Erhalten Sie Zugang zu diesem und mehr als 300000 Büchern ab EUR 5,99 monatlich.
Die adoptierte, angebliche Halbwaise Emily fällt aus allen Wolken, als plötzlich ihre Schwestern und ihr Großvater in ihrem bis dahin behüteten Leben auftauchen und es gehörig aus den Fugen bringen. Bei ihnen eingezogen, in einer alten Villa im tiefsten Wald, merkt Emily schnell, dass ihre Verwandten anders sind als alle Menschen, denen sie je begegnet ist. Was haben diese seltsamen Steine um ihre Hälse zu bedeuten? Und warum wird Emily von ihnen in allerlei Waffen-und Überlebenstechniken unterrichtet? Eine dunkle Prophezeiung soll ihr Leben für immer verändern und sie in eine Welt führen, wo der Krieg zum Alltag gehört. Als Lamm unter Wölfen muss Emily lernen, sich zu behaupten, ihre wahre Identität zu finden und nicht jedem zu vertrauen. Sie wird jedoch merken, dass Letzteres gar nicht so einfach zu bewerkstelligen ist. Ein Verrat aus eigener Mitte wird sie in einen Abgrund stürzen, aus dem es nur noch einen Ausweg gibt...
Sie lesen das E-Book in den Legimi-Apps auf:
Seitenzahl: 450
Veröffentlichungsjahr: 2015
Das E-Book (TTS) können Sie hören im Abo „Legimi Premium” in Legimi-Apps auf:
Für meinen Bruder Luis, der immer ein begeisterter Zuhörer und ein kritischer Ratgeber war.
In geheimer Mission
Die Fürstin der Finsternis
Fremde Verwandte
Ende des Schweigens
Abschied
Eine neue Familie
Das „Güldsche Gut“
Verborgene Fähigkeiten
Steinteiler
Heimweh
Der Ahnensaal
Steinmagie
Alter Glanz
Die Kunst des Kampfes
Die Flucht aus Orcus
Wanderer zwischen den Welten
Der Entschluss
Der Stein der Veränderung
Alte Freunde
Das Lager
Das Lied
Streit
Der Verrat
Der Schwur
Ruhelos
Die Höhle
Wenn Engel sterben
Aufbruch
Alles, was der Mensch insgeheim im Schutz der nächtlichen Finsternis tut, wird einmal ans Tageslicht gelangen.
Khalil Gibran
Die Nacht war schwarz; so schwarz wie der Reiter inmitten des schlafenden, endlos erscheinenden Waldes. Da ihn die Zeit drängte, trieb er sein Pferd so schnell über einen der einsamen, verschlungenen Pfade, dass sich die Luft um ihn herum hörbar teilte.
Er trug einen höllennatterfarbenen Lederanzug, der zum Schutz vor Pfeilen sowohl im Brustbereich als auch am Rücken mit Metallblättern verstärkt war. Um seinen Hals hing ein marmoriertes, glattes Mineral, welches unaufhörlich leise klappernd gegen die harte, blechbeschwerte Jacke schlug.
Seine kräftigen, langen Haare schimmerten hirschkäferschwarz; genau wie das Fell des Pferdes. Sie wurden im Nacken von einem Band zusammengehalten, aus dem sich im Laufe der anstrengenden Reise ein paar Strähnen gelöst hatten, die nun im Rhythmus des Hufschlags über sein Gesicht wehten.
Gleichmäßig hämmerten die Eisen der Stute in der Dunkelheit auf den Boden. Sie war ein außergewöhnlich schönes und aufmerksames Tier, dessen feine Nüstern den umgestürzten Baumstamm hinter der nächsten Biegung bereits gewittert hatten. Ohne zu zögern setzte die zarte Schwarze mit einem sicheren Sprung über das Hindernis hinweg.
Währenddessen blies der Wind die ligusterbeerfarbenen Strähnen aus dem Gesicht des Reiters. Es war weiß, als sei es aus Alabaster; sein Ausdruck hart, wie in Stein gemeißelt. Dieses Antlitz schien ohne Fehler zu sein; so makellos, wie man es sonst nur von Märchenfiguren oder Statuen kennt.
Die Iris seiner Augen schimmerte außergewöhnlich grün; in einem dunklen, moosartigen Ton, der − wenn man näher hinsah − obendrein auch noch sandmohnrote Flecken erkennen ließ.
Der Mann führte kein Gepäck mit sich, nur einen kunstvoll geschwungenen Bogen samt Köcher, an dem zahllose Rabenfedern befestigt waren.
Unaufhaltsam eilten die beiden voran, bis völlig unerwartet ein riesiger Bär im Dickicht am Rande des Weges erschien. Obwohl er in der Dunkelheit kaum zu erkennen war, erfasste der geübte Blick des schwarzen Reiters ihn sofort, sodass auch schon ein Pfeil in seiner Brust steckte, ehe er fliehen oder gar angreifen konnte. Ohne einen Laut von sich zu geben, kippte der Koloss zur Seite. Der Tod kam augenblicklich!
Mit einem kurzen Ruf brachte der Schütze sein Pferd zum Stehen, um den leblosen Körper aus der Nähe zu betrachten. Er lächelte zufrieden, denn der ihm zu Füßen liegende Braune hatte − genau wie alle anderen Farbigen − in diesem Wald nun wirklich nichts verloren. Hier wurden nur schwarze Tiere geduldet, denn SIE waren die Herrscher.
Ein unsägliches Triumphgefühl stieg in ihm auf. Für diesen Treffer würde Rubine ihn sicherlich reich belohnen! Sie würde sich darüber freuen, dass er ihr half, die gewünschte Ordnung aufrechtzuerhalten. Doch bis zum Nebelschloss waren es noch über tausend Meilen!
Eilig presste er seine Fersen in die Flanken der Stute, und schon preschten sie wieder davon. Rastlos rauschten sie an den fahlen, still in sich versunkenen Bäumen vorbei.
Es war nicht verwunderlich, dass die Hände des Mannes zu schmerzen begannen! Er hatte den rauen, hölzernen Bogen in den letzten Tagen immer wieder gespannt − viel zu oft, was seiner hellen, durchscheinenden Haut nicht gut bekommen war. Jetzt, nach dem letzten Schuss, drängte zu allem Überfluss eine kalte, glitzernde Flüssigkeit an die Oberfläche. Sie war blau wie die Blüten der Berglilie.
Nur gut, dass seine Stute weder Zaumzeug noch Zügel brauchte, dass sie den Weg genau kannte und im Zweifelsfall einwandfrei auf seine Worte hörte.
Abgesehen von dem Klappern der Hufe, dem zarten Scheppern der Blechblätter sowie dem Zischen der Luft um Reiter und Pferd war nun kein Geräusch mehr zu hören; keine Regung mehr wahrzunehmen. Kein weiterer Waldbewohner wagte mehr, sein Versteck zu verlassen. Die Ankunft des schwarzen Reiters hatte sich schnell herumgesprochen. Sie schreckte zweifellos alle übriggebliebenen Farbigen ab.
Atemlos näherten sie sich einem breiten Bach. Die Stute wieherte. Sie beschleunigte ihr Tempo weiter… jagte in halsbrecherischem Galopp auf das Wasser zu… hob ab… streckte ihre langen, dünnen Beine im Flug und landete elegant auf der anderen Seite.
„Gut gemacht, Morgana“, flüsterte er fast zärtlich mit einer Stimme, die so seltsam klang wie eine fremde Melodie, bestehend aus einer Verkettung einzigartiger Sequenzen. „Du bist die Beste von allen!“ Anerkennend strich er dem Tier über den Hals.
Er war sehr stolz darauf, diese herausragende Stute als Lohn für seine Dienste bekommen zu haben. So brauchte er sich nicht länger mit unzuverlässigen, grob gebauten Dingern − ähnlich Ackergäulen − herumzuschlagen, die nicht besonders schnell, geschweige denn schwarz waren.
Er wusste genau, dass solche Pferde Seltenheitswert besaßen und nur die engsten Vertrauten Rubines eines bekamen. Umso mehr freute er sich, nun endlich in diesem Kreis zu sein. Morgana war in der Tat ein ganz besonderes Exemplar: die wertvolle Beute einer Plünderung.
Nach und nach verschwanden die Bäume. Der Pfad wurde nun langsam breiter; bald ging er in eine gepflasterte Straße über. Während sich das Blickfeld allmählich etwas aufhellte, verlangsamte Morgana ihren Schritt. Der Tag brach an.
In gemäßigtem Trab bewegten sich Reiter und Pferd auf die vor ihnen liegende Lichtung zu, wo sich am Wegrand ein kleines, heruntergekommenes Anwesen zeigte.
Es war vollkommen grau und vermoost. Die Zeit hatte tiefe Risse in die Fassade gegraben. Klebrige Spinnweben hingen an den verwitterten Holzfenstern. An vielen Stellen schob sich Efeu über das Mauerwerk bis in die Fensterlaibungen hinein. Nur das Dach schien neu zu sein. Seine Ziegel glänzten in einem frischen, nahezu vollendeten Schwarz.
