Die Tränen der Morgenröte - Mick van Hint - E-Book

Die Tränen der Morgenröte E-Book

Mick van Hint

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Beschreibung

November 1918 der Krieg war vorbei - Die Kapitulation wurde unterzeichnet, und der Kaiser musste abdanken. Kein Sachbuch über deutsche Geschichte lesen wir, sondern die fiktive Geschichte vom bayerischen Matrosen Fritz Targler, eingebettet in die historischen Ereignisse der bewegenden Zeit 1918/19. Fritz Targler, der den Krieg auf dem Panzerkreuzer SMS Prinzregent Luitpold miterlebt hatte, danach auf der Suche nach seiner Lebensphilosophie war. Gemeinsam mit seinen revolutionären Freunden und Genossinnen erlebte er die Revolutionswirren hautnah mit. Dabei wird er immer wieder abgelenkt von seinen großen und seinen stillen Liebschaften in Bremen und in München. Wir lesen die Geschichte der entstehenden Republik und der rechten Freikorps, die die Hoffnungen und die Revolution niederschlagen. Und neben all dem begegnet uns auch noch eine ganz geheimnisvolle Figur: Herman der Apache. 1918 hofften die Menschen auf eine bessere Zeit, auf Demokratie, Gerechtigkeit und Freiheit. Sie wollten keine Untertanen mehr sein. "Die Tränen der Morgenröte". 100 Jahre später - Geschichte wiederholt sich nicht auf die gleiche Art und Weise. Man muss aber verstehen, das Geschichte nie etwas Vergangenes ist, sondern immer auch Bestandteil unserer Gegenwart.

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Seitenzahl: 303

Veröffentlichungsjahr: 2018

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Mick van Hint

Die Tränen derMorgenröte

© 2018 Mick van Hint

Verlag und Druck: tredition GmbH, Hamburg

ISBN

 

Paperback:

978-3-7469-6279-5

e-Book:

978-3-7469-6281-8

Das Werk, einschließlich seiner Teile, ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung ist ohne Zustimmung des Verlages und des Autors unzulässig. Dies gilt insbesondere für die elektronische oder sonstige Vervielfältigung, Übersetzung, Verbreitung und öffentliche Zugänglichmachung.

Und dann geschah das unglaubliche. Die sozialdemokratischen Führer, widerwillig von den sozialdemokratischen Massen auf den Thron gehoben, mobilisierten unverzüglich die alten herrenlos gewordenen Palastwachen und ließen ihre eigenen Anhänger wieder hinaustreiben. Ein Jahr später saßen sie selber wieder vor der Tür - für immer. Die deutsche Revolution von 1918 war eine sozialdemokratische Revolution, die von sozialdemokratischen Führern niedergeschlagen wurde: ein Vorgang der in der Weltgeschichte kaum seinesgleichen hat

Sebastian Haffner

Die deutsche Revolution 1918/1919

Knaur Verlag 1991

Vorwort

Einleitung

Die Sonne blinzelte verhalten zwischen den grauen Novemberwolken hindurch. Der 6. November 1918 war ein außergewöhnlicher Tag mit für diese Jahreszeit angenehmen Temperaturen. Ein Tross von Matrosen und Arbeitern wälzte sich strotzend vor Selbstbewusstsein von Bremen aus in die ca. 10 km entfernte Haftanstalt Oslebshausen. Die Ereignisse hatten sich in den vergangenen Tagen überschlagen. Der Erste Weltkrieg war verloren, die Niederlage war schon seit einiger Zeit abzusehen. Kaiser Wilhelm II stolperte größenwahnsinnig aber unbeholfen in die Urkatastrophe des 20. Jahrhunderts. Er hatte, genau wie alle anderen verantwortlichen Herrscher Europas, damit auf den Weg gebracht, was die Kriegstreiber, die Generalität und das Geldkapital empfohlen und gefordert hatten. Zu Anfang des Krieges noch prahlend und siegessicher zeichnete er sich im weiteren Verlauf als absolut unfähig aus. Wie eine Marionette ließ er sich von deutschen Militärs das weitere Vorgehen diktieren. Deutschland war zum Ende des 1. Weltkrieges eine Militärdiktatur, die konnte und wollte sich die Niederlage nicht eingestehen. Tag für Tag hatten sie die Niederlage vor Augen, ihre Soldaten rücksichtslos und ohne Erbarmen in diese Blutmühle geschickt. Die Regierungsgewalt wurde Hals über Kopf an die Parlamentarier übergeben. Nein, einen Waffenstillstand auszuhandeln kam für sie nicht in Frage. Das wäre ein Eingeständnis ihrer Fehler und Überheblichkeit. Der Soldat hatte nichts zu hinterfragen, er hatte zu gehorchen und, wenn es sein musste, zu sterben.

Eine Kapitulation war mit der Ehre der Offiziere nicht vereinbar. Die Herren Generale Hindenburg und Ludendorff traten freiwillig in den Hintergrund und ließen die Parlamentarier die Suppe auslöffeln, für die sie hauptverantwortlich waren. Die Flottenführung fasste im Oktober 1918 den einsamen Entschluss, jetzt noch eine Entscheidungsschlacht zwischen der deutschen und der englischen Hochseeflotte zu suchen. Wenn der Krieg schon verloren war, dann wollte man wenigstens ehrenvoll mit Mann und Maus untergehen. Das Leben der Matrosen war ihnen dabei völlig egal, es galt die Ehre zu retten. Was war da dagegen schon ein Matrosenleben wert, in ihren Augen so gut wie nichts. Groteskerweise fassten sie diesen Entschluss hinter dem Rücken der neuen parlamentarischen Regierung der vor dieser streng geheim gehalten wurde. An dieser Maßnahme lässt sich deutlich erkennen, was die Militärs von einer parlamentarischen Regierung hielten, sie schlugen ihr damit mitten ins Gesicht.

Doch sie hatten die Rechnung ohne die Matrosen und Heizer gemacht. Das ersehnte Kriegsende vor Augen wollten sie ihr Leben nicht für die Ehre der Offiziere opfern. Offiziere, die sie Tag für Tag gängelten und tyrannisierten, bei kleinsten Vergehen willkürliche Bestrafungen aussprachen, nein damit war jetzt Schluss. Das Unfassbare geschah, die Matrosen verweigerten auf einigen Schiffen den Befehl.

