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Beschreibung

Seit der Aufhebung der staatlichen Schutzmaßnahmen macht sich in allen politischen Lagern ein Pandemierevisionismus breit. Die Gefahr, die vom Virus ausging und weiter ausgeht, wird kleingeredet, der Gesundheitsschutz als übertrieben bezeichnet oder sogar ins Lächerliche gezogen, die Notwendigkeit weiterer Prävention negiert, an Long Covid leidende Menschen werden stigmatisiert und die Bedürfnisse von vulnerablen Personen kommen in der Diskussion kaum mehr vor. In diesem multidisziplinären Sammelband wird dem Revisionismus auf den Grund gegangen. Autor*innen und Wissenschaftler*innen aus den Bereichen Medizin, Evolutionsbiologie, Pflege, Arbeits- und Gesundheitswissenschaften, Gewerkschaftsarbeit, Philosophie, Politikwissenschaften kommen dabei zu Wort. Neben einer kurzen Sozialgeschichte der Pandemie werden auch die kapitalistische Seuchenproduktion, die Rolle des Staates während der Pandemie, die Zustände der Gesundheitssysteme, ideologische Kollateralschäden der Durchseuchung und die mangelnde Versorgung für Long-Covid- und ME/ CFS-Patient*innen behandelt. Ausgehend vom Befund, dass die gesamte Pandemie hindurch Behindertenfeindlichkeit und Sozialdarwinismus eine tragende Rolle spielen, liegt ein Fokus auch auf der Frage, was geschehen muss, damit vulnerable Personen ungefährdet Teil dieser Gesellschaft sein können.

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Seitenzahl: 450

Veröffentlichungsjahr: 2026

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Für Parisad und László

Frédéric Valin, Paul Schuberth (Hg.)

Die verdrängte Pandemie

Linke Stimmen gegen den Pandemierevisionismus

Bibliografische Information der Deutschen Bibliothek

Die Deutsche Bibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar

Frédéric Valin, Paul Schuberth (Hg.):

Die verdrängte Pandemie

1. Auflage, Oktober 2025

eBook UNRAST Verlag, Dezember 2025

ISBN 978-3-95405-246-2

© UNRAST Verlag, Münster 2025

Fuggerstraße 13 a, 48165 Münster

www.unrast-verlag.de | [email protected]

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Umschlag: Felix Hetscher, Münster

Satz: Andreas Hollender, Köln

Inhalt

Vorwort der Herausgeber

EINORDNUNGEN

Paul SchuberthEine sehr kurze Sozialgeschichte der Coronapandemie

Wolfgang HagenSARS-CoV-2, COVID-19 und die Folgen

Bericht eines Oberarztes auf einer Wiener COVID-19-Station

Paul SchuberthGegen den Pandemierevisionismus

Wahn und Vernunft der kapitalistischen Pandemiepolitik

Autoritarismus in der Pandemie?

Sozialdarwinismus, Eugenik, Ableismus

Exkurs 1: Instrumentelle Einwände

Exkurs 2: Wissenschaftlichkeit als Ideologie

Aktuelle gesundheitliche und soziale Bedrohungen

GRUNDLAGEN

Peer Heinelt Seuchenproduktion

Maximilian HauerL’état, c’est quoi? Staatlichkeit in der Pandemie

Thomas Ebermann – Paul SchuberthDie Ideologie des Kollateralschadens

Ein Interview

Rob Wallace»Wir treiben unseren eigenen Zusammenbruch voran«

Ein Gespräch mit dem US-amerikanischen Evolutionsbiologen, Epidemiologen und marxistischen Autor Rob Wallace

Natascha StroblDer Hass auf alles Schwache

ANWENDUNGEN

Wolfgang HienCorona, Long Covid und Leiderfahrungen – sechs Fallgeschichten

Dania AlastiME/CFS, eine verdrängte Krankheit

Stefan DietlDie Arbeit darf nicht ruhen – Malochen unter Pandemiebedingungen

Karin FischerGlobale Impfhierarchien: Ein hoher Preis

Les Canards MasquéesWo sind die Feminist*innen hin?

Frédéric ValinPandemische Pflege

MÖGLICHKEITEN

Eva HottenrothLuft, mehr Luft, mehr gesunde Luft

Christian BunkeFür einen solidarischen Umgang mit der Pandemie

Eine Checkliste

Literatur

Danksagung

Die Autor*innen

Anmerkungen

Vorwort der Herausgeber

In der öffentlichen Wahrnehmung endete die Pandemie spätestens im Mai 2023. Zu diesem Zeitpunkt verkündete die Weltgesundheitsorganisation (WHO) das Ende der »gesundheitlichen Notlage von internationaler Tragweite«. In derselben Verlautbarung wies sie zwar immer wieder darauf hin, dass diese Aufhebung nicht das Ende der Pandemie bedeute – aber ein kollektives Aufseufzen übertönte alle Differenzierungsversuche.

Von da an war zwar die Pandemie Geschichte, nicht aber das Virus. Die Abschaffung der Kategorie Pandemie war eine politische: Staaten und Gesellschaften waren die Verantwortung los, sich der Krise insgesamt zu stellen; von da an ging es vor allem darum, Krisenspitzen wegzumanagen. Die Verantwortung für eine Infektion und die unvorhersehbaren Folgen verlagerten sich endgültig ins Private.

Seither ist eine kritische Aufarbeitung der »Seuchenjahre« (Maximilian Hauer) vor allem Apologet*innen vorbehalten. Die technokratische Sicht auf die Pandemie hat sich durchgesetzt: War nicht diese oder jene Maßnahme vielleicht etwas übertrieben? Doch selbst die Verteidiger*innen der Maßnahmen verlassen in ihrer Kritik selten das Paradigma der Effektivität. Die Frage lautet stets, wie man durch die Krise zu kommen habe und dabei eine Normalität rette, zu der dann alle – oder zumindest die Übriggebliebenen – wieder zurückkehren könnten.

Sich diesem Terror der Normalität entgegenzustellen, ist die grundsätzliche Idee dieses Bandes. Ihm liegt eine links-humanistische Haltung zugrunde, gerade auch da, wo Autor*innen nicht aus einer linken Perspektive heraus argumentieren. Der Band versammelt Texte aus fünf Jahren zum Pandemiegeschehen, um zu zeigen, dass es anders hätte sein können.

Gleichzeitig hat er nicht den Anspruch auf irgendeine Vollständigkeit. Es geht vielmehr darum, das Thema nicht dem Vergessen anheimzugeben. Wesentliche Punkte der Aufarbeitung sind in diesem Band nur angeschnitten; einige der Lücken werden wir auf der Website gegendenpandemierevisionismus.com zu füllen versuchen.

Dieses Buch ist aus der Überzeugung entstanden, dass eine links-humanistische Perspektive auf die Pandemie fehlt. Im März 2022 sagte Ma Sang-hyuk, Vizepräsident der Koreanischen Impfgesellschaft, dass wer sich bisher nicht mit COVID-19 angesteckt habe, ohnehin keine Freund*innen habe. Dieser Band tritt den Beweis an, dass er falsch lag – und dass es eine Widerrede gibt gegen die Zwangsdurchseuchung und ihre Effekte.

September 2025

Paul Schuberth & Frédéric Valin

Einordnungen

Paul Schuberth

Eine sehr kurze Sozialgeschichte der Coronapandemie

Anfang Januar 2020 machten erstmals Nachrichten über eine neue, mysteriöse Lungenkrankheit aus China die Runde. Ende Januar rief die Weltgesundheitsorganisation (WHO) den Internationalen Gesundheitsnotstand aus. Nun, mehr als fünf Jahre nach Beginn der Coronapandemie, ist die öffentliche Erinnerung an sie bereits verblasst. Ist Verdrängung in allen Formen bloß die naheliegendste Form der Verarbeitung dieses kollektiven Traumas? Weitere Krisen und Bedrohungen unfassbaren Ausmaßes, Kriege sowie die Verschärfung der Klimakatastrophe tragen ebenso nicht dazu bei, die Beschäftigung mit SARS-CoV-2 und dessen Folgen oben auf die Prioritätenliste zu setzen. Aus linker Sicht lässt sich dennoch gut für eine weitere Beschäftigung mit der Pandemie argumentieren. Zunächst wird die Verstärkung ideologischer Kontinuitäten während der Pandemie – wie etwa Sozialdarwinismus, Wissenschaftsfeindlichkeit, Naturalisierung menschengemachter Katastrophen – weit über die Coronapandemie hinaus Bestand haben. Darüber hinaus droht die spätestens ab 2022 gewählte politische Strategie der Durchseuchung der Weltbevölkerung zur Blaupause für weitere Pandemien zu werden. Das legt der aktuelle Umgang mit der Vogelgrippe (H5N1) zumindest schon nahe. Und schließlich bedarf es einer politischen Kraft, die darauf hinweist, dass die Gefahr durch SARS-CoV-2 keineswegs gebannt ist: Das Virus zirkuliert und mutiert weiter, fordert Todesopfer, schädigt in jeder Infektionswelle Lungen, Nieren, Herzen und Gehirne, verursacht schwer zu behandelnde Langzeitschäden, im schlimmsten Fall die chronische Multisystemerkrankung ME/CFS (Myalgische Enzephalomyelitis).

