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Wer kann schon sagen, wie ein Mensch im Augenblick des Todes empfindet? Noch dazu, wenn es ein gewaltsamer Tod ist. Fühlt man, wie das Leben den Körper verlässt? Freiwillig möchte sicherlich niemand diese Erfahrung machen, denn angenehm wird sie kaum sein.
Auch Mrs. Evans, eine Lehrerin aus Roanoke, Virginia, war nicht darauf erpicht, den Selbstmord eines Mannes aus der Nachbarschaft mitzuerleben. Genauso wenig wie den tödlichen Unfall eines Halbstarken, der die Kontrolle über seinen Wagen verlor, gegen einen Baum prallte und vom Lenkrad zerquetscht wurde. Aber die Visionen überfielen sie im Schlaf - und sie waren alles andere als bloße Träume!
Die Ärzte schenkten ihren Klagen wenig Beachtung. Und das war ein Fehler. Denn Mrs. Evans blieb nicht die einzige, der diese außergewöhnlichen Erfahrungen zuteilwurden ...
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Seitenzahl: 144
Veröffentlichungsjahr: 2022
Cover
Traumtod
UFO-Archiv
Vorschau
Impressum
Lars Urban
Traumtod
239 Lincoln Avenue, App. 307
Roanoke, Virginia, 13. Juni 2022, 02:25 Uhr
Mit zitternden Händen goss sich Ethan Walker den Rest des teuren Brandys in ein Glas und trank mit gierigen Schlucken. Dann befeuchtete er die Ränder des Briefumschlags mit der Zunge und verschloss das Kuvert. »Becky« war das einzige Wort, das er auf die Vorderseite schrieb. Er platzierte den Umschlag direkt neben dem Telefon.
Kurz darauf trat er zur Eingangstür der Wohnung und zog sämtliche Riegel beiseite. Dann hängte er seine Jacke sorgfältig auf einen Kleiderbügel an der Garderobe. Die leere Brandyflasche warf er in den Müllschlucker, sein benutztes Glas verstaute er in der Geschirrspülmaschine. Schließlich schaltete er in der gesamten Wohnung das Licht aus.
Die Zufriedenheit, die ihn erfüllte, war ganz besonderer Art. Alles war vorbereitet. Nun konnte der Tod kommen ...
Er fand den Weg ins Badezimmer problemlos im Dunkeln. Wenige Sekunden später flackerte dort die nicht mehr ganz intakte Energiesparlampe auf und ließ die Kacheln an den Wänden noch farbloser erscheinen, als sie es in Wirklichkeit schon waren.
Schwer atmend stützte sich Ethan auf den Rand des Waschbeckens. Ein kurzer Blick in den Spiegel genügte, um zu bestätigen, dass die letzten sechsunddreißig Stunden ihre tiefen Spuren in seinem Gesicht hinterlassen hatten. Er kühlte seine heiße Stirn mit etwas Wasser. Während er sich mit einem blauen Handtuch abtrocknete, starrte er wie hypnotisiert auf die Rohre der Wasserleitung, die an der Decke quer durch den Raum verliefen.
Der Mann löste seine Krawatte und öffnete die beiden oberen Knöpfe des Markenhemdes. Mit wenigen Griffen hatte er aus dem Seidenbinder eine Schlinge geknotet, die er an einem der Leitungsrohre befestigte, während er auf dem Rand der Badewanne balancierte.
Nach kurzem Zögern schob er sich die Schlinge über den Kopf und zog den Knoten in seinem Nacken straff zusammen. Jede weitere Entscheidung wurde ihm abgenommen, da er auf der sauber polierten Beschichtung der Wanne ausglitt und mit seinem vollen Gewicht in den seidenen Strick stürzte.
Seine Füße traten im Todeskampf eine Flasche edlen Eau de Toilettes von einem Regal, und er roch noch den schweren, herben Duft, bevor es endgültig dunkel um ihn herum wurde.
