Die Unbezwingbare - Katja Kettu - E-Book

Die Unbezwingbare E-Book

Katja Kettu

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Beschreibung

Zwischen Traum und Wirklichkeit, wild und zugleich poetisch erzählt

Jahrzehnte nach dem Verschwinden ihrer Mutter Rose kehrt Lempi in das Reservat in Minnesota zurück, in dem sie aufgewachsen ist. Ihr Vater Ettu hat zum wiederholten Mal Rose bei der Polizei als vermisst gemeldet – dieses Mal berichtet er aber zusätzlich von einem verschwundenen blonden Mädchen. Lempi, halb Finnin, halb Ojibwe, kämpft seit jeher mit dem Konflikt ihrer Identität: Im Reservat gilt sie als zu weiß, außerhalb ist sie nicht weiß genug. Zurück im Reservat sieht sie sich sofort mit den alten Vorurteilen konfrontiert und einer Gesellschaft, die Verbrechen gegen indigene Frauen systematisch totschweigt. Unbeirrt macht sie sich trotzdem daran herauszufinden, was mit dem blonden Mädchen passiert ist, und begibt sich auf Spurensuche in die Vergangenheit.

»Ein außergewöhnliches Buch, spannend und in einem ganz eigenen Tonfall erzählt, zu empfehlen.« EKZ-Bibliotheksservice, KW 13/2021

»Von der heilsamen Kraft, mit der sich der Strom des Lebens Bahn bricht, davon erzählt Katja Kettu mit poetischem Zauber und der Kreativität weiblicher Sinnlichkeit.« Ö1 Ex libris, 11.04.2021

»Spannend wie ein Krimi, magisch wie ein Mythos und knallhart wie die Realität.« Frizz, 30.04.2021

»Dieser Roman ist nachdenklich stimmend, vor allem aber großartige und lehrreiche Literatur über ein hierzulande eher wenig betrachtetes Thema.« Frank Rehag,Finnland-tour.de, 06.2021

»Katja Kettu weiß der bei der Verflechtung der [Erzähl-]Stränge genau was sie tut, und noch besser, wie sie nebenher vom Leben der Ureinwohner Nordamerikas im zwanzigsten Jahrhundert erzählt.« Matthias Hannemann, Frankfurter Allgemeine Zeitung, 10.07.2021

»Eine Protagonistin, die durch Lebenslust und Leidenschaft beeindruckt.« Eva Pfister,Lesart, 06.2021

»Spannend wie ein Krimi, magisch wie ein Mythos und knallhart wie die Realität: Der Roman hat alles drin.« Sabine Prasch,FRIZZ Magazin Frankfurt, 05.2021

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Seitenzahl: 353

Veröffentlichungsjahr: 2021

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Unverkäufliches Leseexemplar erscheint am 23.März 2021

Wir bitte Sie, Rezensionen nicht vor dem 23.März 2021 zu veröffentlichen. Wir danken für Ihr Verständnis.

Die Originalausgabe erschien 2001 unter dem TitelRose on poissa bei WSOY, Helsinki.

Die Arbeit an der Übersetzung wurde gefördert von FILI

eccoverlag.de

© 2018 Katja Kettu Deutsche Erstausgabe © 2021 für die deutschsprachige Ausgabe Ecco Verlag in der HarperCollins Germany GmbH, Hamburg Covergestaltung: Anzinger und Rasp, München Coverabbildung: Arcangel/dpcom.fr E-Book-Produktion: GGP Media GmbH, Pößneck

ISBN E-Book 9783753050010

VORBEMERKUNGEN

Die Ojibwe sind ein Teil der Anishinaabe-Urbevölkerung und gehören zum Volk der Drei Feuer: Das sind die Ojibwe, die Potawatomi und die Ottawa. Ihre religiöse Gemeinschaft ist die der Midewin-Heiler, die glaubt, dass der Mensch einen im Traum vorbestimmten Pfad hat, von dem er in seinem Leben siebenmal abweicht.

Um die Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert wanderten bis zu 300.000 Finnen in die Vereinigten Staaten ein, die meisten in die Bergbau- und Waldgebiete von Minnesota, Michigan und Wisconsin. Etliche von ihnen siedelten sich in den Reservaten an und heirateten Angehörige der indigenen Bevölkerung. Die Finnen stehen mancherorts weiterhin im Ruf von Aktivisten der Gewerkschaftsbewegung und von Leuten, die Streiks anzetteln.

VORWORT

Die Unbezwingbare ist ein Roman über die Geschichte der europäischen Auswanderer und ihre Beziehungen zu den Urvölkern Nordamerikas, über Finnen und Ojibwe (Anishinaabe), Europäer und indigene Völker. Das Buch ist eine universale Geschichte über Familie, Erinnerung und Liebe. Zugleich habe ich Mechanismen der Migration untersucht, ein Phänomen, das auch im heutigen Europa bekannt ist. Indem wir die Vergangenheit verstehen, verstehen wir die Gegenwart. Indem wir Bücher lesen, können wir uns in die Schicksale anderer Menschen hineinversetzen. Für dieses Buch habe ich im Verlauf von fünf Jahren lange Zeitabschnitte in Ojibwe- und amerikafinnischen Gemeinschaften verbracht. Ich wurde jedes Mal willkommen geheißen, als wäre ich nach Hause zurückgekehrt.

Die Handlung spielt in Minnesota, Michigan und Wisconsin, besonders im Reservat Fond du Lac. Zum selben Thema habe ich auch ein Sachbuch und einen Dokumentarfilm gemacht.

Ich wollte die Geschicke meiner eigenen Verwandten in Amerika erforschen. Und konnte feststellen, dass viele von ihnen in der Nähe der Ojibwe-Reservate lebten. Dafür gibt es zweierlei Gründe. Die Finnen wanderten in hellen Scharen erst um die Wende zum 20. Jahrhundert aus, als in den Staaten das beste Land schon vergeben war. Übrig war noch der Boden in den Reservaten, und den wollte die Regierung der USA unter den Kolonisten aufteilen. Die Finnen (aber auch Deutsche, Skandinavier, Polen usw.) zogen dorthin, wo es noch Ackerland gab, das heißt, auf den Grund und Boden der Ureinwohner. Zwischen den Finnen und den Ojibwe-Indianern entstanden außergewöhnlich viele Beziehungen. Einesteils begegneten sie sich aus praktischen Gründen an denselben Waldarbeitsstellen und teilten die sumpfigen Böden der Reservate, andernteils gab es zwischen ihnen kulturelle Ähnlichkeiten, denn gemeinsam war beiden ein stilles Wesen und der Alkoholismus. Sowohl die Ojibwe als auch die Finnen wussten den Wald und die Pflanzen in ihrem Alltagsleben zu nutzen. Die Finnen hatten die Sauna, die Ojibwe die Schwitzhütte. So wird in der Ojibwe-Sprache ein Finne madodoowinini, Dampfbadmensch, genannt. Für die gemeinsamen Nachkommen von Finnen und Ojibwe gibt es die Bezeichnung Finn-Indians, Findianer. Besser wäre vielleicht Finishinaabe oder etwas anderes.