Kurioserweise ist es aktuell vor allem die noch immer anhaltende Pandemieleugnung und -verharmlosung, die die Erinnerung an die Pandemie am Leben hält: Rechte verteufeln weiter mit ungebrochenem Eifer die vergangenen Eindämmungsmaßnahmen und Impfangebote. Sie propagieren – medial durchaus noch beachtet – mit ihrer Form der ›Aufarbeitung‹ gewaltvolle Rache an den verantwortlichen Politiker*innen und angeblich verantwortlichen Wissenschaftler*innen. Sie vergleichen die Zeit der Maßnahmen mit dem Nationalsozialismus. Und sie legen dar, warum die etwa 25 Millionen Pandemietoten[1] und wesentlich mehr Langzeitgeschädigten entweder eine Lüge oder einfach nur unbedeutend sein sollen. Letztlich scheint sich ihr Zorn daran zu entzünden, dass nicht noch mehr Menschen verstorben sind. Warum fällt es der sogenannten demokratischen Mitte nicht leichter, publikumswirksam dagegenzuhalten? Die raren ›Pandemienachbetrachtungen‹ in liberalen Zeitungen beschränken sich meist auf eine Darstellung der Chronologie des Pandemiegeschehens; oft noch mit kritischen Fragen ergänzt, ob die Maßnahmen nicht doch übers Ziel hinausgeschossen seien. Von aktuellen Fragen der weiteren Infektionsprävention ist gar nicht mehr die Rede. Aber könnten die versuchte Bekämpfung der Pandemie, die Rettung von Millionen Menschenleben dank der Maßnahmen und Segnungen der Wissenschaften nicht selbstbewusst als großer Erfolg der jeweiligen Staaten und ihrer Gesellschaften gepriesen werden? Es braucht nicht viel Feingefühl, um zu spüren: Dass die rachsüchtigen ›Coronaskeptiker*innen‹, aus einer angeblichen Defensive heraus, wild um sich schlagen, ist auch ein Manöver, um die bereits geglückte Offensive zu vertuschen. Ihren eigenen Triumph zuzugeben, wäre nicht sehr klug; speist sich doch die Attraktivität der Rechtsextremen und Sozialdarwinist*innen aktuell aus der Behauptung, die nach wie vor unterdrückte Mehrheit zu vertreten. Und auch die demokratische Mitte tut gut daran, den Sieg von Leugnung und Verharmlosung, oder zumindest ihren nachhaltigen Einfluss, nicht ungewollt zuzugeben. Doch genau darauf würden ein selbstbewusster Konter gegen den von Rechten dominierten, aber nicht exklusiv rechten Pandemierevisionismus und erst recht eine ernst geführte, öffentliche Diskussion hinauslaufen. Denn sich für Millionen gerettete Menschenleben zu feiern, hieße auch zuzugeben, dass Millionen Andere eben nicht gerettet wurden. Letzteres hat Gründe.

Man kann es drehen, wie man will: Die Zahl der etwa 25 Millionen Toten ist nicht einfach die Zahl, die bei einer so schrecklichen, angeblich rein natürlichen Katastrophe eben zu erwarten ist. Sondern sie ist die Zahl an Todesopfern, die bei dieser »gesellschaftlich koproduzierten Naturkatastrophe«[2] zu erwarten ist, wenn die Prioritäten nicht bei der Menschenrettung, sondern der Aufrechterhaltung der selbstzweckhaften Wirtschaftsabläufe liegen. Der Einfluss des sogenannten Querdenkens auf Debatte und Politik in den Hochphasen der Pandemie war also immer größer, als dessen Vertreter*innen zugeben wollen. Sie stellten sich dem, was ohnehin gedacht und gemacht wurde, nicht heroisch quer, sondern trieben es ins Extrem (siehe dazu das hervorragende Buch Die Freiheit die sie meinen von Sebastian Schuller). Die politischen Verantwortlichen der meisten Länder hatten Ideen einer Eliminierung von SARS-CoV-2 schließlich schon innerhalb weniger Wochen verworfen; Maßgaben der Rettung von Menschenleben waren bald nur Verhinderung von gesellschaftlichem und ökonomischem Chaos und von allzu deutlicher Überlastung der Gesundheitssysteme, oder es gab wie in Brasilien solche Maßgaben erst gar nicht. ›Freedom Days‹, also das Ende der Maßnahmen, wurden 2021 und 2022 in Zeiten hoher Übersterblichkeiten verkündet; eine Flut von Lügen und Desinformation breitete sich über alle Medien aus, darunter auch seriöse Qualitätsmedien. Long Covid wird bis heute gefährlicherweise psychosomatisiert; es gibt kein würdiges, kollektives Gedenken für die Todesopfer; die Impfraten bei anderen Erkrankungen sinken im Vergleich zu vor der Pandemie; der Stand der Infektionsprävention ist mitnichten ein besserer als vor 2020. Bei der Frage der Lufthygiene gab es kaum gesellschaftliche Fortschritte (siehe dazu den Beitrag von Eva Hottenroth in diesem Buch); die ideologische Gleichsetzung von Infektionsgefahr und Freiheit scheint sich durchgesetzt zu haben.

Könnte man das nicht alles auch einfach als einen schlechten, hilflosen Umgang mit einer bloßen Naturkatastrophe begreifen? Dass die Pandemie nichts als eine Naturkatastrophe sei, die aus heiterem Himmel über die Menschheit hereingebrochen ist und mit der Hölle der kapitalistischen Produktionsweise nichts zu tun habe, ist das am meisten verbreitete Narrativ. Eine mythologisierende Sicht versteht die Pandemie als Gegenangriff der Natur auf die Exzesse der Naturbeherrschung durch den Menschen. Kritischen Epidemiolog*innen und Forscher*innen wie Rob Wallace und Mike Davies hingegen ist die Einsicht zu verdanken, dass sich das warenproduzierende kapitalistische System solche Angriffe schlicht selbst schafft. »Alle Pandemien haben ihre eigene Sozialgeschichte«[3], sagt Mike Davies, und meint damit die gesellschaftlichen und ökonomischen Bedingungen, unter denen neue Pathogene entstehen und dem Menschen gefährlich werden können. Die neuen Pandemien und Epidemien des 20. und 21. Jahrhunderts sind ohne die Ausweitung der industriellen Landwirtschaft, die großflächige Abholzung der Wälder und die monokulturelle Vieh-, Schweine- und Geflügelzuchtindustrie nicht zu denken. Zu den Sozialgeschichten von Ebola und AIDS etwa gehört die durch europäische Regierungen geförderte industrielle Schleppnetzfischerei an der afrikanischen Westküste, die zwischen 1977 und 2000 die Biomasse der Fische in der Region um 50 Prozent reduzierte.[4] In der Folge musste das Fischfleisch als Proteinquelle durch Wildfleisch ersetzt werden. Die Jagd auf Wildtiere in den westafrikanischen Wäldern wurde zudem durch den Nahrungsbedarf der Forstarbeiter in der sich ausbreitenden Holzindustrie dieser Region (etwa Palmölplantagen) intensiviert. All das führte zu vermehrtem Kontakt zwischen Menschen und virustragenden Tieren, die ihres natürlichen Habitats beraubt werden – Schimpansen im Falle von AIDS, Fledermäuse im Falle von Ebola. Zudem industrialisierte die weltweite Durchsetzung der industriellen Schweine- und Geflügelzucht die Produktion von Krankheitserregern. So hatte die H5N1-Epidemie 2005 ihren Ursprung in kapitalintensiven, industrialisierten Zuchtbetrieben in Südostchina, die H1N1-Epidemie 2009 in den Betrieben der NAFTA-Freihandelszone zwischen Mexiko und den USA. Die genetischen Monokulturen sowie die Enge in den Zuchtbetrieben schwächen das Immunsystem der Schweine und des Geflügels und ermöglichen eine höhere Übertragungsrate von Krankheiten. (Siehe dazu den Beitrag von Peer Heinelt in diesem Buch.) Der genaue Ursprung des SARS-CoV-2-Erregers ist noch nicht abschließend erforscht – und auch die Laborthese kann nicht einwandfrei verworfen werden –, doch liegt sehr nahe, dass ebenso bei der Entstehung der Coronapandemie die Industrialisierung und Kapitalisierung der konventionellen Fleischproduktion in Südchina (seit der Liberalisierung der chinesischen Wirtschaft) eine gewichtige Rolle spielte – vor allem ihre Verflechtung und Überschneidung mit der immer mehr formalisierten Produktion und dem Handel von Wildtierfleisch.[5]

Zur Sozialgeschichte der Coronapandemie gehört auch, dass sie, als das Virus SARS-CoV-2 schon auf dem Radar war, nicht verhindert wurde, oder dass zumindest dem späteren tatsächlichen katastrophalen Ausmaß nicht ausreichend vorgebeugt wurde. Die Frage, ob die Pandemie nach dem Auftreten des neuen Erregers noch hätte verhindert werden können, ob SARS-CoV-2 noch hätte ausgerottet werden können, war 2021 keine linke Spinnerei, sondern durchaus eine ernstzunehmende wissenschaftliche Frage. Das Journal BMJ Global Health veröffentlichte etwa einen Beitrag: »We should not dismiss the possibility of eradicating COVID-19«.[6] Was es dazu bräuchte, gebraucht hätte, lässt sich zumindest leicht niederschreiben: Durch einen globalen, gemeinsamen Kraftakt die Reduktion gesellschaftlicher Mobilität erreichen; Stilllegung von nicht zum Überleben der Menschen relevanter Produktionsstätten; Quarantäne von Erkrankten und Kontaktpersonen; lückenlose soziale Absicherung für alle; strenges, aber nicht repressives Kontakt-Tracing; Installation von Luftfiltern in öffentlichen Räumen; gratis Verteilung von FFP2-Masken; gerechte Verteilung der Impfstoffe; Kompensation der temporär notwendigen physischen Distanzierung durch psychologische Hilfe oder Online-Angebote. Letztlich: dem Virus die Chance der Übertragung von Mensch zu Mensch zu nehmen; also ungefähr das, was etwa die Initiative ZeroCovid einen »solidarischen Shutdown« nannte. Ob dazu die Voraussetzung eine gänzlich andere ökonomische und soziale Ordnung wäre oder sich das alles auch im Rahmen des Kapitalismus umsetzen ließe – dazu hat sich Rob Wallace im Interview für dieses Buch Gedanken gemacht.