Noch während er abstieg, trat eine Frau aus der Tür, deren blass rosafarbene Augen vor Freude strahlten, als sie ihn sah.
„Unakit! Schön, dass du da bist! Ich habe lange nichts von dir gehört." Sie schob sich elegant über die Schwelle, um ihm Bogen und Köcher aus der Hand zu nehmen. „Quarze", murmelte er nur, bevor er ihr die Pfeile reichte.
Sie trug ein eng anliegendes, lachsfarbenes Gewand, das ihren schmalen Körper stark betonte, und sie etwas zerbrechlich erscheinen ließ. Auf der bleichen Haut ihres Dekolletees schimmerte ein flach geschliffener, blumenförmiger Rosenquarz. Ihre glänzenden, blonden Haare waren so lang, dass sie in sanften Wellen fast bis zur Hüfte fielen. Ja, Quarzes Gesicht war immer noch genauso ebenmäßig wie seines; ihr Ausdruck genauso hart.
Sie hatten sich lange nicht gesehen − Jahre um genau zu sein! − weshalb ihre Schönheit ihn in Erstaunen versetzte. Dennoch… Rubine konnte sie keine Konkurrenz machen. Das konnte nur eine...
Quarze ließ die Stute zu den anderen Pferden bringen. Dann geleitete sie Unakit schweigend hinein.
Sie führte ihn in einen großen Raum, dessen Fenster von außen gänzlich überwuchert waren. Die sattgrünen, handtellergroßen Blätter vor der Scheibe machten ihn so duster, dass man sich erst an das schwache Licht gewöhnen musste, um den früheren Glanz dieses alten Gemäuers erahnen zu können.
Seine hohen Decken waren mit kunstvollen, teilweise abgeplatzten Ornamenten verziert. Riesige, ausgeblichene Ölporträts hingen an den Wänden; ein uralter, alabasterner Springbrunnen befeuchtete die Luft. Auf dem unebenen Steinboden breiteten sich aufwändig geknüpfte, abgewetzte Teppiche aus, die auch jetzt noch ausgesprochen gut zu den handgearbeiteten, antiken Möbeln passten.
Unakit setzte sich erschöpft an den schweren Sumpfweidentisch, wo er seine geschundenen Hände bereitwillig mit einer scharf riechenden Flüssigkeit behandeln ließ. In diesem Punkt vertraute er Quarze. Er war sich sicher, dass sie genau wusste, was in solchen Fällen zu tun war; denn sie beherrschte die Kunst des Heilens, so wie viele Frauen seines Volkes. Obwohl die benetzten Stellen wie Feuer brannten, begannen sie doch, sich augenblicklich wieder zu verschließen. Seine Gastgeberin, die alles kritisch verfolgte, lächelte zufrieden. Es würde – ihren Erwartungen entsprechend − nicht mal eine Narbe zurückbleiben.
Als sie den Blick zur Tür gewandt in die Hände klatschte, erschien unverzüglich eine Dienerin, die aus ihren kristallklar funkelnden Augen neugierig zu ihnen hinüber schaute. Mit unterwürfigem Tonfall meldete sie ihre Ankunft:
„Ihr habt gerufen, Herrin Rosenquarze?"
„Ja, Bergkristalle“, antwortete Quarze freundlich, aber bestimmt. „Wir haben hungrigen Besuch."
Die Herbeigerufene huschte auf der Stelle davon, um mit einem Tablett voll dampfender Schüsseln zurückzukommen. „Feuermöhren, Mondblumentee, Graukartoffeln und Echsenfleisch. Habe ich noch etwas vergessen?"
„Es ist gut, meine Liebe.", bedankte Quarze sich schnell. „Du kannst wieder gehen!“ Sie hatte lange auf ihren Gast gewartet, weshalb sie nun endlich mit ihm alleine sein wollte.
Unakit häufte sich Kartoffeln, Echsenfleisch und Möhren auf den Teller. Gierig fing er an zu essen. Wann hatte er zum letzten Mal etwas so Köstliches in den Magen bekommen? Es musste schon eine Ewigkeit her sein!
Während er die angebotenen Speisen hemmungslos in sich hineinschlang, spürte er Quarzes gespannten, ungeduldigen Blick auf sich ruhen. Sicher wollte sie wissen, was er von seiner Reise zu berichten hatte.
Nachdem der größte Hunger gestillt war, ließ er das Besteck sinken. Er brachte es nicht übers Herz, sie noch länger warten zu lassen… Außerdem würde sie es früher oder später ja doch erfahren…
„Quarze, ich war so unendlich lange fort“, begann er zögernd, „und bringe schlechte Nachrichten.“ Sein Blick wurde finster. „Ich habe von Weltenwanderern gehört, die Rubine stürzen wollen… von Tieren, die zum Aufstand aufgerufen haben… Man sagte mir, dass der schwarze Strand nicht mehr zu unserem Reich gehört..." Er stockte, da seine Nachbarin ihn so aufgebracht und fassungslos ansah, dass es ihm nicht möglich war, weiter zu sprechen.
„Niemand wird Rubine stürzen! Ihre Macht ist im ganzen Finsterwald − von den Feuerbergen bis über alle Meere − bekannt! Niemand wird es wagen, sich ihr entgegen zu stellen." Die Schärfe ihrer Worte erschreckte ihn. Sie hatte ja nicht die geringste Ahnung! Wie konnte sie nur so naiv sein? Eindringlich versuchte er, die Lage genauer zu erklären: „Du unterschätzt unsere Gegner, glaube mir. SIE sind mit Unterstützung der Tiere und der Kraft von Saphire sehr stark."
Seine Zuhörerin schien zunächst ein wenig verwirrt zu sein; dann lachte sie abfällig. „Als ob das Viehzeug eine ernstzunehmende Bedrohung wäre. Wie du weißt, haben wir die Wilden weit genug von hier vertrieben. Die anderen leben in Gefangenschaft. Daran ändert auch Saphire nichts. Diese Leute, von denen du redest, müssen wirklich verrückt sein! Sicher kennen sie Rubines Gaben nicht.“ Sie verzog spöttisch die Mundwinkel. „Und was den schwarzen Strand betrifft, kannst du ganz beruhigt sein. Den haben wir freiwillig den Nymphen überlassen."
Quarze war völlig atemlos, als sie endlich schwieg. Doch wusste Unakit nur zu genau, dass sie soeben gelogen hatte. Rubine kannte keinen Großmut. Nie und nimmer hätte sie etwas so Wertvolles verschenkt! Im Gegenteil! Er war sich sicher, dass die Fürstin − gerade im Falle der Nymphen − eine ihrer schlimmsten Niederlagen erlebt hatte.
„Die Tiere kommen zurück“, beschwor er Quarze also aufs Neue. „Alle Bunten, die wir aus den Wäldern verbannt haben, übertreten unsere Grenzen. Heute habe ich einen Braunbären erlegt. Ich glaube nicht, dass er allein war… viel eher, dass sich die übrigen bereits mit Saphire zusammengeschlossen haben. Du weißt ja, wie überzeugend sie sein kann…“
„Natürlich“, unterbrach Quarze ihn unwirsch. „Dennoch kann sie es − wie du siehst − weder mit mir noch mit Türkise oder Rubine aufnehmen, sonst hätte sie es längst getan!“ Sie machte eine kurze Denkpause. „Ich weiß, dass diese erbärmlichen Kreaturen auf ihrer Burg Zuflucht finden und Saphire sie gesund pflegt, wenn sie verwundet sind. Wirklich weiterhelfen kann sie ihnen aber nicht.“
„Ihr Symbol ist die blaue Taube“, erzählte Unakit unbeirrt weiter. „Sie reitet auf Schimmeln… Durch ihr Gebiet fließt ein enzianfarbener Fluss, in dem sich die ungewöhnlichsten Wesen tummeln… An ihren Bäumen wachsen Früchte aller Arten...“
„Schluss damit!“ Das wollte Quarze jetzt erst recht nicht hören. „Rubines Macht ist grenzenlos“, widersprach sie, die Arme trotzig vor der Brust verschränkt. „Sie hat überall Spione. Auch dort. Wir wissen genau, wie es in ihrem Reich aussieht.“ Mit vorwurfsvollem Unterton setzte sie hinzu: „Man merkt, dass du die Fürstin über Jahre nicht gesehen hast! Sonst würdest du nicht so an ihr zweifeln!“
Für einen Moment schloss sie die Augen. Wehmütig dachte sie an die Zeit zurück, in der Rubine und sie unzertrennlich gewesen waren. Sie bedauerte sehr, dass sich die Dinge geändert hatten; dass jetzt etwas zwischen ihnen stand − etwas, das sie nicht erklären konnte.
