Die Tigerin - Walter Serner - E-Book

Die Tigerin E-Book

Walter Serner

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Beschreibung

Das Paris der 1920er: Fec, der kleine Gelegenheitsgauner und Bichette, die bessere Nutte, tun sich zur Zweckgemeinschaft zusammen; alles ist erlaubt, einzige Bedingung: Die Liebe darf beiden nicht dazwischenfunken. Zuerst geraten sie in einen taumelden Kreislauf von Liebe und Obsession, von Lügen und Intrigen, von Bars und Stundenhotels. Aber dann fährt Ganovenpärchen an die Côte d'Azur, um dort reiche Beute zu machen: Sie wollen ihren Opfern Schweigegeld abpressen. Doch es kommt, wie es kommen muss, die Liebe macht ihnen einen Strich durch die Rechnung. Walter Serner ist der "Maupassant der Kriminalistik" [Theodor Lessing] Null Papier Verlag

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Walter Serner

Die Tigerin

Eine absonderliche Liebesgeschichte aus den 1920ern

Walter Serner

Die Tigerin

Eine absonderliche Liebesgeschichte aus den 1920ern

Veröffentlicht im Null Papier Verlag, 2019 1. Auflage, ISBN 978-3-954189-59-5

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Inhaltsverzeichnis

I.

II.

III.

IV.

V.

VI.

VII.

VIII.

IX.

X.

XI.

XII.

XIII.

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I.

Kein Mensch wuß­te, wo­von er ei­gent­lich leb­te. Das ist zwar in den maß­ge­ben­den Krei­sen von Pa­ris die Voraus­set­zung da­für, ernst ge­nom­men zu wer­den; der Um­stand aber, daß man Fec we­der spie­len sah, noch je in deut­li­cher Ge­sell­schaft ei­nes weib­li­chen We­sens, kurz nie­mals in ei­ner je­ner Si­tua­tio­nen, wel­che im­mer­hin ge­wis­se An­halts­punk­te für et­wai­ge Ein­künf­te bie­ten, hat­te die im all­ge­mei­nen un­vor­teil­haf­te Fol­ge, daß man ihn nicht ernst nahm. Man hielt ihn für einen je­ner post­hu­men Idea­lis­ten, die zwi­schen Fou­ri­er und Ba­ku­nin hau­sie­ren und in ir­gend­ei­ner tie­fen Mis­si­on dün­ne Re­venüen be­zie­hen; oder für einen be­dau­erns­wer­ten Di­let­tan­ten, der im ge­hei­men an ei­nem um­stürz­le­ri­schen Werk ar­bei­tet; oder für einen klei­nen Spe­zia­lis­ten, des­sen Res­sort schon ei­nes Ta­ges sich ent­hül­len wür­de; oder so­gar für einen ver­schäm­ten Ar­bei­ter; vie­le aber hiel­ten ihn schlank­weg für einen Trot­tel.

Groß und all­ge­mein war des­halb die Ver­blüf­fung, als man Fec plötz­lich an der Sei­te der schö­nen Bi­chet­te sah, die ihn öf­fent­lich mit al­len Zei­chen wil­der Gunst um­gab. Und nach we­ni­gen Ta­gen war es gänz­lich au­ßer Zwei­fel, das Un­glaub­li­che war ge­sche­hen: Bi­chet­te hat­te ih­ren Meis­ter ge­fun­den, Bi­chet­te, die Ti­ge­rin, war – ge­zähmt.

