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Wer bin ich? Die aufwühlende Reise des Adoptivkinds A.M. Homes zu den eigenen Wurzeln Die Autorin des Bestsellers »Dieses Buch wird Ihr Leben retten« erzählt ihre eigene Geschichte. Und auch die liest sich wie ein Roman. Als Adoptivkind erfährt A.M. Homes erst mit 31 Jahren, wer ihre leiblichen Eltern sind. Es folgt eine emotionale Detektivgeschichte, bewegend, authentisch, brillant. »Ihr Päckchen ist angekommen, und es hat eine rosa Schleife.« Mit diesen Worten wird Phyllis und Joe Homes an einem Dezembertag des Jahres 1961 die Geburt ihrer Adoptivtochter angekündigt. Die Familie ist überglücklich, hat sie doch erst sechs Monate zuvor ein eigenes Kind verloren. Dreißig Jahre später meldet sich völlig unerwartet die leibliche Mutter, und kurz darauf gibt es auch einen Kontakt zum Vater. Der Eindruck dieser beiden Individuen auf die erwachsene A.M. Homes ist zunächst verstörend. Die großen Fragen »Wer bin ich?« und »Wo komme ich her?« drohen sie aus der Bahn zu werfen, lähmen sie, aber machen sie auch wütend. So lange, bis sie sich auf die Suche nach Antworten macht, die sie am Ende dort findet, wo sie sie gar nicht erwartet hätte. A.M. Homes erzählt ihre eigene tragische, witzige und zum Teil absurde, vor allem aber zu Herzen gehende Geschichte mit einer literarischen Meisterschaft, die ihresgleichen sucht.
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Seitenzahl: 257
Veröffentlichungsjahr: 2019
A. M. Homes
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A. M. Homes hat mehrere Romane veröffentlicht, darunter den Bestseller »Dieses Buch wird Ihr Leben retten« und den vieldiskutierten Roman »Das Ende von Alice«. A. M. Homes lebt in New York City.
Ingo Herzke, geboren 1966, lebt in Hamburg und übersetzt aus dem Englischen, u.a. Alan Bennett, A. M. Homes, Nick Hornby, A. L. Kennedy und Gary Shteyngart.
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»Ihr Päckchen ist angekommen, und es hat eine rosa Schleife.« Mit diesen Worten wird Phyllis und Joe Homes an einem Dezembertag des Jahres 1961 die Geburt ihrer Adoptivtochter angekündigt. Die Familie ist überglücklich, hat sie doch erst sechs Monate zuvor ein eigenes Kind verloren. Dreißig Jahre später meldet sich völlig unerwartet die leibliche Mutter, und kurz darauf gibt es auch einen Kontakt zum Vater. Der Eindruck dieser beiden Individuen auf die erwachsene A. M. Homes ist zunächst verstörend. Die großen Fragen »Wer bin ich?« und »Wo komme ich her?« drohen sie aus der Bahn zu werfen, lähmen sie, aber machen sie auch wütend. So lange, bis sie sich auf die Suche nach Antworten macht, die sie am Ende dort findet, wo sie sie gar nicht erwartet hätte. A. M. Homes erzählt ihre eigene tragische, witzige und zum Teil absurde, vor allem aber zu Herzen gehende Geschichte mit einer literarischen Meisterschaft, die ihresgleichen sucht.
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Verlag Kiepenheuer & Witsch GmbH & Co. KGBahnhofsvorplatz 150667 Köln
Die Originalausgabe erschien 2007 unter dem Titel The Mistress’s Daughter bei Viking Penguin, USA
© 2007 by A. M. Homes
All rights reserved
Aus dem amerikanischen Englisch von Ingo Herzke
© 2008, 2019, Verlag Kiepenheuer & Witsch, Köln
Covergestaltung Rudolf Linn, Köln
Covermotiv © Shelly Langston
ISBN978-3-462-32039-8
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Widmung
Motto
Babybild, A. M. Homes
Erstes Buch
Die Tochter der Geliebten
Zweites Buch
Meine Mutter auspacken
Die elektronische Anthropologin
Der Hintern meines Vaters
Wie eine Folge von L. A. Law
Der Tisch meiner Großmutter
Danksagungen
In Erinnerung an Jewel Rosenberg und zu Ehren von Juliet Spencer Homes
Es gibt zwei Arten, sein Leben zu leben – entweder so, als sei nichts ein Wunder, oder so, als sei alles eines.
Albert Einstein
A. M. Homes
Phyllis und Joe Homes
Bruce Homes
A. M. und Jon Homes
Ich erinnere mich, wie sie darauf bestanden, dass ich ins Wohnzimmer komme und mich setze, wie der dunkle Raum auf einmal bedrohlich wirkte, wie ich mit einem geleegefüllten Donut in der Küchentür stand, wo ich doch nie geleegefüllte Donuts esse.
