Die Tochter des Gewürzhändlers - Pia Rosenberger - E-Book

Die Tochter des Gewürzhändlers E-Book

Pia Rosenberger

4,3

Beschreibung

Wenn Liebe Standesgrenzen überwindet - ein facettenreicher historischer Roman, atmospärisch dicht und wunderbar üppig. Württemberg 1514 : Die Bauern erheben sich gegen den tyrannischen Herzog Ulrich. Als die junge Esslingerin Tessa Berthier die Leiche ihres Jugendfreunds Ludwig findet und plötzlich seinem Mörder gegenübersteht, ahnt sie nicht, dass diese Begegnung ihr Leben für immer verändern wird. Im letzten Moment gelingt ihr gemeinsam mit dem geheimnisvollen Corentin Wagner die Flucht ins Remstal, mitten hinein in die Wirren des gerade entfachten Aufstands des "Armen Konrad". Doch auch Corentin umgibt ein düsteres Rätsel...

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Pia Rosenberger wurde in Georgsmarienhütte bei Osnabrück geboren und hat nach einer Ausbildung als Handweberin in Stuttgart Kunstgeschichte, Pädagogik und Literaturwissenschaft studiert. Seit zwanzig Jahren lebt sie mit ihrer Familie im mittelalterlich geprägten Esslingen und arbeitet neben ihrer schriftstellerischen Tätigkeit als Journalistin, Museumspädagogin und Stadtführerin.

Dieses Buch ist ein Roman. Handlungen und Personen sind frei erfunden. Ähnlichkeiten mit lebenden oder toten Personen sind nicht gewollt und rein zufällig.

© 2017 Emons Verlag GmbH

Alle Rechte vorbehalten

Umschlagmotiv: Montage aus picture alliance/Artcolor; privat

Umschlaggestaltung: Nina Schäfer

Lektorat: Susann Säuberlich, Neubiberg

eBook-Erstellung: CPI books GmbH, Leck

ISBN 978-3-96041-289-2

Historischer Roman

Originalausgabe

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www.emons-verlag.de

Dieser Roman wurde vermittelt durch die Literaturagentur Thomas Schlück GmbH, Garbsen.

Frei zu sein bedeutet nicht nur, seine eigenen Fesseln zu lösen, sondern ein Leben zu führen, das auch die Freiheit anderer respektiert und fördert.

Nelson Mandela

1

Ein Sturm zog auf. Theophila stand auf der Anhöhe über dem Neckartal und hob ihre Augen zum Himmel. Weit oben segelte ein Falke im warmen Wind. Ihre Zehen krallten sich in die grasbewachsene Erde, und ihre Hand legte sich schützend auf Leontines Lockenkopf. Das Kind saß im Tuch auf ihrer Hüfte, blickte sich um und saugte an seinen Fingern.

In Richtung Norden lief das Land in den Hängen des Schurwalds aus. Nach Westen, gen Stuttgart hin, lichtete sich der Wald für ein fruchtbares Tal voller Obst- und Weingärten. Weit im Osten und Süden versperrte die Schwäbische Alb den Horizont wie eine im Dunst liegende Mauer. Noch war der Himmel über dem Höhenzug so blau wie Kinderaugen.

Doch über der Residenzstadt ballten sich Gewitterwolken, in deren Grau und Violett die Sonne weißgelbe Risse brannte. Licht leckte daraus hervor wie aus einem kaputten Eimer.

Noch lauerte der Sturm mit seiner Fracht aus Blitzen, Hagel und Regen über Stuttgart allein.

Bald ist er da, dachte Theophila, und dann gnade uns Gott. Aber vielleicht gab es ja Aussichten, dass er die Reichsstadt umschiffte und die Blüte der Apfelbäume verschonte. Sie wusste, wie man das Wetter besang. Das Geheimnis war, ein Teil des Ganzen zu werden.

Theophila suchte festen Halt auf dem kühlen Boden und verband sich mit den Elementen Luft, Erde, Feuer und Wasser, wie ihre Großmutter es sie gelehrt hatte. Sie hob die Arme und begann, Beschwörungen zu murmeln, bis sie den Atem der Kraft in ihrem Pulsschlag singen hörte. Weit im Westen zackte sich ein Blitz ins Grau. Wetterhexe. Es war so leicht, die Dinge zu verändern. Der Donner tobte sich in der Ferne aus.

Theophila lachte auf, doch da durchnässte sie wie zum Hohn ein Schwall Regen aus einer rabenschwarzen Wolke direkt über ihr. Einen Wimpernschlag später traf sie die Vision und brachte sie zum Taumeln. Leontine in ihrem Tragetuch weinte ängstlich und stemmte ihr die kleinen Füße protestierend in die Seite. Theophilas Hände zitterten, als sie das Kind aus dem Tuch holte, sein Röckchen hob und es über der Grasnarbe abhielt, bis sein Bächlein floss.

Durchdrungen von der Kraft des zweiten Gesichts steckte sie ihre Tochter zurück ins Tuch und machte sich auf den Heimweg. Das hier war ungleich stärker gewesen als die Bilder, die erschienen, wenn sie in ihrem Suppenkessel rührte oder im Feuer stocherte, aus dem Traumfunken aufstoben. Die Vision ließ keinen Zweifel zu. Der Sturm hinter dem Sturm würde ihrer aller Leben umwerfen und durcheinanderwirbeln wie der Wind die Herbstblätter.

Es regnete sich ein, sanft zuerst, dann stärker. Unter dem Baldachin des frühlingsgrünen Waldes wanderte sie bergab, bis sie die tiefe Klinge erreichte, in der das Esslinger Filialdorf Wäldenbronn lag. Die Vögel schmetterten Hymnen in den Regen. Es tropfte von den Blättern, bis sie beide vollkommen durchnässt waren.

Leontine protestierte mit lautem Geschrei gegen das unfreiwillige Bad, doch Theophila begrüßte die Kühle des Regens als willkommene Ablenkung gegen die dunkle Last ihrer Gedanken.

Erleichtert erreichte sie den drei Morgen großen Obstgarten mit Weinberg im Quellental, den sie von ihrer Mutter und Großmutter geerbt hatte. Sie betrat ihr kleines Steinhaus, setzte die noch immer schluchzende Leontine aufs Bett, zog ihr das Hemd über den Kopf und rubbelte sie mit einem Leintuch trocken, bis sie vor Wohlbehagen jauchzte.

Auf dem blank gescheuerten Holztisch standen ein frisch gebackenes Brot, ein Laib Käse und ein Stich Butter für ihre nächste Mahlzeit bereit. Duftende Kräutersträuße hingen von der Decke. Ihnen beiden fehlte es an nichts.

Theophila konnte für ihr Kind sorgen, selbst wenn sie nicht über das uralte Wissen verfügt hätte, in dessen Licht die andere Wirklichkeit aufschien. Meist baten sie die Frauen um Rat, wenn sie in Kindsnöten lagen oder einen Liebeszauber brauchten, der ihren launischen Geliebten an sie band. Manche schlichen sich auch nachts zu ihr und fragten sie, was man gegen eine unerwünscht empfangene Leibesfrucht tun konnte.

Wann immer sie es verantworten konnte, half Theophila. Nur Schadenszauber wob sie keine, denn sie wusste, dass so mancher Fluch auf seine Erzeugerin mit siebenfacher Kraft zurückschlug. Doch wenn sie an den Markttagen in die Stadt ging, um ihr Zwetschgengsälz und ihre getrockneten Kräuter zu verkaufen, kreuzten selbst die Bedürftigsten unter ihren Mitmenschen die Finger gegen den bösen Blick. Sie konnte es ihnen nicht verübeln, trug sie doch wie ihre Vorfahrinnen die Merkmale dessen, was sie war, an sich wie ein Brandzeichen. Die Augen eins blau, eins braun und die weiße Strähne im schwarzen Haar.

Wetterhexe, Todesbotin, dachte sie bitter.

Die Leute fürchteten sie zu Recht, denn sie sah ihr zukünftiges Schicksal voraus, auch wenn sie es ihnen nicht verriet.

Leontine schien diese schwere Last nicht geerbt zu haben. Fast täglich prüfte Theophila, ob ihr Äußeres sich wandelte, doch ihre Augen blieben braun, und ihre Haare waren ein dichtes Lockengeriesel ohne jede Beimischung von Weiß.

Nachdenklich strich sie der Kleinen über den Kopf, die besitzergreifend krähte und ihre Arme nach ihr ausstreckte.

»Schon gut.« Sie knöpfte ihr Mieder auf, hob ihre rechte Brust heraus und zog Leontine zu sich heran. Ein scharfer Schmerz erfasste sie, als sich die Kiefer mit den vier Zähnchen um ihre Brustwarze schlossen, dann aber genoss sie die Nähe so wie ihre Tochter, die nach dem Stillen zufrieden einschlief.

Sachte legte Theophila das Kind auf ihr gemeinsames Lager und deckte es mit einer Decke zu, die sie selbst mit Entendaunen gefüttert hatte. Danach trat sie in ihren schlammigen Hof hinaus. Was sie tun musste, war nicht aufzuschieben.

Regenschleier lagen über dem Garten. Auf der Wiese streckten die letzten Himmelsschlüsselchen unter den knospenden Apfelbäumen tapfer ihre Blütendolden in den Wind. Vom Holderbusch tropfte es auf den Boden.

Gelassen griff Theophila nach einem ihrer sauberen weißen Hühner. Seine Federn stachen in ihre Handfläche, als sie ihre Hände um seine Beine schloss. Sie legte das Huhn, das in einem letzten Protest gackernd mit den Flügeln flatterte, auf den Hackklotz und schlug ihm mit der Axt den Kopf ab. Fein säuberlich trennte sie dann mit ihrer Atame seinen Leib auf und betrachtete sein Inneres, das Herz, das zu schlagen aufhörte, den Magen, die Schlangen der Gedärme. Durch das heiße Blut kam die Vision auf der Stelle zurück. Fast hätte sie sich das Huhn sparen können.

