Die Verfluchten - K. Will - E-Book

Die Verfluchten E-Book

K. Will

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Beschreibung

Die Verfluchten sind drei Männer, die in ihrer Kindheit von einem Mädchen verflucht worden sind, auf das sie damals hätten aufpassen sollen. Stattdessen haben sie sie des Nachts ihrem Schicksal überlassen. Mit den Jahren hat sich der kindliche Fluch gewandelt und die Jungs zu etwas anderem werden lassen, als zu normalen Männern - zu blutrünstigen Bestien, dazu abgerichtet auf Befehl zu töten. Leth Wessex ist der gefährlichste von allen und ausgerechnet er untersteht dem Befehl des Königs. Er hat seit damals nichts anderes mehr gesehen, als Tod und Verderben, nichts anderes mehr gekannt, als sein eigenes kaltes, düsteres, unterirdisches Reich, und nichts mehr hinterfragt, weil ihm jegliche Lebenslust abhanden gekommen ist. Erst als er eines Tages eine junge Frau töten soll, die man der Hexerei beschuldigt hat, kommen ihm Zweifel an seinem bisherigen Leben und Tun. Er findet Gefallen an der Frau, ohne sie jedoch wieder zu erkennen. Doch sie hat ihn erkannt und kann ihm sogar entkommen. Allerdings ist es der Kirche ebenfalls ein Anliegen der Frau habhaft zu werden, um die Bestie des Königs unter Kontrolle zu halten - und um die Worte in Erfahrung zu bringen, die diesen Fluch damals heraufbeschworen haben. Dazu hat man sogar Vorkehrungen getroffen: Man hat die anderen beiden Männern im Geheimen gefangen gehalten, die ebenfalls der Fluch getroffen hat, und sendet sie nun aus, um Leth notfalls zu töten. Als sie sich schließlich alle gegenüberstehen, müssen sie sich entscheiden: Halten sie zusammen, so wie in früheren Zeiten, und fliehen gemeinsam, oder gehorchen sie ihren Befehlen, was ihnen bislang ihr eigenes Leben erhalten hat?

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Seitenzahl: 839

Veröffentlichungsjahr: 2017

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K. Will

Die Verfluchten

Der Bote des Leids

 

 

 

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Inhaltsverzeichnis

Titel

I.

II.

III.

IV.

V.

VI.

VII.

VIII.

IX.

X.

XI.

XII.

XIII.

XIV.

XV.

XVI.

XVII.

XVIII.

Impressum neobooks

I.

Der kalte Regen prasselte mit einem rhythmischen Trommeln auf das Dach des ersten Hauses, das etwas abseits, am Rande des kleinen, schäbigen Dorfes stand. Sonst ein einschläferndes Geräusch - in dieser Nacht aber ein durchaus bedrohliches. Mit finsterem Blick schaute er die matschige, dunkle Gasse entlang, die sich zwischen den Hütten und Häusern, die schon bessere Zeiten gesehen hatten, her schlängelte. Aber nichts rührte sich. Offenbar war er nicht bemerkt worden. Wahrscheinlich wollte ihn aber auch niemand bemerken. Die Einwohner des Dorfes wollten ja schließlich ihrerseits auch nicht bemerkt werden. Sie fürchteten sich vor der Nacht. Alle. Ausnahmslos. Und taten gut daran.

Mit einem saugenden, schmatzenden Geräusch zog er sein Messer aus dem toten Körper des unglückseligen Menschen, der ihm zuerst untergekommen war, und ließ den Mann achtlos zu Boden fallen. Er hatte keine Ahnung wer er gewesen war. Oder wie er ausgesehen hatte. Er hätte diesen Menschen niemals wieder erkennen können. Er interessierte ihn einfach nicht.

Dann hob der den Kopf ein wenig höher und ließ den kalten Regen auf sein Gesicht niederprasseln. Für einen kurzen Moment schloss er die Augen und stand reglos da.