Sie hat­te die­sen Bein­amen nicht nur er­hal­ten, weil er im all­ge­mei­nen auf sie zu­traf, son­dern weil sie ihn tat­säch­lich vollauf recht­fer­tig­te: sie war aus­schwei­fend, grau­sam, hin­ter­lis­tig, ja oft nie­der­träch­tig und von ei­nem un­hemm­ba­ren Hang zum Va­ga­bon­die­ren be­ses­sen. Sie hat­te kup­fer­ro­tes Haar, schwar­ze von bläu­li­chem Weiß um­schlos­se­ne Au­gen und be­saß jene schar­fen Far­ben, wel­che die Pa­ri­se­rin sich an­schminkt, teil­wei­se von Na­tur aus. Sie trug zu je­der Jah­res­zeit Rock und Blu­se, sel­ten ein Brust­tuch und nie einen Hut. Ihre Stim­me war, ob­wohl im Grun­de rauh, den­noch schnei­dend und von sel­te­ner Sug­ge­s­ti­vi­tät. Sie sprach nur Ar­got, den sie durch eine große Zahl höchst ei­gen­wil­li­ger Wort­bil­dun­gen ver­mehrt hat­te. Drei Män­ner wa­ren ih­ret­we­gen ins Ge­fäng­nis ge­kom­men, zwei hat­ten sich ih­ret­we­gen er­schos­sen und der un­zähl­ba­re Rest ih­rer Lieb­ha­ber, die sie alle nach we­ni­gen Näch­ten ab­ge­schüt­telt hat­te, ohne von Be­schwö­run­gen oder Dro­hun­gen sich im­po­nie­ren zu las­sen, wäre aus­nahms­los auf das kleins­te Zei­chen hin, zu al­lem be­reit, zu ihr zu­rück­ge­kehrt. Sie war un­ter ih­ren Kol­le­gin­nen ver­haßt, weil sie nie Geld ver­lang­te. Die Män­ner dräng­ten es ihr auf oder wert­vol­le Ge­schen­ke oder was sie eben hat­ten. Ihr Stolz war gren­zen­los, ihr Hohn gräß­lich und for­der­te man sie nur durch ein fast un­merk­li­ches Lä­cheln her­aus, so rauf­te sie mit je­dem, wer im­mer es auch sein moch­te, und mit ei­ner Ge­schick­lich­keit, die sie ge­fähr­lich mach­te. Das, was fast je­dem Weib zu­min­dest ein­mal im Le­ben wi­der­fährt, ei­nem Mann, sei es auch nur kur­ze Zeit, zu ver­fal­len, war des­halb bei Bi­chet­te et­was ge­ra­de­zu Un­glaub­li­ches.

Es ver­stand sich so­mit von selbst, daß die Neu­gier­de in den Mont­mar­tre-Cafés For­men hef­tigs­ter Auf­re­gung an­nahm. Je­der woll­te die Ba­sis die­ses Ver­hält­nis­ses ken­nen. Die kühns­ten Hy­po­the­sen schwirr­ten über die Ti­sche hin. Alle wur­den als zu pri­mi­tiv oder zu ge­wöhn­lich ver­wor­fen; son­der­lich in An­se­hung Fecs, der plötz­lich in den Au­gen al­ler zu ei­ner im höchs­ten Maße be­mer­kens­wer­ten Per­sön­lich­keit auf­ge­stie­gen war, von der man sich nicht nur al­les, son­dern viel­leicht noch un­ge­ahn­tes Letz­ten ver­se­hen durf­te.

Die Mög­lich­keit, daß Fec die­sen Er­war­tun­gen ent­spre­chen könn­te, war zwei­fel­los vor­han­den, gleich­wohl aber noch kei­nes­wegs be­grün­det: Bi­chet­tes Ka­pi­tu­la­ti­on hat­te sich auf eine Wei­se voll­zo­gen, die eben­so ein­fach war wie ge­wöhn­lich.

Es war bei ›Léon‹ ge­we­sen, ei­ner klei­nen, nur von Ko­kot­ten, Zu­häl­tern und ver­wand­ten Jüng­lin­gen fre­quen­tier­ten Bras­se­rie auf dem Bou­le­vard de Clichy.

Bi­chet­te war ge­gen vier Uhr mor­gens in Beglei­tung ei­nes die her­kömm­li­chen Kör­per­di­men­sio­nen sei­ner Ras­se be­trächt­lich über­schrei­ten­den Ja­pa­ners er­schie­nen, hat­te an der Bar hin­ter­ein­an­der vier Glä­ser Weiß­wein hin­un­ter­ge­gos­sen und sich hier­auf ge­lang­weilt auf eine Bank ge­wor­fen.

Der Ja­pa­ner setz­te sich de­mü­tig ne­ben sie und lieb­kos­te hün­disch ihre klei­ne kräf­ti­ge Hand.

Sie ent­riß sie ihm und ver­setz­te ihm einen Stoß ge­gen den Kopf, so daß er bei­na­he zu Bo­den ge­fal­len wäre.

Er blieb nun schwei­gend und dumpf ne­ben ihr sit­zen, die be­we­gungs­los vor sich hin stier­te.

Fec, der all das be­ob­ach­tet hat­te, mach­te, mehr aus Lan­ge­wei­le als aus Spott, dem Ja­pa­ner ein Zei­chen, zu ihm zu kom­men.