„Auch ich habe sie lange nicht gesehen“, gestand sie nach einer Weile. „Wichtige Nachrichten schickt sie mir nur noch über die Dienerschaft. Aufträge gibt sie mir gar nicht mehr.“ Dabei klang sie so traurig, dass Unakit Mitleid mit ihr bekam. Während seiner Abwesenheit schien er doch einiges verpasst zu haben, weshalb er sie aus seinen rotgepunkteten Augen auffordernd ansah.
Ihr Gesicht − ihr alabasterfarbenes, weißes − wurde daraufhin noch bleicher, als es ohnehin schon war; ihre Züge verhärteten sich. „Rubine mag Türkise lieber als mich“, stieß sie mit verbitterter Stimme hervor. „Außerdem ist sie ganz vernarrt in Jade. Sie stellt dieses kleine Ding auf die Stufe einer Schwester!“
Das war es also! Aber warum?
„Sie vertraut mir nicht mehr, obwohl ich immer mein Bestes gegeben und alles zu ihrer Zufriedenheit erledigt habe.“ Quarzes Stimme überschlug sich fast, während Tränen der Wut aus ihren Augen rannen. „Selbst du bist ihr näher. Du stehst hoch in ihrer Gunst“, schluchzte sie weiter, bevor es ihr gelang, sich wieder zu fangen. „Seit Ewigkeiten redet jedermann hier über deinen heiklen Auftrag. Sie soll schon auf dich warten… und glaube nur ja nicht, dass ihr der Unfug, den du gerade von dir gegeben hast, gefällt.“
Ihre kompromisslosen Worte trafen Unakit so, dass er verzagt in sich zusammensank. „Überlege dir gut, was du ihr erzählst“, warnte sie ihn. „Wie ich hörte, soll sie schon ein wenig verärgert sein, weil du dich nicht an die Abmachung gehalten hast.“ Quarze legte die Stirn in Falten. „Ihr hattet eine Spanne von zwei Jahren vereinbart, nicht von drei.“
Sie hielt inne, worauf Unakit seinen eigenen, aufgeregten Herzschlag hören konnte. Das stimmte natürlich, doch hatte er seine Aufgabe nicht schneller erledigen können.
Eilig schaufelte er den Rest Möhren in sich hinein, während sie ihm schweigend zusah. Als er fertig war, stand sie auf.
„Deine Rast hier ist um, Unakit. Du solltest dich schleunigst auf den Weg machen! Rubine will ganz sicher nicht, dass du dich länger als nötig bei mir aufhältst.“
Auch ihr Gast erhob sich.
„Du hast dich sehr verändert, mein Lieber“, warf sie ihm zum Abschied noch vor. „Wo ist dein Kampfgeist geblieben? Wo ist deine Zuversicht? Wir werden siegen!“ Insgeheim hoffte sie natürlich, dass Rubine ihren Fehler irgendwann bereuen und sie – Quarze − zurück an ihre Seite nehmen würde. Früher oder später musste sie doch einsehen, dass sie ohne ihre wahre Schwester nicht auskam…
Bei diesem Gedanken schenkte sie dem Besuch ein schwaches Lächeln. „Auf Wiedersehen Unakit. Pass gut auf dich auf!“
Der nun völlig Verunsicherte lief nach draußen. Wenn Quarze Recht behielt und Rubine tatsächlich verärgert war, durfte er keine Zeit mehr verlieren. Ob sie bereits von seiner Rückkehr wusste? Er glaubte, es aus den Worten ihrer Schwester herausgehört zu haben.
Im Stall angekommen stellte er fest, dass Morgana frisch gestriegelt war. Bergkristalle, dachte er gleich, während er sich über das saubere, glänzende Fell seiner Stute freute. Ohne zu zögern schulterte er seine Waffe, führte das Tier ins Freie und schwang sich auf seinen Rücken.
Er schaute nicht mehr zurück; winkte Quarze auch nicht mehr. Sein Blick war eisern nach vorne gerichtet; genau wie seine Gedanken. Obwohl noch ein guter Teil der Strecke vor ihnen lag, würden sie das Nebelschloss voraussichtlich beim nächsten Morgengrauen erreichen. Dann würde er Rubine wiedersehen...
Unakit versuchte, sich ihr Bildnis ins Gedächtnis zu rufen, was ihm aber nicht gelang. Er erinnerte sich nur bruchstückhaft an ihren Hochmut, …ihre Härte, …ihre Eleganz und natürlich …an ihre Schönheit.
Dunkelheit legte sich über Reiter und Pferd, als sie die Lichtung wieder verließen. Hier − im Gebiet der Schwarzen − gelang es nicht mal den Strahlen der Sonne bis in die Tiefen des dicht belaubten Waldes vorzudringen.
Morgana, die sich lange genug ausgeruht hatte, nahm mit Leichtigkeit ihre alte Reisegeschwindigkeit auf. Sie war ein Geschöpf der Finsternis, welches sich bekanntermaßen auch ohne Licht zurechtfand.
Während die beiden beharrlich an nur schemenhaft wahrnehmbaren Pfaueneiben – oder waren es Lerchenlinden? − vorbeizogen, hörten sie einen Vogel schreien. Er musste irgendwo hoch oben in den Wipfeln sitzen. Angestrengt versuchte Unakit, ihn ausfindig zu machen.
Obwohl das Tier zwischen den Blättern kaum zu erkennen war, freute er sich. Vielleicht würde es ihm ja doch noch gelingen, Rubine zu besänftigen. Wenn er ihr bei seiner Ankunft einen Bunten überreichen könnte, würde sie ihm den Verzug bestimmt verzeihen.
Ohne genauer hinzusehen richtete er einen seiner Pfeile zum Himmel, so, wie er es immer tat − schnell und absolut sicher. Sein Opfer gab ein ersticktes Krächzen von sich, bevor es tot zu Boden fiel. Gespannt lief er zu der Stelle des Aufpralls, wo er den Farn ein wenig zur Seite schob.
Sein Atem stockte. Um Himmelswillen! Was war denn das?! Als er sich nach vorne beugte, um die Beute aufzuheben, erstarrte er. Das Blut wich ihm aus Gesicht und Gliedern. Er wurde blass wie das Hexenkraut am Fuße der Feuerberge, denn dieser Vogel war schwarz; ein Rabe, ein heiliges Tier!
Nie hätte er ein solches hier vermutet. Was hatte er nur getan?! Gehetzt griff er nach dem Kadaver, um ihn gleich darauf voller Verzweiflung in den nächstbesten Busch zu werfen. Hoffentlich hatte es niemand gesehen! Hoffentlich würde Rubine niemals davon erfahren! Tief in seinem Innersten wusste er jedoch, dass er nicht das Geringste vor ihr geheim halten konnte. Ihr schwarzer Schwan sah einfach alles.
Mit gesenktem Kopf stieg er auf und ritt weiter. Er wäre so gerne umgekehrt; doch dafür war es jetzt zu spät…
Schwarze Schwäne
Leuchtend roter Mund
Ziehen Trauerkreise
Um das Schloss
Von Wasser umgeben
Die Brücken wurden hochgezogen
Zu früh versank sein Stern
Schwarze Schwäne
Leuchtend roter Mund
Trauer im Schloss
Ingrid Maria Sander
Das Nebelschloss war wie gewöhnlich von einer grauen, dampfenden Suppe umhüllt.
Als sie den Finsterwald hinter sich gelassen hatten, stieg Unakit ab. Obwohl das Tageslicht nun nicht mehr von riesigen, dicht belaubten Bäumen zurückgehalten wurde, konnte er die Hand kaum noch vor Augen sehen. Es war so diesig, dass sich nicht mal die nahe gelegenen Festungsmauern zu erkennen gaben.
Von hier aus musste er zu Fuß weiter gehen; er musste sich von seiner Intuition durch die trüben Schwaden leiten lassen. Das war zwar etwas mühselig, doch nicht weiter schwer, denn er hatte es gelernt; alle lernten es in dieser Welt.
Dicht gefolgt von Morgana, schritt er zügig voran, bis er den wilden Atem des schwarzen Flusses vernehmen konnte. Noch drang er nur als leise Andeutung durch die feuchte, schwere Luft, doch seine scharfen Ohren täuschten ihn nie! Morgana schnaubte sanft. Sie hatte es auch gehört! Jetzt war es nicht mehr weit!
Ohne Straucheln bewegten sich Reiter und Pferd über den unebenen, steinigen Boden auf die heimatlichen Klänge zu.
Währenddessen verwandelten sich die fernen Schwingungen zu einem diffusen Rauschen, welches mit jedem Schritt lauter wurde, um schließlich in ein donnerndes Dröhnen überzugehen. Hinter üppigen Auenkrautsträuchern tauchte ein wenig verschwommen das geheimnisvolle, dunkle Gewässer auf.
Direkt vor ihnen fiel das Gelände steil ab. Hohe Wellen peitschten mit großer Wucht gegen die Klippen; und als Unakit − wie schon so oft – hinunter in die schäumende, schwarze Brühe schaute, glaubte er für einen Moment lang, den glitzernden Schwanz einer Nymphe zu sehen.