Er mochte den Regen. Er bedeutete fast immer, dass er allein war. Alle Menschen flohen vor dem Regen und suchten sich zu verstecken, als ob der Regen sie fortspülen könnte, oder sie krankmachen würde, auf dass sie ebenso vergingen. Ebenso flohen sie vor der Nacht. Und die suchte die Menschen im Winter sehr viel früher heim. So wie er nun. Er suchte nun diesen Menschen hier heim, auf dass sie unter seinem unheiligen Befehl vergingen ….

Seine Mundwinkel zuckten ein wenig, als er wieder den Kopf senkte. Der Regen war sein Verbündeter. Er würde die meisten seiner Spuren einfach wegwischen. Er würde es ihm einfacher machen, zu erledigen, was man ihm aufgetragen hatte. … Töte sie alle. Ausnahmslos …. Es kam nicht oft vor, dass man ihn hinausließ. Aber wenn, dann oft mit genau diesen Worten. Wenn, dann konnte er seinen Blutdurst meistens für gleich mehrere Wochen und Monate stillen.

Er vergewisserte sich noch einmal, dass niemand mehr unterwegs war und ging dann zum Haus hinüber, um dort mit seiner Arbeit anzufangen. Er hatte sich schnell Zutritt verschafft – diese einfachen Holzhäuser boten ihm keinerlei Widerstand, wenn er auf der Jagd war –, und ebenso schnell hatte er sein blutiges Handwerk erledigt. Die vier Bewohner des Hauses hatten ihn nicht einmal richtig kommen sehen. Lautlos und schneller, als das menschliche Auge ihn erfassen konnte, hatte er erledigt, weswegen er hier war. Er war nicht mehr, als ein Schatten in dieser düsteren, verregneten Nacht. Nur flüchtig sah er sich um. Aber er konnte riechen, dass sich niemand anderes sonst mehr hier versteckt hielt. Mit weit ausholenden Schritten seiner riesenhaften Gestalt, aber ganz ohne Hast, ging er dann zum nächsten Haus hinüber. Und auch diese Bretterbude konnte ihm nicht standhalten. Und nach und nach ging er immer ein Haus weiter. Schnell, still und beständig. Und absolut tödlich.

Bis er zum Ende des kleinen, abgelegenen Dorfes kam. Aber das ihm sonst so vertraute Gefühl kam nicht. Das Gefühl der Befriedigung, die er sonst empfunden hatte, wenn er seine Arbeit erledigt hatte. Und auch der Blutrausch war nicht gekommen. Dieser Rausch, der ihn alles vergessen ließ, was die Menschen unter Ethik und Moral verstanden. Dieser Rausch, der ihn mitriss und ihn euphorisch machte, ihn etwas aus seinem stumpfen, unseligen Leben erlösen konnte, und wenn es auch immer nur für einen Moment war …. Er war satt. Träge schaute er das Messer in seiner Hand an. Er leckte das Blut von der Klinge und verzog verächtlich das Gesicht. Furcht. Alles was er schmeckte war Furcht. Mit größter Verachtung und Widerwillen spuckte er aus. Es schmeckte ihm schon lange nicht mehr. Er fand diesen Geschmack zum Kotzen. Früher hatte er keine Waffen benutzt. Aber mittlerweile ….

