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London: Marquise und Maxim - zwei vielversprechende Talente - treffen aufeinander. Eine Begegnung, die ihr Leben fortan prägen wird, obwohl sie doch so verschieden sind. Sie: Sängerin, extrovertiert und extravagant. Er: Zehn Jahre älter als sie, Geiger, Querdenker, in sich gekehrt und verschlossen. Gemeinsam haben beide lediglich die Liebe zur Musik sowie das Streben nach Ruhm. Trotzdem fühlen sie sich von der ersten Sekunde an miteinander verbunden. Dass ein Leben im Rampenlicht auch seine Schattenseiten hat, müssen beide schmerzlich erfahren. Denn über allem Glanz schwebt letzten Endes die Angst. Die Angst zu fallen. Tief zu fallen. Selbstzweifel, Neid, Depressionen, Exzesse und Schicksalsschläge stellen ihr junges Glück auf eine harte Probe. Wird ihre Liebe all dem standhalten? Welchen Tribut fordert die Bühne?
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Seitenzahl: 428
Veröffentlichungsjahr: 2015
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Für Cäcilia und Narziss,
die sich niemals begegnen sollten.
Und wenn wir leben, wofür leben wir?
Leben wir nur, um später sagen zu können: „Ich war mal hier“?
Oder ist da noch mehr, bleibt am Schluss
etwas außer Staub und Asche im ewigen Lebensfluss?
Stumm hoffen wir, dass etwas bleibt
bis an das Ende aller Zeit.
Also wird der Mensch niemals Ruhe geben.
Er wird niemals aufhören zu streben.
(Marquise)
Und wenn wir streben, wonach streben wir?
Macht, Ruhm und Reichtum sind stets des Lebens größte Zier.
Doch der Glanz, er macht so machen blind,
verschleiert, dass da noch andere Dinge sind.
Egal.
Der Mensch, er muss streben. Die Frage bleibt: Wofür?
Niemand weiß es. Der Tod beantwortet sie dir.
(Maxim)
Und wenn wir dann sterben, wofür haben wir gelebt,
ist dann alles verschwunden, wonach wir gestrebt?
Der Tod, er holt uns alle ein.
Er beendet unser nichtiges Sein.
Er nimmt uns, was uns gegeben, was wir hatten,
verfolgt uns wie ein dunkler, zunehmender Schatten.
Die Frage ist nicht: Hast du am Limit gelebt
und nach den richtigen Dingen gestrebt?
Sondern: „War es gut?“
(François)
Das Jahr in dem es endet
Das Jahr in dem es beginnt
Das Jahr der Farben
Das Jahr der neuen Bekanntschaften
Das Jahr der Verirrungen
Das Jahr der Enttäuschungen
Das Jahr des Zusammenfindens
Das Jahr der Dreisamkeit
Das Jahr des Ruhmes
Das Jahr der Tränen
Das Jahr des Schweigens
Das Jahr mit dem Tod
Das Jahr der Rückschläge
Das Jahr der Erkenntnisse
Das Jahr der Vergebung
„Warum leben wir, Marianne?"
Reglos sitzt die Diva am Fenster ihrer Suite. Mit leerem Blick folgt sie den Regentropfen, die langsam an der Scheibe hinunterlaufen wie Tränen. Ihre eigenen Tränen. Auf dem Boden stehen Weinflaschen. Dazwischen benutzte, umgekippte Gläser. Ihr Gesicht ist fahl.
„Um nicht tot zu sein“, erwidert Marianne. Ein mattes Kopfschütteln folgt. „Das ist zu einfach“, entgegnet ihr Schützling leise. „Ich glaube nicht, dass du Recht hast."
„Es wird Zeit, dass du ihn vergisst“, sagt Marianne. „Vergiss ihn!" Die Frau am Fenster ignoriert ihre Worte. Marianne hebt die Stimme: „Du musst ihn vergessen, Marquise!“, wiederholt sie. „Du hast jetzt andere Dinge, auf die du dich konzentrieren musst. Denk an deine Genesung!"
Marquise Montiniere, die gefeierte Sängerin, wirkt gebrochen, ist entsetzlich abgemagert. Ihre hohen Wangenknochen, die dem Gesicht einst eine edle Note verliehen haben, treten deutlicher hervor denn je. Dünn wie Papier scheint ihre Haut unter dem weißen Nachthemd hervor. Die Sopranistin mit der ungewöhnlich weichen, runden Stimme wirkt wie ein welkes Blatt, das kurz davor ist abzufallen. Das jederzeit vom Wind davongetragen werden kann.
Himmel, denkt Marianne erschüttert, sie gibt sich auf! Selbst wenn sie krank ist, darf sie sich nicht aufgeben. Mühsam versucht sie, ihren aufkeimenden Zorn zu verstecken. „Ich weiß, dass du mich nicht sehen willst“, fährt sie fort. Obwohl sie sich vorgenommen hat, ruhig zu bleiben, wirkt ihre Stimme schneidend: „Doch so kann es nicht weitergehen. Das kann ich nicht dulden!“
„Ist mir egal, was du duldest.“ Zum ersten Mal seit Tagen hat die Diva ihre Stimme wiedergefunden. Die Zunge ist schwer vom Alkohol, doch immerhin: Sie redet. „Du kommst zu mir und tust so, als ob wir Freundinnen wären. Du tust so, als ob du dir Sorgen machen würdest. Doch du bist keine Freundin, Marianne. Wenn ich die Krankheit wirklich besiegen sollte, wirst du mich wieder auf die Bühne zerren, sobald ich auch nur annähernd im Stande bin, Konzerte zu singen. Du wirst der Presse sagen, dass ich geheilt bin. Dass ich glücklich bin. Du wirst sagen, dass ich wieder die Alte bin. Aber das wird nicht stimmen, Marianne. Es wird nie mehr so sein wie früher.“
Marianne schnaubt. „Sind wir jetzt schon so tief gesunken, dass wir gar nicht mehr an uns glauben?“ „Nicht wir“, erklärt die Angetrunkene mit Nachdruck. „Ich bin so tief gesunken. Es gibt kein Wir mehr, Marianne!“ „Wir sind ein Team, Marquise“, schimpft Marianne fassungslos. „Das sind wir immer noch.“ Die Diva lacht schaurig. „Ein Team… Du siehst doch nie etwas anderes als den Profit.“
Marianne spürt einen Stich in der Magengrube. „Ich bin deine Managerin, Marquise“, versucht sie sich zu rechtfertigen. „Es ist meine Aufgabe, den Profit zu sehen. Es wäre fatal, wenn es nicht so wäre. Dann wären wir jetzt nicht da, wo wir sind.“ „Am Boden meinst du?“ „Nein!“, zischt Marianne, die nun langsam aber sicher die Geduld verliert. „Wir sind nicht am Boden, Marquise. Wir werden niemals am Boden sein! Wir sind bis auf die Spitze des Berges geklettert. Ich werde ganz sicher nicht zulassen, dass du alles hinwirfst! Hier!“
Angriffslustig hält sie der Diva ein dickes Papierbündel unter die Nase. „Das sind die Zeitungen der letzten Wochen. Willst du wissen, was die Presse über dich schreibt?“ Die Kranke sieht teilnahmslos aus dem Fenster. „Ist mir egal, was diese Aasgeier in die Welt posaunen.“ „Wirklich? Ich lese es dir mal vor“, beharrt Marianne.