Etwas, was ich die Leserin zu berücksichtigen bitte, ist meine Wortwahl. Ich bin mir vollkommen dessen bewusst, dass die meisten Mitglieder der nordamerikanischen Urvölker heute nicht gern Indianer genannt werden. Das muss respektiert werden. Je nach Zählweise leben auf dem nordamerikanischen Kontinent mindestens 200 verschiedene Völker mit eigener Kultur und Sprache. Es ist also irreführend, sie unter einer einzigen Bezeichnung zu bündeln. Für einen historischen Roman ist das eine schwierige Frage. Ich beschäftige mich in dem Buch auch mit verschiedenen Phasen des AIM. In den 1960er-, 1970er-Jahren spielte das AIM, also das American Indian Movement, eine wichtige Rolle bei der Verteidigung der Rechte der Ureinwohner. Ihm kam ein besonderer Wert zu, da es die unterdrückten Völker einte. Damals wurde das Wort »Indianer« noch in großem Umfang benutzt. In diesem Buch wird das Wort Indianer dann verwendet, wenn es in der historischen Perspektive notwendig ist. Ich wollte die herrschenden Vorurteile und den Rassismus aufzeigen, aber auch das Wiederaufleben der Kulturen der Ureinwohner Nordamerikas.

Meine Absicht ist es, die Geschichten mit der Stimme derjenigen zu erzählen, die zum Schweigen gebracht worden sind. Die Reservate und die umliegenden Gebiete sind oft arm. Dort gibt es Gewalt, Drogenprobleme und weiterhin strukturellen Rassismus. Die Frauen und jungen Mädchen erleben sexuelle Gewalt. Frauen und Mädchen der indigenen Völker verschwinden in außergewöhnlich hoher Zahl. Den Hintergrund bilden oft Drogen und Menschenhandel, die Verbrechen bleiben oft unaufgeklärt. Zu den schlimmsten Kapiteln der Geschichte der indigenen Völker des 20. Jahrhunderts gehören die Internate, in die die Kinder aus den Reservaten ohne Einwilligung der Eltern gebracht wurden. In den Internaten wurden aus den Kindern ihre Muttersprache, ihr Glauben und ihre Kultur herausgeprügelt. Der Verlust ihres Bodens und ihrer Sprache hat tiefe Narben im Leben vieler meiner Ojibwe-Freunde hinterlassen. Ein anderes trauriges Kapitel sind die Zwangssterilisierungen. In den 1960er-, 1970er-Jahren wurde etwa ein Viertel der Frauen der nordamerikanischen Urbevölkerung sterilisiert (oft gegen ihren Willen oder ohne ihr Wissen).

Dieses Buch würde es nicht geben ohne meine Interviewpartner, Ojibwe und Amerikafinnen, von denen viele mir liebe Freunde geworden sind. Sie öffneten mir ihre Türen und ihre Herzen und legten ihre Geschichten vertrauensvoll in meine Hände. Ich möchte schön, aber nicht beschönigend von ihren Schicksalen erzählen, sodass dem Menschen im Strudel des Stroms der Geschichte Gerechtigkeit widerfährt.

Der Ausdruck Weendigo wird sowohl für einen bösen Geist als auch für eine Person benutzt,

die vom Weendigo besessen ist.

The Manitous, Basil Johnston

… So schloss sie sich mit freudigem Geheul

den anderen Wölfen an wie langersehnten Wesen,

weil sie schließlich und endlich Ihresgleichen

gefunden, und die anderen begrüßten sie,

im Chor heulend, als ihre Schwester …

Aino Kallas, Die Wolfsbraut

Wenn auf dem Bett elf Trollkinder liegen

und ihre Schwänze verknotet sind,

singt auch die Trollmutter sie in den Schlaf

mit ihrem allerschönsten Wiegenlied.

Hu-aijajaijai-puh, hu-aijajaijai-puh,

hu-aijajaijai-puh puh,hu-aijajaijai-puh.

Margit Holmberg, Das Schlaflied der Trollmutter

1

PFAD DES AUFBRUCHS  –Maajaawin-miikanens

oder wie Ettu auf die Polizeistation kam und Lempi aus dem Retrieval floh

AUGUST 2018

Jim Graupelz,

meine Mutter verwandelte sich in einen Wolf, und das ist die Wahrheit.

Ich schreibe dir an der Bushaltestelle an der Grenze vom Reservat Fond du Lac, damit du dich meiner erbarmst, damit du siehst, dass das, was am Staunstein geschah, tatsächlich passiert ist und dass damit alles angefangen hat und es nicht das Ende von irgendetwas war. Damit du mich abholen kommst. Das, was dort zwischen uns entbrannte, war nicht die Geschichte einer großen Liebe, keine mit Wurzeln im Frostboden und blutstark wie die von Rose und Ettu. Es war nur die Begegnung von zwei jämmerlich Einsamen, und sie gab mir die Kraft, mich von der Vergangenheit zu lösen, vom Retrieval und von Pastor Grant, denn du hast mich befreit, einen so gewaltigen Dienst hast du mir erwiesen. Diese Erkenntnis ist das Erstaunlichste, was in dieser wurmigen Welt passiert ist, und ich kann immer noch nicht glauben, dass mir so etwas auch nur ein einziges Mal in meinem Leben geschehen würde, das bis dahin tausend Gebete nicht hatten ändern können. Eine einzige Nacht am Lagerfeuer, und alles ist anders. Verschwunden der Strudel des Bösen Auges und der wütende Schmerz in meinen knirschenden Gelenken. So als wäre ich aus einem langen, eisigen, an den Grund des Oberen Sees sinkenden Traum erwacht und aufgestiegen durch Scharen fischschwänziger Nebavanabek-Geister, rotschaliger Muscheln, sich schlängelnder Parasitenfische und wie Schneeflocken tanzender winziger Elfen hindurch an die Oberfläche in das windige Licht. Ich will diese Geschichte erzählen, denn wenn auch die Spitzelohren der Geschworenen und der Schnüffelsheriffs verstopft sind und sie meinen Vater Ettu beschuldigen, ein Mörder zu sein, und ich nicht angehört werde, kann doch zum Beispiel der Frühlingswind Bwaawin mein leises Gewisper aufnehmen und es ins Netz der Spinnenfrau Asibikaashi tragen, und die nähme es mit ihren Fäden auf, so wie sie uns einst die Sonne brachte, und dieses Netz würde sich zu einer Kuppel wölben, die das Flüstern in eine Gewitterwolke werfen und von dort auf alle Waldbewohner und auf die roten Steinhäuser herabregnen lassen würde, und das hätten sie dann davon, weil es die Wahrheit wäre.