Ich erinnere mich, nichts zu wissen; zuerst zu denken, dass etwas ganz Schlimmes passiert sei, und mit Tod zu rechnen – dass jemand gestorben war.
Und dann erinnere ich mich, es zu wissen.
Weihnachten 1992 fahre ich nach Hause, nach Washington D.C., meine Familie besuchen. Am Abend meiner Ankunft sagt meine Mutter gleich nach dem Essen: »Komm ins Wohnzimmer. Setz dich. Wir müssen dir was erzählen.« Ihr Tonfall macht mich nervös. Meine Eltern sind eigentlich nicht so förmlich – man setzt sich nicht ins Wohnzimmer. Ich stehe in der Küche. Der Hund schaut zu mir auf.
»Komm ins Wohnzimmer. Setz dich«, sagt meine Mutter.
»Warum?«
»Wir müssen mit dir über etwas reden.«
»Über was?«
»Komm her, dann sagen wir es dir.«
»Sagt es mir jetzt, und hier.«
»Komm zu uns«, sagt sie und klopft auf das Polster neben ihr.
»Wer ist gestorben?«, frage ich erschrocken.
»Niemand ist gestorben. Alles ist bestens.«
»Aber was ist dann los?«
Sie schweigen.
»Geht es um mich?«
»Ja. Es geht um dich. Wir wurden angerufen. Jemand sucht nach dir.«
Nachdem ich mein ganzes Leben in einem virtuellen Zeugenschutzprogramm verbracht habe, ist meine Tarnung nun aufgeflogen. Als ich aufstehe, weiß ich etwas über mich: Ich bin die Tochter der Geliebten. Meine leibliche Mutter war jung und unverheiratet, mein Vater älter und verheiratet, hatte bereits Familie. Als ich im Dezember 1961 geboren wurde, rief ein Rechtsanwalt meine Adoptiveltern an und sagte: »Ihr Päckchen ist angekommen, und es hat eine rosa Schleife.«
Meine Mutter fängt an zu weinen. »Du musst gar nichts unternehmen, du kannst es einfach damit bewenden lassen«, sagt sie, um mir die Last abzunehmen. »Aber der Rechtsanwalt hat gesagt, er würde gern mit dir reden. Er war ganz reizend.«
»Erzählt noch mal – was ist passiert?«
Einzelheiten, Kleinigkeiten; als könnten die Fakten, das Echo von Fragen und Antworten der Sache Sinn verleihen, Ordnung, Form, vor allem das, was ihr am meisten fehlt – Logik.
»Vor ungefähr zwei Wochen haben wir einen Anruf erhalten. Von Stanley Frosh, dem Anwalt, der sich um die Adoption gekümmert hat. Und der hat erzählt, dass ihn eine Frau angerufen und gesagt hat, wenn du Kontakt mit ihr aufnehmen wolltest, sei sie bereit, etwas von dir zu hören.«
»Was soll das bedeuten: ›bereit, etwas von dir zu hören‹? Will sie mit mir reden oder nicht?«
»Weiß ich nicht«, sagt meine Mutter.
»Was hat Frosh denn gesagt?«
»Er war ganz reizend. Er hat gesagt, dass er diesen Anruf bekommen hat – am Tag vor deinem Geburtstag – und sich nicht sicher war, was wir mit dieser Information anfangen würden, aber er fand schon, dass wir sie bekommen sollten. Möchtest du ihren Namen wissen?«
»Nein«, antworte ich.
»Wir haben darüber diskutiert, ob wir es dir erzählen sollen oder nicht«, sagt mein Vater.
»Diskutiert? Wie könnt ihr denn darauf kommen, es mir zu verschweigen? Die Information ist doch nicht für euch. Und was, wenn ihr es mir nicht erzählt hättet, und dann wäre euch was zugestoßen, und ich hätte es hinterher erfahren?«
»Aber wir sagen es dir doch jetzt«, sagt meine Mutter. »Mr. Frosh sagt, du kannst ihn jederzeit anrufen.« Sie bietet mir Frosh an, als ob ein Gespräch mit ihm irgendwas ausrichten könnte – die Sache klären zum Beispiel.
»Das alles ist schon zwei Wochen her, und ihr erzählt es mir erst jetzt?«
»Wir wollten warten, bis du zu Hause bist.«
»Warum hat Frosh denn euch angerufen? Und nicht gleich mich?« Ich war einunddreißig, erwachsen, aber sie behandelten mich wie ein schutzbedürftiges Kleinkind.
»Der Teufel soll sie holen«, sagt meine Mutter. »Sie ist wirklich dreist.«
Es war der schlimmste Albtraum meiner Mutter: Sie hatte immer gefürchtet, dass jemand kommen und mich wegholen könnte. Ich wuchs im Wissen um diese Angst auf und ahnte auch, es ging gar nicht so sehr darum, dass ich ihr weggenommen würde, sondern dass ihr erstes Kind, ihr Sohn, kurz vor meiner Geburt gestorben war. Als Kind hatte ich das Gefühl, dass meine Mutter sich auf ganz fundamentaler Ebene nie wieder so an jemanden binden würde. Ich spürte, dass ich auf Distanz gehalten wurde. Ich wuchs voller Wut auf und befürchtete stets, etwas an mir zu haben, eine Art Geburtsfehler, der mich abstoßend machte, unmöglich zu lieben.
