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Ostdeutschland im 18. Jahrhundert v. Chr.: In den Wäldern der Mittelgebirge kämpfen die letzten Jäger verzweifelt gegen den Landhunger der Ackerbauern. Ringheiligtümer dienen als Sonnenkalender und blutige Opferrituale sollen dem Volk von Albia eine reiche Ernte bescheren. Nach einem feigen Mord verlassen die beiden Fürstensöhne, Arben und Burnaby, ihre Heimat und begeben sich auf eine lange, gefährliche Reise. Im fernen Babylon führt König Hammurapi Krieg, um die Ehre des Stadtgottes Marduk zu mehren und das Reich zu erweitern. Seine Gesetze sind in Stein gemeißelt, und weise Priester ergründen die Geheimnisse des Universums. Stürme und Erdbeben gefährden die Rückkehr der Fürstensöhne, und der Opfertod scheint unausweichlich. Doch da begibt sich Alruna, die Schamanin, in die Anderswelt und erkennt ihre wahre Bestimmung ... Dieser historische Roman ist der erste Teil einer Reihe zur Bronzezeit. Im Mittelpunkt steht die Himmelsscheibe von Nebra. Im vorliegenden Band erfährt der Leser die Geschichte, wie das darin verschlüsselte astronomische Wissen von Babylon, bis in unsere Breiten gelangt sein könnte.
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Seitenzahl: 639
Veröffentlichungsjahr: 2025
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Fiktive Personen
Volk von Albia:
Arben:
jüngerer Sohn von Großhäuptling Bohdan
Arix:
Gesandter und Diplomat Albias
Bohdan:
Großhäuptling von Albia
Burnaby:
älterer Sohn Bohdans
Gayar:
Rayhans Sohn
Gyla:
Nebenfrau Bohdans und Gayars Geliebte
Myrna:
Bohdans Hauptfrau, Mutter von Arben und Burnaby
Rayhan:
Bohdans Vetter und Stellvertreter
Taraya:
dritte Frau Bohdans
Tatunka:
Schamane des Volkes von Albia
Uphyr:
Schmied der Himmelsscheibe
Morrigan:
Junge Priesterin der Mondgöttin
Jägerstämme:
Agyra:
erst Anoks, später Alioths Gefährtin
Alioth:
Krieger der Jäger
Alruna:
Schamanin der Jägerstämme
Anok:
Krieger und Anführer des Jägerstammes
Geras:
Stammesältester der Jäger
Geyfry:
Kriegerin der Jäger
Gwynoth:
junger Krieger der Jäger
Norika:
Jägerin
Minoer:
Atina:
Königin der Insel Thera
Kyria:
Taxidos Schwester
Oikonidos:
minoischer Händler und Schiffsführer
Taxidos:
minoischer Entdecker und Gesandter
Babylonier:
Abu-Bani:
Lehrer im Haus, das Tontafeln zuteilt
Ea-ibni-schu:
weiser Priester und Arbens Lehrer
Qingu:
Elitekrieger in Hammurapis Armee
Shadrach:
Hauptmann im babylonischen Heer
Siduri:
Schankwirtin
Sonstige:
Wetefte:
Fürst des Dorfes an der nördlichen Adria
Mortin:
Fürst auf der Zinninsel
Historische Personen:
Hammurapi:
König von Babylon
Zimri-Lim:
König von Mari
Rimsin:
König von Larsa
Götter:
Erdmutter:
Schutzherrin des Bodens und der Fruchtbarkeit
Chono: Asasara:
Herr der Tiere, großer Geist der Jäger minoische Sonnen- und Himmelsgöttin
Babylonische Götter:
Anu:
Hauptgott
Enlil:
Gott des Windes
Ea:
Gott des Urmeeres und des Wissens
Ishtar:
Göttin des Krieges und der Liebe
Marduk:
Stadtgott von Babylon
Nergal:
Gott der Unterwelt
Shamash:
Sonnengott
Sin:
Mondgott
PROLOG
KAPITEL 1
KAPITEL 2
KAPITEL 3
KAPITEL 4
KAPITEL 5
KAPITEL 6
KAPITEL 7
KAPITEL 8
KAPITEL 9
KAPITEL 10
KAPITEL 11
KAPITEL 12
KAPITEL 13
KAPITEL 14
Ihr dünnes weißes Haar spann sich wie Spinnweben über das Bett aus hartem, rauem Sandstein, als sich langsam eine zarte, weiße Hand unter ihren Hinterkopf schob. Müde öffnete sie ihre milchig blauen Augen, ausgebleicht vom Licht der langen Jahre, die sie nun schon in der Welt der Lebenden weilte. Prüfend glitten ihre Blicke über das Antlitz der jungen Frau und sahen ein ebenmäßiges Gesicht von bemerkenswerter Schönheit. Doch etwas schien nicht zu stimmen. Langsam bewegten sich ihre dünnen Spinnenfinger auf das Gesicht des Mädchens zu, um das lange, blonde Haar nach hinten zu schieben. Rötlich schimmerte die rechte, ihr abgewandte Gesichtshälfte, im fahlen Mondlicht. Verbrannte Haut überspannte, wulstige Narben bildend, den kompletten Bereich zwischen Unterkiefer und Schläfe und von dem Ohr war nur noch ein grotesk verwachsener Knorpel übrig. – Einerlei. Großen Kummer zu ertragen war eine Prüfung und nur wer imstande war ihn hinter sich zu lassen, nicht daran zerbrach, würde gestärkt an Geist und Seele, den ihm von den Göttern vorbestimmten Weg gehen können. – Von Bedeutung war ausschließlich, dass dieses Kind hierher zu ihr gefunden hatte. Hierher in den Felsentempel der Mondgöttin, der wie eine mächtige, steingewordene Hand, aus dem im Wind rauschenden Blätterdach des Waldes grüßte.
In gedankenverlorener Betrachtung mäanderten zusätzliche Falten über das von unzähligen Runzeln zerfurchte Gesicht, das moosbewachsen und alt war, wie die Borke einer tausendjährigen Eiche. Nach und nach entspannten sich ihre Züge und langsam erhob sie die linke Hand, um mit den ledrig-harten Fingerkuppen die vernarbte Wange des Mädchens zu streicheln. Still ließ die Besucherin dies geschehen, unterdessen ihre grünen Augen scheu durch das Halbdunkel der Höhle wanderten: schnell hinweg über den mit getrocknetem Blut besudelten Altar, hin zu den bizarren Sandsteinsäulen schweifend, durch deren Lücken das Mondlicht schien, registrierte sie schaudernd die getrockneten Fledermausschwingen, die von der Höhlendecke baumelten, um schließlich an einem mit weißen Federn besetzten Kleid haften zu bleiben, das an einem Steinpfeiler hing. Hier also war der Ort ihrer Bestimmung. Langsam kehrte ihre Aufmerksamkeit zu der Greisin zurück, deren Körper leicht wie dürres Reisig, auf ihrem Arm ruhte.
»Da du mich nun gefunden hast, wird meine Zeit bald abgelaufen sein«, stellte die Alte mit brüchiger Stimme fest und tätschelte dankbar ihre warmen Hände. »Wie lautet dein Name?«
»Meine Eltern nannten mich Morrigan«, antwortete das Mädchen schüchtern und nestelte an dem härenen Kleid, das auf der wilden Flucht durch die Wälder, von Zweigen und Dornen ganz zerschlissen war.