Mitten im Fluss trotzte das ehrwürdige, uralte Gemäuer der brausenden Strömung. Seine Ausmaße ließen sich vom Ufer aus kaum abschätzen, doch wusste Unakit auch so, dass es unermesslich war. Gespenstisch hoch ragten seine Türme in den Himmel hinauf; über dem größten von ihnen prangte Rubines Flagge: ein schwarzer Schwan auf rotem Grund.
Er musste nicht lange warten, bis die gewaltige Zugbrücke heruntergelassen wurde. Jetzt gab es keinen Aufschub mehr! Widerstrebend stieg er auf Morganas Rücken, um langsam − so, als wolle er die Zeit doch noch anhalten − über das rissige Holz zu reiten.
Angespannt verfolgte er, wie sich die schweren Eisentore öffneten, hinter denen offensichtlich schon jemand auf ihn wartete.
„Unakit, schön dich zu sehen!“, schallte es fröhlich über den Hof.
Der Heimgekehrte atmete auf, denn es war Rhodonit, sein bester Freund, dessen vertraute, wohlklingende Stimme er gleich erkannte. Schnell sprang er ab, um ihn in die Arme zu schließen. Zwischen ihnen hatte sich − allem Anschein nach − in den letzten drei Jahren nichts verändert.
Rhodonit war ganz der Alte geblieben; auch vom Aussehen her. Er trug die langen Haare nach wie vor im Nacken zusammengebunden; etwa so wie Unakit. Sein malvenfarbener Stein hing ihm − genau wie früher − an einem abgewetzten Lederriemen um den Hals. Da er keinen besonderen Wert auf Kleidung legte, hatte er sich − was sein Gegenüber schmunzelnd bemerkte – bis auf den heutigen Tag nicht von seiner altbekannten, roten Metallblattjacke getrennt.
Als Unakit ihn wieder losließ, stellte sich jedoch heraus, dass der Gute nicht ganz so heiter war, wie eben noch angenommen. Jetzt, nach der ersten Wiedersehensfreude, starrte er ein wenig verlegen an ihm vorbei, während er mit unübersehbarer Nervosität von einem Fuß auf den anderen trat. Irgendetwas – da gab es keinen Zweifel − lag ihm auf der Seele.
Quarzes Worte tauchten im Gedächtnis des unglückseligen Jägers auf; unwillkürlich und bedrohlich, wie dunkle Wolken. Ob die Unruhe des Freundes womöglich mit seiner Verspätung zu tun hatte? Ein kalter Schauer lief ihm über den Rücken.
„Du warst lange weg, mein Lieber“, murmelte Rhodonit dann endlich in die Stille, so, als hätte er seine geheimen Befürchtungen gehört. „Rubine ist wütend auf dich. Sie spielt mit dem Gedanken, dir deinen Stein wegzunehmen oder, was noch niederträchtiger wäre, dich Jade auszuliefern.“
Unakit erstarrte. Er lag also richtig; und nicht nur das. Vermutlich stand es sogar schlimmer um ihn, als bisher angenommen.
Rubine war schon immer grausam gewesen; grausam und doch so unglaublich schön, dass es einem den Atem nahm und man den Schmerz, den sie verursachte, gleich wieder vergaß; eine gefährliche Göttin, die schneller tötete, als man einen Mucks machen konnte. Krampfhaft umklammerte er den Unakit um seinen Hals. Sie durfte ihm den Stein nicht wegnehmen! Der Stein und er waren wie Brüder, seitdem er ihn das erste Mal berührt, …seitdem er seine Magie gespürt hatte.
Und was Jade anging... Er kannte sie nicht, weshalb er auch nicht verstand, warum Rhodonit sie für das weitaus schlimmere Übel hielt. Natürlich hätte er seinen Freund sofort nach ihr gefragt, wenn nicht im gleichen Augenblick noch jemand dazugekommen wäre.
Eine zierliche Frau warf sich ungestüm um seinen Hals. Erst als sie ihn wieder frei gab bemerkte er, dass es Türkise war. Mit ihr hatte er nun wirklich am allerwenigsten gerechnet.
Ihr langes Kleid, das bis zum Boden reichte, glänzte grandcanyonblau; ebenso wie der Stein in ihrem Dekolletee. Sie hatte ihre dichten, schwarzen Haare auf Schulterlänge schneiden lassen, was ihr – wie Unakit nur ungern zugab − ausgesprochen gut stand. Es ließ sie irgendwie reifer aussehen.
Neugierig schaute er in ihre Augen. Ja… Sie schillerten immer noch cyanfarben… Sie waren immer noch so leuchtend hell… und hatten auch heute noch die gleiche, magische Anziehungskraft.
„Unakit! Gut, dass du da bist!“ rief sie mit ihrer hellen, glockenklaren Stimme, durch deren Klang sich ein einzigartiger, zarter Hauch von Blaugrün auf ihre blassroten Lippen legte.
Auf seiner Reise hatte er nicht viel an sie gedacht. Erst jetzt, wo sie so anmutig vor ihm stand, erinnerte er sich dunkel daran, dass sie früher mal ein Paar gewesen waren; leider kein besonders glückliches. Sie hatten nur allzu oft wegen irgendwelcher Nichtigkeiten gestritten; so unerbittlich, dass Türkise letztendlich bei Smaragd geblieben war.
Smaragd, einer der kräftigsten und attraktivsten Männer bei Hofe, besaß ein sehr ruhiges, eher ausgeglichenes Gemüt. Mit ihm konnte man beim besten Willen nicht aneinander geraten... Unakit verlor sich in dem endlosen Blau ihrer Iris. Wenn er richtig darüber nachdachte, bereute er es heute, sie einfach gehen gelassen und Smaragd nicht zu einem Duell herausgefordert zu haben.
Ein leichter Stoß in die Rippen riss ihn aus seinen Gedanken. „Du hättest ja auch mal von dir hören lassen können!“, beschwerte Türkise sich lautstark. „Ich bin fast wahnsinnig geworden. Drei Jahre hast du uns in Unwissenheit gelassen! Wir glaubten dich tot!“ Nach einer kurzen Pause fügte sie etwas leiser hinzu: „Es wäre wirklich schlimm gewesen, wenn du nicht mehr aufgetaucht wärst!“
Überrascht suchte Unakit in ihren Augen nach einer Erklärung für diese völlig unerwartete, überschwängliche Anteilnahme. Ob es doch noch eine Verbindung zwischen ihnen gab? Sichtlich enttäuscht musste er feststellen, dass sie seinem Blick nicht standhielt. Stattdessen füllte sich nun auch ihr sanftes Gesicht mit Sorge, so, wie vorhin noch das von Rhodonit.
„Rubine ist außer sich“, stieß sie mühsam hervor. „Ich glaube sie ist im Stande, Jade einzusetzen…“ Ihre Stimme versagte, und sie brach ab.
Was hatten nur alle hier mit Jade? Sie schien ja der leibhaftige Teufel zu sein!
Unakit versuchte krampfhaft, sich dieses grüne Ungeheuer vorzustellen, während eingehüllt in weiße Nebelschleier zwei weitere Gestalten auf der Bildfläche erschienen. Vermutlich hatten auch sie längst mit seiner Ankunft gerechnet.
Für einen Moment lang glaubte er gar, seinen Rivalen vor sich zu haben, bis er an dem etwas dunkleren Farngrün der Kleidung schließlich doch erkannte, dass es Jaspis war. Ihn hatte er bei seinem letzten Aufenthalt nur selten gesehen; ein paar Mal vielleicht, als sie gemeinsam zur Jagd gegangen waren. Damals hatte er ihn als gutmütigen, hilfsbereiten Kameraden kennengelernt, auf den man sich hundertprozentig verlassen konnte.
„Es freut mich, dich zu sehen“, grüßte Jaspis aufrichtig.
Seine Gemahlin hieß Achate. Sie war − ganz im Gegensatz zu ihrem Mann − nur mit Vorsicht zu genießen. Ihr schlanker, langer Körper steckte in einem ärmellosen, erdrauchroten Kleid, dessen Ausschnitt von unzähligen, kunstvoll geschliffenen Achaten verdeckt wurde. Die fuchsbraunen Locken hatte sie aufwändig hochgesteckt; ihre feuerdornfarbenen Augen funkelten. Formvollendet reichte sie ihm die Hand zum Gruß.
„Wir haben uns eine Ewigkeit nicht gesehen“, säuselte sie mit einer Freundlichkeit, die keinen Zweifel daran ließ, dass sie ihn nicht leiden konnte. „Es sind Jahre vergangen seit der Nacht, in der du uns verlassen hast.“
Unakit antwortete nicht. Er kannte sie schon lange, weshalb er vorzog, in ihrer Gegenwart nicht mehr als nötig zu sagen. Sie war – wie alle hier wussten − schwer einzuschätzen; außerdem berüchtigt für ihre unkontrollierten Wutanfälle. Darüber hinaus zählte sie seit jeher zu den besten Freundinnen seiner Herrin.