Meine Mutter kam auf mich zu. Sie wollte mich umarmen, von mir getröstet werden.
Ich wollte sie nicht in den Arm nehmen. Ich wollte niemanden anfassen. »Ist Frosh sicher, dass sie ist, wer sie sagt?«
»Wie meinst du das?«, fragte mein Vater.
»Ist er sicher, dass es sich um die richtige Frau handelt?«
»Ich glaube, er ist ziemlich sicher, dass sie die Richtige ist«, sagte mein Vater.
Die zerbrechliche, gebrochene Geschichte, der dünne Erzählfaden, der Plot meines Lebens ist unverhofft umgeschrieben worden. Ich stehe auf der Trennlinie zwischen Soziologie und Biologie: die chemische Kette der DNS, die einem manchmal wie ein schönes Schmuckstück um den Hals liegt – unser Geburtsrecht, unsere Herkunft –, bisweilen aber auch wie ein Würgehalsband.
Oft habe ich den Unterschied gespürt zwischen dem Menschen, als der ich ankam, und dem, zu dem ich geworden bin; Schicht um Schicht hat sich auf mich gelegt, bis ich mich wie mit schlechtem Lack überzogen fühlte, wie die billige Vertäfelung vorstädtischer Hobbykeller.
Als Kind war ich gefesselt von der World Book Encyclopedia, von den Folienschaubildern darin, mit denen man einen Menschen aufbauen konnte, indem man zuerst das Skelett ausfaltete, dann die Adern darauf, die Muskeln, Schicht um Schicht, bis alles zusammenpasste.
Einunddreißig Jahre lang habe ich gewusst, dass ich von woanders kam, als jemand anders angefangen hatte. Es gab Momente, da ich es als Erleichterung empfand, nicht von meinen Eltern abzustammen, von ihren biologischen Vorgaben frei zu sein; dem folgte ein ungeheures Gefühl des Andersseins, der Schmerz des Alleinseins.
»Wer weiß es noch?«
»Wir haben es Jon erzählt«, sagt mein Vater. Jon, mein älterer Bruder, ihr Sohn.
»Warum habt ihr es ihm erzählt? Das stand euch nicht zu.«
»Großmutter erzählen wir nichts davon«, sagt meine Mutter.
Es ist die erste Sache von Bedeutung, die sie ihr verschweigen – sie ist zu alt und verwirrt, ihnen beistehen zu können. Sie könnte die Nachricht im Kopf durcheinanderbringen, mit anderen Informationen vermischen, zu etwas ganz anderem konstruieren.
»Überleg doch mal, wie ich mich fühle«, sagt meine Mutter. »Ich kann es nicht mal meiner eigenen Mutter erzählen. Ich kann mir keinen Trost von ihr holen. Das ist doch schrecklich.«
Meine Mutter und ich sitzen schweigend nebeneinander.
»Hätten wir es dir nicht erzählen sollen?«, fragt sie.
»Nein«, sage ich resigniert. »Ihr musstet es mir erzählen. Ihr hattet keine Wahl. Es ist mein Leben, ich muss damit klarkommen.«
»Mr. Frosh sagt, du kannst ihn jederzeit anrufen«, wiederholt sie.
»Wo wohnt sie?«
»New Jersey.«
In meinen Träumen ist meine leibliche Mutter eine Göttin, die Königin aller Königinnen, Generaldirektorin, Vorstandsvorsitzende und Geschäftsführerin. Schön wie ein Filmstar, unglaublich kompetent, kriegt alles und jeden in den Griff. Sie hat sich ein glanzvolles Leben als Weltherrscherin aufgebaut, in dem nur eine Kleinigkeit fehlt – ich.
Ich sage Gute Nacht und lasse mich in den Strudel der Geschichte treiben, in meinen Ursprungsmythos.
Als meine Adoptiveltern heirateten, war mein Vater schon vierzig. Meine Mutter, acht Jahre jünger, hatte einen Sohn aus erster Ehe, Bruce, der von Geburt an unter einem schweren Nierenschaden litt. Er wurde neun Jahre alt und starb sechs Monate vor meiner Geburt. Gemeinsam bekamen meine Eltern einen Sohn, Jon – während seiner Geburt erlitt meine Mutter einen Gebärmutterriss, beinahe wären sie und Jon dabei gestorben. Ihre Gebärmutter wurde in einer Notoperation entfernt, und sie konnte keine weiteren Kinder bekommen.
