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Wien, 1947: Seitdem Doktor Pfeifer in Rente gegangen ist, kämpft die jüdische Lehrerin Stella gegen die Anfeindungen des neuen Direktors des Lindengymnasium, die dieser immer offener zur Schau trägt. Nur privat ist ihr mit Leopold ein wenig Glück beschert, aber das Leid der Kinder ist für Stella nur schwer zu ertragen. Um nachhaltig für sie etwas zu verändern, setzt sie alles daran, um Direktorin zu werden ... Hochemotional erzählt und auf einer wahren Begebenheit beruhend - das Schicksal einer jüdischen Lehrerin in der Nachkriegszeit in Wien
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Veröffentlichungsjahr: 2026
Die Trümmerschule – Jahre der Kinder
BEATE MALY, geboren in Wien, ist Bestsellerautorin zahlreicher Kinderbücher, Krimis und historischer Romane. Ihr Herz schlägt neben Büchern für Frauen, die entgegen aller Widerstände um ihr Glück kämpfen.
Von Beate Maly sind in unserem Hause bereits erschienen:
Die Hebamme von WienDie Hebamme und der GauklerDer Fluch des SündenbuchsDie DonauprinzessinDer Raub der StephanskroneDie SalzpiratinDie KräuterhändlerinFräulein Mozart und der Klang der LiebeDie Frauen von SchönbrunnDie Kinder von SchönbrunnDie BildweberinDie Trümmerschule - Zeit der Hoffnung
Zwischen Trümmern und Träumen liegt die Zukunft der KinderWIEN, 1947: Während die Stadt langsam aus den Schatten des Krieges erwacht, beginnt für die jüdische Lehrerin Stella der Einsatz um die Zukunft. Sie ist in ihre alte Heimat zurückgekehrt, weil sie an ein besseres Morgen glaubt. Doch der neue Direktor am Lindengymnasium verweigert jede Aufarbeitung und setzt auf autoritäre Methoden. Während Stella unermüdlich für Gerechtigkeit und das Wohl der Kinder einsteht, wird ihr der Tischler Leopold zum Fels in der Brandung. Dann droht sie, Leopold zu verlieren. Und Stella muss sich entscheiden: für die Liebe, für die Wahrheit – und für die Kinder, denen sie eine neue Zukunft versprochen hat.
Beate Maly
Roman
Ullstein
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Das Buch
Titelseite
Impressum
Prolog
Eins
Zwei
Drei
Vier
Fünf
Sechs
Sieben
Acht
Neun
Zehn
Elf
Zwölf
Dreizehn
Vierzehn
Fünfzehn
Sechzehn
Siebzehn
Achtzehn
Neunzehn
Zwanzig
Einundzwanzig
Zweiundzwanzig
Dreiundzwanzig
Vierundzwanzig
Fünfundzwanzig
Sechsundzwanzig
Siebenundzwanzig
Achtundzwanzig
Neunundzwanzig
Dreißig
Einunddreißig
Zweiunddreißig
Dreiunddreißig
Vierunddreißig
Fünfunddreißig
Nachwort
Social Media
Vorablesen.de
Cover
Titelseite
Inhalt
Prolog
Jänner 1945
Eine frische Schneeschicht lag auf den Dächern der Stadt. Sie ließ nicht nur die Häuser, sondern auch die Straßen und Gassen sauberer erscheinen, als sie tatsächlich waren. An jedem anderen Morgen hätte Günther sich über das kalte, glitzernde Weiß gefreut. Heute bemerkte er es kaum.
»Hier, nimm die Handschuhe, du wirst sie brauchen«, seine Mutter reichte ihm einen Wollschal und Fäustlinge, dabei vermied sie es, ihn anzusehen. Günther wusste genau, warum, ihre Augen waren seit Tagen gerötet vom Weinen. Sie wollte ihn weder mit ihrer Angst noch mit ihrer Trauer anstecken, was unmöglich war. Beides hatte längst von ihm Besitz ergriffen. Seit der Brief der Armee gekommen war, befanden er und seine Mutter sich in einem Ausnahmezustand. Günther sollte in zwei Wochen in den Krieg ziehen. Der Führer brauchte ihn für den Endkampf. Günthers Mutter hatte noch am selben Tag eine Entscheidung getroffen. Sie war zum Pfandleiher gegangen, hatte ihren Ehering und das Tafelsilber verkauft und mit dem Erlös eine Bahnkarte erstanden. Gemeinsam mit dem restlichen Geld steckte die Karte jetzt in Günthers lederner Umhängetasche, die er noch vor Kurzem als Schulranzen benutzt hatte.
Günther war ein Vorzugsschüler. Die guten Noten flogen ihm förmlich zu. Seine Lehrer prognostizierten ihm eine Karriere als Wissenschaftler. Daraus würde nun nichts mehr werden. Die Schule war für ihn vorerst Geschichte. Im Februar war sein sechzehnter Geburtstag. Er war alt genug, um für den Führer zu sterben. Neben der Fahrkarte und den Reichsmarken befand sich Proviant für ein paar Tage in der Tasche, ein Pullover, lange Unterhosen, Socken und ein Geschenk für Frieda, eine Großcousine seiner Mutter. Er war der Frau noch nie in seinem Leben begegnet. Jetzt sollte sie seine Rettung sein.
Zuerst hätte Günther zu einer Großtante nach Baden gehen sollen, doch seine Mutter hatte sich im letzten Moment umentschieden, denn die Schwester seiner Großmutter war unberechenbar. »Gut möglich, dass sie dich den Nazis ausliefert«, hatte seine Mutter gesagt. »Elisabeth hat seit Jahren den Kontakt zur Familie abgebrochen. Es gab einen Streit ums Geld, der nie beigelegt wurde.«
Günther war es gleich, wohin er geschickt wurde. Er kannte weder die eine noch die andere Frau.