„Rubine schickt mich“, fuhr sie dann auch gleich fort, wobei sie ihn auf eine unangenehme, einschüchternde Art taxierte. „Du sollst auf der Stelle zu ihr kommen.“
Rasch drückte Unakit die Hand seines Freundes, klopfte Jaspis leicht auf die Schulter und warf Türkise noch ein letztes, verlegenes Lächeln zu, ehe er Achate hinterherging.
Das aus abertausend bunten Steinen erbaute Haupthaus hatte sich nicht verändert. Seine Eingangshalle war auch heute noch ausgesprochen eindrucksvoll und... dunkel; so dunkel, wie das Anwesen von Quarze.
Durch die langgezogenen, kleinen Windaugen drang kaum ein Lichtstrahl ins Innere. Ohne die Kerzen auf den gewundenen Metallständern hätte man nicht mal die großartigen Malereien gesehen, welche allesamt von Rubines Siegeszügen erzählten.
Zielstrebig bewegten sie sich an den martialischen Kunstwerken vorbei auf eine Tür zu, die er noch nie geöffnet hatte. Dahinter lag zweifellos das Zentrum der Macht.
Gleich würde er vor ihr stehen. Unakit konnte seine Aufregung kaum verbergen. Warum Rubine ihn wohl ausgerechnet hier − im Nebelschloss – sprechen wollte? Sonst hatte sie ihn doch immer an einen geheimen Ort im Wald bestellt.
Achate klopfte, und sie traten ein.
Der Saal vor ihnen war noch weiträumiger, als Unakit vermutet hatte; außerdem so prachtvoll gestaltet, dass er unwillkürlich darüber nachdenken musste, wie viele Baumeister, Maler und Bildhauer einst daran gearbeitet hatten. Auf dem steinernen, aus winzig kleinen Mosaikelementen zusammengesetzten Fußboden lag ein endlos langer, dunkelroter Teppich, der geradewegs auf den sagenumwobenen Thron zu führte. Dieser war von Meisterhand gefertigt. Er war über und über mit Rubinen besetzt; genau so, wie es sich die Leute im Land des Abends am Feuer erzählten.
Langsam traten die beiden näher, bis sie wenige Meter vor der Fürstin von der immensen Energie der roten Steine am Weitergehen gehindert wurden. Unakit erschrak. Er hatte nicht damit gerechnet, dass diese Minerale einen solchen Bann erzeugen konnten. Ihre Kraft war so groß, dass sie niemanden hindurch ließen; auch Achate nicht. Notgedrungen blieben sie stehen. Ja…, jetzt verstand er auch, warum sich so viele, schauerliche Geschichten um diesen magischen Ort rankten und Rubine von den meisten für absolut unbesiegbar gehalten wurde.
Inmitten der funkelnden Juwelen saß seine Herrin, deren unvergleichliche Schönheit ihn auf der Stelle erstarren ließ. Während heiße Glücksgefühle wie Blasen eines Geysirs in ihm aufstiegen, wurde sein Atem zunehmend flacher, bis er vor Ehrfurcht und Angst zu zittern begann. Das kannte er schon. Es war jedes Mal so, wenn er ihr gegenüberstand.
Verzweifelt versuchte er, wieder ins Gleichgewicht zu kommen. Er versuchte, sich zu konzentrieren, …seinen Körper unter Kontrolle zu bringen, doch es gelang ihm nicht. Ihre Ausstrahlung war viel zu stark.
Als sie ihn erkannte, gab sie Achate einen Wink, woraufhin diese ehrerbietig knickste und verschwand.
Rubine trug ein langes Kleid aus gladiolenrotem, samtartigem Stoff, in dessen Dekolletee ein caballerofarbener Edelstein blitzte. Ihre glänzenden, elsterschwarzen Haare waren über die Jahre ordentlich gewachsen, sodass sie ihr nun fast bis auf die Oberschenkel fielen. Zu ihren Füßen lag ein kelpieartiges Tier − viel länger als die heimischen Echsen; ein Höllenhund, der jeden Fremden allein durch seine Größe erschreckte.
Rechts und links des Throns wachten etliche Silberpanther; die letzten ihrer Art. Allem Anschein nach war es Rubine tatsächlich gelungen, den unbändigen Willen dieser stolzen Tiere zu brechen; sie in absolut zahme, treu ergebene Kreaturen zu verwandeln.
Unakit ließ den Blick schweifen. Erstaunt stellte er fest, dass hinter dieser Szenerie am Ende des Raumes noch jemand stand; jemand, den er nicht kannte. Dem Kleid nach handelte es sich um eine Frau, doch war ihr Gesicht so jung; zu jung. Es passte eher zu einem Mädchen. Das verunsicherte ihn.
Ein Schloss wie dieses war kein Ort für Kinder. Kinder wurden − solange er denken konnte − in eigens für sie angelegten Festungen untergebracht, wo man sie auf das harte Leben in der vom Krieg zerrissenen Außenwelt vorbereitete.
Was dieses kleine Wesen hier wohl zu suchen hatte?
Rubine erhob sich mit unnachahmlicher Grazie, wobei sich zeigte, dass der Stein um ihren Hals noch heller strahlte als alle anderen. Seine überlegene Aura war gar nicht zu übersehen. Völlig mühelos verließ sie das schützende Feld, um den Besuch in Empfang zu nehmen.
Unakit versuchte, ihre Züge zu deuten. Was hatte sie vor? Würde sie ihm eine Chance geben, die Verspätung zu erklären?
„Unakit, ich bewundere deinen Mut“, begann sie sachlich; doch er traute ihr nicht. Er ahnte schon, dass dieser Tonfall nicht im Geringsten zu ihrer wahren Gesinnung passte. Regungslos wartete er ab. Nun, er hatte sich nicht getäuscht!
Ihre Miene verdüsterte sich von einer Sekunde zur anderen, worauf sie ihn in einem eben noch unvorstellbaren, dissonanten Fortissimo anfuhr: „Du lässt jahrelang nichts von dir hören, bleibst länger weg als vereinbart und erschießt einen heiligen Vogel! Ich kann nicht glauben, dass du es wagst, mir unter die Augen zu treten!“
Schrill, wie klirrendes Metall drangen ihre Worte in seine Ohren. Sie war wirklich sehr wütend, seine Herrin, und ihm war klar, dass er diesen Zorn – in welcher Form auch immer − über sich ergehen lassen musste.
„Jade!“
Das Mädchen hinter dem Thron kam augenblicklich an ihre Seite. Sie war um einiges kleiner als Rubine; außerdem so zart, dass sie eher einer Porzellanpuppe ähnelte, denn einem Lebewesen. Ihre schwalbenschwarz-gold gesträhnten Haare fielen schwerelos über das lange, schlangengrüne Kleid. Um den Hals trug sie – wie sollte es auch anders sein − einen Jadestein.
Das war sie also: Jade, vor der die anderen ihn so gewarnt hatten; ein Kind, das eigentlich in die Obhut von Erzieherinnen gehörte. Sie sah so harmlos aus, so unschuldig, und doch sollte sie die schlimmste aller möglichen Strafen sein?! Unakit wollte nicht glauben, dass von ihr eine ernstzunehmende Gefahr ausging.
Mit freundlicher Stimme wandte sich Rubine an das zerbrechliche, scheue Geschöpf gleich neben ihr. „Geht es dir gut?“ fragte sie fast schon mütterlich. Ihr Gegenüber nickte zaghaft.
„Ich sehe aber“, entgegnete die Ältere besorgt, „dass du immer noch viel zu dünn bist, Liebes! Du musst bald zu Kräften kommen. Du weißt doch, dass wir in den Schlachten auf dich angewiesen sind.“
Jade richtete den Blick verlegen zu Boden, während Rubine ihr aufmunternd zu lächelte. „Wenn du nicht mehr zu dir nimmst, wird der Feind dich wegpusten. Ich habe dem Koch soeben befohlen, dir Kleehase mit Graukartoffeln zu kochen und erwarte, dass du deinen Teller artig leer isst.“
Die Kleine zuckte leicht zusammen, stimmte aber zu.
Anschließend nahm die rot Gekleidete den irritierten Besucher erneut ins Visier. „Und nun zu dir“, fauchte sie herzlos. „Ich habe dich kommen lassen, damit du erfährst, was passiert, wenn du mich ein zweites Mal so enttäuschst. Jade wird es dir zeigen!“
Unakit schauderte. Sollten die anderen am Ende etwa doch noch Recht behalten? Sollte dieses kleine, unwirkliche Ding allen Ernstes in der Lage sein, fürchterliches Unheil über ihn zu bringen? Eine lange Pause entstand, in der er spürte, wie ihm die Angst von hinten in den Nacken griff.