»Es war reines Glück, dass wir das überlebt haben«, sagte sie. »Wir hatten immer mehrere haben wollen. Drei Kinder. Wir wollten so gern ein Mädchen.«
Als ich klein war und häufig fragte, wo ich herkam, erzählte meine Mutter mir immer, die Jewish Social Service Agency habe mich vermittelt. Als Teenager fragte mich mein Therapeut des Öfteren: »Findest du das nicht eigenartig, dass so eine Agentur ein Baby an eine Familie vermittelt, in der erst sechs Monate zuvor ein Kind gestorben ist – an eine Familie in Trauer?« Ich zuckte nur die Achseln. Es schien mir gleichzeitig eine gute und eine richtig schlechte Idee. Ich hatte immer das Gefühl, meine Aufgabe innerhalb der Familie war Heilung, ich sollte alles wiedergutmachen – einen toten Jungen ersetzen. Ich wuchs in Schmerz getränkt auf. Vom ersten Tag an war ich auf mikrobiologischer Ebene ständig in Trauer.
Es gibt Legenden, es gibt Mythen, es gibt Fakten, und es gibt Fragen, die unbeantwortet bleiben.
Wenn meine Eltern noch mehr Kinder wollten, warum bauten sie sich dann ein Haus mit nur drei Schlafzimmern – wer hätte sich eins teilen sollen? Ich nahm an, sie wussten, dass Bruce sterben würde. Sie wollten vielleicht drei Kinder, aber sie planten mit zweien.
Als ich meine Mutter fragte, warum eine Agentur ihnen so kurz nach dem Tod eines Kindes ein Baby vermitteln sollte, sagte sie nichts. Und dann, mit zwanzig, an einem kalten Winternachmittag, quetschte ich noch ein paar weitere Informationen und Einzelheiten aus ihr heraus. Das tat ich immer in ihren schwachen Momenten, zu besonderen Gelegenheiten wie Bruces Geburtstag oder Todestag oder an meinem Geburtstag – wenn sie verletzlich wirkte, wenn ich einen Riss in ihrer Schutzschicht spürte. Wo kam ich her? Nicht von einer Agentur, sondern über einen Anwalt: Es war eine privat vermittelte Adoption.
»Wir haben uns bei Agenturen auf die Liste setzen lassen, aber es wurden keine Babys angeboten. Man sagte uns, das Beste sei, herumzufragen, Leute wissen zu lassen, dass wir ein Baby zum Adoptieren suchen.«
Jedes Identitätserdbeben, jede architektonische Verschiebung des wackligen Gerüstes, das ich mir gebaut hatte, warf mich über den Haufen. Wie viel wurde mir immer noch vorenthalten, wie viel war in Vergessenheit geraten oder unmerklich aus dem Gedächtnis erodiert, ganz natürlich von der Zeit revidiert?
Ich fragte noch einmal. »Wo bin ich hergekommen?«
»Wir haben allen Leuten erzählt, dass wir ein Baby suchen, und dann haben wir eines Tages von einem Kind gehört, das geboren werden sollte, und das warst du.«
»Und wie habt ihr von mir gehört?«
»Durch eine Freundin. Erinnerst du dich an meine Freundin Lorraine?« Sie nannte den Namen einer Frau, die ich einmal vor langer Zeit gesehen hatte. Lorraine kannte ein anderes Paar, das ebenfalls adoptieren wollte, aber dann hatte sich herausgestellt, dass sie die Mutter über irgendwelche Umwege kannten – das wurde mir als Erklärung präsentiert, als würde alles null und nichtig, wenn man die Mutter kannte, nicht etwa, weil mit der Mutter irgendwas nicht stimmte, sondern weil man sie nicht kennen durfte.
Als ich erwachsen war, fragte ich meine Mutter, ob sie nicht Lorraine anrufen und bitten könnte, die Leute zu kontaktieren, die meine Mutter über Umwege kannten, und sie zu fragen, wer sie war. Meine Mutter lehnte ab. Sie sagte, was wenn das Paar nun Kinder hätte, die nicht wissen, dass sie adoptiert sind?
Was hat das denn mit mir zu tun? Und wie unglaublich gestört, seinen Kindern nicht zu erzählen, dass sie adoptiert sind.
Schließlich rief meine Mutter Lorraine doch an – und die sagte: »Lass es bleiben.« Sie behauptete, nichts zu wissen. Wen wollte sie schützen? Was hatte sie zu verbergen?
Meine Mutter hatte irgendeine Erinnerung an Grundbesitz, irgendwas mit einem Namen, aber sie wusste nicht mehr genug. Warum konnte sie sich nicht erinnern? So was würde man doch nicht vergessen.