Da war er, der Sturm, dessen Himmelsgewalt sie in ihrem Innern gespürt hatte wie den Jüngsten Tag. So weit weg und doch so nah. Sie keuchte auf und schreckte zurück, denn was sie sah, übertraf ihre schlimmsten Erwartungen. Veränderungen kamen auf sie zu, die sie und Leontine und viele andere Bauern in Esslingen und Württemberg betreffen würden, als hätten sie in den letzten Jahren nicht schon genug unter Missernten und Teuerung gelitten. Menschen würden von der Freiheit träumen, auf Gerechtigkeit hoffen und sich um ihre Hoffnungen betrogen sehen. Blut und Feuer würden das Land überziehen. Viele würden durch Willkür, Gier und Gewalt sterben.

Sie keuchte auf, als sie sah, dass auch Leontines Vater, dieser Mistkerl, der sie im Stich gelassen hatte, dem Unheil nicht entgehen konnte. Ihre Tränen tropften auf das kopflose Huhn und vermischten sich mit seinem Blut und dem prasselnden Regen.

»Theophila?«

Sie fuhr herum, die Hände bis zu den Unterarmen nass und rot, und schaute in die hellen Augen von Tessa Berthier, die hinter ihr stand und sie stirnrunzelnd betrachtete.

»Du weinst doch nicht etwa?«

Sie putzte sich über ihre geschwollene Nase. »Ach, Unsinn! Es regnet.«

Das junge Mädchen starrte nachdenklich auf den Hackklotz, von dem Blut und Wasser auf den Boden tropften. »Und was machst du da?«

»Dumme Frage. Ich schlachte ein Huhn fürs Abendessen.« Sie musste ihr die Wahrheit ja nicht auf die Nase binden.

»Am schnöden Werktag?« Tessa zog zweifelnd ihre Augenbrauen zusammen. Theophilas Hühner waren eigentlich zu kostbar, um sie zum Abendessen zu vertilgen, was sie sehr wohl wusste.

»Warum nicht? Es gibt eine ausgezeichnete Suppe gegen Leontines Husten.« Trotzig packte Theophila das erschlaffte Huhn an den Beinen und schwang es durch die Luft, was sie beide mit einem blutigen Tropfenregen überzog. Tessa sprang zur Seite.

»Komm doch mit ins Haus. Ich habe gebuttert. Wir können Honigbrot essen, bis die Suppe fertig ist.«

In der Ferne krachte der Donner. Der Regen verstärkte sich, prasselte in einem letzten Aufbäumen in den Hof und verwandelte den Staub in Schlamm.

Theophila betrachtete Tessa genauer und wunderte sich. »Auf deinen Schultern liegt ein Lamm.«

»Ähmm, ja.« Tessa nickte leicht und legte dem Pelzkragen mit der zitternden Nase ihre Hände auf die Pfoten.

Sie war die jüngere Tochter des reichen Esslinger Gewürzhändlers und Apothekers Matthieu Berthier. Ohne sich um das Gerede der Leute zu kümmern, streifte sie vor der Stadtmauer umher und brachte Theophila die Wünsche ihrer Schwester Veronika vorbei, für die sie Kräuter aus Garten, Feld und Wald sammelte und trocknete. Die Schwestern ahnten nicht, dass sie mit ihrer Kräuterfrau verwandt waren, denn sowohl Matthieu Berthier als auch Theophila schwiegen sich über die Liebschaft aus, die sein Vater Jacob mit ihrer Großmutter geteilt hatte. Der gemeinsame Tropfen Blut bewirkte jedoch, dass sich Theophila seines Schutzes in der Stadt immer sicher sein konnte. Von ihren beiden Basen lag ihr die eigenwillige Tessa besonders am Herzen, weil sie ihr so ähnlich war. Vielleicht auch, weil Tessa die kleine Leontine liebte, die am liebsten an ihrer Hand ihre ersten Schritte ausprobierte. »Kommst du nun mit rein?«, wiederholte sie.

Vorsichtig zupfte das Mädchen seine durchnässten Ringellocken unter dem Lamm hervor. »Heute nicht. Ich bringe das Schäfchen heim. Seine Mutter ist gestorben, und ich will versuchen, ob ich es unserer Geiß unterschieben kann. Der Gebelin hat es mir mitgegeben, nachdem ich ihn inständig gebeten habe.«

Hin und wieder besuchte sie ihre alte Stute Sissi, die beim Schäfer Jerg Gebelin ihr Gnadenbrot fressen durfte. Allein durch die Gegend zu streifen war Tessa sicher verboten.

Theophila betrachtete sie stirnrunzelnd und unterdrückte den Tadel, der ihr über die Lippen wollte. Was ging es sie an, wenn Tessa daheim wieder aneckte?

»Die Gegend ist nicht sicher«, warnte sie stattdessen. »Es sind Bewaffnete unterwegs, die mal hier, mal da über die Grenzen der Esslinger Gemarkung streifen. Übles Pack. Württembergische Jagdaufseher und ihre Helfershelfer.«

In Tessas Gesicht schlich sich ein ertapptes Grinsen. »Wenn ich die sehe, hau ich schon ab. Aber vorher zeige ich ihnen einen Vogel.«

An dem furchtlosen Mädchen war der Sohn verloren gegangen, der Matthieu Berthier verwehrt geblieben war.

»Hauptsache, du kannst schnell genug rennen«, sagte Theophila skeptisch.

Tessa zuckte die Schultern und entfernte sich ein paar Schritte. »Nika braucht einige Schlüsselblumen für ihr Rezept aus der Sammlung der heiligen Hildegard von Bingen.«

Theophila nickte zerstreut und deutete auf ihre gelb getupfte Wiese. »Ich bring euch die Himmelsschlüsselchen übermorgen vorbei, wenn ich sowieso in die Stadt komme, und setze euch in der nächsten Woche einen Topf Löwenzahnsirup auf.«

Im Innern des Hauses meldete sich Leontine mit ungehaltenem Geschrei, das die zurückkehrenden Bilder der Vision überlagerte. Dunkel und bedrohlich galten diese jetzt allein Tessa.

»Geh auf geradem Wege nach Hause«, warnte Theophila sie eindringlich. »Es regnet ja auch, und du bist jetzt schon klatschnass. Lauf am besten über die Beutau, wo viele Menschen leben. Mach keine Umwege, hörst du? Auch in den nächsten Tagen nicht. Bleib am besten zu Hause.«

Tessa, die schon am baufälligen Gartentor stand, winkte und lächelte ihr entwaffnendes Lächeln. »Ich überleg’s mir.« Sie drehte sich einmal um sich selbst und wandte sich dann dem ausgewaschenen Karrenweg zu, der zurück in die Stadt führte. Das Lamm hielt sie mit ihren schmalen Händen auf ihren Schultern fest. »Es regnet«, stellte sie fest, als sei sie überrascht von sich selbst. »Ich gehe tatsächlich heim.«

Theophila seufzte erleichtert. »Ich werde den Sylphen und Wassermännern sagen, dass sie dich beschützen sollen.« Tränen traten in ihre Augen. Man konnte Menschen nicht vor ihrem Schicksal bewahren, das sie so oder so umarmen würde. Auch wenn sie es ihr gern erspart hätte, hatte sie Tessa Berthier mitten im Herzen des Sturms gesehen.

2

Im zunehmenden Regen folgte Tessa dem Karrenweg bergan, ließ den Pfleghof der Söflinger Nonnen links liegen, stapfte durch die tropfnassen Felder und Wiesen und erreichte schließlich die Talkante des Neckartals. Das nasse Lamm lag noch immer wie ein Schal um ihre Schultern. Sie strich ihm sanft über die Nase und hob dann den Blick.

Auf der anderen Seite schob sich der steile Anstieg zur Filderebene unter Regenschleiern gen Himmel. Der Blick auf die Stadt war ihr durch den Hügel versperrt, auf dem sich die Esslinger Burg erhob. Die Festung schützte die offene Flanke der Stadt nach Norden hin.

Im Westen zackte sich ein Blitz ins Wolkenmeer. Ein verspäteter Donner hallte leise nach, aber das Gewitter schien sich über der Residenzstadt Stuttgart ausgetobt zu haben und schickte ihnen nur einen kräftigen Frühlingsregen vorbei. Fast, als würde das Unwetter einen Bogen um die Reichsstadt machen. Tessa seufzte.

Die Flut würde sie wahrscheinlich in Gestalt von Nikas Standpauke ereilen, denn mit der war ihr kleiner Ausflug vor die Stadtmauer ebenso wenig abgesprochen gewesen wie der blökende Familienzuwachs. Seufzend schritt sie voran und versuchte, nicht an die Strafen zu denken, mit denen sie für solche Ausflüge bezahlte.

Wenn sie durchs Land streifte, trug Tessa die Kleidung eines Bauernburschen, eine Kniehose, Stiefel und einen wollenen Kittel. Sie fand sie viel geeigneter als ihre langen Röcke, die sich in den Pfützen sofort voll Wasser sogen.

Überhaupt haben es Jungs besser, dachte sie bitter, während sie das Beutautor durchquerte und die steile Straße zwischen den ärmlichen Häusern der Weingärtner hinabstieg. Jungs konnten sich nach Herzenslust den Wind um die Nase wehen lassen. Niemand scherte sich um das, was sie trieben. Tessa wusste selbst nicht, warum sie das Gefühl von Freiheit so sehr brauchte, das sie erfasste, wenn sie auf der Kuppe eines Hügels stand oder der sanfte Frühlingsregen vom Blätterdach des Waldes auf sie niedertropfte.