»Nun Morrigan, ich spüre schon seit geraumer Zeit, dass mich meine Kräfte langsam verlassen. Indem die Göttin dir den Weg hierher gewiesen hat, bekundet sie, dass du nun meinen Platz einnehmen sollst. Schließlich bin auch ich vor langer Zeit durch die Wälder geirrt, um hier an diesem Ort die vormalige Priesterin zu finden, die damals genauso alt und müde war, wie ich es nun bin. Doch bevor ich mich ins Reich meiner Ahnen begebe, will ich dir berichten was sich zugetragen hat seit den Tagen, da der geschmiedete Himmel unserem Volk für kurze Zeit das Fenster der Erkenntnis öffnete. Seine Geschichte ist eng verknüpft mit dem Schicksal zweier Häuptlingssöhne, die ich persönlich gekannt habe. Damals war das Blut, das diesen jetzt so alten und gebrechlichen Körper durchströmt, noch warm und voller Lebenslust, bis der Tag kam, da ich die größte Schuld auf mich geladen, die ein Mensch begehen kann: Das Leben derer zu zerstören, die man doch am innigsten liebt. – Seit jenem Tag ist mein Name verflucht unter den Lebenden und ich legte ihn ab, um in die Wildnis zu fliehen. – Doch statt mir einen gnädigen Tod zu gönnen, berief mich die Mondgöttin zu sich und lenkte meine Füße an diesen Ort. Seit jenen Tagen lebe ich hier, dem Wanderer sein Schicksal zu deuten, eine Mittlerin zwischen Göttern und Menschen. – Heute kennen nur noch die Eulen meinen Namen.«
Arben, der jüngere Sohn des Großhäuptlings Bohdan, war bereits von Kindesbeinen an etwas außergewöhnlich. Unterdessen seine Kameraden sich in wilden Raufereien erprobten, in den Wäldern der Umgebung umherstreiften und sich in Mutproben gegenseitig herausforderten, saß er oftmals reglos da und beobachtete die Waldameisen in ihrem Bau, die Verpuppung einer Raupe oder die vielen anderen kleinen Wunder, die geeignet waren, seine Aufmerksamkeit zu erregen. Seine Eltern schenkten dieser Eigenheit wenig Beachtung, war doch sein älterer Bruder bereits dafür vorgesehen, dereinst in die Fußstapfen seines Vaters, Häuptling Bohdans, zu treten. Doch dann kamen Ereignisse in Gang, die geeignet waren sein Leben in andere Bahnen zu lenken und die zweifellos auf das Wirken der Götter zurückzuführen sind:
Die Morgendämmerung warf ein fahles Licht auf die reifüberzogenen Wiesen. Fröstelnd stellte sich Arben auf die Zehenspitzen und reckte den Hals. Er hatte diesen Augenblick seit Langem herbeigesehnt und nun versperrten breite Kriegernacken seine Sicht. Das Gedränge war ihm zuwider und aller Neugier ungeachtet versuchte er, Abstand zu wahren. Unvermittelt ging ein Raunen durch die Menge. Ein heller Schein am östlichen Firmament kündete von der baldigen Ankunft des Sonnengottes. Würde er auch in diesem Jahr seine Strahlenbündel durch das mächtige Tor aus Eichenstämmen schicken? – Alle Augen richteten sich wie gebannt auf den flachen Altarstein, im Zentrum des innersten Kreises der Anlage. Die unter einem Wolfspelz kauernde Gestalt verschmolz im Halbdunkel mit der Erde. Vereinzelte Trommelschläge ertönten, weitere gesellten sich hinzu, verdichteten sich zu einem hypnotischen Rhythmus und langsam taumelnd erhob sich die asketische Gestalt Tatunkas. Dunkel stachen die Augen aus seinem wettergegerbten Gesicht, braun und faltig wie getrocknete Tierhaut. Ein wilder angegrauter Bart, am unteren Ende zu einem Zopf geflochten, wallte über den gedrungenen Körper, und das zerzauste Haupt eines Wolfes thronte auf seinem Kopf. Mit ausgespreizten Armen drehte sich der Schamane langsam im monotonen Takt der Trommeln, bog seinen sehnigen Körper wie eine Weide im Wind, ein wenig ungelenk und bar jeglicher Grazie. Erste Sonnenstrahlen gleißten durch das Ostportal. Der Rhythmus wurde schneller und wilder der Tanz. Immer groteskere Figuren wagend, wirbelte der Schamane umher, mal ungestüm dann wieder taumelnd, bis der junge Feuerball vollständig aufgegangen war und seine Strahlen durch des Tores Mitte flammten. Die Trommelschläge verhallten und der Schamane erstarrte inmitten seiner Bewegung, um unversehens auf die Knie zu fallen und den Sonnengott mit weit ausgestreckten Armen zu begrüßen. Am Abend würde die Sonne im gegenüberliegenden Tor zu sehen sein, bevor sie untergehen und die Nacht genau gleich lang wie der vorangegangene Tag sein würde. Der Frühling hatte die Frostgeister vertrieben und die Zeit der Aussaat stand bevor.
Arbens Augen hingen an dem Schamanen, der verzückten Blickes in die Sonne starrte. Er durfte dieser Feier, nach seiner Mannwerdung im vergangenen Winter, zum ersten Mal im Kreis der Krieger beiwohnen. Tief sog Arben die kühle Morgenluft in seine Lungen und spürte die Kraft dieses heiligen Ortes. Von weit her waren alle Menschen angereist, deren Äcker dem Territorium Albias zugehörten.
Das Ringheiligtum bestand aus sieben konzentrischen Gräben, Wällen und Pfostenkränzen. Die Jahre zuvor hatte er auf den äußeren Ringwällen bei den Frauen und Kindern der Freien gestanden und versucht, durch die Lücken zwischen den eng stehenden Palisadenpfählen, einen Blick auf die Geschehnisse im Inneren zu erhaschen. Dabei waren die Familien der Freien besser dran als die Knechte, denen das Betreten der Anlage nicht gestattet war. Arben wusste, dass seine Ahnen dieses Heiligtum erbaut hatten, gemäß dem Vorbild eines noch viel älteren Heiligtums, weit draußen, auf den Zinninseln in den westlichen Meeren. – Stolz stand er nun neben Burnaby, seinem älteren Bruder, der heute bereits zum dritten Mal im Kreis der Krieger das Frühjahrsfest beging.
Arben blickte hinüber zu seinem Vater. Bohdan saß auf einem hölzernen Thron, der im innersten Kreis auf einer Empore stand. Als Großhäuptling des Volkes von Albia war es seine Aufgabe, der Muttergöttin zu opfern. Ein von grauen Strähnen durchzogener Vollbart wallte ihm über die Brust und sein Gesicht war eingerahmt von langen Zöpfen, an denen goldene Lockenringe funkelten. Die Rechte umspannte den Schaft eines gewaltigen Steinbeils, die Legitimation der Macht und Beweis der uralten Abstammung seines Trägers. Über viele Generationen war es aus der Hand des Vaters in die Hand des Sohnes übergegangen und ließ sich zurückverfolgen bis zu dem mächtigen Ahnen, dessen Gebeine unter einem der sieben Grabhügel unweit der Siedlung ruhten. Der Urahn hatte alles Land beherrscht, lange schon bevor die Krieger aus dem Osten mit ihren furchteinflößenden Bögen eingewandert waren. Doch statt sich in endlose Kriege zu ergehen, hatte er Axt und Bogen vereint und so ein starkes Volk geschmiedet, das Volk, das nun die fruchtbaren Böden des Landes so zahlreich bevölkerte.
Einst würde auch Bohdan die mächtige Streitaxt einem seiner Söhne vermachen. Arben warf einen eifersüchtigen Blick auf Burnaby, der ungeachtet seiner Jugend bereits zu den stärksten Kriegern des Volkes gehörte. War es nicht ungerecht, dass ausnahmslos der älteste Sohn, in die Fußstapfen des Vaters treten sollte? Wie oft hatte er heimlich an der Türe des Versammlungshauses gelauscht, wenn sich dort die Häuptlinge beraten hatten? Hatte versucht, die Zusammenhänge des Gesagten zu begreifen, sich eine eigene Meinung zu bilden. – Burnaby unterdessen war lieber mit seinen Freunden durch die Wälder gestreunt. Jagen und Kräftemessen waren ihm von jeher wichtiger gewesen, als den Erzählungen der Alten zu lauschen. Weshalb sollte der größte Raufbold des Dorfes, dereinst die Geschicke Albias lenken? Hatte der Großhäuptling hierfür nicht seine Krieger? – Arbens Aufmerksamkeit kehrte zu dem Großhäuptling zurück und unversehens wusste er die Antwort: Burnaby war das verjüngte Ebenbild seines Vaters.
Langsam erhob sich Bohdan von seinem Thron. Die breiten Schultern wirkten unter dem dicken Fell eines Braunbären nur umso mächtiger. Das Gewand aus grün gefärbter Wolle und der große Bronzedolch an seinem Gürtel strahlten Macht und Würde aus. Als sichtbares Zeichen seiner Herrschaft prunkte an Bohdans Unterarm ein massiver Ring aus lauterem Gold.
Weit reckte er die steinerne Streitaxt empor, um mit donnernder Stimme zu rufen: »Bringt die Gefangenen herbei!«
Am Südtor der Anlage teilte sich die Menge. Zwei Krieger führten, von Trommelschlägen begleitet, drei junge Männer und ebenso viele junge Frauen herein. Nackt, die schmutzigen Beine aneinandergefesselt, trippelten sie mit kleinen Schritten in das Zentrum der Anlage. Ihre Hände hatte man ihnen auf den Rücken gebunden. Grimmig blickten die in die hölzernen Pfosten geschnitzten Dämonen auf sie herab, als sie das Tor durchquerten. An dem Altarstein angelangt machte die kleine Gruppe halt. Bohdan war von den Stufen der Empore gestiegen und schritt würdevoll auf sie zu. Als er bei ihnen angekommen war, ergriffen die beiden Krieger den ersten Mann und zwangen ihn auf die Knie. Eine kräftige Faust packte ihn beim Haaransatz, um ihm den Kopf nach hinten zu reißen. Bohdan trat heran und zerschnitt mit seinem Bronzedolch die Gurgel des Mannes. Im schnellen Rhythmus des in Todesangst galoppierenden Herzschlags spritzte das Blut stoßweise auf den Altarstein, floss an seiner abschüssigen Vorderkante herunter, um sich in einer Bodenkuhle zu sammeln. Tatunka fiel auf die Knie und betete mit lauter Stimme:
»Allmächtige Erdmutter, nimm dieses Opfer an. – Möge das Blut dieses Mannes deinem Schoß Fruchtbarkeit schenken. – Mögen seine Knochen die Felder düngen und sein Fleisch deinen Leib mästen!«
Nachdem das Opfer ausgeblutet war, zerteilte Bohdan den Leichnam auf dem Altarstein und drei Priesterinnen zerschlugen tönerne Krüge und Schalen. Als sie Scherben und Leichenteile eingesammelt hatten, trugen sie diese unter den Beifallrufen des Volkes aus dem heiligen Bezirk, um sie hinter dem Palisadenzaun in eine der Erdgruben zu werfen. Mit schreckgeweiteten Augen hatten die übrigen Gefangenen die Szene verfolgt, doch keinem von ihnen kam ein Klagelaut über die Lippen. Schon wurde der nächste zur Schlachtbank geführt und Bohdan versenkte die Klinge in seinem Hals.
Inständig hoffte er, dass sein Opfer angenommen würde. Eine schlechte Ernte konnte auch dem mächtigsten Häuptling zum Verhängnis werden. An Tatunka lag es, die Sterne richtig zu deuten und den Zeitpunkt für die Aussaat zu bestimmen. Nichts war so gefährlich wie ein später Frost, der die jungen Keimlinge vernichtete. Ein solches Ereignis zeigte, dass die Götter dem Volk zürnten. Dieses Opfer sollte sie gewogen machen. Wenn sie es jedoch ablehnten, würde auf ihm, dem Großhäuptling, der Vorwurf lasten, die Gunst der Götter verloren zu haben.