»Ich wollte mich nicht erinnern. Ich wollte nichts wissen. Ich hatte das Gefühl, ich müsste dich schützen. Je weniger ich wusste, desto besser. Ich hatte Angst, sie würde kommen und dich zurückhaben wollen.«
»Also gut, noch mal zurück zum Anfang – ihr habt gehört, dass ein Kind geboren werden sollte, und was dann?«
»Dann hat Großvaters Rechtsanwalt Kontakt mit ihr aufgenommen, sie haben sich getroffen, er hat uns angerufen und gesagt, sie ist wunderbar, sie ist gesund, abgesehen von ein paar Zahnproblemen – ich glaube, sie hatte keine gute zahnärztliche Versorgung gehabt. Wir haben dann ein Postfach eingerichtet, über das ein paar Briefe ausgetauscht wurden, und dann haben wir gewartet, dass du geboren wirst.«
»Und was stand in den Briefen?«
»Ich weiß nicht mehr.« Jede Äußerung wird mit »Ich weiß nicht mehr« eingeleitet.
Ich beuge mich vor, und der sanfte Druck lockt noch ein paar Informationen hervor. »Bloß ein paar grundlegende Fakten über ihre Herkunft, ihre Gesundheit, über den Fortgang der Schwangerschaft. Sie war jung und unverheiratet. Ich glaube, der Vater war verheiratet. Sie war jüdisch; er womöglich katholisch, glaube ich. Sie war sehr besorgt um dich, sie wollte nur das Beste für dich und wusste, sie selbst würde nicht für dich sorgen können. Sie wollte, dass du ein ganz besonderes Zuhause bekommst – ein jüdisches Zuhause. Es war ihr wichtig, dass du zu einer Familie kamst, die dich lieben würde. Sie wollte, dass du alle Chancen der Welt bekamst. Ich glaube, sie lebte im Norden von Virginia.«
»Was ist mit den Briefen passiert?« Ich stelle mir einen wohlgehüteten kleinen Stapel zarter Briefumschläge vor, mit Schmuckband zusammengehalten, irgendwo weit hinten in einer Kommodenschublade meiner Mutter vergraben.
Sie hält inne, schaut hoch und zur Seite, als müsse sie ihr Gedächtnis erforschen. »Ich glaube, es kam sogar noch ein Brief nach deiner Geburt.«
»Wo sind die Briefe?«
»Ich glaube, sie sind vernichtet worden«, sagt meine Mutter.
»Ist euch nicht in den Sinn gekommen, dass ich sie vielleicht haben will, dass sie alles sind, was ich je von ihr hätte?«
»Man hatte uns gesagt, wir sollten sehr vorsichtig sein. Ich habe nichts aufgehoben. Keine Beweise, keine Erinnerungsstücke.«
»Wer hat das gesagt?«
»Der Anwalt.«
Ich glaubte ihr nicht. Es war ihre Entscheidung. Meine Mutter wollte nicht, dass ich adoptiert war. Ich sollte ganz ihr gehören. Sie hatte vor allem Angst, das diesen Umstand infrage stellen konnte.
»Und was dann?«
»Dann haben wir gewartet. Und am 18. Dezember 1961 kam ein Anruf vom Anwalt: ›Ihr Päckchen ist angekommen, es hat eine rosa Schleife, zehn Finger und zehn Zehen.‹ Wir riefen unsern Kinderarzt Dr. Ross an, der fuhr ins Krankenhaus und nahm dich in Augenschein. Dann rief er uns an und sagte: ›Sie ist vollkommen.‹«
»Was weiter?«
»Drei Tage später sind wir hin und haben dich abgeholt.«
Ich traf meine Eltern zum ersten Mal in einem Auto, das um die nächste Ecke vom Krankenhaus parkte. Sie saßen im Schneesturm in einem geparkten Auto mitten in Washington und warteten, dass ich ihnen gebracht wurde. Sie hatten Kleider gekauft, um sie mir anzuziehen, mich zu verkleiden, mich zu ihrem Kind zu machen. Eine Freundin übernahm das getarnte Abholen und Überbringen und hatte sich dafür extra alte, schäbige Sachen angezogen – ihre Kleidung sollte keinerlei Aufmerksamkeit erregen oder Informationen preisgeben. Ein weiteres Detail, das ich erst mit Mitte zwanzig erfahren habe. Meine Eltern saßen also besorgt im Auto, während die Nachbarin ins Krankenhaus ging, um mich zu holen. Es war eine geheime Mission und konnte auch schiefgehen. Sie – die Mutter – konnte es sich anders überlegen. Sie saßen also und warteten, und dann kam die Nachbarin durchs Schneetreiben, mit einem Bündel im Arm. Sie überreichte mich meiner Mutter, meine Eltern brachten mich nach Hause – Mission erfüllt.
Ich habe bloß die Amateurfilmversion im Kopf. Ein großes, altmodisches Auto, Jahrgang 1961. Die Innenstadt von Washington. Schnee. Nervosität. Aufregung.