Dies ist mein Bekenntnis für dich, Jim Graupelz. Mein Bericht über das, was in Nahgahchiwanong, Fond du Lac, dem Heimatreservat meiner Mutter, im Sommer 2018 und fünfundvierzig Jahre zuvor geschah. Ich schreibe, damit du mich holen kommst. Damit du dich um mich kümmerst. Für dich stehe ich mit offenem Gesicht der Wahrheit zugewandt, dir will ich erklären, was geschehen ist, zumal meine Geschichte zugleich die meines Vaters und meiner Mutter ist, des Finnen Ettu und meiner Mutter Rose, Ojibwe-Indianerin und Anishinaabe, ein Kind Dreier Winde vom Clan des Wolfes und vom Stamm der Wandlinge. Durch meine Eltern ist es zugleich die Geschichte meiner Vorfahren, die hier als die ERSTEN MENSCHEN lebten und an den blatternverseuchten Decken starben, die die Weißen ihnen gegeben hatten. Und durch Ettu ist es auch die Geschichte meiner Großmutter Helmi, die nach dem Krieg mit dem Schiff über den Ozean kam und an Syphilis erkrankte und das niemandem und niemals verzieh und die keine anderen Sprachen lernte als die bittere, die sie aus Finnland mitgebracht hatte, und weiterhin ist es auch die Geschichte meines Großvaters Heinari, des Streikschürers und Gewerkschafters, den die Kommunistenverfolgungen des FBI zerbrachen und dessen Leben Helmi als sinnlos bezeichnete, aber eigentlich war es sein Tod, der sinnlos war. Meine Großeltern kamen in die Neue Welt mit vielen schönen Absichten, doch die Härte dieses Landes zermürbte und zermalmte sie und warf sie nach der Zwangshochzeit ins Reservat Fond du Lac, wo sie Madodoowinini genannt wurden, Dampfbadleute, und ohne es zu wissen, stahlen sie das Land des Großvaters meiner Mutter Rose, während der noch den Krieg der Weißen in Europa führte, das war damals im Land so üblich, aber Großvater Heinari bereute die Tat bis ans Ende seiner Tage ebenso wie die Tatsache, dass er einmal von einem holländischen Hausierer eine Pfeife kaufte, die aus dem Knochen eines Indianerkinds vom Stamm der Lakota geschnitzt war. Mit diesen elenden Schicksalen ist alles verflochten, was zuvor den Einwanderern und den Ureinwohnern widerfuhr und wie diese lernten, gemeinsam den Biber zu häuten, und auch das, was darauf folgte, auch ich, Lempi, Agaasin Makwaasagim, Kleine Tatze und Wolfsnestling.

Ich bemühe mich, dir schön zu schreiben, aber aus mir bricht ein Urweinen hervor und ein Hilferuf: Komm zurück! Ich stelle mir vor, wie du mit deinem Knatterrad dort am Straßenrand angekurvt kämst und ich, wenn der Staub sich gelegt hätte, deine eigentümlichen, alles erfassenden Augen sehen könnte. Du brächtest mich dorthin zurück, wo ich hingehöre, und ich würde dir all die Weite und den Raum geben, den du brauchst, ich würde die Last von euch beiden tragen, deine und die deines Sprösslings, ich würde euch Frau und Fels sein, würde euch nicht verlassen, sondern über euch wachen und euch liebevoll umsorgen. Erschrick nicht vor meiner Leidenschaft, Jim Graupelz, denn du bist es, der sie erweckt hat, damals, vor langer Zeit, zur Zeit der Bakonebiisaas, der Frühjahrsflut. Seit damals, als wir uns zur Zeit meiner ersten Blutungen und deines Traumgesichts trafen, seit jenem Frühling sind Brunst und Flut in mir gefroren, und jetzt hast du sie krachend schmelzen lassen. Das Schlimmste ist, immer noch nicht zu wissen, ob ich verworfen oder ersehnt, angenommen oder abgelehnt bin. Dies ist kein Fiebergefasel, weder Sage noch Märchen und auch kein Hohelied von der Grenze zwischen Traum und Wachen, sondern ein aufrichtiges Bekenntnis, das bis zur Ankunft des Schulbusses fünfundvierzig Jahre und zugleich einen Lidschlag lang dauert, eine tausendjährige Geschichte und gerade mal die Zeit, die man braucht, um eine Pfeife anzuzünden.

Außerdem will ich noch erzählen, dass mein Vater zweimal vom Blitz getroffen wurde. Ich nur einmal, und das war, als ich dir begegnete. Unser Lebenspfad ist ein besonderer, und es war ein weiter Weg, bis wir zueinander fanden, dem Kitche-Manitou sei auch dafür Dank, und verzeih, dass du in dieser Erzählung vorkommen musstest, aber dein Leben hat sich schon vor langer Zeit während der Frühjahrsflut fest mit meinem Pfad verwoben, als ich meinen Traumnamen suchte und meine ersten Blutungen bekam. Du tauchtest plötzlich auf, mitten in meiner aufkeimenden Leidenschaft, und sahst mich zum ersten Mal als Frau.

FEBRUAR 1973

LEMPI, du mein kleines Beerchen, Walderdbeerenkrümelchen, dies ist mein letzter Brief an dich, du meine Herzensfreude, denn ich glaube, ich habe das Ende meiner Pfade erreicht. Die Propanlaterne brennt, mein Hund Sulo Makikii und ich sind in dem alten Bergwerkstunnel irgendwo unter dem Reservat, und ich habe den Weendigo getötet. Du sollst deswegen nicht erschrecken, nun ist alles gut, und Sulo Makikii liegt mir zu Füßen und beschützt mich. Wie Patti mich gelehrt hat, gibt es im Leben eines jeden Menschen sieben Pfade und sieben Abzweigungen, von denen man in die Tiefe stürzen kann. Siebenmal habe ich geglaubt, meine Aufgabe gefunden zu haben, und siebenmal habe ich mich geirrt. Meine Mutter, die Heilerin Patti, gab mir bei meiner Geburt den Namen Maa’ingan Oginiiwatig, Wolfsrose, und jetzt verstehe ich, dass er schon immer mein Schicksal war, das ich nun erfüllen musste. Mein liebes Kind, ich wünsche, dein Weg möge mit glatten Steinen geebnet sein, und du mögest auf deinen Pfad zurückfinden, wenn du auch manchmal abbiegen musst in ein Fichtendickicht mit fauchenden Nadeln und Dunkelheit.