»Deinen Ausweis zeigst du nur her, wenn es unbedingt notwendig ist«, sagte seine Mutter. Den Einrückungsbefehl hatte sie im kleinen Ofen in der Küche verbrannt. »Frieda wird dich in Villach abholen. Von dort bringt dich jemand zu einem Bergbauernhof. Da bist du sicher, bis der Krieg zu Ende ist. Es kann nicht mehr lange dauern.«
»Warum kommst du nicht mit nach Kärnten?«
»Du weißt, dass das nicht geht.« Ihre Stimme zitterte, genau wie ihre Hände. Günther wusste, dass seine Mutter am liebsten mit ihm in den Zug steigen würde. Es war das Geld, das ihnen dafür fehlte. »Ich kann meine Stelle als Krankenschwester nicht aufgeben. Wovon sollen wir leben? Ich muss Frieda Geld schicken, damit der Bauer dich versteckt.« Sie hob den Kopf und jetzt sah Günther die Tränen, die über ihre eingefallenen Wangen liefen. Es war erschreckend, wie dünn seine Mutter geworden war. Ihre Essensrationen steckten in seiner Tasche. »In ein paar Wochen ist alles vorbei. Dann kehrst du zurück nach Wien.«
Günther nickte. Gerne wollte er die Worte seiner Mutter glauben, aber genau wie sie wusste er, dass die Zukunft völlig ungewiss war. Niemand konnte vorhersagen, was die Siegermächte mit Österreich vorhatten. Die Rote Armee rückte vor. Wer ausländische Radiosender hörte, wusste, dass Stalin ebenso gefährlich war wie Hitler. Würde es jemals ein freies Österreich geben? Eine Republik, die er nur aus Erzählungen seiner Eltern kannte? Günthers Vater war ein überzeugter Sozialdemokrat gewesen. Man hatte ihn bereits 1934 mundtot gemacht und mit einem Berufsverbot bestraft, weil er der falschen Partei angehörte. Er hatte das Krankenhaus verlassen müssen und nur noch Privatpatienten gegen Geld behandelt. Später gab er für den Führer unfreiwillig sein Leben. Würde Günther jetzt ein ähnliches Schicksal ereilen? Musste auch er für Hitler sterben, den seine Eltern stets verachtet hatten und für den auch er nichts übrighatte?
Seine Mutter holte Günther aus seinen Gedanken: »Das Wichtigste ist, dass du am Leben bleibst.«
Sie öffnete die Wohnungstür. Im Gang stank es wie immer nach ranziger Kohlsuppe und fauligem Kraut. Günther konnte beides nicht ausstehen, dennoch würde er den Geruch vermissen. Auf dem Weg zum Südbahnhof nahm er nichts von seiner Umgebung wahr. Nur hier und dort wehte eine rote Fahne mit einem schwarzen Hakenkreuz auf weißem Untergrund in sein Blickfeld. In den letzten Wochen waren es deutlich weniger geworden. Die wenigsten glaubten noch an den Endsieg. Plötzlich ertönten die Sirenen des Fliegeralarms. Ein Geräusch, das mittlerweile zum Alltag gehörte wie der morgendliche Malzkaffee ohne Milch.
Eine Frau ließ ihren spärlich gefüllten Einkaufskorb fallen, schnappte nach ihrem Kind und rannte die Straße entlang. Eine andere nutzte die Gelegenheit und nahm den Korb an sich. Statt ihn der Frau mit dem Kind nachzutragen, eilte sie mit ihrer Beute in die andere Richtung. Jeder war sich selbst der Nächste. Lebensmittel waren seit Monaten rationiert. Der Schutzbunker war zwei Kilometer entfernt. Die Hilfesuchenden strömten in diese Richtung. Es gab aber auch Menschen, die vom Lärm der Sirenen unberührt blieben und einfach ihren Weg fortsetzten. Zu oft war es in den letzten Tagen zu Fehlalarmen gekommen.
Auch Günthers Mutter reagierte nicht auf das Heulen. »Wir müssen zum Bahnhof.«
Günther schaute zum tiefblauen Himmel, an dem keine Wolke zu sehen war. Die Sonne ließ die Schneedecke auf den Dächern funkeln wie tausend kleine Diamanten. Es war, als würde das ungetrübte Wetter ihn verhöhnen. In seinem Inneren herrschte die Dunkelheit. Er suchte nach Flugzeugen, aber es tauchte keines auf. Wohl mal wieder ein Fehlalarm.
Je näher sie zum Südbahnhof kamen, umso mehr Menschen waren wieder auf den Straßen. Auch andere Fahrgäste hatten sich von den Sirenen nicht abschrecken lassen. Zielstrebig drängte sich Günthers Mutter an den Warteschlangen vor den Fahrkartenschaltern vorbei zum Bahnsteig drei, wo der nächste Zug Richtung Süden abfuhr.
Die Lokomotive samt Waggons stand bereits am Gleis. Vielleicht war es gut, so blieb keine Zeit für Tränen. Günthers Mutter nahm ihn in den Arm und drückte ihn ein letztes Mal an sich. Er konnte ihre Knochen durch den Mantel hindurch spüren.
»Ich liebe dich, wir sehen uns bald wieder. Pass gut auf dich auf.« Ihre Stimme verriet, wie groß ihre Angst war. Der Kloß in seinem Hals hinderte ihn daran zu antworten.