Die Lage bei der Schillig-Reede vor Wilhelmshaven war unüberschaubar, für einige Zeit zielten die Kanonen der meuternden und der nicht meuternden Schiffe aufeinander. Bevor alles eskalierte, ergaben sich die Revoltierenden. Auf eigene Kameraden zu schießen, wäre fürchterlich gewesen. Die meuternden Matrosen wurden verhaftet.

Die Geschwader wurden aufgeteilt, das dritte Geschwader, das nicht gemeutert hatte, dampfte nach Kiel. Dort wurden die verhafteten Matrosen an Land in verschiedene Militärgefängnisse gebracht.

Die Entscheidungsschlacht konnte man abwenden, dafür drohte den Kameraden, die sie vereitelt hatten, der Tod. Nicht alle hatten sich an der Befehlsverweigerung beteiligt, aber jetzt sollten ihre Kameraden, die ihnen das Leben gerettet hatten, sterben. Das konnten sie nicht zulassen, der Mut, der ihnen vor ein paar Tagen gefehlt hatte, war jetzt aufgrund der Sachlage stärker denn je, sie fanden die Kraft zur Revolte. Es wurde eine Abordnung zum Kieler Ortskommandanten geschickt, um die Freilassung der Inhaftierten zu fordern. Natürlich ohne Erfolg, bisher waren die Matrosen noch gemäßigt und diskussionsbereit, aber ihre Versammlungshäuser wurden verschlossen und von bewaffneten Posten bewacht. Jetzt war es vorbei mit der Geduld, Tausende von Arbeitern solidarisierten sich mit den Matrosen. Die ersten Soldatenräte wurden gegründet, unter ihrem Kommando gingen bewaffnete Matrosen in militärischer Formation an Land und befreiten ihre Kameraden aus den Militärgefängnissen in Kiel. Außerdem forderten sie die Abschaffung des bestehenden Militarismus und den Sturz des Kaiserregimes. Alle Mannschaften sowie zahlreiche Arbeiter, insbesondere der Werften und Torpedowerkstätten, schlossen sich der Forderung an und beschlossen einen Generalstreik.

Am 4. November 1918 war Kiel in der Hand von vierzigtausend aufständischen Matrosen, Marinesoldaten und Arbeitern. Dieser Vorgang löste bei der neuen parlamentarischen Regierung in Berlin Panik aus. Eine Absetzung des Kaisers war vorerst nicht geplant. Die Angst vor einer ähnlichen Entwicklung wie 1917 in Russland entfachte in der Regierung, die aus Abgeordneten der SPD und der *USPD bestand, schiere Verzweiflung. Diese Einschätzung war irrelevant, die Spartakisten, die eine Revolution nach russischem Vorbild wollten, waren eindeutig in der Minderheit. Der größte Teil der revoltierenden Matrosen und Arbeiter waren Anhänger der SPD und der USPD, sie wollten keine Räteregierung nach russischem Vorbild. Ob die Revoltierenden durch eigene Überzeugung zu diesen Ansichten kamen, oder ob gezielte Informationen dazu führten, ist nicht genau zu erklären. Der SPD kam dabei immer wieder ihr straff organisierter Parteiapparat zugute, der es ermöglichte, auch auf regionaler oder lokaler Ebene ihre Politik durchzusetzen. Sie wollten die Abschaffung des bestehenden Militarismus, die Arbeiter und Soldaten als staatstragende Macht wie vorher der Adel und das Großbürgertum. Ein vom ganzen Volke und nicht von den herrschenden Klassen frei gewähltes Parlament. Doch auf der Regierungsseite beherrschte die Furcht vor Chaos, Anarchie alle weiteren Maßnahmen.

Als Unterhändler beorderte die Übergangsregierung den SPD Abgeordneten *Gustav Noske in den Norden. Am Abend des 4. November traf er in Kiel unter dem tosenden Applaus der revoltierenden Arbeiter und Matrosen ein. Er ist einer von uns, so dachten die allermeisten der jubelnden Masse, ein Trugschluss. Er wird die Revolution und ihre Anhänger aufs Übelste verraten.

Während Noske bereits dabei war, die Fäden des Verrates im Hintergrund zu ziehen, glich die Lage in Kiel einem großen Durcheinander. Überall bildeten sich Truppen bewaffneter Matrosen. Offiziere wurden abgesetzt, Admirale unter Hausarrest gestellt. Chaos und Plünderungen gab es nicht. Tote wenige, nur ein paar unbelehrbare Offiziere, die mit der neuen Lage völlig überrumpelt wurden, schossen in die Menge und bezahlten ihren Übereifer mit dem Leben. Ansonsten beschränkte man sich darauf, den Offizieren die Achselklappen abzureißen. Sicher eine Demütigung aber nicht lebensbedrohlich. Die Revolution war gutmütig, ihre Gegner sollten bei deren Niederschlagung weniger gutmütig zu Werke gehe. Die Brutalität und Grausamkeit, mit der sie später gegen die Matrosen und Arbeiter vorgingen, waren ein anschauliches Beispiel für das, was zwei Jahrzehnte später in Nazi Deutschland Normalität wurde.

Auf fast allen Plätzen und Sälen gab es Kundgebungen, revolutionäre Matrosen fuhren heim ins Binnenland, um dort die Revolution weiter zu entfachen und zu unterstützen. Eine organisierte Führung gab es nicht, dieser Zustand beeinflusste die weitere Entwicklung der Revolution gewaltig. Natürlich zu deren Nachteil, trotzdem waren am 6. November 1918 die meisten Küstenstädte in der Hand der Revolutionäre.

© Deutsches Historisches Museum

Soldatenrat der SMS „Prinzregent Luitpold“

*Unabhängige Sozialdemokratische Partei Deutschlands. Die USPD spaltete aufgrund der Befürwortung des Krieges von Seiten der SPD in der zweiten Hälfte des 1. Weltkrieges von der SPD ab.