Eilig stieg sie weiter die Beutau hinab ins Tal, in dem die Stadt in Dunst und Nebel verschwand. Schon ragte der nagelneue Turm der Liebfrauenkirche neben ihr auf, dessen durchnässtes Maßwerk sich im Regen novembergrau verfärbt hatte.

»Lammbraten«, sagte eine verächtliche Stimme hinter ihr.

Alarmiert fuhr Tessa herum. Sie waren zu dritt und grinsten sie herausfordernd an, der Anführer Ludwig Landsberger pustete sich eine lockige braune Haartolle aus der Stirn. Hinter ihm standen seine dümmlichen Kumpane Ägidius Marchthaler und Marx Scheuflin. Alle drei kamen aus besten Esslinger Kaufmannsfamilien, was sich an ihrem Benehmen allerdings nicht ablesen ließ.

Marx trat auf Ludwigs Nicken hin aus der Reihe und versperrte ihr mit seiner langen Gestalt die breite Freitreppe zwischen der Kirche und dem Spitalsplatz.

Tessa schluckte vor Empörung. »Ludwig Landsberger und seine dumme Horde«, stieß sie hervor. »Lasst bloß die Finger von meinem Lamm!«

Warum musste sie ausgerechnet jetzt den übelsten Raufbolden und Prahlhansen der Stadt über den Weg laufen? Ludwig war der verhätschelte Sohn einer ratsfähigen Familie, der sein Studium in Tübingen geschmissen hatte und seither seinem Vater auf der Tasche lag. Wenn er nicht gerade mit seiner Bande Kinder erschreckte, den Mägden die Röcke hob oder die übelsten Schänken der Stadt unsicher machte.

Tessa blickte sich um. Wegen des Regens trieb sich sonst niemand auf dem Platz vor der Liebfrauenkirche herum. Auch die Steinmetze aus der Bauhütte der Beblinger hatten sich zum Arbeiten in den Innenraum zurückgezogen, aus dem ihr leises Klopfen entgegenklang. Nur die Gottesmutter, die mit dem kleinen Jesus auf dem Schoß im Relief über dem Portal thronte, schien ihr ermutigend zuzuzwinkern. Hilf dir selbst, so hilft dir Gott, hieß das sicher.

»Du …«, verächtlich musterte sie Ludwig, »… hast wirklich nur Mumpitz auf Lager.«

Er trat einen Schritt heran, setzte ihr seine flache Hand auf die Brust und schubste sie ein Stück zurück. Seine Kumpane lachten boshaft.

Tessa geriet ins Taumeln, konnte das ängstlich blökende Lamm gerade noch festhalten und vergaß vor Empörung zu atmen. Sechs Hände griffen nach ihr, rissen an den dünnen Beinen des Lamms und versuchten, es ihr von den Schultern zu ziehen. Sie konnte gar nicht gleichzeitig nach allen schlagen.

»Das braten wir noch heute.« Ägidius lachte triumphierend und griff erneut zu. Sein Wams spannte sich über seinem Bauch, als würde er sich jeden Tag eine Reihe Speckschwarten und fetter Schweinswürste gönnen.

Tessa gewann Boden unter den Füßen und sprang einen Schritt zurück. »Fasst mich nicht noch einmal an!«, zischte sie.

»Warum läufst du überhaupt in Männerkleidern rum?«, warf Ludwig unvermittelt ein. »Das ist unschicklich …« Sein prüfender Blick glitt an ihr hinab. »Als Mädchen wärst du vielleicht sogar ganz brauchbar.«

»Was geht das dich an?« Sie nutzte den Augenblick, um ihn vor die Brust zu stoßen und die Hände der beiden anderen wegzuschieben. »Du bist so faul, dass sie dich von der Tübinger Universität geworfen haben. Mädchen belästigen ist das Einzige, wozu du in der Lage bist.« Sie stemmte ihre Hände in die Hüften und keifte jetzt so laut, dass die Jungs unwillkürlich einen Schritt zurückwichen. »Ich sag deinem Vater, was du hier treibst. Der trifft sich nämlich einmal pro Woche mit meinem zum Stammtisch im ›Goldenen Adler‹.«

Ludwig wurde blass wie saure Milch. »Das tust du nicht, Petze, Verräterin.«

»Und ob ich das tun werde«, sagte sie siegesgewiss.

Ludwig kämpfte einen Moment lang mit sich und sprach dann leiser weiter, als wolle er Abbitte für sein schlechtes Benehmen leisten. »Ich habe was mit dir zu bereden.«

»Ich aber nicht mit dir.«

Tessa richtete sich auf und rannte frei wie der Wind die steile Treppe zum Spitalsplatz hinab. Sie flog fast über die Agnesbrücke bis zu ihrem Anwesen am Roßmarkt, wo sie völlig außer Atem ankam und das vor Angst erstarrte Lamm vor sich auf den Boden setzte. Unsicher staksend blieb es vor ihr stehen und schenkte ihr aus seinen großen Augen einen fragenden Blick.

Niemand in ganz Esslingen konnte so schnell laufen wie Tessa Berthier, auch Ludwig Landsberger und seine Kumpane nicht, die die Verfolgung schon an der Brücke aufgegeben hatten. Tessa lachte laut auf und machte vor Freude über ihren Sieg einen kleinen Luftsprung.

»Das Lachen wird dir schon noch vergehen. Und was willst du überhaupt mit dem Lamm?«

»Nika!«

Tessas ältere Schwester stand vor dem Tor zur Straße und starrte ihr zornig entgegen. Veronika war groß, schlank und blond. Weder der Zorn noch der Regen, der ihre feuchten Haarsträhnen in Wasserschlangen verwandelt hatte, taten ihrer Schönheit Abbruch. In Tessas schlechtes Gewissen mischte sich ein Stich bitterster Eifersucht.

»Ich habe so lange auf dich gewartet.« Nika unterdrückte ein Niesen. »Komm jetzt endlich rein, sonst holen wir beide uns noch den Tod.«

Nika musste nicht herumschreien, um ihrer Missbilligung Ausdruck zu verleihen. Die Kälte in ihrer Stimme wirkte besser als jeder Wutausbruch und ließ Tessa auf der Stelle gehorchen. Sie nahm das Lamm und betrat hinter ihrer Schwester das stattliche Anwesen, das aus einem Herrenhaus, einem frühlingsgrünen Garten und seitlich angebauten Lagern und Remisen bestand. Unwillig folgte sie Nika ins Haus und stolperte zu allem Überfluss über die Schwelle.

Die Fastenzeit war zu Ende. Im Gang roch es verlockend nach Schweinsbraten. Tessa musste unwillkürlich an Theophila und ihr kostbares Huhn denken, das an einem schnöden Werktag dran glauben musste. Bei ihnen stand jeden Tag Gesottenes und Gebratenes auf dem Tisch.

Plötzlich bibberte Tessa vor Kälte. »I… ich möchte baden.«

»Wenn wir geredet haben, gehst du auf dein Zimmer«, sagte Nika. »Ohne Abendessen. Und ohne das Lamm.«

»Veronika …« Tessa schenkte ihrer Schwester einen flehenden Blick, doch diese schüttelte starrsinnig den Kopf. »Das Lamm kann doch nun wirklich nichts dafür.« Sie stellte das winzige Ding auf dem Boden ab, wo es kläglich zu blöken begann.

Unwillkürlich beugte sich Nika hinab und strich ihm über das weiche Fell. Das kleine Maul schloss sich um ihre Finger, und es begann zu saugen. Sie betrachtete Tessa mit einem Ausdruck von Resignation, der diese plötzlich mehr störte als jeder wütende Ausbruch. »Was hätte dir vor der Mauer alles passieren können.«

Tessa spürte, wie sie flammend rot wurde. »Nichts«, beteuerte sie kleinlaut. »Ich kann schon auf mich aufpassen. Und außerdem hat es nur ein bisschen geblitzt und geregnet.« Sie hoffte, dass Ludwig klug genug war, um über seine Heldentat zu schweigen, genau wie sie selbst es tun würde.

Plötzlich spürte sie Nikas Griff am Arm wie eine eiserne Klammer. Wie immer roch diese schwach nach Lavendel und dem Salbei, den sie in ihr Mundwasser mischte. Sauber und vollkommen vom blonden Scheitel bis zu den gefeilten Zehennägeln.

Ihre Schwester holte tief Luft. »Mit deiner dauernden Aufsässigkeit bringst du unsere ganze Familie in Verruf«, sagte sie leise. »Was meinst du, denkt man über uns, wenn wir dich wie einen Jungen durch Feld und Wald streifen lassen?«

Tessa zuckte widerspenstig die Schultern. »Ist doch ganz egal, was die Leute denken.« Sie wusste, dass sie ihre Schwester damit nur weiter provozierte.

»Ich hätte dich in der Apotheke so gut gebrauchen können«, sagte Nika. »In der Stadt geht ein Frühlingskatarrh um, und die Leute haben uns fast die Tür eingerannt.«

»Ich hab nur Theophila Bescheid gesagt, dass sie dir Himmelsschlüsselchen bringen soll.« Tessa hörte selbst, wie lahm ihre Entschuldigung klang.

Nika runzelte zweifelnd die Stirn. »Theophila kennt sich aus. Vielleicht hätte sie die Primeln auch ohne Anweisung mitgebracht.«

Tessa presste die Lippen zusammen und schwieg.