Routiniert öffnete Bohdan die Kehle des dritten Mannes und ließ seine Blicke durch die Reihen der Krieger schweifen. An einem finsteren, mit einem prächtigen Umhang aus Hirschleder bekleideten Mann blieben sie haften. Rayhan, sein Vetter und Stellvertreter verfolgte mit lauernden Blicken jede seiner Bewegungen. – Auch er konnte mit einer lückenlosen Linie zu dem mächtigen Urahnen aufwarten. Vorneherum loyal tuend, würde er jede Schwäche Bohdans nutzen, um sich in Position zu bringen.
Als die dunkle Erde auch das Blut der drei Frauen aufgesogen und ihr Fleisch die Erdmutter ergötzt hatte, präsentierte Bohdan die Steinaxt und marschierte, eskortiert von seinen Kriegern, im Takt der Trommeln zum Westtor der Anlage. Das Ritual war vollbracht, das Fest konnte beginnen. Unter dem Jubelgeschrei der Zuschauer verließ er das Heiligtum und alles Volk reihte sich hinter ihm ein, um ihm zum Ausgang zu folgen. Einzig der Schamane kauerte immer noch vor dem Altarstein. Er würde bis zum nächsten Morgen verbleiben und die heiligen Bräuche vollziehen. – Mit monotoner Stimme rezitierte er die magischen Verse, unterdessen sein Oberkörper rhythmisch auf und ab wippte. Plötzlich fiel er auf den Rücken und sein ganzer Leib wurde von Krämpfen geschüttelt. Seine Haut wurde dunkel und das Gesicht nahm einen befremdlichen Ausdruck an. Die Augen hatten sich so weit nach hinten verdreht, dass nur noch das Weiße zu sehen war und aus seinem Mundwinkel troff blutiger Schaum. Die heiligen Pilze hatten ihm den Kontakt mit der Anderswelt eröffnet. – Die Einwohner von Albia vertrauten seinen Fähigkeiten. Wenn er an ihr Lager gerufen wurde, weil sie krank daniederlagen, begab er sich auf Reise in ihr Inneres, um die Ursache des Leidens zu ergründen. Und wenn die Götter es erlaubten, dann konnte er die Krankheit aus ihren Körpern saugen und sie heilen. Bei allen wichtigen Entscheidungen, ob nun ein Feldzug bevorstand oder neue Handelsbeziehungen geknüpft werden sollten, begab er sich auf Reisen, um von den Geistern der Ahnen Rat und Hilfe zu erfragen. Wenn kein Nebel seinen Blick trübte und er die Zeichen zu deuten verstand, dann konnte er seinem Volk die rechten Weisungen erteilen.
Arbens Gefühle den Priester betreffend wankten zwischen Bewunderung und heiliger Scheu. Freudig lauschte er den Erzählungen des weisen Mannes, ließ sich den Lauf der Gestirne erklären und deren göttliche Bedeutung. Doch in Augenblicken wie diesen fürchtete er sich vor ihm. Als er seinen Vater einmal gefragt hatte, wie man ein Schamane würde, hatte dieser ihm geantwortet: »Tatunka war einst ein einfacher Bauer. Doch bereits in jungen Jahren suchten die Menschen ihn um Hilfe an. Irgendwann hatte er keine Zeit mehr, das Korn auszusäen. – Man lernt nicht ein Schamane zu sein, man wird von den Geistern dazu berufen.«
Auf dem Festplatz außerhalb der Anlage begannen die Krieger, im Rhythmus der Trommeln zu tanzen, während in großen Bronzekesseln Bier herbeitransportiert wurde. Frauen verteilten dunkle Tassen aus poliertem Ton. Andere entfachten Feuer und bald hing der Geruch von gebratenem Schweine- und Ziegenfleisch über dem Festplatz. Auch Arben hatte sich in die Schlange vor den Kesseln eingereiht. In der linken Faust hielt er die Keule eines Zickleins und kaute. Es war das erste Mal, dass er mitfeiern durfte. Verdünntes Bier hatte er schon öfter getrunken. Doch das zum Fest der Erdmutter ausgeschenkte Gebräu war stärker und mit würzenden Kräutern versetzt. Unsicher tauchte er den Becher ein und nippte vorsichtig. Süßlich malziger Geschmack flutete seinen Gaumen und warm stieg ihm der Alkohol zu Kopf. Nach einem weiteren Schluck war alle Unsicherheit verflogen und mutig schritt er auf eine Gruppe junger Krieger zu, bei denen auch Burnaby stand. Schon von Weitem johlten sie und als er sie erreicht hatte, rief Burnaby:
»Arben, schön, dass du nun auch dazugehörst. – Komm und trink mit uns.«
Stolz nahm Arben einen tiefen Schluck. – Fast schämte er sich der Eifersucht, die ihn oftmals beim Anblick seines Bruders befiel. Wenn dieser den Speer weiter schleuderte als er, sich im Umgang mit den Waffen als geschickter erwies und selbst den starken Bogen ihres Vaters mühelos spannte. – Burnaby war nicht nur stark, sondern bei den anderen jungen Männern auch sehr beliebt. Züge wie Neid und Eifersucht schien er nicht zu kennen – doch das mochte vielleicht auch daran liegen, dass er dies gar nicht nötig hatte. Und vermutlich war es genau das, was Arben am meisten ärgerte. Was hätte er dafür gegeben, so groß und kräftig zu sein wie Burnaby. – Doch je mehr Bier Arben trank, desto ferner rückten alle schlechten Gedanken.
Die jungen Männer prahlten mit ihren Jagderlebnissen und hier konnte auch Arben, der ein geschickter Bogenschütze war, mitreden und erzählte von dem Luchs, den er erlegt hatte. Anerkennend klopfte ihm ein junger Krieger auf die Schultern. Arben schrak zusammen, blickte konsterniert in die Runde und rückte etwas ab. – Er hasste diese kumpelhaften Rituale, dieses sich auf den Rücken schlagen, in den Haaren raufen oder Wangen tätscheln. – Die anderen Männer blickten ihn verwundert an. Sogleich mischte Burnaby sich ein und versuchte lachend die Situation zu überspielen: »Denk dir nichts. Mein Bruder ist nur etwas schreckhaft.« Darauf entspannten sich die Gesichter und die jungen Männer kehrten zurück zu ihren Jagderlebnissen. Burnaby, der Einzige in der Gruppe um dessen Hals eine Kette aus Bärenzähnen hing, hatte sich bislang zurückgehalten. Interessiert hörte er den anderen zu und stellte nur ab und an eine Frage, lächelte freundlich und strich sich eine Strähne seines langen blonden Haars zurück. Nun drängten ihn die Krieger, die Geschichte mit dem Bären zu erzählen. Zögerlich gab er ihren Wünschen nach, verzichtete jedoch weitgehend auf große Worte.
Gayar, Sohn des Rayhan, zeigte sich weniger bescheiden und versuchte, jedes Jagderlebnis mit seinen eigenen Geschichten zu übertrumpfen. Er hatte ein volles, männliches Gesicht mit einem kantigen Kinn. Seine engstehenden Raubtieraugen waren unablässig in Bewegung. Arben missfiel das großspurige Verhalten des Vetters. Doch wagte er nicht, dies zu zeigen. Gayar war ein starker Krieger mit einer hochgewachsenen, kräftigen Statur und genoss ebenfalls großes Ansehen. Außerdem war er für sein aufbrausendes Wesen bekannt und die wenigen, die es gewagt hatten, sich mit ihm anzulegen, hatten dies zumeist bitter bereut.
Als sich die Sonne langsam dem Horizont näherte, wechselte das Thema. Zum Fest der Erdmutter, die vor allem als Fruchtbarkeitsgöttin verehrt wurde, zeigten sich die Frauen freizügiger, als dies für gewöhnlich der Fall war. Nicht nur Mädchen ihres Alters, auch vermählte Frauen gaben sich im Schutz der Dunkelheit gerne einem jungen Krieger hin, unterdessen der Gemahl am Feuer seinen Rausch ausschlief. Und die vielen Neugeborenen, die sich neun Monde darauf einstellten, führte man halb im Scherz auf das Wirken der Fruchtbarkeitsgöttin zurück.
Nach Sonnenuntergang schwärmten die jungen Krieger aus, um ihr Glück zu versuchen. – Augenblicklich wurde sich Arben wieder seiner Rolle als Außenseiter bewusst. Er wusste nicht, wie er es anstellen sollte, eine der jungen Frauen zu betören und genau genommen hätte er auch gar nicht gewusst, was er mit ihr anstellen sollte. – Wahrscheinlich brauche ich noch etwas Gerstensaft, um lockerer zu werden, dachte er und wandte sich erneut den Bierkesseln zu. Mit dem gefüllten Becher wankte er zurück, setzte sich an den Rand eines Gebüsches und trank. Fasziniert betrachtete er dabei die Sterne und versuchte, ein System in ihrem wilden Durcheinander zu erkennen. Nach und nach fand er die Figuren, die ihm der Schamane erklärt hatte. Zufrieden tat er einen großen Schluck und bald begannen die Sternbilder zu rotieren, verschwammen miteinander, tanzten durch den Äther bis das Hochgefühl, das ihn befallen hatte, allmählich einer Übelkeit wich. Kurze Zeit später lag er zusammengekrümmt unter einem Strauch und kotzte von Krämpfen geschüttelt das Bier auf den Boden. – Sein Opfer an die Erdmutter.