*Gustav Noske (geboren 1868 — gestorben 1946) war der erste sozialdemokratische Minister mit der Zuständigkeit für das Militär in der deutschen Geschichte. Er ist zudem bekannt durch seine zentrale Rolle in der Novemberrevolution und den nachfolgenden sozialen und politischen Auseinan dersetzungen der Jahre 1918 bis 1920.

Revolution

Fritz Targler war Kriegsfreiwilliger, geboren 1897 in München-Solln als Sohn des Kolonialwarenhändlers Max Targler und seiner Frau Martha. Zusammen mit seinem jüngeren Bruder Otto erlebte er eine unbeschwerte Jugend. Im Laden seiner Eltern gab es alles, Grundnahrungsmittel, Hosenträger, verschieden große Töpfe, Zebrafelle, sogar ein Leopardenfell bis hin zu Büchern. Fritz faszinierte vor allem die fremde Welt in den Kolonien und in Amerika. Im Sortiment gab es verschiedene kleine bebilderte Heftchen mit Berichten aus einer fremden aber überaus interessanten Welt. Allein schon die Titelbilder mit ihren exotischen Motiven belebten seine Fantasie mit einer enormen Intensität. Schwarze furchteinflößende Krieger, leicht bekleidete afrikanische Frauen, die ihn mit ihrem Lächeln hineinzogen in ihre Geschichten. Am meisten begeisterten ihn die Indianer Nordamerikas, ihr kühnes Aussehen, ihr Leben auf dem Rücken der Pferde im Einklang mit der Natur. Vor allem konnte er sich mit ihrem Freiheitskampf total identifizieren. James Fenimore Coopers „Lederstrumpf“ hatte er schon gelesen, die ersten Karl May Romane auch, aber dann kam ganz neu ein Heft über *Herman Lehmann in den Handel

Diese wahre Geschichte fesselte Fritz und beeinflusste seinen Charakter nachhaltig. Herman Lehmann wurde als Sohn deutscher Auswanderer 1859 in Fredricksburg/Texas geboren. Mit 10 Jahren entführten ihn die Apachen, er wuchs als persönliches Eigentum ihres Häuptlings Carnoviste unter ihnen auf. Carnoviste gab ihm den Namen „En Da“ weißer Junge. Neun Jahre lebte er unter den Apachen und assimilierte sich völlig. Aus ihm war ein Apache geworden, als junger Krieger war an mehreren Auseinandersetzungen mit Texasranchern beteiligt. Sein Name unter den Weißen war Herman der Apache. Nachdem sein Stamm aufgerieben wurde, lebte Herman ein Jahr in der Wildnis und schloss sich dann den Comanchen an. Als dann die Comanchen ins Reservat umgesiedelt wurden, identifizierte man ihn als Weißen und er kam 1878 zurück zu seinen Eltern. Das Leben der Siedler war völlig anders und er konnte die Lebensweise der Indianer, die er als einzigartig empfand, nie ablegen.

Die indianische Religionsauffassung und Kultur - Eigentum macht gierig und vergiftet die Seele - überzeugte Herman gänzlich. Auch das Verhältnis zur Natur, von Mann und Frau sowie Essen, Trinken und Erziehung deutete er als Forschritt gegenüber der Kultur der Weißen. Oft trug er weiterhin Indianerkleidung. Das war die Welt mit der sich Fritz Targler verbunden fühlte. Fast jeden Tag nach der Schule tauchte er ein in die Abenteuerwelt der Ureinwohner Amerikas. Die Vorstellung mit ihnen zu leben, ja gar ihre Lebensweise und Kultur anzunehmen, inspirierten Fritz zu einer, im Deutschland zu Anfang des 20. Jahrhunderts, seltenen Denkweise. Sehr zum Ärger seines Vaters und vor allem seines Großvaters.

Der war 1870/71 als bayrischer Soldat im Deutsch-Französischen Krieg dabei, glühender bayrischer Monarchist, darüber hinaus überaus kaisertreu. Der frühe Tod seiner Frau hatte aber aus ihm einen verbitterten alten Mann gemacht. Der Vater von Fritz war nie im Krieg, seit 1871 gab es keinen Krieg mehr, doch im Hause Targler war man großbürgerlich und vor allem loyal zum Kaiserhaus eingestellt. Mit dem preußische Herrschaftsdenken und dem kaiserlichen Hurrapatriotismus konnte Fritz nichts anfangen. Mit zunehmender Reife entwickelter er sogar eine tiefe Abneigung. Seine Passion war die Welt der Indianer, er fühlte ganz tief in sich eine starke Verbundenheit mit den amerikanischen Ureinwohnern. Sein Verhalten wurde immer anarchistischer, er versuchte, alle Regeln des Elternhauses und der Schule auszuhebeln. Als er 15 Jahre alt war, wollte sein Vater die Reißleine ziehen. Der Lehrer hatte sich ein weiteres Mal bei den Eltern über Fritz beschwert, ständig eckte er an. Dafür bekam er - öfter als ihm lieb war die Rute zu spüren, doch das beeindruckte Fritz nur wenig, er wurde nur noch bockiger. Sein Vater verbot ihm alles, was mit Indianern zu tun hatte zu lesen. Freilich ohne Erfolg, die Heftchen waren ja zum Verkaufen bestimmt und so fand Fritz immer eine Gelegenheit zum Lesen.

Sein Bruder Otto war anders gestrickt, er fand die Geschichten aus Afrika und Amerika auch interessant, doch viel mehr begeisterte Otto das bayrische Militär, er wollte später unbedingt in das Königlich-Bayrische Infanterie-Leib-Regiment eintreten. Außerdem passte sein Großvater mit Strenge auf, damit die Einstellung von Fritz nicht auf Otto übersprang. Er hatte langsam begriffen, dass sein Enkel ganz anders war, als er sich das wünschte.

Eines Tages hörte er seinen Opa zu seinem Vater sagen „Das einzige was den Jungen retten kann, ist das Militär. So wie es zurzeit aussieht in Europa, wird es bald Krieg geben, dann muss der Junge einrücken, sonst wird nichts mehr aus ihm.“ Was für eine Aussage von einem Großvater, doch keine ungewöhnliche Aussage im Wilhelminischen Reich.