Vor fünfzig Jahren hatte ihr Großvater Jacques Berthier, der als Apotheker und Fernhändler in Gent zu Geld gekommen war, die Stadtapotheke und das Anwesen der reichen Tuchhändlerfamilie Truhlieb-Appenteker übernommen, deren Nachfahren nach Florenz gezogen waren. Heute betrieb ihr Vater Matthieu Berthier das Handelshaus, das vor allem Gewürze und Luxuswaren aus Venedig importierte, sowie die gut gehende Stadtapotheke.

»Lass uns zu Vater gehen!« Nika unterdrückte ein weiteres Niesen und führte Tessa zum Empfangszimmer. Ihre nassen Haare lagen dunkel auf ihrem Kragen und hinterließen auf ihrem hellblauen Kleid ein Tropfenmuster.

Seufzend schnappte sich Tessa das Lamm und drückte es an ihr wild klopfendes Herz. Wenn Nika ihren Vater stören wollte, war sie wirklich sauer und hoffte auf eine strenge Strafe für sie.

Im Gang stand ihr roter Kater Paule, der ein rechter Gassenraufer war, und folgte ihnen mit aufgestelltem Schwanz. Bei seinem Anblick trat das Lamm verunsichert mit seinen kleinen Hufen um sich.

»Gleich kommst du zu deiner Pflegemutter«, flüsterte Tessa beruhigend in seinen pelzigen Nacken.

Nika stieß die Tür auf und schob Tessa unsanft über die Schwelle.

3

Matthieu Berthier saß an der großen Tafel und bewirtete seine Gäste, den Gelehrten Johannes Reuchlin aus Stuttgart und den Schullehrer Caspar Heininger aus Esslingen, mit dem Besten, was sein Weinkeller hergab. In diesem Fall war das ein süffiger Weißburgunder vom Rhein. Die drei Männer führte ihr Interesse für die Literatur der Antike und die Schriften der modernen Theologen zusammen. Im Moment widmeten sie sich den Werken des Erasmus von Rotterdam, von denen sie einige Schmuckbände an die Stadt Esslingen gestiftet hatten. Die gedruckten Bücher lagen in wildem Durcheinander auf dem Tisch herum.

»Handbüchlein des christlichen und ritterlichen Lebens«, las Tessa und atmete auf. Wenn ihr Vater mit Studieren beschäftigt war, hatte sie sicher nicht viel zu befürchten.

Obwohl Nika die Tür etwas geräuschvoller als sonst ins Schloss fallen ließ, nahmen die drei Männer keinerlei Notiz von ihnen. Tessa bückte sich mit einem leisen Gefühl der Genugtuung und strich Paule über den Rücken, der sich mit aufgestelltem Schwanz an ihr vorbeidrückte und zielbewusst auf die drei Männer zusteuerte.

»Die Vermögenssteuer ist vom Tisch«, sagte Reuchlin beiläufig, trank einen Schluck Wein und wischte sich danach den Mund. »Jeder hätte sein gesamtes Eigentum aufführen müssen, das gebrauchte Bettzeug und den Nachttopf eingeschlossen. Aber ob es ein Glück für Württemberg ist, ohne die Steuer auszukommen, wage ich zu bezweifeln.«

»Die Steuer wäre den Familien der Ehrbarkeit sauer aufgestoßen«, warf Caspar Heininger spöttisch ein, der mit seiner Familie kaum von seinem Gehalt als Schullehrer an der Lateinschule leben konnte. Oft saßen die Heiningers aufgereiht wie die Orgelpfeifen auf der Ofenbank und wurden im Haus der Familie Berthier mit verköstigt. »Dann hätten sie ja offenlegen müssen, wie viel Geld sie im Ausland horten.«

»Die Steuer hätte niemandem den Hals gebrochen«, sagte Matthieu Berthier.

»Euch sicher nicht.« Reuchlin lachte.

Tessa verdrehte die Augen. Wieder einmal waren die notorisch leeren Kassen des benachbarten Herzogtums Württemberg Thema in Berthiers Tischrunde. Warum eigentlich? Schließlich konnte den Reichsstädtern der Pleitegeier, der über Stuttgart kreiste, doch völlig gleichgültig sein.

Matthieu beugte sich vor. »Wenn der Herzog weiterhin das Geld mit beiden Händen aus dem Fenster wirft, werden sie sich etwas ausdenken müssen.« Wie so oft in letzter Zeit trug er seine dunkle Gelehrtenrobe, die Ausdruck seiner Leidenschaft für die klassische Literatur und die Gedanken des Humanismus war. Sein Haar lag in grauen Strähnen auf seinen Schultern.

»Er hat recht«, flüsterte Nika neben ihr.

Allein Herzog Ulrichs aufwändige Hochzeit mit der bayerischen Prinzessin Sabina, die eine Nichte des Kaisers Maximilian war, hatte Unsummen verschlungen und dafür gesorgt, dass Württemberg beinahe bankrottgegangen wäre. Und noch immer vergnügte sich der Herzog lieber auf der Jagd und feierte protzige Feste, als endlich seine Finanzen zu sanieren. Wenn sich Herzog und Herzogin, über deren unglückliche Ehe sich ganz Württemberg das Maul zerriss, nicht gerade gegenseitig die Becher ihres Speisegeschirrs an den Kopf warfen.

»Selbstherrlich, wie er ist, wird Ulrich sicher nichts ändern«, meinte Reuchlin sorgenvoll. »Noch immer wandert viel zu viel Geld in seine Hofhaltung und in den Rachen seiner gierigen Hofkapelle. Jeder gute Einfluss, den ich und weitere Mäßiger auf ihn nehmen wollen, ist für die Katz. Und Pfaff Prasser, unser Kaplan Wortlein, sucht in der Steiermark nach weiteren Sängern, deren goldene Kehlen am Hof ertönen sollen.«

»Vater …«, begann Nika, doch Matthieu beachtete sie noch immer nicht.

»Der Herzog holt es sich jetzt von den Armen«, berichtete Reuchlin weiter. »Er hat eine Verbrauchssteuer auf Brot und Fleisch erhoben und die Maßgewichte leichter gemacht. Den zehnten Teil, der vom Maß abgeht, beansprucht er für sich selbst.«

Caspar Heininger setzte sich so unsanft zurück, dass sein Stuhl auf den Fliesenboden krachte. »Der arme Mann muss bluten. Und das, wo es die Bauern in den letzten Jahren ohnehin schwer hatten bei den Missernten und dem Verbot der Waldweide und der Jagd. Im Remstal drüben dürfen sie nicht einmal die Krähenschwärme aus ihren Weinbergen verjagen.«

»Bluten müssen die Armen doch immer«, hörte Tessa die flötenklare Stimme ihrer Schwester hinter sich. Verwundert drehten sich die drei Männer am Tisch zu ihnen um. Nika stand so aufrecht wie eine Königin da und schaute die Männer unbeugsam an.

»Meine wunderschönen Töchter Veronika und Theresa.« Matthieu lud sie mit einer Geste an den Tisch ein. »Tretet ein und teilt einen Wein mit uns.« Stirnrunzelnd betrachtete er sie beide. »Am besten einen heißen Würzwein. Ihr seht ja aus, als wärt ihr in den Katzenneckar gefallen.«

Der Kater fühlte sich angesprochen und begann, Dr. Reuchlin um die Beine zu streichen, der sich nicht lumpen ließ und ihm mit seiner knotigen Altmännerhand über den Nacken fuhr, bis er schnurrte.

Matthieu klingelte derweil nach Marie, die knicksend erschien und seine Order aufnahm, aber Nika ließ sich von der Aussicht auf heißen Wein nicht abspeisen und trat entschlossen an den Tisch heran.

Oh Gott, sie wird ihren Streit doch wohl nicht vor den Gästen austragen wollen? Tessa wurde bewusst, wie sie aussehen musste, schmutzig, zerzaust und noch immer in Jungsklamotten. Sie biss sich auf die Lippe und spürte ärgerlich, wie sie schon wieder rot anlief.

Aber Nika hatte nicht vor, sie zu schonen. »Ich habe etwas mit dir zu besprechen«, wandte sie sich an ihren Vater.

Es wurde still, während Marie mit dem dampfenden Getränk hereinkam, eilig die leeren Becher füllte und lautlos wieder verschwand.

»Kommt her, meine Tüchtige und mein Wildfang«, sagte Matthieu leise.

Erleichtert ließ sich Tessa neben ihm auf die Knie fallen und spürte, wie sich seine langen Finger in ihren Locken vergruben.

»Mein Gott, bist du nass!« Matthieu schüttelte den Kopf und wandte sich an Nika. »Worum geht es?«

»Tessa hat wieder einmal über die Stränge geschlagen.« Die Stimme ihrer Schwester war kühl wie Flusswasser.

Unter den fragenden Blicken der drei Männer kam Tessa auf die Füße und deutete auf ihr Lamm, das unsicher auf seinen dürren Beinchen stand.

»Ich war in Wäldenbronn und habe beim Schäfer das Lamm geholt«, verteidigte sie sich. »Es hat seine Mutter verloren, aber ich werde es unserer Geiß unterschieben.«

»Eine deiner Grillen, Kleine?« Ihr Vater schmunzelte, während Nika hinter ihrer ruhigen Fassade vor Zorn kochte.

»Wir können Tessa ihren ständigen Ungehorsam nicht länger durchgehen lassen«, sagte sie. »Sie benimmt sich wie ein verzogenes Gör.«

»Hast du deine Lektionen in Latein und Rechnen gelernt?« Matthieu wandte sich Tessa zu, die nickte, froh, dass sie sich die Zeit für ihr Lernpensum genommen hatte, das Caspar Heininger für sie ausgearbeitet hatte. Obwohl es ihr als Mädchen nicht gestattet war, die Schule zu besuchen, legte ihr Vater Wert auf eine gute Bildung für seine Töchter.