Der er­hob sich so­fort, sehr er­freut, sei­ner nicht ge­ra­de schmei­chel­haf­ten Si­tua­ti­on ent­ge­hen zu kön­nen.

Als der rie­si­ge Leib auf sei­nen Tisch zu sich be­weg­te, fiel Fec ein, daß er Bi­chet­te be­lei­digt hat­te, und da er ihre Rauf­lust kann­te, war er neu­gie­rig auf das, was etwa fol­gen wür­de. Wäh­rend er den Ja­pa­ner al­ler­lei Be­lang­lo­ses frag­te, ließ er Bi­chet­te nicht aus den Au­gen.

Sie stand denn auch nach we­ni­gen Mi­nu­ten lang­sam auf und schlen­der­te, nach­läs­sig in den Hüf­ten sich dre­hend, an Fecs Tisch her­an.

Der Ja­pa­ner schwieg au­gen­blicks und be­glotz­te scheu sei­ne schmut­zi­gen Hän­de.

Fec, doch ein we­nig ner­vös ge­wor­den, fing an, halb­laut zu sin­gen: »J’ai une fem­me qui aime les ani­maux, ça c’est ri­go­lo, ça c’est ri­go­lo …«

Bi­chet­te griff schnell und fest in sei­ne Haa­re, riß sei­nen Kopf nach hin­ten, starr­te ihm wü­tend in die Au­gen und zisch­te: »Scheinst mich nicht zu ken­nen … Wer bist du über­haupt, hein?«

Da Fec, den der Haar­bo­den hef­tig schmerz­te, nicht ant­wor­te­te, schrie sie den Ja­pa­ner an: »Wo­her kennst du denn die­sen Schnock?« (Ei­ge­ne Wort­bil­dung Bi­chet­tes.)

Der Ja­pa­ner schwieg, ver­le­gen die schma­len Lip­pen von den gel­ben Zäh­nen zie­hend.

Bi­chet­te, wel­che die Be­we­gungs­lo­sig­keit Fecs zu ver­wir­ren be­gann, ließ sei­nen Kopf fah­ren. »Sch­lingue! … Und du, gel­ber Idi­ot, kannst blei­ben, wo du bist.« Hier­auf ver­ließ sie, die Schul­tern rol­lend, sehr lang­sam das Lo­kal.

Der Ja­pa­ner woll­te ihr fol­gen.

Fec aber hielt ihn zu­rück, in­dem er ihm, ohne be­son­de­re Ab­sicht, le­dig­lich ei­nem be­greif­li­chen Ar­ger nach­ge­bend, mit­teil­te, wer mit Bi­chet­te öf­ter sich zei­ge, be­käme es bald mit der Po­li­zei zu tun …

In der nächs­ten Nacht saß Fec an dem­sel­ben Tisch.

Ge­gen vier Uhr mor­gens kam Bi­chet­te. Al­lein.

Nach ei­ner Vier­tel­stun­de wink­te sie Fec, der, sehr im Zwei­fel über ihre Ab­sich­ten, ei­ni­ge Se­kun­den ver­strei­chen ließ.

Dann sah er Bi­chet­te noch­mals an. Und be­merk­te um ih­ren Mund je­nen ge­wis­sen Aus­druck, den alle Frau­en ha­ben, wenn sie einen Mann wol­len. Das ent­schied. Er er­hob sich, schob, die Hän­de in den Ho­sen­ta­schen, auf den Fuß­spit­zen sich durch die Ti­sche und ließ sich, ge­wählt um­ständ­lich, an Bi­chet­tes Tisch nie­der, ohne sie auch nur an­zu­bli­cken.

Bi­chet­te rauch­te, die Ba­cken blä­hend, sah Fec auf die Fin­ger­nä­gel und sag­te schnei­dend: »Bei mir gibts kei­ne ge­hol­ten Sa­chen. Merk dir das!«

Fec rühr­te sich nicht, wäh­rend er knurr­te: »Ich hat­te mir gar nichts da­bei ge­dacht.«

Bi­chet­tes Lip­pen war­fen sich höh­nisch. Dann lach­te sie mit dem Atem. »Scheinst noch nicht viel ge­gouapt zu ha­ben. Hast ja Hän­de wie ne Laus.«

Fec lä­chel­te ein we­nig. »Wenn du mit mir kom­men willst, ist mirs recht. Wenn nicht, dann geh ich.«

Bi­chet­te mus­ter­te ihn kurz, aber scharf und war er­staunt, be­mer­ken zu müs­sen, daß er au­gen­schein­lich es ge­nau so mein­te, wie er es ge­sagt hat­te. Noch zö­ger­te sie. Ihr Stolz be­gann vor der Mög­lich­keit, es könn­te eine Er­nied­ri­gung sein, sich zu re­gen. Dann aber warf es sie in­ner­lich her­um: ge­ra­de ihr Stolz ge­bot ihr, die­se har­te Männ­lich­keit so un­ter­tan zu ent­las­sen wie alle Vor­gän­ger.