Geräuschvoll schlägt sie die erste Zeitung auf. „Die renommierte Sängerin Marquise Montiniere hat vorläufig alle Konzerte abgesagt. Gerüchten zufolge leidet sie unter schweren Depressionen...“ Ein lautes Stöhnen folgt. Dann schlägt sie die Zeitung wieder zu. „So… Willst du noch mehr hören? Ein paar Schlagworte vielleicht.“ Sie durchsucht den Stapel. „Alkoholproblem… Schlafstörungen… ausfallende Worte… öffentliche Beleidigung der Braut Romanow… nochmal Alkohol… Liebeskummer… Verdammt, es ist nicht gut, wenn die Presse so viel über dein Privatleben weiß. Verstehst du das?“
Die Diva schenkt sich Wein nach. „Nein, keinen Wein mehr für dich!“ Marianne nimmt ihr das Glas ab. Ihr Schützling lässt es widerstandslos geschehen. „Du hast in den letzten Tagen eindeutig zu viel getrunken.“ „Und du solltest dir dieses fürsorgliche Getue sparen. Es steht dir nicht“, kommt es prompt zurück. „Ich mache mir wirklich Sorgen, Marquise.“ Marianne setzt sich zu ihr ans Fenster. „Du willst nichts mehr essen, gehst nicht mehr vor die Tür, willst niemanden sehen. Stattdessen lässt du dich hängen, verkriechst dich in deiner Wohnung und trinkst. Das ist doch keine Lösung!“
Die Sängerin scheint zu frieren, schlingt die Arme um ihren Körper, damit es wärmer wird. Schließlich sagt sie: „Du weißt nicht, wie es ist, jemanden zu verlieren, mit dem du den Rest deiner Tage verbringen wolltest.“ Marianne schlägt die Hände über dem Kopf zusammen. „Hör auf, dir das einzureden, Marquise! Hör verdammt nochmal auf damit!“ „Mir was einzureden?“, braust die Diva auf. Verletzlichkeit liegt in ihrer Stimme. „Dass er der Mann deines Lebens ist“, erwidert Marianne ein wenig ruhiger, will auf gar keinen Fall, dass die Situation weiter eskaliert.
Die Frau am Fenster dreht sich um, sieht ihr fest in die Augen. „Denkst du“, beginnt sie langsam, „dass wir seelenverwandt sind? Maxim und ich? Oder denkst du, dass ich mich all die Jahre getäuscht habe?“ Marianne seufzt. Sie gehört nicht zu der Sorte Mensch, die es jemals in Betracht ziehen würde, sich so abhängig von einem Mann zu machen wie Marquise. „Vielleicht hast du dich getäuscht. Ich weiß es nicht“, sagt sie ehrlicherweise. „Ich kann das nicht beurteilen.“
„Natürlich nicht.“ Ihr Gegenüber seufzt theatralisch, zündet sich eine Zigarette an. „Wie solltest du das auch beurteilen können? Du hast ja nie geliebt, Marianne. Du bist ein gefühlloses, eiskaltes Miststück, lässt niemanden näher als drei Meter an dich heran.“ Marianne schweigt getroffen. Sie weiß, dass diese Worte der Wahrheit entsprechen, findet es jedoch unverschämt, sie so hart auszusprechen. Für einen kurzen Moment überlegt sie, ob sie beleidigt reagieren soll, beschließt dann aber, die Sache zu ignorieren.
Heute Morgen hat sie einen Brief gefunden. Einen persönlichen Brief. Allein für Marquise. Als ihre Managerin hat sie ihn einfach gelesen und beschlossen, ihn für immer verschwinden zu lassen. Darin stand:
Geliebte Marquise,
ich weiß nicht, ob es richtig ist, dir zu schreiben. Womöglich verletze ich dich damit mehr, als ich es ohnehin schon getan habe…
Ich habe viele Fehler gemacht, Marquise… Ich war ignorant, nie da und ein Trottel. Ich habe Sachen gesagt, die ich nicht hätte sagen dürfen, Dinge getan, die ich nicht hätte tun dürfen. Ich war so sehr von meiner Karriere besessen, dass ich das Ziel aus den Augen verloren und unsere Liebe aufs Spiel gesetzt habe. Ich habe alle Werte vergessen. Ich bin ein schlechter Mensch geworden, Marquise...
Die Sängerin drückt ihre Zigarette auf dem Fenstersims aus. „Mein Leben ist zu Ende“, sagt sie tonlos. „So fühlt es sich jedenfalls an. Leer.“ „Unsinn.“ Marianne schüttelt energisch den Kopf. „Wir kriegen das schon wieder hin.“ Missbilligend beobachtet sie, wie Marquise Tabakreste auf dem Boden verstreut. „Ich habe von meinem Leben gesprochen, Marianne, nicht von der Bühne.“ „Alles was du brauchst ist ein Bett, um deinen Rausch auszuschlafen“, erwidert die sachlich.
„Alles was ich brauche ist Maxim“, lallt die Diva schwerfällig. „Und jetzt ist er fort… Bei einem skrupellosen, einflussreichen Flittchen. Dabei weiß ich doch, dass er sie nicht mag. Er mochte sie noch nie!“ „Er hat sie geschwängert“, murmelt Marianne, ist froh, dass Marquise es nicht gehört hat.
Ich habe eine Frau geheiratet, die ich nicht hätte heiraten dürfen.
Ich glaube nicht, dass du mir verzeihen kannst, Marquise. Ich hoffe nur, dass du irgendwann jemanden findest, den du genauso liebst wie mich. Jemanden, mit dem du glücklich wirst. Ich hoffe, dass du mich vergisst… Ich bin deine Trauer nicht wert.
„Er hat mir noch ein Stück geschrieben. Zum Abschied“, flüstert die Angetrunkene in überraschend klaren, deutlichen Worten. „Ein Für-Marquise-Stück.“ Marianne horcht auf, ist alarmiert. Dieser Dummkopf hat es tatsächlich fertiggebracht, ein weiteres Werk der Für-Marquise-Kompositionen an ihr, Marianne, vorbei zu schmuggeln?
„Was für ein Stück denn?“, fragt sie argwöhnisch. „Ein programmatisches“, antwortet die Diva bereitwillig. „Seine Sätze tragen Namen, klangvolle Namen: Churchbells, Downfall, Meeting on the Street.“ „Wann war das?“ Marianne versucht mehr über die Sache in Erfahrung zu bringen, überlegt, ob sie mit für den Schaden verantwortlich ist. „Bei unserem letzten Treffen.“ Hilflos muss sie mit ansehen, wie Marquise noch weiter in sich zusammensinkt. „Es klingt wie ein Requiem.“
Ich habe dieses Stück geschrieben, weil ich es tun musste. Als Erinnerungen an die schönste Zeit meines Lebens.
Marianne sieht ein, dass sie nicht weiterkommt. Auf wen würde Marquise hören, wenn nicht auf sie? Sie überlegt. Dabei kommt ihr der Gedanke wie ein Blitz: François. Der Bildhauer und Maler, in dessen Atelier Marquise sich früher so oft geflüchtet, auf dessen Meinung sie großen Wert gelegt hat. Er ist einen Versuch wert.
„Was denkst du“, beginnt Marianne vorsichtig, „hätte François gesagt, wenn er dich so gesehen hätte? Gerupft wie ein Huhn, verheult, jegliche Haltung verloren?“ Die Sängerin zuckt bei dem Namen ihres verstorbenen Freundes zusammen, als hätte man ihr einen elektrischen Schlag verpasst. „Wir sollten nicht über François reden“, erwidert sie mit belegter Stimme. „Was denkst du, hätte er gesagt?“, bohrt Marianne erbarmungslos nach. „Denkst du nicht, er hätte dich erst mal ordentlich geschüttelt?“
Die Zeitungen schreiben viel über dich, Marquise. Auch über mich. Für sie sind wir ein gefundenes Fressen. Wenn man der Boulevardpresse glauben darf, hast du dich aus der Öffentlichkeit zurückgezogen. Du hast deine Tournee abgesagt. Ist das wahr? Sie schreiben, du hast begonnen zu trinken… Versprich mir, dass du lebst, Marquise.
Die Diva zündet sich eine neue Zigarette an. „Grotesk“, sagt sie unvermittelt. „Was?“ Marianne sieht sie fragend an, überlegt, ob ihr Schützling nun endgültig den Verstand verloren hat. „Das hätte François gesagt.“ Marquise hustet. „Dass es grotesk ist, wenn zwei füreinander bestimmte Seelen nicht zusammenbleiben dürfen. Doch davon lebt die Welt nun mal, vom Grotesken. Das macht sie interessanter.“ Marianne braucht eine Weile, um ihre Worte zu verstehen. Dann denkt sie ernsthaft darüber nach, in die Galerie zu gehen, um sich die Werke des eigensinnigen Künstlers anzusehen. „Ja, grotesk“, sagt Marquise, während sie sich erneut den Regentropfen am Fenster zuwendet. „Es klingt verrückt, aber es ist genau das, was man sehen will. Das Groteske. Wir haben uns so daran gewöhnt, überall Groteskes zu sehen, dass wir gar nicht mehr wissen, wie die Welt ohne Groteskes ist.“
Marquise, du wirst für immer in meinem Herzen bleiben. Es tut mir leid.
