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Beschreibung

Unsere Operations-, Wissens- und Existenzräume, unsere Selbst- und Weltwahrnehmung werden heute unhintergehbar von technologischen Objektkulturen geprägt. Insbesondere die allgemeine Kybernetisierung seit Mitte des 20. Jahrhunderts, die in der umfassenden und allgegenwärtigen Computerisierung ihren vorläufigen Höhepunkt erreicht hat, macht die Technizität unserer sinnkulturellen Verfassung deutlich. Die Beiträge dieses Bandes, den die deutsche Erstübertragung eines brisanten Stücks aus dem Nachlaß des französischen Mechanologen Gilbert Simondon eröffnet, liefern die dringend nötige Neubeschreibung unserer zeitgenössisch-technischen Welt. Außerdem schreiben: Dirk Baecker, Massimo de Carolis, Alexander Galloway, Mark Hansen, Katherine Hayles, Nicole Karafyllis, Scott Lash, Jean-Luc Nancy, Frédéric Neyrat, Peter Risthaus, Bernard Stiegler und Eugene Thacker.

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Seitenzahl: 668

Veröffentlichungsjahr: 2011

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Unsere Operations-, Wissens- und Existenzräume, unsere Selbst- und Weltwahrnehmung werden heute unhintergehbar von technologischen Objektkulturen geprägt. Insbesondere die allgemeine Kybernetisierung seit Mitte des 20. Jahrhunderts, die in der umfassenden und allgegenwärtigen Computerisierung ihren vorläufigen Höhepunkt erreicht hat, macht die Technizität unserer sinnkulturellen Verfassung deutlich. Die Beiträge dieses Bandes, zu denen auch die deutsche Erstübertragung eines brisanten Stücks aus dem Nachlass des französischen Mechanologen Gilbert Simondon gehört, liefern die dringend nötige Neubeschreibung unserer zeitgenössisch-technischen Welt. Außerdem schreiben: Dirk Baecker, Jean-Hugues Barthélémy, Massimo De Carolis, Alexander R. Galloway, Mark B. N. Hansen, N. Katherine Hayles, Nicole C. Karafyllis, Scott Lash, Jean-Luc Nancy, Frédéric Neyrat, Bernard Stiegler und Eugene Thacker.

Erich Hörl ist Juniorprofessor für Medientechnik und Medienphilosophie an der Ruhr-Universität Bochum. Im Suhrkamp Verlag ist von ihm erschienen: Die Transformation des Humanen. Beiträge zur Kulturgeschichte der Kybernetik (stw 1848, hg. zusammen mit Michael Hagner).

Die technologische Bedingung

Beiträge zur Beschreibung der technischen Welt

Herausgegeben von Erich Hörl

Suhrkamp

Zur Gewährleistung der Zitierbarkeit zeigen die grau hinterlegten Ziffern die jeweiligen Seitenanfänge der Printausgabe an.

Schriften des Internationalen Kollegs für Kulturtechnikforschung und Medienphilosophie. Band 8. Diese Publikation ist im Rahmen des Internationalen Kollegs für Kulturtechnikforschung und Medienphilosophie der Bauhaus-Universität Weimar entstanden und wurde mit Mitteln des Bundesministeriums für Bildung und Forschung gefördert. www.ikkm-weimar.de/schriften

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar. eBook Suhrkamp Verlag Berlin 2011 © Suhrkamp Verlag Berlin 2011 Alle Rechte vorbehalten, insbesondere das der Übersetzung, des öffentlichen Vortrags sowie der Übertragung durch Rundfunk und Fernsehen, auch einzelner Teile. Kein Teil des Werkes darf in irgendeiner Form (durch Fotografie, Mikrofilm oder andere Verfahren) ohne schriftliche Genehmigung des Verlages reproduziert oder unter Verwendung elektronischer Systeme verarbeitet, vervielfältigt oder verbreitet werden. eISBN 978-3-518-76810-5 www.suhrkamp.de

