Forschungen einer Katze - Katja Kettu - E-Book

Forschungen einer Katze E-Book

Katja Kettu

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Beschreibung

»Lass die Katze kommen, lass sie meinen Roman übernehmen. Katzen wissen viel und kümmern sich wenig.« Als die Protagonistin, die »Schriftstellerin«, eine Fehlgeburt erleidet, verliert sie die Fähigkeit, zu sprechen und zu schreiben. Ihr wird ein Geistführer vom Amt für himmlische Forschung zur Hilfe geschickt. Doch etwas geht schief, und der Abgesandte findet sich im ländlichen Finnland des frühen 20. Jahrhunderts wieder ¬– im Körper einer Katze ... Katja Kettu ist mit einem so berauschenden wie erschütternden Roman zurück: Sie reist durch Zeit und Raum, durch die Geschichte der abgelegenen finnischen Grenzgebiete zu Sowjetrussland, und enthüllt die Geheimnisse, die im Herzen eines uralten und wilden Landes verborgen liegen. »Katja Kettus Roman ist wie ein Tornado, der einen mitreißt und voller Staunen zurücklässt über das, was man gerade erlebt hat.« Maaria Ylikangas, Helsingin Sanomat Newspaper

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Seitenzahl: 370

Veröffentlichungsjahr: 2025

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Katja Kettu

Forschungen einer Katze

Roman

Der Verlag dankt FILI – Finnish Literature Exchange für die großzügige Unterstützung

Die Originalausgabe erschien unter dem Titel

»Erään kissan tutkimuksia« bei Otava, 2023

Copyright © Katja Kettu, 2023

German language edition published by agreement with Katja Kettu and Elina Ahlback Literary Agency, Helsinki, Finland

Für die deutsche Ausgabe:

© Weissbooks Verlagsgesellschaft mbH, Berlin 2025

Alle deutschsprachigen Rechte vorbehalten

Aus dem Finnischen von Tanja Küddelsmann

Umschlag, Gestaltung und Satz:

© Harald Hohberger Grafikdesign, Berlin

Unter Verwendung des Motivs »Gaze of Mystery« von

© Carolina Lutyens:https://carolinalutyens.com

ISBN 978-3-86337-229-3

www.weissbooks.de

insta: weissbooksverlag

[email protected]

Wer das Wort hat, hat die Macht.

Finnisches Sprichwort

Inhalt

Prolog

TEIL I

ERSTES KAPITEL

Die Katze

Die Katze

Die Katze

Eevas Tagebuch 10.8.1917

Die Katze

1917 Die Katze

1917 Die Katze

1917 Die Katze

1917 Die Katze

ZWEITES KAPITEL

Die Katze

Die Schriftstellerin

Die Katze

Die Schriftstellerin

Die Katze

Die Schriftstellerin

Die Katze

Die Schriftstellerin

Die Schriftstellerin

Die Schriftstellerin

DRITTES KAPITEL

1918 Die Katze

Eevas Tagebuch 9.1.1918

1918 Die Katze

1918 Die Katze

1918 Die Katze

1918 Die Katze

1918 Die Katze

Eevas Tagebuch 12.3.1918

1918 Die Katze

Eevas Tagebuch 15.3.1918

1918 Die Katze

Eevas Tagebuch 4.4.1919

1919 Die Katze

Eevas Tagebuch 7.4.1919

1919 Die Katze

Eevas Tagebuch 15.4.1919

1919 Die Katze

VIERTES KAPITEL

Die Katze

Die Schriftstellerin

Die Katze

Die Schriftstellerin

Die Katze

Die Schriftstellerin

Die Katze

Die Katze

Die Schriftstellerin

Die Katze

Die Katze

Die Schriftstellerin

Die Katze

Die Schriftstellerin

Die Katze

Die Schriftstellerin

Die Katze

Die Katze

Die Katze

Die Schriftstellerin

FÜNFTES KAPITEL

1919 Die Katze

Mahtes Brief 23.4.1918

Eevas Tagebuch 7.7.1919

Mahtes Brief 8.9.1918

Mahtes Brief 20.1.1919

Mahtes Brief 15.8.1919

Eevas Tagebuch 20.8.1919

1919 Die Katze

1919 Die Katze

Vernehmungsprotokoll I

Vernehmungsprotokoll II

Vernehmungsprotokoll III

Mahtes Brief 4.12.1919

1919 Die Katze

SECHSTES KAPITEL

Die Schriftstellerin

Die Katze

SIEBTES KAPITEL

Eevas Tagebuch 2.7.1920

1920 Die Katze

Eevas Tagebuch 8.10.1920

1920 Die Katze

1921 Die Katze

1921 Die Katze

1921 Die Katze

Eevas Tagebuch 16.6.1921

1921 Die Katze

ACHTES KAPITEL

Die Schriftstellerin

Die Schriftstellerin

Die Schriftstellerin

Die Schriftstellerin

Die Schriftstellerin

Die Katze

TEIL II

ERSTES KAPITEL

Die Katze

1930 Die Katze

Eevas Tagebuch 16.6.1930

1930 Die Katze

1931 Die Katze

1931 Die Katze

Eevas Tagebuch 19.7.1932

1932 Die Katze

Eevas Tagebuch 15.1.1932

1932 Die Katze

1932 Die Katze

1932 Die Katze

1932 Die Katze

1933 Die Katze

Eevas Tagebuch 13.8.1933

1933 Die Katze

1934 Die Katze

ZWEITES KAPITEL

Die Katze

Die Katze

Die Katze

Die Katze

DRITTES KAPITEL

1939 Die Katze

1939 Die Katze

1939 Die Katze

1939 Die Katze

1939 – 1945 Die Katze

Eevas Tagebuch 24.4.1940

Eevas Tagebuch 2.8.1940

Eevas Tagebuch 9.11.1944

Eevas Tagebuch 3.5.1945

1945 Die Katze

VIERTES KAPITEL

1945 Die Katze

Eevas Tagebuch 9.8.1945

Eevas Tagebuch 25.8.1945

1945 Die Katze

1945 Die Katze

Eevas Tagebuch 15.8.1946

1948 Die Katze

1948 Die Katze

1948 Die Katze

FÜNFTES KAPITEL

Die Katze

Die Schriftstellerin

Die Katze

1953 Die Katze

Die Katze

Die Schriftstellerin

Die Schriftstellerin

Die Katze

Die Schriftstellerin

Die Schriftstellerin

Die Schriftstellerin

Die Katze

SECHSTES KAPITEL

Die Schriftstellerin

Eevas Tagebuch 10.10.1979

1979 Die Katze

Die Schriftstellerin

Die Schriftstellerin

Die Katze

Nachbemerkung

Prolog

Das Meer, in dem wir Fermentierte Seelen schwimmen, besteht aus einer Art Seinsdunst. Es ist schön, sich darin treiben zu lassen. Hier ist nichts richtig oder falsch herum, es gibt kein Oben und kein Unten, immer beobachtet uns das Auge Gottes, aber es ist unklar, von wo aus das geschieht. Ich bin Teil eines Weltgeistes, der sich außerhalb von mir fortsetzt, einer Art von Energie. Und doch existiere genau ich – denn ich habe ein Gedächtnis und ein Bewusstsein, und ich bin von der Erde hierhergekommen. Genauer gesagt, war ich dort schon oft, und aus einem bisher unbekannten Grund werde ich auch bald dorthin zurückkehren. Dort bekomme ich eine Aufgabe, die noch nicht feststeht oder manifestiert ist. In jedem Fall soll ich irgendeine Kette von Ereignissen zu Ende führen, denn so etwas tun wir, wir, die wir viele Namen haben und doch namenlos sind.

