Die Teythion-Chroniken: Leviathan - Constanze Schwarz - E-Book

Die Teythion-Chroniken: Leviathan E-Book

Constanze Schwarz

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Beschreibung

Die Ereignisse auf dem grenzländischen Planeten Hèllior haben Gannvarus Fargo übel zugesetzt, und das nicht nur physisch, sondern auch mental. Während sein Körper weiterhin durch das Xetagen der Kuorim mutiert, lässt ihn auch die Erkenntnis nicht zur Ruhe kommen, dass sein tot geglaubter Partner von der Delaar Security Force noch lebt. Die Aufträge des Tiibalts Rurpeg'Tzon bieten Fargo seit seiner Rückkehr zur Handelsraumstation Rift jedoch ein wenig Ablenkung von diesen Sorgen und jede Menge Credits obendrauf. ... Bis der Delaarianer eine etwas speziellere Mission des Patriarchen annimmt und die Zukunft des Delaarischen Konsortiums plötzlich auf Messers Schneide steht...

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Seitenzahl: 679

Veröffentlichungsjahr: 2019

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Weitere Titel der Autorin:

Die Teythion-Chroniken

Band 1: Vorboten

Band 2: Schatten

Band 3: Leviathan

Für meinen Vater Wolfgang.

Du wirst nie vergessen werden.

Inhaltsverzeichnis

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10

Kapitel 11

Kapitel 12

Kapitel 13

Kapitel 14

Kapitel 15

Kapitel 16

Kapitel 17

Kapitel 18

Kapitel 19

Kapitel 20

Kapitel 21

Kapitel 22

Kapitel 23

Kapitel 24

1

Finsternis umgab ihn, in welche Richtung er auch blickte. Hier und da leuchteten Augenpaare wie ywianische Rubine hinter geisterhaften Wällen. Zarte Nebelschwaden wirbelten über den weichen Boden, aufgescheucht von Füßen in schweren Kampfstiefeln, gefolgt vom leisen Hall der Schritte. Ein rotes Schimmern durchzuckte die Mauern aus wallendem schwarzem Nebel im Takte eines in weiter Ferne schlagenden Herzens. Süßlicher Geruch lag in der Luft, produziert von tausenden einzelligen Organismen, aus denen sich der Nebel zusammensetzte und die beständig miteinander verschmolzen und sich wieder voneinander trennten. Als sich eine blasse Hand nach einer dieser schattenhaften Mauern ausstreckte, glühten die Organismen rötlich auf und zogen sich von ihr zurück. Ein stetig wachsendes Loch fraß sich in den wallenden Nebel, bis es groß genug war, damit Gannvarus Fargo hindurchtreten konnte.

Der Mensch vom Planeten Delaar wirkte umgeben von den schwarzhäutigen und in der gesamten Galaxis als brachiale Bestien gefürchteten Kuorim ein wenig fehl am Platz – und das nicht nur aufgrund seiner sehr hellen, fast leichenblassen Hautfarbe. Die Ungetüme strotzten nur so vor scharfen Klauen und spitzen Zähnen, die in kräftigen Kiefern saßen und selbst Knochen mühelos zermalmen konnten. Ihre Körper wurden durch feste schwarze Schuppen geschützt; manche von ihnen trugen gar eine imposante exoskelettale Panzerung zur schau. Verglichen mit den Kuorim erschien der Delaarianer vielmehr zerbrechlich, obwohl er unter den Menschen eher als gut trainiertes Exemplar der Spezies durchging.

Die schwarzen Bestien schienen im Moment jedoch nicht sonderlich an Fargos Anwesenheit im Interbewusstsein des Schwarms interessiert. Irgendetwas anderes fesselte ihre Aufmerksamkeit und machte sie nervös. Der Delaarianer spürte ihre Aufregung, als wäre es seine eigene. Seit den Ereignissen auf dem Planeten Hèllior hatte Fargo diese Bewusstseinsebene der Kuorim immer häufiger während seiner Nachtruhe bereist, je weiter sich das Xetagen in seinem Körper ausbreitete. Und niemals zuvor spürte er eine derartige Anspannung in den schwarzen Bestien. Vielmehr nutzten einige Kuorim seine Besuche bisher, um ihm etwas über seine neue Familie beizubringen oder Fragen zu beantworten, die sie in Fargos Geist wahrnahmen. Wegen der anhaltenden Sprachbarriere gelang ihnen dies jedoch mehr schlecht als recht. So konnte der Delaarianer im Moment nur vermuten, was die Kuorim in solch eine Unruhe zu versetzen vermochte.

Womöglich greifen sie gerade wieder irgend ’nen abgelegenen Außenposten an, in dem sich eines dieser Maschinendinger der Raylion Corporation rumtreibt, überlegte Fargo und bezog sich damit auf die hyperfortschrittlichen nanotechnologischen Konstrukte, mit denen er es auf Trellaan und Hèllior zu tun hatte. Die Auseinandersetzungen mit diesen Maschinen konnte der Delaarianer zwar durch seine Jahrzehnte umfassende Erfahrung als Special Operative der Delaar Security Force, das Taen’Ctar und der vom Xetagen ausgelösten Mutationen zumeist für sich entscheiden, dennoch entging er dem Tod dabei für seinen Geschmack zu oft zu knapp.

Plötzlich versetzte etwas den Nebel der Wände um Fargo herum in Aufruhr. Er erfasste den Körper des Delaarianers und umhüllte ihn wie einen Kokon – so dicht, dass selbst das rote Leuchten der Augenpaare der anderen Kuorim nicht mehr hindurchschimmerte. Einen Herzschlag später löste sich der Nebel auf und Fargo versuchte, sich zu orientieren. Was der Delaarianer dabei erblickte, kam der schattenhaften Darstellung des Inneren eines riesigen Lebewesens nahe. In den zur Decke hin geschwungenen Wänden fanden sich rippenartige Stützbögen, die sich ihrerseits mittels Sehnen und Muskelsträngen gegenseitig Halt zu geben schienen. Vereinzelt erhoben sich Konstruktionen aus der weichen, feucht glänzenden Materie des Bodens, deren Form einem offenliegenden Gehirn gleich. Schlanke schwarzhäutige Geschöpfe lagen auf diesen Gebilden und waren über unzählige feine Äderchen, die sich in den Nacken, linken Arm sowie die linke Pranke bohrten, mit ihnen verbunden. Die schlanken Bestien ähnelten jenen, die Station Utrorr damals überfallen und Fargo mit dem Xetagen infiziert hatten, weil sie ihn aufgrund seiner Gene für etwas Besonderes hielten.

Ein rötliches Lichtspiel flimmerte inmitten des nur mäßig beleuchteten Raums auf und bettelte geradezu um Aufmerksamkeit. Als der Delaarianer seinen Blick auf es richtete, formte es sich zu einem großen Holo-Bildschirm. Ein Zucken streifte Fargos Brauen. Statt der von ihm erwarteten Piktogramme, mit denen die Kuorim Textbotschaften übermittelten, gab das Hologramm sämtliche Informationen in Delaarim wieder – der Sprache und Schrift der Delaarianer. Es schien, als existierte dieser Holo-Bildschirm einzig und allein für Fargo.

Neugierig gemacht trat er näher an ihn heran. Das Hologramm zeigte zunächst das Abbild eines gewaltigen Raumschiffs – ein Schwarmkreuzer der Kuorim, wie der Delaarianer instinktiv wusste – und dessen taktische Daten wie Bewaffnung, Manövrierbarkeit, Stärke und Anzahl der Hex-Kraftfelder, die den Rumpf vor allen bekannten Formen von Energie schützten. Es war die Darstellung des Schiffes, dessen nebelhafte Version der Delaarianer hier im Interbewusstsein gerade durchwanderte. Dann bemerkte Fargo, wie sich in unregelmäßigen Abständen fleischige Stücke vom holografischen Schiffsrumpf lösten und zu einem Planeten hinabflogen, der dem Delaarianer bisher nicht aufgefallen war. Und wieder wusste er mit einer seltsamen Gewissheit, dass es sich dabei um Truppentransporter und Jäger der Kuorim handelte, wie er sie schon auf Hèllior gesehen hatte.

Unterdessen feuerte der Schwarmkreuzer mit erschreckender Präzision massive rote Energiestrahlen auf die Oberfläche des kargen, scheinbar unbewohnten Felsplaneten, vermutlich um den anfliegenden Jägern und Transportern Deckung zu geben. Doch wen oder was auch immer die schwarzen Bestien da unten angriffen, wollte nicht kampflos aufgeben. Denn nicht nur die Truppentransporter mussten einige grün leuchtende Salven leistungsfähiger Strahlenwaffen einstecken, die von der Oberfläche hinaufschossen, sondern auch der Schwarmkreuzer im Orbit des Planeten.

Die Beschaffenheit dieser Waffen war Fargo mittlerweile bestens vertraut. Nicht nur, weil er sich selbst bereits mehrere Male dagegen zu wehr setzen musste, vielmehr durch die Erinnerungen, die ihm der entstellte Kuorim auf Hèllior vor seinem Tod in den Kopf gepflanzt hatte. Wirklich nutzen konnte der Delaarianer das Wissen in diesen Erinnerungen jedoch nicht. Sogar vier Monate nach diesem Vorfall flog es noch immer nahezu ungreifbar in seinen Verstand umher. Vier Monate, in denen sich das Xetagen in seinem Gehirn weiter ausgebreitet hatte. Hin und wieder drängte sich dieses Wissen jedoch in den Vordergrund, zufällig ausgelöst durch Emotionen und Sinnesreize – wie der Blick auf diesen Holo-Bildschirm.

Eine Tür öffnete sich einem zahnlosen Maul gleich jenseits des Hologramms und fing Fargos Aufmerksamkeit ein. Das Wesen, das durch sie hindurchtrat, würde in jeder halbwegs vernunftbegabten Person den Wunsch nach panikartiger Flucht wecken, dem Delaarianer rang es jedoch nur ein Nicken ab. »E’Xor«, sagte er, und das große Biest antwortete mit kurzem kehligem Knurren.

Anders als Fargo hielt sich dieser Kuorim im Moment nicht im Interbewusstsein des Schwarms auf, sondern befand sich tatsächlich auf der Kommandobrücke des Schwarmkreuzers. Und während die über zwei Meter weit aufragende schwarze Bestie auf das Hologramm zulief, betrachtete sie den Delaarianer intensiv. Eine ihrer Pranken streifte dabei durch die einen Finger breiten ledrigen Gebilde, die wie Haar von ihrem Hinterkopf hingen.