5Inhalt

Erich Hörl Die technologische Bedingung. Zur Einführung

Jean-Luc Nancy Von der Struktion

Gilbert Simondon Die technische Einstellung

Jean-Hugues Barthélémy Simondon – Ein Denken der Technik im Dialog mit der Kybernetik

Bernard Stiegler Allgemeine Organologie und positive Pharmakologie (Theorie und ›praxis‹)

Frédéric Neyrat Das technologische Unbewusste. Elemente für eine Deprogrammierung

Dirk Baecker Technik und Entscheidung

N. Katherine Hayles Komplexe Zeitstrukturen lebender und technischer Wesen

Nicole C. Karafyllis Das technische Dasein. Eine phänomenologische Annäherung an technologische Welt- und Selbstverhältnisse in aufklärerischer Absicht

Alexander R. Galloway Black Box, Schwarzer Block

6Massimo De Carolis

Technowissenschaften und menschliche Kreativität

Eugene Thacker Vermittlung und Antivermittlung

Scott Lash Technik und Erfahrung. Vom Kantischen Subjekt zum Zeitsystem

Mark B. N. Hansen Medien des 21. Jahrhunderts, technisches Empfinden und unsere originäre Umweltbedingung

Drucknachweis

Über die Autorinnen und Autoren

7Erich Hörl Die technologische Bedingung

Zur Einführung

»Es gilt, ohne Unterlass eine Welt zu denken, die auf langsame und zugleich jähe Weise aus all ihren erworbenen Bedingungen von Wahrheit, Sinn und Wert heraustritt.«

Jean-Luc Nancy

Technologische Sinnverschiebung

»Der Sinn der technischen Welt verbirgt sich.«[1] So stellte sich die Lage für Martin Heidegger 1959 dar, nachdem er noch zwanzig Jahre zuvor unmissverständlich vom »Zeitalter der vollendeten Sinnlosigkeit«, in dem sich das Wesen der Neuzeit erfülle, und von der »Sinnlosigkeit« als unbedingtem »Horizont der Neuzeit«[2] gesprochen hatte. Doch angesichts des unwiederbringlichen Verlusts der »alten Bodenständigkeit«, die nach Industrialisierung, zwei hochtechnisierten Kriegen und schließlich infolge der beginnenden kybernetischen Umwälzung der menschlichen Wirklichkeit nicht mehr zu halten gewesen war, hat Heidegger zuletzt weniger dem untergehenden alten Sinn nachgetrauert als vielmehr eine »künftige Bodenständigkeit«[3] und einen kommenden Sinn unter technologischen Verhältnissen ins Auge gefasst. Mit einer außergewöhnlichen philosophischen Intuition für die in weiten Teilen noch erst bevorstehende Transformation ging es ihm um nicht weniger als um die Bestimmung eines »neue[n] Grund und Boden[s]«, der »dem Menschen zurückgeschenkt werden« sollte, damit er darauf »neu zu gedeihen vermag«.[4] Heidegger war weit davon entfernt, Technik und Sinn einander zu opponieren und dabei Sinn als wesentlich vor-, gegen- oder nichttechnische Entität aufzufassen, die 8einer reinen transzendentalen Subjektivität und Innerlichkeit entstamme und als solche von der massenhaften Heraufkunft technischer Objekte, vom Eindringen technischer Apparaturen und Automaten in alle Existenzbereiche, kurz gesagt von der Herrschaft instrumenteller Vernunft gefährdet sei – so nämlich die dogmatische philosophische Einstellung, die noch bis zu Husserl und zur Frankfurter Schule reichte. Stattdessen postulierte er, dass »uns überall in der technischen Welt ein verborgener Sinn anrührt«[5] und dass es mithin darum geht, sich »für den in der technischen Welt verborgenen Sinn offen [zu] halten«[6] – das ist bei aller Sympathie für die Sinnkultur der untergehenden Handwerkswelt Heideggers überraschend aufgeschlossene Position angesichts neu erscheinender technischer Objektzusammenhänge.