„Du findest einen andern.“ Marianne versucht, ihr Mut zu machen. „Ganz sicher, auch wenn es einige Zeit dauern wird.“ „Niemanden werde ich finden.“ Die Diva lacht verzerrt. „Ich bin eigenwillig. Hast du das schon vergessen? Ich brauche jemanden, der genauso ist wie ich.“ Allerdings, denkt Marianne. Laut sagt sie: „Sieh dich an. Auch jetzt bist du noch wunderschön. Welcher Mann würde nicht alles für dich tun?“ Tatsächlich scheint ein Funken Stolz in Marquises Augen zu entflammen, der wenig später jedoch schon wieder verlischt.
„Ich weiß noch, wie es war, als wir uns kennenlernten“, erinnert sie sich traurig. „Es war magisch. Ich wusste gleich, dass er der Richtige ist. Dass es für mich nur ihn geben würde. Ihn und niemand anders. Dabei war ich erst vierzehn.“
Du hast immer an mich geglaubt, Marquise. Dafür möchte ich dir danken…
Maxim
Die Akademie kommt ihr groß, fast unheimlich vor, wie ein Monster, das sie verschlungen hat. Ja, sie hat sich verlaufen. Verwirrt betrachtet sie die vielen Gänge, die vielen Schilder. „Zu Madame Chevalier“, hat Maman gesagt. „Du wirst sie schon finden.“ Doch Marquise findet nichts, nicht den geringsten Hinweis, ist kurz davor loszuheulen. Dabei ist sie schon vierzehn, ein echter Teenager.
„Kann ich dir helfen, Kleine?“ Hinter ihr ertönt eine Stimme. Vor Schreck zuckt sie zusammen, dreht sich um. Vor ihr steht ein junger Mann: tiefblaue Augen, kurzes, wallnussbraunes Haar, ein zaghaftes Lächeln, Hände mit feingliedrigen Fingern. Augenblicklich ist sie eingeschüchtert. „Ich… Ich…“, stammelt sie, weil ihr nichts Vernünftiges einfällt.
„Suchst du irgendwen?“, fragt der Fremde lächelnd, wobei er sich ein wenig zu ihr herunterbeugt. „Ma… Madame Chevalier.“ „Hast du Unterricht?" Seine Worte klingen freundlich, eher sanft, kein bisschen herablassend. Sie nickt. „Dann musst du ziemlich begabt sein. Jeder hier weiß, dass Chevalier sich ihre Schüler sorgfältig aussucht.“ Das Mädchen erwidert nichts, kann nichts anderes tun als ihn anzustarren. Wie ist dein Name? Ich muss deinen Namen wissen!, schreit ihre innere Stimme.
„Hey, Maxim!" Ein schwarzgelockter Student mit dunklen Augen kommt dazu. Freundschaftlich klopft er Marquises Retter auf die Schulter. „Wo bleibst du? Die Vorlesung fängt gleich an.“ Maxim, merkt sich Marquise dankbar. Er heißt Maxim. „Ich versuche gerade, der Kleinen hier weiter zu helfen. Sie findet den Raum nicht. Weißt du, wo Madame Chevalier unterrichtet?“ Natürlich ist Maxim deutlich älter als sie. Immerhin ist er schon erwachsen, sie noch ein halbes Kind. Trotzdem zieht sich bei dem Wort Kleine etwas in ihr schmerzlich zusammen.
„Wie heißt du, Kleine?“ hört sie nun auch den anderen sagen. Stumm fleht sie: Nehmt mich ernst. Bitte. Ich bin nicht mehr klein. Dann erwidert sie zögernd: „Marquise“. Noch immer wirkt sie verunsichert. „Also, Marquise“, erklärt der Dunkelhaarige, „du gehst die nächste Treppe rauf. In den ersten Stock. Oben nimmst du das dritte Zimmer links. Chevaliers Name steht auf dem Schild an der Tür. Alles klar?“
Sie nickt hastig. Auf gar keinen Fall will sie für dumm gehalten werden. Schon gar nicht von Maxim. „Danke“, sagt sie etwas überstürzt. Dann geht sie, nicht ohne ihm noch einen letzten, scheuen Blick zuzuwerfen. Hinter sich hört sie den anderen lachen. „Die wird noch reihenweise Herzen brechen, wenn sie älter ist“, sagt er nicht gerade leise. Maxim erwidert nichts. Als Marquise die Treppe hinaufsteigt, spürt sie seinen Blick in ihrem Rücken.
Madame Chevalier hat den Ruf sehr streng zu sein. Streng. Eiskalt. Berechnend und hart wie Granit. Diesem Ruf macht sie für gewöhnlich auch alle Ehre. Doch heute ist sie freundlich. Sie ist durchaus in der Lage, wahres Talent zu erkennen. Und Marquise, die wie ein Häuflein Elend vor ihr steht, darf das Talent des Singens durchaus ihr Eigen nennen. Sie verfügt über eine außergewöhnlich große Stimme. Schon jetzt! Vielleicht über eine Jahrhundertstimme.
„Das war famos, Marquise. Ja, ganz und gar parfait.“ Madame Chevalier ist zufrieden. Ihre Schülerin lächelt zaghaft. „Meine Liebe, du hast alles, was du für die Bühne brauchst“, fährt sie fort. „Eine fantastische Stimme. Den rechten Ehrgeiz. Ein fabelhaftes Aussehen. Es gibt nur eine Sache, die wir dringend ändern müssen: Dein Selbstbewusstsein. Das ist erbärmlich. Schon deine Haltung ist alles andere als überzeugend.“
Auf der Stelle wechselt Marquises Gesichtsfarbe vor Scham ins Rote. „Ich werde daran arbeiten“, bemüht sie sich eifrig zu sagen. „Natürlich wirst du das“, erwidert Madame Chevalier. „Und ich werde dir dabei helfen. Du wirst sehen…Eines Tages wirst du in den ganz großen Opernhäusern singen... In Mailand, in Paris, in New York… Wir werden dein gesamtes Potenzial ausschöpfen, werden nichts unversucht lassen…“
Dabei denkt sie nicht nur an Marquise. Sie denkt auch an sich. Daran, dass dieses Mädchen sie ins Licht der Öffentlichkeit zurück bringen wird. Daran, dass etwas von ihrem Glanz auch auf sie herabfallen wird.
Liebes Tagebuch
heute hatte ich meine erste Stunde bei Madame Chevalier. Sie war zufrieden, meinte, ich hätte Potenzial. Ich darf wiederkommen. Sie ist eine der besten Lehrerinnen Londons. Sehr streng. Doch streng muss ja nicht unbedingt schlecht sein…
Außerdem habe ich jemanden getroffen. Einen Mann. Er heißt Maxim, studiert an der Akademie. Ich bin sicher, dass er nicht zufällig durch mein Leben gegangen ist. Ich werde ihn wiedersehen. Bestimmt. Wenn ich mich besser zurechtfinde…
Sie sieht aus wie Anna, denkt Maxim, als er dem Mädchen mit den großen, braunen Augen ein paar Tage später erneut begegnet. Zart gebaut ist sie, wie seine Schwester. Damals in Kasachstan. Auch sie hat ihn bemerkt, lächelt ihn vorsichtig an. Maxim erwidert ihr Lächeln. Genau so hat Anna auch gelächelt, erinnert er sich. Genau so.
„Hast du dich wieder verlaufen?“ Während er fragt, will er sich am liebsten auf die Zunge beißen. „Nein“, kommt es heute erstaunlich mutig zurück. „Ich weiß, wo ich hin muss." „Oh gut.“ Es freut ihn, dass sie nicht beleidigt ist. Anna wäre jetzt beleidigt gewesen, erinnert er sich. Aber sie ist nicht Anna. Nach einer kurzen Pause fährt sie fort: „Du heißt also Maxim?“ Offensichtlich möchte sie nicht, dass die Unterhaltung schon zu Ende ist. „Ja." Er mustert sie eingehend. „Und du bist Marquise." Sie lacht.
In der Hoffnung etwas mehr über ihn zu erfahren, fragt sie: „Spielst du ein Instrument, Maxim?" „Ja. Geige“, erwidert er arglos. Das scheint ihr zu gefallen. „Spielst du auch eigene Stücke? Auf deiner Geige?" Sie lässt nicht locker. „Nein“, gesteht er irritiert, versteht nicht, worauf sie hinaus will. Sie sieht ihn ernst an. „Du könntest es aber. Ein Stück schreiben?" „Kann schon sein." Er zuckt mit den Schultern. „Ich habe es noch nie probiert."