»Shiyrem’qaj«, erklang E’Xors tiefe Stimme in Fargos Kopf, gemischt mit demselben Gefühl von Anspannung und Nervosität, das das Interbewusstsein dominierte. Es war eine Bezeichnung, die Fargo einst nur im Zusammenhang mit dem entstellten Kuorim auf Hèllior gehört hatte. Nach dessen Tod pflegten die schwarzen Bestien auch den Delaarianer so zu nennen. Warum wusste er nicht. Vielleicht bezog es sich auf vom Xetagen mutierte Lebewesen, die nicht von der Heimatwelt der Kuorim stammten. Ohne Kenntnis der Sprache der Bestien war es jedoch müßig, sich darüber den Kopf zu zerbrechen.

»Was geht hier vor sich?«, wollte Fargo stattdessen wissen und deutete auf den Holo-Bildschirm. »Wessen Außenposten verwandelt ihr dieses Mal in einen rauchenden Krater?«

Die vier Augen der großen schwarzen Bestie, von denen jeweils zwei an den Schädelflanken saßen, blinzelten fast zeitgleich, ehe sich ihr Blick ebenfalls auf den Bildschirm richtete. Und in Fargo wuchs der Drang, sich auf eines der unzähligen roten Pünktchen zu konzentrieren, die wie ein Schwarm Heuschrecken über die Oberfläche des Planeten huschten. Eine Empfindung, die zweifellos E’Xor dem Delaarianer aufzwang, so, wie er es bei früheren Unterhaltungen bereits getan hatte.

Einen Augenblick lang kämpfte Fargo gegen diesen Drang an. Er hasste es, wenn der Kuorim ihm irgendwelche Emotionen und Verlangen in den Kopf setzte. Dann gewann jedoch seine Neugier die Oberhand und aller Widerstand ebbte ab. Der Delaarianer suchte sich eines der Pünktchen aus und versuchte, störende Eindrücke zu ignorieren und sich gänzlich auf den kleinen roten Punkt auf dem Planeten zu konzentrieren.

Es dauerte einen einzigen Atemzug und Fargo fand sich auf der Oberfläche der nur spärlich von Pflanzen bewachsenen Welt wieder. Durch die Augen des Kuorims blickend, sauste er mit tausenden weiterer schwarzgeschuppter Bestien über das raue Gestein, vorbei an hohen Klippen und Felsen, die den Klingen unzähliger Messer ähnelten. Von Zeit zu Zeit warf sich der Kuorim hastig von einer Seite zur anderen, um dem Beschuss durch grüne Energiestrahlen zu entgehen. Dann huschte er plötzlich in ein Erdloch und Fargo erblickte kurz darauf ein weitläufiges Höhlensystem, dessen Wände ein dem Delaarianer nur allzu vertrautes Muster aufwiesen. Ein kalter Schauer kitzelte Fargos Rückenmark. Weckte der Anblick des grünlichen Lichtes, das durch die Rillen der silbernen Waben pulsierte, doch recht unangenehme Erinnerungen.

Das Kitzeln auf Fargos Rücken verstärkte sich noch mehr, als er sich dem Strom silbern glänzender Maschinen von unterschiedlichster Statur bewusst wurde, gegen die die Kuorim in diesen Höhlen kämpften. H’arrak’k!, schoss es dem Delaarianer daraufhin durch den Kopf, und der Kuorim, durch dessen Augen er das Geschehen miterlebte, fauchte wie zur Bestätigung, als er sich auf eine der Maschinen stürzte. Fargo spürte die Euphorie der Bestie, während sie eine Maschine nach der anderen mit Klauen, Zähnen und dem braunen Sekret, das sie aus ihrem Hals hochwürgte und auf die nanotechnologischen Konstrukte spuckte, zerstörte. Der braune Schleim fraß sich wie Säure durch die Panzerung der Maschinen und zersetzte sie binnen weniger Sekunden. Zurück blieb ein Haufen zähflüssiger brauner Materie, der weitere Maschinen infizierte, die das Pech hatten, einen Fuß in ihn zu setzen. Mit einem Mal winselte der Kuorim hoch und schallend. Dann ging er zuckend zu Boden. Ein Laserstrahl der H’arrak’k hatte ihn getroffen und beinahe entzweigeteilt. Auch Fargo jaulte auf, konnte er die Schmerzen der sterbenden Bestie durch die Verbindung zu ihm doch so deutlich fühlen, als wären es seine eigenen.

Plötzlich erfasste abermals ein Sturm schwarzen Nebels Fargos Körper, und er spürte, wie jemand an seiner Schulter rüttelte und ihn aus dem Schlaf zu reißen versuchte.

»Alles okay mit dir?«, verlangte eine kratzige Stimme zu wissen.

Fargos Lider öffneten sich nur widerwillig, dennoch erkannte er einen stämmigen Menschen mit eraanischen Zügen vor sich. Die ebenholzfarbene Haut glänzte leicht vor Schweiß; das schwarze Haar war zu borstigen Stoppeln rasiert. Dünnes, sich kräuselndes Barthaar rahmte Kiefer und das breite Kinn. Einzig die grauen Augen des Mannes zeigten, dass irgendeiner seiner Vorfahren vermutlich vallarnischer Abstammung war.

»Hast gerade wie am Spieß geschrien«, erklärte der Mann weiter.

Noch immer etwas desorientiert nickte Fargo. »Ich hab nur von ’nem früheren Auftrag geträumt«, flunkerte er. Sein vom Xetagen mutierter linker Arm glitt dabei unauffällig unter die Bettdecke, um ihn vor den Blicken des Eraaniers zu verbergen. Neethan Boroia, erinnerte sich der Delaarianer. Er war einer von Rurpeg’Tzons Söldnern, allerdings hatte Fargo während seiner Aufträge für den Tiibalt nicht oft mit dem Eraanier zusammengearbeitet und wusste deshalb nur wenig über ihn.

»Muss damals ganz ordentlich schiefgegangen sein, wenn du im Schlaf durch ’nen Traum davon so schreist«, meinte Boroia und neigte sich etwas näher zu dem Delaarianer, seine kräftige Hand lag noch immer auf dessen Schulter. »Echt abgefahren!«

Fargo runzelte die Stirn ob dieser Bemerkung.

»Das rötliche Glühen in deiner Iris«, fuhr der Eraanier fort. »Wo hast’n das her? Und was zahlt man dafür im Schnitt?«

»Oh, das ...« Sich langsam aufrichtend wich Fargo von dem Menschen vor sich zurück, da ihm dessen Nähe und Körpergeruch nicht behagten. »Das sind lediglich ’n paar exotische und rein kosmetische Mikroimplantate von Station Cheyde’ha«, log der Delaarianer erneut. »Was den Preis angeht — «

Eine Reihe heller Piepstöne aus den Lautsprechern der internen Kommunikationsanlage unterbrach ihn.

»Bitte herhören!«, verlangte eine weibliche Stimme mit tiibaltischem Akzent in der galaxisweit genutzten Handelsprache Qai. »Alle Söldner, die für die Operation Herzogin angeheuert haben, finden sich bitte umgehend zum Zwecke der Einweisung im Besprechungsraum ein.« Die Stimme wiederholte diese Ansage noch einmal, dann signalisierte ein Knacken in den Lautsprechern die Unterbrechung der Verbindung und vom Summen der Triebwerke durchsetzte Stille kehrte zurück.

Ein schwerer Schlag auf Fargos Schulter nährte dessen Antipathie dem Eraanier gegenüber. »Dann mal auf zu Ruhm und Reichtum!« Die Mundwinkel zu einem breiten, erwartungsvollen Grinsen gezogen, erhob sich Boroia und brach zum Besprechungsraum auf.

Fargo eilte ihm jedoch nicht sofort nach, sondern griff sich erst noch eine stark getönte Sonnenbrille von dem schmalen Beistelltisch neben dem Bett. Zum einen, um damit die Mutationen zu verbergen, die das Xetagen in seinen Augen verursachte, und zum anderen, um selbige vor der seiner Meinung nach extrem hellen Beleuchtung im Inneren der tiibaltischen Fregatte zu schützen, auf der er gerade durch den Hyperraum reiste. Denn durch die Mutation seiner Augen und den nun mittlerweile vier Monate zurückliegenden Dusk-Entzug war seine Netzhaut noch empfindlicher geworden, als sie es durch seine jahrelange Abhängigkeit von der Droge ohnehin schon gewesen war.

Anschließend warf Fargo sich seinen schwarzen knielangen Mantel über und verließ ebenfalls das kleine Quartier, das er sich mit Boroia und einem Keltraner teilen musste. Er folgte den mattgrauen Wänden des gewinkelten Korridors zu einer Leiter, welche die Tiibalt einzig für ihre humanoiden Söldner in das Schiff integriert hatten, kletterte ein Deck weit hinauf und betrat kurz darauf den Besprechungsraum. Zu seiner Freude war das Licht in diesem stark gedimmt, damit man den holografisch dargestellten Plan einer in eleganten Kurven geschwungenen Großstadt besser erkennen konnte. Weitere Holo-Bildschirme an den Wänden zeigten verschiedene Gebäude der Stadt und eine Übersicht der zu erwartenden Abwehreinrichtungen und des Wachpersonals.

Zusätzlich zu den Holo-Bildschirmen quetsche sich ein gutes Dutzend Söldner der verschiedensten Spezies in den kleinen runden Raum. Neben einer Handvoll Menschen, die sich aus jeder der fünf bekannten Ethnien zusammensetzten – den Vallarnern, Iskullanern, Eraaniern, Korymiern und einem Delaarianer –, fanden sich auch Keltraner, Thovianer und selbst einer der hünenhaften, von Kopf bis Fuß in dichtes Fell gehüllten Fregtellraner auf der einen Seite des Raums.