Ein Wort an mögliche irdische Leser: Falls euch diese Schilderung irritiert – es geht hier nicht um chaotisches Wortgeklingel oder ekstatische Zustände von emotionalem Tumult. Ich bin ein Geistführer, und zwar ein guter, eine gebildete und sympathische Person (wobei der Begriff »Person« es auf amüsante Weise nicht genau trifft, eher bin ich eine Art Ermittler oder Forscher, auch wenn meine Methoden variieren). Alles Wissen, das ich je gesammelt habe, ist im Archiv des Amtes für Forschung und Unterstützung der Lichten Lebensformen gespeichert. Nein, ich will euch nicht irreführen. Im Gegenteil, ich will die Wahrheit berichten. Und als Allererstes will ich erzählen, wie und wo alles begann.

Der Ort, wo ich mich das eine Mal befand, war eine Art Jenseits, nicht unbedingt die Hölle, aber erst recht nicht der Himmel. Ich konnte dort öfter Vögel mit ledernen Flügeln beobachten, aber sie flogen immer mit dem Bauch nach oben, und ich habe mir sagen lassen, dass sie zu jenen Kreaturen gehören, die auf dem Grund von Fjellseen überwintern oder jenseits des Himmels. Einmal habe ich hier einen Aufzug herauffahren sehen, wie das eine Mal in einem Hotel in Wien, mit Ziehharmonikagittern und wunderschön geschnitzten Eichenparavents dahinter, die sich lautlos öffneten, doch es war niemand darin. Ansonsten war es ruhig. Manchmal hörte man ein Singen oder Summen, nichts, was man mit menschengemachter Musik vergleichen könnte. Alles in allem fühlte es sich an wie in einem riesigen, glücklichen Schoß, das Gegenteil von Nichts und doch unerreichbar für jedes Bewusstsein. Wie ein Meer, aber nichts daran war nass oder matschig, und dieses Meer hatte keinen Anfang und auch keine Masse. Purzelte man einmal versehentlich ein wenig aus dem allumfassenden Leuchten heraus, hörte man ein leises Gedankenflüstern, denn die alten Seelen, die schon mehrmals gelebt hatten, träumten von dem, was ihnen früher einmal widerfahren war.

Mir kommt es seit Anbeginn der Zeiten zu, auf die Erde herabzusteigen, eine zuvor nicht definierte Gestalt anzunehmen und eine Aufgabe zu erfüllen, die sich mir allerdings erst eröffnet, wenn ich schon unterwegs bin und meine Form sich manifestiert hat. Ich könnte mich zum Beispiel in einer Liane verkörpern, die im Regenwald einen bestimmten Pilz an einem Baumstamm in schwindelnde Höhen befördert, damit er dort vor sich hin glitzern kann. Einmal bestand meine Aufgabe darin, den Gefühlen von Flussperlmuscheln zu lauschen, und ein anderes Mal habe ich auf einem schmerzerfüllten Acker gearbeitet, der nichts als Steine aus seinem Schoß hervorgepresst hat. Steine über Steine, statt Weizen. Ich habe diesem Acker zugehört und ihm gut zugeredet, und es hat geholfen. Diese Aufgaben habe ich bisher immer gut bewältigt. Aber dann wurde ich irgendwie befördert.

In den letzten paar Jahrtausenden hat sich das Amt auf Menschen spezialisiert. Wie ich gehört und in den Archiven nachgelesen habe, ist der eine oder die andere von uns mit richtig wichtigen Männern betraut gewesen. Heurekanische Schnauzbärte und Sextantenbenutzer, Himmelsvermesser, Fehlgeher, Vogelfreie, Exkommunizierte, die dennoch später immer begnadigt und mit Balsam eingerieben wurden und zu höchstem Ruhm gekommen sind.

Es gibt Bücher über Forschende wie mich, die sich grundlegend geirrt haben. Einer hat sich zum Beispiel über die Größe der Stadt Babylon gefreut und sich dann über ihren Zusammenbruch gewundert. Es gab einen, der vollkommen glaubwürdig voraussagte, die Labyrinthe des Minos auf Kreta könnten niemals von einer Riesenwelle getroffen werden. Ein anderer dachte, die Druiden, die zwischen den Steinsäulen von Stonehenge herumwandeln, seien die Antwort auf alle Fragen der Menschheit, wiederum ein anderer sah die Essenz des Menschseins im Volk der drei Feuer, den Anishinabe, die ihre Geheimnisse auf Schriftrollen aus Baumrinde ritzten. Heute gilt all das als misslungenes Experiment, diese desolaten Kulturen gingen unter. Die Indianer wurden sogar in Reservate gesperrt und durchs Feuerwasser gezogen. Keines dieser Experimente ist im Hinblick auf die kosmische Weiterentwicklung oder die Ansprüche des Höchsten Amtes geglückt, diese Forscher wurden wegen ihrer dürftigen Aufzeichnungen degradiert und müssen heute Heilkräuter sortieren.

Man hat mich gewarnt. Der Mensch ist insofern ein kompliziertes Forschungsobjekt, als er schwer zu kontrollieren ist. Er ist stur und hört nicht zu. Er glaubt, ihm sei die Schöpfung untertan. Als Spezies gibt er sich nicht mit seinem Schicksal zufrieden, das nach jeder Logik schon vor Jahrmillionen elend und tödlich hätte ausgehen müssen. Der Mensch ist ein ungeschicktes, unpraktisches Wesen, und noch dazu ekelhaft barhäutig ohne irgendeinen schützenden Pelz. Sein Becken ist für Geburten denkbar schlecht geeignet, und sein Gehirn verbraucht viel zu viel Fett und Proteine. Der Mensch will immer selbst entscheiden und glaubt, er kann alles schaffen, obwohl ihm fast nichts von dem gelingt, was er anfängt. Seht doch nur, was gerade mit der Erde los ist! Sie leidet und geht vor die Hunde, und das nur wegen dieser einen vermehrungswütigen, dummen, aufbrausenden Spezies. Der Mensch ist ein lächerliches Etwas, ein unnatürlicher Parasit, Gottes vollkommen entbehrliche Ruhetagserfindung, die aus irgendeinem Grund auf den Radiowellen des Universums nichts als Kummer und Disharmonie verursacht.

Aber ebenfalls aus irgendeinem Grund und vielleicht genau wegen dieser Unausgewogenheit hat das Amt der Arbeit mit den Menschen zumindest vorübergehend die höchste Priorität eingeräumt, und nur wenn man sich als Forscher in diesem Bereich hervorgetan hat, hat man eine Chance auf das ewige Nirwana. So habe ich es jedenfalls verstanden.