Auf einmal schreckte er auf. Arben wusste nicht genau, wie lange er gelegen hatte, doch etwas hatte ihn geweckt. Er vernahm ein heftiges Stöhnen und hob langsam den Kopf, um geradewegs in das verzückte Gesicht Gylas zu blicken, die nur wenige Armlängen vor ihm auf dem Boden lag. Sie war eine der Nebenfrauen seines Vaters. Ihre Augen waren geschlossen und die nackten Brüste wölbten sich im Mondschein. Über ihr lag Gayar und pumpte. Schweißperlen glänzten auf seinen breiten Schultern. Arben betrachtete mit Unbehagen die Szene, dann duckte er sich weg und zog sich leise zurück. – Die beiden waren zu beschäftigt, um ihn zu entdecken.
Sollte er seinem Vater davon erzählen? – Der wäre davon sicher nicht erfreut. Erst letzten Sommer hatte er Gyla, die hübsche Tochter eines Häuptlings, geheiratet. Familiäre Bande sollten ihm die Loyalität des Stammes, der den Nordrand seines Herrschaftsgebietes bildete, sichern. Doch auch der Großhäuptling konnte sich nicht immer um alle seine Frauen gleichermaßen kümmern. Neben Gyla und Myrna, die Mutter der beiden Brüder, besaß er noch die junge Taraya. Wenn er von Gylas Untreue erführe, würde das nicht nur für sie eine Strafe nach sich ziehen. Auch eine blutige Fehde mit Rayhans Sippe wäre gewiss. – Wie sollte er es ihm beibringen und wie würde sein Vater reagieren? Burnaby hätte Gayar vermutlich bereits am Wickel, doch er war nicht wie sein älterer Bruder. – Arben beschloss, vorerst zu schweigen.
Ein junger Rehbock fegte sein Geweih an einem Haselstrauch. Unvermittelt hielt das Tier inne, hob die Nase in den Wind und drehte die Ohren in alle Richtungen. Als er das Tier gewahrte, blieb Arben stehen, hielt die Luft an und versuchte, mit dem Wald zu verschmelzen. Der Morgen war frisch und er wollte sich nicht durch den Dunst seines Atems verraten. Nachdem die braunen Augen nochmals in sämtliche Richtungen geblickt hatten, knabberte der Bock an einem jungen Trieb, blickte sich um und begann dann erneut, sein frisches Geweih an den Zweigen zu reiben. Darauf hatte Arben nur gewartet. Bedächtig setzte er einen Fuß vor den anderen und pirschte sich langsam näher. Auf fünfundzwanzig Schritt herangekommen hielt er inne, um sich langsam aufzurichten. Rehe besaßen eine gute Witterung. Er wollte sich dem Wild nicht verraten. Arbens Augen fixierten das Schulterblatt des Tieres, während er den Bogen langsam spannte. Plötzlich richtete der Rehbock sich erschrocken auf und bellte. Seine Muskeln kontrahierten und er schnellte nach vorne, genau in dem Moment entspannten sich Arbens Finger und ließen die Sehne schnellen. Der genau in die Flugbahn des Pfeiles springende Rehbock wurde von der Wucht des Schusses umgerissen, schlug noch einige Male mit den Beinen um sich, bis die braunen Augen verblassten. Ein guter Jäger konnte die Bewegung des Wildes vorausahnen. Mit wenigen Sätzen erreichte Arben seine Beute. Er legte den Bogen neben sich ab und zog das Bronzemesser aus der Scheide. Schnell war die Kehle geöffnet und das Tier blutete aus. Dann schlitzte er routiniert den Bauchraum auf, schnitt das Gedärm heraus und entfernte auch die übrigen Innereien. Schließlich band er mit einem Bastseil die Läufe zusammen und warf sich das Tier über die Schulter. Auf dem Rückweg in die Siedlung verfiel er in einen zügigen Laufschritt. Bis die Sonne ihren Zenit erreicht hatte, würde er zurück sein.
Immer wieder kam er an großen Rodungen vorbei. Das Holz diente nicht nur als Baumaterial, der größte Teil wurde zu Kohle verschwelt. Ein Holzfeuer lieferte zwar genügend Hitze, um Ton zu brennen, reichte aber nicht aus, um auch Bronze zu schmelzen. Aus dem Wald kommend erblickte er vor sich die frisch bestellten Emmer- und Gerstenfelder. Vereinzelt schauten Keimlinge aus der schwarzen, fruchtbaren Erde. Sie hatten eine gelbliche Farbe und ließen die Köpfe hängen. Nach der Aussaat war es kalt gewesen und hatte tagelang geregnet. Zahlreiche Samen waren in der Erde verfault und es war fraglich, ob sich diese schwachen Pflänzchen erholen würden. Allein den Erbsen hatte die Witterung nichts anzuhaben vermocht. Sie sprossen bereits in geschlossenen Reihen.
Die Siedlung war nicht gesichert. Wer hätte sie auch angreifen sollen. In weitem Umkreis gehörte alles Land zum Herrschaftsbereich des Volkes von Albia, das seinen Namen von dem Fluss hatte, an dem es lebte. Hier, wo die mäandernden Wasser die flach gewellte Börde zerschnitten, lag ihr Kernland. Um einen großen Marktplatz standen mehrere hundert zweischiffige Pfostenhäuser, deren weit herabgezogene Dächer mit Grassoden gedeckt waren. Die Wände waren zwischen den Pfosten mit einem Flechtwerk aus Weidenruten ausgefacht und mit Lehm verputzt. In jedem dieser Häuser wohnte eine Großfamilie mitsamt ihrem Vieh und den Unfreien. Nachts und während der Wintermonate waren die Rinder, Schafe, Ziegen und Schweine in getrennten Kammern im Stallteil untergebracht. Der etwas tiefer gelegene südliche Dorfrand lag am Scheitel einer weiten Flussschlinge. Am oberen Ende des Marktplatzes stand eine große Halle, das Versammlungshaus. Hier tagte der Rat und es wurden Feste gefeiert.
Am Ende jeder Mondphase, also jeden siebten Tag, wurde Markt gehalten. Bauern und Handwerker aus den benachbarten Weilern kamen, um ihre Erzeugnisse feilzubieten. Von der Küste im Norden brachten die Händler säckeweise Bernstein. Ochsengespanne zogen schwere Karren beladen mit Salz, das aus den Solequellen der Umgebung stammte. Die wichtigsten Rohstoffe waren das in Spangenbarren gegossene Kupfer und die kleineren Zinnbarren. Bezahlt wurde mit Ösenringen aus Silber und Gold, teilweise auch mit den bronzenen Beilklingen, die ebenfalls aus eigener Produktion stammten. Arben liebte es, die Händler beim Feilschen zu beobachten. Gelegentlich hatte er das Glück, dass sie von ihren Reisen erzählten. Gerne würde auch er die Welt erkunden, auf die Zinninseln reisen oder das große Gebirge im Süden mit seinen schneebedeckten Gipfeln besuchen.
Heute jedoch war alles still. Kein Rauch stieg aus den Öfen der Bronzeschmiede. Kein Hämmern und Schleifen war aus den Werkstätten zu hören und auch die Töpfer schienen ihre Arbeit eingestellt zu haben.
Arben blickte hinüber zum nördlichen Dorfrand. Hier stand in einigem Abstand zum Rest der Siedlung ein einsames Haus. Unter dem Dach waren in Bündeln Kräuter zum Trocknen aufgehängt und auf die lehmverputzten Wände waren allerhand magische Zeichen gemalt. Splitternackt saß der Schamane immer noch auf seinem Dach und hielt Zwiesprache mit den Göttern. Sein Oberkörper wippte langsam auf und nieder, wie ein Rohrkolben im Wind. Er hatte Bilsenkraut, Tollkirsche und Eisenhut in Gänseschmalz gesotten, um sich damit Schläfen und Geschlechtsteile zu salben. Damit er nicht herunterfallen konnte, hatte er sich auf einen Pflock gesetzt. Normalerweise wäre er in den kühlen Frühjahrsnächten längst erfroren. Doch durch die Salbe hatte seine Seele den Leib verlassen und sich auf Reisen in die Anderswelt begeben. Weder Hitze noch Kälte konnten ihm etwas anhaben. Er würde die Götter befragen, warum sie schlechtes Wetter gesandt hatten und was sein Volk tun müsse, um ihr Heil zurückzuerlangen. Doch schon bevor er auf das Dach seines Hauses geklettert war, hatte er gewusst: Wenn ein Opfer fehlgeschlagen war, dann würde man ein größeres Opfer erbringen müssen. So war es schon immer gewesen, seit Anbeginn aller Zeiten. – Sie hatten immerhin sechs junge Menschen geopfert. War das wirklich nicht genug gewesen? Was würden die Götter dieses Mal verlangen?
Arben jedenfalls hoffte inständig, dass es ihnen diesmal gelingen würde, die Götter gnädig zu stimmen. Als er sich zur Jagd gerüstet hatte, war sein Vater in großer Sorge gewesen. Er hielt auf ein prächtiges Langhaus in der Mitte des Dorfes zu, die Residenz seines Vaters, der nicht nur der Häuptling ihrer Siedlung, sondern auch Großhäuptling von über hundert weiteren Dörfern und Weilern im Machtbereich Albias war. Lautes Stimmengewirr drang aus dem nebenstehenden Versammlungshaus und verriet, dass die Debatte bereits in vollem Gange war. Die Häuptlinge der anderen Dörfer waren gekommen, um zu erfahren, was der Schamane verkünden würde.