Auf Befehl der Fürstin trat Jade an ihn heran, um seine moosgrünen, sandmohngefleckten Augen ganz aus der Nähe zu fixieren. Er hatte nicht die geringste Ahnung, was sie von ihm wollte, bis ihre mambagrüne Iris mit einem Mal so hell erstrahlte, dass er seinen Blick nicht mehr abwenden konnte.
Er spürte ihre leuchtende Energie wie ein Gift in sich eindringen, …immer tiefer, …in jeden Winkel seines bleichen Körpers. Sie schien ihn zu zerschneiden, …bei lebendigem Leibe, …mit hundert Messern, …in tausend Scheiben; ...und er, …er konnte sich nicht rühren … konnte nicht mal schreien …war dieser furchtbaren Kraft völlig hilflos ausgeliefert. Er wollte weglaufen; konnte aber nicht. Er verlor jegliches Zeitgefühl. Er war außerstande festzustellen, wie lange seine Qualen dauerten − eine Ewigkeit, oder nur einen kurzen Moment?
Als die Lektion beendet war, begriff Unakit schlagartig, warum Jade so hoch in der Gunst seiner Herrin stand, …warum sie hier im Schloss sein durfte, …warum die anderen so große Ehrfurcht vor ihr hatten. Nur verschwommen hörte er, dass Rubine sie aus dem Saal schickte.
Erstaunlicherweise hatte er nicht mal einen Kratzer. Ziemlich undeutlich, wie durch einen Nebelschleier sah er die Fürstin lächeln. Auch er selbst schien zu lächeln; ganz gegen seinen Willen. Der Schock, unter dem er gerade noch gestanden hatte, schwand schon wieder dahin. Er konnte ihr nicht böse sein. Das konnte er nie.
„Ich weiß, dass du gerade eine äußerst schmerzhafte Erfahrung gemacht hast“, sagte sie ungerührt, wobei sie ihm einen Becher roten Weines reichte, „doch konnte ich nicht umhin, dich mit der wunderbaren Gabe meiner schwesterlichen Freundin vertraut zu machen. Du hast es verdient.“ Dann sah sie ihn wild entschlossen an. „Wenn du meine Befehle erneut missachtest, wird Jade dich vernichten!“
Nach dieser Drohung nahm er erst mal einen großen Schluck. Quarze hatte also Recht: Sie stellte Jade tatsächlich auf die Stufe einer Schwester!
„Nun, was hast du mir zu erzählen?“
Während Rubine mit langsamen Schritten zum Thron zurück ging, kam ihr schwarzer Schwan durch eines der offen stehenden Fenster herein. Ganz selbstverständlich landete er auf ihrem Arm, worauf sie ihm zärtlich über das glänzende Gefieder strich.
Natürlich, diesen vermaledeiten Vogel gab es ja auch noch! Unakit hatte ihn schon fast vergessen! Dieser atemberaubend schöne Schwan war es ja, den Rubine liebte. Er war der Einzige, dem sie wirklich vertraute. Um seinen langen, schwarzen Hals trug er den gleichen roten Stein wie sie.
Alle im Land wussten, dass sie sich niemals von ihm trennen würde. Sie hatte tagelang geweint, als er kürzlich mit einem Pfeil im Flügel zu ihr gebracht worden war.
Unter den Leuten wurde er „Schwarzer Schatten“ genannt, weil er ohne einen Laut auftauchen und genauso leise wieder verschwinden konnte. Angeblich war er auch schneller als die anderen Vögel. Man munkelte sogar, dass es ihm gelang, den Finsterwald mit einem einzigen Flügelschlag zu überqueren. Er wusste alles, was in der Umgebung des Schlosses geschah.
Rubine nannte ihn Nachtklang. Er war ihr Ein und Alles, ihr treuester Freund, ihr engster Verbündeter. Er aß von ihrem Teller und erhielt seine Fähigkeiten − genau wie sie − durch die Magie ihres Steines.
Oh, wie Unakit diesen Vogel hasste! Er glaubte nicht, dass es Eifersucht war, …oder doch? Eines stand jedenfalls fest: Rubine würde niemals ein anderes Wesen so freundlich und zuvorkommend behandeln wie ihn; kein anderes Wesen würde jemals so viel Macht besitzen wie er.
Mit einem hässlichen Grinsen im Gesicht ließ sich der schwarz Gefiederte zu ihrem Platz tragen, um sich dort in aller Seelenruhe auf dem Schoß seiner Gönnerin niederzulassen. Rubine lächelte aufmunternd. „Nun, du wolltest von deiner Mission erzählen.“ Unakit schwieg, die Augen auf den Schwan gerichtet. Dieser Mistkerl! Er hatte ihr von dem Raben erzählt…
„Unakit!“
Der scharfe Ton seiner Gebieterin ließ ihn zusammenzucken.
„Deine Mission… Was hast du erfahren?“ Ungeduldig schob sie das Kinn vor, so, wie Türkise es auch tat, wenn ihr etwas gegen den Strich ging.
Obwohl er sehr nervös war, nahm sich der Aufgeschreckte vor, die Fürstin während seiner Ausführungen anzuschauen, was ihm jedoch nicht gelang. Ihre Augen waren einfach viel zu rot – anthurienrot, weshalb er seinen Blick schnell wieder auf etwas anderes lenken musste. Umso mehr bemühte er sich um einen ruhigen, angenehmen Tonfall:
„ER hat vor wiederzukommen...“
Verzweifelt brach er ab. Ihm war schon klar, dass die Melodie seiner Worte zunächst für eine ganze Weile im Raum stehen bleiben würde. Erst als sie ganz leise in der Ferne verklang, zwang er sich, seinen Kopf zurückzudrehen, um nun doch noch in das ebenmäßige Antlitz seiner Herrin zu schauen. Wie würde sie auf diese Nachricht reagieren? Fürs Erste verzog sie keine Miene. Sie schien nachzudenken. Dann lachte sie kurz auf, so schrill und klar, dass es noch in seinen Ohren schallte, als es schon längst wieder still war.
„Das würde er nicht wagen, nach allem, was hier passiert ist. Nein! Er hat so viele traurige Erinnerungen an diese Welt…“
Da sie doch aufgeregter zu sein schien, als sie zugeben wollte, versuchte Unakit schnell, die Dinge ein wenig zu verharmlosen. „Wir werden schon mit ihm fertig“, antwortete er leise, „und mit den anderen auch.“
Ungeachtet seiner Bemühungen überzog Zornesröte ihre Wangen. „Und ob wir das werden! Schließlich bin ich stark genug, um mit einem alten Kauz zu kämpfen!“ Sie bebte am ganzen Körper.
„Natürlich seid Ihr das“, bestätigte er schnell. „Jedoch ist er diesmal nicht allein. Er bringt Verbündete aus der anderen Welt mit; seine Enkelinnen, von denen die jüngste eine besonders ausgefallene Gabe erhalten wird... Außerdem nehme ich an, dass Saphire sie beschützen wird…“ Er stockte, um ihre Reaktion auf den Namen der Schwester abzuwarten, wobei er inständig hoffte, sie nicht noch weiter in Rage gebracht zu haben.
Rubines Brauen zogen sich etwas zusammen. Sonst geschah erst mal nichts.
Also fuhr er fort: „Zu allem Überfluss sind auch die Tiere auf ihrer Seite. All die Verbannten, die Braunen und Bunten; jene, die von unseren Pfeilen verfehlt wurden… und auch die Verwundeten…“
Bei diesen Nachrichten begann die Wut auf ihren Wangen nun doch erneut zu glühen. „Es ist eine Schande, Saphire in der Familie zu haben!“, schrie sie ungehemmt. „Ihr Name beschmutzt unseren Stammbaum so sehr, dass ich ihn zerreißen würde, wenn ich könnte! Sie ist eine falsche Schlange, die sich vorgenommen hat, auf diesem Thron zu sitzen und mich dafür sogar umbringen würde.“
Ein langes Schweigen entstand.
Ja, genau so war es. Unakit wusste, dass sie Recht hatte. Saphire würde ihre Schwester umbringen und zwar bei der erstbesten Gelegenheit; doch wusste er auch, dass Saphire − mal abgesehen von Nachtklang − so ziemlich die Einzige war, die Rubines Gaben Stand halten konnte. Sie war ebenso stark wie seine Herrin und − wenn er es sich recht überlegte − auch genauso hübsch.
Achate kam herein. Ihre Haare loderten wie Feuer durch das schummrige Dämmerlicht des Thronsaals. Sie brachte etwas zu essen.
Mürrisch reichte sie ihm ein silbernes Tablett, auf dem sich eine Schale Feuermöhren und ein kleiner Teller mit Fisch befanden. Fisch…? War das hier denn überhaupt Fisch? Die schuppige Oberfläche dieses merkwürdigen Klumpens schimmerte grünlich-violett; das Fleisch eher bläulich. So was hatte Unakit noch nie gesehen.