Die Lichtklingel in meinem Innern blinkt auf. Es geht los. Ich freue mich. Und nun erhalte ich auch die Koordinaten: Ich reise laut der menschlichen Zeitrechnung in die 2020er Jahre, in die Hauptstadt eines nördlichen Landes, wo ich auf irgendeinen Schriftsteller treffen soll. Helsinki, der Nobelstadtteil Eira direkt am Meer. Ich versuche, mir die Namen zu merken und schlage sie im Atlas des Universums nach. Ein bisschen ab vom Schuss liegt es ja schon, keins der großen europäischen oder asiatischen Zentren von Geist und Bildung. Eine neue, erst 1812 proklamierte Hauptstadt, früheres russisches Herrschaftsgebiet, das Land erst gut hundert Jahre unabhängig. Ein paar Steinhäuser, felsige Hügel mit einer an sich ganz schönen weißen Domkirche. Engagierte Architekten, Büchermacher, zu wenig ständebedingte Klassenunterschiede.

Nicht ganz das, was ich mir vorgestellt hatte: hohe, stille Bibliothekssäle in irgendeiner ewigen Universitätsstadt, das Dröhnen von Kirchenglocken, Wasserspeier, die aus dem Schatten altersgeschwärzter gotischer Säulen herabstarren. Ist das jetzt vielleicht irgendein grausamer Scherz, weil ich meine vorherige Mission nicht abgeschlossen habe?

Aber schließlich keimt doch Vorfreude auf. Die Aufgabe ist eindeutig wichtig, Klassifikation A1, mit der Unternummer 158B, ganz klar ein Hinweis auf die Entstehung neuen Lebens. Vielleicht steht ja das Stammweibchen des Schriftstellers, seine Frau also, kurz vor der Niederkunft und ich werde als Seelenführer gebraucht. Solche Aufgaben sind ehrenvoll, selten und begehrt und haben die Neigung zu misslingen. Wenn ich diesmal Erfolg habe, schaffe ich es bestimmt in die Ewige Ruhe oder wenigstens auf die Höchste Stufe. Ich hoffe schon lange darauf und male es mir immer wieder aus.

Dann spüre ich, wie ich über das helle, kalte Auge Gottes gleite. Ich gerate in einen Strudel, mein Bewusstsein verengt sich und lässt das vertraute, summende Meer außen vor, ich fühle, wie ich gewissermaßen gleichzeitig nach unten gezogen und nach oben geschleudert werde, ich falle oder trudele – aber eigentlich spielt das keine Rolle, ich mache mir nichts aus Himmelsrichtungen, sie waren auch vorher schon unwichtig. Ich warte darauf, dass meine Gestalt sich materialisiert. Denn aus Erfahrung weiß ich, dass mir irgendwann Gliedmaßen wachsen und Adern, durch die dann Blut fließt. Mein Herz beginnt zu schlagen, und meine Knochen blühen auf wie eine schmerzvolle, schneeweiße Seerose. Ich bin an einem dunklen Ort, ist das etwa die Gebärmutter eines Menschenweibchens? Ja, das ist es. Ich spüre die pulsierende Wärme um mich her und jubele. Ich bin auf dem Weg, ein Kind zu werden! Und gleichzeitig fühle ich, dass mein hasenartig pochendes Herz plötzlich erlahmt. Was ist los? Ich gerate in Panik. Ich versuche die Augen zu öffnen, und ich sehe im Gegenlicht noch die erschauernden Adern, ich spüre, dass ich in der Gebärmutter bin, dem besten Ort, den das Weltall je erfunden hat.

Doch dann tut sich etwas.

Ich versuche meinen Körper zu spüren, aber irgendetwas stimmt nicht, ich fühle das warme, pulsierende Nest um mich her nicht mehr, ich bin von nichts mehr umgeben. Ich leuchte auf und verlösche wieder, ich entwische aus meinem Wesen wie ein Rabe aus dem Mund des Teufels.

Diesmal ist tatsächlich alles komplett schiefgegangen. Auf einer kurzzeitig aufblitzenden Ebene zwischen Erkennen und Verstehen nehme ich wahr, dass ich doch nicht in einen Fötus kurz vor der Geburt eingetreten bin, sondern ich trudele durch die Zeit, zuerst schleudere ich zwischen weißen Kacheln hin und her, werde gegen die Brutstätten des Seins gepresst. Zu heftig, bam, bam, bam. Dann knalle ich gegen eine Kreatur, dringe in ihr Hirngewebe und ihre Adern ein wie eine tobende Toxoplasmose.

In meinem Kopf rauscht und dreht sich alles, als würde ich in einem herrlichen dunstigen Strudel treiben. Und gleichzeitig spüre ich eine neue, fremde Kraft. Das Blut durchströmt mich kräftiger als in allen meinen früheren irdischen Gestalten.

Plötzlich habe ich das dringende Bedürfnis, warmes, pulsierendes Blut direkt aus einer Halsschlagader zu trinken. Was ist hier eigentlich los?

Ich öffne die Augen und sehe mein Spiegelbild im stillen Flusslauf, der bald zu einer schäumenden Stromschnelle wird. So sollte das nicht laufen! Der völlig falsche Zeitpunkt und der völlig falsche Ort. Meine Augen sind die gelben Augen eines Raubtiers, und ich kann einfach nicht glauben, was ich da sehe. Und gleichzeitig spüre ich, dass es wahr ist.

Ich habe mich, und das ist mir selbst peinlich, in irgendein Tier verwandelt. Ich habe schwarze Pfoten und Krallen, die sich auf meinen Befehl hin in eine hornige Männerhand bohren. Ich rieche den Duft der Traubenkirsche, ich spüre die Gischt der Stromschnelle an meinen Schnurrhaaren und das Rauschen des Pajakka-Flusses in meinen Ohren. Ein Schauer läuft mir über den neuen, sehnigen Körper. Ah, und jetzt wird es mir klar. Ich, der ich nun mit neuen Gliedmaßen und einem neuen Pelz ausgestattet bin, habe offenbar auch die Fähigkeit, Auren und Wärmeströmungen zu erspüren.

Ich wiederhole im Geist: Aus mir ist irgendein Tier geworden. Und nicht nur irgendeins.

Denn zweifellos bin ich jetzt, unverrückbar und auf erschreckende Art und Weise, zur Katze mutiert.

TEIL I

ERSTES KAPITEL

Die Katze

Das hier ist nicht Eira, und wir befinden uns nicht in den 2020er Jahren, wo ich mich eigentlich hätte materialisieren sollen. In meiner Not versuche ich, die Situation zu erfassen, den Ort, wo ich in Zeit und Raum herausgeplumpst bin. Ich schicke eine Anfrage ans Amt. Aber irgendwie kommt die Verbindung nicht zustande, es ist nur ein leises Knistern zu hören, und mein Empfänger funktioniert nicht wie sonst. Das Einzige, was ich aus dem schwächer werdenden Signal des Großen Leuchtens heraushöre, ist, dass man den Sommer 1917 schreibt. Wir befinden uns im russischen Gouvernement Finnland, irgendwo im Norden. Nicht im Süden, sondern an einem wilderen Ort und zu einer anderen Zeit. Ein großer Weltkrieg ist im Gange, schon seit drei Jahren, und ein Land namens Finnland existiert noch nicht, es gibt nur ein bockiges russisches Gouvernement im Westen des Landes, mit merkwürdigen Unabhängigkeitsbestrebungen.