102 Mountain View Drive
Roanoke, Virginia, 13. Juni 2022, 02:39 Uhr
Mit einem erstickten Schrei fuhr Susan Evans aus dem Schlaf hoch. Mit einer Hand griff sich die 35-jährige Lehrerin an die Kehle, während sie mit der anderen nach dem Schalter ihrer Nachttischlampe tastete. Das aufflammende Licht konnte das Grauen ihres Albtraums nur oberflächlich vertreiben. Zu tief saß der Schrecken.
Gierig sog sie Luft in ihre Lungen. Sogar das ausgeleierte Kragenbündchen ihres T-Shirts schien sie momentan zu beengen. Schweißgebadet und stöhnend setzte sie sich im Bett auf. Langsam kam sie wieder zu Atem, und auch ihr Pulsschlag hämmerte nicht mehr so dröhnend in ihren Schläfen.
Susan schüttelte den Kopf, um die letzten Schleier ihres Traums aus dem Schädel zu verdrängen. Ihre trockene Kehle verlangte nach einem Schluck Wasser. Sie kletterte aus dem Bett und schwankte in Richtung des Badezimmers. Sie hielt die Lippen unter den Wasserhahn und stillte ihren Durst in großen Zügen.
Noch immer saß ihr der Schrecken tief in den Gliedern. Einen solchen Traum hatte sie noch nie zuvor gehabt; alles war so real und intensiv gewesen, als würde sie das Geschehen tatsächlich erleben.
Susan betrachtete sich prüfend im Spiegel, als erwartete sie, dass sich wirklich Würgemale an ihrer Kehle gebildet hätten. Mit einer gewissen Erleichterung strich sie sich über ihre unversehrte Haut. Dann wanderte ihr Blick zur Badezimmerdecke.
Nun mach dich nicht lächerlich!, dachte sie. Warum suchst du nach Leitungsrohren, wenn du genau weißt, dass keine da sind?
Eine Viertelstunde später verkroch sie sich wieder in ihrem Bett, obwohl ihr klar war, dass sie in dieser Nacht keinen Schlaf mehr finden würde.
Twain High-School
Roanoke, Virginia, 13. Juni 2022, 11:29 Uhr
»Bis Freitag löst ihr bitte die Aufgaben von Seite 143 bis 147.« Susan stand vor ihrer Klasse und verlas rituell zum Unterrichtsende die zu erledigenden Hausaufgaben. 23 Augenpaare starrten sie ungläubig an. »Wirklich alle?«, kam eine Stimme aus den hinteren Reihen.
Verwirrt blätterte Susan in ihrem Buch. »Natürlich nicht.« Sie lächelte entschuldigend. »Ich habe nur die Textaufgaben gemeint.« Ein erleichtertes Seufzen war im Raum zu hören.
Susan ging zurück zu ihrem Pult und ließ sich schwer auf den Stuhl fallen. Das Schrillen der Pausenglocke kam wie eine Erlösung. Die Ereignisse der vergangenen Nacht lasteten noch immer schwer auf ihr. Müde vergrub sie das Gesicht in ihren Händen.
Als sie wieder aufblickte, merkte sie, dass sie nicht allein im Klassenzimmer war. Ein Mädchen war nicht seinen Mitschülern nach draußen gefolgt, sondern hatte sich vor ihrem Tisch aufgebaut.
»Kristy?« Susan setzte sich gerade auf. »Was gibt es denn noch?«
Das Mädchen fixierte seine Lehrerin mit starrem Blick, ehe es zu reden begann. »Ich wollte wissen, ob Sie es sich noch einmal überlegt haben.« Die Stimme glich einem Flüstern. »Mit der Note, meine ich.«
»Wir haben uns doch bereits ausführlich darüber unterhalten, Kristy. Da gibt es nichts zu überlegen.« Susan zwang sich dazu, nicht entnervt zu klingen. »Schließlich habe ich dich beim Mogeln ertappt, da kann ich dir keine bessere Note geben.«
»Aber warum bin ich die Einzige, die eine schlechte Note bekommt?«, fragte das Mädchen trotzig. »Vielleicht hat ja jemand anderes von mir abgeschrieben.«
Susan wurde energischer. »Kristy, ich habe dich mitten in der Klausur erwischt, als deine Nase regelrecht über dem Blatt von Sarah hing. Es war mehr als deutlich, wer von wem abgeschrieben hat.« Susan schloss ihre Mappe, die vor ihr auf dem Pult lag. »Und jetzt musst du die Konsequenzen für dein Verhalten auch selbst tragen.«
»Aber das ist ungerecht!« Wütend stampfte die Dreizehnjährige mit dem Fuß auf den Boden.