Ihnen gegenüber saß der Patriarch des Tzon-Clans, Rurpeg’Tzon, wie ein massiver runzeliger Baumstamm auf einem Sessel, der an die anatomischen Besonderheiten der Tiibalt angepasst war. Der übergewichtige Körper des Insektoiden drückte sich tief ins Polster, seine drei Beine hingen gemütlich vom Rand herab, die drei Arme lagen locker auf der fettgefressenen Wampe. Er musterte den Nachzügler mit seinen drei Augen, die drei langen Fühler, die direkt oberhalb der Augen aus dem flachen Kopf wuchsen, rollten sich sachte zusammen. Und so taten es auch die Fühler der beiden schlanken Tiibalt in blau und gelb bemalten Kampfpanzerungen, die ihren speckigen Artgenossen flankierten.

Etwas unbehaglich wandte Fargo seinen Blick von Rurpeg ab, zeugte dessen Fühlerhaltung doch von der Ungeduld des Patriarchen, und er bemerkte die Gruppe Qael-Söldner, die abseits der Tiibalt standen. Die Qael waren eine schlangenartige Spezies, jedoch mit einem Oberkörper ähnlich dem eines Menschen – zumindest, wenn man das zusätzliche Paar Arme ignorierte, das unterhalb des Rippenbogens aus den Flanken ragte. Das Farbspektrum ihrer Schuppenhaut erstreckte sich von hellem Grau über Grün zu dunklem Blau. Die Augen an den Seiten des vergleichsweise kleinen Schädels stachen meist mit grellen Gelbtönen heraus.

»Nun, da endlich alle anwesend sind«, sagte Rurpeg mit leichtem Akzent in der Handelssprache, »kannst du mit der Einweisung beginnen, Sazsihiz.«

Eine Qael von grasgrüner Farbe mit auffallend definierten Muskeln nickte dem Patriarchen zu und schlängelte sich zum Hologramm der Großstadt im Zentrum des Besprechungsraumes. »Ihr alle wisst, wohin diese Reise geht und weshalb wir hier sind«, sagte sie mit ausgeprägtem Akzent, der sich in unwillkürlich eingeschobenen Zischlauten äußerte. Ihre lange am Ende gespaltene Zunge schob sich dabei hin und wieder zwischen den nadelartigen Zähnen hindurch. »Unser Ziel ist es, ungesehen in den Turm der Herzogin zu gelangen.« Sie winkte einem der Qael zu und das Hologramm fokussierte sich auf ein achthundert Meter hohes Gebäude im Herzen der Stadt. Vom Fundament zum Dach bog es sich zu einer halben Sichel und verjüngte sich dabei. Das Mauerwerk war mit goldenen Verzierungen versehen, die auf Fargo wie fremdartige Inschriften anmuteten. Auf mehreren Etagen ragten kunstvoll gestaltete Balkone in den Himmel und boten vermutlich eine beeindruckende Aussicht auf das dicht bebaute Stadtzentrum.

»Angesichts der schweren Bewachung der Herzogin dürfte sich das nicht gerade einfach gestalten«, warf Boroia ein. Er stand zwischen einem Thovianer, wie man sie an den vier gegenüberliegenden Daumen pro Hand und ihren vier Augen erkannte, und einer korymischen Frau, die ganz im Stile ihrer Heimatwelt in ein bunt bedrucktes kaftanartiges Kleidungsstück mit übertrieben langen Ärmeln gehüllt war. »Ganz zu schweigen davon, dass ihre Gemächer höchstwahrscheinlich rund um die Uhr mittels verschiedener Sensoren überwacht werden.« Der Eraanier schüttelte den Kopf. »Ungesehen dort hineinzukommen, ist nahezu unmöglich.«

Die dünnen Lippen der Qael entfernten sich sachte voneinander, während sich ihre Zunge abermals wippend zwischen den Zähnen hervorschob. Das schlangenhafte Gegenstück eines Lächelns. »Ich habe bereits einen Trupp vor Ort. In diesem Moment sorgt er schon für eine ordentliche Ablenkung, welche die Aufmerksamkeit beinahe aller planetaren Streitkräfte genießt«, erklärte sie. »Uns werden sich lediglich die Leibwachen der Herzogin in den Weg stellen, nachdem wir über diesen Balkon hier in den Turm eingedrungen sind.« Sazsihiz zeigte auf die entsprechende Position auf dem Hologramm. Demnach befanden sich der Balkon und die Gemächer der Herzogin etwa in der Mitte des gewaltigen Gebäudes, dessen Mauern undurchdringbar dick wirkten. »Die Leibwachen und die Herzogin selbst sollten für den delaarischen Söldner, der Dozer vor ein paar Monaten so spektakulär umgebracht und Mezru Priktu von Hèllior gerettet hat, kein Problem darstellen.«

Fargo sah kurz auf und zu ihr, dann widmete er sich wieder der holografischen Karte des Turms und studierte sämtliche Gänge und Fluchtwege. Die Blicke der anderen Söldner ruhten hingegen einen Moment länger auf ihm und mischten sich mit vielsprachigem Geflüster.

»Die größte Bedrohung sind die äußeren Abwehrgeschütze des Turms«, fuhr die Qael fort. »Sollten die Sensoren unsere Shuttles entdecken, schießen die Geschütze sie in Fetzen. Denn die Hex-Kraftfelder der Shuttles werden deaktiviert sein, um ihre Energiesignatur während des Anflugs so gering wie möglich zu halten.« Sie blickte zu Rurpeg. »Ich hoffe Euer Hacker ist tatsächlich so gut, wie er behauptet.«

»Das ist er«, versicherte ihr der Patriarch. »Er kennt sich mit den hiesigen Sicherheitssystemen bestens aus.«

»Dann sollte es uns gelingen, die Operation Herzogin zur Zufriedenheit aller durchzuführen«, schloss Sazsihiz.

»Und was ist mit der Verstärkung?«, erkundigte sich ein sehniger Keltraner. Seine Haut schimmerte gelblich im Licht des Hologramms. »Es könnte den Leibwachen immerhin gelingen, einen Notruf abzusetzen, ehe der da« – er deutete halbherzig auf Fargo – »es schafft, sie alle auszuschalten.«

»Auch dafür wird mein Bodentrupp Sorge tragen«, erklärte die Qael erhobenen Hauptes. »Sobald Operation Herzogin anläuft, werden sie ein Störfeld aktivieren, das jedwede Kommunikation unterbindet.«

Der Keltraner verengte seine Augen. »Ich hoffe, das funktioniert so gut, wie du glaubst, Schlange«, sagte er rau. »Sonst gehen wir dabei vielleicht alle drauf.«

»Das wird es!«, versicherte Sazsihiz.

»Gut«, fand Rurpeg. Seine dürren Beine drückten seinen massigen Körper schwerfällig vom Polster des Sessels hoch. »Viele Söldner mögen für mich arbeiten, doch nur meine besten und loyalsten Heza’rag verdienen die Ehre, diese Operation durchzuführen.« Er blickte alle Anwesenden einen nach dem anderen an, jedoch verharrten seine Augen etwas länger auf Fargo, ehe er fortfuhr: »Ich habe vollstes Vertrauen in eure Fähigkeiten und bin zuversichtlich, dass ihr diesen Auftrag siegreich beenden werdet. Denn schließlich«, fuhr er mit drohendem Unterton fort, »hängt die Zukunft meines Clans von dessen Erfolg ab.«

Die übrigen Söldner und Qael schienen allesamt erpicht darauf zu sein, endlich mit dem Auftrag beginnen und sich erneut beweisen zu können. Fargo machte sich hingegen Gedanken über Tshaska, Kou’Ta und Ibana, die mit der Sabra’sán auf Station Rift zurückgeblieben waren und sich hoffentlich aus allen Schwierigkeiten heraushielten. Und während die anderen Söldner zum Frachtraum aufbrachen, um ihre Ausrüstung anzulegen, starrte Fargo auf das noch immer aktive Hologramm des Turms. Diesen Auftrag hätte ich vielleicht besser abgelehnt.

»Die Mission wartet«, sagte Rurpeg plötzlich und der Delaarianer sah zu ihm. »Oder willst du noch etwas mit mir besprechen?« Die Fühler des Tiibalt erhoben sich sachte. »Du warst während der Einweisung unterdurchschnittlich mitteilsam.«

»Man kann den Qael nicht trauen«, meinte Fargo. Er griff einen Bügel seiner Sonnenbrille und schob das rutschende Ding auf seiner Nase zurecht. »Diese Schlangen führen immer etwas im Schilde.«

»Sazsihiz und ihr Trupp haben sich mir ebenso bewiesen, wie du es getan hast.« Rurpegs drei Hände hoben sich langsam und fielen wieder hinab, eine Geste, die einem Schulterzucken gleichkam. »Davon abgesehen zwingt dich niemand, ihnen zu vertrauen. Behalte sie meinetwegen im Auge, wenn du dich dadurch sicherer fühlst. Das Einzige, was für mich zählt, ist, dass Operation Herzogin nicht fehlschlägt. Verstanden?«

Fargo nickte dürftig.

»Hervorragend. Und jetzt sieh zu, dass dieses Szenario nicht eintritt!«

»Habe ich dich jemals enttäuscht?«

»Nein«, sagte Rurpeg. »Und ich hoffe, dass du heute nicht damit beginnen wirst!«

»Das Wort ›Versagen‹ gibt es in der Sprache meines Volkes nicht«, behauptete Fargo und setzte ein zuversichtliches Lächeln auf. »Also halte die Fühler still und genieße die Show.« Er wandte sich vom Patriarchen ab und folgte den anderen Söldnern zum Frachtraum, um seine Ausrüstung anzulegen und sich mental auf die Mission vorzubereiten.

2

Die Explosionen der Flugabwehrstellungen ließen das Shuttle erbeben und dessen Hex-Kraftfelder bläulich aufblitzen.

»Dieses Flakfeuer ist unerwartet heftig!«, rief der Pilot. »Ich werde Euch und Eure Thell’arj im schnellen Sinkflug runterbringen müssen, um ihm zu entgehen. Euch mit dem Gravitationslift hinabgleiten zu lassen, wäre unter diesen Bedingungen Wahnsinn.«

»Verstanden«, sagte Turik Hlywa in chajd Hwynmare und blickte zu den Arajzii der Templerkaste, die in den Sitzen links und rechts von ihm saßen. Sie hielten sich an den Armlehnen fest und waren äußerst angespannt, das konnte Turik deutlich in seinen Osh’hun’arj wahrnehmen – zwei knorpelartige Fortsätze, die an den Schläfen jedes Arajzii aus dem Kopf wuchsen, sich über diesen hinwegwanden und vom Hinterkopf herunterhingen. Diese beiden Organe gestatteten es der Spezies, die Emotionen anderer Personen in ihrer Umgebung zu spüren.