Und es wird immer schlimmer. Der Ort, an dem wir jetzt sind, liegt im Osten, eine vollkommen unbedeutende Gegend. Puutteenperä, Hungerland, Drangnest. Hier klingelt kein Telefon und fährt keine Bahn. Blockhäuser, ungepflasterte Knüppelwege. Irgendeine Kirche, Markttreiben. Aber bevor ich das näher analysieren kann, packt mich eine harte Hand im Nacken und rammt mich in eine schleimige Reuse. Bevor ich überhaupt mit irgendetwas anfangen kann, will man mich anscheinend gleich zu einer Art Krebsköder machen. Ich fauche und kratze, ich wehre mich, aber es hilft nichts. Ich hänge schon halb in der eisigen Strömung, als eine Stimme sagt: »Lass das, Hartikka. Lass das Kätzchen in Ruhe. Gib es her.«

Die Hand hält inne, zögert, dann höre ich ein wieherndes Lachen: »Eeva, du willst mich wohl immer noch nicht ranlassen, was?«

Die Katze

Aus irgendeinem Grund weiß ich, dass die junge Frau, die mich davor rettet, ertränkt zu werden, Eeva heißt, so alt ist wie das Jahrhundert und irgendwie mit dieser Schriftstellersache zusammenhängt.

Soll hier jetzt etwa die ganze Familiengeschichte dieses Schriftstellers erzählt werden? Denn dafür habe ich in meinen Forschungen weder Zeit noch Raum, bei meinen beschränkten Ressourcen. Normalerweise wird das ganz schnell abgehandelt.

Aber was ist jetzt wichtig? Auf den ersten Blick erscheint mir das hier wie ein schlechter Scherz des Höchsten Amtes. Vielleicht macht sich in der Abteilung B145 jemand gerade vor Lachen in die Hose. Nach dem Motto: Verwandle dich in eine Katze, und dann sieh zu, wie du klarkommst. Probier es einfach.

Keine Ahnung.

Jetzt greift mich jemand und trägt mich fort.

Die Gischt der Stromschnelle benetzt das Kleid, das aus Wolllappen zum Scheuern von Teerfässern genäht und an den Säumen mit Schafgarbe und Rainfarn gelb gefärbt ist. Eeva bindet mich mit den Ärmeln vor ihrer Brust fest, wo es nach dem Rot des Blutroten Hautkopfs duftet, mit dem sie das breite Band rund um den Ausschnitt gefärbt hat.

Der Grobian, der mich in die Reuse gesteckt hat, kommt über den Steg heran, stellt sich direkt hinter sie und betatscht sie. Er flüstert: »Ich kenn dich doch. Du bist wild, aber ich zähme dich schon noch.«

Er bohrt ihr das Knie zwischen die Beine. Ein kräftiger Tritt, der Mann stöhnt auf.

»Ich weiß mich schon zu wehren«, zischt die junge Frau.

»Kann gut sein, aber das willst du in Wahrheit gar nicht. Du bettelst doch drum.«

»Hau ab, Hartikka, probier es bei Schwächeren.«

»Willst du lumpiges Verdingfrüchtchen dich etwa mit mir anlegen?«

Dann geht es weiter, hinein ins Markttreiben und den Menschenlärm.

»Der hat sie nicht alle, der Schuft«, flüstert die Frau und drückt mich an sich: »Von innen hässlich wie die Nacht, warum begreift das bloß keiner?«

Auf dem Weg am Flussufer hat man das Gefühl, dass die Marktbesucher, die aus ihren Booten steigen, sie schräg ansehen, denn die Tochter der Wilden Kaisa soll angeblich noch die alten Sprüche kennen, auch solche, für die man die Peitsche bekommt oder in den Fußblock gesteckt wird.

Gleichzeitig versuche ich, mir Klarheit über meinen Zustand zu verschaffen. Eine Katze. Was ist das überhaupt? Felis silvestris lybica, die afrikanische Wildkatze, ein Wüstentier, das sich dem Menschen vor allem deshalb angeschlossen hat, um in Getreidespeichern nach Ratten zu jagen.

Ich habe spitze, abstehende Ohren. Und bevor ich weiß, wie mir geschieht, schaufele ich mit diesen neuen Lederspateln Geräusche und höre auf dem Arm der Frau ihren Herzschlag und das liebliche Pochen des Blutes in ihren Adern. Nein, ich höre es nicht nur, sondern ich rieche das Blut auch, das seinen Duft verströmt und hinter der dünnen Hautwand an ihrem Hals pulsiert. Und ich sehe die Wärme und eine hell leuchtende blaue Aura. Eeva trägt in ihrem Korb und einem Tornister aus Birkenrinde Teigtaschen mit Preiselbeeren, die sie auf dem Markt verkaufen will. Ihr Herz pocht kräftig, erst vor Wut, dann aus anderen Gründen. Vor Erwartung, wie mir klar wird. In diesem Mädchen sprüht die Freude, ihre Worte flirren heute besonders verspielt, und sie schreitet in den ausgetretenen Rindenschlappen frei aus. Schon länger hat es in ihren Träumen gute Vorzeichen gegeben.

Es hilft nichts, ich muss wohl anfangen zu erzählen.

Auf dem Markt, an dem einige Holzhäuser und das steinerne Rathaus stehen, herrscht reges Treiben. Manche haben einen Unterstand dabei, der sie vor Regen schützt, die meisten nur Körbe.

Die Atmosphäre ist aufgeregt und ausgelassen, ins Kirchdorf kommt man selten. Aber ich spüre auch eine unterschwellige Wut. Außerdem sind alle angefressen, weil der Wagen und das Zelt, in dem bewegte Bilder gezeigt werden sollten, angeblich irgendwo bei Marraskoski in den Fluss gestürzt sind. Die Leute sind gierig nach den Bildern, doch die wird man hier so schnell nicht wieder zu sehen bekommen.

Abseits von den anderen haben sich die Leute von Hartikka aufgebaut, mit ihren selbstgebastelten weißen Armbinden aus Segelstoff oder Leintüchern, die sie als Mitglieder des Schutzkorps ausweisen.

Auf einem Heuballen sitzt mit zerzaustem Bart Renne Matoperä, der, wie man hört, Künstler mit dem Boot über die Stromschnellen nach Weißkarelien schippert. Genies aus dem Süden wie Akseli Gallen-Kallela, Eero Järnefelt und I. K. Inha, große Männer anscheinend, denn sie kriegen überall Schnaps angeboten. Die Leute lassen sich die Namen auf der Zunge zergehen: warum Gallen und dann noch Kallela, und ob es stimmt, dass er ein Bild vom Lentua-See gemalt hat. Das, wo Aino aus dem Kalevala-Epos sich ertränken will. Und was heißt überhaupt dieses I und K und Inha, das riecht doch irgendwie nach Fischabfällen.

Die Leute reden sich den Mund fusselig und können nicht glauben, dass sich jemand für diese Einöde hier interessieren kann. Aber es kommt vor. Es kommt vor.

In einiger Entfernung, hinter den Pferden und ihren Wassertrögen, hängen die Roten herum. Dort will Eeva hin, neben den Buchbinder und den fliegenden Händler aus Karelien, weiter hinten wird ein Wallach der russischen Dragoner beschlagen. Aus der Gruppe der Roten stechen zwei junge Männer besonders heraus. Der eine schreit etwas vom Staatsgesetz, das die Bürgerlichen mithilfe der russischen Duma verhindern wollen, und wischt sich mit einem roten Tuch den Schweiß von der Stirn. Daneben steht ein ruhigerer Vertreter, in der Hand das Buch Schlüssel zum Kalevala von Pekka Ervast. Sein Blick schweift zu den Butterblumen unter dem Pferdetrog, zu den Kopftüchern der alten Karelierinnen, zum Pferdemist an der Schuhsohle der Skoltsami-Frau, die Rentierfleisch verkauft. Dieser Blick sucht etwas, etwas Bestimmtes, das spürt man. Und dieser Bursche heißt Mahte. Woher kann man das nun wieder wissen?