Hatte Heidegger mit seiner frühen zeugorientierten Daseinshermeneutik unter der großen Überschrift einer Neuaufwerfung der Frage nach dem Sinn von Sein zunächst das Subjekt prinzipiell in die Welt der Objekte zurückgestellt und alle Bedeutsamkeit grundsätzlich zu einer Sache artefaktischer Verweisungszusammenhänge erklärt, erkannte er bald schon die unhintergehbare Geschichtlichkeit und Dynamik von Objektlagen, die am Ende auch das von ihm selbst so gründlich bestellte daseinshermeneutische Feld umpflügen sollten. Seine so kraftvolle Reformulierung von Bedeutsamkeit, ja seine Neubestimmung des Sinns und der Reichweite von Hermeneutik überhaupt zeigten sich am Ende ihrerseits als durchdrungen von einer spezifischen und gerade selbst im Untergang begriffenen objektgeschichtlichen Disposition. Jedenfalls begründete Heidegger bereits Mitte der 1930er Jahre sein Misstrauen gegenüber überlieferten Auslegungen der Dingfrage mit einem Argument, das er der direkten Beobachtung jüngerer wissenschaftlich-technischer Objektkulturen entnahm: »So könnte es sein«, schrieb er, »daß wir in unserer natürlichen Weltansicht von einer jahrhundertealten Auslegung der Dingheit des Dinges beherrscht sind, während inzwischen uns die Dinge im Grund ganz anders begegnen.«[7] Wenn er mit Blick auf Quantenphysik und »die Maschinentechnik« schließlich festhielt, hier zeige sich, »daß eigentlich ein ursprüngli9cher Bezug zu den Dingen fehlt«,[8] so ist diese Aussage mindestens aus heutiger medien- und technikphilosophischer Sicht epochal zu nennen und ganz wörtlich zu nehmen: als Hauptsatz einer neuen, sich damals in aller Breite erst ausdifferenzierenden, gegenwärtig aber hoch im Kurs stehenden objekt- bzw. dingorientierten Ontotechnologie einer originären Unbestimmtheit, eines ursprünglichen Mangels, einer konstitutiven Bedürftigkeit, eines unhintergehbaren Ungenügens und Fehls, wodurch alle Bezüglichkeiten und Relationalitäten geprägt sind.

Wenngleich Heidegger letztlich nicht die begrifflichen Mittel gehabt haben wird, die grundsätzliche philosophische Neubeschreibung der technischen Welt zu unternehmen, ist heute ersichtlich, wie überaus vorausschauend sein Plädoyer für die Offenheit einem anderen, damals noch verborgenen Sinn der technischen Welt gegenüber gewesen ist. Denn obwohl die allgemeine Kybernetisierung unser Verhältnis zu dem, was ist und wird, zu den Dingen, zu den Lebewesen, ja zu den nichthumanen Entitäten im Allgemeinen und zur Erde, schließlich auch zu uns selbst und zu den anderen, kurz: obwohl also die allgemeine Kybernetisierung das Verhältnis der Subjektivität zu ihrem Außen spätestens seit dem Zweiten Weltkrieg und bis heute informations- und kommunikationstechnologisch umgewälzt sowie Begriffen wie ›Steuerung‹ und ›Kontrolle‹, ›Emergenz‹ und ›Autopoiesis‹, ›Netzwerk‹ und ›Management‹ unterstellt hat, markiert sie dennoch weder die endgültige Austreibung noch das technische Ende des Sinns überhaupt, schon gar nicht das technische Ende aller Subjektivität als solcher. Gleichwohl aber ist sie das Ende eines bestimmten, lang dauernden und dogmatisch zu nennenden, gebräuchlichen Sinn des Sinns, nämlich des repräsentativen Sinns des Sinns im Sinne von Bedeutung.[9]