Die Thell’arj, wie man Angehörige der Templerkaste nannte, die mit Turik im Shuttle saßen, gehörten allesamt zur Ethnie der Ahmkey’vay, wie man es an der violetten Färbung ihrer Haut erkannte. Und jeder Einzelne von ihnen war ein Ctar’ry, was nicht überraschte. Es war eine Grundvoraussetzung, um der Templerkaste überhaupt beitreten zu dürfen. Turik selbst gehörte ebenfalls zu diesen Begabten. Und als der Ene’thell’ar, der Anführer der Templerkaste, war er ein Meister des Ctar. Daher beunruhigte ihn die Tatsache, dass er im Begriff war, in einem Kriegsgebiet zu landen, auch nicht sonderlich. Er wüsste sich schon zu verteidigen.

Ein kurzer Ruck erschütterte das Shuttle und dessen Pilot rief: »Wir sind unten. Bitte passt da draußen auf Euch auf, Ene’thell’ar!«

Turik nickte ihm knapp zu, dann streifte er sich die Haltegurte ab und begab sich zum Heck des Shuttles. Statt einer Tür oder Rampe, die wohl die meisten Völker der bekannten Galaxis an dieser Stelle des Schiffs eingebaut hätten, fand sich dort lediglich eine bläulich schimmernde Fläche weißen Kristalls. Der Ene’thell’ar legte eine Hand darauf und stand einen Lidschlag später außerhalb des Shuttles in der Landezone der vorgeschobenen Operationszentrale der Un-Kav’arj – der Kriegerkaste. Die Thell’arj, die ihn begleitet hatten, folgten ihm.

»Verstärkt diese Position dort drüben mit einer Barriere, schnell!«, befahl Turik, als eine der schützenden Hex-Kraftfeldkuppeln unter dem Dauerbeschuss zusammenbrach. Die Thell’arj gehorchten und eilten zu dem klaffenden Loch in der Verteidigung der Operationszentrale. Ehe es ihnen jedoch gelang, es mittels einer telekinetischen Barriere vollständig zu schließen, schossen einige Plasmaladungen hindurch und sprengten eines der Vorratszelte sowie einen Gleiter der Kav’arj, der aussah, als bestünde er aus weißem Kristall. Da dessen Energieversorgung ausgeschaltet war, waren auch die schützenden Hex-Kraftfelder des Fahrzeugs offline.

»Verdammt«, hörte Turik jemanden irgendwo hinter sich fluchen. »Das war unser letzter Aufklärer.«

Der Ene’thell’ar drehte sich um und sah sich einem etwa zwei Meter zehn großen Arajzii der Thalara’vay-Ethnie gegenüber. Dessen schieferblaue Haut trug im Gesicht Narben einer alten Plasmaverbrennung zur Schau und einer seiner Osh’hun’arj war vor langer Zeit vom Schädel gerissen worden. Anders als die Thell’arj, mit denen Turik hier ankam, war dieser Arajzii kein Ctar’ry. Denn im Moment nahm Turik nur sein eigenes Ctar wahr.

Der Arajzii strich sich das fliederfarbene Haar hinter die Ohrenöffnungen unter seinen Schläfen zurück, die ein wenig zu lang und breit geraten waren, und schüttelte den Kopf. »Die Schlangen gehen dieses Mal wirklich aufs Ganze.« Dann sah er zu Turik. »Maer’chajd, Ene’thell’ar Turik.« Ehre Eurem Haus, Hochtempler Turik. »Ich bin Jhesk Kav’ar Narlat Bhenvess-iro in chajd Fenn’rim. Als Befehlshaber dieses Vorpostens heiße ich Euch mit gebührendem Respekt willkommen.«

Ein Jhesk Kav’ar, der kein Ctar’ry ist? Interessant, dachte Turik und nahm Narlats Begrüßung nickend zur Kenntnis. Du musst wirklich gut sein, wenn du es mit dieser Behinderung in einen solch hohen Rang geschafft hast.

»Darf ich anmerken, dass ich Euren Besuch hier für keine gute Idee halte?«, fuhr Narlat fort. »Sollte Euch während meiner Wache etwas zustoßen, wird Ene’kav’ar Sel-Berek mir meinen letzten Osh’hun’ar vom Kopf reißen und mich damit zu Tode peitschen lassen.«

»Mache dir deswegen keine Sorgen.« Turik rang sich ein etwas verkrampftes Lächeln ab, da er sich nicht sicher war, ob Narlat seine Emotionen mit nur einem Osh’hun’ar wahrnehmen konnte. »Ich weiß mich schon selbst zu schützen.« Er wandte sich dem Hauptzelt zu und schritt voran. »Und jetzt erkläre mir, wie die Qael den Tempel des Schweigenden Mondes ohne unser Wissen überfallen und die Tochter der Kayt’ara sowie alle im Tempel befindlichen Thell’arj als Geiseln nehmen konnten.«

Die Kayt’ara war die Anführerin der Allianz von Araj, und ihre Tochter genoss ein ebenso hohes Ansehen wie sie selbst. Um dereinst angemessen über die Allianz herrschen zu können, musste die erstgeborene Nachkommin der Kayt’ara zuvor jeder der fünf Kasten gedient haben. Zurzeit lernte ihre Tochter die Gebräuche der Templerkaste in eben jenem von den Qael besetzen Tempel.

»Wir ... wissen es nicht«, antwortete Narlat zögerlich. Turik benötigte nicht einmal seine Osh’hun’arj, um das Unbehagen des Arajzii zu bemerken. »Hätten es die Schlangen nicht per Videobotschaft bekannt gegeben, wüssten wir womöglich jetzt noch nicht von diesem Vorfall.«

»Wie, in Velferes Namen, ist es den Qael gelungen, ungesehen durch das Sensornetz von Araj-Phaesai, der Hauptwelt der Allianz, zu gelangen!?«, verlangte Turik zu wissen, doch Narlat schüttelte den Kopf.

»Die Qael verfügen unseren Datenbanken nach nicht über irgendeine Form von Tarntechnologie. Und das bedeutet, dass die Schlangen Hilfe erhalten«, überlegte der Kav’ar laut. »Von wem? Das können wir im Moment nur raten. Immerhin gibt es einige Völker, die über derartige Technologie verfügen. Wir Arajzii eingeschlossen.«

»Kein Arajzii würde diesen Schlangen je freiwillig helfen.« Turik gestattete sich einen tiefen Atemzug und dachte einen Moment lang nach. Dann zuckte er mit seinen schmalen Schultern. »Über das ›Wie‹ werden wir uns später weitere Gedanken machen. Jetzt sollten wir uns auf die Befreiung der Tochter der Kayt’ara und der gefangenen Thell’arj konzentrieren.« Er betrat das Hauptzelt und steuerte direkt auf das taktische Hologramm zu, das im hinteren Bereich leuchtete. »Also, welche Bedingungen stellen die Qael für die Freilassung der Geiseln?«

»Gar keine«, antwortete Narlat.

Die Stirn des Ene’thell’ars furchte sich. »Aber dieser Kampf dauert laut meinen Informationen bereits einige Stunden an.«

»So ist es, dennoch haben die Schlangen bisher keine Forderungen gestellt.«

»Sie fordern nicht einmal die Unabhängigkeit von der Allianz oder die Legalisierung ihrer unzähligen Rauschmittel, wie schon bei vergangenen Geiselnahmen?«, erkundigte sich Turik, und selbst Narlat schien mit seinem einen Osh’hun’ar die Verwirrung zu spüren, die diese Erkenntnis in Turik hervorrief.

»Nein.« Der Jhesk Kav’ar trat ebenfalls an das taktische Hologramm heran. »Uns liegen keinerlei Hinweise auf den Grund für diesen Überfall vor.«

Einen Moment lang betrachtete Turik das vor ihm flimmernde Lichtbild gedankenversunken. Dann wandte er sich wieder Narlat zu. »Diese Ungewissheit gefällt mir nicht«, gestand er ihm. »Wir müssen in den Tempel gelangen, die Geiseln befreien und herausfinden, warum die Qael angegriffen haben. Und das besser früher als später!«

Der Kav’ar nickte beifällig und zeigte auf verschiedene Zonen, die die Außenmauer umgaben und hellgelb hervorgehoben waren. »An diesen Positionen haben die Schlangen Wachen stationiert – insgesamt etwa zwanzig Mann. Auf den Mauern des Tempels befinden sich nun leistungsstarke Bodenluftabwehrgeschütze, wie sie die Qael bisher nie eingesetzt haben. Hinzukommen noch etliche Plasmawaffen, Impulslaser und sogar handfeste Laserstrahlenemitter der Schlachtschiffkategorie.«

»Wie bitte?« Turik traute seinen Ohren nicht.

»Ich sagte ja, dieses Mal wollen es die Schlangen wirklich wissen. Der Tempel selbst wird von einer Hex-Kraftfeldkuppel geschützt, die wir bisher nicht durchdringen konnten«, fuhr Narlat fort und seufzte. »Die Qael erhalten eindeutig von irgendjemandem technologisch leistungsfähige Unterstützung. Wie viele Schlangen sich im Tempel aufhalten, wissen wir auch nicht. Das Kraftfeld stört unsere Sensoren sehr effektiv.« Er sah auf eine Weise zu Turik, die einer Entschuldigung nahekam. »Ich habe nicht die leiseste Idee, wie wir in diese Festung hineingelangen sollen.«

»Hier«, sagte Turik und deutete auf eine Stelle etwas abseits der Außenmauer des Tempels. »Laut dieser Karte haben die Qael keinerlei Wachposten am Zugang zu den Katakomben des Tempels postiert.«

»Dort befindet sich kein Zugang zu irgendwelchen Katakomben, sondern lediglich einige unbedeutende Felsen«, erklärte Narlat vorsichtig. Scheinbar wollte er Turik mit diesem Hinweis nicht verärgern.

