Die Teufelstochter - Franz-Josef Körner - E-Book

Die Teufelstochter E-Book

Franz-Josef Körner

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Beschreibung

Der neue historische Roman von Franz-Josef Körner aus dem mittelalterlichen Europa des 14. Jahrhunderts! Die Geschichte der Knochentänzerin Cailun wird nun fortgesetzt und führt sie durch die Wüste direkt in den Harem eines mächtigen Sultans. Cailun, die schöne Tochter der Irin, die aus Schottland floh und im Reliquienhändler William ihre große Liebe fand, ist nun wieder auf der Flucht. Mitten in der Wüste verliert sie das Bewusstsein. Als sie erwacht, ist ihr Ehemann William spurlos verschwunden und sie hält eine kurz zuvor erworbene Reliquie in den Händen. Kurze Zeit später wird sie verschleppt. Ihre Entführer verdächtigen sie, mit der Reliquie die Männlichkeit des Teufels höchstpersönlich in Händen zu halten und seine Brut im Leib zu tragen – ein Zeichen, dass Satan kurz davor steht, das Christentum zu vernichten. Da Cailun tatsächlich schwanger ist, wird sie von nun an als wertvolle Waffe zwischen Christen und Osmanen gehandelt ...

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Seitenzahl: 402

Veröffentlichungsjahr: 2018

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Franz-Josef Körner

Die Teufelstochter

Historischer Roman

Verlagsgruppe Droemer Knaur GmbH & Co. KG.

Über dieses Buch

Der neue historische Roman von Franz-Josef Körner aus dem mittelalterlichen Europa des 14. Jahrhunderts! Die Geschichte der Knochentänzerin Cailun wird nun fortgesetzt und führt sie durch die Wüste direkt in den Harem eines mächtigen Sultans.

Cailun, die schöne Tochter der Irin, die aus Schottland floh und im Reliquienhändler William ihre große Liebe fand, ist nun wieder auf der Flucht.

Mitten in der Wüste verliert sie das Bewusstsein. Als sie erwacht, ist ihr Ehemann William spurlos verschwunden und sie hält eine kurz zuvor erworbene Reliquie in den Händen.

Kurze Zeit später wird sie verschleppt. Ihre Entführer verdächtigen sie, mit der Reliquie die Männlichkeit des Teufels höchstpersönlich in Händen zu halten und seine Brut im Leib zu tragen – ein Zeichen, dass Satan kurz davorsteht, das Christentum zu vernichten. Da Cailun tatsächlich schwanger ist, wird sie von nun an als wertvolle Waffe zwischen Christen und Osmanen gehandelt …

Inhaltsübersicht

Personen

Zitat

Prolog

1. Kapitel

2. Kapitel

3. Kapitel

4. Kapitel

5. Kapitel

6. Kapitel

7. Kapitel

8. Kapitel

9. Kapitel

10. Kapitel

11. Kapitel

12. Kapitel

13. Kapitel

14. Kapitel

15. Kapitel

16. Kapitel

17. Kapitel

18. Kapitel

19. Kapitel

20. Kapitel

21. Kapitel

22. Kapitel

23. Kapitel

24. Kapitel

25. Kapitel

26. Kapitel

27. Kapitel

28. Kapitel

29. Kapitel

30. Kapitel

31. Kapitel

32. Kapitel

33. Kapitel

34. Kapitel

35. Kapitel

36. Kapitel

37. Kapitel

38. Kapitel

39. Kapitel

40. Kapitel

Epilog

Personen

Historisch

Innozenz VI. (Papst im Exil in Avignon)

Kardinal Albornoz

Karl IV. (Kaiser des Deutschen und Römischen Reiches)

Giovanni Gradenigo (Doge von Venedig)

Edward der Dritte (König von England)

Earl von Suffolk (englischer Ritter)

Temür ibn Taraghai Barlas (Fürst der Timuriden)

Fiktiv

Cailun (Heldin der Geschichte)

William (Cailuns Gemahl)

Äbtissin Mathilda (ehemalige Klostervorsteherin Cailuns)

Mohr Abdal (Haremsaufseher)

Orhan der Erste (Sultan der Osmanen)

Orhan (sein Neffe)

Nehir (Arbeitssklavin in Orhans Harem)

Maha (Orhans Mutter, erste Dame des Harems)

Simone Dandolo (missratener Sohn der berühmten Familie)

Da Mariano und Petrucci (venezianische Agenten)

Marco Tassinario und Enrico Fabiese (venezianische Kapitäne)

Macellaio (venezianischer Sklavenaufseher)

Il Ratto und Guglielmo (Räuber, Mörder und Galeerensklaven)

Antonio Contarini (Ratsvorsitzender)

Zwerg Cüce (Krokodildompteur)

Reliquienhändler (Räuber und Mörder)

Böhmischer Heerführer

Mailänder Heerführer

Venezianischer Flottenadmiral

Söldnerhauptmann

 

 

 

Die schönste List des Teufels ist es,

uns zu überzeugen, dass es ihn nicht gibt.

 

(Charles Baudelaire)

Prolog

Auf dem Meer
1355

Das Meer«, philosophierte William, »ist eine Hure.«

Mein Blick glitt über die glitzernde Weite, von der es heißt, sie reiche bis ans Ende der Welt und dort stürzten die Schiffe ins endlose Nichts. Seit ich denken kann, spielte das Meer eine Rolle in meinem Leben, auf Icolmkill, auf all meinen Fluchten, auf meinen Reisen durch die Welt. Und jetzt wieder. Wie oft suchte ich nach Bildern, nach Erklärungen, die das Wesen des Meeres erfassen. Gibt es etwas anderes auf der Welt, das sein Antlitz so verändern kann, von einem Wimpernschlag zum anderen, vom zahmsten Lamm zum geifernden, alles verschlingenden Untier? Für mich ist das Meer kein Etwas. Das Meer ist ein Geschöpf, ein lebendiges Wesen, und wenn man mich fragt, ob ich seinen Ursprung im Himmel oder in der Hölle ansiedle, dann wird meine Antwort stets lauten, Letzteres. Wie alle Höllengeschöpfe, braucht das Meer einen Herrn: den Wind. Ohne den Wind liegt es still da und wartet auf die armen Seelen. Somit ist Williams Vergleich nicht von der Hand zu weisen. Das Meer liegt da und wartet. Wie eine Hure auf die Freier.

Die Frage, die ich William nun stellte, war folgerichtig für seinen Vergleich. Sie lautete: »Woher weißt du, wie Huren sind?«

William schwieg, mit dem ihm eigenen, stillen Lächeln, er schwieg, wie das Meer schwieg, das seit unserer Flucht aus Venedig getobt, gebrüllt, sich wie irrsinnig gebärdet hatte, mit offensichtlich nur einem einzigen Ziel, nämlich dem, uns zu vernichten.

»Ich hasse das Meer«, murmelte ich in die drückende Stille, die seit dem Sturm wie ein Kissen, mit dem man einen schlafenden Feind erstickt, auf uns lastete. »Ich habe es immer gehasst, seit Icolmkill, diesem unsäglichen Ort. Ich hasse es, es war das eigentliche Gefängnis, sogar noch mehr als die hohen Klostermauern.« Noch einmal betonte ich: »Es gibt nichts, was ich mehr hasse als das Meer.«

»Siehst du«, erwiderte William.

»Sehe ich was?«

Wieder zog er es vor zu schweigen, falls nicht sein Nicken, begleitet von einem kryptischen Lächeln, als Antwort gelten sollte. Und somit schwieg zunächst einmal alles, der Wind, das Meer, William und schließlich ich – auch, weil nicht zu erwarten war, dass er preisgeben würde, wo und wie er sein Wissen über Huren erworben hatte.