Ein Jahr später 1914, ganz Europa war kriegsbegeistert, passierte es. Als in Sarajewo die tödlichen Schüsse auf den österreichischen Thronfolger fielen, gab es keine Zurückhaltung mehr, der Erste Weltkrieg brach aus. 1915, inzwischen siebzehnjährig, meldete sich Fritz Targler freiwillig zum Militär. Angespornt von Vater und Großvater, von Lehrern und Freunden seiner Eltern. Da er noch nicht volljährig war, brauchte er die Erlaubnis seiner Eltern - das war selbstverständlich kein Problem - voller Freude und Stolz stellte ihm sein Vater das Schriftstück aus. Viele seiner Gleichaltrigen meldeten sich ebenfalls freiwillig, Fritz hatte mit dem Drill und der Schinderei beim Militär nichts zu schaffen. Aber als Feigling dastehen, das wollte er nicht, im Übrigen versprach der Krieg, ein großes Abenteuer zu werden.

Abenteuer wollte er auf jeden Fall erleben. Seine Fantasie begann intensiv und spannungsvoll zu arbeiten. Dafür musste man den Drill in Kauf nehmen. Der Kolonialwarenladen lag in einem beschaulichen Wohngebiet in einer belebten Straße. In unmittelbarer Nähe des Ladens befand sich ein Friseur, daneben eine Apotheke, eine Bäckerei und gegenüber, zum Bayrischen Löwen, eine gutbürgerliche Gastwirtschaft. Die Bewohner des Viertels setzten sich hauptsächlich aus Leuten des Bürgertums sowie der Beamtenschaft zusammen. Arbeiter wohnten da keine, sie verirrten sich so gut wie nie in diese noble Gegend.

Am Tage der Einberufung herrschte reges Treiben in der Straße, die Leute lachten, scherzten und waren in bester Feiertagsstimmung. Die Kriegsbegeisterung war in weiten Teilen Deutschland aufgrund der großen Verluste im ersten Kriegsjahr einer Ernüchterung gewichen. Nicht aber in München, vielleicht bei den sozialdemokratisch geprägten Bewohnern, sie hatten ja auch die meisten Opfer zu beklagen. Aber nicht in dieser Gegend, hier war die wilhelminische Welt noch in Ordnung. Fritz war einer von mehreren Freiwilligen aus dem Viertel, sie alle trafen sich zum gemeinsamen Abmarsch vor der Gaststätte. Die Leute winkten ihnen zu, gaben ihnen gute Ratschläge, wie sie den Franzmännern oder Tommys den Arsch versohlen sollten. Kurz bevor sie losmarschierten, rannten ihnen eine Schar Mädchen aus ihrem Viertel entgegen und steckten jedem kleine Gänseblümchen ans Revers. Es war ein bizarres Bild, das sich Fritz bot, sie zogen in den Krieg, doch die Szenerie glich einer Verabschiedung ins Ferienlager. Nur seine Mutter stand schluchzend an der Tür und verbarg ihr Gesicht hinter einem großen Taschentuch. Vater und Großvater waren dagegen hocherfreut. Sein Großvater rief ihm hinterher „Ich beneide dich, Fritz, ich beneide dich.“ Es dauerte nicht allzu lange und er verstand das Schluchzen seiner Mutter nur zu gut.

Mit seiner unbekümmerten Naivität malte er sich aus, in der Kavallerie zu dienen, dort konnte er sich fühlen wie sein Held Herman, der Apache. Er hatte in keinster Weise mitbekommen, dass die Kavallerie in Zeiten der Motorisierung, von Flugzeugen und immer größer werdenden Kruppschen Kanonen, zu einer aussterbenden Waffengattung gehörte. So landete er bei der Marine.

Wie nahezu alle Kinder zu dieser Zeit hatte er als kleiner Junge einen Matrosenanzug bekommen - den hatte er immer gerne und mit Stolz getragen. Wenn er nicht zur Kavallerie konnte, empfand er die Marine als glückliche Alternative. Die Gemeinsamkeiten mit den amerikanischen Ureinwohnern und ihrer Lebensphilosophie waren gleich null, aber es versprach große Abenteuer. Fritz war gierig auf Abenteuer, freilich die Abenteuer in seiner Fantasie, die er sich im Laden seiner Eltern zulegte, hatten so gar nichts mit der Realität der Kriegsmarine zu tun.

Drei Jahre waren seither vergangen, die Ernüchterung war ein bitterer Prozess. Jetzt marschierte er, mit auffallend leerem Blick, inmitten einer Schar johlender Matrosen und Arbeiter von Bremen nach Oslebshausen. Die Straßen waren gesäumt von Anhängern der Bewegung. Jubelnde Menschen, die in den Matrosen die Hoffnung sahen, dieses ungerechte Klassensystem, in dem die einfachen Soldaten, die Arbeiter und Arbeiterinnen, geknechtet, bevormundet und ihrer individuellen Freiheit beraubt wurden, für immer auf den Müllhaufen der Geschichte zu werfen. Einige wenige vom Stande des Bürgertums, die sich auf die Straße trauten, standen mit verkniffenen Gesichtern im Hintergrund oder in Hofeinfahrten. Mit unsicherem, angstvollem Blick sahen sie das Kartenhaus einer vergangenen Epoche zusammenbrechen. Ein Haus, indem sie es sich gut eingerichtet hatten, natürlich auf Kosten der unteren Schichten. Nun war diese heile Welt am Zusammenbrechen und sie beteten zu Gott, zum Kaiser, zu Hindenburg und Ludendorff und ihrer ganzen menschenverachteten Soldateska, sie mögen diesem Treiben ohne Rücksicht auf Verluste Einhalt gebieten.

Dem genauen Beobachter dieser Szenerie wäre nicht entgangen, dass einer, inmitten der marschierenden jubelnden Masse, ganz woanders mit seinen Gedanken war. Apathisch, gedankenversunken starrte Fritz Targler ins Leere, sein Gehirn war immun gegenüber den Jubelgesängen. Sein Blick blockiert, ob der vielen lachenden Menschen, den Frauen am Wegesrand, die ihnen mit ihren Taschentüchern zu winkten. Was war passiert, wie konnte er nur in diese Situation kommen. Natürlich unterstützte er das Anliegen der Matrosen und Arbeiter. Er hatte erlebt wohin Kadavergehorsam, Unterwürfigkeit sowie das hohe Gut, seine freie Meinung zu sagen und gegen Unrecht aufzubegehren, führen kann.