Gerne hätte Arben versucht, einen Blick ins Innere zu erhaschen, doch zuerst musste er seine Beute loswerden. Durch die große Türe aus Eichendielen betrat er den Wohnteil des Häuptlingshauses. Über dem Feuer in der Mitte des Raumes hing ein Kessel und es roch nach Erbseneintopf. Eine Sklavin kniete vor einem großen, trogförmigen Reibstein. In den Händen einen ovalen Mahlstein zerrieb sie Dinkelkörner zu Mehl. Die Frauen des Dorfes hatten viel zu tun – die zahlreichen Gäste wollten bewirtet werden. Arben ließ das Reh von seiner Schulter gleiten und grüßte. Seine Mutter Myrna stand im Raum und beaufsichtigte die Arbeit der Unfreien. Das kostbare Collier aus rötlichen Bernsteinperlen wies sie als Hauptfrau des Großhäuptlings aus. Ihr schlanker Körper war in ein Kleid aus grüner Wolle gehüllt.
»Du kommst gerade recht mit dem Rehbock«, stellte sie freudig fest und erhob sich. Sie war von schlanker Gestalt und ihr pechschwarzes Haar war zu kunstvollen Zöpfen geflochten. Während Burnaby seinem Vater ähnlicher war, schlug Arben nach der Mutter. Er hatte dasselbe schmale Gesicht, nur seine Nase war schärfer geschnitten und die Wangenknochen kantiger. Myrna stammte von den Zinninseln. Im Alter von fünfzehn Wintern war sie von ihrer Familie hierhergeschickt worden, um die Frau seines Vaters zu werden. Die meisten Frauen des Dorfes kamen aus der Ferne, meist von Stämmen, mit denen man Handel trieb. Auch die Töchter Albias wurden fortgeschickt, sobald sie im heiratsfähigen Alter waren. Das Volk blieb gesünder und stärker, wenn die Frauen von außerhalb kamen. Mit dem neuen Blut gelangte aber auch neues Wissen in die Heimat. Sei es die Wirkung von Heilkräutern, unbekannte Arbeitstechniken oder auch leckere Rezepte zur schmackhaften Zubereitung von Speisen. Da die Frauen in die Familie des Mannes einheirateten, wurde der Besitz ausschließlich an die Söhne vererbt.
Gyla, die am Webrahmen saß, nickte ihm freundlich zu. Doch sie sah dabei so arglos aus, dass er sich sicher war, in jener Nacht nicht von ihr bemerkt worden zu sein.
Arben ging seiner Mutter zur Hand und sie hängten den Rehbock an den Hinterläufen in ein Gestell, um ihm das Fell abzuziehen. Als sie damit fertig waren, fragte Arben:
»Um was geht es in der Versammlung?«
Myrna blickte ihn mit ihren dunklen, klugen Augen an und erwiderte:
»Der Priester hat die Zeichen des Himmels falsch gedeutet und nicht gesehen, dass der Zeitpunkt für die Aussaat schlecht gewählt war. – Das ist auch ein Problem für deinen Vater. Die Menschen klagen darüber, dass die Göttin sein Opfer nicht angenommen hat. – Nun wird der Priester eine Möglichkeit suchen, um die Harmonie zwischen der Erdmutter und unserem Volk wieder herzustellen.«
»Wie konnte das geschehen? – Das Heiligtum verrät uns doch, wann das Jahr um ist und die Tage wieder länger werden. Wir bräuchten doch nur die Tage bis zum günstigsten Zeitpunkt zu zählen.«
»Wenn das nur immer so einfach wäre«, seufzte Myrna. »Auch der Mond hat großen Einfluss auf das Wachstum der Pflanzen. – Wir müssen beides, Sonne und Mond, im Auge behalten und das ist sehr schwer.«
Arben kam ins Grübeln. Schon von den Alten hatten sie gelernt, die Samen bei abnehmendem Mond in die Erde zu legen, weil die Saat dann besser aufging und die Pflanzen kräftiger würden. Und jedes Kind wusste, dass die Pfosten und Bohlen eines Hauses umso haltbarer waren, wenn der Baum, von dem sie stammten, bei abnehmendem Mond gefällt worden war. – Doch auch der Sonnenstand und das Wetter spielten eine große Rolle. Vermutlich war es nicht einfach, beides gleichermaßen zu berücksichtigen. Doch vor allem galt es auch als schlechtes Omen, wenn Jahr und Monate nicht miteinander harmonierten.
Eine große Menge Krieger drängte sich vor dem Versammlungshaus. Nur die verschiedenen Häuptlinge des Bundes von Albia, sowie der Großhäuptling und seine Berater, zu denen auch Rayhan gehörte, hatten in dem großen Gebäude Platz gefunden – insgesamt weit über hundert Männer. Nicht nur zu den großen Sonnenfesten am Ringheiligtum, auch wenn es darum ging sich zu beraten, neue Beschlüsse zu fassen oder Feldzüge zu planen, reisten die Häuptlinge aller Dörfer, die im Machtbereich Albias lagen, an. Die Eingangszeremonien hatten sich in die Länge gezogen. Jeder Häuptling, und mochte sein Dorf noch so abgelegen und unbedeutend sein, hatte das Knie vor Bohdan gebeugt und den Eid auf das Steinbeil in der Faust des Großhäuptlings erneuert. Bohdan hatte jedem Einzelnen die Hand gedrückt und sich erkundigt, ob alles zum Rechten stand oder etwas benötigt wurde. Bei Klagen über Grenzverletzungen und Räuberbanden, wovon vor allem die an den Außenbereichen gelegenen Dörfer betroffen waren, hatte er versprochen, Krieger zu schicken. In einem Dorf war das Saatgut feucht geworden und hatte somit seine Keimfähigkeit eingebüßt. Sofort hatte Bohdan veranlasst, überschüssiges Saatgut zu sammeln und in die Hände des betroffenen Häuptlings zu übergeben. – Im Prinzip konnte jeder Häuptling in seinem Dorf schalten und walten, wie er wollte. Er wurde von den Freien seines Dorfes gewählt, konnte aber auch abgewählt werden, was jedoch nur der Fall war, wenn seine Regentschaft Anlass zu großer Unzufriedenheit bot, was im Übrigen auch für den Großhäuptling galt. Das Band, das alle miteinander verband, war die gegenseitige Unterstützung. Die Welt der Ackerbauern war bedroht durch tausenderlei Gefahren: marodierende Jägerhorden, aggressive Nachbarn, Hagel, Stürme, Spätfrost, Überschwemmungen und böse Geister, die Krankheiten hervorriefen. Nur selten waren alle Siedlungen gleichermaßen vom Unglück betroffen, weshalb immer Gemeinschaften da waren, die aushelfen konnten. Der Großhäuptling von Albia war der Knoten in diesem Geflecht. Bei ihm liefen alle Klagen und Probleme zusammen, er versuchte, Hilfe zu organisieren und Gefahren abzuwenden. Und Bohdan wäre nicht Großhäuptling, hätte er es nicht verstanden, dieses System der ständigen Erweiterung seiner Macht nutzbar zu machen. Siedlungen in den Grenzbezirken, die auf ihrer Eigenständigkeit beharrten, konnte man oftmals nur überzeugen sich dem Bund von Albia anzuschließen, indem man Probleme erzeugte, mit denen sie allein auf sich gestellt, nicht fertig wurden. Dies geschah zumeist durch gezielte Überfälle, Frauenraub, Viehdiebstahl oder Zerstörung der Felder. Zähneknirschend traten somit jährlich neue Dörfer dem Reich bei, wodurch Macht und Einfluss von Albia stetig wuchsen.
Auf den Querbalken der Versammlungshalle reihten sich die entfleischten Köpfe erschlagener Feinde und die Wände waren geschmückt mit den ausgebleichten Schädeln von Auerochsen und Wisenten. Durch die offenen Fenster hörte man, was gesprochen wurde. Und so bemühten sich die vielen Krieger leise zu sein, damit ihnen kein Wort entging.
Eben erörterte Bohdan, dessen Thron am Kopfende des langen Raumes stand, die Situation. Er genoss großen Respekt unter den Häuptlingen, denn er hatte die kluge Politik seiner Väter fortgeführt und die Stämme unter seiner Herrschaft geeint. Nur gemeinsam waren sie in der Lage, ihre fruchtbaren Böden gegen alle äußeren Feinde zu verteidigen. – Und was mindestens genauso wichtig war, sie kontrollierten die Handelswege für die wichtigsten Güter: Kupfer, Zinn und Bernstein. Das Zinn kam von den westlichen Zinninseln über das Meer oder aus den Mittelgebirgen im Süden, wo es in kleinen Mengen aus dem Flusssand gewaschen wurde. – Der größte Teil des Kupfers stammte aus dem großen Gebirge im Süden, auf dessen Gipfeln selbst im Sommer der Schnee lag. Das rötliche Metall allein war zu weich, um Waffen daraus herzustellen. Aber unter der Zugabe von Zinn verarbeiteten die Schmiede es zu Bronze. Ein Metall, das fast so hart war wie Stein und in jede beliebige Form gegossen werden konnte: Äxte, Dolche, Pfeilspitzen, Sicheln und Schmuck – alles wurde hier, auf dem Territorium des Bundes von Albia, gefertigt. Diese begehrten Objekte verkauften sie in die Länder des Nordens und ließen sie sich mit Gold und Silber bezahlen oder mit den Tränen der Sonne, die dort zahlreich von den Wellen des Meeres an die Strände gespült wurden.
Bohdan dehnte seine Arme. Er brauchte eine Lösung – und zwar schnell.
»So holt nun den Schamanen von seinem Dach. – Drei Tage und drei Nächte weilt er schon dort oben«, befahl er ungeduldig.