 

Als uns das Meer später an Land entließ, uns herablassend ausspuckte, bedeutete dies nicht Mildtätigkeit oder Mitleid. Wenn Williams Vergleich stimmte und das Meer eine Hure war, hieß es womöglich, dass er bezahlt hatte, aber das glaube ich nicht. Womit denn? Schon eher bedeutete es, dass William dem Meer etwas schuldete und dass es uns nur gehen ließ, weil es sich sicher war, er würde wiederkommen, immer wieder. Dann müsste er diese Schuld früher oder später bezahlen. Mit Zins und Zinseszins.

Der Rumpf der Barkasse knirschte auf dem Sand, als wir sie auf den Strand der schmalen Bucht schoben. Ein Lob auf die venezianischen Bootsbauer, auch wenn sie uns jetzt wohl gerade als verdammte Diebe verfluchten. Mag sein, all die Schnitzereien und mit Gold bemalten Verzierungen wären nicht unbedingt nötig gewesen, damit wir den Sturm überlebten, doch vielleicht trug die eine oder andere Figur, die das Schiff zierte, als Schutzzauber dazu bei, dass William und ich während dieses grandiosen Sturms nicht auf dem Grund des Meeres gelandet waren, sondern an den Ufern dieses Landes. Möglicherweise halfen aber auch die stabile Bauweise und Seetüchtigkeit der Barkasse.

Doch was für ein Land empfing uns da. Kaum hatten wir es betreten und einen Blick darauf geworfen, sprach William das aus, was ich mir im Stillen bereits gedacht hatte:

»Genauso gut hätten wir auf dem Meer bleiben können.«

Es heißt, man solle versuchen, das Gute in allen Dingen zu sehen. Also antwortete ich, nachdem ich die Wüste, die vor uns lag, mit misstrauischem Blick beäugt hatte: »Immerhin können wir darauf laufen.«

Doch William blieb skeptisch. Er kniff die Augen zusammen, beschirmte sie und ließ die andere Hand einen vagen Halbkreis über die endlose Weite, die vor uns lag, beschreiben: »Das Laufen interessiert mich nicht. Mich interessieren Geschäfte. Kannst du hier diesbezüglich irgendetwas Vielversprechendes erkennen?«

»Da«, sagte ich und deutete aufgeregt auf eine kleine Ansammlung dunkler Punkte.

Wenig später hätte ich mir für diesen Fingerzeig selbigen Finger am liebsten abgebissen.

»Hm«, machte William.

Drei Männer standen da, als hätten sie auf uns gewartet.

 

Doch zunächst muss ich zurückgehen. Nicht zum Boot, dieser gestohlenen venezianischen Barkasse, die mit all ihrem überflüssigen Prunk hinter uns wie ein verlorenes Schmuckstück am Strand in der Sonne blinkte – nein, zurück zu meiner Geschichte, zu meinem Schicksal, das mich herumgewirbelt hatte, und dies, wie ich befürchte, immer weiter tun wird. Es erinnert mich an jenen wunderschönen Schmetterling, der mitten auf dem Meer von irgendwoher angeflogen kam, sich neben mir auf einem Rudergriff niederließ, mit zitternden Flügeln in allen Farben, und als ich schon dachte, er würde als Glücksbote bei uns bleiben, war sein Glück schon wieder vorüber, denn ein Windstoß riss ihn vom Boot und wirbelte ihn davon. Also: Wo soll ich mit meinen Erinnerungen beginnen? Mit meiner Geburt, bei der ich meine Mutter tötete? Auf Icolmkill, der sturmgepeitschten Insel, bei Äbtissin Mathilda und den ehrwürdigen Schwestern, wo ich mit ora et labora, Strenge, Regen und Wind aufwuchs? Oder mit William, der mich beim Tanz auf den Knochen erwischte und fortan nicht mehr von meiner Seite wich? Vergessen sollte ich auf jeden Fall auch jenes schreckliche Eiland nicht, wo Lord Wie-lautete-sein-Name-doch-gleich alle Männer, die jünger waren als er, köpfen ließ, damit er mich ehelichen konnte. Zurückblickend muss ich erkennen, dass Tote meinen Weg säumten. Hans, den Bettelphilosophen, trafen wir in einem Kölner Kerker. Wenig später starb er auf dem Schafott. Cei, der so unglaublich lügen konnte, tanzte am Ende an einem Strick zwischen Marmorsäulen auf einer Piazetta über den Spieltischen von Venedig, wo ich sogar den Dogen traf. Wenig später rollte dessen Kopf genau jene Treppe hinunter, auf der man ihm nur ein Jahr zuvor den Corno Ducale, die Dogenkrone, aufs Haupt gesetzt hatte. Venedig, diese goldene Stadt, wo ich nach langer Suche in einem anderen Kerker endlich meinen Vater fand. Und ihm einen rostigen Nagel ins Herz stieß. William und ich mussten fliehen, wir stahlen dieses Schiff, um damit in den schlimmsten Sturm zu geraten, den ein Mensch sich nur vorstellen kann. Doch wer weiß, meine Geschichte ist ja noch nicht zu Ende, so hoffe – oder fürchte – ich.

»William«, flüsterte ich düster, »ich möchte nach Hause.«

»Wo ist das?«, fragte William abwesend.

»Ich weiß es nicht«, seufzte ich, »aber wäre es nicht schön, wenn wir ein Zuhause hätten?«

William, die Beine weit von sich gestreckt und die dünnen Arme vor der Brust verschränkt, schien sich momentan wenig für die Sehnsucht nach einer Heimat zu interessieren. Er schob das Kinn vor, seine Augen, die so wunderbar verloren blicken konnten, wurden schmal, und er fixierte die drei Männer. »Händler«, murmelte er, schüttelte ungläubig den Kopf und wiederholte: »Die drei da vorne – das müssen Händler sein.«

1.

Der Esel, auf dem Jesus durch Jerusalem ritt – und was vom Esel übrig blieb

Das Licht an jenem scheidenden Tag war ein beinahe schwärzliches Rot und legte sich wie geronnenes Blut über den dunklen Saum des Abends. Mit den Augen zeichnete ich die schwarzen Rücken der Hügel am Horizont nach. In meinem Rücken wisperten William und der Händler. Sie feilschten um ein Ding, dessen Wesen mir auch auf den zweiten Blick, den ich jetzt über die Schulter warf, verschlossen blieb. Zunächst hatte ich dieses Etwas für die verdorrte Frucht eines Brotbaums gehalten, doch das ergab keinen Sinn, denn darüber verhandelte man nicht mit einem Ernst, als ginge es um Leben oder Tod, man pflückte sie einfach. Auch war der Händler mit Sicherheit kein Obst- oder Gemüsehändler, es sei denn, dazu bedurfte es zweier Leibwächter mit der Statur von Ochsen, und mit Blicken, die alle Ausgeburten der Hölle auf der Stelle in die Flucht geschlagen hätten. Sie waren von Kopf bis Fuß mit Kriegsausrüstung behängt und trugen dieses Sammelsurium an Mordwerkzeugen gewiss nicht nur zum Spaß mit sich herum.

So Furcht einflößend die finsteren Gestalten auch waren, ihr Herr schien auf den ersten Blick das genaue Gegenteil. Klein und schmächtig, wirkte er fast so vertrocknet wie das Ding, um das er und William feilschten. Ja, er erweckte sogar den Eindruck, er könnte bei der leisesten Berührung zu Staub zerbröseln. Er war hässlich wie die Nacht, das Gesicht verschrumpelt wie eine in der Sonne verdorrte Kröte oder eine Dörrpflaume, die auf einen viel zu dünnen Hals gespießt über einem teuren Brokatgewand hin und her wackelte, aus dem links und rechts Ärmchen ragten, als wären es blanke, nur mit Pergamenthaut überzogene Knochen. Fast wollte man meinen, der Reliquienhändler sei selbst eine Reliquie. Allerdings war all dies vielleicht nur willkommene Maskerade. Sein Blick, den er nicht verbergen konnte, flink und wach, sprach nämlich eine ganz andere Sprache und besagte: Nur zu, ihr Leute, glaubt gerne, ich sei ein schwacher alter Mann, bei dem man leicht einen Vorteil erringen kann, glaubt es nur.