Er trat wieder in den Regen hinaus und schaute in den Himmel. Unter einem Wolkenfetzen blickte die bleiche Fratze des Mondes hervor und erhellte die matschige Gasse ein Stück weit. Dann schritt er ebenso schnell und leise, wie er gekommen war, die Gasse wieder hinauf und war kurz darauf im Dunkel des Waldes verschwunden. Nach nur wenigen Schritten blieb er allerdings noch einmal stehen und sah sich doch noch einmal um. Es war viel zu schnell gegangen. Die Nacht hatte noch nicht einmal richtig angefangen. Und er hatte seine Aufgabe bereits jetzt schon erledigt. Doch er verspürte längst noch keine Lust zurückzukehren. Noch nicht. Und eigentlich immer weniger. Eine lange, dunkle, kalte und verregnete Nacht lag noch fast zur Gänze vor ihm. Und noch einige Dörfer und einsame Anwesen. Warum nicht mal zur Abwechslung etwas Vornehmes? Das hatte er schon ewig nicht mehr tun können. Genauer gesagt, erst ein einziges Mal. Damals. Als er gerade erst zu dem erwacht war, was er nun war. Nur ein kleiner Abstecher …! Er würde die Leiche für immer verschwinden lassen. … Oder ins Dorf bringen! Das würde ordentlich für Gerede sorgen. Aber man konnte ihm nichts anlasten. Töte alle, lautete sein Auftrag. Ausnahmslos. Wenn sich irgendein dummer Tölpel nicht dort befand, wo er hingehörte, sondern einem Menschen im Dorf einen Besuch abstattete …! Er wusste natürlich auch schon, wen er beglücken würde. Oh ja! Es hatte ihn schon beim letzten Mal in den Fingern gejuckt. Aber er hatte sich zurückgehalten. Warum nur eigentlich?

Seine Mundwinkel zuckten wieder, als er wieder mit langen Schritten ausgriff. Das Jagen machte ungleich mehr Spaß, wenn die Menschen durchaus um ihn wussten. Und ihn nicht nur als „Schrecken der Nacht“ kannten.

Es war ein gutes Stück des Weges. Auch wenn man sich wie ein Schatten bewegen konnte. Aber er fand das Anwesen sofort wieder. Und auch die Hunde, die es bewachten. Bewachen sollten. Auch um ihre toten Körper würde er sich kümmern. Später.

Er hatte nicht damit gerechnet, dass man ihm so einfach Einlass gewähren würde. Man hatte nicht damit gerechnet, dass er ihn begehren würde. Man hatte mit Nichts gerechnet, mit nichts Bösem ….

Jetzt kam erst mal der Hausherr dran. Der offensichtlich in seinem Bett lag. Aber offensichtlich nicht alleine. Pech für ihn! Dann würde er halt noch einen Nachschlag nehmen.

Welch glückselige Frohlockung des Nachts ein Weib zu haben …. Nun, sie würden sich nun ihre vermeintlich unsterbliche Liebe nicht mehr gestehen können.

Er hatte die toten Körper zum Dorf gebracht. Und sie so arrangiert, wie er die beiden vorgefunden hatte: splitterfasernackt und in einer sehr eindeutigen Position. Das würde Gerede geben! Er freute sich schon darauf. Nur seine Befriedigung wollte sich noch immer nicht einstellen. Egal, wessen Blut er kostete, es schmeckte nur nach Furcht. Und das war er leid.

Er kehrte zum Anwesen zurück und verwischte seine Spuren. Dann verließ er das Haus durch den Vordereingang, ganz so, wie es jeder normale Mensch getan hätte, wenn er sein Heim verließ.

… Und kehrte heim. Zurück in die ihm so vertrauten dicken, grauen Mauern, die sein Zuhause waren. Zurück in die unterirdische Dunkelheit darin. Zurück in die Stille, die nur hin und wieder durch ein Wehklagen zerrissen wurde. Was meist zu hören war kurz bevor man ihm gestattete im Kerker seinen Durst zu stillen. Aber nicht jetzt. Nicht heute Nacht.

Er kehrte heim. Lautlos und schnell. So, dass nicht einmal die Wachen, die eigens für ihn abgestellt wurden, um ihn zu überwachen, um ihn zu melden, etwas davon bemerkten.