Der leichter zu rekonstruierende Aspekt der pandemischen Sozialgeschichte ist jener der Frage, welche Folgen die Pandemie in Klassengesellschaften hat, in denen sich in Bezug auf die unterschiedlich hohen Risiken für Tod durch SARS-CoV-2 und schwere Krankheitsverläufe auch noch andere sozial bestimmte Bruchlinien zeigen. Um diesen Aspekt zu betonen, wird von manchen Forscher*innen und Autor*innen dem Begriff der Pandemie jener der ›Syndemie‹ an die Seite gestellt, der die Wechselwirkungen zwischen Erkrankung und sozialen Faktoren betont. Fünf Jahre nach Beginn der Pandemie ist es kein Geheimnis mehr – oder vielleicht wieder eines?[7] –, dass Armut ein gravierender Risikofaktor für Infektion, schweren Verlauf und Tod durch COVID-19 ist. Sinnbildlich dafür steht noch immer einer der allerersten brasilianischen COVID-19-Todesfälle: Eine Schwarze Hausangestellte aus einem Vorort von Rio de Janeiro verstarb, nachdem sie sich bei ihren Arbeitgebern – einer weißen Familie, die gerade von einer Italienreise zurückgekehrt war – angesteckt hatte. Die Evidenz für eine höhere Gefährdung von Menschen, die in ärmeren Stadt- oder Landesteilen leben, ist nicht anzweifelbar, wie etwa auch ein Review in Lancet (2022)[8] beweist, für das 95 Studien aus allen Erdteilen untersucht wurden. Etwa die Bücher The Pandemic Divide der Herausgeber Gwendolyn L. Wright, Lucas Hubbard und William A. Darity Jr. und Vulnerabilität und Ungleichheit in der COVID-19-Pandemie von Katharina Müller widmen sich ausführlich diesem Thema. Menschen mit niedrigerem sozialen Status haben im Durchschnitt mehr und schwerere Vorerkrankungen, sie leben in Regionen mit stärkerer Umwelt- und Luftverschmutzung, in vielen Ländern sind sie von einer Krankenversicherung oder von Gesundheitsversorgung überhaupt abgeschnitten, durch prekäre Arbeitsverhältnisse sind sie mitunter gezwungen, krank länger bei der Arbeit durchzuhalten und sich verspätet medizinische Hilfe zu suchen. In den ärmsten Regionen Deutschlands war die Mortalitätsrate bis zu 70 % höher als in Gebieten mit geringerer Deprivation. In Ländern mit noch höherer sozialer Ungleichheit ist der mortality gap entsprechend größer: Für die USA und das Vereinigte Königreich etwa gilt, dass die Mortalitätsraten in armen Regionen teilweise doppelt so hoch waren wie in wohlhabenderen Gegenden. Ähnliches zeigt sich nicht nur auf Regional-, sondern auch auf Individualebene: Das Risiko etwa, wegen einer COVID-19-Infektion im Krankenhaus aufgenommen werden zu müssen, war für eine*n ALG-II-Bezieher*in in Deutschland 1,94-mal höher als für regulär Erwerbstätige. Das erhöhte Infektionsrisiko wiederum ergibt sich ebenso aus einer ganzen Reihe an speziellen Umständen: höhere Bevölkerungsdichte in ärmeren Stadtteilen; die Unmöglichkeit, infizierte Personen in engen Wohnverhältnissen zu isolieren; schlechterer Zugang zu Impfstoffen und zu teuren Schutzutensilien wie hochwertigen Masken. SARS-CoV-2-Cluster sind in benachteiligten Wohnvierteln deutlich langlebiger, u. a. weil dort weniger getestet und geimpft wird.[9] Für Staaten wie das Vereinigte Königreich gilt, dass Bewohner*innen ärmerer Regionen auch aufgrund höherer Kriminalität Aktivitäten weniger oft nach draußen verlagern;[10] zusätzlich sind arme Menschen überproportional oft in Einrichtungen untergebracht, die sich in der Pandemie als wahre Infektionsfallen erwiesen haben: Obdachlosenheime, Asylunterkünfte, Pflege- und Altersheime, psychiatrische Institutionen, Gefängnisse (mehr dazu im Unterkapitel Sozialdarwinismus – Ableismus – Eugenik). Wohl der wesentliche Faktor aber sind die Arbeitsbedingungen in Niedriglohnjobs. Schon in den ersten vier Lockdown-Wochen zeigte sich in Deutschland in Bezug auf den Zugang zu Homeoffice ein deutliches Gefälle. Katharina Müller konstatiert:

»In den oberen Einkommensgruppen arbeiteten im Wochenmittel 38 % im Homeoffice, während es bei den Personen mit mittlerem Einkommen nur 18 % und bei den Einkommensschwächsten lediglich 13 % waren.«[11]

Aus verschiedenen Gründen ist in den Jobs, bei denen kein Homeoffice-Ersatz möglich ist, das Infektionsrisiko an sich schon erhöht: Zum Beispiel aufgrund des vermehrten Kontaktes zu Menschen – wie bei der Arbeit in Gesundheits- und Bildungseinrichtungen oder in der Betreuung – oder der schlechteren körperlichen Verfassung aufgrund von Überanstrengung etwa bei Jobs in der Erntehilfe – wo es noch dazu weitere Quälereien gab, wie die Arbeitsquarantäne, dank der infizierte oder möglicherweise infizierte Wanderarbeiter*innen schuften mussten, ansonsten aber ihr Quartier nicht verlassen durften (siehe dazu den Beitrag von Stefan Dietl in diesem Buch). Des Weiteren sind schlechte Belüftung, kühle Temperaturen und hohe Luftfeuchtigkeit sowie fehlende Präventionsmaßnahmen zu nennen, die insbesondere in den Schlachthallen und Fleischverarbeitungsfabriken aller Staaten anzutreffen waren. Auch in den Schlachthäusern sind es zumeist migrantische Arbeiter*innen, Wanderarbeiter*innen, die die gefährliche Arbeit erledigen. Anstatt sie zu schützen, werden sie zu Sündenböcken für SARS-CoV-2-Cluster gemacht (siehe dazu das Unterkapitel Instrumentelle Einwände). »Dennoch schädigten Kühlhäuser bereits die Muskeln, Nerven und Gehirne ihrer Mitarbeiter/-innen, lange bevor die Covid-19-Pandemie sie traf«, schreiben Fábio Pitta und Allan Silva über die Situation in Brasilien. Dort erleiden Arbeiterinnen in Kühlhäusern um 240 % häufiger Fehlgeburten als der Durchschnitt; täglich kommt es zu 90 Unfällen mit Folgeerkrankungen, Arbeitsunfähigkeit oder Todesfolgen. In drastischen Worten: »Als Helden der Lebensmittelversorgung […] werden sie schließlich wie die Kadaver der Tiere, die sie selbst schlachten, entsorgt, in einer ultimativen Geste des Sozialdarwinismus dieser Pandemie der Krise.«[12]

Während der Hochphasen der Pandemie die Tatsache auszusprechen, dass sich ein Gutteil der Infektionen am Arbeitsplatz zuträgt, kam fast einem subversiven Akt gleich, so verbreitet war die Behauptung, Privatleben und Familie seien die Hauptinfektionsquellen. Auf die Spitze trieb das Kristi Noem, Landwirtin und Gouverneurin von South Dakota, die angab, 99 % der Ausbrüche in den Kühlhäusern hätten ihren Ursprung in den Wohnungen der Arbeiter*innen. Aber auch in Deutschland und Österreich wurden Statistiken so zurechtgebogen, dass der Arbeitsplatz als Ansteckungsort fast aus ihnen verschwand.[13]

Aus den USA und dem UK kamen schon früh erschreckende Daten, wonach ethnische Minderheiten besonders vulnerabel sind. Stand September 2021 hatten American Indians/Alaska Natives eine um 2,4-fach erhöhte Mortalitätsrate gegenüber Non-Hispanic Whites, jene von Hispanics/Latinos war um das 2,3-fache erhöht, jene von Blacks/African American um das doppelte.[14] Während der Zusammenhang zur schlechteren sozialen und ökonomischen Stellung von Minderheiten und zu ihrer Überrepräsentation in Jobs mit höherem Infektionsrisiko evident ist – in Kalifornien zum Beispiel erfuhren von März bis Oktober 2020 Schwarze Einzelhandelsarbeiter*innen einen Anstieg der Sterblichkeit um 36 %, die auf die Pandemie zurückgeführt werden kann[15] –, lässt sich die Ungleichheit in der Bedrohung durch COVID-19 jedoch nicht darauf reduzieren. Begünstigt Rassismus die soziale und ökonomische Deprivation von Minderheiten, so hat er auch noch direkteren Einfluss: »Einkommensungleichheit, Diskriminierung, Gewalt und institutioneller Rassismus tragen bei People of Color zu chronischem Stress bei, der ihr Immunsystem schwächen und sie anfälliger für Infektionskrankheiten machen kann.«[16] Hinzu kommen weithin kaum bekannte Details: So gilt etwa die Pulsoxymetrie, die mittels durch die Haut gesendeter Lichtstrahlung die arterielle Sauerstoffsättigung misst, bei Menschen mit stärkerer Hautpigmentierung als unzuverlässiger. Das führt mitunter dazu, dass Sauerstoffmangel ohne Atemnot bei People of Color des Öfteren übersehen wird, wie eine Studie aus dem Jahre 2020 in The New England Journal Of Medicine mit drastischen Zahlen belegt.[17] Das dürfte auch in Bezug auf COVID-19 eine Rolle spielen. Für Brasilien sprechen Pitta/Silva von regelrechten »Opferungszonen« in den Randgebieten der Großstädte, die vor allem die schwarze und die indigene Bevölkerung umfassten und als Labore für die angestrebte ›Herdenimmunität‹ benötigt wurden. Die Mortalitätsrate der indigenen Bevölkerung war 2021 doppelt so hoch wie der Durchschnitt.[18] Beobachtbar ist eine direkte Korrelation zwischen höheren Inzidenzen in Indigenengemeinschaften und dem Auftreten illegaler Aktivitäten auf ihrem Land wie etwa Landraub, Bergbau und Waldrodung. Die indigene Gemeinde Uru-Eu-Wau-Wau errichtete 2020 eine Sanitätssperre und organisierte eine Überwachungsgruppe, die das Eindringen anderer zum Zwecke illegaler Aktivitäten zu verhindern versuchte. »Einer der Anführer, Ari Uru-Eu-Wau-Wau, wurde getötet, nachdem er eine Lastwagenladung Holz innerhalb des indigenen Schutzgebiets gemeldet hatte.«[19]