Claude E. Shannon hat mit seiner berühmten Wendung von der Irrelevanz der Semantik und mithin der Bedeutung für das nachrichtentechnische Problem von Information und Kommunikation, aus der die neue general theory des Kommunikationszeitalters 10hervorging,[10] bereits früh und ohne es zu ahnen die Losung für die kommende sinngeschichtliche Entwicklung formuliert, auch wenn sie lange Zeit als Ausdruck des Übertritts ins nichthermeneutische Reich jenseits allen Sinns verkannt werden sollte. Unter dem epochalen Titel von Kybernetik, die nicht bloß eine historisch vergangene Metadisziplin, sondern eine ganze ontologische und epistemologische, eine ebenso macht- wie subjektivitäts- und wunschgeschichtliche Formation bezeichnet,[11] unterliegen wir nämlich einer grundlegenden sinngeschichtlichen Transformation, die eine neue, nunmehr postsignifikative Ordnung des Sinns heraufführt und etabliert.[12] Der neue Grund und Boden, den wir seit dem Eingang in die Kybernetik und damit eben in die technologische Bedingung betreten haben und auf dem seither unsere Welt-, Erfahrungs- und Sinnbildungsprozesse stattfinden, lässt sich langsam deutlicher bestimmen, und zwar gerade in seiner ganz spezifischen Grund- und Bodenlosigkeit: als ein Sinnregime, das die originäre Technizität des Sinns exponiert, stets humane und nichthumane Handlungsmächte zusammenfügt, das vor der Differenz von Subjekt und Objekt operiert, das ohne Ende prothetisch und supplementär, eher immanent als transzendental und in unerhörtem Maße distribuiert, ja ökotechnologisch ist. Dieses Sinnregime drängt zu einer weit ausholenden und erst noch zu leistenden Neubeschreibung seiner charakteristischen Bildungsprozesse.[13]

11An entsprechenden hermeneutik- und interpretationsskeptischen Bekenntnissen, die auf diese prinzipielle sinngeschichtliche Veränderung reagieren, hat es in den letzten Jahren nicht gefehlt, auch wenn sie zumeist im Hinblick auf ihre eigenen Beweg- und Hintergründe – will sagen das epochal Zwingende, das sich in ihnen austrägt – im Dunkel tappen. Wirklich grundlegend für die Beschreibung der gegenwärtigen sinngeschichtlichen Lage scheint mir nicht so sehr die idealtypische Konstellierung von »Präsenzkultur« und »Sinnkultur« zu sein, nicht so sehr die Wiederkehr eines »starken Wunsches nach Präsenz« und »Präsenzeffekten«, der von der lang dauernden kulturellen »Zentralstellung der Interpretation« und der Dominanz der Sinnkultur verdrängt worden sein soll, mit anderen Worten: nicht so sehr Präsenzfaszination, die trotz oder gerade wegen einer nie da gewesenen medientechnischen Zurichtung der Dinge immer auch mit einem gewissen vortechnischen und vormedialen Unmittelbarkeitsverlangen einhergeht. Zentraler für die Bestimmung der zeitgenössischen Situation scheint vielmehr das, was ich in Abwandlung einer Formel Husserls nenne: die Destruktion und Ablösung der überlieferten signifikativen und hermeneutischen Sinnkultur durch diejenige der Technologie, die das, was Sinn heißt, von Grund auf reorganisiert und damit die ganze Sinnkultur reorientiert. Sinn ist unter der technologischen Bedingung eine Größe von transversalen Koexistenzialgefügen, die die etablierten ontologischen Hierarchien durchkreuzen. Im Zeichen dieser Koexistenzialgefüge könnte, mit Gilbert Simondon gesprochen, eine grundsätzliche »Wiederentdeckung, Neuoffenlegung menschlicher Wirklichkeit« stattfinden, ja möglicherweise sogar ein neuer posthumaner Humanismus des technologischen Zeitalters heraufziehen, vorausgesetzt, dass »jedes Zeitalter einen Humanismus neu schafft, der auf bestimmte Weise den Umständen entspricht«.

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