»Aber ihr Mustertuch hat sie nicht bestickt«, verkündete Nika voller Genugtuung. »Und wenn doch, dann müsste ich die schiefen Stiche und Knoten wieder aufziehen.«

»Egal«, sagte Tessa aufsässig.

»Stattdessen hat sie sich in Gefahr und unsere Familie in Verruf gebracht.« Nikas blaue Augen funkelten plötzlich wild. »Ich kann sie nicht länger hüten.«

Als ihr Vater das Wort an sich nahm, klang er sehr müde. »Ich weiß, Veronika. Wir können Tessa die Mutter nicht ersetzen. Trinkt einen Schluck und lasst euch danach von den Mägden heißes Badewasser bringen! Ihr holt euch sonst den Tod. Ich überlege mir später eine Strafe für deine Schwester.«

Siegesgewiss schnappte sich Tessa das Lamm, das auf dem Fliesenboden eine kleine goldgelbe Pfütze hinterlassen hatte, und flitzte davon. Es hatte schon seinen Sinn, die Jüngste in der Familie zu sein. Niemand konnte ihr auf Dauer böse sein.

***

Eine Stunde später hatte sie es geschafft, das Lamm an die Zitzen ihrer Geiß zu legen, der eines ihrer Zwillingszicklein gestorben war. Trotz ihrer skeptischen Blicke hatte die kluge Ziege das fremde Pflegekind fürs Erste angenommen.

Mit Maries Hilfe schrubbte Tessa danach den Stallgeruch von ihrem Körper und ließ sich in ihr wollenes Hauskleid helfen. Jetzt stand sie, ihren Kater im Arm, am Fenster ihres Zimmers und betrachtete den ersten Stern, der am dunkelblauen Himmel aufblitzte.

Nach dem Gewitter senkte sich ein friedlicher Frühlingsabend über Esslingen. Die Angelusglocken von St. Dionys klangen nach Heimat. Der Frühlingsduft aus den Gärten übertönte sogar den Geruch der Kanäle. In Tessas Kachelofen loderte und knisterte das Feuer, das ihre Haare noch wilder als sonst auftrocknen ließ.

Abwesend setzte sie den Kater auf den Boden, fasste ihren Schopf im Nacken zusammen und steckte ihn zu einem wirren Knoten auf. Ihre Gedanken weilten bei ihrem Vater, der so schrecklich müde ausgesehen hatte.

Ich bin schuld, wenn es ihm schlecht geht.

Fest nahm sie sich vor, in Zukunft gehorsamer zu sein und zu tun, was Nika ihr auftrug. Und morgen. Morgen würde sie ganz gewiss in der Apotheke mithelfen und Kräuter und getrocknete Samen zu Aufgüssen gegen Fieber mischen. Schließlich versuchten ihre Schwester und Vaters Geselle Peter Riexinger schon seit ein paar Jahren ohne nennenswerten Erfolg, eine passable Apothekerin aus ihr zu machen. Unverzüglich würde sie ihnen ihren Entschluss, sich zu bessern, mitteilen. Denn tief in ihrem Herzen wusste Tessa, dass Nika mit der Behauptung, sie sei ein verzogenes Gör, zumindest manchmal gar nicht so danebenlag.

Sie eilte aus dem Zimmer und hüpfte, immer zwei Stufen auf einmal nehmend, die Treppe hinunter ins Erdgeschoss. Aus der guten Stube drang schwacher Lichtschein in den Gang. Sie zögerte und wartete einen Moment zu lang, bevor sie die Türklinke drückte. Worte stahlen sich durch die schmale Ritze unter der Tür und sickerten in ihre Ohren.

»Du hast es sicher nicht leicht mit Tessa«, sagte ihr Vater leise. »Aber böswillig ist sie nicht. Sie hat ein sanguinisches Temperament wie Quecksilber. Manchmal wird sie von ihren eigenen Entschlüssen überrannt, wie der Stoff, dessen Kügelchen schneller, als du zusehen kannst, in jede Richtung davonrollen.«

Tessa kicherte in ihre geöffnete Hand. Dass sie hier stand und die Ohren spitzte, war der beste Beweis für Vaters Behauptung.

Sie hörte Nika bitter auflachen. »Mit diesem gebildeten Alchemistengeschwätz willst du nur davon ablenken, dass sie schwerer zu hüten ist als ein Sack Flöhe.«

»Sie ist klug. Sie lernt mit Leichtigkeit.«

Tessa lauschte weiter und runzelte angestrengt die Stirn.

»Nur nicht, was sie soll.« Nika hustete leise. »Ihre Nadelarbeiten könnte ebenso gut die Ziege gemacht haben. Wahrscheinlich besser.«

Tessa klappte vor Entrüstung den Mund auf.

»Trink noch ein wenig heißen Würzwein«, empfahl ihr Vater hinter der Tür ihrer Schwester. »Sonst wird deine Erkältung sich verschlimmern.«

Flüssigkeit plätscherte in einen Becher. Tessa hörte das leise Klicken, als Matthieu den Krug auf den Tisch stellte. Wenn sie schon über sie lästern mussten – warum durfte sie dann nicht mit dabei sein und sich verteidigen? Obwohl sie inzwischen fast sechzehn war, hielten sie sie für zu jung und hätten sie am liebsten mit den Hühnern ins Bett geschickt.

Wie so oft fühlte sie sich ausgeschlossen und weniger wert als Nika mit ihren zweiundzwanzig Jahren, die immer vollkommen tat. Tessa schluckte an dem Klumpen in ihrem Hals und wollte sich gerade abwenden, als ihr Vater weitersprach.

»Aber ob das Dominikanerinnenkloster in Weiler der richtige Platz ist, kann ich nicht sagen.«

Eine eiskalte Welle spülte vom Scheitel bis zu den Zehenspitzen über Tessa hinweg.

»Ich bin mir dessen sicher«, sagte Nika unbeirrt.

Tessas Blut rauschte so laut in ihren Ohren, dass ihr die nächsten Worte entgingen. Sie wollten sie also hinter Klostermauern sperren, wo sie niemals wieder das Licht der Sonne sehen würde. Sie war nicht die erste ungehorsame Tochter, der man sich auf diese Weise entledigte.

Völlig aufgelöst rannte sie die Treppe hoch und riss die Tür zu ihrem Zimmer auf. Die Kerzen im Leuchter verlöschten im Luftzug. Tessa fand sich allein mit der flüsternden Dunkelheit der Frühlingsnacht. Sie tapste durch den dämmrigen Raum, kletterte auf ihr breites, geschnitztes Bett aus Eichenholz und zog die Decke bis ans Kinn. Der Kater landete mit einem gewagten Sprung auf ihrem Bauch, strampelte noch einmal und kuschelte sich auf ihrer Brust zusammen. Tessa vergrub ihre Hand in seinem weichen Fell.

Sie glaubten wirklich, dass sie sie zu den faulen Weibern ins Kloster Weiler abschieben und für den Rest ihrer Tage zum Beten verdonnern konnten. Tessa liebte Gott und seine Heiligen von ganzem Herzen. Aber ihr ganzes Leben im Kloster verbringen, sich hinter Mauern vergraben wie eine lebendige Tote, das konnte und wollte sie nicht.

Nicht mit mir, dachte sie.

Morgen, gleich morgen, würde sie sich Rat suchen, wie sie diesem Schicksal entgehen konnte. Sie musste unbedingt mit Theophila sprechen.

4

»Ludwig?«

Er lag halb im Hainbach. Das Blut aus der tödlichen Wunde auf seiner Brust mischte sich mit dem Wasser in dem seichten Becken unterhalb des kleinen Wasserfalls und färbte es rosa. Tessa näherte sich langsam und ignorierte das Entsetzen, das ihr kalt wie Spinnenbeine über den Rücken kroch.

Seine braunen Augen starrten blicklos und trübe wie Sülze in das hellgrüne Blätterdach des Buchenwalds. Sie schob das Grauen, das sie erfasst hatte, beiseite, ging auf die Knie und schloss ihm die Lider.

Als Kinder waren Tessa und Ludwig Kumpane bei ihren Streichen gewesen, hatten den Marktfrauen Krapfen geklaut und sie einträchtig unter den Pfeilern der Agnesbrücke verputzt. Nie hatte etwas besser geschmeckt.

Das Ding in seiner Brust musste ein Armbrustbolzen sein. Warum nur war sie nicht wie geplant sofort zu Theophila und Leontine gelaufen, anstatt, dumm wie sie war, einen Abstecher zum Schäfer mit seinen Lämmern und ihrer alten Stute Sissi einzulegen und dafür das Hainbachtal zu durchqueren?

Sie begann zu beten, ein Paternoster und ein hastig hervorgestoßenes Ave-Maria, das sie ohne rechte Beteiligung herunterratterte, um seiner Seele den rechten Weg zu weisen. Dann streckte sie ihre Hand aus und berührte sein Handgelenk, in dem noch ein Rest Wärme steckte. Also war er noch nicht lange tot.

Entsetzen flutete über sie hinweg und ließ ihr Herz einen Schlag lang aussetzen. Womöglich saßen seine Mörder noch irgendwo hinter den Buchen und beobachteten sie.

Sie hob den Blick. Tatsächlich. Aus dem Schatten des Talgrunds mit seinem dichten Buschwerk lösten sich vier Gestalten. Die Männer waren grün gekleidet wie württembergische Jagdaufseher und zertraten mit ihren groben Stiefeln die Buschwindröschen auf dem Waldboden. Einer hielt seine Armbrust gespannt vor seiner Brust und zielte auf sie.

»Erschieß den Jungen«, hörte sie eine kühle Stimme im Hintergrund. Der Helfershelfer hob die Armbrust ein Stück höher und spannte sie.