»Bei allen geflügelten Dämonen«, knurrte William in diesem Augenblick, »was soll das sein, etwa eine Urkunde? Ich lach mich tot.«

Das Lächeln des Händlers – bestimmt sollte es ein Lächeln sein und kein Zähnefletschen – blieb verbindlich. Zärtlich strichen seine Knochenfinger über das Pergament auf dem Tischchen, das eigens dafür in den Sand gestellt worden war. Neben dem Schriftstück lag jenes undefinierbare Etwas in einer mit Schnitzereien verzierten Schatulle. »Gewiss ist es eine Urkunde, es ist die Urkunde, die nichts anderes bezeugt, als dass diese Reliquie einzigartig und echt ist.«

William schob seinen Kopf ein wenig vor, wobei der Grund für seine zusammengekniffenen Augen weder am trüben Licht des scheidenden Tages noch an der Tatsache lag, dass er nicht lesen oder schreiben konnte. »Was für ein Gekritzel soll das sein?«, fragte er misstrauisch. »Du willst mir doch nicht weismachen, es handele sich dabei um eine Schrift. Es sieht mir mehr danach aus, als ob eine Schar Vögel mit Tinte an den Krallen auf dem Pergament gelandet und darauf herumspaziert sei.«

Der Händler wieherte vor Lachen. Er klang wie ein Pferd, das unsägliche Schmerzen leidet. »Vögel, mit Tinte an den Krallen. Sehr gut! Darauf herumspaziert, natürlich von rechts nach links.« Er prustete und schüttelte sich, dass man Angst um seine dürren Knochen bekam. »Wirklich sehr gut.« Das Lachen erstarb wie mit dem Messer abgeschnitten. »Aramäisch. Wie die Sprache Jesu. Die Schrift ist Aramäisch. Selbstverständlich muss sie das sein.«

»Ha«, machte William. Jeder weiß doch, dass Jesus aus Jerusalem stammte, und dort spricht man hebräisch.«

Der Händler wackelte mit seinem Skelettfinger: »Nur die, die sich für etwas Besseres halten. Und Jesus war ursprünglich gar nicht aus Jerusalem. Außerdem hat mit Sicherheit nicht er diese Urkunde geschrieben, sondern ein dazu Befugter.«

»Ein dazu Befugter?«

»Selbstverständlich. Sieh dir das Siegel an. So etwas steht nur einem Befugten zur Verfügung. Schließlich handelt es sich um ein offizielles Dokument.«

»Aramäisch also.« William wandte sich Hilfe suchend an mich. »Kennst du das? Kannst du das entziffern?«

Ich streifte das Pergament mit einem flüchtigen Blick und schüttelte den Kopf. Meine Aufmerksamkeit war in diesem Augenblich vornehmlich auf eine andere Sache gerichtet, die mich weitaus mehr beschäftigte als das Stück Papier oder die waffenstarrenden Schlächter des Händlers sowie die Tatsache, dass wir uns im fremden Nirgendwo am Ende der Welt in einer Wüste befanden. Es war vielmehr die nachdenkliche Art und Weise, wie William den schmalen Lederbeutel mit unserem letzten Silber in den Händen wog.

»Du denkst doch nicht wirklich allen Ernstes daran –«, begann ich ungläubig, doch Williams verträumter Blick, mit dem er das verschrumpelte Etwas in der Schatulle beäugte, fuhr wie ein kräftiger Windstoß in die Glut meiner schlimmsten Befürchtungen.

»William!« Meine Stimme klang so schneidend, dass die Leibwächter drohend vorrückten und der Händler besorgt die Hände hob, als fürchte er, angegriffen zu werden. Nicht so William. Der wedelte nur in meine Richtung, als wolle er eine lästige Fliege verscheuchen, und wandte sich an den Reliquienhändler:

»Und du versicherst mir, beides ist echt? Auch die Urkunde?«

Der gesamte gerippeartige Körper des Händlers signalisierte Entrüstung. »Bei Mohammed, dem Propheten, bei Allah dem Allmächtigen, ich schwöre beim heiligen Mustafa –«

»Warte«, unterbrach ihn William. »Wer ist dieser Mustafa?«

Der Händler zeigte vertrauensvoll seine Handflächen. »Mustafa? Der Schutzheilige aller Reliquienhändler.«

William schüttelte den Kopf. »Es wäre mir lieber, du schwörst auf jemanden, den ich kenne –«

»Einen Moment!« Ich schob mich vor William, denn ich wollte unbedingt an den Verhandlungen teilhaben, die sich für meinen Geschmack in eine gefährliche Richtung entwickelten. »Was soll das werden?« Doch diesmal wedelte William nicht nur, er schob mich entschieden zur Seite. »Du bist jetzt still.«

»Ich schwöre«, grinste der Totenschädel des Händlers, »ich schwöre beim Leben meiner Mutter.«

»Ja, das ist besser.« Williams erklärendes Nicken war für mich bestimmt. »Die Mutter ist das Heiligste für diese Menschen hier. Du würdest nie –«

»William!« Ich gebe zu, meine Stimme klang ein wenig hysterisch. »Unser ganzes Geld für dieses -«

»Es ist einmalig! Es ist das Glied –!«

»Was?«

»Das ist es«, bestätigte der Händler mit theatralischem Ernst.

»Seid ihr alle verrückt geworden? Ihr wollt mir doch nicht etwa weismachen, dieses vertrocknete Ding da ist –«, ich rang nach Worten, »das – das – das ist – Blasphemie«, ich verschluckte mich daran, es auszusprechen, »– Jesus –«.

Da kam mir der Händler gönnerhaft zur Hilfe: »Doch. Genau das ist es.« Sein skelettartiger Zeigefinger senkte sich bedeutungsschwer auf das vertrocknete Brotfruchtartige in der Schatulle herab. »Eine einzigartige Reliquie von unschätzbarem Wert. Die Schatulle«, erklärte er William beiläufig, »ist im Preis natürlich nicht inbegriffen.« Dann wurde seine Stimme noch dramatischer. Die Waffen der Leibwächter, die im scheidenden Licht zu Schatten geworden waren, blitzten dazu wie verheißende Sterne. »Nicht nur, dass es so sicher ist, wie Mohammed auf diesem Berg da gelandet ist –«

»Dem heiligen Felsendom.«

»Genau. Auch die Urkunde bezeugt es. Die unumstößliche Wahrheit ist: Diese Reliquie ist echt.« Wieder folgte eine der Dramatik geschuldete Pause. Dann stieß der Händler den angehaltenen Atem aus, streckte den dürren Brustkorb wie einen Bootskiel vor und verkündete mit einer Stimme, die es verdient hätte, von Posaunenfanfaren begleitet zu werden: »Das Glied des Esels, auf dem Jesus einst durch Jerusalem ritt.«

 

»So«, sagte ich und blickte vor Kälte zitternd in den Nachthimmel, der so trügerisch schön war, als hätten sich die Schatztruhen aller Könige der Welt mit Edelsteinen, Silber und Gold über schwarzblauem Samt ergossen.

»So, was?«, fragte William.