Auch Long Covid betrifft überproportional viele weniger wohlhabende Menschen. Ist das Krankenstandsgeld zu niedrig, oder gibt es gar keinen bezahlten Krankenstand, steigen sie früh nach der Infektion wieder in die körperlich anstrengende Arbeit ein, was nachweislich die Gefahr, Long Covid zu entwickeln, erhöht. Viele arbeiteten und arbeiten auch während der Infektion, wenn es die Symptome erlaub(t)en (siehe dazu den Text von Wolfgang Hien in diesem Buch sowie das Unterkapitel Aktuelle gesundheitliche und soziale Bedrohungen).

Unter den Bediensteten des Gesundheitsbereiches ist Long Covid besonders verbreitet. Das hohe Infektionsrisiko sowie der ständige Stress am Arbeitsplatz tragen dazu bei. »Man hat für uns geklatscht und uns Helden genannt, und jetzt sind diejenigen von uns, die Angehörige verloren haben oder durch das Ganze behindert wurden, vergessen worden«[20], wird eine Betroffene in einem Beitrag der BBC zum Thema zitiert. Wolfgang Hien schildert in seinem Buch Die Revolte der Natur die Belastungen, denen Gesundheitsarbeiter*innen in den Hochphasen der Pandemien ausgesetzt waren: Infektionsrisiko, Personalmangel, höchste Verantwortung, Stress, Sorge um Patient*innen und eigene Angehörige, Tod von Kolleg*innen, fehlerhafte oder keine Schutzausrüstung – aus New York sind noch die Bilder von Pfleger*innen, die Müllsäcke als Schutzausrüstung tragen mussten, in Erinnerung –, und zusätzlich die Anfeindung durch Teile der Gesellschaft (siehe dazu den Text von Frédéric Valin in diesem Buch sowie sein Buch Pflegeprotokolle[21]). Hien merkt an, dass selbst die Gesundheitsarbeiter*innen, die nicht organisch erkrankten, hoch belastende Situationen erlebten, die eine posttraumatische Belastungsstörung (PTBS) zur Folge haben können. Die Zahlen von PTBS unter Gesundheitsbediensteten sind weltweit im Steigen begriffen.[22] »Zum ersten Mal in meiner Karriere hatte ich das Gefühl, dass mein Beruf mir ernsthaft schaden oder mich sogar töten könnte«, wird ein australischer Arzt im Buch Experiences of Health Workers in the COVID-19 Pandemic in Their Own Words zitiert. Solche Befürchtungen kamen natürlich nicht aus dem Nichts: Laut einer damaligen Schätzung der WHO starben bis Mai 2021 weltweit bis zu 180.000 Bedienstete des Gesundheitsweisens an COVID-19.[23]

Zurecht wird heute an das Leid der Kinder und Jugendlichen erinnert. Lockdowns und Schulschließungen vertieften auch hier die sozialen Unterschiede weiter (siehe auch das Unterkapitel Instrumentelle Einwände). Im UK verloren Zehntausende Kinder den Zugang zu gesundem Essen und zu medizinischen Unterstützungen, die zuvor die Schulen angeboten hatten. Lehrer*innen hatten weniger Möglichkeiten zu erkennen, ob Schüler*innen zu Hause Gewalt ausgesetzt sind. Obwohl durch die Schulschließungen von einer Untererfassung auszugehen ist, wurden in Deutschland im Jahre 2020 60.600 Kindeswohlgefährdungen verzeichnet, was der höchste Stand seit Einführung der Statistik im Jahre 2012 ist. Im Jahr 2020 kamen in Deutschland 152 Kinder gewaltsam zu Tode, was einen Anstieg von 35,7 % gegenüber dem Vorjahr bedeutet. Nicht übersehen werden sollte aber, dass Kinder auch an COVID-19 starben und sterben und Long Covid entwickeln können. Außerdem gehen Schätzungen davon aus, dass bis April 2021 weltweit über eine Million Kinder infolge der Pandemie verwaisten, also eine*n oder zwei Erziehungsberechtigte durch COVID-19 verloren.

Die Pandemie vertiefte auch die Geschlechterungleichheit. Weibliche Beschäftigte sind in den ›systemrelevanten‹ Berufen, in denen ab 2020 den Bediensteten gehäuft Mehrarbeit abverlangt wurde, wie Gesundheitswesen und Altenpflege, Erziehung und Sozialarbeit, Lebensmittel- und Einzelhandel, überrepräsentiert. Hinzu kommt, dass in den frauendominierten Branchen der Anteil der geringfügig entlohnten Beschäftigungsverhältnisse höher ist. Solche ›Minijobs‹ waren es aber auch, die in der Krisenzeit während und nach den ersten Lockdowns verstärkt abgebaut wurden.[24] Durch Schließung von Bildungs- und Betreuungseinrichtungen entstanden zusätzliche Anforderungen in Bezug auf Sorgearbeit innerhalb der Familien. Einer britischen Studie zufolge musste von einer durchschnittlichen Familie im Frühling 2020 eine zusätzliche 40-Stunden-Woche an Kinderbetreuung geleistet werden. Eine Veränderung der Aufgabenverteilung innerhalb von Beziehungen fand in den meisten Familien nicht statt, sodass in der Regel Frauen diese Mehrarbeit zu leisten hatten. Katharina Müller beschreibt in ihrem Buch auch, dass der Anteil der Männer, die ein egalitäres Geschlechterverständnis pflegen, seit der Pandemie zurückgegangen ist.[25] Erschwerend kommt hinzu, dass das Risiko, an Long Covid und ME/CFS infolge einer SARS-CoV-2-Infektion zu erkranken, für Frauen wesentlich höher ist als für Männer (siehe den Beitrag des französischen Feminist*innenkollektivs Les Canards Masquées in diesem Buch).

Dass nicht nur die Krankheitswellen selbst, sondern auch die mehr oder weniger erfolgreichen Eindämmungsmaßnahmen Leid verursachten, steht außer Frage und wird in diesem Buch an unterschiedlichen Stellen immer wieder erörtert. Grob zusammengefasst lässt sich sagen, dass gerade in Ländern, in denen das Virus ungebremster wütete als in anderen, auch die Maßnahmen den Menschen – durch ihren autoritären Charakter, durch fehlende soziale Absicherung etc. – größeres Leid zufügten als anderswo. Der strikte erste Lockdown in Indien etwa sorgte für die größte Massenwanderbewegung von Menschen seit 1947 in diesem Land. Die plötzlichen Fabrikschließungen führten bei den über hundert Millionen Wanderarbeiter*innen zu Einkommensverlust, Nahrungsmittelunsicherheit und Hunger. Laut Schätzungen machten sich 43,3 Millionen Menschen zu Fuß oder mit ungewöhnlichen Verkehrsmitteln auf den Weg, um ihre Heimatdörfer zu erreichen. Dabei kamen viele durch Erschöpfung oder Verkehrsunfälle ums Leben. All das konnte aber die COVID-Katastrophe, die sich vor allem 2021 in Indien abspielte – allein für die Jahre 2020–2021 wird von vier Millionen COVID-assoziierten Todesfällen ausgegangen[26] –, nicht verhindern. Besondere Bestürzungen riefen die Nachrichten aus Delhi hervor, wonach die komplett überlasteten Krematorien der Stadt auf ihren Vorplätzen weitere provisorische Krematoriumsplätze aus Ziegeln, Mörtel und Brennholz aufbauen mussten, was zwischenzeitlich zu Brennholzmangel in der Region führte.

Lange hatte sich im Globalen Norden die Behauptung gehalten, der afrikanische Kontinent sei von der Pandemie vergleichsweise verschont geblieben. Während einige Staaten tatsächlich ihre Erfahrungen, etwa mit der Ebola-Epidemie, in ein hervorragendes Maßnahmenmanagement ummünzen konnten, ergaben spätere Untersuchungen, dass die Todesraten in den meisten afrikanischen Staaten nicht unter dem globalen Durchschnitt liegen.[27] Das falsche Narrativ eines nur wenig betroffenen afrikanischen Kontinents dürfte die zeitgerechte Bereitstellung von Impfstoffen für die afrikanische Bevölkerung verzögert haben. Die generelle globale Ungleichheit in der Verteilung von medizinischen Hilfsmitteln und Impfungen ist auch in einer sehr kurzen Sozialgeschichte der Pandemie zu erwähnen geboten. Ausführlich schreibt dazu Karin Fischer in diesem Buch.