Als Günther in den Waggon kletterte, hatte er den Duft ihres Parfums in der Nase. Eine Mischung aus Citrus und Lavendel. Vor seinen Augen lag ein Tränenschleier. Er schluckte und zog die Nase hoch. Nur nicht weinen. Wenn er erst einmal anfing, würde er nicht mehr damit aufhören. Wie oft hatte seine Mutter ihm gesagt, dass er tapfer sein sollte. Deshalb schloss er für einen Moment die Augen, nur ganz kurz, dann war er im Wageninneren. Die Worte seiner Mutter kamen ihm ins Gedächtnis. »Ich habe dich nicht unter Schmerzen zur Welt gebracht, damit du für Hitler stirbst. Lebe, versprich mir, dass du leben wirst.«
Günther wollte das Versprechen halten. Tapfer blinzelte er die Tränen weg. Dann fuhr er sich mit dem Ärmel seiner Winterjacke über Nase und Augen und suchte nach einem Sitzplatz. Am Ende des Waggons fand er eine Holzbank, auf der ein Junge saß, der etwa in seinem Alter war. Seine Schuhe waren löchrig, die Hosen zu kurz und seine Jacke viel zu dünn für die Jahreszeit. Nervös glitten seine Augen über die Köpfe der Passagiere, so als hätte er Angst, entdeckt zu werden. War auch er auf der Flucht, um nicht für Hitler sterben zu müssen?
Schon setzte der Zug sich schnaufend in Bewegung. Der beißende Geruch verbrannter Kohle drang trotz geschlossener Fenster ins Wageninnere. Günther blickte ein letztes Mal aus dem Fenster und suchte nach seiner Mutter. Unter den Menschen am Bahnsteig entdeckte er sie mit einem Taschentuch in der Hand. Statt damit zu winken, schnäuzte sie sich hinein. Jetzt weinte sie hemmungslos. Günther schluckte. Er wünschte, er hätte sie nicht so gesehen. Das Bild würde sich für immer in sein Gedächtnis brennen. Am liebsten wäre er zum Ausgang zurückgelaufen, wäre aus dem fahrenden Zug gesprungen. Doch er blieb wie angewurzelt stehen und wartete, dass die Lokomotive aus der Bahnhofshalle ratterte, vorbei an leeren Güterwaggons, Lagerhallen und Gebäuden. Nichts von dem, was er sah, hatte Bedeutung. Alles war so unwirklich wie in den bösen Albträumen der letzten Wochen, aus denen er Nacht für Nacht schweißgebadet erwacht war. Doch das hier war die Wirklichkeit und es war nicht die sanfte Stimme seiner Mutter, die ihn aufweckte, sondern eine tiefe, bedrohlich klingende Männerstimme, die ihn zusammenfahren ließ. Ein Schaffner stellte sich vor den Jungen, der in Lumpen in der Ecke saß. Der Bursche wollte aufstehen und weglaufen, doch der Mann in Uniform hielt ihn an der Schulter fest. Sie befanden sich am Ende des Zugs. Es gab keinen Waggon, in den der Junge hätte flüchten können.
»Warum so eilig? In Wiener Neustadt übergebe ich dich der Polizei«, drohte der Uniformierte.
Die Augen des Jungen waren angstgeweitet. Sie waren von einem ungewöhnlich dunklen Blau, genau wie der Himmel vor den Fenstern des Zuges.
»Das ist mein Bruder«, mischte sich Günther ins Gespräch.
Völlig erstaunt drehte der Schaffner sich um. Günther war über seine spontane Bemerkung mindestens so überrascht wie alle anderen im Waggon. Der Schaffner musterte ihn mit zusammengezogenen Augenbrauen. Günthers Kleidung war von guter Qualität, er sah bestenfalls wie ein reicher, weit entfernter Verwandter des Jungen aus, aber nicht wie sein Bruder.
»Wir sind in den Fliegeralarm gekommen, deshalb haben wir nur eine Bahnkarte kaufen können«, log Günther weiter. Er spürte, dass der Junge in großer Gefahr war. Sich um die Sicherheit eines anderen zu sorgen, war einfacher, als sich um sich selbst Gedanken zu machen.
»Ach ja? Und das soll ich dir glauben?«
Günther öffnete die lederne Umhängetasche, holte seine eigene Bahnkarte heraus und sein Portemonnaie.
»Kann ich die Bahnkarte für meinen Bruder jetzt noch kaufen?«
Der Schaffner schien zu überlegen. Er sah auf das Geld in Günthers Hand. »Fliegeralarm?«, wiederholte er ungläubig.
»Ja, es kann doch nicht sein, dass Sie ihn nicht gehört haben. Wir dachten, dass der Zug nicht abfährt wegen der Bomber.«
»Hm«, der Mann in Uniform schob seine Mütze nach hinten und kratzte sich an der Stirn. Bestimmt hatte er die Sirenen gehört.
»Eigentlich müsste ich dich und deinen Bruder …«
»Halbbruder«, besserte Günther aus und mit einem Mal schien der Mann der Geschichte Glauben schenken zu wollen. Vielleicht hatte er auch bloß keine Lust auf Ärger. Auf alle Fälle seufzte er laut und meinte dann:
»Meinetwegen. Ich stell euch eine Fahrkarte aus. Aber der Zug fährt nicht bis Villach. Ihr müsst in Bruck an der Mur aus dem Zug.«
Mit einem Schlag kehrte Günthers Nervosität zurück. »Gibt es dort einen Anschlusszug?«, fragte er ängstlich. Was sollte er in Bruck an der Mur? Er wurde in Villach erwartet.
»Keine Ahnung«, sagte der Schaffner. »Das kann im Moment niemand sagen. Es ist ein Wunder, dass dieser Zug überhaupt fährt.« Er nahm Günthers Geld entgegen und reichte dem Jungen auf der Holzbank eine Fahrkarte, dann ging er weiter zu den nächsten Fahrgästen.
Günther ließ sich neben dem Fremden nieder. Der starrte ihn völlig verdattert an.