Es wird erzählt, mein Bruder Jon sei so stolz und begeistert gewesen wegen des neuen Babys, das ins Haus kommen sollte, dass er sich mit einem Schild in die Auffahrt stellte, das er zusammen mit meiner Großmutter gemalt hatte – »Willkommen daheim, kleine Schwester«. Meine Ankunft wurde immer wie ein magischer Moment beschrieben, als hätte eine gute Fee den Zauberstab geschwungen und das Haus für geheilt erklärt, mich wie ein Glückssymbol, einen Talisman abgelegt, der alles gut werden lassen, einen Vater und eine Mutter aus ihrer Trauer reißen sollte.
Ich wurde den Flur entlanggetragen und im Schlafzimmer meiner Eltern aufs große Bett gelegt. Nachbarn, Tanten und Onkel, alle kamen mich anschauen: ein Hauptgewinn – das schönste Baby, das sie je gesehen hatten. Mein Haar war dicht und schwarz und stand hoch wie eine Rakete, meine Augen waren strahlend blau. »Und deine Wangen waren so rund und rosig – wir haben dich richtig verschlungen. Du warst vollkommen.«
Man beachte die unterschiedliche Vorfreude: Bei einem nicht adoptierten Kind wären die Familienmitglieder ins Krankenhaus gekommen. Sie hätten mich mit meiner Mutter gesehen, oder im Babyzimmer der Kinderstation, wo sie mich im Stubenwagen wie bei einer polizeilichen Gegenüberstellung hätten identifizieren müssen.
Hier aber fängt alles mit einem Anruf an: »Ihr Päckchen ist angekommen, es hat eine rosa Schleife.« Der vertrauenswürdige Kinderarzt wird zum Krankenhaus geschickt, um die Ware zu begutachten – wie im Film, wo der Drogenhändler den Stoff testet, bevor er die Geldbündel übergibt. Der ganze Ablauf der Geschichte hat unvermeidlich etwas Schäbiges. Ich wurde adoptiert, erworben, bestellt und abgeholt wie eine Torte aus der Bäckerei.
Als ich zwanzig wurde, gestand meine Mutter, dass die »Freundin«, die mich abgeholt hatte, unsere Nachbarin war. Ich konnte es nicht fassen, dass ich all die Jahre Tür an Tür mit einer Frau gelebt hatte, die meine Mutter gesehen hatte, die ihr tatsächlich von Angesicht zu Angesicht gegenübergestanden hatte.
Ich rief die Nachbarin an. »Also«, sagte ich, »du hast meine Mutter gesehen?« Die Nachbarin war vorsichtig. »Ich hoffe, du willst in der Sache nichts unternehmen«, sagte sie. »Ich hoffe, du willst es nicht weiter verfolgen.« Diese Reaktion verblüffte mich. Wovor hatte sie Angst? Dass ich meine Familie oder die der Frau zerstören, dass ich Amok laufen könnte? Was war denn mit mir, mit meinem Leben, der tief greifenden Verwirrung, die bisher meine Existenz ausgemacht hatte?
»Wie sah sie aus?«
»Sie war schön. Sie trug ein Tweedkostüm, und ich konnte gar nicht glauben, dass sie gerade ein Kind bekommen hatte. Sie sah kein bisschen schwanger aus. Sie war sehr dünn. Und trug das Haar zu einem Knoten hochgesteckt.«
Ich stellte mir Audrey Hepburn vor.
»Sah sie mir ähnlich?«
Ich weiß nicht mehr, was die Nachbarin sagte. Eine plötzliche Taubheit befiel mich, wie es in bedeutsamen Augenblicken oft geschieht.
»Ich trug schäbige Sachen«, erzählte mir die Nachbarin. »Ich hatte mich verkleidet. Ich wollte nicht, dass sie irgendwas wusste. Und sie wollte auch auf keinen Fall, dass irgendwer erfuhr, wer sie war.«
Eine enorme Heimlichtuerei umgab den ganzen Vorgang, überall Subtexte und Versteckspiel. Unter der Geheimhaltung verbarg sich auch ein Anteil Scham, den niemand je erwähnte.
»›Sollten wir uns je begegnen, dann kennen Sie mich nicht‹, hat die Frau gesagt. Das hieß, wenn ich sie je in der Stadt oder auf einer Party traf, dann sollte ich so tun, als wäre ich ihr nie begegnet«, erklärte die Nachbarin.
»Und hast du sie je wiedergesehen?«
»Nein, nie wieder.«
»Sollten wir uns je begegnen, dann kennen Sie mich nicht.« Die einzige Dialogzeile, das einzige wörtliche Zitat.
Am nächsten Morgen kommt meine Mutter mit einem Zettel in mein Zimmer; sie setzt sich auf die Bettkante und fragt erneut: »Willst du den Namen wissen?«
Ich antworte nicht. Auch wenn ich es wissen will, ich kann es nicht sagen – es kommt mir wie Verrat vor.