»Kristy«, gab Susan zurück und sandte ihrer Schülerin einen warnenden Blick zu, »die Diskussion ist damit beendet. Ein für alle Mal ...«
»Das ist trotzdem ungerecht.« Kristy kämpfte mit den Tränen und beeilte sich, aus dem Klassenzimmer zu kommen. An der Tür blieb sie noch einmal einen Moment stehen und drehte sich langsam zu ihrer Lehrerin um. In ihren Augen glitzerte es feucht. »Und die Folgen werden Sie genauso tragen müssen.«
Bevor Susan auch nur die Chance zu einer Antwort hatte, war Kristy verschwunden. Verwundert blickte ihr Susan hinterher.
Das ist genau das, was ich heute gebrauchen kann, seufzte sie innerlich. Nachts Albträume wie aus einem Horrorfilm, und am Tag zickige Schülerinnen, die sich ungerecht behandelt fühlen. Susan blickte auf ihre Uhr. In wenigen Stunden würde sie den Tag hinter sich gebracht haben. Und dann konnte sie sich erst einmal erholen. Schließlich waren der Dienstag und Mittwoch immer ihre freien Tage in der Woche.
Das hob ihre Stimmung ein wenig.
Susan Evans konnte schließlich nicht ahnen, dass ihr ganz persönlicher Horror gerade erst begonnen hatte ...
102 Mountain View Drive
Roanoke, Virginia, 14. Juni 2022, 09:05 Uhr
Susan fischte die Zeitung aus dem Rosenbusch. Der Zeitungsjunge hatte es sich zur Gewohnheit werden lassen, seine Fracht dort zu versenken. Bei der Rückkehr in ihr Haus schwor sich Susan, das Weihnachtstrinkgeld des Knaben diesmal längst nicht so fürstlich ausfallen zu lassen wie in den vergangenen Jahren.
Sie setzte sich an den Küchentisch und nippte an ihrem Becher mit schwarzem Kaffee, der mittlerweile schon ein wenig ausgekühlt war. Sie fühlte sich fantastisch heute Morgen. Sie war am vergangenen Abend früh zu Bett gegangen – Kenneth hatte sehr verständnisvoll reagiert, als sie ihre Verabredung telefonisch absagte – und hatte dann die gesamte Nacht fest durchgeschlafen. Nun fühlte sie sich erholt und gestärkt. Das Grauen des Albtraums schien ihr unendlich weit entfernt.
Susan entfaltete die Zeitung und musste dabei lächeln: Im Roanoke Herald wurden die internationalen Ereignisse nur kurz auf der Titelseite abgehandelt, während sich die lokale Berichterstattung auf sechs Doppelseiten breit machte. Sie überflog die Überschriften, als plötzlich ihr Blick auf einem Bild hängenblieb.
Ein gepflegter Mann war darauf zu sehen, Susan schätzte ihn auf Mitte vierzig, der freundlich in die Kamera blickte. Susan war sich sicher, dass sie diesen Mann schon einmal gesehen hatte; sie konnte sich bloß nicht daran erinnern, wo. War es vielleicht der Vater einer ihrer Schüler? Sie schüttelte den Kopf und wollte schon weiterblättern, als die Erinnerung sie wie ein Blitz traf.
Fassungslos starrte sie auf das Foto. Dieses Gesicht hatte ihr aus dem Spiegel entgegengeblickt – während ihres Albtraums!