»Warum hast du das gemacht?« Die Stimme war kaum mehr als ein heiseres Flüstern. »Ich kann dir das Geld nicht zurückgeben.«
Günther zuckte mit den Schultern. Er wusste selbst nicht genau, was ihn eben geritten hatte.
Der Junge streckte ihm die Hand entgegen. »Ich bin Bruno.«
»Günther.« Obwohl der Junge dürr war, hatte er einen kräftigen Händedruck.
»Hast du Hunger?«, fragte Günther. Noch bevor Bruno antworten konnte, holte er das Margarinebrot hervor, das seine Mutter ihm für die Reise geschmiert hatte. Er teilte es und gab die größere Hälfte Bruno.
»Danke.« In den blauen Augen lag ein unausgesprochenes Versprechen, es sorgte dafür, dass Günthers Herzschlag sich langsam wieder beruhigte. Das Bedürfnis, auf der Stelle loszuheulen, wurde kleiner.
Was immer ihn auf der anderen Seite des Semmerings erwarten würde, er war nicht allein und das fühlte sich auf tröstliche Weise gut an.
1947
Der einzige Weg in eine Zukunft ohne Hass sind die Kinder. Ihnen müssen wir eine gewaltfreie Erziehung angedeihen lassen und sie die Werte der Demokratie lehren. Selbstständig denkende junge Menschen sind in der Lage, Missstände zu erkennen und Lügen zu entlarven. Damit sich die Vergangenheit nie wieder wiederholt.
Stella zog das Blatt aus der Schreibmaschine, einer Adler 7, die fast doppelt so alt war wie sie selbst. Sie stammte aus dem Büro eines hohen NSDAP-Mitglieds. Die Amerikaner hatten Stella die Maschine überlassen. Seit die Kinderfreunde vor zwei Jahren wieder gegründet worden waren, erschienen auch wieder regelmäßig die Publikationen der Familienorganisation. Es war ein Schock für Stella gewesen, als die Austrofaschisten nach dem Bürgerkrieg die Sozialdemokratie und alle ihre Teilorganisationen verboten hatten. Niemals hätten sie und ihre Parteigenossen gedacht, dass so etwas möglich werden könnte. Viele ihrer Freunde hatten Österreich damals verlassen. Wichtige Stimmen, die 1938 gefehlt hatten. Stella war eine von ihnen. Der gesamte Besitz der Kinderfreunde war von Dollfuß beschlagnahmt worden. Trotzdem hatten ein paar Idealisten im Untergrund und Widerstand weitergearbeitet und auf eine bessere Zukunft gehofft.
Jetzt war sie endlich da. Eine zweite Chance für Österreich. Unter der Kontrolle der Alliierten sollte das Land die Ideologie Nazideutschlands abstreifen. Kein leichtes Unterfangen, wenn man an die Bilder zurückdachte, die sich 1938 am Heldenplatz abgespielt hatten. Heute wollte niemand dort gewesen sein und Fahnen für den Führer geschwungen haben.
»Tippen Sie was Ordentliches auf dem Gerät«, hatte der amerikanische GI zu Stella gesagt, als er ihr die Schreibmaschine übergeben hatte. Seit ein paar Wochen war sie die Chefredakteurin der Zeitschrift Sozialistische Erziehung. Stirnrunzelnd las sie ihren Text noch einmal. Ob der amerikanische Soldat ihre Worte als »etwas Ordentliches« bezeichnen würde? Sie selbst war vorerst damit zufrieden. Als sie Felis Stimme aus der Küche hörte, legte sie das Blatt zur Seite und stand vom Schreibtisch auf.
Seit ihrer Rückkehr aus dem englischen Exil vor mehr als einem Jahr wohnte sie in der Wohnung ihrer besten Freundin Felicitas Straubinger. Die beiden teilten sich nicht nur die Wohnung, sondern auch den Arbeitsplatz am Lindengymnasium. Die Schule lag nur ein paar Straßenzüge von der Schottenfeldgasse entfernt. Feli war die Sekretärin der Schule, während Stella die Fächer Englisch, Deutsch und Latein unterrichtete. Voller Hoffnung hatte sie die Aufgabe angenommen und ebenso schnell realisiert, dass das nationalsozialistische Gedankengut unter den Lehrern und auch unter einigen Schülern noch weitverbreitet war. Da half es auch nicht, dass Deimels Vorgänger Doktor Pfeifer sich für sie eingesetzt hatte. Kurze Zeit hatte Stella gehofft, dass sie die neue Direktorin der Schule werden würde, doch im Unterrichtsministerium hatte man sich für ihren Kollegen Deimel entschieden. Die Zeit für eine jüdische Direktorin in Wien war noch nicht reif, hatte Stella bitter feststellen müssen. Zu allem Übel war Deimel ein altmodischer Lehrer, der Unterrichtsmethoden aus dem letzten Jahrhundert anwandte und sich offen antisemitisch gegen Stella äußerte. Da er aber selbst nie Parteimitglied gewesen war und bloß in parteinahen Vereinen tätig gewesen war, konnte man ihm keine menschlichen Verbrechen nachweisen. Das Bildungsministerium hatte ihn zum Nachfolger des liberal denkenden Direktors Pfeifer bestellt. Die Entscheidung schmerzte Stella vor allem wegen der Kinder.
Hätte Deimel es gekonnt, hätte er Stella längst versetzen lassen. Doch da sie sich nichts zuschulden kommen ließ, waren ihm die Hände gebunden. An manchen Tagen war Stella knapp davor, die Schule freiwillig zu verlassen. Doch dann sah sie in die Gesichter ihrer Schüler und entschied sich fürs Bleiben. Außerdem waren da auch ihre Kollegen Maria Kleist und Josef Hacker, die ähnlich wie Stella dachten und arbeiteten. Auch sie verabscheuten körperliche Züchtigungen, Demütigungen und Machtmissbrauch gegenüber den Schülern. Immer wieder stellte Stella sich schützend vor ihre Schüler, bevor die Situation mit Deimel eskalierte. Danach flüchtete sie ins Sekretariat zu Feli oder in die Werkstatt zu Leopold.