Spätestens ab 2023 wurde die Pandemie medial für beendet erklärt. Die Pandemie mag gesellschaftlich und politisch Geschichte sein, doch eine Zukunft ohne COVID-19 ist nicht mehr vorstellbar; insofern wird die Sozialgeschichte der Pandemie laufend fortgeschrieben: Unzählige Menschen leiden noch an den Folgen ihrer Infektionen, sind mitunter stark beeinträchtigt, arbeitsunfähig oder gar bettlägerig; SARS-CoV-2 tötet weiterhin Menschen, wenn auch in kleinerem Umfang – doch weitere, große Wellen sind denkbar, und die Abnahme des Immunisierungsniveaus ist kein unbedeutender Faktor; viele Menschen tragen noch die Trauer um die Toten mit sich; und schließlich sind die überall zu beobachtenden Faschisierungstendenzen – und sie drohen keine vorübergehenden zu sein – auch eine mehr oder weniger direkte Folge der Pandemie und der ideologisierten Gegenwehr gegen die Eindämmungsmaßnahmen (siehe dazu das Unterkapitel Autoritarismus). Gerade weil jedoch die Pandemie als gesellschaftlich wahrnehmbares Ereignis tatsächlich vorüber ist,[28] spielen sich die seit 2020 ›selbstverständlichen‹ und bis heute nicht unterbrochenen Kontinuitäten – die zusätzliche Gefährdung aller durch eine neue Infektionserkrankung und die überproportionale Gefährdung der sogenannten Vulnerablen, der alten und kranken Menschen, der Menschen mit Behinderung – unter der gesellschaftlichen und medialen Wahrnehmungsgrenze ab. Chinas Pandemiepolitik war in manchen Punkten erschreckend repressiv und menschenfeindlich, in anderen Punkten vorbildhaft. Selbstverständlich war sie eingebettet in eine generelle autoritäre und unfassbar menschenschinderische, todbringende Verfasstheit der chinesischen Politik und Wirtschaft. Dennoch: Das Aufheben aller Eindämmungsmaßnahmen durch die Staatsführung Ende 2022 hatte nicht nur fast 1,9 Millionen COVID-19-bedingte Todesfälle innerhalb von zwei Monaten in China zur Folge. Es bedeutete auch, endgültig den Deckel zuzumachen – der Geist kann nicht mehr in die Flasche zurück. Ab 2023 war etwas, das einige Kommentator*innen »COVID-Hegemonie« nennen, oder wie die World Socialist Website »the barbarism of forever COVID«, vollendete Tatsache. Wie, wo und warum einige Menschen und Gruppierungen dieser Barbarei theoretisch und praktisch noch etwas entgegensetzen (müssen), das soll in diesem Buch nachzulesen sein.

Wolfgang Hagen

SARS-CoV-2, COVID-19 und die Folgen

Bericht eines Oberarztes auf einer Wiener COVID-19-Station

Niemand von uns war auf eine Pandemie dieses Ausmaßes vorbereitet. Als die ersten Meldungen über eine neue Infektionskrankheit in China zu uns gelangten, war ich – wie meine Kolleg*innen im Spital – nicht allzu beunruhigt. Wir lasen und hörten von einem hochansteckenden Virus, vollen Spitälern und auch von Todesfällen. Unsere Referenz war, was wir schon kannten: etwa die Saison 2017/2018, als die letzte große Influenza-Welle über uns hinweggerollt war.

Das wäre schon schlimm genug gewesen. ›Grippe‹ hört sich für viele harmlos an. Tatsächlich ist die Influenza eine der schwersten Virusinfektionen, die wir kennen. Sie füllt Winter für Winter unsere Spitäler und bringt sie in besonders schlimmen Grippesaisons an den Rand des Kollapses. Aber: Wir wussten, dass wir mit Grippewellen umgehen können und konnten. Viel Schlimmeres konnten sich die wenigsten von uns vorstellen.

Als aber die ersten Berichte aus der Lombardei kamen, dämmerte uns, dass wir das SARS-CoV-2-Virus massiv unterschätzt hatten. Die Berichte aus Bergamo – insbesondere in den sozialen Medien – waren erschütternd, fast schon apokalyptisch. Völlig überfüllte Notfallaufnahmen; Militärzelte auf den Krankenhausparkplätzen; Kranke, die in diesen Zelten erstickten; Personal, das nur unzureichend geschützt war; eine allgemeine, umfassende Überforderung; tote Kolleg*innen.

Mich persönlich erreichten kurze Zeit später ähnliche Berichte aus Spanien. In den deutschsprachigen Medien war die Situation in Spanien weniger präsent, aber durch familiäre Verbindungen hatte ich einen guten Einblick. In Madrid gab es in der ersten Welle so viele Tote, dass die ›Palacio de Hielo‹ genannte Eislaufhalle zum gekühlten Zwischenlager für Leichen umfunktioniert wurde. Weil die Kapazitäten der Krematorien der Stadt nicht ausreichten, wurden Leichen bis zu 100 Kilometer weit in die Provinzstädte gekarrt. In vielen der besonders stark betroffenen Pflegeheime kündigte das unterbezahlte und im Stich gelassene Personal – fluchtartig, möchte ich sagen. Das Militär barg in der Folge die Leichen der pflegebedürftigen, großteils bettlägerigen Klient*innen.

Währenddessen warteten wir auf die Welle. Meine Abteilung wurde zur zweiten Station in ganz Wien auserkoren, die für COVID-19-Kranke zuständig sein sollte. Wir sind keine infektiologische Fachabteilung, aber wir haben dank eines kurz zuvor erfolgten Umbaus kleine Zimmer mit einem Vorraum, den man als improvisierte Schleuse verwenden kann. Mehr brauchte es offenbar nicht, um uns als Spezialabteilung für das unbekannte neue Virus auszuwählen.

Die Tage bis zum ersten Ausbruch verbrachten wir in banger Erwartung: Würde auch bei uns das System kollabieren? Wie würden wir damit umgehen, wenn die ersten aus dem Personal sich bei der Arbeit anstecken würden? Was würde es mit uns machen, wenn auch wir zuschauen müssten, wie Menschen auf improvisierten Pritschen ersticken? Wie könnten wir verhindern, das Virus zu unseren Familien nach Hause zu tragen?

Angst um die eigene Gesundheit spielte dabei kaum eine Rolle, was mich im Nachhinein selber wundert. Niemand vom Personal – von der Ärzteschaft und der Pflege bis zu den Reinigungsbrigaden – ließ sich auf eine andere Abteilung versetzen; auch nicht, als die Welle dann da war. Und das, obwohl die Schutzausrüstung und die reduzierten Ruhezeiten die Arbeit stark erschwerten. Die Solidarität, der Zusammenhalt des Personals war eine der positiven Begleiterscheinungen der frühen Phase der Pandemie.

Wir kamen glimpflicher davon, als wir befürchtet hatten: Weil die Politik und auch die Bevölkerung relativ schnell und konsequent reagierten, hatten wir es in der ersten Welle mit deutlich weniger Kranken zu tun als unsere Kolleg*innen in Norditalien, Spanien oder auch England. Außerdem hatten wir ein paar Tage länger Zeit, uns vorzubereiten. Wenige Tage, die für uns essenziell waren.

Auch wenn deshalb der Kollaps bei uns ausblieb, war die erste Welle hart genug. Wir hatten es mit einer Krankheit zu tun, die wir kaum behandeln konnten. In den ersten Monaten beschränkten sich unsere therapeutischen Möglichkeiten im Wesentlichen auf unterstützende Maßnahmen gegen die Symptome, Behandlung der Komplikationen der Infektion, Sauerstoffgabe und letztlich intensivmedizinische Versorgung.

Mit der Zeit aber begannen wir, die Infektion besser zu verstehen. Wir lernten die verschiedenen Phasen der Krankheit kennen, die bei manchen nach einigen Tagen plötzlich auftretende Verschlechterung des Zustandes. Wir erkannten, dass ein so einfaches Mittel wie das Liegen auf dem Bauch statt auf dem Rücken den Verlauf bei den schwer Betroffenen oft abmildern kann. Wir lernten andererseits aber auch, wie brutal das Virus viele an sich gesunde Menschen aus dem Leben holen kann. Von den über 70-Jährigen, die auf der Intensivstation landeten, überlebte fast niemand; auch wenn es sich um rüstige Senior*innen handelte, die am Wochenende zuvor noch am Semmering wandern gewesen waren.

Dank der unglaublichen personellen und finanziellen Ressourcen, die in die Erforschung des Virus und der Krankheit gesteckt wurden, und auch aufgrund der vielen Millionen schwer erkrankten Personen weltweit lernten wir rasch, besser mit dem Virus umzugehen. Wir lernten mehr darüber, wie die Ansteckung funktioniert, was im Körper der Infizierten vor sich geht, und auch, zu welchen langfristigen Folgen die Infektion führen kann. Zielgerichtete Therapien wurden entwickelt; nicht zuletzt, im Rekordtempo, die Impfungen, die allen gegenteiligen Behauptungen zum Trotz tatsächlich zum Gamechanger wurden.

Wie man sich ansteckt

Die COVID-Pandemie veränderte auch die Vorstellung, wie man sich mit respiratorischen Erregern anstecken kann. Jahrzehntelang war es wissenschaftlicher Konsens, dass Atemwegsinfektionen praktisch ausschließlich über Schleim- und Speicheltröpfchen übertragen werden, die eine ansteckende Person ausniest und aushustet. Noch im März 2020 verkündete die WHO über ihren offiziellen Twitter-Account: »Fact check: COVID-19 is not airborne«. Zum Schutz vor Ansteckungen empfahl sie – und mit ihr die meisten nationalen Gesundheitsbehörden – das regelmäßige Händewaschen, das Desinfizieren kontaminierter Flächen und einen Abstand von einem Meter von einer infizierten Person.