Vor Schreck ließ Susan ihren Becher mit Kaffee fallen, und das lauwarme Gebräu ergoss sich über die Zeitung. Mit der Hand wischte sie über die Seite, ohne darauf zu achten, dass die braune Flüssigkeit mittlerweile schon die Tischkante erreicht hatte und nun auf den Boden tropfte.
Nach kurzer Suche fand Susan den Artikel, zu dem das Foto gehörte. Selbstmord im Badezimmer, lautete die Überschrift. Und weiter: Als Rebecca Salinger (41) am gestrigen Tage von einem Besuch bei ihrer Mutter in Baltimore zurückkehrte, machte sie in ihrem Badezimmer eine schreckliche Entdeckung. Ihr Ehemann Martin Salinger (46, Foto) hatte sich dort mit einer Krawatte an einem Wasserrohr erhängt.
Da vor Ort ein Abschiedsbrief gefunden wurde, dessen Authentizität von der Polizei nicht angezweifelt wird, muss von einem Freitod ausgegangen werden. Fremdeinwirkungen können, laut Polizeibericht, ausgeschlossen werden. Nach dem medizinischen Gutachten muss sich der Zwischenfall zwischen 2:00 und 3:00 Uhr in den frühen Morgenstunden des 13. Juni ereignet haben. Ein klares Motiv wurde noch nicht bekanntgegeben; man spricht allerdings von finanziellen Unregelmäßigkeiten in der Firma von ...
Susan ließ die Zeitung sinken.
»Das kann unmöglich wahr sein!« Sie fuhr sich mit der Hand durchs blonde, halblange Haar, während sie den Artikel wieder und wieder las. Jedes Detail ihres Traums stand ihr plötzlich erneut klar vor Augen: die schreckliche Angst, das grauenvolle Gefühl des Erstickens, als sich die Schlinge um ihre Kehle immer fester zuzog ...
Susan sprang so heftig von ihrem Platz auf, dass der Stuhl umkippte und mit einem lauten Poltern gegen die Spülmaschine fiel. Das Geräusch ließ sie wieder in die Realität zurückkehren. Dann griff sie in die Hosentasche, holte das Smartphone hervor und wählte Kenneth' Nummer.
»Bitte sei noch da ... bitte sei noch da«, murmelte sie beschwörend. Erschöpft ließ sie sich in die Hocke gleiten, als die Mailbox losging.
Apollo Cinema Center
Roanoke, Virginia, 15. Juni 2022, 22:10 Uhr
»Ich bin froh, dass du endlich wieder einmal gelacht hast.« Kenneth White hielt Susans Hand, als sie aus dem Kinogebäude hinaus in die kühle Nacht traten. »Du hast in den letzten drei Tagen nicht besonders gut ausgesehen. Ich habe mir wirklich Gedanken gemacht.«
»Vielen Dank für das Kompliment.« Susan entfernte einen Popcornkrümel von seinen Kragen. »Aber zum Glück fand der allwissende Dr. White ein hervorragendes Mittel gegen meine Depressionen: den lustigen Film THE BOSS BABY: FAMILY BUSINESS.«
»Diese Medizin hat ihre Wirkung noch nie verfehlt«, lachte Kenneth. »Hoffentlich hast du deine Spinnereien nun endlich aus dem Kopf.« Sie machten sich zu Fuß auf den Weg zu ihrem Lieblingsrestaurant, das nur wenige Blocks vom Kino entfernt lag.
»Das sind keine Spinnereien.« Susan blickte ihn ernst an. »Das war alles so real. Und jede Kleinigkeit stimmte mit dem Zeitungsbericht überein.«
»Wie oft soll ich dir denn noch sagen, dass du dir das nur einbildest?« Kenneth blieb stehen und fasste sie bei der Schulter. »Gut, du hattest einen Traum, der dich sehr verwirrt hat. Und am nächsten Tag findest du zufällig einen Artikel in diesem Käseblatt, der eine ähnliche Situation beschreibt. Mit deiner überschäumenden Fantasie reimst du dir dann irgendetwas zusammen, bis du beinahe die Nerven verlierst. Du redest dir die Sache mit den Details nur ein, Susan. Du weißt doch ganz genau, wie schnell man Träume wieder vergisst.«
»Diesen nicht.« Susan machte sich von ihm los und ging schnellen Schrittes davon. Kenneth holte sie wieder ein. Wortlos liefen sie nebeneinanderher.