Sofort machten sich mehrere Krieger auf, um dem Befehl des Großhäuptlings Folge zu leisten. Kurze Zeit später kamen sie mit Tatunka zurück. Zwei Männer hatten ihn unter den Achseln gefasst und trugen ihn zum Versammlungshaus. Sofort teilte sich die Menge und vor der Eingangstür entstand eine Gasse. Arben erschauderte beim Anblick des Schamanen. Sein langes Haar war zerzaust und stand in alle Richtungen. Die Lippen waren blau gefroren und der nackte Hintern blutverkrustet. Sein ganzer Körper war bedeckt von blauschwarzen Tätowierungen, aus deren Lücken die blutleere Haut fahl hervorschimmerte. Im Versammlungshaus brannte ein Feuer. Hier legten die Krieger den bewusstlosen Schamanen auf einer Decke ab. Es würde einige Zeit dauern, bis das Leben in seinen Körper zurückgekehrt war. Eine Pause wurde anberaumt, während der die Männer Gelegenheit hatten sich auszutauschen. Handelsrouten wurden diskutiert, Bauvorhaben besprochen, Familienbande geknüpft und Freundschaften erneuert. Die Krieger vor dem Haus unterhielten sich derweil mit Jagdgeschichten und zotigen Witzen.
Schließlich mahnte Bohdan zur Ruhe, die Häuptlinge und Würdenträger nahmen wieder ihre Plätze ein und richteten die Aufmerksamkeit auf den Schamanen. Der lag immer noch auf dem Boden und wurde von Krämpfen geschüttelt. Einer der Männer hatte ein Stöckchen zwischen seine Kiefer gesteckt. Blutiger Schaum troff ihm aus den Mundwinkeln und seine Augen waren nach innen verdreht, so dass man nur das Weiße sah. Plötzlich fuhr sein Oberkörper hoch und er spuckte das Holz aus. Mit lauter, klarer Stimme hub er zu sprechen an:
»Den ersten Tag sprach ich zu den Göttern – doch sie antworteten nicht. So sprach ich am zweiten Tag wieder zu ihnen – aber erneut schenkten sie mir kein Gehör. Als ich am dritten Tage zu ihnen sprach, landete des Abends eine Eule auf dem Dach meines Hauses. Mein Geist ging auf sie über und ich erhob mich in die Lüfte. Dem Fluss aufwärts folgend überflog ich zahlreiche Dörfer und Weiden, bis ich einen dunklen Wald mit mächtigen Buchen, Eichen und Eschen erreichte. Steil ging es bergauf durch dunkle Nadelwälder bis auf den Götterberg. Meist umhüllen Wolken seinen kahlen, waldlosen Gipfel, doch an klaren Tagen überblickt man alles Land, das um ihn ist. Am höchsten Punkt befindet sich ein uraltes Heiligtum – dort landete ich auf dem heiligen Altar unserer Ahnen.
Alsbald verfiel ich in einen tiefen Traum, in dem mir die Göttin erschien und sprach: Wohl habt ihr mir ein Opfer dargebracht. Doch mein Gemahl, der Beherrscher der Unterwelt, zürnt euch. Folgt der Mittagssonne bis zur Goldenen Aue. Vor euch seht ihr den Berg des Giganten. An seinen Hängen sollt ihr den Eingang in sein Reich suchen. Steigt hinab in die ewige Finsternis und opfert ihm zwei Kinder. Lauter und ohne Schuld sollen sie sein. Ihr Blut soll die Lippen des Gottes erquicken, doch das Fleisch verzehrt, als Zeichen ewiger Verbundenheit mit ihm.«
Nach diesen Worten schloss Tatunka die Augen und kippte nach hinten. Betroffen richteten die Anwesenden ihre Blicke auf den Großhäuptling.
»Bringt ihn zur Heilerin, damit sie sich um ihn kümmere«, knurrte Bohdan seinen Kriegern zu, die den Schamanen vom Boden aufhoben und forttrugen. – Wenn er richtig verstanden hatte, sollte er Menschenfleisch essen. Allein beim Gedanken daran wurde ihm schlecht. Doch die Krux der Häuptlinge war, dass ihre Macht dort endete, wo die der Götter begann. Langsam richtete er sich auf, präsentierte die steinerne Axt und sagte:
»Ihr habt den Willen der Götter vernommen. Wir werden Krieger aussenden, auf dass sie uns die gewünschten Opfer bringen. – Im Morgengrauen sollen sie aufbrechen.«
Die im Haus versammelten Häuptlinge schlugen zustimmend die Äxte an ihre Schilde. Da hob Rayhan seine Rechte:
»Erlaubt, dass ich Gayar, meinen ältesten Sohn, als Anführer des Kriegszugs vorschlage.«
Wieder trommelten die Männer gegen die Schilde. Gayar verfügte über genügend Erfahrung, um ein solches Unternehmen zu leiten und genoss großes Ansehen unter den Kriegern. Doch Bohdan zuckte bei den Worten seines Vetters unmerklich zusammen. Sein Stellvertreter Rayhan war der Häuptling des Nachbardorfes am anderen Flussufer. Rayhan reiste viel in den Dörfern des Bundes umher. Bohdan war zu Ohren gekommen, dass sein Vetter nach einem Viehsterben Zuchttiere in die betroffene Siedlung geschickt hatte. Hintertrieb er etwa heimlich das Bündnis, indem er sich Sympathien erkaufte? – Und auch sein Sohn Gayar war ihm ein Dorn im Auge. Zweifellos war er ein tapferer Krieger und besaß Führungsstärke, doch er war auch ein Großmaul. Gerade in der letzten Zeit war er ihm unangenehm aufgefallen. Gayar hatte ihm zwar immer den nötigen Respekt entgegengebracht, doch war da so ein provokantes Lächeln in seinem Gesicht. Und ständig scharwenzelte er um sein Anwesen herum. Versuchte er gar, sich an eine seiner Frauen ranzumachen?
Bohdan holte tief Luft und reckte seinen stattlichen Körper.
»Rayhan, ich gebe dir recht. Gayar hätte das Zeug, den Kriegszug anzuführen. – Doch habe ich für diese Aufgabe Burnaby, meinen Sohn, auserkoren. Er wird dereinst meine Nachfolge antreten und unser Volk anführen. Er soll Gelegenheit erhalten, sich auszuzeichnen unter den Kriegern.«
Überraschtes Schweigen. Doch einen Augenblick später setzte beifälliges Geklapper ein. Rayhan presste seine Lippen aufeinander. Am liebsten hätte er Einspruch erhoben, doch wagte er nicht, seinen Vetter offen herauszufordern, und so senkte er den Blick und schlug zustimmend seine Axt gegen den Schild. – Bohdan ging ein Wagnis ein: Wenn der Kriegszug nicht glücklich verlaufen würde, dann hätte er das zweite Mal innerhalb kürzester Zeit eine falsche Entscheidung gefällt. Das würde viele Männer gegen ihn aufbringen und Bohdan war sich sicher, dass Rayhan nur auf eine solche Gelegenheit lauerte. Dennoch – er vertraute auf seinen Sohn. Burnaby war nicht nur stark und tapfer, sondern verfügte auch über strategisches Geschick. – Das Wichtigste aber war: Wenn er dereinst die Nachfolge seines Vaters antreten wollte, musste er sich zuvor beweisen, denn das letzte Wort hatte schließlich der Rat. Burnaby trat vor seinen Vater und reckte den Arm, worauf ihm dieser einen schweren, goldenen Ösenring um das Handgelenk legte. Das Zeichen des Anführers.
Die Morgensonne stand erst knapp über dem Horizont, als eine Gruppe von dreißig bewaffneten Kriegern zum Dorf hinausritt. Der Atem der kleinen, zottigen Pferde wölkte in der kalten Morgenluft. Mit diesen Tieren waren bereits ihre Vorfahren aus den Steppen der Morgensonne nach Westen gezogen und hatten als Nahrung oftmals nicht mehr als deren Blut und Milch zur Verfügung gehabt. – Burnaby führte seine Männer geradewegs in Richtung Mittagssonne. Sein Vater hatte ihm in groben Zügen die Aufgabe umrissen. Sie sollten nicht etwa einen Krieg gegen benachbarte Stämme vom Zaun brechen, was unweigerlich eine Störung der Handelsströme nach sich gezogen hätte. Die Opfer – und allein um diese ging es – sollten Menschen sein, zu denen keine wichtigen Beziehungen bestanden. In den ausgedehnten Bergwäldern im Süden gab es noch kleine Gemeinschaften der alten Völker, die hauptsächlich von der Jagd und vom Pelzhandel lebten. Einen dieser Wildlingsstämme sollten sie ausfindig machen und überfallen. Er solle nichts riskieren und möglichst wenige Männer verlieren, hatte ihm sein Vater eingeschärft. – Vor Gayar aber solle er sich in Acht nehmen. – Burnaby hatte verstanden. Er würde wachsam sein.
Dem unbefestigten Weg nach Süden folgend, trafen sie immer wieder auf Händler. Manche waren zu Fuß unterwegs und trugen ihre Ware, zumeist leichtere Güter, in Körben und Säcken. Andere lenkten von Pferden oder Ochsen gezogene Karren, die auf schweren Scheibenrädern über den unbefestigten Weg holperten. Tongeschirr war auf Stroh gebettet, damit es nicht zu Bruch ging, zu Bündeln geschnürte Spangenbarren klirrten bei jedem Stoß und schwere Mühlsteine trieben den schnaufenden Ochsen den Schweiß aus den Poren. Einer großen, bewaffneten Gruppe von Kriegern wäre es ein Leichtes gewesen, die Händler zu überfallen, um sich deren Ware anzueignen. Doch dies kam nur sehr selten vor und die Täter hätten mit Verfolgung rechnen müssen. Händler genossen freies Geleit durch alle Territorien und konnten sich in den Dörfern, die sie passierten, der Gastfreundschaft gewiss sein. In diesem Punkt waren sich alle einig: Niemand durfte die Warenströme unterbrechen, denn vom Handel profitierten letztlich alle.
