil von etwas Größerem. Sie reden zwar über das bevorstehende Tauchen, über die Schiffsbesatzung und die Einsatzleitung, sprechen darüber, was sie dort unten zu tun haben und wie der Meeresboden aussieht. Doch dienen diese Minuten vor allem dazu, miteinander bekannt zu werden, Gemeinsamkeiten zu finden.

Die beiden bemerken nicht, daß sie einen Zuhörer haben. Eine junge Zuhörerin.

Sie hat ein Weilchen vor ihrem halbvollen Bierglas gesessen und dem Gespräch gelauscht. Sie ist ungeschminkt, trägt ihr dunkles Haar kurzgeschnitten und ist keine Frau, die das Interesse der Männer sofort auf sich zieht. Doch hat sie auffällige Augen, einen intensiven, forschenden Blick.

Sie fragt, ob die beiden Taucher wären. Glenn und Bengt verstummen sofort. Werfen sich einen Blick zu und mustern die junge Dame.

Vielleicht nicht besonders hübsch, aber auch nicht direkt häßlich. Spannender Blick, möglicherweise lustvoll? Und ein Körper weiter unten im Dunkeln, der hoffentlich das erfüllt, was der Ausschnitt verheißt.

Noch einmal sehen sie sich an, und Bengt bestätigt, ja sicher seien sie Taucher. Ganz klar, daß sie das sind. Vielleicht dürfe er sie zu irgendwas einladen?

Sie erwidert, daß sie wegen der Arbeit zeitig raus müsse, also möchte sie nichts mehr. Bei welcher Firma, sagten sie noch, würden sie tauchen?

Bengt schlägt »Black Russian« vor, das gefällt den Weibern sonst immer.

»Ach ja?« bemerkt die junge Frau nur. »Ich bin nicht verheiratet«, sagt Bengt und lacht.

Glenn hebt seine linke Hand und schwört, daß er ebenfalls unverheiratet sei. Möchte sie vielleicht lieber einen Dry Martini?

Sie beginnen zu plaudern. Die Frau ist nett und eine gute Zuhörerin. Und sie erzählen gern. Die Geschichten haben gleich viel mehr Schwung, wenn ein Außenstehender zuhört. Aber hier handelt es sich nicht nur um Schwung, sondern um ordentliches Wirbeln und heftiges Schlingern in alle Richtungen. So ist es nun einmal beim Geschichtenerzählen, und die Frau, die sich als Ingrid vorstellt, geht mit.

Nach ein paar Bier rückt Bengt näher an sie heran und erzählt ihr im Vertrauen, daß Taucher die besten Liebhaber seien.

Ingrid lacht überrascht und fragt, ob es Messungen gebe, wissenschaftliche Beweise für eine solche Behauptung.

»So was mißt man nicht«, flüstert Bengt und geht noch mehr auf Tuchfühlung, »so was muß man erleben. Divers do it deeper!«

Ingrid zuckt zurück. Glenn packt Bengt an der Schulter und zieht ihn weg, entschuldigt den Kollegen, er habe wohl zuviel getrunken. Doch er selbst sei ganz klar im Kopf. Er weiß, was er tut.

»Ach ja?« Ingrid lacht erneut. Glenn schaut sie verlangend an. Bengt schlägt mit dem Kopf auf den Tresen.

Vor dem Gebäude der Hubschrauberabfertigung auf dem Flughafen von Stavanger ist es grau und ungemütlich. Der Wind, der vom Meer weht, bringt einen flauen Geruch mit von vermoderndem Tang.

Flau fühlen sich auch Glenn und Bengt, als sie aus dem Taxi steigen und auf den Eingang zutrotten.