Sie drehte ihren Kopf und sah den fünften Mann unter seinem überhängenden schwarzen Schnauzbart beinahe sanft lächeln. Ihre Hände und Füße wurden gefühllos und taub. Würde sich das Problem mit dem Kloster lösen, indem man sie hier auf der Stelle umbrachte, weil sie zu viel wusste? Einen Moment lang sah sie sich neben Ludwig am Hainbach liegen, als seien sie beide ein im Tod vereintes Liebespaar. Nein. Nein! Wenigstens versuchen musste sie es.

»Das ist Ludwig Landsberger«, sagte sie fest. »Sein Vater ist Ratsherr in Esslingen. Wer auch immer ihn getötet hat, wird zur Rechenschaft gezogen.«

Sie war sich nicht einmal sicher, ob der Hainbach hier wirklich noch auf Esslinger Gemarkung verlief oder schon zu einem der württembergischen Dörfer im Umkreis Stuttgarts gehörte. Aber das mussten die Jagdaufseher ja nicht wissen.

Der Mann mit dem Schnauzbart bedeutete seinem Kumpan, die Armbrust zu senken, und trat auf leisen Sohlen heran wie ein Luchs im Unterholz. Die Jagd ist seine Leidenschaft, dachte Tessa und versuchte, sich in sich selbst zu verschließen und dem Lächeln auszuweichen, das sich in sein Gesicht stahl.

»Der Junge ist ein Wilderer, der herzogliche Hirsche gejagt hat.« Der Fremde deutete auf Ludwig und verschränkte seine Arme vor der Brust. »Einen kapitalen Sechsender. Er hat nichts Besseres verdient.«

Tessa suchte mit den Augen den Boden ab. Ludwigs Bogen lag halb unter ihm begraben im Schlamm. Sie kannte sich mit Waffen nicht aus, aber wenn es ihm gelungen war, mit dieser kleinen Waffe einen Hirsch zu erlegen, war er besser gewesen, als sie gedacht hatte.

»Ihr lügt.« Sie versuchte, dem Blick des Mannes zu begegnen. »Mit diesem Bogen erwischt der nicht einmal ein Kaninchen.«

»Was du nicht sagst.« Gelassen senkte der Mann seine Augen auf sie und zog ihr dann mit einer blitzschnellen Bewegung die Mütze vom Kopf. Ihre Locken quollen darunter hervor und rieselten ihr über den Rücken.

»Sieh an, der Junge ist ein Mädel«, sagte er heiser. »Dann nehmen wir uns noch ein wenig Zeit, bevor sie dran glauben muss.«

Sie traten näher heran, sodass Tessa ihre Ausdünstungen riechen konnte, Schweiß, wochenlang nicht gewaschene Haut und Lüsternheit in ihren Augen, die sie in die Enge trieb. Der Mann mit der Armbrust grinste und entblößte eine faulige Zahnreihe.

»Wird auch Zeit«, sagte er und nestelte an seiner Schamkapsel herum. »Ich darf zuerst.«

Mit einem Satz war Tessa auf den Beinen, griff nach einem herabgefallenen Ast und sprang über Ludwig hinweg in den Bach, wo das eisige Wasser sofort ihre Stiefel und die Kniehose durchnässte. »Holt mich doch!«, rief sie heiser und zerschnitt die Luft mit dem Stecken wie mit einer Sense.

In der Ferne hörte sie Hufgeklapper auf dem Kiesweg, der vom Hainbachtal in den Wald hinaufführte. Das gleichmäßige Klong-Klong eines trabenden Pferdes. Es war nur eines, und es war nicht klar, ob der Reiter sie überhaupt bemerken und anhalten würde.

»Eine Wildkatze.« Der Anführer rieb sich die Hände und ließ seine Augen über sie gleiten. Seine Blicke beschmutzten sie wie Schneckenschleim. »Dann macht die Jagd besonders viel Spaß.«

Seine Kumpane lachten dümmlich und schlossen den Kreis am Ufer des Hainbachs, der unentwegt plätschernd seinen Lauf fortsetzte und Tessas Kleider durchnässte, bis ihr vor Kälte die Zähne klapperten. Am anderen Ufer zog sich der hellgrün belaubte Wald steil den Hang hinauf, was ihre Chance, den Männern zu entkommen, nicht gerade vergrößerte.

»Ich komme, meine Schöne.« Der Anführer grüßte sie mit einer spöttischen Verbeugung, die einem Höfling alle Ehre gemacht hätte, nahm Anlauf und setzte mit einem eleganten Sprung über den Toten hinweg. Das Wasser spritzte auf, als er neben ihr im Bach landete und die Arme nach ihr ausstreckte. Doch in diesem Moment verlor er den Halt, und seine Hände glitten über sie hinweg. War es der schmierige Bachgrund, die starke Strömung, oder waren es gar Theophilas Wassermänner, die endlich eingriffen? Jedenfalls schlug er mit dem Bauch voran lang ins Wasser und wirbelte eine Tropfenfontäne auf.

Auch die anderen Männer waren abgelenkt. Als sich der Anführer prustend erhob, erneut ausglitt und zurück ins Wasser fiel, war Tessa schon ein Stück weit den Hang hinaufgeklettert. Der Klang der Hufe auf dem Uferweg war verstummt. In diesem Moment wandten sich die Männer ab und richteten ihre Blicke auf den Ankömmling, der abgestiegen war, sein Pferd am Zügel führte und die Lage stirnrunzelnd begutachtete. Er war ein großer junger Mann mit dunkelbraunem Haarschopf, Lederwams und Kniehosen.

»Friedrich Hofstätter und seine tapferen Recken«, sagte er spöttisch und musterte zunächst den toten Ludwig. Dann stahlen sich seine bemerkenswert blauen Augen den Hang hinauf, wo Tessa noch immer im Gebüsch hockte, sich mit der einen Hand an einer Baumwurzel festhielt und mit der anderen grimmig ihren Stock umfasste. Stirnrunzelnd schien er eins und eins zusammenzuzählen. »Mal wieder bei einer Schandtat ertappt.«

»Corentin Wagner.« Der Anführer stand jetzt halbwegs sicher auf seinen Beinen. »Wie passend, dass ich dich auf diese Weise wiedersehe. Wir befreien die Welt gerade von überflüssigen Leuten.« Mit einer großzügigen Gebärde zog er sich eine Wasserpflanze aus den tropfenden Haaren.

Wenn sie nicht in Lebensgefahr geschwebt hätte, hätte Tessa laut gelacht.

»Umstellt ihn!« Der Befehl, den Friedrich Hofstätter brüllte, ging im allgemeinen Durcheinander unter.

Corentin bestieg gelassen sein Pferd, das nervös zu tänzeln begann und sich auf diese Weise Abstand verschaffte. Als die Männer sich trotzdem näherten, zog er die Zügel an und ließ es steigen. Die Vorderhufe peitschten die Luft, und die Männer retteten sich mit einem Sprung ins Gebüsch aus ihrer Reichweite.

In diesem Moment konnte Tessa nicht anders, als sich zu wünschen, dass die Hufe nicht Ludwigs Kopf zertrümmern und sein Gehirn am Bachufer auslaufen lassen würden. Denn dann, das wusste sie genau, wäre sie heulend und schreiend zusammengebrochen und hätte gar nichts mehr zustande gebracht.

Als das Pferd zum Stehen kam, ohne den Toten auch nur einmal berührt zu haben, hob Corentin seine Augen zu ihr. »Kommst du jetzt endlich, oder beabsichtigst du, noch länger hierzubleiben?«

So schnell sie konnte, rutschte Tessa, die ihren Körper vor Schreck und vor Kälte kaum noch spürte, den Hang hinab und watete ein gutes Stück hinter den Männern durch den Bach. Währenddessen sammelte sich die Gruppe zögerlich um ihren Anführer, der sich tropfend und fluchend aufrichtete.

»Lasst ihn nicht entkommen! Tötet Corentin Wagner!«, rief er und kletterte mit schlammtriefenden Stiefeln an Land.

Doch da hatte Corentin schon den Arm um Tessa gelegt und sie hinter sich aufs Pferd gezogen. Sie hörte das Keuchen ihrer Jäger, Hände streckten sich gierig nach ihnen aus, wollten dem Hengst in den Zügel fallen, aber der machte einen Satz, sprang schnaubend aus ihrer Reichweite und galoppierte an. Er gewann so schnell Grund unter den Hufen, dass Tessa sich krampfhaft festhalten musste, um nicht über seine Hinterbacken auf den Boden zu rutschen.

Der Reiter lachte in den Wind und gab dem Hengst die Sporen. Sie galoppierten bergan, auf den Schurwald hinauf, in Richtung des Katzenbühls, den sie links liegen ließen, und dann über die Kuppe des Hügels hinweg. Der Waldrand mit seinen Laubbäumen, das Gebüsch, der blau-weiße Himmel, alles verschwamm zu einem wilden Farbenrausch, in dem Tessa die Sinne schwanden. Die Welt raste vorbei, der Wind rauschte in ihren Ohren, während sie versuchte, sich am Rücken des Jungen festzuklammern und nicht herunterzufallen.

In gestrecktem Galopp überwand das Pferd die Kuppe des Hügels und raste bergab, bis zu ihrer Rechten die Weinhänge eines Tals erschienen, das Tessa noch nie betreten hatte. Tief unten lag ein unbekanntes Dorf.

»Halt!«, rief Tessa in plötzlicher Panik.

Noch nie war sie allein so weit über die Grenzen der Esslinger Gemarkung hinausgekommen. Überhaupt nur zweimal nach Cannstatt in das gastfreundliche Haus des Gelehrten Reuchlin und seiner Ehefrau, einmal davon wegen der Hochzeit des Herzogs, und einmal nach Tübingen, wo ihr Vater ihr und Nika die Universität gezeigt hatte. Aber über den Katzenbühl hinaus ins Nachbartal, das unter württembergischer Herrschaft stand? Die Welt wurde entschieden zu groß für sie.