Fünf Tage war die Gruppe bereits unterwegs. Bewaldete Mittelgebirge wechselten sich ab mit fruchtbaren Tälern, in denen Getreide angebaut wurde und an den Hängen graste das Vieh. Endlich erreichten sie einen großen undurchdringlichen Wald. Burnaby ließ die Männer absitzen.
»Das ist der Wald, den mir mein Vater beschrieben hat«, stellte er fest. »Er ist die Heimat des alten Volkes der Jäger. Wie Tiere leben sie von dem, was der Wald ihnen bietet. Sie sammeln Haselnüsse und jagen Tiere. Sie sind zu faul, sich Hütten zu erbauen und das Feld zu bestellen. Lieber ziehen sie rastlos umher und schlafen im Dreck.«
Aufmerksam verfolgte Arben die Rede seines Bruders. Er hatte bereits die abenteuerlichsten Geschichten von diesen Wildlingen gehört, die in ihrer Lebensweise den Tieren näherstanden, denn menschlichen Wesen.
»Und dennoch sollten wir nicht den Fehler machen, sie zu unterschätzen«, fuhr Burnaby fort. »Die Wälder sind ihre Heimat und wir müssen sie überraschen. Sie haben die Augen eines Adlers und die Ohren eines Luchses. Keinesfalls dürfen sie uns zuerst entdecken, denn ihre Waffen sind zwar grob, doch wissen sie damit umzugehen. – Ich schlage vor, dass zwei Männer, die sich aufs Anschleichen verstehen, ihr Lager ausfindig machen. Im Schutz der Dunkelheit sollen sie uns dann dorthin führen.«
In geduckter Haltung folgte Arben dem erfahrenen Gayar durchs Unterholz. Die beiden Männer bewegten sich flink, doch ohne Hast. Wer sie so sah, der hätte sie für Jäger halten können, die darauf aus waren, ein Wild aufzuspüren. – Gayar hatte sich freiwillig als Kundschafter angeboten. Burnaby befürchtete zwar falsches Spiel, doch wenn er ihn nicht vor allen anderen bloßstellen wollte, dann musste er ihm die Aufgabe wohl oder übel anvertrauen. Vorsichtshalber schlug er vor, dass Arben ihn begleiten solle, worauf ein dunkler Schatten über Gayars Gesicht gehuscht war. Arben sei ein geschickter Jäger, der sich nahezu lautlos in der Wildnis zu bewegen verstünde, hatte Burnaby seine Entscheidung begründet, was Gayar notgedrungen akzeptieren musste. Die beiden waren sehr früh am Morgen aufgebrochen und ohne viele Worte zu wechseln den ganzen Tag ununterbrochen gelaufen. Jeden Hinweis auf Menschen hatten sie genau untersucht. Fußabdrücke im feuchten Schlamm eines Baches, erkaltete Reste eines Lagerfeuers und sogar eine kleine Strohpuppe, aufgeknüpft am Zweig einer jungen Eibe, hatten sie gefunden. Doch keiner dieser Hinweise schien besonders frisch zu sein. Die Sonne hatte bereits den westlichen Horizont erreicht, als Gayar unvermittelt stoppte und zwischen den Zweigen eines umgestürzten Baumes Deckung suchte. Tief sog er die Luft ein und blickte seinen Begleiter fragend an. Auch Arben nahm ganz schwach, einen brenzligen Geruch wahr und nickte.
»Der Wind kommt von dort drüben«, wisperte Gayar und deutete auf einen steilen Höhenrücken, der sich hinter der vor ihnen liegenden Schlucht befand. »Wir bleiben hier, bis es dunkel ist. Dann überqueren wir etwas weiter oberhalb den Bach und schleichen uns an«, erläuterte er seinen Plan. Arben nickte. Sein Magen knurrte. Er nestelte an dem an seinem Gürtel hängenden Beutel, um ihm einige Streifen getrocknetes Fleisch zu entnehmen. So saßen die beiden im Schutz des Baumes und kauten. Nach Einbruch der Dämmerung gab Gayar das Zeichen zum Aufbruch. Ein schwacher Lichtschein drang noch durchs Blätterdach und wies ihnen den Weg. Als sie die Schlucht erreicht hatten, schöpfte Arben mit der hohlen Hand etwas Wasser und trank. Auf der anderen Seite ging es steil nach oben. Die beiden ließen sich Zeit. Nichts schlimmer, als aus Unachtsamkeit einen Stein loszutreten und sich zu verraten. Mittlerweile war die Sonne gänzlich untergegangen, doch der fahle Schein des Mondes ließ sie ihre Umgebung zumindest schemenhaft erkennen. Sie pirschten sich immer nur bis zur nächsten Deckung, um dann Ausschau nach Wachen zu halten. Wenn sie jetzt nicht aufpassten, dann wäre die Gefahr, entdeckt zu werden, groß. Diese Waldmenschen kannten die Gegend besser als sie und würden sie auch mühelos im Dunkeln aufspüren. Der Brandgeruch wurde stärker und mit einem Mal blitzte ein heller Lichtschein durch die Zweige. Die beiden Kundschafter gingen zu Boden und krochen lautlos noch ein Stück vorwärts, bis sie eine mächtige Esche erreichten, hinter deren Stamm sie Deckung suchten. Einige Schrittlängen vor ihnen erkannten sie eine Lichtung, in deren Zentrum ein Feuer prasselte. Menschen saßen darum. Es roch nach gebratenem Fleisch. Arben zählte zehn Männer, sechzehn Frauen und mehrere herumtollende Kinder, deren Zahl er nicht genau erkennen konnte. Um den Lagerplatz herum standen Zelte aus Leder. Vielleicht mochten sich darin noch weitere Menschen aufhalten. Plötzlich trat am Rand des Waldes ein Mann aus dem Schatten eines Baumes, um einige Schritte weiter wieder zu verschwinden. Ein Wachposten, der seine Position gewechselt hatte, lautlos wie ein Schatten. Arbens Muskeln spannten sich und er wagte nicht zu atmen. Angsterfüllt beobachteten die beiden Späher die Stelle, wo der Mann verschwunden war. Nach einiger Zeit bangen Wartens sahen sie, dass der Posten erneut die Position wechselte und sich von ihnen entfernte. Gayar nickte Arben zu und die beiden begannen, sich dicht am Boden kriechend zurückzuziehen. Arbens Bauchmuskeln schmerzten vor Anspannung und seine Arme zitterten. Sie hatten sich bereits ein ganzes Stück von der Lichtung entfernt und gelangten gerade an einen umgestürzten, morschen Baumstamm, da flog laut schimpfend ein Vogel davon. Gayar schnappte erschrocken nach Luft. Der Wächter würde sich fragen, was den Vogel aufgescheucht hatte. So flink, wie er sich im Wald bewegte, konnte er gleich da sein. Da warf Arben den Kopf nach hinten und heulte. Gayar gefror schier das Blut in den Adern, doch sogleich erfolgte aus einiger Entfernung eine vielstimmige Antwort. Arben hatte oft mit seinem Bruder geübt und mit der Zeit eine erstaunliche Fähigkeit darin erlangt, Tierstimmen nachzuahmen. Der Posten würde glauben, dass ein Wolf den Vogel aufgeschreckt hatte, und von einer genaueren Erkundung absehen. In gebückter Haltung traten die beiden den Rückweg an. Nachdem sie sich so weit entfernt hatten, dass sie sich sicher wähnten, fielen sie in einen lockeren Laufschritt.
Mit großem Interesse hörte sich Burnaby den Bericht seiner Späher an. Als sie geendet hatten, beschloss er:
»Ihr habt unserem Vorhaben einen großen Dienst erwiesen und ich bin stolz auf euch. – Ihr werdet uns im Schutz der Dunkelheit bis zu dieser Lichtung führen. In sicherer Entfernung werden wir einen Kreis um ihr Lager ziehen und langsam vorrücken. Wenn wir uns geschickt anstellen, gelingt es uns vielleicht, die Wachen auszuschalten. Sollten sie uns aber vorzeitig entdecken, so werden wir mit unseren Bögen aus der Deckung heraus auf sie schießen und so verhindern, dass sie in den Wald entfliehen. Doch bedenkt: Sollte es zum Nahkampf kommen, so hütet euch vor ihnen. Unsere Waffen sind den ihren wohl überlegen, doch ihre Kraft und Schnelligkeit gleicht der von wilden Tieren.«
Nachdem er zwei Männer ausgesucht hatte, um die Pferde zu bewachen, zogen sie los.
In der Dunkelheit war es den Kriegern gelungen, das Lager der Wildlinge zu umzingeln. Nun rückten sie langsam vor, immer nach den Posten Ausschau haltend, um diese unschädlich zu machen. Aus der Deckung heraus blickte Arben suchend um sich. Als er sah, dass die Luft rein war, pirschte er ein Stück weiter, um im Schutz eines umgestürzten Baumstamms erneut zu verharren. Den Bogen hielt er in der Linken und hatte den Pfeil schussbereit zwischen Zeigefinger und Mittelfinger seiner rechten Hand geklemmt. Niemand war zu sehen, so pirschte er sich weiter voran. Plötzlich knackte es vernehmlich unter seinem Fuß. Er war auf einen Ast getreten. Wie aus dem Nichts tauchte vor ihm ein Schatten aus dem Gebüsch. Arben schnellte zurück hinter den Baum. – Keinen Augenblick zu spät. – Zischend flog ein Pfeil an der Stelle vorbei, wo er gerade eben noch gestanden hatte. Die Federn streiften noch die Rinde des Baumes, hinter dem er nun stand. Arben konzentrierte sich auf sein Ziel, atmete tief ein, unterdessen er die Schulterblätter zusammenzog und schon schwirrte sein Pfeil von der Sehne. – Ein schmatzendes Knirschen und leise röchelnd brach der Mann vor ihm zusammen. Genau in diesem Moment ertönte von der gegenüberliegenden Seite der Lichtung ein schriller Warnschrei. – Dort war es offenbar nicht gelungen, den Posten auszuschalten und sie waren entdeckt. Von der rechten Seite her erklang dreimal der Ruf eines Käuzchens – das Zeichen zum Angriff. Mit wenigen Sätzen war er am Rand der Lichtung angelangt. – Flammen zischten und plötzlich war es stockduster. Die Jäger hatten ihr Lagerfeuer ausgelöscht, damit sie kein Ziel boten. Doch im Sternenlicht erkannte man schemenhafte Gestalten, die von den Zelten her kommend auf sie zu rannten. Arbens Finger öffneten sich und ein Pfeil verließ seinen Bogen. Schon hatte er aus dem Köcher an seinem Gürtel den nächsten geangelt. Ein leises Klicken verriet, dass er eingenockt war. Die Augen fest auf das Ziel gerichtet spannte er den Bogen und ein weiteres Geschoss sauste den auf sie zuspringenden Schatten entgegen. Von allen Seiten wurden die Jäger unter Beschuss genommen. Schon waren mehrere zu Boden gegangen, da ertönte ein Befehl und sie rannten zurück in den Schutz ihrer Zelte.