Allein beim Gedanken an ihn wurde ihr warm ums Herz. Leopold hatte ihr geholfen, einen Teil der schrecklichen Schatten der Vergangenheit loszuwerden und das Leben wieder mit Freude und Zuversicht anzugehen. Er war Tischler, der immer wieder Aufträge im Lindengymnasium übernahm. Im Moment schreinerte er die Regale der Bibliothek. Feli hatte gelacht, als sie davon hörte: »Der Mann deines Herzens kümmert sich um dein Herzensprojekt an der Schule, die Bücherei, wie passend.«
Stella war rot angelaufen. Im letzten Jahr war Leopold neben Feli zum wichtigsten Menschen in Stellas Leben geworden. Sie konnte sich ein Wochenende ohne ihn gar nicht mehr vorstellen. All die schönen Ausflüge in den Wienerwald, an die Alte Donau oder in den Prater. Ihr erster Kuss war so berauschend gewesen, dass Stella das Gefühl gehabt hatte, sie könnte die Welt aus den Angeln heben. Sie hatte gehofft, dass dieser Zustand der unkomplizierten Leichtigkeit für immer anhalten würde. Doch seit Kurzem ließ Leopold sie spüren, dass er mehr wollte als bloß eine schöne Zeit mit ihr verbringen und das machte Stella zunehmend nervös. Sie konnte noch nicht an eine gemeinsame Zukunft denken.
»Wo bist du mit deinen Gedanken?« Feli stellte einen Topf Gemüsesuppe mit Rollgerste auf den Tisch. Sie runzelte die Stirn. »Lass mich raten. Du denkst an einen attraktiven und sympathischen Tischler.« Feli hatte ihre dichten, dunklen Locken mit einem bunten Tuch zusammengebunden. In den letzten Monaten hatte sie ihre alte Figur beinahe wiedererlangt. Ihre Wangen waren rosig, ihr Körper weiblich gerundet und ihre braunen Augen strahlten Zuversicht und Freude aus, die ansteckend waren.
»Bin ich so leicht zu durchschauen?« Stella holte Teller aus der Kredenz und deckte den Tisch. Optisch war sie das Gegenteil zu Feli. Groß, schlank, blond mit blauen Augen hätte sie dem Idealbild einer deutschen Frau entsprochen, wäre da nicht ihre jüdische Mutter gewesen.
»Du würdest eine lausige Schauspielerin abgeben«, bestätigte Feli fröhlich.
»Ich habe Leopold heute nicht gesehen«, antwortete Stella. »Er war im französischen Sektor wegen eines neuen Auftrags.«
»Wohnt der Junge, den er auf der Straße aufgegabelt hat, immer noch bei ihm?«, erkundigte sich Feli.
»Ja!« Die Entscheidung hatte auch Stella überrascht. Vor zwei Wochen war Leopold am Schwarzmarkt einem Jungen begegnet, der ihn vor Taschendieben bewahrt hatte. Aus Dankbarkeit hatte Leopold den Burschen auf ein Mittagessen eingeladen. Danach hatte er es nicht mehr übers Herz gebracht, den elternlosen Jungen ziehen zu lassen.
»Er kennt den Jungen doch kaum«, sagte Feli. »Ob er wohl weggelaufen ist, vielleicht aus einem Heim?«
»Leopold sagt, dass allein das Erwähnen eines Heims bei ihm Panik ausgelöst hat.«
»Es wäre trotzdem der richtige Ort für ihn.«
»Da er schon siebzehn ist, würde er wahrscheinlich in keinem Waisenhaus mehr unterkommen. Ich weiß gar nicht, ob und wie man ihn unterstützen würde. Vielleicht würde man ihn sich selbst überlassen. Aber du kennst Leopold, wenn er sich etwas in den Kopf gesetzt hat, dann ist es schwer, ihn umzustimmen. Er sagt, dass der Junge ein geschickter Handwerker ist. Er will aus ihm einen ordentlichen Tischler machen.«
»Und wo schläft der Bub?«
»In Leopolds Abstellkammer. Und Bub ist er keiner mehr«, sagte Stella. »Er ist siebzehn. Auch wenn er angeblich aussieht wie vierzehn, weil er so dürr ist.«
»Hast du ihn schon kennengelernt?«, wollte Feli wissen.
»Bis jetzt nicht.« Leopold hatte ihr versprochen, dass er ihn ihr bald vorstellen würde, spätestens, wenn er ihn mit in die Schule nähme.
»Und er hat gar keine Verwandten mehr?«, fragte Feli.
Stella zuckte mit den Schultern. »Zumindest behauptet er das, und Leopold glaubt ihm.«
Stella hatte in England mit elternlosen Burschen gearbeitet. Viele von ihnen hatten den Stempel »schwer erziehbar« aufgedrückt bekommen. Sie wusste, wie schwierig es war, den Kindern, die oft sehr harte Schicksale hinter sich hatten, Halt zu geben und gleichzeitig Grenzen aufzuzeigen. Sie hatte die Erfahrung gemacht, dass viele nicht immer die ganze Wahrheit über ihre eigene Vergangenheit erzählten. Oft hielt die Scham sie davon ab.
»Wie heißt der Bursche?«
»Bruno.«
Stella setzte sich, während Feli Besteck und Gläser holte. Es waren kleine Weingläser, die Feli jetzt mit Wasser aus einem Krug füllte.