Doch schon damals gab es die ersten Berichte von sogenannten Superspreading-Events: Besondere Beachtung bekam ein Hobbychor im US-Bundesstaat Washington, an dessen zweistündiger Chorprobe 61 Sänger*innen teilgenommen hatten, darunter eine infizierte Person. In der Folge steckten sich mindestens 53 Prozent, wahrscheinlich aber bis zu 87 Prozent der Teilnehmer*innen an. Drei Personen mussten stationär behandelt werden, zwei Personen starben. Schon da vermuteten einige, dass COVID-19 eben doch über die Luft übertragen würde.

Währenddessen entwickelte sich in Europa Ischgl zu einem der Drehkreuze des Virus. Von einem infizierten Barkeeper ausgehend, steckten sich in ihrem Skiurlaub Hunderte Menschen an. Später führten andere Länder mitunter 50 Prozent der ersten von ihnen dokumentierten Infektionen direkt auf Ischgl zurück.[1]

Es folgten bald schon Untersuchungen zu weiteren Superspreadern. Fluggäste infizierten sich, obwohl sie mehrere Sitzreihen von einer erkrankten Person entfernt saßen. Dasselbe wurde bei Reisebussen und Großraumbüros nachgewiesen. Medizinisch-technische Untersuchungen zeigten, dass das Virus in winzigen Partikeln – den Aerosolen – stundenlang in der Luft schweben und weite Strecken zurücklegen kann. All das waren schon deutliche Hinweise auf eine Übertragung über die Luft. Schließlich erfolgte anhand einer komplexen Versuchsstation in Südafrika der endgültige Beweis: Die Abluft von Krankenzimmer mit COVID-Kranken wurde zu Goldhamstern geführt, die sonst keinen Kontakt nach draußen hatten. Die Hamster steckten sich mit COVID-19 an.[2]

Die WHO setzte eine Expert*innenkommission ein, die in ihrem im April 2024 veröffentlichten Abschlussbericht klar feststellt, dass COVID-19 über die Luft übertragen werden kann. Sie ging sogar noch einen Schritt weiter und ließ die eher willkürliche Unterscheidung zwischen Tröpfchen (Partikelgröße >5 μm) und Aerosol (<5 μm) fallen.

Damit war die maßgebliche Art der Ansteckung klar: Es gibt ein Kontinuum von kleineren und größeren Tröpfchen, die unterschiedlich lange in der Luft schweben und auf den Schleimhäuten der Nase, des Rachens oder auch der Augen landen können. Wenn sie klein genug sind, können sie auch bis tief in die Lunge gelangen.[3]

Eine infizierte Person hat um die Zeit der ersten Krankheitssymptome die höchste Viruslast, ist also am infektiösesten. Dass man bei COVID-19 schon ab zwei bis drei (in Einzelfällen bis zu fünf) Tagen vor den ersten Krankheitssymptomen – in der sogenannten präsymptomatischen Phase – hochansteckend sein kann, war einer der Hauptgründe, warum sich das Virus so leicht ausbreiten konnte. Deswegen sind Schutzmaßnahmen wie Maske auch dann wichtig, wenn man sich (noch) gar nicht krank fühlt. Nach Symptombeginn nimmt die Infektiosität wieder rasch ab, nach zehn Tagen sind nur mehr wenige Infizierte ansteckend – abgesehen von Sonderfällen wie Immunsupprimierten. Impfungen verkürzen die infektiöse Phase.

›Präsymptomatisch‹ wird immer wieder mit ›asymptomatisch‹ in einen Topf geschmissen, dabei bedeuten die beiden Begriffe nicht das Gleiche. Während wir von der präsymptomatischen Phase sprechen, wenn eine infizierte Person noch keine Symptome hat, kommt es beim asymptomatischen Verlauf trotz Infektion zu keinen spürbaren Symptomen, nicht einmal Schnupfen. Eine asymptomatisch infizierte Person weiß also gar nichts von der eigenen Ansteckung, kann aber trotzdem andere anstecken. Dabei ist der Anteil der asymptomatisch Infizierten erstaunlich hoch. Manche Studien kamen auf bis zu 40 Prozent, andere gehen eher von 10 bis 20 Prozent aus. In einer Metaanalyse von 2022 blieben in der Omikron-Phase ein Drittel der Infizierten asymptomatisch. Bei Kindern und Jugendlichen sowie bei Geimpften war der Anteil am höchsten.[4]

Andere Übertragungswege als die Luft sind im Falle von SARS-CoV-2 möglich, aber eine Rarität. Es gibt nur ganz wenige Fallberichte über eine mögliche Infektion durch kontaminierte Flächen oder Gegenstände, und auch über die Hände dürfte es kaum zu Ansteckungen kommen. (Regelmäßiges Händewaschen ist trotzdem – ganz generell gesprochen – keine schlechte Idee.)

Der Verlauf der Infektion

COVID-19 ist eine Atemwegsinfektion nur in dem Sinn, dass die Atemwege die Eintrittspforte sind. Im Körper entwickelt es sich zu einer Multisystemerkrankung, die eine ganze Reihe an Organen direkt befallen und schädigen kann.

Die SARS-CoV-2-Viruspartikel gelangen auf die Schleimhäute vor allem der Nase und des Rachens, manchmal auch bis in die Lunge. Wie alle Viren muss SARS-CoV-2 Wirtszellen erreichen, um sich zu vermehren. SARS-CoV-2 hat dafür die Fähigkeit erworben, sich mit Strukturen des Spike-Proteins an den ACE2-Rezeptor zu binden. Bei ACE2 handelt es sich um ein Enzym, das für die Blutdruckregulation und andere physiologische Prozesse mitverantwortlich ist.

Zu Beginn, wenn die oberen Atemwege betroffen sind, kommt es zu den klassischen Symptomen: erst eine rinnende Nase und Halsschmerzen, später oft auch etwas Husten und – als Folge der Abwehrreaktion – Fieber und ein Krankheitsgefühl. In vielen Fällen bleibt es dabei. Abhängig davon, wie viele Viren man zu Beginn abbekommen hat und wie gut und schnell das Immunsystem reagieren kann, wird der Körper das Virus schnell genug wieder los, sodass keine schwerwiegenderen akuten Symptome auftreten. Wenn das Immunsystem das Virus durch die Impfung oder eine frühere Infektion schon kennt und entsprechend gewappnet ist, tut es sich leichter mit der Abwehr.

Die Wahrscheinlichkeit eines schweren Verlaufs steigt, wenn das Immunsystem weniger gut mit dem Virus umgehen kann oder besonders viele Viruspartikel abbekommen hat. Die Viren können über die Atemwege die Lungen befallen und nach einigen Tagen eine virale Lungenentzündung auslösen. Weil sich, anders als bei einer bakteriellen Lungenentzündung, die Infektion im Lungengewebe selbst abspielt, die Lungenbläschen und die Bronchien aber zumindest zu Beginn kaum betroffen sind, spüren viele Betroffene gar nicht so deutlich, wie dramatisch ihr Zustand ist. In der Notfallaufnahme sahen wir in der Hochphase der Pandemie regelmäßig Patient*innen, die noch gehend zu uns kamen, deren Sauerstoffsättigung aber lebensgefährlich niedrig war. Happy hypoxemia – fröhlicher Sauerstoffmangel – wird dieser Zustand in den USA genannt.

Neben den Lungen können die Viren über das Blut zudem das Herz, die Nieren und den Darm sowie kleine Blutgefäße im ganzen Körper befallen; dort finden sich besonders viele ACE2-Rezeptoren. Wenn das passiert, versucht das Immunsystem sich mit allem, was es hat, gegen die sich ausbreitende Infektion zu wehren. Unter Umständen ist diese Immunreaktion überschießend. Es kommt eine Abwehrkaskade in Gang, die im sogenannten Zytokinsturm endet. Teile der Immunzellen produzieren im Übermaß Zytokine, also Botenstoffe des Immunsystems, wodurch weitere Immunzellen aktiviert werden, die ihrerseits Zytokine ausschütten. Es entsteht ein Teufelskreis, in dem die Immunreaktion nicht mehr abklingt, selbst wenn man die Erreger schon losgeworden ist. Die meisten der schwersten COVID-Verläufe auf den Intensivstationen lassen sich auf diesen Zytokinsturm zurückführen.

Dieser Zytokinsturm tritt nicht nur bei COVID-19 auf, auch andere – vor allem virale – Infektionen können ihn auslösen. Das heißt: Wir kannten das Phänomen bereits. Außergewöhnlich war aber die schiere Masse an Menschen, die zu uns ins Spital kamen: So etwas hatte keiner von uns zuvor auch nur ansatzweise erlebt.

Es war auch psychisch nicht leicht zu verarbeiten, dass Infizierte, denen es offenbar gar nicht so schlecht ging, in kaum einer Woche plötzlich in einen kritischen Zustand gerieten.

Viele von ihnen hatten vor Kurzem noch mitten im Leben gestanden. Es waren eben nicht die schwerst Vorerkrankten, bei denen die Krankheit diesen Verlauf nahm, sondern die Fünfzigjährigen mit etwas Übergewicht, einer gut eingestellten Diabetes oder ein paar Packungen Zigaretten zu viel. Es waren die rüstigen Siebzigjährigen, die zwei Wochen vorher noch in den Bergen wandern gewesen waren. Und von einem Moment auf den anderen waren sie nicht nur völlig hilflos, sondern standen an der Schwelle zum Tod. Manchmal hatten sie kaum noch Zeit, sich von ihren Kindern und Partner*innen zu verabschieden. Einer der Ärzt*innen hatte ein altes iPad mitgebracht, mit dem die Patient*innen ihre Lieben anrufen konnten – für einige war es das letzte Gespräch. Es war auch für die Pflegenden eine große emotionale Belastung, diese Abschiede zu begleiten. Intensivpfleger*innen sind in der Regel hart im Nehmen und nicht ohne Weiteres aus der Fassung zu bringen. Während dieser Zeit habe ich mehr als einmal hartgesottene Fachkräfte nach ihrer Schicht heulend im Gang sitzen sehen.