Das Gespräch verläuft etwas zäh, nicht ganz so, wie Marquise es sich vorgestellt hat. „Schreibst du mir eins?“ Sie möchte das nächste Treffen auf gar keinen Fall dem Zufall überlassen. „Ein Stück nur für mich?" Nein, will er schon sagen. Ich habe noch nie komponiert, werde es auch nie tun. Es gibt Wichtigeres. Wenn sie nicht diesen Rehblick hätte! Wie Anna. Damals in Kasachstan. Als sie ihn angefleht hat zu bleiben. Er hat es nicht getan. Und was ist letzten Endes aus Anna geworden? Asche. Asche in einer…
„Also gut“, stimmt er widerwillig zu. Sie schaut ihn ungläubig an, so, als hätte sie nicht mit dieser Antwort gerechnet. „Ich werde dir was schreiben. Doch es wird einfach sein. Du wirst es vom Blatt singen können." „Du sollst es auf der Geige spielen“, sagt sie, in der Hoffnung ein paar Minuten mit ihm verbringen zu können. Als er zögert, setzt sie noch ein verspätetes „Bitte" hinzu. „OK“, gibt er nach. „Ich spiele es dir vor." Er weiß, dass jeder Widerstand zwecklos wäre. Niemals könnte er solchen Augen widerstehen!
„Das ist fantastisch!“ jubiliert sie. „Wann? Nächste Woche? Da habe ich Geburtstag." „Von mir aus“, brummt Maxim schmunzelnd. Die Begeisterung der Kleinen steckt ihn an. Ich muss noch was gutmachen, Anna, rechtfertigt er sein zeitaufwändiges Zugeständnis. Marquise hüpft vor Freude. „Ich muss jetzt zum Unterricht. Bis bald, Maxim." Sie winkt ihm überglücklich zu, bevor sie in einem der angrenzenden Gänge verschwindet. Er starrt ihr verwundert hinterher.
„Was war das denn?“ Marlon, der Dunkelhaarige, ist unbemerkt zu ihm gestoßen. „Hast du einen Fan?" „Sieht ganz so aus.“ Ein leichtes Grinsen zeigt sich auf Maxims Gesicht. „Hast du schon mal was komponiert?"
Abends, als er in seiner Wohnung ist, geht sie ihm nicht aus dem Kopf. Merkwürdiges Mädchen. Irgendwie faszinierend. Sie und Anna haben viel gemeinsam. Gleich beim ersten Gespräch hat sie ihn weichgekocht, ihn bequatscht, ihr ein Stück zu schreiben. Geschickt ist sie, die kleine Sängerin. Bei diesem Gedanken muss er unwillkürlich lächeln. Für Anna hätte er auch was komponiert, wenn sie ihn darum gebeten hätte. Aber sie ist nicht Anna. Anna ist tot.
Mit aller Kraft vertreibt er die trüben Gedanken. Das letzte, was er jetzt braucht, sind Selbstvorwürfe. Schließlich gilt es, ein Stück zu schreiben. Maxim seufzt. Wenn das so einfach wäre. Er geht zum Schreibtisch, kramt Notenpapier hervor, nimmt einen Stift in die Hand. Das wäre schon mal erledigt! Doch was nun?
Zuerst sieht er Anna. Kleine, zierliche Anna, mit glänzenden Rehaugen. Später tauchen andere Bilder auf. Blühende Rosen, ein Regenbogen, ein wilder Fluss, zwei Hände, die sich halten. Er kann nicht sagen, warum sie sich in seine Gedanken drängen. Sie sind einfach da. Das ist es, glaubt er. Das muss es sein. Doch wie soll er das zu Papier bringen? Maxim schließt die Augen. Komponieren ist doch Kopfsache, oder? Langsam beginnt er, Noten auf die Linien zu zeichnen.
Er trifft sie eine Woche später in einem der leer stehenden Übungsräume. „Wie hast du es genannt?“, will sie wissen, während er seine Geige aus dem Koffer nimmt. „Für Marquise“, erklärt er. „Ich dachte, das trifft es am besten." Sie lacht. So wie Anna vor langer Zeit gelacht hat. Damals in Kasachstan. „Ist das sowas wie eine Uraufführung?" „Streng genommen ja“, erwidert er, bemerkt, dass ihr diese Vorstellung gefällt. „Immerhin bist du die erste Person, die es hört." „Gut.“ Ihre Augen beginnen zu leuchten.
„Wovon handelt es?" Er denkt an die Bilder. Doch das sagt er nicht. Stattdessen antwortet er nur: „Von gar nichts. Es ist nur ein Stück. Eine Melodie. Keine Geschichte." „Jedes Stück erzählt eine Geschichte“, entgegnet Marquise, während sie ihn kritisch von der Seite betrachtet. „Als Geiger solltest du wissen, dass Musik von Geschichten lebt." Er stutzt, findet sie ein wenig altklug. Dennoch würde er sich sein Leben lang an diesen Satz erinnern.
„Du hast Recht“, erwidert er nach einer Weile, als ihm fast schmerzlich bewusst geworden ist, dass es an ihren Worten nichts zu rütteln gibt. „Du hast völlig Recht. Ich bin ein Idiot." „Ein Idiot ganz sicher nicht.“ Sie kichert hinter vorgehaltener Hand. „Du hast nur noch nie darüber nachgedacht. Das ist alles." „Ok, ich werde darüber nachdenken“, verspricht er schnell. „Ich werde die Geschichte finden, die hinter deinem Stück steht."
„Dann erzähl sie mir, wenn du sie gefunden hast“, sagt Marquise. „Und jetzt: Spiel es mir vor!" Wieder ist er irritiert. Stellt sie tatsächlich gleich zwei Forderungen in einem Atemzug? Maxim muss über ihren kindlichen Befehlston lachen. „Also gut, Eure Majestät“, erwidert er belustigt, setzt die Geige an. „Dir ist hoffentlich klar, dass das hier meine erste Komposition ist? Du solltest nicht so hohe Erwartungen haben." Vorsichtig beginnt er zu spielen.
Zu Hause beim Abendessen ist Marquise so ausgelassen wie schon lange nicht mehr. Obwohl sie den Grund für ihre Hochstimmung eisern verschweigt, ahnt ihre Schwester bereits, dass dieser Umstand wohl kaum auf den Unterricht bei Madame Chevalier zurückzuführen ist. „Warum bist du so gut gelaunt?“, fragt sie lauernd. „Erzähl es uns doch!" „Es gibt keinen Grund“, erwidert Marquise hastig, wobei sie den Kopf tief über ihren Suppenteller hält.
„Nichts?“, hakt Annabelle erbarmungslos nach. „Ist das der Name auf dem Zettel, den ich unter deinem Kissen gefunden habe?" Die Eltern werden hellhörig, starren verwirrt auf ihre älteste Tochter, die vor Entsetzen ins Essen prustet. „Marquise? Was für ein Zettel?“, fragt Maman argwöhnisch. „Es ist nur… Es sind bloß Noten“, versucht die sich eilig aus der Affäre zu ziehen.
Doch Annabelle macht ihr einen Strich durch die Rechnung. „Es ist ein ganzes Stück. Es heißt Für Marquise." „Für Marquise?“ Maman zieht die Brauen hoch. „Wer hat es geschrieben?" „Niemand“, entgegnet Marquise hastig. „Es ist nur ein Stück, das zufällig Für Marquise heißt." Während sich die Jüngere hämisch über das von ihr angerichtete Desaster freut, schauen die Eltern fragend zur anderen Seite des Tisches.
Marquise, die inzwischen knallrot angelaufen ist, sieht nicht so aus, als ob sie mit den gewünschten Antworten herausrücken würde. Folglich löst die Schwester den wesentlichen Teil des Rätsels auf: „Maxim Romanov. Er hat seinen Namen auf das Blatt geschrieben." „Halt‘ den Mund!“, faucht Marquise ungehalten. Ihre Hand zittert. „Halt‘ bloß den Mund, sonst…" „Was sonst?“ Annabelle lacht höhnisch, während Marquise fieberhaft überlegt, was sie ihr androhen könnte. Da ihr auf die Schnelle nichts einfällt, entgegnet sie nur: „Du bist ein Ekel.“
„Das ist genug“, mahnt Maman, bevor sie auf die Sache zurückkommt. „Es gibt also ein Stück, das nur für dich komponiert wurde?“ Marquise nickt. „Wie schön! Warum erzählst du uns nicht davon?" Obwohl der Blick des Vaters auf eine schlüssige Erklärung drängt, schüttelt die älteste Tochter vehement mit dem Kopf, scheint auf gar keinen Fall mit der Familie drüber sprechen zu wollen. Die Mutter akzeptiert das. Überraschenderweise. Schließlich scheint auch Papa einzusehen, dass es besser ist, die Sache nicht auf die Spitze zu treiben.