»Wann warst du eigentlich das letzte Mal bei deinen Eltern?«, fragte Stella. Die Weingläser veranlassten sie zum abrupten Themenwechsel. Die Straubingers besaßen einen Winzerhof in Stammersdorf. Noch vor einem Jahr hatten die beiden gehofft, dass Feli ihren Verlobten Hubert heiraten würde, der den Hof als Winzer übernehmen wollte. Felis Bruder, der eigentlich für die Aufgabe vorgesehen gewesen war, hatte sein Leben in Stalingrad verloren. Doch Feli hatte mit der Hochzeit gezögert. Hubert war als veränderter Mann aus russischer Gefangenschaft zurückgekehrt. Er selbst war es gewesen, der die Verlobung schließlich aufgelöst hatte.
»Ich würde weder ein guter Ehemann noch ein guter Vater sein«, hatte er traurig gesagt. Eine ganze Woche lang hatte Feli geweint und sich schuldig gefühlt, weil sie erleichtert war. Den Wunsch ihrer Eltern, Hubert zum Umdenken zu überreden, hatte sie nicht befolgt. Als Hubert dann zu seiner Großtante nach Graz gezogen war, hatte Feli endlich loslassen können. Seither strahlte sie wieder Zuversicht aus. Aus der wiedergewonnenen Freiheit schöpfte sie neue Lebensfreude. Was sich jedoch nicht gelöst hatte, war die Frage der Hofübernahme. Feli konnte und wollte sich im Moment noch nicht als Winzerin sehen.
»Ich fahre am Wochenende hin. Begleitest du mich?«, fragte sie. »Wenn du dabei bist, gibt es auch andere Gesprächsthemen. Sonst werden meine Eltern ausschließlich über den Hof reden.«
»Wenn ich mich nicht mit Leopold treffe, gerne.« Stella mochte das Ehepaar Straubinger, das ihr 1938 mit einer großzügigen Geldsumme, die sie nie zurückverlangten, zur Flucht nach England verholfen hatte.
»Ich kann deine Eltern verstehen«, sagte Stella. »Der Hof ist ihr Lebenswerk.«
»Eben«, meinte Feli. »Es ist ihr Lebenswerk.« Sie betonte das Wort »ihr«. »Ich mag guten Wein, aber ich will ihn weder keltern noch verkaufen. Ich bin sehr glücklich als Sekretärin einer Schule.«
»Trotz deines Vorgesetzten?«
»Erinnere mich nicht an Deimel!«, sagte Feli finster. »Man soll ja niemandem etwas Böses wünschen, aber warum müssen wirklich nette Menschen krank werden, während Biester wie Deimel pumperlgesund durch die Welt laufen?«
Damit meinte sie Doktor Pfeifer, den ehemaligen Direktor des Lindengymnasiums, der die Schule mit Besonnenheit geführt hatte. Letztlich hatte er aus gesundheitlichen Gründen seinen Posten räumen müssen.
»Ich bin nach wie vor davon überzeugt, dass der Mann Dreck am Stecken hat«, überlegte Stella. Seit sie wieder in Wien war, musste sie Tag für Tag miterleben, wie Menschen, die offen mit den Nazis sympathisiert und sich an jüdischem Eigentum bereichert hatten, von all den Gräueln nichts mehr gewusst haben wollten. Es war, als befände sich ein ganzes Land in einer Art Amnesie. Menschen mit braunem Gedankengut krochen wieder aus ihren Löchern und setzten unbeschadet ihr Leben fort. Die anfangs so ambitioniert durchgeführte Entnazifizierung war nicht nur ins Stocken geraten, die Alliierten hatten sie in die Hände der Besiegten gelegt. Richter, die NSDAP-Mitglieder gewesen waren, stellten ihren Freunden und Bekannten Persilscheine und Begnadigungen aus. Plötzlich hatte niemand mehr etwas über die Vernichtung der Juden gewusst und die Arisierungen jüdischen Eigentums hatten nie stattgefunden.
Auch Stellas Antrag, ihre elterliche Wohnung zurückzubekommen, war abgelehnt worden. Angeblich war die Wohnung in einem desolaten Zustand gewesen und die Familie Zobel, die sie übernommen hatte, hatte so viel Geld in die Sanierung stecken müssen, dass sie sich das Recht erworben hatte, sie zu behalten. Stella wusste, dass das eine glatte Lüge war. Die Wohnung war einwandfrei gewesen. Ihre Eltern hatten sie kurz nach dem Bürgerkrieg 1934 generalsanieren lassen. Um ihres eigenen Friedens willen hatte sie sich mit der Entscheidung abgefunden. Was es ihr erleichterte, die Ungerechtigkeit zu akzeptieren, war die Tatsache, dass die Familie Zobel jetzt in der Porzellangasse wohnte. Herr Zobel, ein überzeugter Nazi, war letzten Winter seinen Kriegsverletzungen erlegen. Für seine Witwe war es nicht einfach, sich selbst und ihre Kinder durchzubringen. Müssten sie die Wohnung verlassen, wäre das auch das Ende der Schulkarriere ihrer ältesten Tochter Leni. Das Mädchen müsste arbeiten und Geld verdienen. Dabei war sie Stellas begabteste Schülerin. Zwischen den beiden war im letzten Jahr ein Band entstanden, das über das gewöhnliche Lehrerinnen-Schülerinnen-Verhältnis hinausging. Stella hatte das Mädchen ins Herz geschlossen und fühlte sich für sie verantwortlich.