So viele Menschen wie nie zuvor mussten an die ECMO, die ›künstliche Lunge‹, angeschlossen werden. Es handelt sich um ein sehr aufwändiges Verfahren, bei dem der Sauerstoff- und Kohlendioxidaustausch des Blutes künstlich erfolgt, weil die Lungen dazu nicht mehr fähig sind. Und wir mussten nun entscheiden, bei welchen Patient*innen diese Therapie überhaupt noch Sinn machte. Und vor allem mussten wir das zu einem Zeitpunkt entscheiden, zu dem der Zustand sich noch nicht derart verschlechtert hatte, dass ein Transport in eine ECMO-Intensivstation nicht mehr möglich war. Es brauchte bisweilen nur einen halben Tag, bis die Patient*innen nicht mehr transportfähig waren.

Die Versorgungssituation im Spital in der Hochphase der Pandemie

Schon alleine die vielen schwerstkrankten Patient*innen brachten das Gesundheitssystem an den Rand des Kollapses. Ganze Abteilungen wurden zu COVID-Stationen umgewandelt: Stationen, die somit keine Nicht-COVID-Patient*innen mehr versorgen konnten. Nicht lebenswichtige Operationen wurden nach hinten verschoben, damit Intensivbetten an COVID-Kranke vergeben werden konnten. Zu den Höhepunkten der ersten Wellen wurden sogar Aufwachräume zu behelfsmäßigen COVID-Intensivstationen umfunktioniert. Die pflegerische Betreuung musste von Personal übernommen werden, das dafür eigentlich gar nicht ausgebildet ist: Pflegepersonal von Überwachungsabteilungen, Anästhesiepflege, OP-Pflege.

Vor allem das Pflegepersonal war nicht nur enormer emotionaler Belastung ausgesetzt, auch physisch war die Arbeit äußerst kräftezehrend. Sie verbrachten bis zu einer Stunde am Stück in den Zimmern der Patient*innen. Der Schutzanzug – im Jargon Astronautenmontur genannt – machte es unmöglich, sich zu schnäuzen, sich zu kratzen, etwas zu trinken. Es wird wahnsinnig warm in diesen Anzügen, das Wasser läuft den Rücken herunter, man schwitzt und stinkt: und muss (und will natürlich auch), obwohl die Arbeit – gerade das Wenden bettlägeriger Personen – körperlich sehr anstrengend ist, trotzdem mit großer Vorsicht vorgehen; man hat es schließlich mit Menschen zu tun. Und dazu kommt die enorm hohe Todesrate, die selbst für die Intensivbelegschaft oft zu viel war – noch traumatisierender natürlich für jene, die aus anderen Bereichen angefordert worden waren.

Ob das Gesundheitssystem tatsächlich am Rand des Kollapses stand oder nicht, ist im Nachhinein Inhalt weitreichender Debatten. Bisweilen liest man in sogenannten Aufarbeitungen den Vorwurf, dass selbst zu den Spitzenzeiten nicht einmal die Hälfte der Intensivbetten mit COVID-Kranken belegt waren.[5] Das klingt oft so, als ob die restlichen Intensivbetten unbelegt gewesen wären. Tatsächlich war ein großer Teil der Betten aber natürlich nicht unbelegt, sondern für Nicht-Covid-Kranke vorgesehen. Denn die gab es auch in der Pandemie: Menschen mit einer bakteriellen Sepsis, mit einem akuten Nierenversagen, mit akuten Herzinfarkten, Unfallopfer und nicht zuletzt die frisch Operierten, die nach großen Operationen wie z. B. einem Bypass oder einer Transplantation für einige Tage – manchmal auch länger – intensivpflichtig bleiben.

Es stimmt, dass trotzdem Betten frei blieben – viel zu wenige im Übrigen. Der Grund mag manche überraschen: Intensivstationen sollten nie komplett voll sein. Eine Intensivstation, in der kein einziges Bett mehr frei ist, hat keine Möglichkeit, einen gerade mit der Rettung eingelieferten mit COVID-19 infizierten und akut erstickenden Mann zu versorgen. Das zu ignorieren oder herunterzuspielen, ist respektlos gegenüber jenen, die die Belegung organisierten. Es war über Monate ein ständiges Jonglieren der freien Kapazitäten zwischen den Intensivstationen. War die Station voll, verlegte man die Kranken auf eine Überwachung; sobald sie nicht mehr intubiert sein mussten, überwies man sie beim absoluten Lungenversagen an eine spezialisierte Intensivstation zur ECMO. Und vor allem wurden so viele Betten wie nie vorher und nachher durch die vielen Todesfälle frei.

Das ganze Ausmaß der Krise lässt sich aus einer Information des österreichischen Gesundheitsministeriums herauslesen, in der ein paar Grundpfeiler der Bettenauslastung auf Intensivstationen in der Pandemie zusammengefasst werden: Bereits bei einer Auslastung von zehn Prozent mit COVID-19-Patient*innen müssen nicht lebensnotwendige Eingriffe verschoben werden, bei einer Auslastung von 33 Prozent droht eine Konkurrenz, die die Versorgung aller behandlungspflichtigen Patient*innen gefährdet.

Die zehn Prozent, ab denen erste Operationen verschoben werden müssen, wurden monatelang überschritten, vereinzelt auch die 33 Prozent, ab denen es statistisch gehäuft zu Versorgungsengpässen bei den Notfällen kommt – besonders im November 2020, als Österreich kurzzeitig weltweit die meisten registrierten Todesfälle relativ zur Bevölkerung hatte. Das System war zu jener Zeit tatsächlich am Kollabieren, und mancherorts war man sogar noch einen Schritt weiter – zumindest inoffiziellen, aber glaubhaften Berichten von Kolleg*innen zufolge.

Die aktuelle Situation 2025

Fünf Jahre nach Beginn der COVID-Pandemie ist die Situation nicht mehr mit der von 2020/2021 vergleichbar. Fast alle hatten bereits Kontakt mit dem Virus, sei es durch die Impfung, durch die Infektion oder durch beides.

Die schweren Verläufe sind inzwischen tatsächlich zur Rarität geworden. Noch immer sterben in jeder COVID-Welle Menschen an der Infektion (wie viele es sind, wissen wir nicht, da COVID-19 nicht mehr meldepflichtig ist). Es sind jetzt tatsächlich zum ganz überwiegenden Teil sehr alte oder schwer vorerkrankte Menschen.

Dabei dürfte es nicht so sein, dass die Omikron-Varianten per se harmloser sind als ihre Vorgänger. Vergleicht man Omikron direkt mit Delta, bekommt man den Eindruck, Omikron wäre mild. Daten aus Hongkong zeichnen aber ein anderes Bild: Als dort die No-Covid-Politik wie auch im Rest Chinas abrupt beendet wurde, traf Omikron auf eine Bevölkerung, in der es so gut wie keine Hintergrundimmunität gab und sich nur rund die Hälfte der Bevölkerung hatte impfen lassen. Bei den Ungeimpften kam die Hospitalisierungsrate und die Mortalität durchaus in den Bereich, den wir im Rest der Welt bei der ersten Welle gesehen hatten.[6]

Inzwischen bekommt man tatsächlich den Eindruck, dass COVID-19 sich in etwa der Influenza angleicht.[7] Aber COVID-19 führt – auch im Vergleich zur Grippe – noch immer zu einer großen Zahl an stationären Aufnahmen. Zur Spitzenzeit in der bisher letzten Welle im Herbst 2024 waren es alleine in Österreich bis zu 1.000 pro Woche, in der Winterwelle 2023/24 waren es in Spitzenzeiten über 1.500 stationäre Aufnahmen pro Woche.

In einer großen dänischen Studie wurden von Mai 2022 bis Juni 2024 (also bereits in der Zeit von Omikron) alle stationären Aufnahmen wegen Influenza und wegen COVID-19 erhoben. Dänemark hat eine deutlich höhere Durchimpfungsrate als die deutschsprachigen Länder; trotzdem wurden selbst dort in diesem Zeitraum fast dreimal so viele Menschen wegen COVID aufgenommen. Bei der Risikogruppe der über 65-Jährigen waren es mehr als viermal so viele. Und die wegen COVID-19 stationär aufgenommenen Kranken hatten auch ein um ein Viertel höheres relatives Risiko, innerhalb von 30 Tagen nach der Aufnahme zu versterben.[8]

Das bestätigt den Eindruck, den wir auf viel kleinerer Ebene im Spital gewonnen haben. COVID-19 bleibt die Nr. 1 der Infektionen, der Vorsprung auf die Influenza wird aber kleiner. Ein Hauptgrund ist eine Veränderung in der Infektionsdynamik.

SARS-CoV-2 ist ein Virus mit einem großen Mutationspotenzial. Die größte Änderung entstand mit den ab Ende 2021 aufkommenden Omikron-Varianten. Sie setzten sich durch, als bereits viele Menschen durch früheren Kontakt mit dem Virus oder der Impfung einen gewissen Schutz aufgebaut hatten. Veränderungen des Spike-Proteins machten es dem Immunsystem schwerer, eine rasche Immunantwort aufzubauen. Die Omikron-Varianten waren noch infektiöser als die Vorgänger und entkamen dem Immunsystem leichter. Eine Folge dieser Immunflucht waren mehr Infektionen und rascher aufeinander folgende Wellen als je zuvor.