»So«, antwortete ich, »im Sinne von, wie hilft uns jetzt dieses Eselsglied, für das du unser ganzes Silber verschleudert hast, dabei, nicht zu erfrieren oder zu verhungern oder zu verdursten?«

»In etwa so wie der Beutel mit Silber, mit dem ich den Eselsschwanz bezahlt habe«, erwiderte William zugegebenermaßen nicht ganz ohne eine gewisse Logik. Auch er klapperte mit den Zähnen. Es war bitterkalt. Diese Nacht war von betörender, aber unerbittlicher Schönheit.

»Du hättest lieber zwei Mäntel, Decken, Nahrung und Wasser kaufen sollen anstatt eines Eselsschwanzes«, hörte ich mich sagen. »Oder wenn es schon eine Reliquie sein musste, dann wenigstens die des getrockneten Dungs von diesem heiligen Esel. Dann könnten wir damit nämlich ein Feuer machen und müssten heute Nacht nicht erfrieren. Oder eignet sich das Eselsglied auch für ein Feuer?« Meine Stimme klang verlassen und verloren unter diesem klaren, mit Sternen überzogenen Firmament, das sich so unendlich über uns spannte.

»Das Problem«, erklärte William, »ist ein ganz anderes.«

»Aha. Und welches?«

»Ganz einfach. Du denkst nur an das Jetzt. Natürlich ist es jetzt kalt«

»Ja.«

»Selbstverständlich müssen wir jetzt Entbehrungen auf uns nehmen.«

»Entbehrungen wie zum Beispiel den Tod durch Erfrieren oder Verdursten –«

Unbeirrt schüttelte William meinen Spott ab, wie ein nasser Hund, der im Meer geschwommen ist: »Wenn man als Händler erfolgreich sein will, muss man an die Zukunft denken. Mal angenommen –«

»Mal angenommen, wir wären tot«, klapperte ich wieder dazwischen mit den Zähnen. Doch ungeachtet meiner Unterbrechung fuhr er mit seinem Vortrag über die jetzigen und zukünftigen Prämissen eines aufstrebenden Kaufmanns fort:

»Hör mir zu. Es stimmt. Wir haben viel investiert. Und wir haben in Venedig und auf dem Meer viel verloren. Aber das bedeutet nichts. Das kann schon mal passieren. Man darf sich aber von Rückschlägen keinesfalls entmutigen lassen. Man muss kämpfen, darf den Mut nicht verlieren, auf keinen Fall.«

»Nur zur Erinnerung«, unterbrach ich erneut. »Wir hatten nicht alles verloren. Erst jetzt. Wir hatten diesen Beutel mit Silber. Jetzt haben wir ein Eselsglied –«

»Ja. Eben.« William hob belehrend den Zeigefinger wie seinerzeit Äbtissin Mathilda, wenn sie darüber sprach, wie gnädig das Strafgericht des Allmächtigen agiert, von dem wir Menschen von Zeit zu Zeit heimgesucht werden, damit uns nicht der Größenwahn übermannt, sondern die Bescheidenheit obsiegt. »Ein Kaufmann«, dozierte William über seinen erhobenen Zeigefinger hinweg, »ein Kaufmann muss etwas wagen. Er darf kein Feigling sein, kein Zauderer. Wiewohl er die Risiken sorgfältig abwägen muss. Eine Prise Wagemut, ein Quäntchen Glück, ein bisschen Kapital, gewürzt mit einem scharfen Verstand. Das ist die richtige Rezeptur. Verstehst du?«

Die Kälte, der Hunger und der Durst oder kurz die Resignation vor den Umständen ließen mich nur müde nicken, obwohl ich dachte, unsere Rezeptur bestehe ausschließlich aus Entbehrung und Tod. Und so – während ich mir sicher war, dass wir diese Nacht oder zumindest eine der folgenden nicht überleben würden – sinnierte William, der mein Nicken als Zuspruch deutete, noch eine ganze Weile über das Wesen eines guten beziehungsweise erfolgreichen Kaufmanns.

»Merk dir also vor allem eins«, schloss er dann endlich seinen Vortrag und warf mir unter der Ewigkeit des Sternenfirmaments einen bedeutungsvollen Blick zu, »merke dir, es kommt nicht auf das jämmerliche Jetzt an. Entscheidend ist die Zukunft.«

»Ja«, erwiderte ich zitternd mit blauen Lippen. »Das merke ich mir.« Und ich dachte dabei, dass sich zur ersten Hure, dem Meer, noch eine zweite gesellt hatte, die der ersten nicht unähnlich war, nämlich das wüste, unwirtliche Land. Und ich fragte mich, wie es jemals gut gehen sollte, dass wir womöglich nun schon bei zwei Huren in der Schuld standen. Vor allem, weil William unser letztes Geld für ein verdorrtes Eselsglied ausgegeben hatte. Oder was auch immer es war.

»William«, hauchte ich seinen Namen als gefrorenen Nebel in die klare, bitterkalte Nacht. »Wollen wir nicht einfach zurückgehen, zu diesem Strand, zu unserem Boot?«

»Zurückgehen –«, murmelte William, und er ließ offen, ob dies als Frage gemeint war oder als Zustimmung. Sein Kopf sank herab auf meinen Schoß, und er begann zu schnarchen, die Schatulle mit dem Eselsglied fest an seine Brust gepresst. »Jesus«, murmelte er später im Schlaf und dann Worte wie »Esel« und »Jerusalem«, und ich hockte da und zitterte und fror und wachte, denn die Kälte war wie Eis in all meinen Gliedern und ließ nicht zu, dass ich schlief.

2.

Der Weg, den einst Barbarossa nahm

Am nächsten Morgen gewann William den Kampf, in dem es um das Meer oder das Land ging. Ich plädierte müde für das Meer, vielleicht, weil ich eine Frau bin und das behalten wollte, was wir noch hatten: das Boot. William stichelte, ich sei wie alle Weiber und es ginge mir bloß um all die mit Gold und Silber bemalten Verzierungen und Figürchen, und er fragte, was uns dieser Tand wohl für unser Überleben und unsere Zukunft nutze. Außerdem seien wir doch übers Meer gekommen, und welchen Sinn ergebe es, denselben Weg wieder zurückzulegen, man müsse vorwärts blicken und nicht rückwärts. Ich erwiderte, silberne oder goldene Malereien hätten mit der ganzen Sache gar nichts zu tun. Außerdem gäbe es eben nicht nur denselben Weg zurück, ob ihm, als selbst ernanntem begnadeten Seefahrer vor dem Herrn, denn noch nicht aufgefallen sei, dass man auf dem Meer in alle vier Himmelsrichtungen fahren könne und nicht nur in eine? Außerdem, so argumentierte ich, was sei er wohl für ein Kaufmann, dass er eine so wertvolle Barkasse einfach an einem einsamen Strand zurücklassen wolle? Viel sinnvoller sei es doch, damit an jenen Ort zu gelangen, den man erreichen wolle, um dann das Boot am Ziel gewinnbringend zu verkaufen.