Vor ihnen läuft Ian mit federnden Schritten, heute ist er ausgeruht und frisch nach einer ungestörten Nacht im Hotel. Er war im ersten Morgengrauen aufgewacht, hatte eine Anzahl Kopfschmerztabletten und sämtliche Erfrischungsgetränke der Minibar geschluckt, hatte die Sachen ausgezogen und sich wieder ins Bett gelegt. Dann hatte er bis sechs Uhr früh geschlafen und anschließend erst heiß und dann immer kälter geduscht. Daraufhin hatte er sich im Frühstücksräum eine große Ei- und Schinkenmahlzeit einverleibt und war jetzt absolut in Form.

Ganz anders seine Arbeitskollegen. Bengt hat nicht einmal das Rasieren geschafft, Glenn hat sich in den Nasenflügel geschnitten. Auch er hat ein kräftiges Frühstück verspeist, denn er weiß, was auf sie wartet. Da heißt es, ordentlich Kohlenhydrate speichern.

An der Abfertigung steht der Vertreter der Firma, autoritär und korrekt. Sankt Petrus in Hemdsärmeln und mit einer Liste in der Hand.

Als er Glenn bemerkt, hellt sich sein Gesicht auf. Sie schütteln einander die Hand und wechseln ein paar Worte. Er begrüßt auch Ian und Bengt und schielt diskret auf die Liste.

Nach dem Einchecken gehen sie zur Sicherheitskontrolle. Der Firmenvertreter begleitet sie. Weder Messer, Schußwaffen, Whiskyflaschen oder irgendwelche Drogen befinden sich in ihrem Gepäck, und da der Metalldetektor mit seinem Schweigen verkündet, daß sie auch am Körper keine Waffen tragen, verzichten die Kontrolleure darauf, sie ins Röhrchen blasen zu lassen.

Nachdem alle Absperrungen passiert sind und sie in der Abflughalle stehen, schauen sie sich dort, etwas besser aufgelegt, um, denn der Ort hat seit dem letzten Mal eine Verschönerung erfahren. Wenn die Reisenden auf den Aufruf ihrer Flüge warten, können sie jetzt nicht nur Kaffee trinken und miteinander plaudern, auch Billard spielen kann man!

Der Firmenvertreter nimmt auf einer Bank Platz, und die drei Taucher begeben sich zur Ausgabe für die Schutzanzüge.

Die Prozedur nimmt einige Zeit in Anspruch. Als sie fertig sind und unterschrieben haben, ist der Firmenvertreter zu einem der drei Abfluggates weitergegangen, er weiß offenbar, wohin sie müssen. Für Billard ist dieses Mal anscheinend keine Zeit.

Sie stellen sich zu ihm vor den kleinen Glaskäfig mit den etwa zwanzig Stühlen, wo sie in Kürze das obligatorische Sicherheitsvideo ansehen werden.

Plötzlich steht ein weiterer Mann neben ihnen, schon fix und fertig im Schutzanzug! Er ist knochig und hager, etwa fünfundvierzig Jahre alt. Sein Gesicht ist ausdruckslos, und er hält ganz ruhig ihren Blicken stand.

Glenn reagiert sofort und für die anderen völlig unerwartet. »Was zum Teufel!« zischt er und tritt einen Schritt zurück, seine Augen blitzen. Ian und Bengt sehen sich rasch an. Will Glenn auf den Neuen losgehen?

Der Mann lächelt entwaffnend, nickt Glenn kurz zu und gibt den anderen die Hand. Ian und Bengt murmeln ihre Namen. Aber der Mann stellt sich nicht mit dem eigenen Namen vor. Seinen Taufnamen könnten sie vergessen, er ist es gewöhnt, Ego Boy genannt zu werden.

»Heißt du wie das Pferd?« lacht Bengt verblüfft.

»Ego Boy war nicht nur ein Pferd. Ego Boy hat den Naturgesetzen getrotzt«, antwortet dessen Namensvetter etwas lauter als zuvor.

Als er Glenn die Hand hinstreckt, wendet sich dieser ab. – Mehrere Sekunden vergehen.

Ian und Bengt warten, wissen nicht, was sie tun, wie sie reagieren sollen. Hier gibt es etwas, das sie nicht verstehen. Feindseligkeit liegt in der Luft.