Schon im Moment deiner Geburt wusste ich, dass der Sinn meines Lebens in dir ruht. Ach, Lempi, liebe Ungestüme, du warst ein Kind des Gewitters. Du solltest Anfang April aus mir hervorkommen, an einem so schönen Punkt des Jahres, da die Wasser donnernd aus ihren Eishüllen hervorbrechen und die Welt wieder auflebt, zum neuen Jahresbeginn der Anishinaabe, wenn das Land erwacht und Nanab’oozoo heimlich, den erwachenden Anfang erschnuppernd, durch das überflutete Birkenwäldchen watet. Ich hatte eine ganze Ewigkeit auf dich gewartet, büschelweise Salbei verbrannt, mich gewiegt und dir eine gute Geburt gesungen. Aber deine Ankunft wurde von einem Spätwintereinbruch und Schneestürmen verzögert, die über das Mesabi-Gebiet hinwegfegten. In den frühen Morgenstunden platztest du aus mir heraus auf das Bett aus Zedernholz, begleitet von gewaltigem Schmerz und Geheul, irgendwann verlor ich das Bewusstsein, aber dann warst du da, Patti durchtrennte die Nabelschnur, tat sie in einen Lederbeutel und legte ihn mir um den Hals. Sie befahl mir, Nanab’oozoo zu danken, der der Erste Wandling und der Schöpfer von Pflanzen und Tieren war, sowie Kitche-Manitou, dem Schöpfer des Wassers und Allerobersten. Atme, mein Kind, atme! Und als du zum ersten Mal schriest, dankte ich Miigwech, Nibi, danke, Wasser, aus dem ich dich mit meinem Körper geformt hatte, und deine Augen leuchteten wie schwarze Laternen, und in ihnen schimmerte das Licht der Welt, und du begannst sofort, deine erste Aufgabe als neues Wesen zu erfüllen, du schautest, und in diesem Blick lagen Worte, aus denen ich lernte, dass dort das Wesen wohnt, für das ich da bin und für das ich gut sein muss. Ich wusch dich rein, den erdigen Pilz des Waldes, das pechäugige Wesen des dunklen Fichtenwaldes, das feuchte und stumme, und von dir wusste man noch nicht, was für ein Myzel du mitbrachtest. Wie sehr habe ich mich doch bemüht, dich gut zu versorgen! Eigensinnig, wütend, verzweifelt. Und immer mit Liebe, mit Liebe, mit Liebe, deine fiebrig pulsierenden Kinderfüße, deine wachsenden Beine, dein mondbrückenförmiges Steißbein, das im Dunkeln blinkt wie ein silbernes Messer. Sie ist scharf und zugleich zerbrechlich, deine kleine Hüfte, mein Kind, meine Lempi, liebstes Lämmchen, deinen kleinen Körper habe ich behütet. Alle meine Taten und die Gräueltat von heute habe ich vollbracht, um dich zu schützen, aber jetzt, fürchte ich, ist ein schrecklicher Irrtum passiert, der dir und deinem Vater Ettu viel Leid bescheren wird. Nein, nein, das kann nicht möglich sein, es darf nicht wahr sein! Ich habe gefunden, was ich suchte, ich habe das Ungeheuer skalpiert und hoffe, dass zumindest das mir zur Ehre gereichen wird und beweist, dass in mir der Geist der alten Krieger wohnt und dass ich ein Ni-bo-wise-gwe bin, eine Nachkommin der In Der Nacht Fliegenden Frau, die vor zweihundert Jahren auf der Zuckerinsel Sault Sainte-Marie lebte und sich in einen Bären oder ein anderes Tier verwandelte und dem Weendigo entgegentrat. Aber was ich nicht bedacht habe, ist, dass der Weendigo niemals nur in einer einzigen Gestalt unterwegs ist, sondern in vielen, und dass man ihn nicht mehr an seiner dürren Gestalt, den langen Krallen und dem Leichengeruch erkennen kann so wie in alter Zeit, sondern dass er sich in jedermanns Haut verstecken kann. Auch in der deines Vaters? Aber nein, das kann nicht sein. Dein Vater ist eine gute Seele. So wie Mike, du musst beiden vertrauen.

Gerade habe ich an meiner Wange einen Hauch von Außenluft gespürt. Irgendwo ist eine Luke oder eine Tür geöffnet worden. Wie sehr ich doch fürchte, dass das, was bald kommen wird, eine verwachsene, vom Weendigo besessene neue Gestalt ist. Einen Augenblick lang war es still, und ich hoffte schon, er habe mich nicht gerochen und erkenne meine sich wandelnde Gestalt nicht und dass er endlich genug Blut bekommen habe. Aber das hat er natürlich nicht, der Weendigo wird niemals satt, er lebt von Ausschweifung und Laster. Mein Hund Sulo Makikii knurrt, obwohl ich ihm bedeutet habe, still zu sein. Ich horchte auf den Hall der Schritte, und für einen Moment erfüllte mich Jubel, dann aber Verzweiflung. Ich kenne diese Schritte, den Rhythmus dieser Füße. Kann es sein, dass der Mensch, den ich einst am meisten liebte, mich verraten hat?

DAS ENDE DES BRIEFES FEHLT

AUGUST 2018

Jim Graupelz,

nichts von alldem wäre geschehen, hätte ich nicht von Pastor Grant zu meinem fünfundfünfzigsten Geburtstag ein Telefon geschenkt bekommen und hätte es nicht am Dienstag geklingelt. Es war einer jener erstickenden Hitzetage von Montana, die einen sofort schlapp machen, die Luft starrte drohend und unbeweglich herab, und ich war in den Trockenraum geschlichen auf der Flucht vor der stickigen Staubluft in den Gängen des Laestadius-Retrievals und dem im Saal murmelnden Gebetskreis. Es war eine Erleichterung, dort zwischen den an den Wäscheleinen hängenden Laken zu sitzen, ohne an meinen verfallenden Körper zu denken oder an die Zeit, die dahinkroch in diesem Nebengebäude der Apostolischen Gemeinde, das niemand eine Heilstätte nennen mochte. Aber versteh mich nicht falsch, Jim Graupelz: Mein kindliches Gemüt wurde mit der Mischung von indianischem und finnischem Blut erklärt, das in mir pulsiert wie der schale Moosbeersaft vom vergangenen Jahr, und weil ich deshalb keine besonders guten Morgengaben mitbekommen habe, gelte ich als ebenso leer wie ein zum Trocknen auf die Leine gehängtes Laken. Pastor Grant sagt, der Satan sei mir in die Seele geschlüpft, aber ich selbst hatte immer den Verdacht, dass mit Mutters Verschwinden etwas von mir abhandengekommen war, sich gelöst hatte oder abgerissen war, so wie man dem Fuchs, den man beim Hühnerstehlen erwischt hat, ein Bein ausreißt, damit er durch sein Geheul die anderen Übeltäter warnt, oder wie der Sturm während der Frühjahrsfluten Äste vom Hickorybaum abreißt, sodass er sich nicht wieder erholt, und so blieb von mir ein Teil meiner Seele im Reservat und verhinderte, dass ich ganz erwachsen wurde. Deshalb habe ich nie eine Familie gehabt und laufe herum mit kindlichem Gemüt, nackt und unvollkommen, im Mantel einer verfallenden Haut, mit runzliger Maske im Gesicht, und will keine Schuhe anziehen. Das war eigentlich der Grund dafür, dass ich in das Retrieval kam, dass ich so lange barfuß gehen darf, wie ich keine Sandkörner auf die Stufen bringe. Das ist Pastor Grants strengste Regel, und deshalb ging ich selten nach draußen.