»Eh ben«, frag­te Fec, an sei­ner Müt­ze rückend.

»Bleib!«

Un­ter­wegs er­griff Fec Bi­chet­tes Hand­täsch­chen. »Sil­ber?«

»Ja.«

»Ein schö­nes Stück.« Fee wog es in der hoh­len Hand. »Fürch­test du nicht …?«

»Taf?« Bi­chet­te blin­zel­te. »Bei mir nicht. Und dann … mich beroupt man nicht.«

Fec ge­lang es, nicht zu lä­cheln. Aber es zwang ihn, sich ganz von fern zu mel­den. »Ah, es gibt Leu­te, de­nen ge­gen­über sämt­li­che Stand­punk­te ver­fehlt sind Meist hält man sie für naiv«

Bi­chet­te schwieg lan­ge. End­lich sag­te sie ge­dehnt: »Sind es manch­mal trotz­dem.«

Fec räus­per­te sich und warf, wis­send, daß er sie da­mit är­ger­te, kurz hin: »Du liebst wohl die so­ge­nann­ten fei­nen Ker­le.«

Bi­chet­te ver­kniff häß­lich die Lip­pen. »Nein.«

»Hm. Ein so­ge­nann­ter fei­ner Kerl ist ja auch furcht­bar lang­wei­lig.«

»Wie je­der.«

»Auch ein so­ge­nann­ter fei­ner Mensch?«

»Die? Die sind ja über­haupt zum Ver­re­cken.«

»Fa­mos!« Fec zog lä­chelnd sein Hals­tuch fes­ter. »Du liebst also – die Tie­re.«

Bi­chet­te zuck­te ver­ächt­lich die Schul­tern. »Schnock!«

»Üb­ri­gens habe ich mir gar nichts da­bei ge­dacht«, sag­te Fec ru­hig.

Bi­chet­te spie aus.

In dem schmut­zi­gen Aëro-Ho­tel in der Rue Pu­get be­wohn­te Bi­chet­te ein klei­nes ver­räu­cher­tes Zim­mer im vier­ten Stock.

Sie zog sich so­fort aus. Und mit ei­ner Ge­schwin­dig­keit, die je­dem an­dern ge­schmei­chelt hät­te.

Fec be­fand sich noch in sei­ner Hose, als Bi­chet­te be­reits nackt auf dem Bett lag.

Un­will­kür­lich be­trach­te­te er ih­ren Kör­per.

Das Ge­sicht ab­wen­dend, frag­te Bi­chet­te lei­se: »Bin ich schön?«

»Ja.« Fec zog sich aus, ohne sich zu be­ei­len.

Als er sich auf den Bett­rand setz­te, griff Bi­chet­te ihm zwi­schen die Schen­kel und öff­ne­te rund die Lip­pen.

So nahm er sie lang­sam und fest in sei­ne Arme …

Um acht Uhr mor­gens schlie­fen sie noch nicht und hat­ten kein Wort wei­ter ge­spro­chen.

Um neun Uhr sag­te Bi­chet­te mit zit­tern­der Stim­me: »Laß mich jetzt.«

Fec mach­te An­stal­ten, das Bett zu ver­las­sen.

»Kannst hier schla­fen, wenn du willst.«

Fec leg­te sich wort­los auf die Sei­te und schlief ein.

Die fol­gen­den Tage ver­brach­ten sie un­un­ter­bro­chen bei­sam­men. Eben­so die Näch­te. Sie spra­chen fast nichts mehr. Nur von Zeit zu Zeit strei­chel­te Bi­chet­te Fecs Hand. Oder sie spiel­te mit sei­nen Haa­ren. Oder mit sei­ner Müt­ze.

Am fünf­ten Tag aber, mor­gens ge­gen neun Uhr, be­kam sie einen Wein­krampf.

II.