Dann geht Glenn auf den Firmenvertreter zu und sagt, man könne ihn abschreiben, er komme nicht mit.

Dem Mann bleibt der Mund offenstehen. »Du bist doch wohl unter Vertrag?« fragt er töricht. Denn niemand steht auf der Liste, wenn er nicht genau das ist, unter Vertrag, und die Gepflogenheiten sind äußerst streng, ganz besonders im Hinblick auf eventuelle rechtliche Folgen, falls nämlich jemand aus irgendeinem Grund nicht zurückkehren sollte. Obwohl damit natürlich keiner rechnet. Niemals.

Trotzdem steht Glenn jetzt hier und will dieses feine Netzwerk zerreißen. Ein Unding.

»Der Flieger geht in einer Stunde«, antwortet der Mann. »Wenn du Probleme hast, mußt du mit der Tauchleitung auf der Deep Seahorse reden. Hier haben wir feste Regeln, ich mache nur meine Arbeit, und jetzt warten wir auf ...«, er läßt seinen Finger über die Liste gleiten und findet den Namen, »I. Larsen.«

Hinten an der Sicherheitskontrolle erscheint der fünfte Taucher, ebenfalls im Schutzanzug, die Tasche lässig über die Schulter geworfen.

Das Morgenlicht, das durch die hohen Kippfenster dringt, entstellt das Bild durch Sonnenreflexe. In der mit Staub gesättigten Luft durchkreuzen leuchtende Geraden die Halle und erzeugen ein merkwürdiges Gefühl von Unwirklichkeit. In diesem Dunst nähert sich ihnen der Taucher. Sein Weg durch die nicht sehr große Halle erfordert unendlich viel Zeit, dieser fremde junge Mann – wer ist das?

Blinzelnd sehen sie ihrem zukünftigen Arbeitskollegen entgegen. Was ist an ihm?

Vor ihren Augen verwandelt sich der kleingewachsene Bursche in eine junge Frau!

Plötzlich erkennen Bengt und Glenn sie wieder. Das ist doch das Mädel!? Das ist sie?!

Sie starren einander an und dann wieder die Frau, sie ist jetzt ganz nahe.

Ja! Sie ist es!

Sie tritt zu der Gruppe, um sich anzumelden: »Ingrid Larsen, Entschuldigung wegen der Verspätung, das Taxi ist falsch gefahren, direkt vor zum Flugplatz.«

Dann dreht sie sich zu Glenn und Bengt um: »Ja, hallo! Wie schön, euch wiederzusehen!«

Glenn und Bengt schauen einander an, ungläubig, ist das hier ein Traum?

Ingrid lächelt. Sie geht von einem zum anderen und gibt jedem rasch und energisch die Hand, keiner hat Zeit zum Zögern. Auch Ian drückt ihr die Hand, schaut aber weg. Sie klopft Glenn auf die Schulter und fragt Bengt, ob er einen Kater habe.

Nein, habe er nicht, überhaupt nicht! Warum hat sie nichts gesagt? Gestern!!

Sie macht eine unbestimmte Handbewegung, lächelt die beiden verschmitzt an und geht in Richtung Abfluggate.

Da stellt Ego Boy sich ihr in den Weg.

Die anderen erstarren.

Ingrid blickt ihm ins ausdruckslose Gesicht. Sie sagt nichts. Er sagt nichts. Sie wartet. Er wartet ebenfalls. Wartet wie die anderen, einige spannungsgeladene Sekunden.

Plötzlich stellt sich Glenn zwischen Ego Boy und Ingrid.

Die Männer fixieren einander. Glenn ist ein bißchen ausdauernder als Ego Boy. Ego Boy etwas jünger, etwas drahtiger.

Schließlich weicht Ego Boy zögernd zur Seite, und Glenn läßt Ingrid vorbei, die in die kleine Transithalle geht und dort als erste Platz nimmt.