Einmal mehr lächelte der Ene’thell’ar etwas steif. »Glaube mir. Durch die dortige Passage gelangen wir in den Tempel. Dieses Tor öffnet sich jedoch nur für bestimmte Arajzii. Es bedarf der Fähigkeiten eines mächtigen Ctar’ry, um es passieren zu können. Eines Ctar’ry, wie ich es bin.«

Narlat verlor dezent die Fassung. »Nein!«, protestierte er. »Ich werde Euch garantiert nicht in feindliches Gebiet gehen lassen! Nicht einmal mit einem Bataillon meiner besten Krieger als Leibwachen.«

»Doch das wirst du, wenn du die mögliche Ermordung der Tochter der Kayt’ara nicht auf deine Schultern laden willst«, erwiderte Turik entschieden. »Ich bin der einzige Ctar’ry innerhalb dieses Vorpostens, der dieses Tor zu öffnen vermag.« Er starrte Narlat einen kurzen Moment lang an und fuhr fort: »Und du wirst mich allein gehen lassen.«

»Bei allem gebührenden Respekt.« Der Kav’ar baute sich vor Turik auf und spannte die Muskeln an. »Das kann ich nicht zulassen. Als Ene’thell’ar seid Ihr nicht nur das Oberhaupt der Templerkaste, sondern auch Mitglied des Rates des Kayt’anan. Euer Leben ist zu wichtig für die Allianz, als dass ich Euch gestatte, es in diesem Alleingang derart leichtfertig aufs Spiel zu setzen!«

»Dann begleite mich«, sagte Turik und spürte die aufkommende Verwirrung in Narlat sehr deutlich. »Unter einer Bedingung gestatte ich dir, mich durch die Katakomben hindurch in den Tempel zu eskortieren. Aufhalten könntest du mich ohnehin nicht.«

»Ich muss kein Ctar’ry sein, um Euch aufzuhalten«, erwiderte Narlat rau. »Ich wurde dazu ausgebildet, abtrünnige Begabte zu jagen und auszuschalten.«

»Genug Mut scheint dafür jedenfalls in dir zu wohnen«, merkte Turik an, seine Augen blickten in die Narlats. »Mein Angebot steht. Akzeptiere meine Bedingung und begleite mich. Oder bleibe hier bei unseren Leuten und halte die Qael in Schach, während ich die Geiseln befreie.«

Selbst ohne seine Osh’hun’arj erkannte Turik, dass der Arajzii vor ihm zwischen Pflichterfüllung und Neugier hin- und hergerissen war.

»In Ordnung«, sagte Narlat schließlich. »Nennt mir Eure Bedingung.«

»Du wirst niemandem auch nur ein Wort von dem verraten, was du in den Katakomben siehst«, befahl Turik im Flüsterton und sah verstohlen über seine Schulter, um sicherzustellen, dass kein anderer Kav’ar oder Thell’ar in Hörweite war. »Die Arajzii sind noch nicht bereit für das Wissen, das dort verwahrt wird.«

Die Verwirrung stand Narlat ins Gesicht geschrieben, dennoch schwieg er und betrachtete den Ene’thell’ar auffallend intensiv. Vermutlich versuchte er, mit seinem einen Osh’hun’ar Turiks Aufrichtigkeit einzuschätzen. Dann nickte er knapp. »Einverstanden. Sollte sich jedoch herausstellen, dass sich in diesen Katakomben nur Spinnweben und verstaubte Relikte befinden und kein Zugang zum Tempel, werdet Ihr Ene’kav’ar Sel-Berek diesen Ausflugerklären müssen.«

Da der vermeintliche Eingang zu den Katakomben nicht weit von der vorgeschobenen Operationsbasis der Kav’arj entfernt lag, begaben sich Turik und Narlat zu Fuß dorthin, nachdem der Kav’ar seinem Stellvertreter vorübergehend das Kommando über den Vorposten übertragen hatte. Ein Shuttle hätte zu viel ungewollte Aufmerksamkeit bei den Qael erregt, wie Narlat fand.

Etwa zehn Minuten dauerte der Marsch durch gelbe Gräser und vorbei an blauen Laubbäumen, dann erreichten sie die Felsen, von denen Turik behauptete, sie bargen ein geheimes Tor. Narlat trat umgehend näher heran und inspizierte die schlichte Felsformation. Er zog sogar den Handschuh seiner Kampfpanzerung aus und strich mit der bloßen Hand über das glatte Gestein. Vermutlich suchte der Kav’ar nach einem versteckten Öffnungsmechanismus.

»Hier ist nicht das Geringste«, konstatierte Narlat wenig später und wandte sich zu Turik um. »Kein Tor. Kein sonst wie gearteter Durchgang.«

»Erinnere dich an meine Worte«, verlangte der Ene’thell’ar, während er zielstrebig auf Narlat und den Felsen zuschritt. »Nur ein bestimmter mächtiger Ctar’ry kann uns durch diese Passage geleiten.« Er hob sein zierliches Kinn. »Zu unserem Glück trifft diese vage Beschreibung auch auf mich zu.« Die schlanke Hand Turiks packte den muskulösen Bizeps des Kav’ars. »Gehen wir.«

Mit diesen Worten verschlang ein Schatten die Arajzii binnen eines Herzschlags und sie fanden sich in einem düsteren Gewölbe wieder. Die Dunkelheit währte jedoch nur kurz. Als ein Sensorsystem die Anwesenheit der beiden Personen zu registrieren schien, aktivierte sich fahles Licht.

»Hm«, entfuhr es Narlat. »Kaum Spinnweben.« Er blickte sich ausgiebig um. »Eigentlich gar keine Spinnweben«, stellte der Kav’ar fest. »Einen solch sauberen Ort hatte ich nicht zu sehen erwartet.«

Die Bezeichnung Katakomben wurde dessen, was sich vor den Augen der beiden Arajzii darbot, nicht im Geringsten gerecht. Statt antiker Relikte, verstaubten Schrifttafeln oder den Hinterlassenschaften irgendwelcher Tiere präsentierte sich ihnen etwas, das man am einfachsten wohl als Kristallhalle beschreiben konnte. Boden, Wände und Decke des Gewölbes bestanden aus einer Art kristalliner Substanz, die durch das Licht in sanftem Blau glänzte. Der Schimmer schien sich je nach Blickwinkel leicht ins Goldene und Weiße zu verschieben. An der Decke zogen sich sachte pulsierende Leitungen durch die Anlage, die Turik stets an Blutgefäße erinnerten, wenn er diese Katakomben besuchte. Der Boden war eben und fühlte sich warm unter den blanken Zehen des Ene’thell’ars an. (Arajzii waren Zehengänger, und die meisten von ihnen bevorzugten es, sich schuhlos fortzubewegen.) Höchstwahrscheinlich waren die im Boden befindlichen Lichtemitter der Grund für die angenehmen Temperaturen der diamantförmigen Kristallfliesen.

»Die Einheimischen sorgen sich sehr penibel um die Instandhaltung der Katakomben«, erklärte Turik und ging voran.

»Die Einheimischen? Meint Ihr die Thell’arj des Tempels über uns?«, fragte Narlat.

»Du wirst sie vermutlich sehr bald kennen lernen.« Aus den Augenwinkeln bemerkte Turik, wie der Kav’ar nach einem golden glühenden Kristall griff, der gut zwanzig Zentimeter weit aus einer der Säulen ragte, die sie gerade passierten. Der Ene’thell’ar drehte sich hastig zu Narlat um und packte seine Hand. »Nicht!«, sagte er nachdrücklich. »Es könnte dir Erinnerungen ins Gehirn brennen, die deinen Verstand überfordern, wenn nicht gar zerstören würden.«

Etwas verwirrt zog der Kav’ar seine Hand zurück. »Also ist es ein Engrammkristall?« Er betrachtete die Säule, aus der das glühende Gebilde herausragte. Sie wurde von den pulsierenden Leitungen besonders dicht durchdrungen. Einige Schriftzeichen leuchteten über dem Kristall, geschrieben in einer Sprache, von der Turik sich sicher war, dass Narlat sie nicht lesen konnte.

»Ja«, beantwortete der Ene’thell’ar die Frage. »Jedoch übertrifft seine Speicherkapazität die unserer engrammatischen Datenträger bei Weitem.«

»Was befindet sich auf diesem Kristall?«

»Das Wissen von Äonen. Mehr kann ich dir dazu nicht sagen.«

»Dann gestattet mir eine andere Frage«, bat Narlat, und Turik nickte knapp. »Die Teleportation, mit der Ihr uns hierher gebracht habt – sie unterscheidet sich von der Technologie, mit der wir Zugang zu unseren Raumschiffen erhalten.«

Abermals lächelte Turik, dieses Mal allerdings nicht ganz so verkrampft wie zuvor, sondern vielmehr stolz und einen Hauch konspirativ. »Es handelte sich dabei nicht um einen durch Technologie ausgelösten Materietransport. Ich habe uns mittels einer Ctar-Teleportation in dieses Gewölbe gebracht. Die Felsen draußen dienten als Orientierungspunkt, damit ich uns nicht ausversehen in eine Wand der Katakomben teleportiere.«

»Ctar-Teleportation?« Die Augen Narlats sahen zweifelnd zu Turik. »Von einer derartigen Fähigkeit habe ich noch nie gehört. Und meine Ausbildung zum Jhesk Kav’ar war dahingehend sehr umfassend.«

»Es handelt sich dabei um eine Fähigkeit, die nur wahre Meister des Ctar zu nutzen im Stande sind«, erklärte Turik. »Sie erfordert enorme Konzentration und herausragende räumliche Wahrnehmung.«

»Es schien Euch nicht sonderlich schwerzufallen«, fand Narlat.

»Über achthundert Jahre meines Lebens lang habe ich die Wege der Thell’arj und das Ctar studiert und vieles gelernt, an dem schwächere Wesen zerbrechen würden. Spontane Konzentration ist davon wohl die leichteste Übung.« Eine kleine Sonde fing Turiks Interesse ein. Ihre glänzende facettenartige Oberfläche reflektierte das fahle Licht in dessen gesamtem Spektrum, während sie zielstrebig auf die beiden Arajzii zuflog. »Die Einheimischen haben uns bemerkt.«

Auch Narlat sah nun zu dem nur etwa dreißig Zentimeter durchmessenden Gebilde, das da auf sie zuschwebte. Leises Summen erfüllte die Stille der Katakomben. Eine Stille, die angesichts der Schlacht an der Oberfläche selbst auf Turik unnatürlich und beunruhigend wirkte.