William betrachtete mich stirnrunzelnd und meinte: »Gerade eben sagtest du noch, du hasst das Meer. Zwei Atemzüge später willst du wieder genau dort hinausfahren, aufs Meer. Wie soll man das verstehen?«

»So ist das eben, schließlich bin ich auch noch mit dir unterwegs«, erwiderte ich schnippisch und blickte ihm dabei streitlustig in die Augen. »Manches hasst man und tut es trotzdem.«

»Aha«, sagte William nachdenklich. Dann erklärte er: »Wir wollen nach Jerusalem. Der Händler sagte mir, wir müssen über Land gehen. Den Weg, den einst Barbarossa nahm.«

Du, dachte ich, du willst nach Jerusalem. Ich sagte: »In den Büchern, die ich auf Icolmkill las, stand, Barbarossa starb auf diesem Weg. Für mich ist das ein Grund, der dagegen spricht.«

William schnaubte verächtlich. »Überall sterben Menschen. Auf dem Wasser, auf dem Land. Das ist gar kein Grund.« Dann überlegte er laut: » Und, wer, zum Teufel, ist überhaupt dieser Barbarossa?«

»Ein Kaiser. Er nahm das Kreuz und wollte nach Jerusalem, um die Stadt von den Heiden zu befreien.« Ich lachte bitter. »Vor dem Händler hast du getan, als wüsstest du sehr wohl, wer Barbarossa ist.«

William zuckte mit den Schultern. »Na und? Du verstehst nicht, wie man Geschäfte macht. Natürlich tut man so, als kenne man alle und jeden. Soll ich wie ein dummer Bauer dastehen, wenn es um die heiligsten Reliquien der Welt geht?« Er schüttelte den Kopf. »Jerusalem. Von mir aus können die Heiden damit tun und lassen, was sie wollen. Ich will niemanden befreien. Ich will nur Handel treiben und reich werden. Dann kauf ich uns ein großes Haus in Italien, wir bekommen zehn Söhne und viele Enkel, und ich sitze auf der Bank in der Sonne und werde hundert Jahre alt.«

»Ich will keine zehn Söhne und schon gar kein Haus in Italien.«

»Aha.« William wirkte ein wenig enttäuscht. »Was dann?«

»Jedenfalls will ich auch Mädchen.« Ich überlegte laut: »Du bist Engländer. Mein Vater war Engländer, meine Mutter Irin.«

William fragte: »Und?«

»Ich weiß nicht, wie du da auf Italien kommst.«

»Das hat wohl etwas mit dem Wetter zu tun. Willst du ein Haus in Regen und Sturm?«

»William«, begann ich, dann brach ich ab. Etwas wühlte plötzlich in meinem leeren Magen, drehte ihn um, und ich erbrach Galle auf dem steinigen Wüstenboden.

William kommentierte es kopfschüttelnd: »Wie seltsam, immer, wenn es um die wichtigen Dinge des Lebens geht, schmerzt Frauen der Kopf, oder sie übergeben sich.«

Ich würgte erneut und brachte keuchend hervor: »Wie froh ich doch bin, wie viel Weisheit du aus deinem reichen Erfahrungsschatz mit Frauen im Allgemeinen und Huren im Besonderen schöpfst.«

William hob die Hände. »Ja, aber es stimmt doch. Oder etwa nicht?«

Ich erwiderte nichts und versuchte stattdessen, meine Glieder zu strecken, damit das Eis daraus wich.

Die Sonne ging auf. Sie stieg erhaben aus dem Meer, rot, mächtig, keinen Zweifel lassend, dass sie, wie seit Anbeginn der Welt, ihren Lauf nehmen würde.

Auf die Eiseskälte der Nacht folgte die Gluthitze des Tages.

3.

Doch dann überlegte ich es mir anders und sagte: »Nach Jerusalem.«

William. Wir werden sterben.«

Meine Stimme war nur mehr ein heiseres Krächzen. Ich kauerte in der steinigen Mulde, in die ich mit der absurden Hoffnung gestolpert war, hier wenigstens eine Handbreit Schatten zu finden. Aber die Mulde war viel zu flach, und der gleißende Ball der Sonne im Zenit brannte erbarmungslos herab. Hier wuchs nichts, kein noch so kümmerliches Bäumchen, kein Strauch. Nichts. Ich hatte die Arme um den Leib geschlungen und wartete, ohne zu wissen, worauf. Williams gebeugte Gestalt flimmerte einen halben Steinwurf entfernt wie eine unwirkliche Erscheinung, die im Begriff war, sich in der glühenden Hitze aufzulösen. Die schwarzen Vögel, die anfangs noch weit oben am Himmel als winzige Punkte wie aufgewirbelte Asche gewirkt hatten, waren Stunde um Stunde immer weiter auf uns herabgesunken und schwebten längst so tief über unseren Köpfen, dass ich ihre starren Augen sehen konnte, mit denen sie abschätzten, wie lange sie sich noch mit ihrem Festmahl gedulden mussten. Es waren schwarze Schatten, Todesboten, und sie zogen die Schlinge ihrer lauernden Kreise geduldig immer enger um uns.

William war stehen geblieben, als lauschte oder witterte er, wie ein misstrauisches Tier. Jetzt drehte er sich langsam um, und seine flirrende Silhouette torkelte zurück in meine Richtung. William war ein zäher Bursche, viel zäher als ich, aber selbst er war am Ende seiner Kräfte angelangt. Wie lange kann ein Mensch ohne Wasser in dieser glühenden Hitze überleben? Ich hielt es nicht mehr lange aus, so viel stand fest. Zwei Nächte und zwei Tage in dieser Ödnis hatten ausgereicht, um meinen Körper und meinen Geist so auszudörren, dass ich nicht einmal mehr die Kraft hatte, die Galle herauszuwürgen, die mir die immer wiederkehrende Übelkeit in die Kehle geschickt hatte.

William stand jetzt schwankend wie ein Betrunkener über mir. Er krächzte etwas, aber ich war mir nicht sicher, ob es nicht von einem der Geier über unseren Köpfen kam. Erst als er es mehrmals wiederholte, glaubte ich zu verstehen, was sein Krächzen bedeutete:

»Cailun.«

Cailun. In meinem von der Sonne verbrannten Gehirn formte sich der Gedanke, dass dies mein Name war.

»Cailun. Steh auf.«

Mir fehlte die Kraft, auch nur den Kopf zu heben – wie sollte ich da aufstehen? Ich wollte William mitteilen, dass ich nicht weitergehen konnte, aber auch ich brachte zunächst nur ein Krächzen hervor.

»Cailun, du musst aufstehen. Wir können hier nicht bleiben. Wir müssen Wasser finden. Sonst verdursten wir.« Er stolperte zu mir in die Senke und hockte sich neben mich. Seine Finger umklammerten die Schatulle. Wenn doch nur Wasser darin gewesen wäre und nicht dieses unsägliche Ding. Die Galle brannte in meiner Kehle, und meine geschwollene Zunge mahlte nun endlich mühsam:

»Ich kann nicht. Geh ohne mich – lass mich hier sterben.«

William erwiderte nichts. Er stellte die Schatulle vorsichtig neben sich, dann packte er meine Hände und zog mich in die Höhe. Sofort gaben meine Beine wieder nach. William wiederholte das Spiel ein paar Mal, bis er einsah, dass es keinen Sinn ergab.

»Geh«, krächzte ich.

Eine Weile stand er über mir und betrachtete mich nachdenklich. Schließlich verstaute er die Schatulle irgendwo in seinem Gewand, zog mich noch einmal hoch und lud mich schwankend auf seinen Rücken. Irgendwie schaffte er es, mich aus der Mulde zu schleppen und ein paar Meter zu gehen. Aber dann knickten auch seine Beine unter meinem Gewicht ein, und wir lagen zusammen auf der heißen, staubigen Erde.