Ich weiß es eben einfach.

Und weil ich nicht weiß, warum ich ausgerechnet in dieser Zeit gelandet bin und ob das nicht einfach ein Versehen ist, kann ich nur mitgehen. Also berichte ich einfach über diese besonderen Ereignisse und lausche den Sprüchen von Mahtes Bruder Johan mit der hohen Stirn: »Wir haben genug von diesen bürgerlichen Machenschaften! Eine Missernte nach der anderen, der einfache Arbeiter muss dafür büßen, nur Hartikka geizt mit seinem Getreide!« Er zeigt auf die Schutzkorpsleute. »Im Sumpf müsste man die versenken!«

»Nun rede nicht so einen Unsinn, Johan«, brummt Mahte. Seine Stimme klingt ruhig, er ist es anscheinend gewohnt, andere zu mäßigen.

Eeva hat ihre Teigtaschen wie immer im Nu verkauft und verjubelt einen Teil der Einnahmen beim Buchbinder für kleine Heftchen und ein Tagebuch mit schwarzem Einband. Und an diesem Stand treffen sich ihre Blicke.

Die Katze

An diesem Tag sieht Eeva Mahte, und Mahte sieht Eeva. Eeva schreibt später in ihr Tagebuch: Und wie der Mahte mich angeguckt hat. Mich, einfach nur mich. Und er hat in mir nicht das Verdingkind oder ein bemitleidenswertes Mädchen gesehen, sondern eine Frau. Und sein Blick war der eines guten Menschen. Die Augenfarbe und die Gesichtszüge weiß ich nicht mehr, aber sein Ausdruck war irgendwie so jugendlich-offen, und aus irgendeinem Grund dachte ich, mit dem Mann könntest du gut Pilze sammeln gehen, im Moos sitzen und einfach reden. Und mir ging in dem kurzen Augenblick noch mehr durch den Kopf, aber das sind so Frauensachen, die was mit Lebenskraft und zwischen den Beinen zu tun haben, und das will ich hier lieber nicht schreiben.

Beide haben ein Buch in der Hand. Ich versuche mir vorzustellen, was Mahte in Eeva sieht. Ein Mädchen, das in einer Hand ein Buch hält und mit der anderen ein Kätzchen zwischen ihre Brüste drückt. Nichts davon hätte den Sohn eines Bauern interessieren müssen. Und Mahte hat auch schon von ihr gehört. Eeva. Ein Verdingmädchen aus Reutuaapa, vielleicht ein bisschen blutarm. Tochter der Wilden Kaisa.

Aber Mahte löst sich aus der Gruppe mit den revolutionären Gedanken und geht auf Eeva zu.

Und natürlich weiß Eeva, wer Mahte ist. Hier kennt jeder jeden und zieht seine Schlüsse.

Mahtes Familie besitzt viel Land und Wald in Perukka. Der ältere Bruder Johan würde alles erben, wenn er sich von seinen roten Ideen lossagt, und falls seine Veranlagung kein Hindernis darstellt. Der jüngste Bruder Hermanni ist im Kielwasser des finnischen Birkenpechs nach Amerika gegangen, und der große Bruder Johan ist trotz Landbesitz ein gnadenloser Sozialist. Die Mutter Helmi ist als streng und unnachgiebig bekannt, und der Herr von Alkula, Mahtes Vater, ist der Realität schon so weit entrückt, dass er die Wölfe für Kuhhirten hält, und weil die Wölfe die Rinder nicht gerissen haben, wurde das als eine Art Pakt mit dem Teufel gesehen.

Aber warum fällt Mahtes Blick auf Eeva, was braucht er? Als Forscher versuche ich, das zu verstehen. Vor allem braucht Mahte eine tüchtige Frau für sein Haus. Eine Partnerin, mit der er Kinder zeugen und das Leben fortführen kann, so wie es jedes Lebewesen auf der Erde will, weitermachen, sich fortpflanzen, das ist ja das Ziel allen Lebens. Aber da ist noch mehr. Vielleicht Zärtlichkeit, denn in Mahtes Augen fließt das Mädchen über vor Wärme und Kraft, ein Bedürfnis ähnlich dem, das sie auch hat. Ein Hunger, eine Gier nach einem weicheren Leben. Die Sehnsucht nach Liebe.

Später schreibt Eeva: Die Kaffeemühle. Mit diesem Wunderding hat Mahte mich als Braut nach Saari auf die Insel gelockt. Was das angeblich für eine Sensation wäre.

Aber hier auf dem Markt wird erst einmal das Gelände sondiert. Man spricht übers Wetter und zieht sich dann ein wenig zurück, weg von den fliegenden Kareliern und Lumpenkrämern, vorbei an den Kartenspielern und Pferdehändlern. Dann schläft das Gespräch ein, und Eeva blickt um sich, als wolle sie gehen. Mahte wird nervös. Jetzt muss er einen richtig großen Köder auswerfen.

»Weißt du, was ich zuhause habe? Das errätst du nie!«

»Und was soll das sein, was andere Leute nicht haben?«

»Eine Kaffeemühle.«

In Eeva breitet sich ein warmes Gefühl aus. Das ist wirklich ein großer Luxus. Kaffeebohnen gibt es nicht mal im Kolonialwarenladen in Kuusamo zu kaufen.

»Hast du denn auch Bohnen dafür? Dass du was zu mahlen hast?«

»Mein Bruder schickt mir welche aus Amerika. Geröstet in Brooklyn«, sagt er.

Ein Bruder in Amerika und ein großer Bruder, der den Hof erbt. Hermanni und Johan. Familie. Seit die Wilde Kaisa tot ist, hat Eeva niemanden mehr, nur einen Platz auf der Pritsche in Reutuaapa und den anrüchigen Ruf eines Verdingmädchens.

Es folgt ein Moment des Zweifels. Eeva mit den selbst gefärbten, aber kunstvoll genähten Kleidern.

»Und was gibst du mir dann?«, fragt Mahte.

Eeva öffnet den Raum zwischen ihren Brüsten, und da kommt es zum Vorschein: ein dürres Kätzchen. Mit eben erst geöffneten Augen schaut es von dort in die Welt.

»Du kannst die Katze hier haben. Sie fängt dir die Mäuse weg.«

Mahte betrachtet das schmächtige kleine Tier, das mit seinem kleinen Mäulchen nach Eevas Finger schnappt. Beide fangen an zu lachen.

»Mäuse, soso. Wo hast du sie her?«

»Die wollten sie auf dem Weg nach Pajakka ertränken. Ich hab das Kätzchen genommen, das am stärksten an meinem Finger gesaugt hat.«

Mahte sieht sie an, verwundert. Was ist das bloß für ein Weibchen, das nicht versteht, dass Katzen sich nun mal vermehren, dass Hunde bellen und man den Großteil der Produkte loswerden muss, die die Natur in ihrer Fruchtbarkeit hervorbringt, Köder für die Krebse eben.

»Hartikka hatte sie aus seiner Reuse am Ufer gezogen.«

Dann folgen einige Augenblicke, die keine echte Zeit kennen, jedenfalls nicht so, wie die Menschen sie verstehen. Für das Große Leuchten jedenfalls hat Zeit eine untergeordnete Bedeutung.