Schon am nächsten Tag trifft sie ihn wieder. Dieses Mal ist er derjenige, der auf sie zukommt, der ihr zur Begrüßung ein strahlendes Lächeln schenkt. „Hallo, Marquise“, sagt er freundlich. Seine Augen glänzen sanft. „Irgendwie laufen wir uns ständig über den Weg." „Stimmt“, erwidert sie glücklich. „So ein Zufall, was?"
Marlon gesellt sich zu ihnen, einen schwarzen Kasten - wahrscheinlich ein Cello - auf dem Rücken. „Hey, Kleine“, grüßt er lässig, wofür Marquise ihn am liebsten sofort erwürgen würde. „Hast du dich mittlerweile eingelebt?" „Ja“, sagt sie kurz angebunden. „Ich finde mich zurecht." „Wunderbar.“ Auf Marlons Gesicht zeigt sich ein breites Grinsen. „Wenn man ein paar Mal hier gewesen ist, ist es gar nicht so schwer.“ „Richtig“, stimmt Marquise noch einmal zu. „So ist es.“
Sie ist unschlüssig, tritt nervös von einem Fuß auf den anderen. Noch hat sie die Hoffnung, dass Marlon wieder verschwindet, damit ihr Zeit bleibt, ein paar Worte mit Maxim zu wechseln. Alleine. Bedauerlicherweise macht der keine Anstalten zu gehen, weshalb sie das Gespräch an dieser Stelle beendet. „Ich gehe jetzt zum Unterricht“, sagt sie energisch, hofft, dass ihr Tonfall erwachsen genug klingt. „Bis bald, Maxim." Dann schreitet sie davon, hoch erhobenen Hauptes, ohne sich noch einmal umzusehen.
„Bis morgen“, murmelt Maxim, verwirrt über ihren plötzlichen Aufbruch. Zu seinem Freund sagt er kopfschüttelnd: „Kommt es mir nur so vor, oder ist sie schon jetzt eine Diva?" „Sieht fast so aus.“ Marlon zuckt mit den Schultern. „Dass die Kleine später mal gefährlich wird, habe ich dir ja schon gesagt. In ein paar Jahren… Mit den richtigen Formen…" „Sei nicht so primitiv“, zischt Maxim. Doch dann muss er lachen.
Bis morgen, denkt Marquise, hochbeglückt über diese Worte. Er hat es gesagt: Bis Morgen. Dass Maxim mit diesen zwei Worten viel mehr über sich preisgegeben hat, als ihm lieb ist, kommt ihm nicht in den Sinn. Ihm selbst ist nicht bewusst, dass er sich längst an die Gegenwart der kleinen Sängerin gewöhnt hat, dass sie schon bald zu seiner Vertrauten werden würde.
„Ich dachte nicht, dass es so laufen würde“, seufzt er, als sie sich besser kennen. Marquise sieht ihn fragend an. „Was genau meinst du?" Wie so oft hat sie vor der schweren Eingangstür auf ihn gewartet. Heute sieht er traurig aus. Sein hoffnungsloser Tonfall kommt ihr fremd, fast unheimlich vor. Was soll das werden?, fragt sie sich. Ein Erwachsenengespräch? Mit mir? Über wichtige, persönliche Dinge hat er noch nie geredet. Sie lächelt in sich hinein, betrachtet es als Fortschritt.
„Es ist frustrierend“, erklärt Maxim überraschend ehrlich. „Als ich herkam, hatte ich nur ein Ziel: richtig gut zu werden, eine Solokarriere zu starten. Nun bin ich Mitte zwanzig und immer noch ein Niemand. Wahrscheinlich werde ich in irgendeinem Orchester hinter irgendeinem beschissenen Pult verrotten." Marquise, die noch nichts mit den Zweifeln eines angehenden Profimusikers anfangen kann, fragt unbedarft: „Was ist so schlimm daran, in einem Orchester zu spielen?"
„Du müsstest am ehesten wissen, was ich meine.“ Maxim verzieht den Mund. „Denn du bist wie ich, Marquise. Ein selbstverliebter Einzelkämpfer. Du willst solistisch auf die Bühne. Mit einem Chor zu singen ist nicht dein Ding. Der Applaus soll am Ende alleine dir gehören. Genauso geht es mir. Im Orchester wäre ich nur einer von vielen. Ich will aber nicht irgendein Geiger sein. Ich will der Geiger sein.“ „Du hast Recht“, erwidert sie nach einer Weile. „Ich will alleine auf die Bühne. Aber…"
„Du bist jung.“ Maxim sieht sie mit einer Mischung aus Neid und Wohlwollen an. „Du hast noch viel Zeit. Mir rennt sie langsam davon. Das macht mir Angst. Wenn ich es bis dreißig nicht geschafft habe, ist meine Chance vorbei." „Wie es auch kommt“, erwidert Marquise ehrlich betroffen, „du darfst nie vergessen, dass du der Maxim Romanov bist. Der beste Geiger des Jahrhunderts. Für mich bist du das längst.“ „Danke.“ Maxim ist so deprimiert, dass er die unterschwellige Liebeserklärung in ihren Worten nicht versteht.
Stattdessen bemerkt er den Bluterguss an ihrem Arm. „Was ist das?" Rein zufällig hat er ihn entdeckt. „Wie bitte?“ Sie weiß nicht, was er meint. „Der blaue Fleck da an deinem Arm?" „Oh das…“ Betroffen weicht sie seinem Blick aus. „Das waren Mitschüler… Es ist nur… eine Quetschung. Nichts Ernstes." „Mitschüler?“ Maxim ist schockiert „Warum machen die sowas?"
„Ich weiß es nicht.“ Marquise versucht unbekümmert zu klingen. „Ich weiß auch nicht, warum sie mich andauernd beleidigen, warum sie sagen, dass ich fett und hässlich bin.“ Sie zuckt mit den Schultern. „Ich versuche, es zu ignorieren." „Die sagen was?“ Maxim ist erschüttert. „Das verstehe ich nicht. Du bist wunderschön, eher zu dünn als zu dick. Was für einen Grund haben die, sowas zu behaupten?“
„Es gibt da eine Linda…“, erklärt Marquise sachlich, „die kann mich nicht leiden. Sie ist sehr beliebt, musst du wissen… Deshalb…“ „Machen die anderen, was sie sagt. Nein, wie charmant“, knurrt Maxim „Und was machst du?" „Ich werde warten“, kommt es prompt zurück. „Alles Schlechte, was sie tun, wird früher oder später zu ihnen zurückkommen." Er sieht sie zweifelnd an. „Ich denke nicht, dass es so läuft. Willst du das wirklich? Warten?" „Ja.“ Sie lächelt besonnen. „Einfach warten.“
Dann muss sie zu Madame Chevalier. Als er ihre langen, braunen Haare in den Gängen verschwinden sieht, überfällt ihn eine unbändige Wut. Sie tun ihr weh, dröhnt es in seinem Kopf. Das bereitet auch ihm Schmerzen. Es ist so, als würden sie Anna wehtun. Maxim denkt an seine kleine Schwester. Wenn sie Anna so behandelt hätten, was hätte er getan? Er hätte sie zur Rede gestellt. Er hätte ihnen den notwendigen Respekt mit der Brechstange eingeprügelt. Anna, denkt er, vergib mir.
François ist schon müde, als er die regenbogenfarbene Tür seiner Stammkneipe, dem „Bunten Ochsen", aufstößt. Zigarettenqualm und Jazzmusik drängen sich ihm entgegen.
Der „Ochse“ ist, wie immer freitags, gut gefüllt. Trotzdem ist die Stimmung noch nicht umgeschlagen, was recht ungewöhnlich ist für einen solchen Abend. Die meisten Leute nippen gelangweilt an ihren Getränken, sind in belanglose Gespräche vertieft. François setzt sich auf seinen Stammplatz am Tresen, bestellt bei Rosi, der korpulenten Schankwirtin, ein Bier. Sein Blick schweift über die anwesenden Gäste. Den männlichen Part. Doch nichts, was er sieht, weckt sein Interesse.