Ich erschrak. Ich flüsterte ein Hallo in die Muschel, und eine flüchtige Sekunde lang spielte ich mit dem Gedanken, das sei der Satan, der mich bestrafen will. Er war es nicht, es war schlimmer. Es war der Sheriff Mike Björnsson von der Station Cloquet, dreitausendfünfhundert Meilen entfernt. Die Stimme sagte, hör zu, Lempi, jetzt ist die Situation die, dass die Situation anders ist. Ich konnte nichts antworten, aber Mikes Mittelwestdialekt vibrierte so, wie eine Sprache es sollte, im Rückenmark und aus der Tiefe der Zeiten. Es geht um deinen Vater. Wir kommen nicht mehr mit ihm zurecht. Ohren-Mike ließ seine Stimme streng klingen. Ich verstand nicht alle Wörter, aber doch die wichtigsten. Hier ist ein Mädchen verschwunden, und dein Vater wird verdächtigt.

Jetzt verstehe ich, dass ich einen Telefonanruf dieser Art jahrelang gefürchtet hatte oder erhofft, und jetzt, wo er kam, war ich überhaupt nicht darauf vorbereitet. Lempi, ertönte dann Vaters Stimme im Telefon, brüchig, verschreckt. Uralt. Sie treiben hier ihren Spott mit mir, legen falsche Beweise vor und glauben mir nicht. Was glauben sie nicht?, fragte ich. Dass ich mich erinnere. An was erinnerst du dich? Dass ich zweimal vom Blitz getroffen wurde. Nicht nur einmal.

Das wiederholt er nun ständig. Ohren-Mike war wieder am Apparat. Mein Vater Ettu Haverinen war am Morgen mit dem Gefühl erwacht, dass etwas nicht in Ordnung war. Ein Wiegenlied klang ihm im Kopf, das, in dem von der Trollmutter und den verknoteten Schwänzen die Rede ist, hu-aijajaija-puh, weißt du noch, Lempi? Ja, ich erinnerte mich. Ich versuchte, mir die Blockhütte Errungenschaft vorzustellen, irgendwo dort, in der Ferne, das Geplauder von Lerchen und Nachtigallen, das Rauschen der Birken, den Duft der reifenden Brombeeren an der mit rotem Ocker gestrichenen Wand. Ich konnte sehen, wie Vater sich bückte, um an dem Kissenbezug zu schnuppern, den Mutter mit Trauerblumen bestickt hatte, und sich wunderte, wie der bekannte Duft, der darin gewohnt hatte, sich anscheinend verflüchtigt hatte, und ich am anderen Ende des Teleweltalls sog den Schimmelgestank der Betonwände ein und meinte, darin einen Hauch Lavendel wahrzunehmen, und eine plötzliche Sehnsucht schoss mir durch den Leib und fuhr mir in die Beine. Es war so lange her, dass ich Mutters Duft gespürt hatte. Ich sah vor meinem inneren Auge, wie Vater die Decke berührte, und sie war auch kühl, niemand lag neben ihm, so als hätte Rose die Nacht gar nicht dort verbracht. Ein unmöglicher Gedanke. Vater rief nach Mutter, als wäre sie im Zimmer nebenan. Keine Antwort. War Rose aufgestanden? Würden gleich die gewohnten Geräusche zu hören sein, das Rascheln des Morgenrocks, das Anzünden des Feuers und das Klappen der Haustür, wenn Rose barfuß hinausging, um die Hühner zu füttern und um nachzusehen, ob Bruder Kojote in der vergangenen Nacht sein Werk der Verwüstung angerichtet hatte – und das würde er nicht getan haben, denn Rose gehörte zum Wolfsclan und war in Sicherheit.

Ich stellte mir vor, wie Vater aufgestanden war. Der gusseiserne Herd, das Bücherregal, der Eichenholztisch in der Stube, an der Wand der alte Telefonapparat mit dem Trichter, mit dem man noch in meiner Kindheit Sandra von der Zentrale anrufen und sie bitten musste, eine Verbindung herzustellen. In meiner Vorstellung war dort alles fast unverändert, nur die Farbe der Wände und des blauen Wollstrumpfs am Herdhaken waren verblichen.

Hör mal, flüsterte Vater: Ich bin alt. Schon uralt. Und überall irgendwelche Schmierereien. Was für Schmierereien? Für mich hörte es sich so an, als hätte Vater geschluchzt. ROSE IST VERSCHWUNDEN. Jemand hat überall ROSE IST VERSCHWUNDEN hingeschrieben. Ans Fenster. An die Wand. An den Herd. Wer macht so was?

Und dann stand auf dem Tisch die Lunchbox mit Briefen darin. Die sind an dich adressiert, Lempi, sagt Vater, Rose hat sie geschrieben, aber Rose ist nirgends zu finden.

Stille. Die Wände im Keller des Retrievals werfen Blasen und schilfern ab, ein plötzlicher Schmerz im Unterleib machte, dass ich mich zusammenkrümmte, und es schwindelte mich. Ich spürte, wie ein Klumpen, der lange in der Versenkung gewesen war, herausdrängen wollte. Hatte Mutter mir einen Brief geschrieben? Die Person am anderen Ende der Leitung war jetzt wieder Ohren-Mike: Diese hinterwäldlerischen Quatschköppe würden uns ja nicht weiter interessieren, aber dein Vater behauptet auch noch, dort bei ihm zu Hause sei ein minderjähriges Mädchen gewesen. Blond und blauäugig. Nun hör dir mal das hier an. Aus dem Telefonhörer kam ein Knacken, dann auf Band aufgenommene Rede und durch Rauschen hindurch Vaters Stimme: Nun glaubt mir doch, ich lüge nicht. Gestern kam ein kleines Mädchen. Ich hielt es für Lempi. Aber es war nicht Lempi, Lempi ist in der Schule. Denn das Mädchen hatte eine Lunchbox mit, meine Box.

Und jetzt ist das Mädchen verschwunden. Ohren-Mikes Stimme war gequält. Sodass hier jetzt in einer wirklich delikaten Sache ermittelt wird … Dieser Finnländer hier wankt wie ein wunderlicher Weißbauchtölpel, und man weiß nicht recht, was man mit ihm machen soll. Nun ist er dazu übergegangen, in seiner Mongolensprache zu brabbeln. Es wäre gut, hier einen Dolmetscher zu haben, möglichst eine Angehörige.

Ich verstand nicht.

Es wäre gut, wenn du hierherkommen könntest. OhrenMike artikulierte die Worte so deutlich, wie man es gegenüber Behinderten tut, oft auch mir gegenüber. Immer noch dauerte es eine Weile, bis ich begriff, dass die Stimme im Telefon mir vorschlug zu kommen, zu fahren, zurückzukehren, einfach so, als wäre es möglich, dass ich ins Reservat komme, fahre, zurückkehre, eine Rucksacktour mache, wie sie zu jeder beliebigen Zeit und an jedem Ort stattfinden konnte. Dass ich Pastor Grants Retrieval verlasse und mich in die Außenwelt begebe, mir Schuhe anziehe. Ein frostiges Gefühl überkam mich, als regnete es Eiskristalle in meinem Kopf. Ich schaute ins Oberlicht, konnte aber nicht hinaussehen, denn die am Glas klebenden Spinngewebe trübten die lodernden Blütenstände von Löwenzahn und Löwenmäulchen, und ich roch den Rauch, Shirley Hannula hatte Gartendienst, und den nutzt sie dazu, hinter dem Schuppen eine Schachtel Marlboro aufzurauchen.