Er war Matrose auf dem Panzerkreuzer SMS Prinzregent Luitpold, der an der Skagerrak-Schlacht teilnahm und hatte diese unverletzt überstanden. Im weiteren Kriegsverlauf nahm das Schiff, wie der größte Teil der Kriegsflotte an keinem Gefecht mehr Teil. Die Schlacht im Skagerrak ging ohne Sieger zu Ende. Die deutsche Flotte hatte sich bewährt, doch der Ausgang der Schlacht hatte gezeigt, dass man damit England in diesem Krieg nicht zum Frieden zwingen würde. Die Schlachtschiffe galten als Kern der Flotte, die englische Flotte war der deutschen zahlenmäßig überlegen, deshalb wurden nach der Schlacht die dicken Pötte geschont. Die Schiffe lagen im Hafen, sie waren zu wertvoll. Soldaten dagegen konnte man überall, ob an der Westfront oder Ostfront, verheizen. Das Land sorgte für genügend Nachschub, was für eine verabscheuungswürdige Weltanschauung.

An Bord herrschte eine strenge Hierarchie, die Seeoffiziere waren meist adliger Herkunft und von einem besonderen elitären Geist. Sie blieben weitgehend unter sich. Es war nicht gewollt, und sogar auf manchen Schiffen verboten, sich mit den Deckoffizieren, das waren meist Techniker oder Ingenieure mit akademischer Ausbildung, abzugeben. Sie aber waren für den tadellosen Zustand der Schiffe unersetzbar. Die einfachen Soldaten, die Matrosen und Heizer dagegen waren die letzten Kulis und so wurden sie auch behandelt. Die Offiziere bekamen mehrmals am Tage verschiedenes Essen serviert, für die Matrosen und Heizer dagegen gab es in der Regel eine dünne Suppe, oft von Maden befallenes Brot, Kohlrüben und Dörrgemüse. Außerdem waren die Mannschaften täglich unsinnigen Arbeiten und militärischem Drill ausgesetzt, Disziplin war das oberste Gebot und wurde ohne jede Rücksicht angewandt. Dazu wurde immer öfter der Urlaub gestrichen. Die Kessel mussten unter Dampf gehalten werden, mit dem Ergebnis, dass einige der Heizer, die die Kohlen in die Kessel schaufeln mussten, an Mangelernährung zusammenbrachen. Immer derselbe Trott, Stumpfsinn, die Mannschaften begannen immer lauter zu murren.

Auf einigen Schiffen gab es deshalb Hungerstreiks, die Moral der Marinesoldaten sank auf einen Nullpunkt. Nach weiteren Kürzungen der Rationen sowie Urlaubsverweigerungen unternahmen am 1. August 1917 49 Matrosen und Heizer der SMS Prinzregent Luitpold einen illegalen Landurlaub. Bei anderen Schiffen gab es ähnliche Vorkommnisse, jetzt kam alles zueinander. Kriegsmüde, der ständigen Schikanen und miserablen Essen überdrüssig, kam es auf fast allen Schiffen zu Befehlsverweigerungen. Hierbei entfaltete die Februar Revolution in Russland 1917 ihre ganze Anziehungskraft. Diese Revolution vor Augen lief der Marineleitung der kalte Schweiß den Rücken hinunter.

Diese Rebellion musste verhindert werden. Es galt dieser Entwicklung rigoros Einhalt zu gebieten, in den Augen der Marineleitung war es unumgänglich ein Exempel zu statuieren. Eine Reihe der an den Aktionen beteiligten Matrosen und Heizer wurde verhaftet und den Rädelsführern der Prozess gemacht. Die meisten erhielten Haftstrafen oder wurden an die Front strafversetzt. Die als Haupträdelsführer ausgemachten Albin Köbis, Heizer auf der Prinzregent Luitpold, und Max Reichpietsch, Matrose auf der SMS Friedrich der Große, wurden wegen vollendenden Aufstandes zum Tode verurteilt. Am 5. September 1917 wurden die Todesurteile auf dem Gelände des Schießplatzes Wahn bei Köln vollstreckt. Erschossen!

Quelle: Privatarchiv Mick van Hint

Der Autor am Grab von Albin Köbis und Max Reichpietsch

Militärfriedhof Luftwaffenkaserne Köln-Wahn

Wofür, weil man die Schikanen satt hatte, weil man es gewagt hatte, gegen das katastrophale Essen und der Urlaubsverweigerung zu protestieren? Fritz verstand die Welt nicht mehr, wie konnte er nur zu einem Teil dieses Weltgeschehens werden. Er war dabei bei den 49, die an dem illegalen Landurlaub teilnahmen, aber nur weil sein bester Freund und Kamerad, der Heizer Hugo Milski, auch daran teilnahm. Allein hätte er sich nicht dazu durchringen können. Aber er verstand den Aufstand, alles was er auf dem Schiff erlebte, hatte überhaupt nichts gemein mit seiner Lebensphilosophie. Der Mensch ist frei geboren und als freies Individuum war es erlaubt, ja sogar Pflicht gegen alle Widerstände, die die Freiheit einschränkten, zu rebellieren. Mit Politik hatte Fritz bisher nichts zu schaffen, das reduzierte Denken in den Parteien war ihm zuwider. Er wurde als Mitläufer eingestuft, ein paar Tage eingesperrt und dann mit der Auflage an verschärftem Strafdienst wieder entlassen. Für Hugo Milski war es wesentlich schwieriger, nur sein vorbildliches Verhalten während der Skagerrak-Schlacht, verhinderte dass er strafversetzt wurde zur Blutmühle an die Westfront. Es war nur ein geringer Teil der Matrosen, die 1917 den Aufstand wagten, das Ereignis galt aber als Vorbote an das, was sich ein Jahr später mit weitaus größeren Konsequenzen wiederholen sollte.