So ein­fach und ge­wöhn­lich war nun die Sa­che doch nicht. Hen­ri Ril­cer, ge­nannt Fec, hat­te al­les hin­ter sich. Er war mit al­lem fer­tig. Auch mit sich sel­ber. Er leb­te gleich­sam vor sich ein­her. Ins Lee­re hin­ein.

Mit sieb­zehn Jah­ren war er acht Wo­chen lang der Ge­lieb­te ei­ner fet­ten Jü­din ge­we­sen, die vier brau­ne Fal­ten auf dem Hals hat­te, sechs auf dem Bauch und drei klei­ne stets un­sau­be­re Kin­der. Der Vor­zug, kon­stant zu lü­gen, mach­te sie ihm, wie er os­ten­ta­tiv her­vor­hob, so lie­bens­wert. Vor al­lem aber be­rei­te­te es ihm un­säg­li­ches Ver­gnü­gen, von sei­ner Fa­mi­lie sich ver­ach­tet zu se­hen. Als man sich dar­an ge­wöhnt hat­te, brach er das Ver­hält­nis bru­tal ab. Mit acht­zehn Jah­ren hat­te er sei­nen Va­ter geohr­feigt, weil die­ser im Spei­se­zim­mer, in dem nicht ge­raucht wer­den soll­te, ihm eine bren­nen­de Zi­ga­ret­te aus dem Mund nahm. Man warf ihn aus dem Haus. Zwei Wo­chen war er Schrei­ber bei ei­nem Rechts­an­walt. Dann ver­un­treu­te er einen klei­nen Be­trag und ver­schwand. Spä­ter tauch­te er bald hier bald dort auf. Man sah ihn häu­fig in den mon­dä­nen Ku­r­or­ten, im Win­ter in Wien, Lon­don, Ber­lin, Rom. Er war im­mer ele­gant, fast stets al­lein, aber wenn er ab­ge­reist war, gab es ir­gend­wie einen Skan­dal. Er war groß, schlank und hat­te einen aus­drucks­vol­len Kopf, der ei­nem Di­plo­ma­ten eben­so ge­hö­ren konn­te wie ei­nem Apa­chen. Mit drei­ßig Jah­ren kam er nach Pa­ris zu­rück, von kei­nem sei­ner ehe­ma­li­gen Freun­de er­kannt. Er war nun mit al­lem fer­tig. Er hat­te al­les hin­ter sich. Er trug jetzt einen sa­lop­pen grau­en An­zug und ein dun­kel­grü­nes Tuch um den Hals. Er schlief bei klei­nen Hu­ren oder in Trep­pen­häu­sern und leb­te haupt­säch­lich von un­be­deu­ten­den Ge­le­gen­heits­dieb­stäh­len.

Zwei Jah­re führ­te er be­reits die­ses Le­ben. Er leb­te gleich­sam vor sich ein­her. Völ­lig ins Lee­re hin­ein. Bi­chet­te hat­te er ge­nom­men, wie er Dut­zen­de von Frau­en ge­nom­men hat­te. Und da er über Erin­ne­run­gen ver­füg­te, ne­ben de­nen Bi­chet­te wie ein klei­nes Nacht­licht glomm, hat­te ihn we­der ihre Schön­heit noch ihre Wild­heit er­staunt. Es war für ihn eine Ge­le­gen­heit wie jede an­de­re, die sich ihm bot. Sie muß­te sich ihm nur bie­ten. Er ging auf das Le­ben nicht mehr los. Er ließ al­les an sich her­an­kom­men, ohne es hal­ten zu wol­len. Er hat­te ge­nug. Ge­gen Mit­tag, wenn er auf die Stra­ße trat, oder wenn er an­ge­trun­ken war, wun­der­te er sich oft, daß er noch leb­te.

Bi­chet­tes Wein­krampf hat­te ihn aber doch über­rascht. Nicht viel­leicht, daß er ihm et­was Neu­es ge­we­sen wäre; was ihn, den schar­fen Beo­b­ach­ter und bis ins Letz­te miß­traui­schen Kopf, stut­zig ge­macht hat­te, war die für sei­nen Blick un­an­zwei­fel­ba­re Fest­stel­lung ge­we­sen, daß er et­was Un­ge­woll­tes vor sich hat­te, daß die­se furcht­ba­re Er­schüt­te­rung zwin­gend war. Und war sie zwin­gend, so war es ein Zu­sam­men­bruch. Sei­ne große Er­fah­rung sag­te ihm, daß er jetzt nur nach Bi­chet­te zu grei­fen brauch­te, um sie für im­mer in sei­ne Hand zu be­kom­men. Aber er dach­te gar nicht dar­an, Bi­chet­te sich zu ho­len. Daß er es dann den­noch tat, hat­te eine sehr ei­gen­tüm­li­che Ver­an­las­sung.