»Kommst du mich besuchen, wenn ich dich darum bitte?«

Eeva ist unschlüssig, vorgeblich, aber ich als Kätzchen nehme ihre Freude und einen schnelleren Puls wahr. Dennoch zögert sie: »Das ist ganz schön weit weg. Perukka.«

»Das stimmt.«

»Und ich gehöre nicht zu den Leuten, die sich einfach so überall einladen.«

»Ganz sicher nicht.«

Eeva überlegt. Sie müsste mit dem Boot die Stromschnellen hinauffahren, das Postpferd kommt mit seinem Wagen nicht so weit. Die Straße nach Sumsa ist die meiste Zeit des Jahres voller Löcher.

»Was kriege ich, wenn ich komme?«

Außer einem schlechten Ruf.

Und einem schweren Herzen.

Beide atmen jetzt so, dass man das Zischen in ihren Nasenlöchern hört und Eevas Herz schlagen fühlt.

»Dann lass uns ein Tauschgeschäft machen«, sagt Mahte. »Ich koche uns Kaffee, und du kannst das Kätzchen mitbringen.«

Eeva drückt das Tier an sich, spürt seinen kleinen vertrauensvollen Körper, die Wärme, das Leben.

»Ich lass es aber nicht bei dir, es ist ja meins.«

Jetzt hätte Mahte die Möglichkeit, die Einladung zurückzunehmen. Aber diesmal siegt der Mut.

»In jedem neuen Haus wird doch ein Mäusefänger gebraucht.«

Das ist bereits ein Versprechen. Das ist es.

Eevas Tagebuch

10.8.1917

Es ist schon Wochen her, dass ich Mahte aus Perukka auf dem Markt getroffen habe. Ich hab lange darüber nachgedacht, ob ich hinfahren soll. Mahte hat mir über den Buchbinder eine Nachricht geschickt, dass er auf mich wartet. Und ich weiß, was das heißt, ich spüre seine Sehnsucht stürmisch in meinen Träumen.

Die Bäuerin sagt, sie schickt mich in den Kartoffelkeller, wenn ich nicht mit Hartikka gehe. Sie meint, der Bauer wird mich im Notfall mit dem Gewehr zu ihm treiben. Aber der ist bei der Waldarbeit oder sonst wo unterwegs, und ich habe keine Angst vor ihm. Ich habe mehr Angst davor, dass ich nicht zurückkomme, wenn ich einmal bei Mahte war. Und wenn er mich gar nicht will? Wenn er sich doch anders entschieden hat?

Ich will ja nicht vor die Hunde gehen, denn ich weiß schließlich nicht, ob er mich nimmt und behält oder ob ich nur ein Mädchen für eine Nacht bin, so wie meine Mutter, die Wilde Kaisa? Sie wurde als Magd aus dem Dorf gejagt, und sie haben ihr sogar noch die Hunde auf den Hals gehetzt. Ein Mann mit freundlichen Augen, der vielleicht dasselbe sieht wie ich.

Aber ich gehe nicht unvorbereitet. Ich habe ein Jungfernbad genommen und den entsprechenden Spruch aufgesagt. Ich habe versucht, meinen Rock zu flicken, und der Bäuerin ein Spitzendeckchen stibitzt, und ich habe mir die Haare mit dem Samtband aus dem Kolonialwarenladen in Wiborg auf dem Kopf zu einer Krone gebunden. Dann habe ich einen Trank gebraut, der in einem Mann Liebe und Verlangen auslöst. Ich habe Klee und Mädesüß hineingestreut, um den Geschmack zu überdecken.

Am Ende habe ich noch in die Kumme gepinkelt, aus der die Bäuerin im Vorbeigehen gerne einen Schluck frisches Quellwasser trinkt. Damit ich auf keinen Fall zurückkomme. Als wollte ich sicher sein, dass es für immer ist. Die Kühe habe ich immerhin zum Abschied gestreichelt, und als ich ging, hörte ich sie für mich singen, nicht dass sie mich vermissen würden, aber doch im Guten.

Und ich habe mir Samen vom Blauen Eisenhut eingesteckt. Die werde ich dort als Erstes aussäen – diese todbringenden blauen Blumen sehen zwar schön und unschuldig aus, aber in Wahrheit sind sie meine Rückversicherung, falls es dazu kommt, dass ich mal jemanden rasch in den ewigen Schlaf versetzen muss. Denn nur der Himmel weiß, wo ich da lande, letzte Nacht hatte ich eine Vorsehung, dass dieser Weg nicht leicht wird.

Dann warte ich noch auf eine Reisegelegenheit. Das kann dauern. Immer wieder überfällt mich die Angst: Was, wenn Mahte ungeduldig wird und eine andere nimmt? Aus der Nachbarschaft. Eine reichere, die ihm mehr entgegenkommt.

Kann ich das? Keiner hat mir beigebracht, wie man ein großes Haus führt.

Ich grübele, ob ich wirklich gehen soll.

Doch. Ich kann das. Also nichts wie los.

Die Katze

In diesem Sommer 1917 sieht man den jungen Mahte auf dem Walstein sitzen. Jeden Tag, stundenlang, verborgen vor den Blicken seiner Mutter Helmi, die vom Garten aus nach ihrem Sohn lauert. Was hat der Bursche vor? Einmal behauptet er, er würde für den Winter Laub für die Kühe sammeln, dann wieder, er würde Fallen auslegen, obwohl er es kaum schafft, einem Hasen den Hals umzudrehen.

Mahte sitzt da, den Blick flussabwärts gerichtet, und wartet, er reckt sich nach der Zukunft. Manchmal kommt das Postboot, manchmal der eine oder andere Genosse, um zu berichten, was in der Welt vor sich geht. Ab und zu fliegen die Fetzen über einen Umsturz und andere Ideen. Man spricht über den Weltkrieg und die Märzrevolution in Russland. Die Zarenfamilie hat sich davongemacht. Oder wurde weggeschafft.

Am Fluss sitzt Mahte jetzt am Lagerfeuer zusammen mit einem anderen jungen Mann, der die gleiche hohe Stirn hat, sein großer Bruder Johan. Der hat eine Wurzelholzpfeife im Mund und stopft sie mit der Geste des künftigen Grundbesitzers. Man hat etwas Wichtiges zu besprechen, denn dem Tee, der über dem Feuer brodelt, ist etwas Schnaps beigemischt. Johan entzündet die Pfeife an einem brennenden Holzspan und räuspert sich.

»Demnächst kommt also dieses Verdingmädchen und guckt sich die Ländereien an?«

»Eeva.«

»Weiß ich. Die Tochter der Wilden Kaisa, dieser Hebamme. Sie soll die alten Sprüche kennen. Nicht konfirmiert. Ziemlich wirr im Kopf.«

»Das stimmt nicht. Sie kann lesen. Und hat einen scharfen Verstand.«

Johan schüttelt den Kopf, Mutter Helmi ist nicht einverstanden.

»So eine Dahergelaufene nimmst du also?«

»Sie heißt Eeva.«

»Mutter ist wütend.«

Viel Wald und Vieh, so ein Verdingmädel kann doch nicht auf einem großen Bauernhof bestimmen, denkt Johan.

»Aber sie wäre nach deinem Geschmack?«

»Wäre sie. Ist sie.«

Der große Bruder sucht nach einer Lösung für das Problem. Dann leuchten seine Augen auf.