»Gestern verlangte Deimel von mir, sein Büro abzustauben. Ich habe ihm erklärt, dass ich seine Sekretärin bin und nicht seine Putzfrau, worauf er gemeint hat, dass er entscheide, welche Arbeiten ich zu erledigen habe.«
»Hast du seine Regale sauber gemacht?«
Feli zuckte mit den Schultern. »Was hätte ich denn tun sollen? Du kennst ihn ja. Ich habe es aber sehr oberflächlich gemacht und leider blieb dann keine Zeit mehr, seinen Kaffee zu kochen. Er musste jemand anderen darum bitten.«
»Pah, als würde Deimel jemanden um etwas bitten. Ich würde sagen, er hat es befohlen.«
»Der Mann ist ein Ungeheuer«, stimmte Feli zu. »Aber solange es nur ums Staubwischen und Kaffeekochen geht, kann ich mich arrangieren. Schwieriger wird es, wenn ich mitbekomme, wie er Schüler bestraft.« Leidend verzog Feli den Mund. »Neulich hat er einen Schüler aus der 4A in einer Ecke knien lassen. Als der Junge versucht hat, sich zu bewegen, hat Deimel ihn die Arme vorstrecken lassen und hat mit dem Rohrstock auf seine Finger geschlagen. Danach hat er keinen Mucks mehr von sich gegeben.«
»Oh mein Gott«, entfuhr es Stella. »Das darf er nicht. Warum hast du nichts dagegen gesagt?«
»Weil er im Recht ist«, erwiderte Feli traurig. »Lehrer und Eltern dürfen Kinder schlagen. So besagt es das Gesetz. Es gibt keine Konsequenzen. Vor allem dann nicht, wenn die Eltern mit den Züchtigungen einverstanden sind, was in diesem Fall so ist. Ich habe gehört, wie die Mutter Deimel ausdrücklich darum gebeten hat, ihrem Sohn die Flausen aus dem Kopf zu prügeln.«
»Josef ist der Klassenvorstand der 4A, ich muss mit ihm reden.«
»Er weiß längst Bescheid«, sagte Feli. »Der Bub wird auch zu Hause geschlagen.«
Fassungslos schüttelte Stella den Kopf: »Wann wird es endlich ein Gesetz geben, das die Gewalt gegen Kinder verbietet?«
»Ich glaube nicht, dass wir beide das noch erleben werden«, meinte Feli.
Stella wollte das auf keinen Fall so stehen lassen. »Vielleicht muss ich in die Politik einsteigen«, meinte sie nachdenklich.
Jetzt lachte Feli. »Was willst du denn noch alles tun? Dein Tag hat auch nur vierundzwanzig Stunden. Und du bist doch ohnehin schon Parteimitglied. Außerdem schreibst du für die Kinderfreunde.«
Stella griff nach dem Schöpflöffel und füllte zuerst Felis Teller, dann ihren eigenen. »Offenbar reicht das nicht. Es gibt so viel zu tun.«
»Ach, Stella. Willst du dich nicht zuerst mal um dein Privatleben kümmern, bevor du Wien und die Welt rettest?«
Feli schnitt einen wunden Punkt an. In den letzten Monaten waren Leopold und Stella sich deutlich nähergekommen. Im Grunde konnte Stella sich ein Leben ohne ihn nicht mehr vorstellen. Aber immer, wenn Leopold versuchte, eine gemeinsame Zukunft anzusprechen, oder gar das Wort »Ehe« in den Mund nahm, wich Stella geschickt aus. Erst kürzlich hatte er sie zum wiederholten Mal gefragt, wie lange sie noch mit Feli in einer Wohnung leben wollte. Stella hatte gemeint: »Solange es für Feli und mich passt.« Worauf Leopold geschwiegen hatte.
Noch akzeptierte er Stellas Zögern, aber die Frage war, wie lange noch? Er kannte ihre Vergangenheit und wusste vom Selbstmord ihres Verlobten Simon. Deshalb verhielt er sich rücksichtsvoll. Aber Stella wusste, dass er irgendwann eine Entscheidung von ihr einfordern würde. Leopold war ein bodenständiger Mann, der keine halben Sachen wollte. Wenn er mit einer Frau zusammen war, dann sollte das offiziell und gesellschaftlich akzeptiert sein. Über kurz oder lang würde er ihr einen Heiratsantrag machen. Und was würde Stella sagen? Trotz ihrer Gefühle für ihn wusste sie es nicht. Die Vorstellung, sich fürs Leben zu binden, ängstigte sie.
»Morgen muss ich mich einem Gespräch mit Deimel stellen«, sagte Stella.
»Was will er denn von dir?«
Stella zuckte mit den Schultern. »Keine Ahnung, was er sich diesmal ausdenkt. Als er mich letztes Mal in sein Büro zitiert hat, hat er mir den Klassenvorstand der 5A weggenommen und stattdessen die 8A übergeben. Schlimmer kann es nicht mehr werden. Mit der Maturaklasse habe ich Probleme. Sie ist mein Sargnagel.«
»Ist es noch nicht besser geworden?«, fragte Feli. Die Freundin wusste, wie sehr Stella an den jüngeren Schülern gehangen hatte. Letztes Schuljahr war ihr die ganze 4A ans Herz gewachsen. Die Kinder nicht mehr als Klassenvorstand begleiten zu dürfen hatte sie hart getroffen. Stattdessen war sie jetzt für die Maturanten zuständig, die ihr das Leben schwer machten.
»Leider nein. Ich habe das Gefühl, es wird immer schlimmer. Die jungen Menschen wollen sich nicht mit dem Krieg auseinandersetzen. Am liebsten würden sie so tun, als hätte es die letzten Jahre nicht gegeben.«
»Du wirst einen Weg finden, da bin ich mir sicher«, meinte Feli. Sie war eine unverbesserliche Optimistin.