Er hat einen nervenaufreibenden Tag hinter sich. Alles, was er jetzt will ist, den Streit in der Familie vergessen, ein wenig abschalten. Doch das gelingt ihm nicht. Immer wieder drängen sich die Worte der Mutter in seine Gedanken, schneidend wie ein Messer aus Stahl. „Geh doch auf diese verdammte Kunstschule, wenn es dir so wichtig ist“, hat sie gesagt. „Bitte, ich halte dich nicht auf. Geh! Dann bin ich dein Problem endlich los."
Mein Problem. François lacht verbittert auf. Es wäre leicht, wenn es sich dabei um etwas handeln würde, das er einfach aus seinem Leben verbannen könnte. Doch so ist es nicht. Es ist seit jeher Teil seiner Persönlichkeit, weshalb seine Mutter ihre Position vorhin auch mehr als deutlich gemacht hat. Warum soll es mein Problem sein, fragt sich François ganz in das unerfreuliche Gespräch vertieft, dass ich Frauen verabscheue?
Frauen, ein leidiges Thema. Egal, was er zustande bringt, für seine Familie ziehen sie sich durch sein Leben wie ein roter Faden. Eben darum, weil sie nicht existieren. Es ist nicht so, wie ihr glaubt, denkt François ärgerlich, während er sich eine Zigarette anzündet. Es ist nicht so, dass ich Männer anziehend finde, weil ich mich nicht traue, mit Frauen zu sprechen. Es ist ganz einfach so, dass ich nichts an ihnen finde. Rein gar nichts. Warum versteht ihr das nicht?
Gerade als er sich damit abgefunden hat, nun doch den Rest des Abends mit schlechter Laune zu verbringen, fällt sein Blick auf ein Mädchen, das vorne übergekippt mit dem Kopf auf dem Tresen liegt. Es scheint zu schlafen. An sich kann es François egal sein. Teenager wie sie findet man in letzter Zeit immer öfter in Kneipen, für deren Besuch sie viel zu jung sind. Doch dieses Mal ist es anders. Irgendetwas fesselt seinen Blick. Sie hat schöne Haare, denkt er, dunkelbraun mit einem leichten Rotstich. Wie ungewöhnlich.
Obwohl sie einen zufriedenen Eindruck macht, ist François beunruhigt. Mit leiser Stimme wendet er sich an die Wirtin. „Wie lange liegt die schon da?" Rosi zuckt teilnahmslos mit den Schultern. „Genau kann ich es nicht sagen. Ich glaube, die kam vor zwei, drei Stunden… mit ein paar anderen… haben jede Menge Tequilla gekippt.“ Sie deutet auf die leeren Gläser. „Diese hier hat wohl etwas übertrieben. Wie es aussieht sind ihre Freunde ohne sie abgezogen." „Nett.“ François seufzt. „Echte Kameradenschweine."
„Sie ist niedlich“, stellt Rosi mit einem Augenzwinkern fest. „Ich denke aber nicht, dass sie so ist wie wir. Glaube eher, die hat sich verirrt. Vielleicht war es auch so eine Art Mutprobe." „Hm“, macht François. Er hat sein Bier längst ausgetrunken, ist in Aufbruchsstimmung. Doch der Gedanke, das junge Ding hier, in diesem Umfeld, seinem Schicksal zu überlassen, behagt ihm nicht. Das Londoner Nachtleben hat bekanntlich auch seine dunklen Seiten. Gerade für so eine kann es zu später Uhrzeit verdammt gefährlich werden.
„Ist sie ansprechbar?" „Du kannst dein Glück ja versuchen.“ Rosi kichert. „Die ist ziemlich fertig, glaube ich." François bezahlt, gibt ihr ein großzügiges Trinkgeld, wofür sie sich mit einem Luftkuss bedankt. „Ich denke, ich werde versuchen, sie nach Hause zu bringen", sagt er dann. „Schön, dass es noch Helden gibt.“ Rosi grinst breit. „Du bist ein toller Kerl, François. Wenn ich auf Männer stehen würde…“ „Schon gut… Das wäre zu viel der Ehre, “ winkt François ab. „Bis bald, Rosi."
Dann geht er langsam auf das Mädchen zu, rüttelt sie vorsichtig an den Schultern. „Hey, kannst du mich hören?" Mühsam schlägt sie die Augen auf. Er stellt fest, dass sie braun sind. Wie ihr Haar, glänzend und ausdrucksstark. Sie sieht ihn nicht wirklich an. Ihre Pupillen sind vergrößert. Der Blick ist leer. Ihr Mund öffnet sich, um ein paar unverständliche, krächzende Wortfetzen heraus zu pressen. „Entschuldigung“, sagt François immer wieder. „Ich verstehe nichts von dem, was du gerade erzählst."
Sie versucht, sich zusammen zu reißen. Mit größter Mühe formuliert sie zwei Wörter: „Nach draußen." „Ok“, nickt François, der froh ist, endlich etwas zu hören, das halbwegs Sinn macht. „Ich bringe dich nach draußen. Vielleicht tut dir die frische Luft ja gut." Tatsächlich richtet sie sich auf, kann jedoch nur schwer das Gleichgewicht halten. Hilfesuchend streckt sie ihm ihre Arme entgegen. François zögert kurz. Dann fasst er sie vorsichtig um die Taille, legt ihre Hand auf seine Schulter.
Mit vereinten Kräften schaffen sie es bis vor die Tür. Im ersten Moment scheint der Sauerstoff zu helfen. Ihr Atem beruhigt sich. Das Zittern in ihrem Körper hört auf. Na also, will François schon sagen, als sie sich mit einem Mal ohne jede Vorwarnung nach vorne beugt, um sich auf den Fußweg zu übergeben. „Vorsicht!“ Seine Hände schnellen nach vorne, packen sie bei den Schultern, um ihr Halt zugeben. „Tut mir Leid“, murmelt sie benommen. „So ein Mist … Tut mir leid…"
„Wo wohnst du?“, fragt François, der sich inzwischen überfordert fühlt. „Ich bring dich nach Hause!" Zu seiner Verwunderung kullern riesige Tränen über ihr Gesicht. „Ich… ich weiß es nicht. Ich weiß gar nichts mehr. Was mache ich hier?" Ihre Stimme klingt matt. „Kannst du mich von hier wegbringen, ja? Einfach irgendwohin, wo nicht hier ist?" „Ich kann dich heimbringen“, schlägt François erneut vor. Doch sie schüttelt energisch den Kopf. „Nicht nach Hause. Bitte."
Sie bebt am ganzen Körper, sieht dadurch noch erbärmlicher aus: weiß wie die Hauswand, vor der sie steht, außerdem das ganze T-Shirt voller Erbrochenem. Wie ein Frischling, der sich im Schlamm gewälzt hat, denkt François. Ein süßer, kleiner, stinkender Frischling. Er ist ratlos. Einerseits drängt alles in ihm dazu, das hilfsbedürftige, junge Ding zu beschützen, doch andererseits… Sie ist auch nur eine von denen, sagt er sich. Eine verdammte Frau. Sicher bringt sie nichts als Ärger. Sie wird wie meine Mutter sein und mich für das hassen, was ich bin.
„Bitte.“ Das Mädchen berührt ihn vorsichtig mit der ausgestreckten Hand. In ihren Augen liegt ein seltsames Flehen. „Bitte." „Also gut.“ François gibt sich geschlagen, überlegt, wohin er mit ihr gehen soll. „Ich weiß einen Ort, an den ich dich bringen kann", sagt er schließlich. „Kann ich…“ Fragend blickt sie ihn aus ihren tiefbraunen Augen an. „Ja, du kannst dich an mir festhalten“, erlaubt François, wenn auch widerwillig. „Sonst werden wir nicht weit kommen, fürchte ich."
Als sie sein Atelier betreten, weiß er nicht mehr, warum er sie hierher gebracht hat. Keine Frauen in diesen heiligen Hallen, ist seit jeher seine Devise gewesen. Die versauen alles. Und nun hat er seine eigene Regel gebrochen. Ihm ist zum Heulen zumute. Doch dafür hat er jetzt keine Zeit. Das völlig erschöpfte Mädchen braucht seine Aufmerksamkeit.