Das Summen verstummte, als die Sonde abrupt stoppte und die beiden Arajzii mit einem Lichtgitter abzutasten begann. Als sie sowohl den Ene’thell’ar wie auch den Jhesk Kav’ar gescannt hatte, öffnete sich eine Luke in der oberen Hemisphäre der Kugel, und ein kleines buntgefiedertes Geschöpf kletterte halb heraus, während auf der Unterseite eine Waffe ausgefahren wurde, die sich sogleich auf Narlat richtete.

»Dieser hier hat keine Zugangsberechtigung zu diesem Ort!«, tschilpte das winzige Wesen aufgeregt und wedelte mit einem seiner Flügelärmchen in Richtung des Kav’ars. »Wenn er sich nicht sofort zurückzieht, werden wir das Feuer eröffnen!« Der Drohung folgte ein krächzender Schrei, der trotz der geringen Größe des Wesens überraschend laut war.

»Ich habe ihn autorisiert, hier zu sein«, erklärte Turik und schob sich schützend vor Narlat. »Verletzt ihr ihn, verletzt ihr mich! Velferes hieße ein solches Handeln unter Alliierten sicherlich nicht gut – vor allem im Lichte gewisser galaktischer Ereignisse.«

»Alliierte?«, horchte Narlat hinter ihm auf. »Das da sind San’seyu! Dreckige Grenzländer, die nichts auf unserer Heimatwelt zu suchen haben!«

Ein strenger Blick seitens Turik brachte den Kav’ar jedoch sofort wieder zum Schweigen. »Ich bitte um Entschuldigung für das vorlaute Mundwerk meines Begleiters. Er wurde noch nicht initiiert.«

»Ein Grund mehr, weswegen er an die Oberfläche zurückkehren sollte«, fand der San’seyu. »Ihr, Ene’thell’ar Turik, seid hier immer willkommen. Doch das gibt Euch nicht das Recht, Fremde in unser Heim zu bringen. Noch dazu solche, die nicht wissen, was dies für ein Ort ist.«

»Es herrschen im Moment außergewöhnliche Umstände, die dieses Handeln meinerseits erforderlich machten«, versuchte Turik das winzige vogelähnliche Wesen zu beschwichtigen.

»Wir wissen um die Geiselnahme im Tempel über uns«, merkte der San’seyu beiläufig an.

»Was!?«, brach es aus Narlat heraus. Er drängte sich an Turik vorbei. »Und trotzdem habt ihr nichts unternommen, um die Tochter der Kayt’ara und die mit ihr gefangenen Thell’arj zu befreien?«

Der rote Punkt einer Zielvorrichtung zuckte über Narlats Oberkörper, und der Jhesk Kav’ar wich hinter den Ene’thell’ar zurück.

»Es ist nicht unsere Aufgabe, irgendwelche Geiseln zu befreien«, erklärte das kleine Wesen. »Wir erhalten nur dieses Gewölbe und all das Wissen, das sich in ihm befindet, bis der Tag kommt, an dem die Arajzii dieses Wissen benötigen, um die Galaxis zu retten. Ein Versprechen, das wir der Velferes vor unzähligen Jahrtausenden gaben.«

Die Verwirrung, die diese Worte in Narlat hervorriefen, spürte Turik deutlich in seinen Osh’hun’arj. »Die San’seyu sind nicht unsere Feinde«, sagte er an den Kav’ar gewandt. »Doch sie klammern sich beharrlich an ihre Prinzipien. Du wirst ihnen gegenüber ebenfalls einen Schwur ablegen müssen, damit sie dich passieren lassen.«

»Ihr vertraut diesem Arajzii tatsächlich so sehr?«, fragte der San’seyu. Turik nickte. Und einen Moment lang starrte das winzige Wesen Narlat ausdrucklos an, dann kletterte es in die Sonde zurück. Es vergingen daraufhin einige Minuten, in denen das kleine Gefährt regungslos vor den beiden Arajzii schwebte, bis sich die obere Luke erneut öffnete und der San’seyu wieder zum Vorschein kam. »Wir gestatten Eurem Begleiter, die Katakomben zu durchqueren, Ene’thell’ar. Jedoch unter der Voraussetzung, dass er nichts von all dem, was er hier sieht, an andere weitergibt und erst recht nichts berührt!«

»Das ist akzeptabel«, fand Turik. »Und seid versichert, dass ich ihn persönlich neutralisieren werde, sollte er gegen diese Vereinbarung verstoßen.« Der Ene’thell’ar spürte Narlats Erschütterung ob dieser Aussage sehr deutlich in seinen Osh’hun’arj.

»Gut. Dann geleiten wir Euch jetzt auf kürzestem Wege zum Zugang zum Tempelinneren, damit dieser Außenstehende nicht mehr Zeit als unbedingt nötig hier unten verbringt.« Daraufhin machte die schillernde Sonde kehrt –die Waffe blieb auf Narlat gerichtet – und schwebte voran.

»Merkra«, begann Turik und folgte dem kleinen Gefährt. Es war der Name des San’seyu. »Ihr überwacht sicherlich nicht nur das Innere der Katakomben, sondern auch die Oberfläche.« Er unterbrach sich kurz, doch als das gefiederte Wesen nicht reagierte, fragte er weiter: »Wie ist es den Qael gelungen, in den Tempel einzudringen, ohne die Sicherheitssysteme und den Alarm auszulösen?«

»Ein Gesandter Kors verstärkt ihre Reihen«, lautete die Antwort. »Ein hervorragender Infiltrator. Die Thell’arj konnten ihn weder kommen sehen noch hören. Seine Tarnung war ... perfekt. Undurchdringlich.«

Velferes stehe uns bei, dachte Turik, und er glaubte zu spüren, wie die Farbe aus seinem Gesicht wich.

»Ene’tehll’ar?«, erklang Narlats Stimme neben ihm. »Ich brauche nicht einmal meinen Osh’hun’ar, um das Entsetzen in Euch zu erkennen.« Er starrte Turik einen Augenblick lang an und wartete auf eine Erwiderung. Als diese ausblieb, fragte er: »Wer ist dieser Gesandte Kors?«

Erst jetzt sah Turik zu ihm. »Seine Gegenwart wird die Befreiung der Geiseln um einiges schwieriger machen.« Ein ernster Zug dominierte die Mimik des Ene’thell’ars. »Stelle dich auf einen harten Kampf ein.«

»Der Gesandte ist nicht euer einziges Problem«, mischte sich Merkra ein. »Die Qael werden von Sislis’traz angeführt – einem äußerst brutalen Vertreter seiner Art, der noch dazu ein erfahrener Kampfmeister ist. Sein Hang zu übertriebener Gewaltanwendung hat dazu geführt, dass er selbst von den Qael-Separatisten verstoßen wurde. In den letzten Jahren operierte er vorwiegend in den Grenzlanden. Warum er zurückgekehrt ist, wissen wir nicht.«

»Das erklärt wohl das Ausbleiben sämtlicher Forderungen.« Nachdenklich glitt Narlats Hand über seinen Osh’hun’ar. »Sislis’traz kämpft nicht für die Separatisten.«

»Es ist zumindest eine Möglichkeit«, stimmte Turik zu und wandte sich erneut an den San’seyu Merkra. »Ich nehme an, dieser Qael ist nicht alleine dort oben im Tempel?«

Ein schnelles Nicken war die Antwort darauf. »Er befehligt eine stattliche Truppe Qael-Krieger. Bei einigen von ihnen scheint es sich um Elitesoldaten zu handeln. In ihren Körpern finden sich kybernetische Implantate zur Verstärkung der Kampfleistung. Und diese erhalten nur Qael, die sie sich durch Erfolge in der Schlacht verdient haben.«

»Kybernetische Implantate als Belohnung für herausragende Dienste? Wohl eher für das Hinschlachten von Zivilisten!«, erwiderte Narlat rau. »Die Allianz bietet ihnen Schutz, Zivilisation und technologischen Fortschritt und die Schlangen danken es uns, indem sie unsere Planeten angreifen.«

»Wenn ich mich recht erinnere, überrannten die Arajzii das Territorium der Qael und zwangen sie mit Gewalt in die Allianz«, merkte Merkra an.

»Wir überrannten sie erst, nachdem sie eine der mit uns verbündeten Welten ohne Provokation angegriffen hatten«, korrigierte Turik ihn. »Die Menvoraner baten um Hilfe und wir gewährten sie ihnen. Die anschließende Integration des Qael-Territoriums in die Allianz nach der Niederlage der Schlangen war reine Formsache.«

»Tja, Geschichte wird eben immer von den Siegern geschrieben, nicht wahr?« Die Sonde machte halt. »Hier ist der Zugang zum Tempelinneren«, sagte Merkra und deutete auf einen Kreis aus leicht erhöhten Fliesen auf dem Boden. »Seid vorsichtig dort oben, Ene’thell’ar.« Nach einem schnellen Nicken gen Turik kletterte der San’seyu in die Sonde zurück, die sich sogleich von den beiden Arajzii zurückzog und etwas abseits des Zugangs Position bezog.

Bevor Turik jedoch auf das niedrige kreisrunde Podest trat, sah er abermals zu Narlat. »Sollten wir auf den Gesandten Kors treffen, überlasse ihn mir und kümmere dich stattdessen um die Qael und die Sicherheit der Geiseln.« Sein Blick wanderte zu dem schallgedämpften Plasmagewehr auf dem Rücken des Kav’ars, dann zu dem Messer an seinem Schenkel. »Deine Waffen können nichts gegen ihn ausrichten.«

Narlat zog die Brauen so weit zusammen, dass es die Tätowierungen seines Hauses, Fenn’rim, auf seiner Stirn leicht verzerrte. »Sie sind das Beste, das die Allianz zu bieten hat. Kein Volk war ihnen bisher technologisch geschweige denn körperlich ebenbürtig.«

Turik lächelte – allmählich schien es ihm natürlicher über die Lippen zu gehen. »Du magst schon einige Jahrhunderte miterlebt haben, aber alles gesehen hast du deswegen noch lange nicht.« Dann wandte er sich den minimal erhöhten Fliesen des Orientierungspunktes zu und trat in deren Mitte. »Und jetzt los. Die Tochter der Kayt’ara und meine Thell’arj-Brüder und -Schwestern warten im Tempel noch immer auf Rettung.«

»Kennt Ihr Euch dort oben aus?«, fragte Narlat, als er dem Ene’thell’ar auf das Podest folgte.