»Was?«

Das Pferd fiel in einen langsamen Trab, sodass sich sein Reiter ihr halb zuwenden konnte. Er roch nach frischem Schweiß, Holzrauch und dem Leder, aus dem sein Wams bestand.

»Ich …« Plötzlich fehlten Tessa vor Schüchternheit die Worte. »Ich komme aus Esslingen, und das da …«

»… ist Stetten im Remstal.« Corentin lachte leise. »Ich treffe mich dort mit meinen Freunden. Aber du kannst ja gern zurückgehen und Friedrich Hofstätter und seinen Männern in die Arme laufen. Die warten sicher nur auf dich.«

Da wurde sie still und betrachtete die Hänge links, die im weißen Schaum der blühenden Kirsch- und Pflaumenbäume leuchteten. Der Boden war gelb gesprenkelt von Löwenzahn und Himmelsschlüsselchen. In Richtung des Talgrunds öffneten sich die Weinberge zu einem trichterförmigen Bogen. Etwa auf der Mitte des Hangs ragte ein rechteckiger Festungsturm auf wie der einzelne Zahn im Gebiss eines alten Mannes.

»Die Eibenburg«, sagte Corentin, lenkte sein Pferd bergauf, bis er eine Wegkreuzung unterhalb des Turms erreichte, und wurde langsamer.

»Hoho.« Mehrere Gestalten brachen aus dem Gebüsch am Wegrand hervor. Ein Mann fiel dem Hengst in den Zügel. Ein anderer zog die bibbernde Tessa von seinem Rücken, die auf dem Boden zusammensackte. Ihr Hintern tat ihr weh, ach was, ihr ganzer Körper fühlte sich an wie ein einziger blauer Fleck. Zum Glück überlagerte die Kälte in ihren nassen Kleidern den Schmerz in ihren steifen Gliedern.

Irgendjemand setzte sie auf einen Stein, legte ihr eine nach Pferd stinkende Decke um die Schultern und drückte ihr einen Becher heißen Wein in die Hand. Nach ein paar Schlucken fühlte sie sich besser und musterte verstohlen die Männer, in deren Kreis dieser Corentin sie gebracht hatte.

Wegelagerer, dachte sie und zweifelte nicht daran, vom Regen in die Traufe geraten zu sein. Aber ändern konnte sie daran im Moment nichts, auch wenn sie gewollt hätte.

Sie waren zu siebt. Ein großer blonder Mann mit Bart trat auf sie zu und zog ihr die Decke fester um die Schultern. »Geht es dir gut?«, fragte er besorgt.

Tessa nickte zögernd.

Der Mann richtete sich auf und wandte sich Corentin zu. »Wen hast du uns da mitgebracht?«

»Endlich eine süße Biene in unserem ungehobelten Kreis«, unterbrach ihn ein weiterer mit wohlklingender Stimme. »Was ist geschehen?«

Corentin trat gegen ein Grasbüschel. Tessa sah entrüstet, wie er errötete, als sei ihm seine Rettungstat unerhört peinlich. Als sei sie ihm peinlich. »Sie war Friedrich Hofstätter in die Hände gefallen«, brummte er. »Der hatte ihren Liebhaber getötet und wollte sich dann mit seinen Männern über sie hermachen.«

»So war das nicht.« Empört versuchte Tessa, die falsche Behauptung zu korrigieren, aber ihre Stimme war zu schwach, um das Geraune zu übertönen, das auf die Erwähnung des Namens hin eingesetzt hatte.

»Friedrich Hofstätter dabei erwischt, wie er Unheil anrichtet«, sagte der Blonde nachdenklich und strich sich über seinen Bart. »Warum laufen wir diesem Kerl eigentlich immer wieder über den Weg? Und warum überrascht mich das nicht?«

Der Mann mit der wohlklingenden Stimme trat näher. Tessa sah, dass ihm eine Laute über den Rücken hing, und fasste Mut. Wenn ein Spielmann mit den Gesetzlosen reiste, konnten sie nicht gar so schlimm sein. Er sprach sie besorgt an.

»Hofstätter ist der herzogliche Jagdmeister in Stuttgart, der am liebsten Wilderer einfängt. Wenn dabei einer über die Klinge springt, ist ihm das nur recht. Du hast großes Glück gehabt, dass Corentin in deiner Nähe war, Kleine. Sie haben dir doch nichts getan?«

Tessa schüttelte den Kopf und nippte an ihrem Becher. »Ludwig war kein Wilderer. Das hätte er überhaupt nicht nötig gehabt. Sein Vater ist einer der reichsten Männer Esslingens. Und er war …«, sie fixierte ihren Retter, der ihr spöttisch zublinzelte, »… nicht mein Liebhaber.«

Im Hintergrund schob sich eine baufällige Scheune aus geschwärzten Holzbalken in den Weinberg, vor der ein alter Bauer gerade ein Feuer entfachte. Auch er schien zur Gruppe zu gehören, ebenso wie die zwei blutjungen Kerle mit den herbstroten Haaren und Sommersprossen, die einander glichen wie ein Ei dem anderen.

»Wir haben uns noch gar nicht vorgestellt«, sagte der Spielmann. »Nein, wie sind wir wieder unhöflich. Der Alte da hinten ist Heinrich, ein Bauer aus Stetten, der gerade Streit mit seinem Schultheiß hat. Deshalb ist er ein bisschen mit uns rumgezogen. Wir dürfen hier Station an der Scheune seines Vetters machen. Und das da sind Lenz und Kunz Schwarzhans, die nicht einmal ihre Mutter auseinanderhalten kann.«

Die Zwillinge grinsten Tessa an und zwinkerten im selben Moment, als hätte der Spielmann ihnen den Takt dazu geschlagen.

Er wandte sich mit einer großspurigen Geste dem großen Blonden zu. »Weiter reist mit uns Dr. Johannes Gessner, seines Zeichens Mitglied der ebenso betrügerischen wie geldgierigen Zunft der Uringlasbeschauer und Quacksalber.«

Tessa starrte ihn verwundert an. Sie hatten tatsächlich einen studierten Medicus in ihren Reihen, ja, er schien sogar ihr Anführer zu sein.

»Und den da kennst du bereits.« Der Spielmann deutete auf ihren Retter, der sich an den Rand der Gruppe verkrümelt hatte und sein Pferd abrieb, ohne sich um das Gerede der anderen zu kümmern. »Der finstere, aber tapfere Corentin Wagner. Er bleibt lieber im Dunkeln. Daran musst du dich gewöhnen. Aber er ist Hofstätters schlimmster Feind.«

»Du redest zu viel, Jona«, sagte Corentin leise.

»Und zuletzt meine Wenigkeit.« Der Spielmann legte sich die Hand auf die Brust und verbeugte sich mit so viel höfischer Galanterie, dass ihm seine schulterlangen braunen Locken um den Kopf flogen. »Jona von Absberg aus Franken. Schwarzes Schaf des gleichnamigen Adelsgeschlechts, das den Tag meiner Ankunft auf Erden bis heute verflucht. Und alle zusammen sind wir …«, er richtete sich auf und tauschte mit den Umstehenden einen verschwörerischen Blick, »… des Gessners Schwarzer Haufen, geschworene Freunde, Halunken mit schwarzer Seele. Oder was davon übrig geblieben ist.«

Er stellte sich in Positur, als seien die Männer sein Publikum, und begann zu singen. »Der Gessner ist ein tapfrer Herr, sorgt sich um den armen Mann, der sich selbst nicht helfen kann. Ist zwar selbst kein armer Tropf …« Er stockte. »Was reimt sich auf Tropf? Kopf, Schopf, Zopf? Helft mir auf die Sprünge.«

Die Zwillinge lachten, und der eine schob den anderen mutwillig nach vorn. »Lenz.«

Während sie gierig eine Schale köstlich duftenden Eintopf verputzte, die die Männer ihr in die Hand gedrückt hatten, erfuhr Tessa, was sie ins Remstal führte. Sie waren Aufrührer und empörten sich über die Änderung der Gewichte, durch die der Herzog eine Verbrauchssteuer auf Brot und Fleisch erhoben hatte. Wieder einmal würde man sich an den Armen mit den leeren Bäuchen schadlos halten, um leer geprasste Kassen zu sanieren. Morgen würden sie nach Beutelsbach gehen, um sich dort mit Gleichgesinnten zu treffen.

Nach dem Essen rollten sich die Männer in ihren Pferdedecken zusammen, unterhielten sich leise raunend und schliefen einer nach dem anderen unter dem Sternenhimmel ein. Nur Johannes Gessner und Corentin Wagner blieben mit Tessa am Feuer sitzen.

»Wie lautet dein Name, Mädchen?«, fragte der Arzt.

Tessa wusste selbst nicht, warum sie vom ersten Moment an Vertrauen zu ihm gefasst hatte. Corentin stocherte mit einem Ast im Feuer herum, ließ einen Funkenregen aufstieben und schaute auf. In seinen blauen Augen spiegelten sich die tanzenden Flammen.

»Tessa Berthier«, sagte sie leise und kuschelte sich fester in ihre Pferdedecke, die sie am liebsten niemals wieder hergegeben hätte. Im Umkreis des Feuers trockneten ihre Kleider nach und nach, und ihr wurde endlich warm.