»Musst du sie denn unbedingt gleich heiraten? Nimm sie doch als Magd und Geliebte, da kannst du einen Sommer lang mit ihr rummachen, dann schickst du sie zum Heumachen ins Moor, da lässt das Kribbeln schon nach.«

Johan zieht an seiner Pfeife mit dem selbst angebauten Tabak und nickt mit Kennermiene.

Mahte schnaubt: »Du weißt also genau, wie so was läuft?«

»Auf jeden Fall«, protzt Johan.

Mahte ist still.

»Ich kann’s dir sagen. Zuerst redest du mit ihr, schmierst ihr Honig um den Mund, so wie die es mögen.«

»Wer – die?«

»Na, die eben. Diese Mädchen, die leicht zu haben sind.«

Dann zeichnet Johan ein Bild mit vielen Einzelheiten. Ein Bild, das keine Entsprechung hat, nicht in den Heuschobern und Scheunen, in denen Johan die Mägde angeblich befummelt hat.

»Also, zuerst sprichst du freundlich mit ihr.«

»Wie denn?«

»Du fühlst vor, kitzelst sie sozusagen mit Worten. An ihren Bewegungen merkst du dann, ob sie willig ist.«

Das hat der Bauer von Alkula seinem Sohn so beigebracht.

»Und wenn sie zutraulich wird, dann gehst du ran. Nimmst sie bei den Hüften.«

»Wehren sie sich denn nicht?«

»Nein«, sagt Johan und zieht ein letztes Mal an der Pfeife, bevor er sie am Absatz ausklopft.

»Dann kannst du sie küssen, und wenn sie zurückküsst, dann …«

»Ja, was dann?«

»Dann …«, Johan schürt das Lagerfeuer, dass die Funken fliegen, »öffnest du ihre Schenkel, wenn sie nicht von selber drauf kommt. Und da ist dann das Mösenloch, da musst du rein.«

»Na, das weiß ich doch.« Mahte wird rot.

»Und dann nichts wie rein und stoßen.«

Johan klopft die Pfeife noch einmal auf dem Stein aus.

»So machst du das also?«

»Muss ich ja. Als Sohn von einem großen Bauern.«

Alle vögeln doch rum, und am meisten noch der Alkula-Bauer selbst, zumindest bevor er anfing, mit Schatten zu reden und zu glauben, die Wölfe würden die Kühe hüten. So war es immer, und so wird es immer sein, versichert Johan, und Mahte nickt und zweifelt.

Dann geht es wieder um Politik. Die bürgerlichen Finnen haben die Sozialdemokraten bitter verraten und das Staatsgesetz verhindert, das Finnland in der Praxis die Unabhängigkeit gebracht hätte. Von einem Generalstreik ist die Rede. Aber wie kriegt man das hier zustande? Es gibt keine Fabriken, die meisten haben Vieh und Felder voller Steine, das karge Land, das ihnen seinerzeit mit der Großen Teilung zugefallen ist. Jeder bearbeitet seinen eigenen Kartoffelacker.

Aber von der Einen und einzig Richtigen ist nichts zu sehen und zu hören.

Mutter Helmi hat von den Ereignissen auf dem Markt erfahren und wettert: »Dieses Mädchen wird auf keinen Fall Bäuerin auf Alkula!«

Johan ist der Älteste und hat damit des Recht des Hausherrn.

Viele Möglichkeiten hat Mahte daher nicht. Wenn Eeva bleiben will, müsste er sich ein abgelegenes Erbteil sichern und dort am Hang ein eigenes Haus bauen. Und die Leute von Alkula würden ihm dabei nicht helfen. Sie müssten zuerst in der Saunahütte wohnen, von Fisch leben und die Felder selbst urbar machen.

Mahte bricht das Kartoffelfeld auf, spannt sich selbst vor den Pflug und ackert. Er repariert Netze und bastelt aus Draht und Weidenzweigen eine Reuse. Damit rudert er ins Schilf und kontrolliert sie jeden Abend. Das ganze Ding riecht herrlich nach Schleim, Fischschuppen, Schlamm und Tod. Eine Falle, die man mit dem Boot ins Schilf bringt und im Wasser versenkt. Dort hinein schwimmen die flinken Barsche und die langschnäuzigen Hechte, die man dann aus ihrer nassen Heimstatt zieht, damit sie die grausame Luft des Herrn atmen. Der Hecht wird mit heißem Wasser getötet und noch am Ufer mit dem Messer aufgeschnitten. Sein Herz pocht in der Hand weiter, und wenn der Abend gnädig ist, bekommt es der Fuchs hingeworfen.

1917 Die Katze

Es ist ein schmucker Tag, der Himmel steht hoch, die Schwalben schneiden durchs Blau, und die Flügel der Libellen werfen Schatten auf den glitzernden Neerstrom. Die Hunde haben am Morgen die Plötzenköpfe aus dem Fischernetz bekommen und liegen nun in der Sonne, alle viere von sich gestreckt. Die Stimmung ist verträumt, still, doch dann ändert sich alles. Mahte sitzt auf dem Walstein und sieht, dass ein fremdes Boot den Fluss heraufkommt. Und als er seine Augen mit der Hand beschattet und zusammenkneift, fängt sein Herz an zu galoppieren, und mit zitternden Händen streicht er sich die Haare zurück und wischt sich die Fischschuppen von der Hose.

Es ist die Frau, und ihre Ankunft ist nicht zu übersehen. Der rote Rock flattert so kräftig, dass sich darunter ihre Schenkel abzeichnen. Eeva will nicht mehr sitzen, sondern steht nun am Bug des Bootes, und Mahte staunt, als würde die Wassergöttin selbst dort aufragen. Eeva trägt kein Tuch auf dem Kopf, sondern eine Zopfkrone, die sie mit Rosenblüten geschmückt hat. Die Hunde erinnern sich wieder an ihre Aufgabe und fangen an zu bellen. Der Ruderer ist Aleksi Leho, sein Vater ist auch in Amerika, fällt Mahte ein. Aber selbst dieser massige Kerl tritt in den Hintergrund, wenn sich das Auge auf die Frau einschießt. Ihr Ausdruck ist stolz, das Kinn vorgereckt. Der Wind fährt ihr ins Haar und löst einzelne Locken aus der Zopfkrone, lässt sie wirbeln und flattern, als würde alles rundum die Ankommende begrüßen.

Eeva springt barfuß an Land, und Aleksi reicht ihr den Tornister aus Birkenrinde aus dem Boot. Mahte befiehlt den Hunden, ruhig zu sein.

»Hat ja gedauert.«

»Der Weg ist weit.«

Eeva ist hinter der Stromschnelle an Land gekommen, an einer seichten Stelle. Zwischen den Steinen ist eine Feuerstelle, und statt der Sauna liegen dort nur Blockbohlen.

Aleksi erledigt seine Aufgaben, er hat Revolutionsblätter und daneben noch Stiefel dabei, die der Bauer von Alkula an guten Tagen ab und zu repariert. Aleksi redet vom Heumachen und über das Wetter, aber ihm wird schnell klar, dass niemand sonst sich für seine Angelegenheiten interessiert. Leicht gereizt macht er sich auf zum Haus von Alkula.

Eeva will schon hinterhergehen, doch Mahte zögert.