 

Der Ziegenbock hatte die Größe eines ausgewachsenen Esels, pechschwarzes Fell und sanfte gelbe Augen. Ich war aufgewacht, als ich seinen Atem wie eine warme Sommerbrise auf meinen Wangen spürte. Wie ein Reittier trug er ein kunstvolles, mit Edelsteinen besetztes Halfter, und über seinem Rücken lag eine scharlachrote, mit Gold und Silber bestickte Decke. Ich schlang meine Arme um seinen Hals und zog mich hoch. Dann saß ich auf, und er spitzte die Ohren, als wartete er auf ein Wort von mir. Ich schnalzte mit der Zunge, und er setzte sich gemächlich in Bewegung. Obwohl ich auf seinem Rücken hin und her schaukelte, verstärkte sich meine Übelkeit nicht, sondern verschwand seltsamerweise. Ein silberner Becher mit köstlichem Wasser wurde mir gereicht, und ich trank davon. Viele Menschen säumten den Weg, der durch die fremde Stadt führte, und sie skandierten Heil dir, o Königin, o Heilsbringerin. Am Ende des Weges stand eine Gestalt, die plötzlich anfing, wie wild mit den Armen zu rudern. Wir hielten an, und ich sah, dass es William war. Jetzt hörte er auf zu fuchteln, er zog ein langes Messer aus seinem Gewand und beugte sich unter den Bauch des Ziegenbocks. Ich erkannte seine Absicht sofort und schrie:

»William! Nein!«

Ich schreckte hoch, und augenblicklich fuhr ein stechender Schmerz durch meinen zerschlagenen, ausgebrannten Körper. Mein Blick war in der flirrenden Hitze unklar, verschwommen, er geisterte wirr umher und erfasste die ausgedörrte Umgebung nur schemenhaft. Ich tastete nach dem harten Gegenstand in meinem Schoß, bis ich bemerkte, dass es die Schatulle mit der angeblich heiligsten aller heiligen Reliquien war. William musste sie mir hineingelegt haben. William? Ohne auf den pochenden Schmerz in meinem Nacken zu achten, drehte ich meinen Kopf hastig in alle Richtungen. Ich krächzte:

»William? Wo bist du?«

Es konnte doch nicht sein, dass er mich in dieser gottverlassenen Einöde einsam und alleine sterben ließ!

»William!«, krächzte ich noch einmal verzweifelt. Vom Himmel schwebte ein finsterer Schatten herab und ließ sich auf dem Rand der Mulde nieder. Ich sah das schwarze Gefieder, den langen kahlen Hals, auf dem sich der hässliche Geierkopf mit den leblosen Augen zu mir wandte. Noch zwei weitere Vögel gesellten sich dazu, still, geduldig, wartend. Schwarze Wächter an meinem Sterbelager.

 

Zunächst dachte ich, es sei wieder nur ein Traum. Die beiden Männer trugen die modische Kleidung, die ich aus Venedig kannte. Zuerst sah ich die Stiefel mit den übertriebenen Spitzen, und ich wunderte mich über meine unsinnige Erinnerung daran, dass die Länge der ausgestopften Spitzen Auskunft über die Stellung des Trägers in der Gesellschaft Venedigs gab. Wenn es danach ging, dann standen die beiden Männer, die mich jetzt hochzerrten, allenfalls auf den mittleren Sprossen der gesellschaftlichen Leiter. Über den dunklen, engen Hosen trugen sie die typischen venezianischen Schecken und Corno-ähnliche Hüte. Ihr ganzer Aufzug hätte in dieser Wüste lächerlich wirken müssen, doch als ich ihre Augen sah, wusste ich, dass außer der geckenhaften Kleidung absolut nichts Lächerliches an ihnen war. Allerdings war ich inzwischen vor Durst und Entbehrung weit jenseits jeglicher Furcht vor Menschen, selbst wenn es sich um Männer handelte, die mit Raubtieraugen auf mich niederblickten. Und auch sonst erweckten sie nicht den Eindruck, als besäßen sie nur die Spur von Menschlichkeit, obwohl ich nun in gierigen Schlucken das Wasser aus dem Ziegenschlauch trank, den mir einer von ihnen hingehalten hatte. Kaum war das köstliche Nass meine brennende Kehle hinuntergeronnen, erbrach ich das meiste wieder. Doch die kleine Menge, die ich bei mir behalten konnte, ließ das Leben in mich zurückkehren.

»Wo ist er?«, fragte der Kleinere der beiden, und sein Blick erinnerte mich an das mitleidlose Starren der Geier, die vor Kurzem noch oberhalb der Senke gehockt hatten. Er war von gedrungener Gestalt und hatte ein heimtückisches, zerschlagenes Gesicht.

Ich trank wieder und schüttelte dabei den Kopf, weil mir vollkommen unklar war, was er mit seiner Frage meinte. Der zweite, größere Mann hatte etwas Aristokratisches an sich, mit einer fein geschwungenen Nase und einem energischen Kinn. Mit einer raschen Bewegung riss er mir den Ziegenschlauch aus der Hand.

»Der andere. Dein Kompagnon.« Er grinste spöttisch: «Oder dein Gatte? Was weiß ich. Wo ist er?«

Sie meinten William. Wieder irrte mein Blick in die flimmernde Weite. Da war nichts, kein Leben, kein Mensch, selbst die Geier waren verschwunden. Erneut schüttelte ich ratlos und verzweifelt den Kopf. »Er ist weg.«

»Wohin?«

Ich flüsterte heiser: »Das weiß ich doch nicht.«

Jetzt sprach wieder der Kleinere der beiden. Er hatte eine tiefe, männliche Stimme, die beinahe schmeichelnd klang, wenn man nicht auf sein Aussehen und schon gar nicht auf den Inhalt seiner Worte achtete. Er sagte: »Hör mir zu. Zunächst einmal erkläre ich dir, mit wem du es zu tun hast, damit du das auch wirklich verstehst und nicht in Versuchung gerätst, uns etwa anzulügen. Wir stehen im Dienste des Dogen von Venedig, und unsere Aufgabe besteht darin, alle die aufzuspüren und einzufangen, die sich eines Verbrechens an der Serenissima schuldig gemacht haben und dann versuchen, sich durch Flucht ihrer gerechten Strafe zu entziehen. Wir sind äußerst erfolgreich, bisher haben wir noch jeden aufgespürt. So wie dich! Und dann zurückgebracht. Auch unsere Methoden der Wahrheitsfindung sind sehr effektiv.« Er wandte sich an den Aristokraten: »Nennst du ihr vielleicht ein Beispiel?«

Dieser reichte mir, freundlich lächelnd, den Ziegenschlauch zurück und nickte: »Gerne. Aber trinke zuerst noch einmal. Unser Auftrag lautet ja, dich lebend zurückzubringen.« Er wartete höflich, bis ich getrunken hatte, dann fuhr er fort: »Unsere Methoden. Nun, manchmal will ein ganz und gar gieriger Mensch zum Beispiel das Geheimnis der Glasbläser von Murano für Geld verraten. Darauf steht der Tod. Aber wir müssen den Geflohenen lebend fangen, er soll ja nicht eines gnädigen, raschen Todes, sondern langsam und qualvoll sterben, als mahnendes Beispiel für all diejenigen, die sich vielleicht mit dem Gedanken an einen ähnlichen Verrat tragen.«

Jetzt, da mit dem Wasser meine Lebenskräfte immer mehr zurückkehrten, wunderte ich mich zunächst über zweierlei, während ich mit halbem Ohr dem selbstgefälligen Sermon des Aristokraten lauschte, der mir anschaulich erklärte, wie ein wieder eingefangener Flüchtiger mit einem erhitzten Glasstab langsam gepfählt worden war: Erstens, woher kamen die beiden so plötzlich? Und zweitens, was wollten sie von mir? Doch Letzteres wurde mir nach einem weiteren Schluck Wasser mit einem Mal klar. William hatte sich vom Consiglio dei Dieci – dem Rat der Zehn, der das Gesetz Venedigs vertrat – eine gefälschte Reliquie des heiligen Markus äußerst gut bezahlen lassen, war aber entlarvt worden. Danach hatte ich ihn auf spektakuläre Weise aus dem am Campanile hängenden Käfig befreit, und wir waren mit einer gestohlenen Prunkbarkasse aus Venedig geflohen. Das hatte der Maggior Consiglio – der Große Rat, der aus den mächtigen Familien der Serenissima bestand – wohl als Demütigung empfunden, und so wurden die Häscher nach uns ausgesandt. Zwar war der Doge Marino Faliero nach einem versuchten Staatsstreich, in dem er sich zum Fürsten erheben wollte, auf der Scala Foscara enthauptet worden, aber auch der neue Doge war wohl nicht gewillt, uns entkommen zu lassen. Trotzdem blieben wiederum zwei beunruhigende Fragen offen: Wie hatten mich die beiden Häscher gefunden? Sie konnten William und mir doch unmöglich durch diesen Sturm gefolgt sein. Weitaus weniger noch konnte ich jedoch eine andere Sache begreifen. War William tatsächlich alleine aufgebrochen und hatte mich sterbend zurückgelassen? Natürlich hatte ich ihn darum gebeten – und trotzdem war diese Vorstellung so unfassbar, dass es mir den Atem verschlug.