Vielleicht sollten wir uns doch mal in eure Zeckenecke bemühen, seufzte Ohren-Mike, und uns Dachboden und Keller etwas genauer ansehen.

Geht nicht dahin! Dort herrscht ein fürchterliches Durcheinander!, ertönte Vaters ängstliche Stimme aus dem Hintergrund. Und: Nichts anfassen, ihr dürft nichts anfassen!

Gerangel, Gepolter. Geheul. Dann das Aufkreischen einer Stahltür und Stille.

Wir haben ihn für ein Weilchen kaltgestellt. Ohren-Mikes Stimme kehrte zischelnd in mein Ohr zurück.

Ich stellte mir Vaters durchgeschüttelte Gestalt vor, wie er in der Zelle hockte, den von Mutter geflickten, nach Pfeife riechenden Tuchmantel über den Schultern und die Schirmmütze des finnischen Basketballteams Bestrebung auf dem Kopf. Ich wollte fragen, was sie mit Vater gemacht hatten, als jemand Ohren-Mike den Hörer aus der Hand riss: Lempi, komm her! Dein Vater hat angefangen, sich zu erinnern.

Ach, Jim Graupelz, auch nach all den Jahrzehnten erkannte ich deine Stimme wieder! Sie war tiefer geworden und schön rau, als kratzte jemand mit starken Krallen an Borke. Ich versprach es, noch ehe ich es begriff. Und bring finnische Dickmilch mit, wenn du kannst, die hat man deinem Vater gegeben, weil andere Arzneien nicht mehr gewirkt haben. Es dauert nicht mehr lange, fügtest du hinzu, und dann gingst du fort, und das Telefongespräch war zu Ende, und ich war immer noch in dem kühlen Keller zwischen den weißen Laken und zitterte; mir schien, als überfiele mich die Einsamkeit von allen Seiten so wie schon lange nicht mehr.

Meine Mutter ist verschwunden. Das ist nichts Neues. Meine Mutter Rose ist schon seit fünfundvierzig Jahren verschwunden. Aber du hast gesagt: Ettu fängt an, sich zu erinnern. Dass nicht mehr viel Zeit sei, wofür, das weiß ich nicht, das hast du nicht erwähnt. Aber du hast mich gebeten zu kommen.

Ich berührte die Lakenwand, und sie bewegte sich leicht, als lauerte jemand dahinter, obwohl ich wusste, dass dort niemand war, nichts anderes als meine Angst. Ich atmete die feuchte Stille ein und hörte eine Stimme in meinem Kopf sagen: Wenn du gehst, dann tu es mit Getöse. Wenn du herauskriegen willst, was damals, vor langer Zeit, geschah.

Ich nickte und tat, wie mir geheißen, rutschte von dem Mattenstapel hinunter, ging zu den Wäschetrocknern und den Waschwannen. Ich drehte alle Wasserhähne voll auf, zog Pastor Grants fahlblaue Unterhosen aus dem Einweichbottich, bekam irgendwie die runde Abdeckung des Abflusses im Fußboden auf und ließ die Unterhose zwischen die Haarbüschel fallen. Ich hörte, wie die Rohre röchelnd auf die Verstopfung reagierten, als ich über den bald vom Wasser überschwemmten Kellerboden sprang und mit schmerzenden Knien die Betontreppe erklomm, um meine Sachen zu packen.

AUGUST 2018

Jim Graupelz,

erst als der Greyhound mich in die nach Mädesüß duftende, zirpende Sommernacht entlassen hatte, begriff ich, dass niemand mich abholen würde. Da stand ich nun dumm da an der Grenze zwischen dem Reservat und der weißen Welt, sie verlief genau zwischen meinen Beinen im Staub, die unsichtbare Grenze. Von hier war ich vor fast einem halben Jahrhundert fortgegangen und hatte nicht vorgehabt, in die rote Falle zurückzukehren. Ich hatte mich bemüht, alles, was sie betraf, zu vergessen. In der katholischen Mädchenschule von Duluth und in der rutenhaltigen Pflege meiner Großmutter Helmi hatte ich gelernt, mich meiner Kindheit in diesem Sanktuarium von Dieben und Lügnern zu schämen, zu schweigen und auszuweichen. Das habe ich weder Pastor Grant und erst recht nicht der übrigen Gemeinde verraten. Von meinem Finnentum verstand ich nichts, geschweige denn davon, was es heißt, Indianer zu sein. Zu den Finnen fielen mir Schimpfwörter ein wie China-Schwede, Mongoloider, Findianer, zu den Indianern Federkopfschmuck, Kit Carson, stürzende Mustangs, Kriegsgeschrei und der immer siegreiche John Wayne. Ich lernte beide Seiten zu hassen, sie wohlweislich zu verbergen. Mein Leben lang habe ich mich darauf konzentriert, unauffällig und demütig, eine Art Amerikanerin zweiter Klasse zu sein. Ich kann mich nicht in die Sanftheit des Sternenbanners hüllen, für mich ist es ein rauer, grober Stoff, und wenn man ihn zu Boden fallen lässt, bekommt man Dunkelkarzer und schmerzende, mit dem Kartenstock geschlagene Finger. Von den fünfzig Bundesstaaten kann ich auf Anhieb siebenundvierzig aufzählen, in der Kindheit war mein Traumberuf Supergirl oder Minnie Maus. Ich weiß noch, wie Mutter weinte, als Martin Luther King erschossen wurde und John F. Kennedys Gehirn sich auf dem Blech des offenen Lincolns verteilte, das damals in den Nachrichtenbildern schwarz-weiß war, über dessen Farbe ich aber oft gerätselt habe und dann bei dunkelgrün endete. Dennoch ist mir all die angespannte Munterkeit, die laute Überlegenheit, die anscheinend irgendwie zu Amerika gehört, fremd geblieben, sie hat hinter der Oberfläche einer fernen Werbetafel geflackert oder mich auf der Kinoleinwand geblendet. Oftmals fühlte ich mich bodenlos einsam, weil ich keine Amerikanerin war, nicht Finski, nicht Rothaut, eigentlich gar nichts, von allem nur die Hälfte, wenn überhaupt. Nicht mal eine ordentliche Gläubige oder Beterin. Im Lauf der Jahrzehnte habe ich es gelernt, mich mitleidigen Blicken, Anspielungen auf rote Trunkenbolde und Sozialschmarotzer zu entziehen, Anekdoten über Pocahontas mit bereitwilligen Ärschen und zahnlosen Hiawathas, die mit ihrem Federschmuck auf dem Kopf Metamphetamin kochten, über verschlossene Finnen, China-Schweden und unamerikanische Streikhammel, die irgendwo in der Wildnis herumschrien und dem Vorübergehenden das Messer in den Rücken rammten, zu überhören.