»Wollen wir nicht zu euch rein?«, fragt Eeva.

Sie zeigt zum großen Haus. Mahtes Schultern sacken nach vorne. »Noch nicht.«

Und er murmelt: »Das ist so eine Sache.«

Und plötzlich ist die Kriegerkönigin verschwunden, und Eeva steht neu und wie frisch geschlüpft am Ufer. Mit dem Kätzchen im Arm, als sei das ihr ganzer Besitz.

Eeva flüstert: »Miezchen, du bist meine einzige Mitgift. Aber das ist genug, wenn ich gut genug bin.«

»Du bringst ja nicht viel mit«, stellt Mahte fest.

»So ist das Leben. Ein Bündel muss genügen«, gibt Eeva zurück.

Da streckt Mahte die Hand aus und krault die kleine Katze am Nacken. Sein Finger trifft auf Eevas Hand, beide zucken zurück.

»Die Nase einer Jungfrau, der Kopf eines Hasen, die Krallen einer Schlange, aber verwandt mit den Wölfen«, flüstert Mahte der Katze zu, sieht dabei aber Eeva an.

Von irgendwo taucht plötzlich ein kläffender Köter auf, Mahtes Piku. Aber so ist Mahte, und das ist das Einzige, was mir als Katze an ihm verdächtig vorkommt, dass er denkt, diese Töle sei irgendwie sein ganz spezieller Freund. So denken die meisten Menschen. Aber das trifft nicht zu. Hunde schmieren ihnen Honig um den Bart, sie sind so dumm, dass sie sich für alles begeistern, ganz egal, ob sie nach Kadavern suchen oder Wild verbellen.

Mahte kommandiert seinen Köter: »Dieser Katze hier krümmst du kein einziges Haar.«

Die Hände hat er immer noch am Kätzchen und zwischen Eevas funkensprühenden Fingern.

»Bist du im Wald geboren? Wohnt in dir das Wilde?«, fragt Mahte, aber in Wahrheit nicht die Katze, sondern die Frau. »Mutter behauptet, du bist eine, die die alten Sprüche kennt.«

»Welche Sprüche?«

»Die Zaubersprüche. Die verbotenen. Du weißt schon.«

Eeva drückt das Tier mit den pechschwarzen Pfoten an sich.

»Ich hab das im Blut. Aber nie gegen andere.«

»Mir könntest du doch davon erzählen.« Und er fährt fort: »Du hast also altes lappländisches Blut in dir?«

Mahte erinnert sich noch gut, wie die anderen Eeva früher im Pastoratsgarten verspottet haben, als es zur Konfirmation ging. Das Lappenmädchen mit Heu in den Schuhen. Die Gattin des Laestadianer-Pfarrers hielt die anderen einmal sogar dazu an, Gnade walten zu lassen, denn »sie steht ja nicht mit uns auf derselben Stufe«.

»Und du bist Hartikka versprochen?«

»Ist das so?«

»Und, habt ihr schon?«

Eeva hebt das Kinn und sagt patzig: »Nein. So weit kommt es noch.«

Von der Schrotflinte im Nacken sagt sie nichts.

»Ist es schlimm, dass ich ein Verdingmädchen bin?«

»Für mich nicht. Und es gibt Schlimmeres.«

Und Mahte berichtet von seinem jüngeren Bruder, der jetzt in Michigan wohnt, im amerikanischen Lappland, und sich in Keweenaw Bay eine Anishinabe-Frau genommen hat.

»Also eine Indianerin.«

Beide versinken einen andächtigen Moment lang in Gedanken. Denn was weiß man hier schon von den ersten Völkern in Amerika, große, grasbewachsene Ebenen fallen einem ein, ruhig wiederkäuende Büffel, dann Kriegsgeheul und halbnackte Männer mit Federn am Kopf, die mit dem Gewehr im Anschlag auf das Kavallerieregiment hinter dem Hügel zureiten.

»Aber so ist es dort nicht.«

Jetzt sehen die beiden sich an. Der Hund rennt aufgeregt um sie herum und verdirbt mit seinem unnötigen Lärm noch den schönsten Abend und steht dabei in seiner Gleichgültigkeit den Bürgerlichen in nichts nach.

»Für Mutter war das ein ziemlicher Schlag«, sagt Mahte ernst und fängt dann plötzlich an zu glucksen: »Das gab schon ein großes Hallo und viel Aufregung. Dagegen bist du ein kleines Lüftchen.«

»Ach, Helmi kann mit der indianischen Schwiegertochter nichts anfangen?« Jetzt fängt Eeva auch an zu lachen. »Das ist bestimmt hart für sie.«

Und zwei Heiterkeiten verbinden sich zu einer, und die Eisschicht zwischen den beiden zerspringt und schmilzt in der warmen Sonne und löst sich auf, so dass die Luft um sie ins Flirren gerät.

»Über so was reden Männer mit mir sonst nicht.«

»Und junge Mädchen reden überhaupt nicht mit mir … über gar nichts.«

1917 Die Katze

Eeva und Mahte im hohen Gras, zuerst sitzen sie, dann liegen sie auf dem Rücken. Der Himmel ist hoch und schwindelblau, ein paar weiße Wolken gleiten über dem anderen Ufer dahin, sogar der Wind schläft ein. Mahte nimmt einen Grashalm, steckt wilde Erdbeeren darauf, Hexenbeeren, wie man hier sagt, und hält sie der jungen Frau hin.

»Jetzt bricht die Zeit der Arbeiter an. Die Sklaverei hat ein Ende, und die ganze Welt steht Kopf.«

Eeva blickt um sich, schnuppert und horcht. Und das ist gut. Die Luft hier ist dünn, die andere Seite ganz nah.

Und Eeva spürt, wie ihre Seele die Insel annimmt und wie die Insel ihre Seele in sich aufsaugt. Als würde jeder Atemzug des Waldes sich in ihre Richtung strecken, als würde die Erde sie beschnuppern, aufnehmen, annehmen.

»Mutter kann ganz schön grantig sein.«

»Stört dich das? Ich komme schon gegen sie an.«

Aber Mahte sieht skeptisch aus. Kommt irgendjemand gegen Helmi an?

»Zusammen schaffen wir das.«

»Hier könnte man schon gut leben«, sagt Eeva. »An diesem Ort wohnt was Altes, Heiliges.«

Mahte erzählt von der uralten Schlucht am Ostufer und von den Felsmalereien, die er gefunden hat. Eeva nickt zufrieden.

»Das ist gut, das heißt, die Grenze ist hier durchlässig.«

Eeva nimmt Mahte das Versprechen ab, dass er ihr die Felsmalereien zeigt, und sagt, dass sie eine besondere Kraft verströmen. Auf diese Weise ist Eeva mit der Vergangenheit verbunden, auch wenn sie es nicht weiter erklärt.

Aber in der Gegenwart gibt es ein Problem, und zwar, weil Helmi Alkula das Verdingmädchen nicht akzeptiert und es nicht ins Haus lassen will.

»Ja. Wir müssen uns wohl damit abfinden. Du wirst nicht die Bäuerin von Alkula.«

»Macht nichts.«

»Lass uns hier ein eigenes Haus bauen.«

»Hier am Hang?«

Eeva mustert die Erde, legt den Kopf schief und befühlt den Grund mit den Händen.

»Es wird herunterrutschen.«

»Nicht, wenn wir es richtig bauen. Das ist fester Lehmboden.«