Burnaby überlegte. Nun würden sie sich aus der Deckung wagen müssen. Vier oder fünf Männer hatten es zurück bis zu den Zelten geschafft. Die Angreifer waren zahlenmäßig deutlich überlegen. Es würde nicht lange dauern, die Lichtung zu überqueren. Burnaby rief einen Befehl und die Männer legten Köcher und Bögen ab. Dann lösten sie die Schnüre der ovalen, mit Leder bespannten Schilde, die sie sich auf den Rücken gebunden hatten, und zogen ihre langen Streitäxte aus den Gürteln. Jetzt kam der gefährlichste Teil ihrer Mission. Auf einen weiteren Befehl Burnabys verließen die Männer das schützende Blattwerk und sprinteten los. Pfeile sirrten durch die Luft. Doch viel zu wenige, um eine große Wirkung zu erzielen. Arben, der tapfer nach vorne stürmte, wurde jäh gestoppt. Mit einem dumpfen Schlag hatte sich ein Pfeil in seinen Schild gebohrt und die ausgetretene steinerne Spitze hatte nur um eine Fingerbreite seinen Unterarm verfehlt. Ohne zu verharren, rannte er sogleich weiter. Plötzlich ein greller Schrei. Aus den Augenwinkeln sah er einen seiner Kameraden stürzen. Ein gut gezielter Pfeil hatte seinen Unterschenkel getroffen. – Die scharfe Feuersteinspitze zerschnitt Gefäße und Sehnen. Wenn es gelang, das Wundfieber zu stillen, war diese Verwundung nicht tödlich. Doch es würde einige Zeit dauern, bis der Mann wieder richtig gehen konnte. – Die ersten Angreifer waren bei den Zelten angelangt. Einem in die Enge getriebenen Raubtier gleich ging ein erstaunlich großer, muskulöser Verteidiger zum Angriff über. Mit einem gewaltigen Satz war er plötzlich unter den Ackerbauern und sein Speer wütete schrecklich. Behände deutete er eine Attacke von oben an, um einem Krieger dann von unten die steinerne Spitze seines Speeres in den Leib zu stoßen. Schon wälzten sich unter schrecklichem Gekreisch zwei Männer mit aus dem Bauchraum quellenden Gedärmen am Boden. Da drang Gayar auf ihn ein. Kraftvoll sauste die halbmondförmige Klinge seiner Bronzeaxt nieder und hätte dem Hünen wohl den Schädel bis zum Kiefer gespalten. Doch dieser war mit einer rasanten Drehbewegung abgetaucht und hatte gleichzeitig mit dem Schaft seines Speeres Gayar die Axt aus der Faust geschlagen. Schon stach sein Speer hervor, um auch Gayars Bauchdecke zu öffnen, da drang unter Knirschen Burnabys Axt von hinten in sein Schädeldach und wie von einem Blitz niedergestreckt, stürzte der hünenhafte Krieger zu Boden. Mittlerweile hatte auch Arben die Zelte erreicht. Schon sah er sich einem der Verteidiger gegenüber und geriet beim Versuch, dessen wütenden Speerstichen auszuweichen, in arge Bedrängnis. Glücklicherweise kam ihm einer seiner Kameraden zu Hilfe und mit vereinten Kräften konnten sie den Verteidiger schließlich niedermachen. Als er wieder aufsah, bemerkte er mit Erstaunen, dass auch die Frauen der Wildlinge den Umgang mit Waffen beherrschten. Wie entfesselte Wildkatzen wüteten sie gegen die Angreifer. Eine athletische, hochgewachsene Jägerin mit dunkler Haut und langen schwarzen Haaren drang auf seinen Kameraden ein und ehe Arben ihm zu Hilfe eilen konnte, hatte sie ihm mit dem Speer die Axt aus der Hand geschlagen und stach ihm den scharfen Bronzedolch, den sie in ihrer Linken führte, in die Kehle. Schon drang sie auf Arben ein, da tauchte Gayar hinter ihr auf und schlug ihr mit einem gezielten Hieb den Schaft seiner Axt gegen die Schläfe. Taumelnd stürzte sie ins Gras.
Bald lagen alle männlichen Jäger tot oder verletzt am Boden. Die siegreichen Angreifer zückten ihre scharfen Bronzemesser, um sich den Skalp derer zu holen, die sie getötet hatten. Auch zwei Frauen waren tot, die anderen waren zusammen mit einigen Jugendlichen, die sich ebenfalls tapfer zur Wehr gesetzt hatten, von den Kriegern Albias überwältigt worden. Burnabys Blicke glitten prüfend über die Körper der Frauen. Alle hatten sie die dunkle Haut der Jägerstämme. Mit seinem ausgestreckten Zeigefinger deutete er auf vier, die mittleren Alters waren, und auf eine Greisin.
»Tötet sie«, befahl er kurz.
Darauf traten zwei Krieger hervor und hieben ihnen ihre Äxte nacheinander in den Hinterkopf. Weinende Kinder wurden aus den Zelten gezerrt und gefesselt. Einem Säugling und zwei Kleinkindern, die noch nicht in der Lage waren, den Marsch zu bewältigen, wurden kurzerhand die Köpfe herumgedreht. Die Toten und Verletzten aber betteten sie der Reihe nach ins Gras. Auch ein steinalter Mann, dem eine Streitaxt die Kniescheibe zertrümmert hatte, wurde durchs hohe Gras geschleift und neben seinen Gefährten abgelegt. Mit zornigen Augen musterte er die Angreifer. Burnaby trat hervor. Sein schweißnasser und von Blut besudelter Körper glänzte im Mondlicht.
»Brüder, wir haben einen großen Sieg errungen! – Nun bringt es zu Ende. Tötet alle Männer, in deren Körpern sich noch Leben regt. Dann zerschlagt ihre Gebeine und werft sie ins Feuer.«
Da stemmte der alte Mann mühsam seinen Oberkörper hoch. Die Zöpfe, zu denen sein langes, weißes Haar geflochten war, hatten sich gelöst und sein schmutzstarrender Bart stand in alle Richtungen. Mit seinen strahlend blauen Augen fixierte er Burnaby und stieß einen furchtbaren Fluch gegen ihn aus. Burnaby gefror schier das Blut in den Adern. Er hatte nicht alles verstanden, was der Alte in seinem uralten Dialekt gesagt hatte. Doch die Bedeutung war ihm klar. – Sie standen mit den Geistern im Bunde, diese Schamanen. Wer hätte nicht schon gehört, dass ihre Seele von wilden Tieren Besitz ergriffen oder als Wiedergänger erschienen war, um geschehenes Unrecht zu vergelten? Also beschloss er:
»Diesen Mann enthauptet und legt ihm den Kopf zwischen die Füße. Grabt ein zwei Klafter tiefes Loch und werft ihn hinein. Seine Brust beschwert mit einem Stein, der so schwer ist, dass man zwei Männer benötigt, um ihn zu tragen. – Das wird ihn hindern, Rache an uns zu nehmen.«
Da machten sich die Krieger an die Arbeit. Vor den Augen der Frauen und Kinder verrichteten sie ihr blutiges Werk. Schlugen ihre Äxte von hinten in die Köpfe der Lebenden und zertrümmerten ihre Gliedmaßen. Arben unterdessen hatte sich zu der Feuerstelle begeben, um die Glut neu zu entfachen. Bald loderten die Flammen hoch empor und die Männer warfen unter lautem Jubelgeschrei die blutigen Körperteile ins Feuer. Mit dem Alten aber verfuhren sie, wie Burnaby es angeordnet hatte.
Die Sonne hatte ihren Zenit bereits überschritten, als sie die Pferde erreichten. Die neun Frauen und zwölf Kinder wurden an den Händen gefesselt und einzeln an die Pferde gebunden.
Stolz saß Burnaby auf seinem zotteligen Gaul. Das Heil der Götter war mit ihm gewesen und auch sein Vater würde zufrieden sein. Er hatte nur drei Männer verloren. Mehrere waren verletzt, doch würden ihre Wunden gut verheilen. Sie hatten sie gut ausgewaschen und mit den Kräutern verbunden, die ihnen die Heilerin mitgegeben hatte. Das größte Problem war es gewesen, den Krieger, der von einem Pfeil in den Oberschenkel getroffen worden war, durch den Wald zu schleppen.
Gayar lenkte seine Schritte neben den Anführer und sagte:
»Burnaby, ich möchte dir danken. – Du hast mein Leben gerettet.«
»Und du das meines Bruders. Auch ich bin dir zu Dank verpflichtet.«