Inzwischen scheint es für das Virus schwerer zu sein, noch weitere Lücken in unserer Immunantwort zu finden. 2024 gab es noch das Ende der großen Winterwelle 2023/24 und die Herbstwelle 2024, aber nicht mehr bis zu vier Wellen in einem Jahr wie zuvor. Schon alleine deshalb gibt es insgesamt weniger Erkrankte, vor allem weniger mit einem schweren Verlauf.

Ob sich dieser Trend so fortsetzen wird, oder ob es doch noch einmal eine grundlegend neue Virusvariante geben wird, die (ähnlich wie beim erstmaligen Aufkommen von Omikron) alle Erwartungen über den Haufen werfen wird, wird sich erweisen. Dieses Virus hat schon mehrmals das Gegenteil von dem gemacht, was prognostiziert wurde.

Die Zahl der Opfer von COVID-19

Die COVID-Pandemie ist, was die Zahl der Toten betrifft, das global einschneidendste Ereignis seit dem Zweiten Weltkrieg. Bis jetzt (Mitte 2025) gab es laut WHO sieben Millionen nachgewiesene Todesfälle durch COVID-19, auch 2025 kommen je nach Infektionsdynamik Woche für Woche noch immer 150 bis 1.500 nachgewiesene Todesfälle hinzu, obwohl fast nirgendwo mehr eine Meldepflicht für COVID-19 besteht.[9]

Eine aktuelle Schätzung anhand der Übersterblichkeit präsentierte 2024 die Zeitschrift The Economist: Sie errechnete eine Zahl von 19 bis 36 Millionen Toten bis Sommer 2024, also fast das Vierfache der offiziellen Zahl.[10]

Wie sehr die Lebenserwartung einbrach, zeigte eindrücklich eine Studie anhand der Daten des seit drei Jahrzehnten laufenden Projekts Global Burden of Disease, in dem die weltweiten Todesfälle und Krankheiten epidemiologisch aufgearbeitet werden. Für über 200 Länder aller Kontinente wurden die Übersterblichkeit, die Lebenserwartung und weitere demografische Trends berechnet. Die Lebenserwartung ging ab 2020 überall signifikant zurück. Besonders dramatisch war die Übersterblichkeit in fast ganz Afrika und in den südamerikanischen Andenstaaten, was die oft gehörte Behauptung konterkariert, dort hätte es trotz fehlender COVID-Maßnahmen und sehr spät bis gar nicht erfolgter Impfkampagnen kaum Todesopfer gegeben.[11]

Im Global Burden of Disease-Projekt wurden auch die Todesursachen erhoben. Die Pandemie führte tatsächlich auch dazu, dass Menschen vermehrt an anderen Ursachen als COVID-19 starben. Insbesondere im südlichen Afrika werden viele Todesfälle auf einen weitgehenden Zusammenbruch der Versorgung von AIDS-Kranken zurückgeführt. Die überwiegende Zahl der Todesfälle war aber weltweit direkt auf COVID-19 zurückzuführen. Im Jahr 2021 war COVID-19 nach den ischämischen Herzerkrankungen global die zweithäufigste Todesursache.

Die Frage, wer an COVID-19 starb, zeitigt bis heute ein großes Interesse. Eine Forschungsgruppe des Imperial College London wertete dazu die Daten von 18 europäischen Ländern inklusive Deutschland, Schweiz und Österreich von 2020 bis 2022 aus. Sie berechnete neben dem Verlust von erwarteten Lebensjahren auch, wie viele dieser verlorenen Lebensjahre in einem guten Gesundheitszustand und frei von Invalidität verbracht worden wären. Sie kamen für die 18 Länder auf den Verlust von 16,8 Millionen erwarteten Lebensjahren, 13,2 Millionen davon direkt durch COVID-19-Infektionen. Fast 60 Prozent dieser verlorenen Lebensjahre wären in einem guten Gesundheitszustand verbracht worden. Es starben also bei Weitem nicht nur ›die Alten und Schwachen‹. Selbst bei den über 80-Jährigen wären 47 Prozent der verlorenen Jahre in einem Gesundheitszustand verbracht worden, der ein selbstständiges Leben erlaubt hätte.[12] Das entspricht dem weiter oben geschilderten Eindruck, den wir in den ersten Jahren der Pandemie im Spital hatten: Ein beträchtlicher Teil der Toten waren rüstige Senior*innen.

Long Covid und andere Folgekrankheiten

Die Geschichte von Long Covid war von Anfang an auch eine des Wegschauens. Social Media ist voll von verzweifelten Berichten Betroffener, die erzählen, wie sich ihr Leben durch Long Covid völlig verändert hat, wie sie nur mehr eingeschränkt oder auch gar nicht mehr am öffentlichen Leben teilnehmen können, wie sie einen beträchtlichen Teil ihrer Zeit im Bett liegend verbringen, abgeschottet von möglichst allen äußeren Einflüssen, wie sie Probleme haben, Zugang zu Diagnostik und Therapie zu bekommen, wie sie von Behörden trotz schwerer körperlicher Einschränkungen als arbeitsfähig klassifiziert werden.

Dabei ist die Zahl der Betroffenen erschreckend hoch. Alleine in Österreich liegen die Schätzungen zwischen 300.000 und 800.000 Menschen, die Long Covid haben oder hatten. Genau weiß das niemand, die Dunkelziffer ist groß. Viele Betroffene wissen selbst gar nicht, dass sie an Long Covid erkrankt sind, da sie ihre Symptome selbst nicht in Zusammenhang mit der Infektion bringen.

Ein Teil des Problems ist, dass Long Covid im Grund keine definierte Erkrankung ist, sondern vielmehr ein Überbegriff für eine ganze Reihe an Folgekrankheiten mit unterschiedlichen Symptomen. Diese Mischung an Symptomen ist komplex, die Diagnostik somit kompliziert, die Therapie erst recht. Das Ganze wird dadurch erschwert, dass es keine bestimmten labordiagnostischen oder radiologischen Marker gibt, die uns Mediziner*innen eine objektive Diagnose ermöglichen.

Dass auch Fachpublikationen unterschiedliche Definitionen von Long Covid haben, macht die Sache nicht einfacher. Unterschiedliche Subtypen werden vermischt und zusammengewürfelt, was den Eindruck von Beliebigkeit erweckt. Und weil verschiedene Subtypen verschiedene, teilweise konträre therapeutische Maßnahmen benötigen, ist es auch auf der Behandlungsebene problematisch, alles, was unter Long Covid verstanden wird, in einen Topf zu werfen.

Zum besseren Verständnis macht es Sinn, einen Schritt zurückzutreten und sich anzuschauen, wie der Begriff Long Covid überhaupt entstanden ist. Wenn man das große Ganze sieht, kann man versuchen, die einzelnen Subtypen herauszuarbeiten.

Auf dem Weg zu einer Definition von Long Covid

Die Geschichte von Long Covid ist fast so alt wie die Pandemie selbst. Kurz nachdem wir die ersten COVID-Kranken zur Behandlung ins Spital bekommen hatten, tauchten Berichte von Personen auf, die die Akutinfektion mehr oder weniger gut überstanden hatten und doch nicht gesund wurden. Die Erste, die diesen Zustand öffentlich als ›Long Covid‹ bezeichnete, war die Italienerin Elisa Perego in einem eher unscheinbaren Post auf Twitter am 20.05.2020. (Frühe US-amerikanische Zeitungsberichte nannten diese Gruppe Menschen noch ›Long Haulers‹.)

Das Bezeichnende daran: Elisa Perego ist weder Medizinerin noch Naturwissenschaftlerin, sondern eine Archäologin aus der Lombardei, die sich bereits sehr früh mit SARS-CoV-2 infiziert hatte und in der Folge an anhaltenden Beschwerden litt. Der Begriff Long Covid wurde also nicht vom medizinischen Establishment, sondern von Betroffenen selbst geschaffen.

Dabei wurde Long Covid von den Betroffenen von Anfang an bewusst als ein Überbegriff für alle anhaltenden Folgen von COVID-19 verstanden. Sie wollten verhindern, dass man die Betroffenen in verschiedene Gruppen unterteilt und so der eigentliche Auslöser der Krankheit – nämlich die Infektion – aus dem Blickfeld geraten würde. Ende 2020 beschrieben Elisa Perego und die ebenfalls selbst betroffene Britin Felicity Callard (eine Geografin) in einem Fachartikel aus eigener Sicht, wie und warum der Begriff entstanden ist (»How and why patients made Long Covid«).[13] Das dezidierte Ziel war, in der Öffentlichkeit und in der medizinischen Fachwelt das Bewusstsein für das Risiko anhaltender gesundheitlicher Probleme – auch nach milden Verläufen der Akuterkrankung – zu stärken.

Dieser Ansatz ist nachvollziehbar und bewährt sich in der Öffentlichkeitsarbeit der Betroffeneninitiativen. Er führte aber auch dazu, dass es lange keine klare Definition von Long Covid gab. Zu Long Covid gesellten sich neue Begriffe wie ›Post-COVID-Syndrom‹ oder das vor allem in der Wissenschaft gerne verwendete ›post acute sequelae of COVID-19‹ – kurz PASC. Sie beschrieben das gleiche oder doch nur Ähnliches – so klar war das oft nicht. Dabei ging es nicht nur um Semantik. Das Fehlen einer einheitlichen Definition hatte auch zur Folge, dass Studien zu dem Thema oft nur schwer vergleichbar waren. Insgesamt ist die Systematisierung schwierig.