Es hatte Gerede gegeben. Lautes Gerede sogar. Überall sprach man aufgeregt hinter vorgehaltener Hand über das, was vorgefallen war. Der Schrecken der Nacht hatte wieder zugeschlagen. Ein ganzes Dorf hatte er ausradiert. Praktischerweise eines, dessen Bewohner nicht gerade in der Gunst des Königs standen. Mehr noch. Eines, dessen Bewohner dem König zur regelrechten Bedrohung geworden waren. Ein ganzes Dorf voll Aufständischer. Alles Leute, die dem König die Steuern nicht zahlen wollten. Leute, die dagegen ganz öffentlich und laut lamentiert hatten. Die sich nach Mitstreitern umgehört hatten, um gegen den König und seine Steuerpolitik anzugehen. Wie praktisch! Aber natürlich konnte man nicht einfach umhin, diesen armen Teufeln, die dort auf bestialische Weise abgeschlachtet wurden, doch ein wenig Mitgefühl entgegen zu bringen. Aber nur ein wenig. Das Schlimmste daran war die Tatsache, dass es den Earl erwischt hatte. In einer sehr eindeutigen Situation. Und das nicht mit seiner Frau!

Er lehnte sich auf seinem großen, aber einfachen Bett mit dem Rücken an die Wand und verschränkte die Hände hinterm Kopf, als er die Kerkerwachen über die neuesten Gerüchte reden hörte. Seine Mundwinkel zuckten wieder. Den Earl hatte es erwischt? Nein, wirklich? Wie jammerschade! Er schloss die Augen und entspannte sich. Ja, es war amüsant gewesen. Jedenfalls mehr, als sonst, wenn er losgelassen wurde.

Lange hatte er sich seinen Gedanken hingegeben. Und hatte die Stille genossen. Bis er dann aber Schritte hörte. Und er wusste nur zu gut, zu wem sie gehörten. An der Hast, die im Klang der Schritte auf dem kargen Steinboden lag, erkannte er ihn. Er war immer in Eile. Entweder um ihn zu rügen oder um sich zu beeilen, wieder von hier wegzukommen.

Er machte sich schon darauf gefasst, eine ewig lange Litanei erdulden zu müssen. … Welche Verfehlung ihm anlasten würde … welch abnormes Monstrum er sei …. Ja, das hatte er schon so oft hören müssen. Alles Heuchelei!

„Was, was in Gottes Namen sollte das?“, erklang seine Stimme, noch bevor er in seinen dunklen Raum eingetreten war, tief im Inneren der Festung.

Er tat überrascht.

„Ja, seid auch Ihr mir gegrüßt, ehrwürdiger Vater!“ Er zog verächtlich eine Augenbraue hoch, als er seinen Besucher betrachtete, der da nun, mit einer Laterne in seiner Hand, um die Ecke bog. Zorn und Hast hatten das Gesicht des Mannes dunkel gefärbt, aber es lang auch ein Hauch von Angst in dem faltigen Antlitz.

Langsam richtete er sich etwas auf, blieb aber mit auf den Knien abgestützten Armen sitzen. Höflichkeit und Respekt brachte er diesem Menschen schon lange nicht mehr entgegen.

„Was sollte das?“, wurde er wieder gefragt. Sein Gegenüber war sichtlich außer Atem. Und sichtlich ungehalten.

„Und auch Ihr, Euer Majestät!“, überging er laut und betont die Frage des ehrwürdigen Vaters, um einen weiteren Besucher zu begrüßen den er schon ausmachen konnte, noch bevor er die steinerne Treppe gänzlich hinunter gekommen und in den düsteren Raum eingetreten war. „Aber geschah es denn wirklich in Gottes Namen, oder in des Teufels? Habt Ihr Euch hier versammelt, um zu sehen was Euer kleines, grausames Geheimnis zu den grausamen Taten gestehen wird?“, höhnte er. Sein Blick hatte etwas Unheilvolles, als er zu den beiden Männern aufblickte, die in seinen unterirdischen Raum traten.

„Was, um alles in der Welt sollte das?“, fragte auch sein zweiter Besucher recht aufgeregt.

Er gab sich gelassen und zuckte nur mit den Achseln.

„War es nicht Euer Wunsch?“, fragte er nur lakonisch. Sein Blick heftete sich in die Augen seines königlichen Besuchers. Eine unscheinbare Gestalt von einem Mann, wäre da nicht sein alberner, samtener, roter Umhang gewesen, der stets seine Schultern zierte, um ihn zu etwas mehr Würde oder Größe zu verhelfen.