»Entschuldige bitte, ich wollte dich nicht verletzen.« Ken hielt das Schweigen nicht länger aus. »Ich wollte nur verhindern, dass du dich in etwas hineinsteigerst.«
»Schon gut.« Susan klang versöhnlich. »Mir ist es auch am liebsten, wenn wir den ganzen Mist so schnell wie möglich vergessen.«
Die kleine Versöhnung wurde mit einem Kuss besiegelt. Susan hakte sich bei Ken ein, während sie weiterschlenderten. »Einen Augenblick bitte ...« Susan steuerte auf ein hellerleuchtetes Schaufenster zu. »Diese Jacke in der Auslage will ich mir mal genauer ansehen.« Sie machte sich von Kens Arm los und näherte sich der Scheibe.
Ken kramte umständlich in den Tiefen seiner Jackentaschen, bis er schließlich die Schachtel mit den Zigaretten und das Feuerzeug gefunden hatte. Trotz des heftigen Windes, der die kleine Flamme immer wieder niederdrückte, gelang es ihm letztendlich doch, eine Glut an der Spitze seiner Zigarette zu entfachen.
»Wo bleibst du denn?« Er blies eine kleine Qualmwolke in die Luft. »Du kannst dich wohl nicht von dem edlen Modell losreißen?« Er folgte Susan zum Schaufenster und tippte ihr neckend mit einem Finger auf die Schulter.
Susan kippte ein wenig nach vorne, bis ihre Stirn sanft das Glas der Scheibe berührte. Kenneth konnte erkennen, dass sie ihre Augen geschlossen hatte. Dann versagten ihre Beine, und sie rutschte langsam zu Boden.
»Susan? Susan!« Ken gelang es im letzten Augenblick, sie an den Armen zu fassen und so den Aufprall abzumildern. »Was ist denn los? Kannst du mich verstehen?«
Er kniete neben ihr, als plötzlich wieder Leben in ihren reglosen Körper kam. Sie begann wild mit den Armen vor ihrer Brust herumzufuchteln, die Augen immer noch geschlossen.
»Dieser blöde Idiot«, presste sie zwischen den Zähnen hervor, »den sollte man ... Verdammt, ich kann ihn nicht mehr halten ...« Ihre Hände vollführten Kreisbewegungen. »... verdammter Mist ... O mein Gott! NEIN!!!« Ein entsetzter Schrei drang aus ihrer Kehle, ihr Oberkörper bäumte sich auf, dann sank sie leblos zurück. Hilfesuchend blickte sich Kenneth auf der leeren Straße um.
State Route No. 311
Jefferson National Forrest, Virginia,15. Juni 2022, 22:13 Uhr
»Lass das, Rick.« Energisch schob Darleen Nimoy die Hand auf ihrem Knie beiseite. »Nicht während des Fahrens ...«
»Nun hab dich doch nicht so.« Rick Cook grinste seine Freundin an. »Wenn sich mein geliebter Bruder Roger schon einmal dazu herabgelassen hat, uns seinen verhätschelten fahrbaren Untersatz zur Verfügung zu stellen, müssen wir das auch ausnutzen.«
»Da widerspreche ich dir ja auch gar nicht.« Darleen hatte längst schon eigene Pläne zur weiteren Gestaltung des Abends gemacht. »Aber schließlich gibt es hier auch wunderschöne einsame Parkplätze.«
»Wow!« Rick warf in Vorfreude auf die kommenden Dinge den Kopf in den Nacken. Dann begann er im Ablagefach zwischen den beiden Sitzen nach dem Ladekabel zu wühlen, um sein Smartphone an das Radio des PKWs anzuschließen. »Roger hat gesagt, dass er neue Boxen in seinen Wagen gebaut hat. Mal sehen, was die so bringen.«
Dann wählte er auf seinem Mobiltelefon einen Song aus. Zwei Sekunden später fuhr jeder Trommelschlag aus den Lautsprechern direkt in ihre Magengruben.