Aber in meiner Kindheit bedeutete das Reservat mehr als das. Natürlich gab es all die Armseligkeit und das Schild im Fenster von Schweden-Björnes Saloon, das Finnen und Indianern den Eintritt verbot. Und es gab das Blaue Haus, in dem Roses beste Freundin Vera verschwand. Aber auch die Welt der gewaltigen Eichen und der Hickorybäume, der Birkenwiesen und der schattigen Malvenhaine, an deren Sandstränden die Irrlichter bei Vollmond ihren einsamen Tanz tanzten; und alle hatten ihre eigene Sprache, auch die Steine, und die Blütenstände von Apfel, Kirsche, Birne, Pfirsich und Flieder waren Geschenke der großen Urmutter, die das Himmelsgewölbe bewachte. Und ich erinnere mich an meine innige Freude, wenn die herabgefallenen Blüten der Sterne auf den ölgrauen schneefreien Stellen hinter der Autoreparaturwerkstatt deines Vaters Tim Graupelz erschienen. Und an die sprießenden Ringelblumen, den Löwenzahn, die weißen Zahnlilien und die glühenden Calla. Es wurden wohl die Wohnwagen mit gestohlenem Propangas geheizt, und den Teenagern fielen vom Skorbut die Zähne aus. Viele hatten Rachitis, wenn sie die Gemeinschaftsschule bis zum Ende besuchten, und ich weiß noch, wie Roses Bruder Messer-Matt die Flasche Sprit austrank, die er in der Biologieklasse gestohlen hatte, und den rosa Hasenembryo am Boden der Flasche zurückließ. Aber es gab auch uneigennützige Freundschaft. Sie veranlasste deinen Vater Tim Graupelz, mit einem dampfenden Bärenherzen in einer Plastiktüte in der Diele der Errungenschaft zu stehen und mit stiller Freude von dem Weizenzopf zu nehmen, wann immer er ihm angeboten wurde, denn von den Finnen konnte man das annehmen, sie meinten es aufrichtig mit dem Anbieten. Oder dass die Leute aus dem Blauen Haus auf dem Hof in einem rostigen Kessel eifrig Rentiersehnensuppe kochten und zwischen den Traktorenreifen trommelten und dass nach den Versammlungen der roten Finnen auch die Indianer tanzen und Eierpfannkuchen mit Apfelmus essen durften und dass im Reservat die Kreissäge der Genossenschaft herumgereicht wurde, mit der die Silbertanne, die im Wald von Schweden-Björne heimlich gefällt worden war, zersägt wurde.

Ich hob das Gesicht und hielt es dem Wind hin, öffnete die Augen und sah nach langer Zeit wieder den Nachthimmel. Mir war gar nicht bewusst gewesen, dass ich mich nach ihm gesehnt hatte. Die Sterne wie Knospen in einer warmen Samtsuppe, wie freundlich und nahe sie doch waren, weich und pulsierend. Ich hatte völlig vergessen, wie leicht man hier atmete, plötzlich zersprang der faustdicke Reifen, der mir um die Brust gelegen hatte.

Doch das Telefon piepte. Da war eine Nachricht von Grant: Sorge. Denk daran, dass du nicht stark bist. Das Gebet schützt dich. Unser Pastor Grant. Das fröhliche, blökende Wesen, das keine Ahnung davon hatte, dass mein Zuhause im Reservat lag. Kein Wort von dem Geld und von dem überschwemmten Keller. Keine Beschuldigung. Dennoch lauerte sie irgendwo im Hintergrund, meine Rückkehr erwartend. Ein Gebet heilt alles, den Krebs, den Irrsinn, all das, was an mir verkehrt ist. Nur ist das immer noch nicht besser geworden, auch nicht nach Jahrzehnten.

Ihr begreift nicht, was jetzt geschieht, sagte eine Stimme in meinem Kopf. Ich komme gerade nach Hause.

Dann schauderte es mich. Wie würde man mich empfangen, meine stille Familie, die ich verlassen hatte? In einiger Entfernung schimmerte das Schild Nahgahchiwanong und darunter auf Finnisch BILLIGES BENZIN, die blinkende Werbung des Alkoholladens. Das Kasino Schwarzer Bär segelte im Dunkeln einsam wie ein Ozeandampfer. In meiner Kindheit war hier grauer Wald und das Reich der Mückenherren. Plötzlich erschien es mir unmöglich weiterzugehen, und eine Stimme in meinem Kopf rief: Bleib hier! Wo? Da. Etwas entfernt am Waldrand bemerkte ich den Kadaver eines vertraut-gelben Schulbusses, der gegen ein STOP-Schild geschleudert und plattgedrückt worden war. Ich hatte ihn seit meiner ersten Fahrt zur Schule verabscheut. Meine Mutter hatte mich durch irgendeinen Trick in einem feinen Internat in der Steinstadt unterbringen können, und das erzeugte Neid in den zurückbleibenden Kindern im Reservat. Als ich im Reservat in den verbeulten Linienbus stieg, war ich zu weiß. »Findianer« war ein von einem Fiesling erdachtes Wort, und das wurde hinter meinem Rücken mehrmals wiederholt. Auf der roten Seite blieb der vertraute Wolfsclan zurück, der im Schnee seine Spuren hinterließ. Patti, die Frau mit der tiefen Seele und den Pechaugen, die niemals Coca-Cola trank und dank der Vater seinerzeit so klug gewesen war, viermal um die Hand meiner Mutter anzuhalten, auch dann noch, als man ihn lächerlich gemacht und in der Sommernacht zum allgemeinen Gaudium dazu gebracht hatte, im Rentiergalopp nackt, mit dem Penisknochen eines Fischotters zwischen den Zähnen, durch den Wald zu rennen.

Als wir die Grenze des Reservats überquerten, passierte etwas mit dem Bus. Es war, als streckte er sich und richtete sich gerade, und seine Farben wandelten sich zu einem intensiveren Gelb. Auch der Fahrer »Hammer« Svensson richtete sich auf, und es hörte auf, nach Schnaps zu stinken. An dieser Stelle befand sich damals, in den 1970er-Jahren, vor allem Sumpf, noch kein Kasino und kein McDonald’s. Da gab es nur den endlosen Weg, die aus dem verschneiten Sumpfmoor aufragenden Halme und die bitteren Fichten. Die Radiostation des Reservats verstummte kurz bevor wir die Kreuzung der Fernstraße 35 erreichten. Für mich bedeutete das ungefähr dasselbe wie dass die Verbindung zu der Welt ringsum endete, in den leeren Raum geschleudert zu werden wie ein in alle Ewigkeit fallender Steinbrocken: Ich war nicht mehr zu Hause im Reservat, aber auch nicht angekommen in der Außenwelt. Jetzt hatte »Hammer« Svensson es nicht mehr eilig. Anstatt weiterzufahren, um morgenfrische Stadtkinder abzuholen, hielt er am Straßenrand, steckte sich eine Zigarette an und spuckte aus: Soso, dass wir das noch erleben müssen, dass eine Rothaut auf die teure Schule geht!

Wir holten die Vorstadtkinder ab und setzten die Fahrt fort. Damals wurde aus mir jemand allzu Rotes.