„Die Bilder sind ja wirklich irre!“ Nach dem langen Fußmarsch kann sie wieder besser sprechen. François hört ehrliche Begeisterung heraus. „Für die Kunst habe ich viel übrig, musst du wissen“, erklärt sie freimütig. „Bist du Maler? Ein richtiger?" „Ich werde einer“, sagt François beherrscht. „Ein Maler. Genau." „Ich werde Sängerin.“ Sie kichert unterdrückt. „Ist das nicht toll? Wir werden beide Künstler." „Ja… wirklich toll.“ François glaubt ihr kein Wort. „Willst du dich nicht hinlegen? Du solltest schlafen." Er deutet auf das große Sofa in der Mitte des Ateliers.
Doch sie überhört sein Angebot. Wie in Trance betrachtet sie sein neuestes Werk, das groß und bunt auf der Staffelei thront. „Was ist das?“ Sie legt den Kopf schief, so als könnte ihr diese Haltung Klarheit verschaffen. „Soll das etwa… eine Frau sein?" Tatsächlich zeigt das Gemälde ein frauenähnliches Geschöpf, ganz in Rot gekleidet, mit schwarzen, weit aufgerissenen Augen. Es scheint Feuer zu speien. „Ja“, erwidert François leise. „Das ist meine Mutter. Es ist der Moment, in dem ich ihr gesagt habe, dass ich schwul bin."
„Meine Mutter kann das nicht“, stellt sie trocken fest, versteht offensichtlich nur die Hälfte von dem, was er sagt. „Feuer spucken." „Ich schenke sie dir, wenn du willst“, bietet François großzügig an. „Das kannst du nicht!“ Sie hat seinen zynischen Unterton nicht bemerkt. Er sieht sie nachdenklich an, fragt sich, was für ein Mensch sie ist. „Wie heißt du eigentlich?" „Marquise.“ Ihre Lippen bewegen sich kaum. „Marquise Montiniere." „Ein schöner Name“, sagt François. Doch sie hört ihn nicht.
Eingehend betrachtet sie die Bilder an den Wänden. „Das sind ja… alles Männer.“ Ihre Zunge kommt nicht ganz mit. „Ja“, bestätigt François kurz. „Nackte Männer“, korrigiert sie sich, als ihr dieses pikante Detail bewusst wird. „Ja.“ Sie sieht nicht sonderlich schockiert aus, eher fasziniert. „Hast du die nach lebenden Modellen gezeichnet?" „Ja“, sagt François zum dritten Mal. „Die sind gut geworden“, erwidert sie. „Warum hast du sie gezeichnet?" „Weil ich sie hatte“, erklärt François ruhig, wenn auch nicht ohne Genugtuung."
„Du hattest sie?“ Sie scheint über den Sinn dieser Worte nachzudenken. „Meinst du damit, dass du…" „Ja.“ Der Maler verzieht keine Miene. „Hast du ein Problem damit?" „Nein.“ Sie kichert. „Ich nicht. Aber meine Schwester. Die hätte eins. Sie ist der Meinung, dass ihr alle geisteskranke Sodomiten seid, die man verfolgen sollte." „Sympathisches Mädchen.“ Unwillkürlich muss François lachen. „Wir hassen uns.“ Marquises Stimme klingt hart. „Sie ist kein bisschen wie ich."
Mittlerweile hat sie sich auf dem Sofa niedergelassen, richtet ihre Aufmerksamkeit jedoch nach wie vor auf die Kunstwerke. François zögert. Dann setzt er sich neben sie. „Vielleicht solltest du versuchen, etwas zu schlafen“, wagt er einen zweiten Versuch. Sein Blick fällt auf ihr T-Shirt. „Ich hole dir ein sauberes.“ Er ist froh, dass er wieder aufstehen kann, kommt wenig später mit einem viel zu großen, rosafarbenen Tank top zurück. Sie lächelt nur, tauscht ihres dankbar gegen seines aus.
„Du bist ein guter Mensch“, behauptet sie anschließend. François zuckt mit den Schultern. „Ich weiß es nicht“, entgegnet er wahrheitsgemäß. „Wenn du das sagst.“ „Du musst ein Engel sein“, beharrt sie. „Weil du mich hergebracht hast. Sag mir deinen Namen, Engel?" „François“, erwidert François ruhig, „François de la Court." „Du bist schön, François“, stellt sie sachlich fest, „aber nicht mein Typ." „Wie beruhigend.“ Ihr Retter lächelt erleichtert. „Dann schlaf jetzt, ok? Und morgen sagst du mir, wo du wohnst.“
Sie denkt nicht daran zu schlafen. „Warum stehst du auf Männer?", will sie stattdessen wissen. François seufzt, ahnt, dass es noch eine lange Nacht werden wird. „Warum stehst du denn auf Männer?“, fragt er zurück. „Ich glaube kaum, dass du aus Überzeugung im Ochsen warst." „Im Ochsen?“ Sie sieht ihn verständnislos an. „Die Kneipe in der ich dich gefunden habe… Also, die ist eigentlich für Leute wie mich“, versucht François zu erklären. Doch das scheint sie nicht zu interessieren.
„Ich stehe auf Männer weil es normal ist“, sagt sie arglos. „Ich bin eine Frau. Es liegt in unserer Natur, Männer zu mögen." Eine Frau… Allenfalls ein Fräulein bist du, denkt François amüsiert. „Ja, wahrscheinlich ist es für euch normal“, erwidert er grinsend. „Bei mir ist es eben anders. Ich bin nicht normal." „Wäre ja auch langweilig, wenn alle normal wären“, antwortet sie überraschend. „Hast du eine Zigarette?" „Ja.“ François gibt ihr eine. „Danke.“ Sie qualmt eine Weile schweigend vor sich hin.
„Du bringst nicht oft Frauen mit, oder?“, fragt sie dann. „Nein“, erwidert er. „Du bist die Erste." „Warum ich?" Genau weiß er es selbst nicht. „Mein Atelier ist der einzige Ort, der mir eingefallen ist." „Oh!“ Sie lächelt. „Ich habe also Glück gehabt. Es ist schön hier. Wenn ich nicht so übel aussehen würde, würde ich dich bitten, mich zu portraitieren. Kannst du das ein anderes Mal machen, ja?" Ein anderes Mal, denkt François. Sie will also wiederkommen.
Mit Erstaunen stellt er fest, dass er diesen Gedanken gar nicht so schlecht findet. „Vielleicht bist du anders, Marquise“, sagt er schließlich. „Vielleicht habe ich dich deshalb hierher gebracht." Als sie nicht antwortet, bemerkt er, dass sie eingeschlafen ist. Leise holt François ein Laken, deckt sie damit zu. Ihm wird klar, dass er einer Frau noch nie so nahe gewesen ist wie diesem Mädchen.
„Wisst ihr schon das Neueste?“ Mal wieder gelingt es Annabelle, beim Essen alle Blicke auf sich zu ziehen. „Was denn?“, fragt Maman ahnungslos, während sich bei Marquise bereits ein ungutes Gefühl in der Magengrube verbreitet. „Na, dass Marquise einen neuen Freund hat“, posaunt die jüngere Schwester triumphierend heraus. „Er heißt François. Ist Maler. Sie besucht ihn fast jeden Tag in seinem Atelier." „Sei still!“, faucht Marquise, doch Annabelle fährt unbeirrt fort. „Sie hat neulich bei ihm übernachtet. Es steht in ihrem Tagebuch."
Volltreffer. Die Eltern sind alarmiert. „Marquise“, beginnt Maman vorwurfsvoll, „bist du nicht bei deiner Freundin gewesen? Bei Cara?" Dank Annabelle sitzt sie nun ernsthaft in der Klemme. Sie weiß nicht, welche Wahrheit ihre Eltern am ehesten akzeptieren würden. „Die Sache ist die“, beginnt sie vorsichtig, „ich wollte bei Cara übernachten. Dann war sie plötzlich weg." „Das verstehe ich nicht“, hakt ihr Vater nach. „Warum war sie plötzlich weg und… Wer ist der Mann, von dem Annabelle da redet?"
„Er heißt François", erklärt Marquise notgedrungen. „Er ist Kunststudent. Ich habe ihn zufällig kennengelernt." „Hast du nun bei ihm übernachtet oder nicht?“, will Maman wissen. „… Ja“, gibt ihre erbarmungslos in die Enge getriebene Tochter zu, „aber nur weil…" „Du übernachtest also bei irgendwelchen wildfremden Männern?“ Mrs. Montiniere klingt zutiefst schockiert. „Herrje, Marquise… Was ist nur in dich gefahren? Du weißt doch… Gott behüte! Wenn du schwanger wirst!"