Bi­chet­te war, nach­dem das schreck­li­che Schluch­zen nach­ge­las­sen hat­te, nur flüch­tig be­klei­det aus dem Zim­mer ge­rannt und nicht wie­der­ge­kom­men.

Fec ver­ließ schließ­lich das Ho­tel und ging zu ›Léon‹ früh­stücken.

Gaby, ein ko­kaïno­ma­nes Mo­dell, das nie zu schla­fen schi­en, setz­te sich an sei­nen Tisch und ver­such­te, ihn über Bi­chet­te aus­zu­hor­chen. »So früh auf? Also auch schon – ab­ge­schüt­telt, hé?«

Fec schwieg.

»Laß dirs egal sein. Das ist doch ihr Bluff. Da­mit macht sie sich doch das Re­nom­mée. Und mit dem biß­chen He­rum­rau­fen.« Gaby be­trach­te­te Fec aus ku­gel­run­den, weiß­lich schim­mern­den Au­gen, die eine deut­li­che Ge­ring­schät­zung sei­ner gan­zen Per­son ver­such­ten. »Aber du … Wa­rum machst du denn nichts? Leg dir doch was zu­recht! Ohne Chi­qué nichts zu wol­len. Man muß sei­ne Com­bi­ne ha­ben. Schö­ne Du­pes ma­chen. Sonst gehts ei­nem so hun­de­mä­ßig moui­se wie dir.«

Fec blies ihr den Zi­ga­ret­ten­rauch ins Ge­sicht. »Ich mach mir nichts dar­aus. Ich mach mir nicht mal aus mir was.«

Gaby schlug, ge­bro­chen la­chend, auf den Tisch. »Das ists ja eben, du Esel! Du machst nichts aus dir. Man wird doch nicht für das ge­hal­ten, was man ist. Son­dern nur für das, was man den Leu­ten vor­macht. Und auch das, was man wirk­lich ist, muß man den Leu­ten vor­ma­chen. Wie sol­len sie denn sonst wis­sen, wo­für sie einen zu hal­ten ha­ben, hé?«

Fec zog mit ge­heu­chel­ter Läs­sig­keit die Li­der ein we­nig zu­sam­men. »Was du da sagst, ist mir nicht un­be­kannt. Denn ich habe es, fast mit den­sel­ben Wor­ten, vor vier­zehn Ta­gen im Ho­tel Gre­lot, als wir das letz­te Mal … Aber ich habe durch­aus kei­ne Lust mehr.«

»Was für ein Esel du doch bist!« Gaby schwenk­te, sehr ge­är­gert, ih­ren Bu­sen über die Tisch­plat­te hin.

»Eh ben, wozu soll ich also den Leu­ten noch be­wei­sen, was ich bin?«

Gaby lä­chel­te ver­zo­gen. »Schad um dich.« Plötz­lich griff sie nach sei­ner Hand. »Oder ist dir viel­leicht das Coco bei mir zu­wi­der?«

In die­sem Au­gen­blick trat Bi­chet­te ein.

Sie hat­te kaum Fec er­blickt, als sie schnell auf ihn zu­lief. Erst hart am Tisch be­merk­te sie, daß Gaby, die vor Über­ra­schung dar­auf ver­ges­sen hat­te, Fecs Hand hielt. Wort­los setz­te sie sich ne­ben ihm auf die Bank.

Ga­bys Au­gen wur­den vor Er­re­gung naß. Dann zog sie ganz lang­sam ihre Hand von der Fecs, stand auf und ging. Nach ei­ni­gen Schrit­ten rief sie: »Au re­voyu­re, ’s­sieurs da­mes.«

Bi­chet­tes Kopf fiel höh­nisch auf­la­chend hintü­ber, ver­stumm­te jäh und kam ruck­wei­se wie­der her­auf. Ihre aus­ge­streck­ten Arme hiel­ten un­be­weg­lich den Tisch­rand. Die Na­sen­flü­gel trie­ben. Sie blin­zel­te.