»Bist du aus Esslingen?« Der Blonde beugte sich vor. »Dann heißt dein Vater Matthieu Berthier und ist Händler und Apotheker?« Ein Lächeln erhellte sein Gesicht und setzte sich in den Fältchen um seine Augen fest. »Wie begrenzt die Welt ist. Du musst die kleine Theresa sein. Matthieu ist ein guter Freund von mir, und du dürftest, wenn ich mich nicht täusche, als kleines Kind schon auf meinen Knien geritten sein. Hast du nicht eine ältere Schwester?«

Tessa nickte verwundert. »Veronika.«

»Ich verspreche dir …«, sagte er feierlich, »… solange du bei uns weilst, werden meine Männer und ich dich mit unserem Leben beschützen. Und nach unserem Besuch im Remstal geleite ich dich sicher nach Hause.«

In diesem Moment fielen alle Sorgen von Tessa ab. Auch wenn sich dieser Johannes Gessner mit Aufrührern abgab, war er doch ein Ehrenmann und ein Freund ihres Vaters. Er würde nicht zulassen, dass ihr ein Leid geschah. Ins Kloster stecken konnte man sie, solange sie im Remstal war, auch nicht. Vielleicht würden Matthieu und Nika, wenn sie nicht nach Hause kam, sogar endlich begreifen, was sie an ihr hatten.

Beruhigt rollte sie sich in ihre Decke und legte sich nahe an die Glut, in der dieser Corentin noch immer nachdenklich herumstocherte, bis ihr die Augen zufielen. Warum nur hatte sie das Gefühl, dass er ihr Gespräch atemlos verfolgt hatte?

5

Veronika Berthier stand am Fenster und spürte die Sehnsucht wie das leise Flattern eines Schmetterlings in ihrem Herzen. War das wirklich der Ruf Gottes, den sie zu erahnen glaubte? Wenn die Arbeit sie nicht losließ und sie zwischen dem großen Haushalt und der Apotheke hin und her hetzte, fand sie nicht die Zeit, um sich zu sammeln und nachzudenken. Jetzt jedoch, sie staunte selbst über diese Tatsache, war einer dieser seltenen Momente gekommen, in denen sie Muße zum Durchatmen fand. Auch das würde sich ändern. Wenn sie erst ins Kloster der Dominikanerinnen in Weiler eingetreten wäre, würde sie die Stille niemals mehr vermissen.

Sie stand am Fenster ihres Zimmers, schaute hinaus und hörte den klaren Stimmen der Häfelinsbuben zu, die mit ihrem Gesang um ein Almosen baten. Schon seit Jahren unterstützte die Familie Berthier zuverlässig die armen Schüler der Lateinschule, ebenso wie ihren Lehrer und seine Familie, die alle miteinander oft genug Hunger litten. Sie sah Marie aus der Tür huschen und dem ältesten der Jungen ein Geldstück in die Hand drücken. Er bedankte sich mit einer Verbeugung in ihre Richtung und zog mit seinen Freunden davon.

Alles war wie immer. Nun ja, fast. Veronikas Finger schlossen sich um den Becher mit dem Salbeiaufguss, den sie gegen ihre Halsschmerzen und die aufziehende Erkältung trank. Ich bin fertig, stellte sie verwundert fest und nieste leise. Heute hatte sie die Gesellen in der Apotheke beaufsichtigt, die Frühlingskräuter der Sammelweiber angenommen und kontrolliert, war den Essensplan für die nächsten Tage mit der Köchin Martha durchgegangen, hatte den Lehrbuben Stoff für neue Kniehosen gekauft und einen Nähauftrag an Hans, den Schneider, gegeben. Ihr Pensum für den heutigen Tag war geringer als sonst ausgefallen. Veronika hatte sich zurückgehalten, weil sie wusste, dass man sich mit einer beginnenden Erkältung schonen musste.

Dann war da noch Tessa. Ihr Vater hatte ihre aufsässige kleine Schwester mit Stubenarrest bestraft, den sie ohne zu murren zu akzeptieren schien. Als Veronika gegen Mittag nach ihr geschaut hatte, hatte sie ganz brav in ihrem Zimmer am Tisch gesessen und sich mit ihrer Stickarbeit abgemüht. Auch jetzt war es im Nebenraum beruhigend leise. Sicher war Tessa nach ihrem gestrigen Abenteuer früh zu Bett gegangen und schlief tief und unbesorgt wie immer.

Seltsamerweise war Veronika überhaupt nicht müde. Im Gegenteil. Aus heiterem Himmel bekam sie Lust, trotz ihrer verstopften Nase an diesem Abend noch etwas Besonderes anzustellen. Vielleicht machte sie der Anflug von Fieber, den sie verspürte, ja leichtsinnig.

Sie legte ihr wollenes Tuch um Kopf und Schultern und schlich sich so leise wie möglich die Treppe hinunter.

Als sie vor das Tor trat, senkte sich mild und duftend der Abend über Esslingen. Im Westen stand ein heller Streifen in der Farbe des Sonnenuntergangs über den Häusern, irgendetwas Flüchtiges zwischen Gold und Grün.

Die brave Veronika Berthier treibt sich herum, dachte sie und hätte fast gelacht.

Anders als Tessa hatte sie sich nie erlaubt, ihren Launen freien Lauf zu lassen. Doch heute, nur heute, würde sie ihrem spontanen Entschluss folgen, der bei Gott mehr als eine Laune war. Sie brauchte dringend einen Rat und wusste auch schon, wen sie fragen wollte.

Veronika überquerte die Agnesbrücke, ließ die Dominikanerkirche links liegen, lief eilig an der Fachwerkfassade des Spitals vorbei und bog in die Webergasse ein, in der ihre Apotheke lag. Die Gesellen hatten die Tür bereits abgeschlossen. Dahinter war alles dunkel und still.

Noch einmal nach links in die Seitengasse und ein paar schnelle Schritte aufwärts, dann hatte sie das Kloster der Augustiner-Eremiten erreicht, das an der Nordkante der Stadtmauer lag. Für die sittsame und tüchtige Tochter des reichen Händlers Matthieu Berthier gehörte es sich nicht, im dämmrigen Zwielicht durch die Stadt zu streifen und an die Pforte eines Mönchsklosters zu pochen. Aber sie tat es trotzdem. Das Klopfen dröhnte in ihren Ohren fast so laut wie ihr eigener Herzschlag.

Sie hörte die Predigten von Bruder Michael Stiefel immer sonntags in der kleinen Kirche der Augustiner, und sie hatten etwas in ihr ausgelöst. Endlich wusste sie, wohin sie gehörte. War es richtig, ihr Leben Gott zu weihen, wenn sie ihre Familie dafür im Stich ließ? Was würde aus ihrem Vater und Tessa werden, wenn sich die Mauern des Klosters Weiler für immer hinter ihr geschlossen hatten? Sie brauchte Gewissheit.

Es dauerte eine Weile, bis ein alter Bruder in einer verschlissenen schwarzen Kutte heranschlurfte und sie nach ihren Wünschen fragte. »Ich würde gern …«, sie hustete leise, »… Bruder Michael Stiefel sprechen.«

Der Alte musterte sie, als hätte er nicht richtig gehört. Sicher kam es nicht oft vor, dass sittsame Jungfrauen die Brüder bei ihren abendlichen Beschäftigungen störten. Das Fieber hatte sie wohl mutig gemacht.

Veronika erstickte einen weiteren Hustenanfall in ihrem Tuch. »Wenn er bei der Vesper in der Kirche ist, warte ich auf ihn.«

Der Alte verschwand schulterzuckend. Es dauerte nicht lange, dann trat ein hochgewachsener Mann in einer schwarzen Mönchskutte durch die Pforte.

»Hochwürden …« Veronikas Stimme stockte, als sie auf die Knie sank.

»Was führt dich zu mir, meine Tochter?«

Michael Stiefel war selbst noch nicht alt. Veronika, die ihn seit ihrer Kindheit vom Sehen kannte, schätzte ihn auf Ende zwanzig. Er war groß und kräftig mit einem kantigen, nicht eben schönen Gesicht. Sie wusste, dass er ebenso wie sie einer angesehenen Esslinger Familie entstammte und in seiner Kindheit die Gesetze der Mathematik in der Bauhütte der Beblinger studiert hatte. Trotz seiner Begabung für alle Rechenarten war er in den Orden der Augustiner-Eremiten eingetreten und hatte sein Leben Gott geweiht. In seinen Predigten sprach er stets von Selbstverantwortung und Gewissen und davon, dass ein jeder Christenmensch Gott suchen könne, wobei jedes seiner Worte wie Feuerzungen in Veronikas Herz drang.

»Woher ist mir Euer Gesicht vertraut?«, fragte Bruder Michael. »Seid Ihr nicht Matthieu Berthiers Tochter? Mein Vater ist mit Eurem bekannt.«

»Ich weiß«, sagte Veronika leise.

»Was führt Euch zu mir?« Seine buschigen Augenbrauen zogen sich zusammen.

»Ich brauche einen Rat. Von Euch als Seelsorger.« Nie hatte sie gedacht, dass ihr eine Forderung einmal so leicht über die Lippen gehen würde.

Sein nachdenklicher Blick traf sie. »Ihr wollt doch wohl nicht der Welt entsagen?«

War sie wirklich so leicht zu durchschauen? Hitze flutete über ihr Gesicht, das schon vom Fieber brannte.

»Dann habe ich Euch ertappt.« Bruder Michael hob mahnend seinen langen Zeigefinger, an dem ein Tintenfleck klebte. »Ihr wollt ins Kloster Weiler eintreten, wie es sich für ehrbare Jungfrauen aus Esslingens besten Ständen geziemt. Das habe ich gewiss nicht gepredigt.« Seine Stimme wurde streng und schneidend. »Ich sprach vom tugendhaften Leben jedes Einzelnen, nicht vom Wert der klösterlichen Gemeinschaft an sich.«