»Sie hat denselben Vornamen wie eine Freundin von dir«, sagt sie, als wollte sie ihn aufwärmen, entgiften, genießbarer machen. »Ich glaube, sie hat noch einen Bruder, der hier in der Gegend Rechtsanwalt ist – Frosh kannte den Namen.«
»Leg ihn einfach auf den Schreibtisch«, sage ich. Sie heißt Ellen. Ellen Ballman. Klingt wie ein falscher Name. Ball-Man. Wie ist sie? Was macht sie? Ist sie intelligent?
Ich habe mal eine adoptierte Frau getroffen, deren Mutter nach ihr gesucht und sie gefunden hatte. Diese leibliche Mutter war Fotografin und reiste viel herum. Sie war freundlich, warmherzig, respektvoll. Sie sagte: »Du sollst nur wissen: Wenn du mich brauchst, bin ich da.«
Ellen hat einen Bruder, der in dieser Gegend lebt, hatte meine Mutter gesagt. Ich finde seine Adresse heraus. Ich fahre durch die Gegend. Ich probiere das Konzept einer biologischen Familie an. Sein Haus liegt an meiner üblichen Strecke. Ich habe mir angewöhnt, zum Nachdenken Auto zu fahren, so wie andere Leute laufen gehen. Ich habe meine üblichen Routen, an verschiedenen Wahrzeichen vorbei. Diese Straße bin ich jahrelang hin und her gefahren, ganz auf die sanft gewellten Hügel und die langen Auffahrten konzentriert – wie eigenartig, dass ich zum Haus meines Onkels bloß einmal links abbiegen muss.
Weiße Klinker, viele Autos, ein Basketballkorb an der Auffahrt – ein wunder Punkt. Als Kind wünschte ich mir am meisten einen Korb. Jedes Jahr bettelte ich hundert Mal darum – und meine völlig unsportlichen Eltern sagten jedes Mal Nein. Ein Korb würde den ästhetischen Gesamteindruck des Hauses ruinieren. Ich spielte also nebenan, oder am anderen Ende der Straße, bis unweigerlich jemand den Kopf aus dem Fenster steckte und vorschlug, ich solle doch zum Abendessen nach Hause gehen.
Ich parke vor dem Haus meines Onkels; zum ersten Mal bin ich nur wenige Meter von jemandem entfernt, der biologisch mit mir verbunden ist. Ich sitze im Auto und sehe vor mir, wie sie drinnen sitzen, der Onkel und seine Söhne, meine Cousins. Alles ist festlich geschmückt; ich kann ihren Baum durchs Fenster sehen. Ich stelle mir das Haus freudenvoll und wohlhabend vor. Ich stelle mir vor, dass sie irgendwie besser sind als ich – ich fahre weg.
Ich rufe eine Privatdetektivin an, die Bekannte einer Freundin – ebenfalls adoptiert. Ich gebe ihr die paar Informationen, die ich habe.
»Geben Sie mir ein paar Stunden«, sagt sie.
Ich bin eine Spionin, eine Jägerin auf heißer Spur. Ich habe keine Ahnung, was ich eigentlich vorhabe, ich weiß nur, ich will Informationen, etwas zum Festhalten, bevor ich weitere Schritte unternehme. Ich will keine Überraschungen mehr.
Die Detektivin ruft zurück.
»Die Frau, nach der Sie suchen, hat keinen Telefonanschluss in New Jersey angemeldet. Und sie hat auch keinen hier in der Gegend ausgestellten Führerschein. Aber sie besitzt ein Haus im Raum Washington.«
Sie gibt mir die Adresse. Ich steige wieder ins Auto. Es ist nicht weit, ganz in der Nähe. Hat sie wirklich so dicht bei uns gewohnt? Die ganze Zeit? Habe ich sie vielleicht schon irgendwo gesehen, ohne es zu wissen – im Einkaufszentrum, im Restaurant? Ich umkreise das Haus. Es sieht leer aus. Ich parke das Auto, klopfe an die Tür eines Nachbarn – stelle Fragen, rede mit Fremden. Was aber sind Fremde? Wer ist fremd? Die Frau hier könnte gut meine Mutter sein.
»Wissen Sie etwas über die Leute aus dem Nachbarhaus? Sind sie umgezogen? Irgendeine Ahnung, wohin?« Sackgasse.
Ich gehe in die Bibliothek meiner Kindheit, wo ich an Buchbeschreibungen und naturwissenschaftlichen Projekten gearbeitet habe. Ich schlage Sachen nach. Ständig schlage ich Sachen nach. Ich hole mir eine Karte der Stadt in New Jersey, wo sie lebt, und suche nach ihrer Straße. Ich blättere Telefonbücher durch, rufe die Auskunft an. Nichts. Warum ist sie nicht gemeldet? Lebt sie mit jemandem zusammen? Oder unter anderem Namen? Ist sie eine Lügnerin? Eine Gesetzlose?