Der Aristokrat war mit seiner Schilderung von Grausamkeiten am Ende angelangt und fragte mich nun mit einem weiteren freundlichen Lächeln auf den Lippen, das jedoch im Kontrast zu seinen Eisaugen stand:

»Also: Wo ist dein Gaunerkumpan? Wohin ist er unterwegs?«

Zunächst wollte ich erneut antworten, dass ich es nicht wusste. Doch dann überlegte ich es mir anders, und ich sagte leise:

»Nach Jerusalem.«

4.

Und da ich schon immer sehr neugierig war …

… fragte ich später, als der andere losgezogen war, um William zu fangen, den Aristokraten: »Wie war es möglich, dass Ihr mich nach diesem Sturm hier finden konntet? In einem fremden Land, in dieser Wüste. Wasser hinterlässt doch keine Spuren. Wir konnten überallhin geflohen sein.«

Die Frage war nicht nur aus reiner Neugierde gestellt. Sie war auch ein Manöver der Ablenkung von meinen eigenen Gedanken, die inzwischen beinahe ausschließlich um William kreisten. War er wirklich nach Jerusalem weitergezogen und hatte mich zurückgelassen – wie ein Pferd, das lahmt und deshalb nicht mehr von Nutzen ist? Wenn ich das dachte, spürte ich in mir nur kochende Wut. War das die Liebe, die er mir immer geschworen hatte? Ich tastete heimlich nach dem Kästchen, das ich inzwischen unter meinem Gewand verborgen hielt. Aber warum sollte er dann diese angeblich so wertvolle Reliquie, den Grundstock seiner zukünftigen Handelsgeschäfte, mit mir zurückgelassen haben? Das ergab keinen Sinn. Oder war er, als ich hilflos und nutzlos dalag, losgezogen, um Wasser zu finden oder Hilfe zu holen? Wenn ja, was bedeutete das nun für uns? Bedeutete es Hoffnung auf Befreiung? Oder nur doppelte Gefangenschaft? Oder gar Williams Tod, wenn er in der Wüste verdurstet war oder bei einem Kampf mit dem Häscher den Kürzeren gezogen hatte?

Der Aristokrat lächelte gütig und war nur allzu beflissen, mir die Überlegenheit der Serenissima und ihrer Männer gegenüber der restlichen Welt zu erklären. Er warf sich in die Brust: »Du willst also wissen, wie wir dich finden konnten? Nun, es war bestimmt keine einfache Aufgabe, und es bedurfte großartiger Fähigkeiten.« Jetzt mimte er für einen Moment den Bescheidenen: »Aber es ist nicht allein mein Verdienst. Venedig verfügt über die besten Gelehrten der Welt. Ärzte, Notare, die Ratsherren des Consiglio, Geografen, Astrologen, Mathematiker, gelehrte Seefahrer wie zum Beispiel den berühmten Sohn der Serenissima, Marco Polo, der China bereiste und in San Lorenzo begraben ist.«

Und weiter?, wollte ich sagen, als der Aristokrat in Bewunderung der venezianischen Berühmtheiten eine dramatische Pause einlegte. Doch es war nicht notwendig, diesen Mann zum Reden aufzufordern, viel zu verliebt war er in die eigene Stimme, die eigenen Worte. Schon palaverte er weiter:

»Ein Sturm hat stets eine Richtung, die er über Wasser niemals verlässt. Und ebenso hat das Meer Richtungen, Strömungen, die unsere Seefahrer kennen, jede einzelne, bis in die kleinste Biegung.« Nun gefiel er sich darin, wie ein Koch die Zutaten zu einem Gericht aufzuzählen: »Man nehme also einen Gelehrten der Seefahrt, einen Kundigen des Wetters, einen Geografen und einen Mathematiker. Was kommt heraus? Nun? Exakt der Punkt, an dem euch das Meer hier wieder ausgespuckt hat.«

Er plauderte so beiläufig und vertraulich mit mir, als wären wir alte Freunde. Er hatte mich durch die Wüste zurück zum Meer gebracht, der Weg war nicht allzu weit gewesen. William und ich waren wohl ziemlich im Kreis gelaufen. Ein stattliches Segelschiff schaukelte ein Stück weit draußen, ein einfaches Beiboot lag neben der gekaperten Barkasse auf dem Sand. Wir saßen unter einem Schatten spendenden Schirm, und nichts wies darauf hin, dass ich die Gefangene des Häschers war. Er hatte mir weder Hände noch Füße gebunden, sein Blick schweifte oft von mir ab und in die Ferne, und vielleicht hätte ich einfach aufspringen und davonlaufen sollen. Doch wohin? Zum Meer? Dort lag das Schiff der Häscher. Zurück in die Wüste? Allein und ohne Wasser? Das hätte meinen sicheren Tod bedeutet.

Sollte ich also nicht eigentlich zufrieden und glücklich über meine Rettung sein? Denn genau genommen hatten mich die Häscher des Dogen doch vor dem Verdursten und vor dem grausamen Tod in der Wüste bewahrt.

Ich betrachtete diesen seltsamen Mann mit dem noblen Benehmen und Aussehen. Seine ebenmäßigen Züge waren beinahe schön zu nennen, wären da nicht diese hellen, leblosen Augen gewesen. Seine Hände waren Künstlerhände, schlank, schmal, gepflegt, nicht die eines Schlächters. Ließ er seinen Begleiter den schmutzigen Teil der Arbeit machen? Ich fragte:

»Was geschieht jetzt mit mir?«

»Hast du Angst?«, stellte er die Gegenfrage.

Ich horchte in mich hinein und antwortete: »Natürlich habe ich Angst davor, mit einem glühenden Glasstab gepfählt zu werden.«

Er lächelte, und wieder war sein Gesicht zweigeteilt, in einen toten und einen lebenden Part. »Davor brauchst du dich nicht zu fürchten, das ist keine Strafe für Frauen. Außerdem ist Venedig ein zivilisierter Staat, wir sind keine Ansammlung von Barbaren.«

Ich dachte an die Hinrichtung zweier angeblicher Verräter, der ich beiwohnen musste. Der Henker holte einen glühenden Eisenstuhl aus einem Murano-Ofen, setzte den Mann darauf, der beschuldigt worden war, den Sturz des Dogen geplant zu haben, und nagelte ihm mit den höhnischen Worten: »So fühlt sich der Corno auf dem falschen Kopf an«, eine ebenfalls glühende, eiserne Dogenhaube auf den kahl rasierten Schädel. Dann wurde die Frau in einer Wanne festgebunden und langsam mit flüssigem Glas übergossen, bis die glühende Masse nach einer Ewigkeit endlich ihre markerschütternden Schreie erstickte. Ich wiederholte:

»Was also geschieht jetzt mit mir?«

Der Aristokrat ließ seinen Blick zu der Barkasse auf dem Meer wandern: »Zuerst einmal werde ich dich aufs Schiff bringen. Dort warten wir, bis mein Begleiter deinen Kompagnon eingefangen und zurückgebracht hat.«

»Und wenn er ihn nicht fängt?«

Darüber lachte er. »Er fängt ihn, sei dir gewiss.«

»Und dann?«

»Dann bringen wir euch zurück nach Venedig, und unser Auftrag ist erfüllt. Dort wird der Consiglio ein gerechtes Urteil über euch sprechen.«

Vom Meer her kam eine sanfte Brise, die das Wasser kräuselte und für einen Augenblick die glühende Hitze vertrieb. Das Schiff, das einen Steinwurf entfernt vor Anker lag, war eine stattliche Kogge mit gerefften Lateinersegeln und mindestens fünf neumodischen Kanonen hinter den offenen Luken der Bordwände, und ich überlegte, dass es schon beinahe eine Ehre war, wenn Venedig einen solchen Aufwand betrieb, um William und mich zurückzuholen.