Für den Bruchteil einer Sekunde ist in Ego Boys Gesicht Enttäuschung zu lesen. Dann zeichnet er ihren Hintern in die Luft. Rasch und amüsant. Glenn sieht es. Er kann nichts dagegen tun. Die wortlose Sprache ist immer die effektivste, und sie ist nie zum Schweigen zu bringen.

Glenn hält sich zurück. Er hatte Ingrid folgen und vor dem Video Platz nehmen wollen, doch will er sich Ego Boys pantomimischen Angriffen nicht aussetzen. Also bleibt er stehen, ohne dessen lautlose Großtuerei übertrumpfen zu können.

Ego Boy macht noch eine weitere obszöne Geste. Er knufft Bengt in die Seite, schlägt sich ein paarmal leicht auf die Hand – wollen wir wetten?

Bengt blickt siegessicher auf den bestimmt fünfzehn Jahre älteren Herausforderer und dann auf die Frau im Glaskäfig. Kein Problem.

Ian begreift, was sie meinen. »Und ihr glaubt, das geht?«

»Wieso, hältst du dagegen?« fragt Ego Boy, er bedient sich wieder der Sprache.

Glenn ist näher getreten. Ego Boy spürt Glenns leichte Atemzüge am Haaransatz, dennoch bleibt er stehen.

Ian sieht es. Aber Ian sieht ebenfalls, daß Glenn als Taucher langsam abbaut, und außerdem läßt Ian sich nichts befehlen, fügt sich nicht jedem. Also hebt er die Hand und sagt scherzend: »Ich bin verheiratet, würde niemals. Schon gar nicht mit einer Taucherin.«

Sie lachen gezwungen.

Glenn, der wortlos zugehört hat, zeigt jetzt höhnisch auf Ego Boy. »Genau davon hat er doch immer geträumt«, sagt er, »einen Taucher ranzunehmen.«

»Du bist wirklich nicht normal«, erwidert Ego Boy, »bist völlig gestört.«

Gestört fühlt er sich jedoch vor allem selbst, sein Blick ist unstet.

Gestört fühlen sich auch Bengt und Ian. Es macht Spaß, andere auf den Arm zu nehmen, doch muß der Ton herzlich bleiben, das hier geht so nicht länger. Je härter die Rempeleien, desto enger die Freundschaft – das ist doch selbstverständlich.

Hier aber ist von Freundschaft nichts zu spüren. Dennoch scheinen sich Glenn und Ego Boy nur allzu gut zu kennen.

Bengt und Ian wechseln einen vielsagenden Blick: In was für eine alte Scheiße sind wir hier hineingeraten?

Der Lärm im Hubschrauber ist ohrenbetäubend. Der Küstenstreifen ist hinter ihnen verschwunden, und unter ihnen breitet sich das mächtige weite Meer aus. Nur ein paar mückengroße Fischkutter unterbrechen die glitzernde Fläche, die am Horizont in milchweißen Dunst übergeht.

Glenn und Bengt sitzen nebeneinander, Ego Boy und Ian ebenfalls.

Ingrid sitzt allein. Der Lärm schirmt sie von den anderen ab. Brennende Fragen hängen unbeantwortet in der Luft.

Ingrid beugt sich vor und klopft Ian auf die Schulter. Der dreht sich widerstrebend um.

»Die Welt ist klein«, schreit sie, »wußte nicht, daß du zur ›Heidrun‹ willst.«

»Man kann nicht alles wissen«, schreit er zurück. Mit seiner Haltung gibt er zu verstehen, er gehe davon aus, daß sie mit dem Reden fertig ist.

Das ist sie nicht. »Wird interessant werden«, schreit sie, »findest du nicht?«

»Wahnsinnig interessant«, bestätigt er mit dem Ausdruck des Genervten, der deutlich zu erkennen gibt: Kann sie denn nicht begreifen, daß ich in Ruhe gelassen werden will?

Ingrid sinkt zurück. Draußen, unter ihnen, glitzert das Meer.

Ego Boy dreht sich um und sieht sie an; sie merkt es nicht. Mit einem »Aha?« wendet er sich an Ian.