»Zweihundertsiebzehn Jahre lang lebte ich in diesem Tempel und studierte das Ctar.« Turik nickte knapp und ergriff den Arm des Kav’ars. »Ja, ich kenne mich dort oben aus.«

»Die Geiseln werden in der Meditationskammer gefangengehalten«, schallte es noch aus der Sonde, dann verschlang abermals ein Schatten die beiden Arajzii innerhalb eines Augenblicks und spuckte sie in einem Raum von auffallend geringen Ausmaßen wieder aus.

»Eine Abstellkammer?«, stellte Narlat flüsternd fest.

»Wer sucht hier schon nach einem Geheimgang?«, lautete Turiks Gegenfrage.

»Wie auch immer. Lasst mich vorgehen«, verlangte der Kav’ar und zog sein Plasmagewehr vom Rücken.

»Kennst du denn den Weg zur Meditationskammer?«

Narlat atmete geräuschvoll aus. »Schön. Ihr geht vor und ich sichere uns nach hinten ab.«

»Die Kammer ist nicht weit von hier«, erklärte Turik und öffnete vorsichtig die Tür. Als keine Wachposten der Qael zu sehen waren, trat er in den Gang hinaus. »Etwa hundert Meter in dieser Richtung.« Halbherzig deutete er mit der Hand rechts entlang und setzte sich auf Geräuschlosigkeit bedacht in Bewegung. Narlat folgte ihm.

Der Gang war nicht sonderlich breit. Er bot gerade mal zwei Personen nebeneinander Platz. Eine elegante Täfelung aus hellem Holz zierte die Wände. Über dem Fußboden lag ein dichter weicher Teppich. In die Decke waren in regelmäßigen Abständen runde Lampen eingelassen und erleuchteten die Passage mit sanftem goldenem Licht. Nach etwa fünfzig Metern durchbrachen eine Reihe Fenster die Wand zu Turiks Linken und ermöglichten Sicht auf den Innenhof des Tempels. Eine Gruppe Qael hielt dort Wache; jeder Einzelne bestückt mit Kampfpanzerung und Sturmgewehr. Die beiden Sonnen des Systems verschwanden allmählich hinter dem bräunlichen Gasriesen Araj, um den die Heimatwelt der Arajzii, dessen größter Mond Araj-Phaesai, ihre Bahn zog. Und trotz des schwindenden Sonnenlichts nahm Turik die Geschehnisse auf dem Hof so deutlich wahr, als wäre hellerlichter Tag. Denn der Mond lag aller vier galaktischer Standardmonate für etwa drei Monate im Schatten des Gasriesen. Dadurch hatten sich die Augen der Arajzii im Laufe ihrer Evolution daran angepasst, auch in absoluter Finsternis zu funktionieren.

»Keiner von denen scheint der Kampfmeister zu sein«, merkte Narlat unvermittelt an. »Ein fähiger Anführer würde nicht derart offen in diesem Hof herumstolzieren.«

»Und keine dieser Schlangen ist ein Ctar’ry«, fügte Turik hinzu. »Das dürfte es zumindest etwas einfacher für uns machen.«

Sie setzten ihren Weg zur Meditationskammer fort und erreichten diese überraschend unbehelligt. Die beiden Qael, die vor der Tür Wache hielten, dürften kaum mitbekommen haben, wie ihnen geschah. Noch ehe Turik ihm den Befehl dazu geben konnte, preschte Narlat leise und dennoch flink um die Ecke. Eine der Schlangen spürte das Messer des Kav’ars nach einem gezielten Wurf in der Kehle, während die andere fast im selben Moment eine Ladung Plasmafeuer fraß, die nicht nur dessen Kiefer, sondern auch die Stimmbänder zerfetzte und so Hilferufe oder Schreie unterband.

»Die wären erledigt«, flüsterte Narlat, hob sein Messer auf und wandte sich der Tür zur Meditationskammer zu. Er öffnete sie jedoch nicht sofort, sondern schaltete sein Holo-Interface ein. Es war in die Panzerung seines rechten Arms integriert und flimmerte gelblich auf, als der Kav’ar den Scanmodus aktivierte. »Interessant. Offenbar verhindert das Kraftfeld, das die Qael zum Schutz des Tempels aufgestellt haben, nur von außen eingehende Scanversuche.« Seine freie Hand betätigte eine reihe holografischer Knöpfe. »Von hier drinnen kann ich jedoch alles erfassen, was im Tempel und in unserer Operationszentrale vor sich geht.«

»Meines Wissens nach besitzen die Qael-Separatisten keine derartige Hex-Kraftfeldtechnologie«, sagte Turik, ebenfalls mit gedämpfter Stimme.

»Stimmt«, pflichtete ihm Narlat bei. »Vermutlich stammt sie aus den Grenzlanden. Oder dieser Gesandte Kors stellte ihnen diese Tech zur Verfügung – und wer weiß was sonst noch.« Seine Finger glitten abermals durch holografische Tasten an seinem Holo-Interface. Es zeigte nun die unmittelbare Umgebung um den Kav’ar an – einschließlich der Meditationskammer. Sieben blaue Punkte drängten sich in einer der Ecken des Raumes dicht aufeinander. »Keine Qael in der Kammer.« Turiks Osh’hun’arj spürten die Verwunderung des Kav’ars, als dieser zu ihm sah. »Das ist merkwürdig. Es entspricht nicht der Standardverfahrensweise der Schlangen bei Geiselnahmen.«

»Angesichts der Technologie, die sie verwenden, ihrer Unterstützung durch den Gesandten und der Geschichte ihres Anführers kommt diese Erkenntnis nicht wirklich überraschend«, meinte Turik. »Nichts an dieser Aktion erscheint mir wie ein Standardverfahren.«

»Es ist unklug, die Geiseln unbeaufsichtigt zurückzulassen«, beharrte Narlat.

»Vielleicht dachte der Kampfmeister, der Tempel wäre uneinnehmbar gemacht worden und diese beiden Schlangen hier« – Turik blickte kurz zu den toten Qael, die den Teppich mit olivfarbenem Blut verschmutzten – »genügten als Wache für die Geiseln. Womöglich gehörten sie zu seiner Elite.«

»Das glaube ich nicht. Dafür sind sie zu schnell gestorben.« Die gelblich leuchtenden Holo-Bildschirme des Interface lösten sich flackernd auf, als Narlat es deaktivierte. Dann öffnete er die Tür der Kammer und trat hinein. Er sah sich rasch um und gab Turik mit einem Handzeichen zu verstehen, dass der Raum sicher wäre und er eintreten könne.

»Ene’thell’ar!«, sagte eine der Geiseln, die violetten Augen überrascht aufgerissen. »Ihr hier?«

»Kayt’neth’ara Fajlana«, erwiderte Turik und sprach die Tochter der Kayt’ara mit dem ihr gebührenden Titel an. »Bitte bleibt ruhig. Wir werden Euch und unsere Thell’arj aus den Klauen der Qael befreien.« Er nickte zu Narlat.

»Lasst mich Euch die Fesseln abnehmen«, sagte der Kav’ar und neigte sich zu der jungen Arajzii mit der himmelblauen Haut hinab. Ihr langes weißes Haar war zu einem einfachen Dutt gebunden worden und saß mittig auf dem Kopf. Die schlanken Osh’hun’arj wanden sich um ihn herum und gaben ihm zusätzlichen halt.

»Und Ihr seid?«, wollte Fajlana wissen, während sie ihm die Hände hinhielt.

»Jhesk Kav’ar Narlat Bhenvess-iro in chajd Fenn’rim«, stellte sich Narlat trocken vor und entfernte mit geübten Griffen die Handschellen der Qael, ehe er sich einem der Thell’arj zuwandte und auch ihm die Fesseln löste.

Die Tochter der Kayt’ara nickte. »Gut. Ich möchte meiner Mutter berichten können, welcher unserer Krieger Ene’thell’ar Turik bei unserer Rettung beistand.«

Narlat ignorierte sie jedoch und befreite unterdessen einen weiteren Thell’ar.

»Jemand nähert sich!«, merkte Turik plötzlich angespannt an.

Den Kopf zur Tür geneigt verharrte Narlat kurz. »Ich höre nichts«, sagte er leise und löste noch einem Templer die Fesseln.

»Es ist ein Ctar’ry«, verbesserte sich Turik. »Ich kann seine Gegenwart immer deutlicher spüren, je näher er herankommt. »Ein Kelehn’Ctar’ry. Seine Präsenz begann sich zu nähern, nachdem du der Kayt’neth’ara die Handschellen entfernt hattest.«

»Dann müssen diese Dinger mit einer Art Sender ausgestattet sein, der ein Signal übermittelt, wenn sie gelöst werden«, überlegte Narlat, erhob sich und näherte sich der Tür der Meditationskammer. »Na schön. Ene’thell’ar, bitte tretet zurück und überlasst mir diese Schlange.«

»Nein«, sagte Turik entschieden. »Ich kann nicht zulassen, dass dieser Qael während eures Kampfes den ganzen Tempel in Flammen aufgehen lässt. Ich muss seine Fähigkeiten mit meinen so gut kontern, wie es mir möglich ist.« Er machte eine kurze Pause. »Außerdem glaube ich nicht, dass diese Schlange allein nach dem Rechten sehen wird. Und ihr«, wandte er sich an die bereits befreiten Thell’arj, »beschützt Kayt’neth’ara Fajlana – notfalls mit eurem Leben.«

Die Templer nickten und erschufen mittels ihrer vereinten Kräfte eine starke Ctar-Barriere, die die Tochter der Kayt’ara vor allen Gefahren des bevorstehenden Kampfes schützen sollte.

Da zwei der Thell’arj zu den Ausbildern des Tempels gehörten, war Turik zuversichtlich, dass die Barriere zumindest eine gewisse Zeit bestand haben würde. Er sah zu Narlat und zuckte mit dem rechten Oah’hun’ar. Der Kav’ar nickte und richtete sein Plasmagewehr auf die Tür der Kammer. Es hätte Turik auch sehr verwundert, wenn er diese militärische Geste nicht verstanden hätte.