So­gleich kam Gaby zu­rück, den Kopf ge­ring­schät­zig schief ge­neigt, und setz­te sich mit ei­nem Satz auf den ge­gen­über be­find­li­chen Tisch. »Eha, éha! … So, so … Also doch … Ja, die Lie­be, die Lie-i-i-iebe …«

Bi­chet­te pack­te mit ei­nem Mal Fecs Hals und stieß sei­nen Mund fest auf den ih­ren.

Gaby heul­te, die Hän­de ver­krampft im Na­cken: »Eha, éha! Das ist ja aba­cada­b­ran­tis­si­mo! Die Ti­ge­rin – ein­ge­fan­gen! Aber wer wird ihr jetzt zu fres­sen ge­ben, he?«

Ein Stuhl schlug knal­lend nie­der: Bi­chet­te war auf­ge­sprun­gen. Und schon warf sie sich, die Fäus­te vor der Brust, auf Gaby und biß sie so fest in den Hand­bal­len, daß sie gell auf­schrei­end vom Tisch zu Bo­den glitt.

Als Gaby, das Ge­sicht schmerz­ver­zerrt, wut­be­bend sich auf­rich­te­te, hat­te Bi­chet­te ein Mes­ser in der Hand.

Jean, der Kell­ner, pack­te Gaby von hin­ten um die Arme und preß­te sei­nen Kopf zwi­schen ihre Schul­tern.

Fast gleich­zei­tig ent­riß Fec Bi­chet­te das Mes­ser, hob ihr Hand­täsch­chen auf und zerr­te sie auf die Stra­ße.

Drau­ßen fühl­ten bei­de von ein­an­der, daß sie jetzt lan­ge schwei­gen wür­den …

In der Rue Dé­mours blieb Bi­chet­te vor ei­nem klei­nen Kon­fek­ti­ons­ge­schäft ste­hen.

Eine gel­be Woll­kap­pe, die in der Aus­la­ge hing, ge­fiel Fec sehr. Er trat in den La­den, kauf­te sie und setz­te sie Bi­chet­te, die, über alle Ma­ßen ver­wun­dert, auf der Stra­ße war­te­te, schief und reiz­voll ver­drückt auf die wir­ren Haa­re. Da­bei fiel ihm zu sei­nem Er­stau­nen auf, daß er das le­dig­lich in ei­ner hef­tig auf­wal­len­den fröh­li­chen Stim­mung, ohne jede be­son­de­re Über­le­gung ge­tan und den lan­gen Weg vom Mont­mar­tre bis zum Etoi­le ne­ben Bi­chet­te in ei­nem Zu­stand gleich­sam stump­fer Be­frie­di­gung zu­rück­ge­legt hat­te. Er rieb sich mit dem Han­drücken das Kinn. Al­les schi­en ihm plötz­lich un­be­greif­lich.

»V’lan, sie paßt so­gar.« Bi­chet­te wand und dreh­te sich vor dem Spie­gel ne­ben dem La­den. Als sie end­lich wei­ter­ging, lä­chel­te sie Fec zu. Es war ihm, ob­wohl er mi­nu­ten­lang dar­über nach­grü­bel­te, un­mög­lich, zu ent­schei­den, wie.

Da faß­te Bi­chet­te ihn am Är­mel und zog ihn, der so ver­dutzt war, daß es ihm gar nicht bei­fiel, sich zu sträu­ben, in eine Bi­jou­te­rie.

Sie leer­te ihr Hand­täsch­chen auf den La­den­tisch aus, stopf­te die Schäch­tel­chen, Stif­te und Büch­sen in ihre Blu­se und frag­te rasch: »Wie viel ge­ben Sie mir für die­se Ta­sche?«

Der Bi­jou­tier prüf­te sie sorg­sam mit ei­ner großen Lupe, spitz­te schließ­lich die blas­sen Lip­pen und lis­pel­te: »Zwei­hun­dert.«

»Drei­hun­dert!«, for­der­te Bi­chet­te schnei­dend.

Der Bi­jou­tier mach­te Ein­wen­dun­gen, schwatz­te, da man ihm nicht ant­wor­te­te, ei­ni­ge Zeit und warf schließ­lich, zwei­felnd brum­mend, die Ta­sche in sei­nen Kas­sen­schrank.

Bi­chet­te ent­riß ihm fast die Bank­no­ten, die sie au­gen­blick­lich Fec in den Wes­ten­aus­schnitt schob.

Der Bi­jou­tier wag­te es nicht, zu lä­cheln. Er öff­ne­te ei­gen­hän­dig und höf­lich die La­den­tür.