Er warf Rubine einen fragenden Blick zu. „Nymphenfleisch“, erwiderte diese kaltherzig. „Manche von ihnen verirren sich in den Burggraben, und ich dulde sie dort nun mal nicht. Sie sind sehr schmackhaft, glaube mir.“
Erschrocken dachte er an den glitzernden Schwanz, den er in den schwarzen Wogen des Flusses gesehen hatte. Ihm wurde übel. Mit einer groben Bewegung drückte er Achate das Tablett wieder in die Hände. Er konnte beim besten Willen nichts davon essen.
„Nun, da du nicht hungrig bist, können wir ja gleich weitermachen“, stellte Rubine trocken fest. Sie trug ihm die Sache mit dem Essen nicht nach; es gab schließlich Wichtigeres. Erwartungsvoll sah sie ihn mit ihren rotglühenden Augen an.
Unakit atmete tief ein, ehe er weiter sprach. „Er wird bald hier sein… und er ist stärker, als Ihr ahnt.“
Unzufrieden runzelte Rubine die Stirn. „Du wiederholst dich, Unakit. Wie ich bereits sagte, wird es ihm niemals gelingen, in unsere Welt zurückzukehren.“ „Doch“, erwiderte ihr Gegenüber bestimmt, wobei jede Farbe aus seinem Gesicht wich. „Euer Spion hat im Lager der Gegner ein Mädchen gefunden; eine Blinde mit ausgeprägten Zukunftsvisionen. Sie hat davon gesprochen, dass er mit seinen Enkelinnen aus der Welt, in die sie geflohen sind, zurückkehrt.“
„Ach wirklich?“ Unruhe kam in ihre Stimme.
„Ja“, bekräftigte er zögernd. „Und das ist leider noch nicht alles!“
Spürbar gereizt bohrte sich ihre vor Aufregung zitternde Iris in seine. Sie glitzerte so stechend, dass er sich am liebsten zusammengekauert hätte. „Was gibt es denn sonst noch?“, fragte sie lauernd.
„Ihr müsst wissen, meine Herrin“, erklärte Unakit ausweichend, „dass die Auskünfte des Mädchens nicht leicht zu verstehen sind. Eurer Spion musste sich an ihren Freund halten, um das, was sie erzählte, halbwegs deuten zu können...“
„Nun sprich schon!“, fuhr sie ihn aufgebracht an. „Du weißt es doch, oder?“
In seiner Not nahm er sich vor, es so schnell wie möglich hinter sich zu bringen, auch auf die Gefahr hin, dass sie ihm in blinder Raserei seinen Stein wegnahm oder Jade herbeirief.
„Sie hat das Mädchen mit den singenden Klingen gesehen.“
Nun war es endlich heraus. Mit angehaltenem Atem wartete er auf das, was passieren würde.
„Du meinst“, flüsterte sie leise, fast ehrfürchtig, „das Mädchen aus dem alten Lied? Die Hüterin der Gerechtigkeit und des Friedens?“
„Ja“, gab er mit gesenkten Lidern zurück. Dann wartete er wieder. Es blieb still.
Mit aller Kraft suchte Rubine in ihrem Gedächtnis nach den Worten des alten Wiegenliedes. „Nun“, sagte sie schließlich mit einem gequälten Lächeln auf den Lippen, „dann bereiten wir ihnen einen gebührenden Empfang.“
Eine große Last fiel von ihm ab. Sie schien ihn noch zu brauchen. „Wie Ihr wünscht, meine Fürstin“, erwiderte er schnell. „Sie werden den Empfang bekommen, den sie verdienen.“
Je länger man vor der Tür zögert,
desto fremder wird man.
Franz Kafka
Es regnete. Und wie es regnete! Dicke Tropfen klatschten auf die Straße, und es schien nicht aufhören zu wollen.
Emily mochte den Regen. Sie konnte ihn nur dann nicht leiden, wenn sie – wie heute − ohne entsprechende Kleidung hindurch laufen musste.
Haare, Jacke und Schuhe waren schon triefend nass! Wenn ihre Schulbücher nicht auch noch aufweichen sollten, musste sie jetzt endlich nach einem Unterschlupf suchen. Missmutig sah sie sich um.
An der nächsten Straßenecke befand sich eine große Bücherei, in der sie schon öfters ausgeliehen hatte. Was für ein Glück! Sie beschloss hineinzugehen, um drinnen so lange zu warten, bis der Wolkenbruch vorüber war.
Das Gebäude sah alt und etwas heruntergekommen aus; der Putz bröckelte schon von der Fassade. Dennoch handelte es sich − zumindest Emilys Meinung nach – um die beste Bibliothek in der Stadt. Langsam öffnete sie die Tür und trat ein.
Die Wände des riesigen, hell erleuchteten Saales waren mit Holz vertäfelt. Man konnte ihn nur schwer überschauen, da er von unzähligen Stellagen in einzelne Bereiche aufgeteilt wurde. So gab es eine Ecke für Kinderbücher, eine für Belletristik, eine andere für Sachbücher und so weiter. Zwischen den Regalen befanden sich gemütliche Tischgruppen für Leser, die Zeit zum Schmökern mitbrachten.
Direkt neben der Eingangstür hing ein alter Spiegel mit verschnörkeltem, staubigem Rahmen. Er reichte bis zum Boden. Emily konnte nicht anders; sie musste mit den Fingern über die kunstvollen Schnitzereien streichen. Sie spürte die Hebungen und Senkungen des Holzes; die Kratzer in der Oberfläche. Nach und nach zeichnete sich eine Spur im grauen, pelzigen Belag ab.
Gedankenverloren ließ sie die Hand sinken, um ihr Spiegelbild zu betrachten: den Körper eines zierlichen, vierzehnjährigen Mädchens mit hüftlangem, rabenschwarzem Haar, welches sich von den Schultern an leicht wellte.
Dieses Mädchen hatte ein schlankes, spitz zulaufendes Gesicht, dessen Haut so bleich war, dass sie fast weiß wirkte. In der Mitte seines farblosen Antlitzes befand sich eine gerade, schmale Nase; darunter ein voller Mund mit fest zusammengepressten Lippen. Es trug − diesem grauen Wetter zum Trotz − eine undurchsichtige, dunkle Sonnenbrille.
Je länger Emily darüber nachdachte, desto weniger erinnerte sie sich daran, ob jemals ein Fremder − jemand außer Patrick und Tamara − die unverfälschte Farbe ihrer Iris gesehen hatte.
Seit frühester Kindheit versteckte sie diese Augen nun schon hinter schwarzen Gläsern.
Sie waren so ungewöhnlich, dass sie sich dafür schämte.
Von Weitem schimmerten sie einfarbig violett, was ja schon schlimm genug war; aus der Nähe betrachtet sah man zu allem Überfluss dann aber auch noch goldgelbe Schatten.
Solche Augen hatte wirklich niemand außer ihr! Sie waren schrecklich!
Es gefiel Emily auch nicht, wie sie aus ihrem Gesicht hervorleuchteten. Hin und wieder glaubte sie sogar, ein unheimliches, feuriges Glühen zu bemerken. Nun, es war wirklich besser, wenn sie ihren Mitmenschen diesen Anblick ersparte!
In der Schule hielt man Emily für ziemlich eigenwillig, weil sie selbst bei geschlossener Wolkendecke − ja sogar im Klassenzimmer − eine Sonnenbrille trug; doch das störte sie nicht. Es ist wegen einer Augenkrankheit, gab sie für gewöhnlich zur Antwort, wenn sie darauf angesprochen wurde.
Natürlich war sie eine Außenseiterin. Sie war die Komische, mit der uncoolen Brille, den Hippie-Flower-Power-Klamotten und den guten Noten. Die anderen hielten gezielt Abstand und wechselten nur selten ein Wort mit ihr.
Wenn es Emily auch etwas traurig stimmte, dass sie keine Freundinnen hatte, brachte dieser Umstand doch durchaus seine Vorteile mit sich. So fand wenigstens niemand ihr Geheimnis heraus.
Heute hatte sie ein gelb-rot bedrucktes T-Shirt an; dazu eine blaue Jeans mit breitem Gürtel. Ihre Füße steckten in weißen, flachen Lederstiefeln.
Langsam wanderte ihr Blick wieder zum Kopf zurück; genauer gesagt zu den Ohren, die nach oben hin ungewöhnlich spitz zuliefen.
Vorsichtig versuchte sie, diese merkwürdigen Verwachsungen unter den Haaren zu verstecken; es ging aber nicht. Sie ragten immer wieder heraus, so wie bei Elben oder anderen fremdartigen, außerirdischen Wesen!
Emily glaubte, dass es sich − genau wie bei den Augen − um eine Missbildung handelte.
Das glaubten auch Patrick und Tamara.
Sie waren Mediziner im städtischen Krankenhaus und wohnten zusammen mit ihr in einem kleinen Vorort ganz in der Nähe.