Der einsame Entschluss der Marineleitung, die Flotte 1918 in eine aussichtslose Entscheidungsschlacht zu hetzen, war der zündende Funke. Auf nahezu allen Schiffen, auch auf der Prinzregent Luitpold, rebellierten die Mannschaften. Am 28. Oktober verweigerten sie den Dienst, sie wurden festgesetzt und seitdem in Gefangenschaft gehalten. Sie sollten von Kiel aus über Hamburg und Bremen in ein Straflager transportiert werden.

Fritz Targler war völlig desorientiert, er ließ sich einfach mittreiben. Hugo Milski ließ ihn nicht mehr aus den Augen, er kannte Fritz nach den gemeinsamen Jahren sehr gut. Oft genug hatte er ihn während des Krieges in seiner fatalistischen, melancholischen Stimmung erlebt. Er wusste, dass Fritz mit seinem Wesen, mit seiner Einstellung niemals Soldat hätte werden dürfen. Hugo war ein Kamerad, ein Freund, wie man ihn ganz selten findet. Für Fritz überaus wichtig in seiner wenig hoffnungsvollen Situation, ohne ihn wäre er womöglich aus Verzweiflung bei Nacht einfach über Bord gegangen. In Bremen angekommen, gab es einen längeren Aufenthalt. Für die Weiterreise musste Marschverpflegung aufgenommen werden. Anschließend sollte der Transport ins das vorgesehene Straflager weitergeleitet werden. Die Matrosen, allen voran Hugo Milski, verweigerten den Weitertransport. Die Seemannschaften, die als Bewacher fungierten, solidarisierten sich mit ihnen, so blieb dem Bremer Regimentskommando nichts weiter übrig als nachzugeben.

Hugo Milski stammte aus Bremen, er war fünf Jahre älter als Fritz und unehelicher Sohn einer Wäscherin. Die ärmlichen Verhältnisse, in denen er aufwuchs, prägten sein Wesen nachhaltig. Als er 10 Jahre alt war, starb seine Mutter an Typhus und er kam zu seinem Onkel, einem Kohlehändler, ein Trinker mit üblem Charakter. Die Tage waren von nun an von schwerer körperlicher Arbeit und regelmäßen Prügeln geprägt. Sein bisheriges Leben hatte nichts Schönes parat. Im Stillen entwickelte er einen unbändigen Hass auf seinen Onkel, die bürgerlichen Vorzeigemenschen mit ihrer Selbstgefälligkeit, die ihn beim Kohle anliefern herablassender behandelten als einen streunenden Hund.

Auf die ganze Obrigkeit, die sein Gemüt jeden Tag aufs Neue malträtierten und quälten. Mit 16 Jahren schlug er zurück, mit einer solchen Wucht, dass sein Onkel wie eine gefällte Eiche zwischen die Kohlesäcke flog. Sechs Jahre Kohlesäcke schleppen hatte aus ihm einen zähen, überaus kräftigen Jugendlichen gemacht. Danach schlug er sich als Tagelöhner durch, so kam er auch in Kontakt mit SPD Obleuten und der sozialistischen Idee. Dort fand er nicht nur seine politische Heimat sondern auch die Wärme, die Anerkennung, die Zuneigung, die ihm seither verwehrt wurde. Mit dem Eintritt in die SPD war sein weiterer Werdegang als Parteisoldat eigentlich vorprogrammiert. Bis August 1914 - Hugo Milski war einer der ersten die eingezogen wurden, als der 1. Weltkrieg losbrach. Nie wäre es ihm in den Sinn gekommen sich freiwillig zu melden. *Karl Liebknecht, der als einziger im Reichstag gegen den Kriegseintritt stimmte, wurde sein politisches Vorbild. Nach der Spaltung der SPD trat er 1917 sofort der USPD bei.

Jetzt, am 6. November 1918, marschierte Hugo an der Seite von Fritz Targler nach Oslebshausen, um die dort inhaftierten Matrosen zu befreien. 1917 waren sie nicht konsequent genug, jetzt bedurfte es keiner Zurückhaltung mehr. An der Spitze trug ein Matrose eine große rote Fahne, die immer wieder von einem zum anderen weitergegeben wurde. Die Revolution musste fortgeführt werden bis zum Sturz des Kaisers, die Macht der Militärs musste gebrochen werden, genauso wie die Macht des Adels und des Großbürgertums.

Hugo Milski hoffte auf die Revolution nach russischem Vorbild, damit gehörte er allerdings einer Minderheit an. Freudig winkte er den jubelnden Protagonisten am Straßenrand zu, er war in bester Laune. Der überwiegende Teil der revoltierenden Matrosen und Arbeiter aber wollte eine sozialdemokratisch geprägte parlamentarische Regierung, keine Räterepublik nach russischem Vorbild.

Mit breitem Lächeln musterte Hugo Milski Fritz. Sein melancholischer Blick riss Hugo aus seiner triumphalen Laune. Dieser Blick war bekannt, den hatte er oft genug auf der Prinzregent Luitpold gesehen, immer, wenn Fritz am Verzweifeln seiner Lage war, in die er selbst mit seiner einzigartigen Naivität gekommen war.

Besorgt fragte er: „Fritz, was ist los, du siehst aus, als würdest du gleich ins Loch geworfen. Mensch wir holen die Kameraden raus. Freu dich, die Zeit der Ungerechtigkeit, der Schinderei ist vorbei.“

Fritz antwortete: „Da bin ich mir nicht so sicher,“ er hatte ein unbehagliches Gefühl, nur konnte er dies überhaupt nicht einordnen.

Hugo verzog das Gesicht, dann sagte er: „Mensch Fritze, was soll ich mit dir noch machen, schau alle freuen sich, die Welt wird aus den Angeln gehoben, die Zeit des Proletariats beginnt.“

Eine Aussage, die Fritz noch nachdenklicher machte. Die drei Jahre im Krieg stärkten seinen Willen zur unbedingten Freiheit von Körper und Geist. Die Macht des Proletariats schien ihm nicht geeignet, diese Freiheit leben zu können. Hugo ließ sich seine Laune durch das Zweifeln von Fritz nicht vermiesen. Wenige Kilometer vor Oslebshausen kamen ihnen schon eine Abordnung Freigelassener entgegen. Das Bremer Garnisons-Kommando hatte mittlerweile auf Druck der zurückgebliebenen Matrosen und Arbeiter die Freilassung der Arretierten gebilligt.