»Ich weiß, aber es ist nicht leicht mit den Schülern.« Stella überlegte. »Ich wünschte, Deimel gibt mir die 5A zurück. Ich mache mir Sorgen um die Kleinen.«
»Das wird nicht passieren«, war Feli überzeugt. »Viel eher wird er dir die Leitung der Bibliothek entziehen oder sich etwas anderes ausdenken, von dem er weiß, dass es dir keine Freude bereitet. Vielleicht musst du die Stammdaten der Schüler in Karteikästen sortieren.« Feli lachte. Das war ihre Aufgabe als Sekretärin. Eines der wenigen Dinge an ihrer Arbeit, die sie nicht gerne erledigte. Stella hätte gerne in Felis gute Laune eingestimmt, doch insgeheim ahnte sie bereits, worum es im Gespräch gehen würde, nur wollte sie es Feli nicht gestehen. Die Freundin würde ihr die Leviten lesen.
»Solange er dich nicht von der Schule wirft, ist alles gut«, sagte Feli.
»Das kann er nicht«, entgegnete Stella und fügte etwas weniger zuversichtlich hinzu: »Zumindest hoffe ich das.«
Bevor das Gedankenkarussell sich zu drehen anfangen konnte, widmete sie sich dem Gemüseeintopf. Sie würde früh genug erfahren, womit Deimel ihr das Leben schwer machen wollte.
Wie jeden Morgen legten Stella und Feli gemeinsam den Weg zur Schule zurück. Das Lindengymnasium war nur wenige Gehminuten von der Schottenfeldgasse entfernt. Immer noch war ein Großteil der Gebäude zerstört, doch viele der riesigen Ziegel- und Schutthaufen waren Baugerüsten gewichen. Überall wurde gehämmert, gesägt und aufgeräumt. Neue Ziegel wurden herangeschleppt und zerborstene Glasscheiben ersetzt. Es würde noch Jahre dauern, bis die Stadt wieder im alten Glanz erstrahlte, doch hier und dort konnte man bereits erahnen, wie die Zukunft aussehen konnte.
Gleich nach Kriegsende hatten die Alliierten ehemalige NSDAP-Mitglieder dazu gezwungen, beim Wegräumen der Trümmer zu helfen. In langen Menschenketten hatten sie Ziegel und Mauerteile abtransportiert. Jetzt forderten viele von ihnen Reparaturzahlungen. Die Arbeit hätte sie davon abgehalten, sich dem Wiederaufbau ihrer eigenen Wohnungen zu widmen, außerdem hätten sie Lohnausfälle erlitten. Stella konnte nicht fassen, wie vielen Anträgen stattgegeben wurde. Sie selbst kannte mindestens vier Frauen, die 1938 voller Freude zugesehen hatten, wie alte jüdische Kaufleute mit Zahnbürsten die Gehsteige schrubben mussten. Jetzt taten sie so, als hätten sie von alldem nichts gewusst. An den Verbrechen gegen die Menschlichkeit hatten sie sich nie beteiligt. Stella wollte nicht wissen, wie viel Gold und andere Wertgegenstände sie aus jüdischen Wohnungen gestohlen und wie viele Unschuldige sie denunziert und in den Tod geschickt hatten. Manchmal fiel es schwer, nach vorne zu schauen und versöhnlich auf diese Menschen zuzugehen. Vor allem dann, wenn sie unverfroren logen, um sich erneut zu bereichern, indem sie Reparaturzahlungen forderten.
Vor dem Lindengymnasium machten sie halt. Die verkohlten Bäume waren entfernt und zwei neue, junge Linden gepflanzt worden. Für Stella waren sie ein Symbol der Hoffnung und des Neubeginns. Genau wie die Schüler, die jetzt von allen Seiten auf die Schule zuströmten. Junge Menschen, die sich unterhielten und lachten. Jungs, die schnell noch ein paarmal mit einem Fetzenfußball hin und her spielten, bevor sie den Ballersatz in einem der Schulranzen verschwinden ließen. Mädchen, die die Köpfe zusammensteckten und eines der Hefte durchblätterten, die ihnen amerikanische Soldaten geschenkt hatten, oder sich einen der beliebten Kaugummis teilten, die die Befreier ebenfalls an Kinder verteilten. Die Schule befand sich in der amerikanischen Zone, was bedeutete, dass die Versorgungslage mit Lebensmitteln besser war als in den drei anderen Zonen. Trotzdem war es im letzten Winter zu einer verheerenden Tuberkuloseepidemie gekommen, die vor allem die Kinder getroffen hatte. Viele von ihnen waren unterernährt und schwach. Alle hofften, dass dieser Winter leichter sein würde.
Stella ließ den Blick über den Platz schweifen. Die meisten der Kinder kannte sie persönlich, vom Sehen fast alle. Unter den vertrauten Gesichtern, die sie freundlich grüßten, entdeckte sie eines, das ihr fremd war. Es war ein Bursche um die sechzehn. Er war in Begleitung einer älteren Dame unterwegs, die elegant gekleidet war und vom Alter her kaum seine Mutter sein konnte. Sie sah eher wie seine Großmutter aus. Die beiden gingen auf das Schultor zu, stiegen die Treppe hoch und betraten das Gebäude.
»Frau Professor, meine Mutter hat den Ausgangsschein unterschrieben. Ich darf ins Theater mitkommen!« Ein Mädchen mit zwei langen, geflochtenen Zöpfen winkte Stella mit einem Zettel entgegen.
»Das ist schön. Gib ihn mir bitte später.« Stella wollte nicht damit anfangen, Hefte oder Unterschriften auf der Straße oder im Treppenhaus einzusammeln.
»In Ordnung.« Das Mädchen sauste zurück zu ihren Freundinnen.
»Hast du eine Exkursion beantragt?«, fragte Feli. »Ich kann mich gar nicht daran erinnern.« Als Sekretärin hatte sie einen Überblick über die Aktivitäten in und außerhalb der Schule. Direktor Deimel erlaubte nur selten Ausgänge.