Wenn Emily krank war, wurde sie ausschließlich von ihnen behandelt. Sie durfte auf gar keinen Fall zu fremden Ärzten gehen. Das lag wohl an ihrem Blut. Irgendetwas stimmte damit nicht. Genauer hatten ihre Adoptiveltern es nicht erklärt. Sie erinnerte sich nur dunkel daran, dass sie als Kind an einer Treppenstufe hängen geblieben und hingefallen war. Ihre Wunde hatte damals irgendwie... anders ausgesehen; was angeblich auch der Grund dafür war, dass sie keinen Sport machen durfte; noch nicht mal in der Schule.
Nachdenklich ließ sie für einen kurzen Moment die Brille sinken, sodass sie ihre Augen betrachten konnte. Ja, sie waren immer noch violett, und hatten auch immer noch diese furchtbaren goldfarbenen Flecken!
Genau in diesem Augenblick wurde sie von einer angenehmen, leisen Stimme aus ihren Gedanken gerissen.
„Verzeihung, aber du heißt Emily oder?“
Schnell drückte sie die dunklen Gläser wieder auf die Nase und drehte sich um. Sie hoffte inständig, dass − wer auch immer gerade hinter ihr stand − diese seltsame Iris nicht gesehen hatte.
Es war ein greiser Mann mit sterndoldenweißen, zum Nacken hin etwas längeren Haaren. Er zählte vielleicht sechzig oder siebzig Jahre, wirkte aber kein bisschen gebrechlich – ganz im Gegenteil!
Seine erstaunlich kräftige Figur war in der für Senioren viel zu sportlichen, kieselfarbenen Lederweste gut zu erkennen; ebenso wie seine muskulösen Unterarme, die entblößt aus dem schildflechtengrauen Hemd herausragten. Da es am Kragen ein wenig offen stand, fiel sein ausgefallenes Halsband mit dem graphit-weiß gepunkteten Steinanhänger sofort ins Auge. Wirklich ein seltsames Schmuckstück für Leute in diesem Alter, dachte Emily kopfschüttelnd. Ob es sich hier um einen Edelstein handelte? Schade, dass sie ihn nicht genauer untersuchen konnte, ohne näher an ihn heranzutreten.
Neugierig schaute sie weiter nach unten.
Die Beine ihres Gegenübers steckten in einer langen Hose aus dickem, altmodischem Stoff, der je nach Lichteinfall in den verschiedensten Grautönen schimmerte.
Seine harten, groben Schuhe, um die sich inzwischen eine kleine Pfütze gebildet hatte, schienen riesig zu sein − um einiges größer als die von Patrick.
Obwohl der Alte etwas blass, vielleicht auch krank aussah, zeigte seine Haut nur wenig Falten; genau genommen nur ein paar Krähenfüße, die sich ganz zaghaft in beide Schläfen gegraben hatten.
Er trug eine schmucklose Sehhilfe; ein billiges Modell aus dem Supermarkt, das kein bisschen zum Rest der sonst doch eher außergewöhnlichen Gestalt passen wollte.
Emilys Blick glitt über seine Augen. Sie stutzte. Die Iris dieses betagten Mannes sah zwar anders aus als ihre, schien aber mindestens genauso merkwürdig zu sein. In ihrem dunklen Renkengrau glitzerten siebensternweiße Punkte, die an vereinzelte Schneeflocken auf gefrorenem Asphalt erinnerten. Sie glich – bei näherer Betrachtung − tatsächlich dem Stein um seinen Hals!
Die Stimme des Unbekannten war freundlich; sein Mund zu einem Lächeln gespannt, als er sich erneut an sie wandte: „Du kannst deine Brille ruhig unten lassen, ich habe sie schon gesehen.“
Emily erstarrte. Wie dumm von ihr, die Brille abgesetzt zu haben! Jetzt wusste jemand über ihre Augen Bescheid; jemand, den sie gar nicht kannte. „Wer sind Sie denn?“, fragte sie aufgeregt, am ganzen Körper zitternd. Hoffentlich merkte er das nicht!
„Natürlich, wie töricht von mir, mich nicht vorzustellen: Prof. Dr. Proges“, entschuldigte er sich, während er ihr die Hand entgegenstreckte. „Ich habe dich schon ein paar Mal in dieser Bibliothek gesehen.“
„Ich habe Sie noch nie gesehen“, erwiderte Emily ohne einzuschlagen. Sie kniff die Brauen zusammen. Hier gingen doch so viele Leute ein und aus, dass man sich die einzelnen Gesichter unmöglich merken konnte. Ob sie ihm wegen der dunklen Gläser in Erinnerung geblieben war?
„Ich komme oft hierher“, fuhr der Professor fort, während er sie aufmerksam betrachtete.
„Nirgendwo sonst gibt es ein so gutes Sortiment über Pferdezucht.“ „Sie interessieren sich für Pferde?“
Natürlich wusste Emily, dass es auch männliche Pferdeliebhaber gab; getroffen hatte sie aber noch keinen. Die Jungen in ihrer Schule interessierten sich nicht im Geringsten für diese wunderschönen Tiere; ganz im Gegensatz zu den Mädchen.
Die meisten ihrer Klassenkameradinnen waren mit kitschigen Pferderomanen wie Mona reitet ins Glück oder Ferien auf dem Ponyhof groß geworden und hatten von ihren Eltern längst die Mitgliedschaft in einem Club erbettelt.
Sie selber würde – so, wie es im Moment aussah − wohl niemals eine Reiterlaubnis bekommen. Ihr fortwährendes Bitten und Jammern war ohne jeden Verhandlungsspielraum an Patrick und Tamara abgeprallt. Ihre Adoptiveltern, die sonst in den meisten Punkten sehr nachgiebig waren, ließen sich bei allem, was ein erhöhtes Verletzungsrisiko mit sich brachte, einfach nicht erweichen.
„Ja“, antwortete Proges breit lächelnd, „ich habe ein eigenes Gestüt. Da muss man sich wohl für Pferde interessieren, oder?“ Emily nickte zaghaft.
Abgesehen davon, dass dieser sonderbare, alte Kauz mit den komischen Augen ganz sympathisch zu sein schien, fühlte sie sich in seiner Gegenwart doch ein wenig unbehaglich. Sie hatte den Eindruck, dass hier irgendwas faul war.
Angestrengt versuchte sie, ihre Gedanken zu ordnen, wobei sie das, was er gesagt hatte, noch einmal genau durchging. Richtig! Da war es ja, was sie störte! Er hatte sie mit ihrem Namen angesprochen! Woher wusste er denn überhaupt, dass sie Emily hieß, wenn er sie doch angeblich nur vom Sehen her kannte?
„Warum haben Sie mich gerade Emily genannt?“, brach es dann auch gleich aus ihr heraus. Diese Entdeckung hatte sie jetzt erst recht verunsichert.
„Weil ich deinen Namen kenne“, antwortete der Professor freundlich, aber bestimmt.
Der Schwarzgelockten lief ein Schauer über den Rücken. Die Selbstverständlichkeit, mit der er über diese Sache sprach, verriet, dass er noch mehr von ihr wusste! Ängstlich wich sie zurück, um aus sicherer Entfernung genauer nachzufragen: „Wie meinen Sie das denn?“
„Nun, du bist adoptiert, nicht wahr?“
Emilys Gesicht wurde aschfahl. Dieser unheimliche Alte hatte in ihrem Leben herumgeschnüffelt; daran gab es jetzt keinen Zweifel mehr! Woher sollte er sonst wissen, dass… Sie hatte es ja niemandem verraten; nicht mal ihren Mitschülern. Wenn sie nach ihren Eltern gefragt wurde, erzählte sie immer von Patrick und Tamara, von der Arbeit im Krankenhaus und ihrem ganz alltäglichen Familienleben.
Ihre leibliche Mutter und ihr leiblicher Vater konnten ihr gestohlen bleiben. Die Tatsache, dass sie ihr Kind nicht bei sich haben wollten, hatte sie als Eltern schon vor Jahren disqualifiziert. Außerdem wollte Emily auch nicht, dass sich die beiden durch das dumme Geschwätz eines Fremden urplötzlich wieder in ihre Gedanken drängten…
Woher sie wohl diese schwarzen Haare hatte… und diese seltsamen Augen?
Als der Professor ihr nachdenkliches Gesicht sah, schmunzelte er still von sich hin. Ihre Verwirrung schien ihm zu gefallen.
Misstrauisch schaute die in sich Versunkene zu ihm hinüber. Wieso hatte er sie eigentlich an ihre Adoption erinnert? Wollte er ihre schöne, heile Welt ins Wanken bringen? Nicht doch! Das konnte sie auf gar keinen Fall zulassen. Sie musste diesen aufdringlichen Kerl unbedingt wieder loswerden, weshalb sie kurzerhand beschloss, ihn mit Hilfe einer kleinen Notlüge in die Flucht zu schlagen.