Doch Ian gibt keine Antwort. Stellt sich, als verstehe er die überdeutliche, unausgesprochene Frage nicht. Gähnt. Alle gähnen. Jetzt geht es nach unten.

Wie ein winziges Spielzeug erscheint die Bohrinsel mit ihrer Wohnplattform weit vor ihnen. Dicht daneben liegt das Taucherschiff. Der Hubschrauberlandeplatz ist als grüner Punkt zu erkennen.

Als die Männer über das riesige Trossennetz laufen, bläst ein heftiger Wind.

Ingrid verläßt den Hubschrauber als letzte, und Glenn streckt ihr hilfsbereit die Hand entgegen. Sie nimmt sie und springt hinaus, und gemeinsam eilen sie zum Niedergang, in dessen Windschutz Glenn sie am Ellbogen faßt.

»Du hast gestern offenbar ein paar richtige Don Juans getroffen«, beginnt er verlegen.

Ingrid nickt lächelnd, so ist es wohl gewesen.

»Vergiß es!« bittet er.

Ingrid nickt und wird ernst. Sie mag Glenn. Sie mochte ihn schon gestern abend, trotz seiner vom Alkohol leicht aufgelösten Züge. Die heutige Version ist nicht schlechter.

Was den Rest angeht, so muß sie sich wohl einen nach dem anderen vornehmen. Sie ist der Ansicht, daß Männer an einer altmodischen Krankheit leiden, die man aber heilen kann. Sie selbst muß nur konsequent genug sein, dann wird sich die Sache von selbst erledigen. Das Ganze ist nicht ihr Problem. Sie ist hier, um eine Arbeit zu machen, um damit einen Fuß in der Tür zu haben, weiterzukommen. Die Beweggründe der anderen können bedeutend komplizierter sein, das weiß sie. Das Problem ist nur, daß die Männer es selbst nicht wissen.

Sie lächelt Glenn freundlich zu. »Du warst nicht unangenehm«, sagt sie, »hast dich selbst eingebracht, ich habe mich amüsiert und gelacht. Man muß lachen dürfen. Die Welt schreit nach Humor!«

»Schade, daß ich in nüchternem Zustand nicht genauso witzig bin«, sagt Glenn seufzend, »sonst könnte ich mich zum Alleinunterhalter umschulen lassen. Bin schließlich ziemlich gut darin, in der Kneipe Bödsinn zu quatschen.«

Ein Weilchen später schlendert das ganze Team einen Niedergang hinunter. Sie haben ihre Schutzanzüge abgegeben und das Gepäck geholt. Ingrid geht als vorletzte.

Zwei Mechaniker kommen ihnen entgegen. Als sie dieselbe Stufe wie Ingrid erreicht haben, drängeln sie mehr als notwendig.

»Diese ständigen Neuerungen«, sagt der eine auf norwegisch. »Offenbar soll man jetzt vorn auch noch Stoßdämpfer tragen!«

Sie lachen begeistert. Ingrid lacht ebenfalls. »Dann laßt euch mal Silikon einsetzen«, erwidert sie.

Die beiden bleiben die Antwort schuldig und steigen wortlos weiter nach oben.

Im selben Moment wird Ingrid von Bengt eingeholt. Er legt ihr den Arm um die Schulter. Sie schaut erst fragend auf seine Hand und dann zu ihm. Er lächelt siegessicher und drückt sie an sich. »Ein flottes, hübsches Mädel wie du«, sagt er, »hast du daran gedacht, daß wir wochenlang so eng zusammenleben werden?«

Eine ärgerliche Falte bildet sich zwischen ihren Augenbrauen, doch Bengt bemerkt sie nicht. »Wieso«, fragt sie, »hast du die Absicht, in meiner Koje zu schlafen?«

»Gern«, antwortet er. »Wenn du auch drin liegst.«

»Wollen wir es gleich hier machen? Auf der Treppe?« fragt sie sachlich.