„So ist es nicht, ok?“ Marquise ist vor Scham rot angelaufen „Was denkt ihr von mir? Sowas würde ich niemals tun." „Und doch hast du die Nacht bei ihm verbracht“, bemerkt der Vater spitz. „Marquise, bis jetzt waren wir sehr tolerant“, hört sie die Mutter mit strenger Stimme sagen. „Doch wenn du anfängst, dich wie eine Hure zu benehmen…" „So ist es nicht!“ Marquise wird ungewohnt laut. „Warum hört ihr mir nicht erst mal zu! Er ist schwul, ok. Er… François ist schwul."
Die Gesichter der Eltern erstarren. „… Schwul“, wiederholt Maman. Das Wort hört sich aus ihrem Mund mehr als falsch an. „Du meinst also, dass…" „Er steht auf Schwänze“, erklärt Annabelle, wobei sie sich vor Lachen fast verschluckt. Der Vater zuckt zusammen, weist sie streng zurecht: „Ich will solche Wörter bei Tisch nicht hören!“ Dann wendet er sich erneut an seine älteste Tochter. „Dein Freund ist also… homosexuell?“ Nur mit Mühe spricht er das Wort aus. „Ja“, erwidert Marquise leise, während sie versucht, sein Mienenspiel zu deuten. „Ja, das ist er."
„In seinem Atelier hängen überall Bilder von nackten Männern.“ Freimütig verrät Annabelle weitere Einzelheiten aus Marquises Tagebuch. „Sie hat er auch gezeichnet.“ „Nicht nackt“, stellt Marquise schnell richtig. „Angezogen. Die Porträts sind gut geworden. Wenn ihr wollt, zeige ich sie euch." „Ja, bitte.“ Mamans Stimme klingt resigniert, so als könne sie nun nichts mehr schockieren. „Zeig sie uns." „Wie ihr wollt.“ Marquise geht wütend aus dem Raum, kehrt wenig später mit einem Stapel Papier zurück. „Hier!" Sie pfeffert die Zeichnungen auf die Tischplatte.
Eine angespannte Stille erfüllt den Raum, in der Mrs. Montiniere François‘ Kunstwerke mit angestrengter Miene begutachtet. Eine steile Falte bildet sich zwischen ihren Brauen. Die Zeichnungen zeigen ihre Älteste auf einem Sofa, mal lachend in liegender Pose mit Jeans und T-Shirt, mal lasziv im Kleid mit übereinander geschlagenen Beinen und Zigarette in der Hand. Sie findet nichts, was anzüglich wirkt. „Tja…“, sagt sie schließlich, legt, offensichtlich beruhigt, die Zeichnungen beiseite. „Die sind wirklich fantastisch geworden."
Der Vater ist verwirrt, verlangt nun ebenfalls nach den Bildern. Aufmerksam sucht Marquise in seinem Gesicht nach Missfallen, findet jedoch keine Regung. „Schön“, erwidert er schließlich. „Dieser Kerl hat dich also gezeichnet, ja? Und du bist dir sicher, dass er nichts an Frauen findet?" „Der Typ ist schwul. Stockschwul“, kichert Annabelle, bevor ihre Schwester etwas sagen kann. „Er ist abartig! Sie hat es selbst geschrieben." Zu Marquises Ärger ignorieren die Eltern diese Worte.
„Wenn das so ist, will ich nichts gegen eure Freundschaft sagen“, erwidert Maman schließlich. „Solange du dich normal entwickelst." „Solange du nicht zur Muschileckerin wirst“, übersetzt Annabelle ungefragt. „Geh auf dein Zimmer!“ Der Vater hat nun endgültig genug. „Ich will solche Wörter nicht hören. Es reicht!" Annabelle geht ohne Widerstand, jedoch nicht ohne Marquise im Vorbeigehen noch einmal anzurempeln. „Schwuchtelfreundin“, zischt sie leise, ehe sie den Raum verlässt.
„Das hat sie in der Schule gelernt“, beschwert sich Marquise. „Ihre Mitschüler versauen sie." „Na, na“, blockt der Vater ab. „Das glaube ich kaum. Sicher ist es nur eine Phase, die vorübergehen wird." „Ihr wollt es nicht sehen, oder?“ Marquise kann die Blauäugigkeit der Eltern nicht verstehen. „Dass sie sich negativ entwickelt?" „Vergiss nie“, mahnt die Mutter, „dass sie dorthin gegangen ist, damit du…", „…singen kannst“, beendet Marquise den Satz mit unüberhörbarer Verbitterung. „Warum macht ihr mir das ständig zum Vorwurf?"
„Du solltest uns diesen Maler bei Gelegenheit vorstellen“, wechselt Maman das leidige Thema. „Ich möchte wissen, warum du ihn so magst.“ Sie sieht Marquise vorwurfsvoll an. „Du hast schon lange keine Freunde mehr mit nach Hause gebracht!" Weil ich keine habe, denkt ihre Tochter vergrämt. Nur scheinheilige Schlangen, die mich abgefüllt in irgendeiner Kneipe alleine lassen. Doch das bekennt sie nicht. Sollen ihre Eltern doch glauben, was sie wollen. Stattdessen sagt sie: „Also gut… Wenn ihr wollt. Wenn ihr ihn nicht auf diese Sache ansprecht."
„Ein paar Bilder sind dazugekommen." Mal wieder besucht sie François in seinem Atelier. Gleich nach dem Unterricht hat sie sich auf den Weg gemacht. „Kann schon sein.“ Er grinst. „Sehen die nicht alle fantastisch aus? Diese Proportionen…“ „Wie ich dich kenne, hast du dich anschließend bei keinem von ihnen gemeldet“, schlussfolgert Marquise mit vorwurfsvollem Blick. Inzwischen ist sie bestens mit den Lebensgewohnheiten ihres neuen Freundes vertraut. „Ich bin eine Schlampe, ich weiß.“ François zündet sich eine Zigarette an.
„Hat dir denn keiner von ihnen etwas bedeutet?“, will Marquise wissen. „Ist das für dich immer nur ein kurzfristiger Spaß?" „Meine Familie hat mich verdorben“, erklärt François ruhig. „Sie hat mein Vertrauen in die Menschheit erschüttert. Ich kann das nicht. Du weißt schon… mich jemandem öffnen. Ich habe Angst, verletzt zu werden." „Mir vertraust du doch“, entgegnet Marquise. „Oder?" „Genau dafür liebe ich dich, chérie.“ Er sieht sie sanft an. „Du bist kein Mann. Es wird nie die Gefahr bestehen, dass ich mich in dich verliebe."
„Also kannst du nur Menschen lieben, die du nicht attraktiv findest?“, hakt Marquise nach. „Trennst du das? Geistige Liebe und körperliche Liebe?" „Ich denke schon, ja“, erwidert François nach einer Weile. „Eine klare Trennung. So läuft das." „Das ist gegen die Natur“, behauptet Marquise. „Es erfordert ein großes Maß an seelischer Abgestumpftheit." „Ich bin abgestumpft, Süße“, gibt François unumwunden zu. „Ich komme mit Nähe nicht zurecht. Ich brauche Distanz und… Herrje, jetzt sieh mich doch nicht so an, als wäre ich ein Monster."
„Entschuldige…“ Sie wählt ihre Worte mit Bedacht. „Ich verstehe einfach nicht, wie du sowas tun kannst. Ich kann das nicht." „Natürlich nicht“, erwidert François sanft. „Du bist ja auch eine Prinzessin. Meine kleine Prinzessin. Du suchst dir deinen Prinzen gut aus, ja? Du nimmst nur einen, der es ernst meint, der was an dir findet und dich liebt." Er streicht ihr lächelnd übers Haar. „Es war eine gute Entscheidung, dich aus dieser Bar hierher zu schleppen. Du bist wirklich was Besonderes. Weißt du das?"
Da sie nicht antwortet, deutet er auf einen leeren Rahmen an der Wand. „Siehst du den? An dieser Stelle will ich ein Bild von dir aufhängen, ok? Ein Portrait. Mit Kleidern. Es sei denn, du hast etwas dagegen, in meiner Sammlung zu hängen." „Im Gegenteil. Es wäre mir eine große Ehre“, erwidert sie voller Stolz. Natürlich weiß sie, wie schwer dieser Entschluss für ihn gewesen sein muss. „Wunderbar.“ François grinst. „Es wird sicher das schönste, das ich je von dir gezeichnet habe."