Bei der Zusammenkunft herrschte überschwängliche Freude, Matrosenhüte wurden in die Luft geworfen und man fiel sich herzlich in die Arme. Der ärmliche körperliche Zustand sowie die äußerst mangelhafte Bekleidung der Inhaftierten trieb nicht wenigen der Befreier die Zornesröte ins Gesicht. Am liebsten wären einige zurück marschiert, um bei den Verantwortlichen der Haftanstalt ihr Mütchen zu kühlen. Doch die Besonnen unter ihnen, Hugo Milski gehörte nicht dazu, hielten sie zurück. Die Internationale singend wälzte sich der ganze Tross zurück nach Bremen. Dort gab es in der Zwischenzeit erste Anstrengungen einen Arbeiter und Soldatenrat zu bilden, der sollte sich aus Angehörigen der SPD, USPD und der Bremer Linksradikalen zusammensetzten.

Der Marktplatz war proppenvoll, ein buntes Durcheinander, Arbeiter beider Geschlechter, Matrosen, Standortsoldaten und dazwischen viele Polizeibeamte, die sich der Bewegung anschlossen. Niemand hätte dieses Geschehen aufhalten oder unterbinden können, eine Ordnungsmacht gab es am heutigen Tag und in den nächsten Wochen keine. Diejenigen Soldaten und Matrosen, meistens Offiziere, die mit der Revolution nichts gemein hatten, waren von Kopf bis Fuß monarchistisch eingestellt. Doch sie waren an diesen Tagen in nahezu allen Städten nur eine Minderheit, und wer am Leben hing, hielt besser seinen Mund.

Die Redner, die sich auserkoren fühlten, eine Ansprache zu halten, drängten nach vorne und versuchten, sich gestenreich Gehör zu verschaffen. Überall gab es Zustimmung, großes Gejohle unter frenetischem Schwenken der roten Fahnen. Die bewaffneten Matrosen und Soldaten trugen als Zeichen der Revolte ihre Gewehre geschultert mit den Gewehrläufen nach unten. Fritz hatte genug Reden gehört, er war genug marschiert am heutigen Tag und selbst der jetzt glühende Revolutionär Hugo Milski hatte zumindest für heute genug. Die lange Zeit der Entbehrungen sollte nun vorerst vorbei sein, in Hugos Gesicht übernahm von einer Sekunde auf die andere ein verschmitztes Lächeln die Oberhand. Sein Mund verformte sich zu einem breiten Grinsen und er nahm Fritz freundschaftlich in den Arm.

Dann sagte er: „Fritz, ich glaube für heute habe wir genug erreicht, komm einfach mit mir, zu Lizzy, die wird bestimmt schon auf mich warten. Da gibt’s sicher ein warmes Essen und ein Bett für die Nacht für uns.“

*Herman Lehmann, Herman der Apache (geboren 1859 — gestorben 1932)

*Karl Liebknecht (geboren 1871 — ermordet Januar 1919) war der Sohn von Wilhelm Liebknecht, einem der Gründerväter der Sozialdemokratischen Partei Deutschlands SPD. Karl Liebknecht trat 1900 in die SPD ein, und gehörte zusammen mit Rosa Luxemburg zum linksrevolutionären Flügel der Partei. Beide waren sie konsequente Kriegsgegner. Sie ließen sich nicht, wie die große Mehrheit in der SPD, von Kaiser und Militär von einem unausweichlichen Krieg überzeugen. Diese Haltung vertraten beide auf öffentlichen Kundgebungen. Karl Liebknecht stimmte als einziger SPD Abgeordneter nicht für die Kriegskredite. Das machte sie in den Augen der Militärs umgehend zu Staatsfeinden und beide wurden wegen Hochverrats und Majestätsbeleidigung als Vaterlandsverräter ins Zuchthaus gesperrt.

Lizzy, Paula und die Barkasse

Fritz kannte Elisabeth, wie Lizzy mit richtigem Namen hieß, bisher nur aus Hugos Erzählungen. Jedes Mal, wenn er nach dem Landurlaub wieder zurück kam aufs Schiff, machte er einen total entspannten Eindruck. Der hielt nicht lange an, aber er schwärmte geradezu überschwänglich von Lizzy und ihrem fürsorglichen, ja mütterlichen Wesen. Fritz war seit seiner Teilnahme am Matrosenaufstand im August 1917 nur noch einmal zuhause in München. Obwohl er dabei nur passiver Teilnehmer war, machten ihm sein Vater und vor allem sein Großvater große Vorwürfe. Ja sein Großvater schämte sich sogar für seinen Enkel, alles endete in einem großen Streit. Fritz machte sich nicht mal die Mühe auszupacken, wutentbrannt und voller Zorn über diese unterwürfige und einfältige Einstellung machte er sich gleich wieder auf den Weg zurück nach Wilhelmshaven. Sein Großvater schrie ihm hinterher „Ja, hau nur ab zu deinen vaterlandslosen Gesellen, ein deutscher Soldat führt Befehle aus und revoltiert nicht, merk dir das.“ Nur seine Mutter schluchzte wieder in ihre Schürze, leise murmelte sie „Pass auf dich auf mein Junge“ vor sich hin ohne dass jemand davon Notiz nahm.

Lizzy arbeitete in der Küche der Barkasse, einer Kneipe im Bremer Steintorviertel. Diese Stellung verhalf ihr zu einer privilegierten Position. Seit dem Winter 1916/17 herrschte in Deutschland eine Hungersnot, ausgelöst durch Missernten und der englischen Seeblockade. Sie schaffte es dennoch immer wieder genug zu organisieren. Der Wirt der Barkasse, der zwei Meter große ehemaliger Werftarbeiter und Nieter Oswald Kück, war ein Schrank von einem Mann. Er gehörte zu den ersten Mitgliedern in der USPD Bremens, seine Frau starb vor Jahren an Tuberkulose.