Rothaut, Rothaut, zischelte es zwischen den Bänken, gehässige Kindernägel gruben sich durch das Kunstleder der Sitze bis zum Schaumstoff vor und zerrten ihn hervor wie Eingeweide. Da ist wieder ein Mädchen verschwunden, wusste der kleine Tim Nelsson zu berichten: Es war zunächst in den Kopf geschossen und dann skalpiert worden, eine Hand war bei einem indianischen Ritual im Opferkessel gekocht worden. Wie heißt du?

Ich sagte es ihm.

Die ist gar keine richtige Indianerin. Die ist keine richtige Indianerin, die hat einen weißen Namen.

Gierige Blicke wandten sich mir zu. Meine vom Winter aufgesprungenen Lippen pressten sich zusammen. Irgendwo spritzte Blut aus Zahnfleisch, ein schnelles Lecken am Salz des Nasenflügels, an die Busfenster gedrückte Stirnen, eine Stepphose raschelte, unruhiges Geruckel auf den schweißtreibenden Sitzbänken, ein Blick auf das Fenster, ob da noch die Eisblumen schimmerten.

Warum wohnt sie dann im Reservat?

Ja, warum wohnte ich, eine weiße Tochter, im Reservat? Was kann man auf so eine Frage antworten. Mir fiel damals nichts ein, und auch heute weiß ich es nicht. Jeden Morgen würde ich mit derselben Zerrissenheit konfrontiert werden, wenn ich in den seine Form verändernden gelben Schulbus einstieg. Ich wusste noch nicht, dass ich, solange ich vom Reservat aus die Schule besuchte, unausweichlich ein Dorn im Auge sowohl des Reservats als auch der Weißen sein würde. Ich war Teil eines Wunschtraums der Weißen, der sich endlich erfüllte: in uns den Menschen zu bewahren und den Indianer zu töten. Warum zwang mich Mutter, die doch Indianerin sein wollte, fort aus dieser Gegend, wo auch der Wind mein Bekannter war? Das habe ich nie verstanden, und deshalb habe ich Mutter nie verziehen.

Es dauerte sechs Jahre und auch noch danach, eigentlich bis heute, dieses Schweben.

Ich kletterte in den Schrottbus hinein und wickelte mich in die Reisedecke. In Gedanken wiederholte ich, was ich heimlich, ohne Wissen von Grant, gelesen hatte. Zuletzt hatte ich eine Untersuchung über Störungen der Hirntätigkeit durchgearbeitet. Dabei erkannte ich Vaters Krankheit: eine Schädigung des Schläfenlappens, eine progressive Amnesie, Gedächtnisverlust durch Trauma oder Verletzung. Es ist außerordentlich selten, aber nicht ausgeschlossen, dass das Gedächtnis des Patienten selbst nach langen Zeiträumen wiederkehrt. Ich horchte im Dunkeln auf das Rauschen der Espenblätter am Rand des Sumpfes und spürte den Duft von fernem Salbei. Irgendwoher war das Dröhnen einer Trommel zu hören, und einen flüchtigen Augenblick lang hoffte ich, in dem Telefongespräch wäre es um das Ableben meines Vaters gegangen. Der Tod ist gewissermaßen ein gnädiger Gast. Ich hatte mir vorgestellt, er würde kommen. Ich hatte es gehofft, ihn gerufen. Dass eines Abends das Telefon klingeln und eine Stimme berichten würde, dass Vater gestorben sei, dass er endlich die Schwelle des nächsten Tages überschritten habe und auf der Reise irgendwohin sei. Ich hatte mir vorgestellt, wie Mutters Kieferknochen sich im roten Slum von Minneapolis anfinden würde oder wie ihre Haare in den Sümpfen hinter der Thunder Bay in Kanada an die Oberfläche treten würden; dass endlich der Augenblick käme, an dem ich wissen würde, was damals geschehen war. Dann würde ich loslassen können, und dadurch würden die Kindheitserinnerungen erwachen. Die erste Berührung und die letzte, beide würden Bedeutung bekommen. Ich hatte von der Trauer geträumt wie von einem alten Kameraden und gehofft, sie würde die Zeit verschwinden lassen, plötzlich würde alles gleichzeitig da sein, das Vergangene und das Kommende.

Aber nein. Vater lebte.

Ich bin zweimal vom Blitz getroffen worden. Hatte Vater das tatsächlich steif und fest behauptet, und was besagte das?

Du musst kommen und die Dinge richtigstellen. Hatte Vater das so gesagt?

Vielleicht nicht, aber das bedeutete das Telefongespräch: einen Hilfeschrei.

Außerdem deine warme, raue Stimme: Ettu hat angefangen, sich zu erinnern. Komm her. Komm zurück.

Und dass Mutter mir einen Brief geschrieben habe, könnte das wahr sein, so eine unbegreiflich warme Brise im Leben, dass die Vergangenheit sich klären und die Knoten sich lösen und ich erwachsen werden könnte, vielleicht war es noch nicht zu spät. Vielleicht würde es auch einem so armen Mädchen wie mir einmal gut gehen. Mit diesem Gedanken schlief ich ein.

2

PFAD DES VERGESSENS  –Wanendamowin-miikanens

oder wie man fünfundvierzig Jahre verliert

AUGUST 2018

Jim Graupelz,

vielleicht kannst du dir vorstellen, wie man sich beim Wiedersehen mit einem toten Menschen fühlen würde, oder zumindest die Sehnsucht danach, denn deine Mutter Meewee wurde durch deine Geburt bei Feuerholzarbeiten im Schnee zerrissen. Oder, verzeih mir, vielleicht bin ich jetzt grausam und genau auf die Weise unvollkommen, wie man es mir nachsagt, denn mein Vater Eduard Haverinen lebte noch, zumindest die Hautfetzen, unter denen die von Krebsnestern höckerigen Knochen hervorschimmerten. Es fiel mir schwer zu begreifen, wie dieser in der kalten Zelle starr dahockende geächtete Mensch mein lieber Vater Ettu sein und meine Existenz ihren Ursprung in seinen Lenden haben konnte, dass dort mein Ettu war, ein freundliches Wesen von der stillen Art, rau und bedingungslos in seiner Liebe, derselbe, der mich wiegte und heimholte von Patti, wenn Mutter böse gewesen war und Vaters Stiefel an den Türpfosten gestellt hatte, er ließ sich nicht entmutigen, sondern fuhr ihr sogar bis nach Washington hinterher, als dort die Indianerrevolution gemacht wurde, er empfing mich, indem er mich in seine starken Arme schloss, und nannte mich Schützling der Sterne. Ich weiß nicht, worauf ich mich eingestellt hatte, wahrscheinlich auf nichts, aber das Mitleid schnürte mir die Brust zusammen, als ich die früher so starken, mich wiegenden Hände des Waldarbeiters in der Blässe des Morgens zittern sah wie durchscheinendes Espenlaub. Ein so zerbrechlicher, vom Leben niedergedrückter Körper, die ewige Schirmmütze mit der Aufschrift Bestreben