»Meint dieser Depp denn, er sei allein auf der Straße?« Rick hantierte an seinem Rückspiegel herum. »Der hat Lichter an seiner Karre, als wollte er ein komplettes Footballstadion ausleuchten.« Geblendet kniff er die Augen zusammen.
Ein silbergrauer SUV näherte sich ihnen mit hoher Geschwindigkeit von hinten. Er schloss bis zur Stoßstange des Lincoln der beiden Teenager auf. Ungeduldig hupte der Fahrer; nervös pendelte das Fahrzeug hin und her.
»Dieser blöde Idiot!« Rick tippte sich an die Stirn. »Den sollte man ...«
Weiter kam er nicht. Der Fahrer des SUVs hatte auf der engen Straße zum Überholen angesetzt. Dicht zog er am Lincoln des Pärchens vorbei – und scherte wieder zurück auf die Fahrspur, noch bevor er das Auto gänzlich passiert hatte.
Rick trat auf die Bremse und riss das Steuer nach rechts. Ein Vorderrad holperte über den unbefestigten Seitenstreifen.
»Rick!« Entsetzt schrie Darleen den Namen ihres Freundes.
Der versuchte verzweifelt gegenzulenken. Der Lincoln verweigerte ihm den Gehorsam und schleuderte über die nächtliche Straße.
»Verdammt, ich kann ihn nicht halten!« Rick kurbelte wie ein Besessener am Lenkrad. Die Lichtfinger der Scheinwerfer beleuchteten für Sekundenbruchteile das Gebüsch am Straßenrand, dann Felsen, dann wieder die Fahrbahn.
»Verdammte Scheiße!«, presste Rick zwischen den Zähnen hervor.
Dann kam der Lincoln endgültig von der Straße ab.
»O mein Gott! NEIN!!!« Die Stöße, die den Wagen durchgeschüttelt hatten, erstarben, als das Fahrzeug über die kleine Böschung flog – dann zerquetschte der mächtige Stamm einer Fichte den gesamten Motorraum. Lähmende Stille breitete sich über den Unfallort, und nur das Geräusch eines sich rasch entfernenden Wagens war noch leise zu hören ...
Pizza Hut Schnellrestaurant
Roanoke, Virginia, 15. Juni 2022, 22:35 Uhr
»Bist du dir sicher, dass du nicht zu einem Arzt willst?« Ken stellte das Plastiktablett mit den beiden Pappbechern auf dem Tisch ab und setzte sich auf die Bank gegenüber von Susan. »Vielleicht hast du dich bei dem Sturz verletzt und merkst es bloß noch nicht. Weil du unter Schock stehst!«
»Mir fehlt nichts. Auf jeden Fall nichts Körperliches.« Susan schüttelte den Kopf. »Ken, ich habe Angst.« Sie griff über den Tisch nach seiner Hand. »Es war genauso wie vor einigen Nächten ... Und auch wieder ganz anders.«
»Nun erzähl das Ganze noch einmal der Reihe nach.« Ken schob einen Kaffee in ihre Richtung. »Du warst vorhin so durcheinander, dass du keine zwei klaren Wörter hintereinander zustande gebracht hast.« Besorgt beobachtete er, wie sie mit zitternden Fingern den Kunststoffdeckel von ihrem Becher zu entfernen versuchte.
»Ich stand dort am Schaufenster ... und plötzlich hatte ich das Gefühl, ich sei im Körper einer anderen Person. Ich weiß, es klingt blöd, aber ich sah mich hinter dem Steuer eines Autos. Ein Mädchen saß auf dem Beifahrersitz.«