Lizzy war mit ihren 22 Jahren die gute Seele der Barkasse, und Oswald Kück beschützte sie, wie seine eigene Tochter. Die Gäste der Kneipe bestanden hauptsächlich aus ehemaligen Kollegen Kücks, wenn es zu viel wurde und die angeheiterten Gäste versuchten, an Lizzy herumzufummeln, genügte meist ein strenger Blick des Wirtes. Wer es dann noch nicht begriffen hatte, der landete mit dem Kopf voraus im Straßengraben.

Nachdem Hugo Lizzys Herz erobert hatte, nahm ihn Oswald Kück zur Seite und machte ihm unverständlich klar, dass wenn er Lizzy schlecht behandelte, er Hugo die schlimmsten Schläge seines Lebens verabreichen würde. Hugo hatte nicht vor, Lizzy schlecht zu behandeln, aber er wusste, obwohl er eigentlich vor niemand Angst hatte, dass das absolut ernst gemeint war. Die Barkasse war total überfüllt, wie nahezu alle Kneipen in Bremen an diesem Tag. Hugo stieß die schwere Holztür zurück und beide kämpften sich durch die rauchgeschwängerte Luft an den wild diskutierenden Gästen vorbei zur Theke. Als Lizzy ihn sah, stieß sie einen lauten Jauchzer aus, machte schnell ihr wirres Haar eine wenig zurecht stürmte vorbei an den überraschten Gästen auf Hugo zu und fiel ihm strahlend um den Hals.

Vorwitzig sagte sie: „Hugo, Mensch ich dachte sicher, dich hätten sie irgendwo eingebuchtet. Du kannst doch deine Klappe nicht halten, bist doch immer vorne dabei.“

Fritz stand ein wenig unsicher daneben, nach der ersten Euphorie schaute ihn Lizzy über Hugos Schulter lächelnd an. Voller Neugier wandte sie sich an ihren Freund, „Ja was hast du uns denn da für einen schönen Matrosen mitgebracht.“

Lizzy ließ Hugo los und wandte sich interessiert an Fritz, „Wie heißt du denn, wo kommst du her?“ Fritz wurde ganz verlegen, und ehe er was sagen konnte, fiel ihm Hugo ins Wort.

„Lizzy das ist Fritz, pass gut auf ihn auf, er kommt aus München und er ist vollkommen unverdorben. Ein kleiner anarchistischer Träumer, aber völlig unbefleckt, mein einziger Freund und Kamerad in der Marine.“

Lizzy lächelte, dann sagte sie: „Ein fescher Bayer, so so, na dann geht mal nach oben in meine Kammer. Ihr wollt euch doch bestimmt ein wenig frisch machen, so wie ihr ausseht. Ihr seht ja, was heute los ist, ich bringe euch nachher warmes Wasser und etwas zu essen hoch. Aber ich sage es euch gleich, außer Brot und Kartoffeln kann ich nichts weiter bieten. Vielleicht kann ich noch ein kleines Stück Fleischwurst oder ähnliches dazulegen, mal sehen.“

Oswald Kück beobachtete die Szene von seinem Platz hinter der Theke aus, als sich die beiden an ihm vorbei zu der nach oben führende Treppe drängten, hielt er beide kurz zurück. Mit ernster Miene sagte er: „Na, Hugo jetzt ziehen wir die Revolution durch, ohne Rücksicht auf Verluste. Wie Lenin in Russland.“ Sie sahen sich dabei tief in die Augen, und Hugo bestätigte die Aussage mit einem überzeugten und selbstbewussten Kopfnicken. Der feine Suppengeruch aus der Küche war die enge Treppe hochgezogen, beide atmeten ihn im nach oben gehen tief ein. Dieser angenehme Duft war Balsam für ihre wenig verwöhnten Nasen. Lizzy Zimmer lag im ersten Stock, eine kleine Kammer mit einfachster Ausstattung.

Ein Bett, ein kleiner runder Tisch mit zwei Stühlen sowie eine große Wäschetruhe waren ihr ganzer Luxus. Neben der Truhe stand noch ein alter Hocker, auf dem sich eine recht große metallene Waschschüssel befand. Sie setzten sich müde an den Tisch, es dauerte keine fünf Minuten und beide nickten im Sitzen ein. Nach einer halben Stunde kam Lizzy mit einer großen Kanne heißem Wasser, was die zwei ermatteten Krieger nur unterschwellig wahrnahmen. Im Hinausgehen drehte sie sich nochmals um.

Ihre Stimmlage hatte sie jetzt bewusst angehoben, „In 15 Minuten bringe ich was zu essen, bis dahin habt ihr euch wenigstens Gesicht und die Hände gewaschen.“

Fritz reagierte überhaupt nicht darauf, er befand sich auf dem Weg zum Tiefschlaf. Hugo hob nur beschwichtigend die Arme, ohne dabei die Augen zu öffnen. Schelmisch grinsend knallte sie die Türe hinter sich zu, was zur Folge hatte, dass beide erschrocken die Augen aufrissen, hochschnellten und in bester Matrosenmanier stramm standen. Nachdem sich im Kopf wieder eine gewisse Klarheit eingestellt hatte, stammelte Hugo, „So ein Luder, auf Fritz, gehen wir es an, bevor das Wasser kalt wird.“ Wie sie es versprochen hatte, brachte Lizzy für jeden einen Teller mit zwei gekochten Kartoffeln, eine große Scheibe Brot und einem kleinen Stück Pferdefleisch. Dazu zwei frisch gezapfte Biere. Mit offenem Mund und ergriffen, musterte Fritz Hugos Flamme, als sie alles auf den Tisch stellte. Lizzy war ein schönes zierliches Mädchen mit blonden, lockigen Haaren und großer Energie, man sah ihr die schwere körperliche Arbeit nicht an.

Ausgehungert genossen beide dieses Festmahl und ganz langsam wurde ihnen bewusst, dass der Krieg, den beide, wenn auch aus unterschiedlichen Gründen, hassten, vorbei war. Doch, was noch vor ihnen lag, das wussten sie nicht, das war auch besser so, sonst wäre ihnen womöglich das Essen im Halse stecken geblieben.