Ich rufe Anwalt Frosh an. »Einen Brief. Ich hätte gern einen Brief«, sage ich. »Ich möchte Informationen – wo sie aufgewachsen ist, welche Bildung sie genossen hat, wovon sie lebt, etwas über die Krankheitsgeschichte ihrer Familie und über die Umstände meiner Adoption.«
Ich bitte um meine Lebensgeschichte. Meine Nachfrage klingt drängend; ich habe das Gefühl, ich muss mich beeilen und nach allem fragen, was ich wissen will. So plötzlich, wie sie aufgetaucht ist, könnte sie auch wieder verschwinden.
Kaum habe ich aufgelegt, fange ich schon an, auf den Brief zu warten.
Zehn Tage später kommt ihr Brief, ganz ohne Fanfaren. Der Briefträger kommt nicht die Straße entlanggerannt und schreit: »Sie ist da! Sie ist da! Ihre Identität ist eingetroffen!« Der Brief steckt in einem Umschlag aus der Anwaltskanzlei, darin eine handgekritzelte Notiz vom Anwalt, in der er sich entschuldigt, mir den Brief nicht eher weitergeleitet zu haben. Es ist offensichtlich, dass der Brief geöffnet und wahrscheinlich gelesen wurde. Warum? Gibt es keine Privatsphäre? Ich bin verärgert, sage aber nichts. Ich glaube, nicht das Recht zu haben. Das ist eine der pathologischen Komplikationen einer Adoption – Adoptierte haben eigentlich keine Rechte, ihr Leben dreht sich darum, Geheimnisse zu bewahren, die Bedürfnisse und Wünsche anderer zu erfüllen.
Der Brief ist auf ihrem eigenen Briefpapier getippt, einfache, kleine graue Blätter, ihr Name oben eingeprägt. Die Sprache klingt nicht besonders wohlgesetzt, sondern eigenartig formell und hat grammatikalische Fehler. Ich lese den Brief gleichzeitig langsam und schnell, will alles aufnehmen und kann es doch nicht. Ich lese ihn einmal und noch einmal. Was will sie mir sagen?
… zu der Zeit, als ich dieses kleine Mädchen in mir trug, gehörte es sich für ein junges Mädchen nicht, ein uneheliches Kind zu bekommen. Wahrscheinlich war dies die schwierigste Entscheidung meines Lebens. Ich war zweiundzwanzig und sehr naiv. Ich bin sehr behütet aufgewachsen und von meiner Mutter sehr streng erzogen worden.
Ich erinnere mich, wie ich mit dem Mädchen im Krankenhaus war und sie anzog, an dem Tag, als wir beide das Krankenhaus verließen. Nie habe ich die wunderschönen schwarzen Haare, die blauen Augen und die kleinen Grübchen in ihrem Gesicht vergessen. Als ich mit der Dame, die das Baby abholte, aus dem Krankenhaus ging, sehe ich mich noch im Taxi und sie, wie sie mich bittet, ihr das Baby zu geben. Ich wollte ihr das Kind nicht geben, doch mir war klar, dass mir die nötigen monitären Mittel fehlten, sie selbst zu versorgen. Ja, ich habe dieses kleine Mädchen immer geliebt, und seit dem Tag ihrer Geburt quält es mich jeden Dezember meines Lebens, dass ich sie nicht bei mir haben konnte.
Sie schreibt, dass sie beim Anschauen von Fernsehsendungen wie Oprah oder Maury den Mut und das Selbstvertrauen gefasst hat, sich zu melden. Sie listet auf, wo sie geboren wurde, in welcher Straße sie als Kind gewohnt hat, wie sie aufgewachsen ist. Sie verrät die Namen ihrer Eltern und wann sie gestorben sind. Sie berichtet, wie groß sie ist und wie viel sie wiegt.
Sie schreibt davon, niemals vergessen zu haben.
Jeder Schnipsel Information treibt durch mich hindurch, schlägt Wurzeln, gräbt sich ein. Es gibt keinen Filter, keinen Abwehrschirm. Ich kann mich nicht davor schützen.
Sie schließt ihren Brief mit den Worten: »Ich habe nie geheiratet, ich habe mich immer schuldig gefühlt, dass ich dieses kleine Mädchen weggegeben habe.«
Dieses kleine Mädchen bin ich.
Ich rufe den Anwalt an und bitte um einen weiteren Brief mit noch mehr Informationen, einer Krankengeschichte, einer detaillierten Beschreibung der Ereignisse, einer Zusammenfassung dessen, was sie seither getan hat, und einem Foto von ihr.
Am nächsten Tag rufe ich panisch erneut beim Anwalt an. »Ach«, sage ich. »Ach, ich habe noch was vergessen. Könnten Sie nachfragen, wer der Vater ist?« Nicht mein Vater, sondern der Vater.
»Okay«, sagt er. »In Ordnung. Ich setze es auf die Liste.«
Innerhalb weniger Tage trifft der zweite Brief ein, auch dieser bereits geöffnet.