Und dann dachte ich erneut an das, was ich vom Ergebnis venezianischer Gerichtsbarkeit und Gerechtigkeit gesehen und gehört hatte. Ich erinnerte mich an das Schicksal des verrückten Geschichtenerzählers Cei, der keiner Menschenseele etwas zuleide tun konnte. William und ich hatten ihn am Fuß der Berge getroffen und ihm geholfen, sein Boot über die Alpen zu tragen. Wir waren vor den Toren Venedigs von ihm getrennt worden, und dann sah ich Cei erst wieder, als er wie ein grausiges Windspiel am Eingang der Piazetta zwischen den Marmorsäulen über den Spieltischen am Galgen baumelte. Die genüsslichen Erzählungen des Dogen Faliero über die Foltermethoden seiner Henkersknechte kamen mir in den Sinn, und über allem schwebte die Erinnerung an meinen Vater, für den der Doge einen tiefen Brunnenschacht als Verlies auserwählt hatte. Dort ließ man mich hinab, und ich stieß Vater einen rostigen Nagel ins Herz, weil ich nicht zulassen wollte, dass die Folter ihn langsam und unendlich grausam Stück für Stück tötete. Vor allem aber, weil er mich mit letzter Kraft angefleht hatte, es zu tun.

So eine bin ich, hätte ich nun beinahe zum Aristokraten gesagt: Meine Mutter tötete ich bei meiner Geburt, sie schnitt mich mit eigenen Händen aus ihrem Leib, damit ich leben konnte. Und das Leben meines Vaters löschte ich in einem Loch, in das kein Lichtstrahl zu dringen vermochte, mit eigener Hand aus. Doch offensichtlich hatten dem Aristokraten die Hitze und der Marsch durch die Wüste mit mir so zugesetzt, dass er müde geworden war, denn er hockte da, das Kinn auf die Brust gesunken, und schlief – immerhin schnarchte er nicht.

Wenn ich dies in Betracht zog und an all die Grausamkeiten der Serenissima dachte, wäre es dann nicht doch vernünftig, einen Fluchtversuch zu unternehmen, selbst wenn mir der Tod in der Wüste drohte? Nüchtern betrachtet war dieses Schicksal wohl immer noch gnädiger als das, was mich in Venedig erwartete.

Langsam und ohne ein Geräusch zu verursachen, erhob ich mich. Zuerst blickte ich zur Kogge auf dem Meer. Würde die Mannschaft auf dem Schiff meine Flucht bemerken und mit lautem Rufen den Aristokraten wecken oder mir sofort nachstellen, wenn ich anfing zu laufen? Nichts regte sich an Bord der Kogge. Nun kehrte mein Blick zurück zum schlafenden Häscher zu meinen Füßen – er schlief gar nicht. Langsam kippte er vornüber. In seinem Rücken steckte ein Pfeil. Gerade wollte ich anfangen zu laufen, da sah ich die Männer auf den Pferden. Sie hieben die Sporen in die Flanken der Tiere.

In wildem Galopp kamen sie auf mich zu.

5.

Ich kannte steinerne Städte, London, Prag, Venedig …

Die Mörder des venezianischen Häschers waren wilde Gesellen, mit langen Fellmänteln, zottigen Bärten und Augen, in denen das Ungezähmte loderte. Sie waren herangesprengt, Bogen und Krummsäbel schwingend, und ich dachte, ich sei gemäß einem alten schottischen Sprichwort, dessen sich Oberin Mathilda auf Icolmkill gerne bediente, aus der Pfanne ins Feuer gesprungen. Doch dann geschah das Unfassbare. Die Mörderbande sprang von den Pferden, und was taten sie? Sie warfen sich vor mir in den Staub, als wäre ich keine Todgeweihte, die sie gleich niedermetzeln würden – sondern ein Heiligtum, eine Göttin. Sie blieben eine ganze Weile so liegen, und gerade keimten in mir neue Gedanken zur Flucht, als sich doch noch einer von ihnen – vermutlich der Anführer – langsam erhob und sich mit ein paar zögernden Schritten wie auf einer trügerischen Eisfläche auf mich zubewegte. Er begann auch sofort zu sprechen, aber es klang nicht wie eine Rede, sondern eher wie eine ins Tal polternde Steinlawine.

Ich blickte mich nach allen Seiten um und verwarf den Gedanken an Flucht sofort wieder. Auf dem Meer schaukelte immer noch die venezianische Kogge, der Weg in die Wüste war mir durch die am Boden liegenden Wilden versperrt. Ich hob die Hand, um dem Redesteinschlag Einhalt zu gebieten, und sagte: »Bitte. Sprecht in einer Sprache zu mir, die ich verstehe.« Ich ließ meine Hand wieder sinken und vollführte dann damit einen Halbkreis in Richtung der Liegenden: »Und wenn Ihr dann schon dabei seid, erklärt mir doch auch gleich, warum Ihr Eure Männer hier im Staub herumliegen lasst.«

Er hob die Brauen über seinen Glutaugen, senkte aber sofort wieder den Blick und schüttelte den Kopf. Vermutlich wollte er mir damit kundtun, dass er mich ebenso wenig verstand wie ich ihn.

Nun trat er noch einen Schritt vor. Er machte eine hastige Bewegung zu meinem Kopf, und ich zuckte erschrocken zurück. Dieses Spiel wiederholte sich ein paar Mal, bis ich erkannte, dass er nicht vorhatte, mir etwas anzutun, und ich stillhielt. Er griff nach meinem Haar, zog daran und nickte zufrieden. Dann drehte er sich um, und erneut polterte seine Rede los, aber diesmal an seine Männer gerichtet. Diese erhoben sich ebenso vorsichtig wie er zuvor, schlichen heran, als gelte es, jedes Geräusch zu vermeiden, und schlossen dann einen Kreis um mich, wie ein Rudel Wölfe. Dann bewegten sie sich, mit mir in ihrer Mitte, in Richtung der Hügel, wo ihre Pferde standen und versuchten, das wenige verdorrte Gras aus dem steinigen Boden zu fressen.

Ich staunte nicht schlecht, als der Anführer auf ein Gebilde wies, das wohl als Sänfte dienen sollte. Auf sorgfältig gehobelten Balken mit Tragegriffen war ein thronähnlicher Sessel befestigt, mit einer Sitzfläche aus weichen Polstern, mit bequemen Armlehnen und einem mit Goldfäden gestickten Löwen auf der Rückenlehne. Über die Sänfte spannte sich ein Schatten spendender Baldachin, und ich wurde gestenreich angewiesen, Platz zu nehmen. Was sollte ich tun? Hatte ich überhaupt eine Wahl? Die Wilden mit ihren Fellmänteln, Bogen und Krummsäbeln benahmen sich zurückhaltend, beinahe demütig, und trotzdem ließen sie keinerlei Zweifel aufkommen, dass ich mich ab jetzt in ihrer Obhut befand und dass sie mich von hier fortbringen würden.

Wohin?