Sekunden verstrichen, in denen der Ene’thell’ar die Präsenz des Qael-Ctar’ry jenseits der Mauern der Kammer immer deutlicher spürte. Und dennoch kam keine der Schlangen durch die Tür, neben der er und Narlat auf sie lauerten. Mit einem Wink gab Turik dem Kav’ar zu verstehen, sein Holo-Interface zu aktivieren und nach den Qael zu scannen. Narlat gehorchte und präsentierte ihm einen Augenblick später die Ergebnisse des Scans auf einem kleinen Holo-Bildschirm. Demnach harrten die Schlangen etwas abseits vor der Tür aus, die Waffen auf sie gerichtet. Der Qael-Ctar’ry hielt die Hände in Angriffsstellung erhoben, vermutlich spielte er bereits mit dem Feuer des Kelehn’Ctar und wartete auf eine Gelegenheit etwas abzufackeln.

Ihr wisst, dass sich hier drinnen mindestens drei fähige Ctar’ry aufhalten, dachte Turik, den Blick auf den Holo-Bildschirm gerichtet, der an Narlats Unterarm leuchtete. Eure Vorsicht ist verständlich, wird euch jedoch nicht retten. Er sah zu dem Kav’ar, sein rechter Osh’hun’ar zuckte abermals, und Narlat nickte verstehend.

Einen Atemzug später trat der Kav’ar die Tür auf und duckte sich hastig unter den heranfliegenden Feuerbällen weg, die der Qael-Ctar’ry nach ihm warf. Der darauffolgende Geschosshagel brachte die Hex-Kraftfelder seiner Kampfpanzerung kurz zum Leuchten, als einige der grünlichen Energiegeschosse Narlats Flanke streiften.

»Verdammt!«, fluchte der Kav’ar und brachte sich eilig neben der Tür in Deckung. »Sehr effektive Bewaffnung.« Eine Statusanzeige seiner Panzerung machte mit leisem Piepsen und roter Schrift auf sich aufmerksam – seine eigentlich sehr leistungsfähigen arajanischen Hex-Kraftfelder waren durch die wenigen Treffer bereits vollständig ausgefallen.

Turik verschwendete jedoch keinen Gedanken an Narlats Wohlergehen, sondern konzentrierte sich auf den Kampf. Er kanalisierte die kalten Energien seines Ctar, bis diese seinen Körper in eine schützende Barriere aus schwarzem Nebel hüllten, und trat in den Rahmen der offenen Tür. Die Geschosse der Schlangen wurden von der Barriere abgelenkt, die wie eine zweite Haut aus absoluter Leere wirkte. Funken stoben, als eines der Geschosse in die Beleuchtung über der Tür einschlug. Die Feuerbälle und Flammenströme, die der Qael-Ctar’ry nach Turik warf, absorbierte die Barriere jedoch und nährte damit die Kräfte ihres Erschaffers. Eine kaum sichtbare Bewegung seiner Finger genügte und Turik entfesselte diese Kraft in einem Schwall telekinetischer Energie, der die Qael im Gang vor der Tür in kleine blutige Stückchen zerriss.

»Dieses Problem wäre beseitigt«, gab Turik bekannt. Er atmete tief durch und die Barriere aus schwarzem Nebel, die seinen Körper noch immer in Leere hüllte, löste sich auf. Dann drehte er sich um und löschte mittels einer weiteren Handbewegung die schwelende Glut auf den Blättern eines mannshohen Rankengewächses im hinteren Bereich der Meditationskammer, die die Feuerbälle des Qael-Ctar’ry hinterlassen hatten.

Narlat lugte unterdessen am Rahmen der Tür vorbei in den Gang. »Der Thell’ar, der dieses Chaos an Körperteilen beseitigen muss, hat mein tiefstes Mitgefühl.« Seine Hand zuckte zu seiner rechten Flanke, als er sich aufrichtete und zu Turik umwandte. Er schien allerdings unverletzt zu sein. »Ihr seid offenbar wirklich ein wahrer Meister des Ctar.«

»Und genau deswegen ist er unser Ene’thell’ar«, sagte einer der älteren Thell’arj – sie hielten die schützende Barriere um die Kayt’neth’ara noch immer aufrecht.

Turik ignorierte dieses Lob jedoch und wandte sich den Thell’arj zu. »Seid ihr noch stark genug, um diese Barriere aufrechtzuerhalten, während wir euch und Fajlana zum Hintereingang des Tempels eskortieren?«

Die Thell’arj nickten.

»Warum nehmen wir nicht den Weg durch die Katakomben, um zurückzugelangen?«, wollte Narlat wissen, der neben der Tür Wache hielt.

»Weil es mir nicht möglich ist, derart viele Personen auf einmal zu teleportieren. Selbst wenn ich euch einzeln hinunterbrächte, könnte es die Stabilität des Gravitationsfeldes dieses Mondes am Zugangspunkt dauerhaft schädigen«, erklärte Turik. »Dieser Schaden könnte sich im Laufe der Zeit ausweiten und ganz Araj-Phaesai in Gefahr bringen.«

Die Stirn des Kav’ars runzelte sich. »Ich glaube nicht, dass ich verstehe, welche Art von Schaden Ihr damit meint«, gestand Narlat, »aber ich vertraue auf Eure Einschätzung Eurer Fähigkeiten.«

»Hervorragend«, fand Turik. »Dann lasst uns keine weitere Zeit vergeuden und zum Hintereingang aufbrechen.«

Einer der jüngeren Thell’arj half der Tochter der Kayt’ara auf, während die anderen weiterhin die Barriere kanalisierten. Als alle bereit waren, begaben sie sich so leise wie möglich in Richtung Tempelhof. Es gefiel Turik nicht, dass sie diese offene Fläche überqueren mussten, doch es war der einzige Weg zu ihrem Ziel. Und so ging der Ene’thell’ar voran, die Thell’arj und Fajlana folgten ihm und Narlat deckte ihnen den Rücken.

Da der Tempelhof direkt gegenüber der Meditationskammer lag, erreichten sie den Torbogen zu ihm rasch und unbehelligt. Ehe sie den Hof jedoch betraten, verschafften sich Turik und Narlat einen Überblick über das Gelände. Die Qael, die hier vor wenigen Minuten noch patrouillierten, waren verschwunden, und Turik vermutete, dass deren Einzelteile nun vor der Meditationskammer verstreut lagen. Auch auf den inneren Mauern der Hofanlage waren keine Schlangen zu sehen. Der Ene’thell’ar sah fragend zu Narlat und erhielt ein Nicken als Antwort.

»Gehen wir«, flüsterte Turik und betrat den Hof zügigen Schrittes. Die anderen folgten ihm.

Die aufkeimende Hoffnung, unbemerkt mit der Tochter der Kayt’ara und den Thell’arj zu entkommen, wurde vom schallenden Gelächter einer kräftigen Bassstimme jedoch regelrecht zerquetscht. Hastig blickte sich Turik auf dem Hof um und sah einen erschreckend muskulösen Qael und zwei etwas schlankere Schlangen in schweren Kampfpanzerungen, die ihn flankierten, aus dem Haupthaus des Tempels hervortreten. Der muskelbepackte Qael trug ebenfalls eine Panzerung, allerdings war diese von eher leichter Natur und wurde von einem filigranen silbernen Muster geziert, durch das grünes Licht pulsierte.

»Sislis’traz!«, rief einer der Thell’arj erschrocken.

»Ihr habt doch nicht ernsthaft geglaubt, dass ich einfach so zusehe, wie ihr abhaut, nachdem der da Konfetti aus meinem Sohn gemacht hat!?«, grollte der Kampfmeister mit zischenden Lauten und zeigte mit den Klauen einer seiner beiden linken Hände auf Turik. In der anderen Hand hielt er ein Sturmgewehr, dessen äußere Erscheinung der seiner Panzerung gleichkam. Eine der rechten Hände hielt eine Art Funkgerät.

»Sie ließen uns keine Wahl«, behauptete Turik.

»Ihr hättet euch ihnen ergeben können«, zischte der Qael.

Narlats Plasmagewehr richtete sich ruckartig auf den Kopf der muskulösen Schlange. »Nicht einmal in deinen Träumen!« Das weißbläulich glühende Geschoss, das dessen Lauf entsprang, schlug knisternd in ein Kraftfeld ein und rang dem Kampfmeister ein finsteres Lächeln ab.

»Ganz wie du willst, Arajzii.« Sislis’traz’ Zunge schnellte zwischen seinen wulstigen Lippen hervor. Fast im selben Augenblick schoss ein Blitzgewitter auf Turiks Gruppe zu.

Ein Na-ir’Ctar’ry!? Der Ene’thell’ar warf sich rasch vor Narlat und schützte ihn und sich selbst mit einer hastig erschaffenen Ctar-Barriere. Warum konnte ich seine Präsenz nicht spüren?, wunderte er sich. Sein Blick wanderte dabei zu Fajlana und den Thell’arj. Das Kraftfeld, mit dem sie die Tochter der Kayt’ara vor dem Blitzsturm bewahrten, hielt stand, doch vor allem die jüngeren Thell’arj wirkten zunehmend erschöpfter. In seinen Osh’hun’arj fühlte Turik die mentale Anstrengung, die ihnen das Aufrechterhalten der Barriere abverlangte. Früher oder später würde sie unter dem Ansturm zusammenbrechen.

»Verdammt!«, hörte Turik den Kav’ar hinter sich fluchen und wandte sich halb zu ihm um.

»Kümmere dich um die Qael in den schweren Panzerungen, sobald ich den Angriff des Kampfmeisters unterbrochen habe!«, befahl Turik und drehte sich wieder um, ohne Narlats Reaktion abzuwarten. Er sammelte abermals seine Konzentration, bis er das Gravitationsfeld des Mondes in Form wabernder schwarzer Nebelflüsse wahrnahm, die beständig vom Himmel zum Erdboden flossen, und ließ sie die Körper der Qael umwickeln. Einen Gedanken später riss es die drei Schlangen zu Boden, das Blitzgewitter versiegte, die Qael fluchten zischend. Dann schmetterte Turik den Kampfmeister in eine entlegene Ecke des Hofes und die beiden anderen Qael vor Narlats Füße.

Der Kav’ar machte kurzen Prozess mit ihnen. Er rammte beiden nacheinander das Messer in die ungepanzerte Kehle und schlitzte ihnen die Hälse auf. »So viel zu eurer dicken Panzerung«, triumphierte Narlat lächelnd und wischte das Blut von seiner Klinge.