Auf der Stra­ße stell­te sich Bi­chet­te, die Hän­de in den Haa­ren, schnell vor den La­den­spie­gel. »Das ist die ers­te, die mir ge­fällt.«

Fec, der jetzt zu be­grei­fen be­gann, sag­te, nur um sich re­den zu hö­ren: »Es ist eng­li­sche Wol­le.«

»Hein? … O, ich fin­de sie ein­fach ri­che.« Bi­chet­te nahm sei­nen Arm un­ter die Ach­sel und zog ihn so hin­ter sich her.

Fec näß­te sei­ne tro­ckenen Lip­pen. Ein jä­her Zorn quoll auf in ihm, weil er ihr Ge­sicht nicht se­hen konn­te. Er blieb ste­hen. »Bi­chet­te!«

Sie wand­te sich so­fort um und wun­der­te sich, daß er ste­hen­ge­blie­ben war. Im­mer noch sei­ne Hand in den Hän­den, trat sie dicht vor ihn hin. So dicht, daß er sein Ge­sicht in ih­ren Pu­pil­len er­blick­te.

Fecs Stirn­haut zog sich fal­tig un­ter den Müt­zen­schirm, wäh­rend er halb­laut zwi­schen den Zäh­nen her­vors­tieß: »Was soll denn das al­les! Seit heu­te mor­gen ma­chen wir nichts als Dumm­hei­ten.«

Bi­chet­te ließ sei­ne Hand los und trat einen Schritt zu­rück. Ihr Ge­sicht wur­de klei­ner. »Wa­rum nicht.«

»Ich lie­be dich nicht.«

Bi­chet­tes Lip­pen höhn­ten. »Ich dich auch nicht … Aber ich kann nicht mehr – leer lau­fen.«

»Leer lau­fen?« Fec ver­such­te, sich ih­ren Blick zu fan­gen.

»Ja. Ich muß et­was ha­ben.« Bi­chet­te zog schnell sei­nen Leib an sich. »Das al­les sind Dumm­hei­ten, ich weiß es. Glaub doch nicht, daß ich … Bah, das mit Gaby, das war nur Stolz, Wut, Ei­tel­keit, was weiß ich … Und das heu­te mor­gen, das war … Eben weil ich nicht mehr leer lau­fen kann. Und du, das weiß ich ganz ge­nau, du läufst ja auch leer. So wie du lebst, das ist doch Blöd­sinn. Sch­laß ist das. Ab­so­lut Sch­laß. Und ich kann ein­fach nicht mehr so da­her­le­ben, so … Das ist … Blöd­sin­nig ist das. Ich sage ja nicht, daß wir uns ir­gend­was vor­tril­lern sol­len, ir­gend so was wie die­se zuck­ri­gen Claque­wei­ber da mit ih­ren Mar­lous. Das ist von hin­ten her­um ja doch wie­der lou­che, die­se al­ber­ne Räu­ber­spie­le­rei, die­ses ekel­haf­te Lie­bes­ge­tue und Blick­ge­türm und die­se ver­lo­ge­nen Ro­hei­ten, die­se Ge­wer­be­trei­ben­den mit Herz und Hin­tern und … Sch­lingue! Ich hab den gan­zen Jus bis dort­hin­aus! Mir soll noch ei­ner kom­men! Du hast ja mei­ne bei­den Nar­ben ge­se­hen. Spaß, wenn ich los­geh … Aber das ist ja schließ­lich auch nichts. Wie al­les. Ich halt es ein­fach nicht mehr so aus. Bas­ta.« Sie stieß Fec von sich und stier­te auf eine La­ter­ne.

»Wie alt bist du?«

»Acht­und­zwan­zig.«

»Schon?«

Bi­chet­te lä­chel­te son­der­bar, nahm sei­nen Kör­per in den Arm und ging wei­ter mit ihm.

III.

Als sie, ei­ner plötz­li­chen über­mü­ti­gen Lau­ne fol­gend, in ei­nem vor­neh­men Re­stau­rant der Ave­nue des Ter­nes déjeu­nier­ten, frag­te Bi­chet­te, das Wein­glas an den Lip­pen: »Wa­rum hast du mir ei­gent­lich die­se Kap­pe ge­kauft?«

Fec fluch­te in­ner­lich dar­über, daß er er­rö­te­te. »Ich … Das kam so ganz von sel­ber … Vi­el­leicht auch, weil ich … Nein, ich weiß es wirk­lich nicht.«