„Nein!“, rief dieser erbost aus. „Und das weißt du auch ganz genau. Das Dorf! Nur das Dorf!“

„Nun, ich habe das Dorf ausgelöscht. Das ganze Dorf.“, entgegnete er seelenruhig ruhig.

Blicke wechselten.

„Tu nicht, als wüsstest du nicht ganz genau, wovon die Rede ist!, ereiferte sich der Geistliche. Er kam einen Schritt auf ihn zu und hob seinen Stab. Ein Zeichen seiner vorherrschenden Macht auf Erden. … Oder einfach nur seine Krücke. Es hatte wohl bedrohlich wirken sollen. Doch er quittierte die Geste mit einem müden Achselzucken.

„Klärt mich auf, oder lasst mich schlafen. Ich habe eine lange Nacht hinter mir.“, knurrte er unwillig.

„Der Earl!“, versuchte ihn der Geistliche zu erinnern. Aber er sah den Mann nur ausdruckslos an. Der ehrwürdige Vater drehte sich in einer verzweifelten Geste zu dem König herum. „Ihr müsst ihn zur Raison bringen!“, drohte er. „Dieses Scheusal wird uns noch alle töten!“

„Und ist es nicht genau das, was Ihr mir stets aufgebt zu tun?“, fragte er unschuldig an den Mann der Kirche gewandt.

„Wie kannst du dir anmaßen …?“

„Genug.“, herrschte die Stimme des Königs dazwischen. Auch er kam einen Schritt weiter in den Raum hinein. „Du vergisst, was du bist!“, sagte er drohend zu ihm. „Denke stets daran, wer dich am Leben erhält.“

Er überging auch das geflissentlich. Er ließ sich wieder nach hinten fallen, ließ sich der Länge nach auf sein Bett fallen, schlug die Beine übereinander und bettete seinen Kopf auf seine verschränkten Arme. Diese Art von Unterhaltung langweilte ihn nur.

„Ihr habt jedes Mal etwas zu beanstanden.“, bemerkte er schlicht.

„Steh gefälligst auf, wenn wir mit dir rede!“, hallte die Stimme des Königs wieder, diesmal deutlich aufgebracht, durch den Raum.

„Was haltet Ihr davon, Eure Drecksarbeit selbst zu erledigen?“, konterte er nur grimmig. Er schloss wieder die Augen. Für ihn hatte sich das Gespräch erledigt.

„Du vergisst dich!“, ermahnte der König ihn.

„Ja, manchmal ist mir danach. Und irgendwann tue ich es bestimmt auch!“ Seine Stimme klang etwas unwilliger. Er öffnete noch einmal die Augen und sah seine beiden Besucher grimmig an. Dann schloss er sie wieder und sagte nichts mehr. Das Gespräch war für ihn damit beendet. Er hörte auch kurz darauf, wie sich die Schritte der beiden Männer tatsächlich entfernten, als auch ihnen das aufgegangen war. Sie waren kaum aus dem Raum verschwunden, als er wieder ihre Stimmen vernehmen konnte.

„Es entgleitet uns. Ihr habt ihn nicht mehr unter Kontrolle.“, mahnte der Kirchenmann an den König gerichtet auf seinem Weg hinaus.

Er sog prüfend die Luft ein. Er konnte die Furcht des Geistlichen regelrecht riechen. Es widerte ihn an. Ausgerechnet dieser Mann bekam langsam Angst vor ihm. Der Mann, dem er sein Schicksal zu verdanken hatte. Ein Witz! Aber er hatte keine Lust über ihn nachzudenken. Er hatte keine Lust überhaupt über irgendwen nachzudenken.

„Beruhigt Euch, Pater!“, hörte er den König noch sagen. „Er ist etwas über sein Ziel hinaus geschossen. Mehr nicht. Er ist nicht ausgelastet.“ Der Geistliche erwiderte noch etwas leise aufgebracht und deutlich angewidert. Aber er wollte es nicht mehr hören.

Nicht ausgelastet …. Nein, das konnte man wohl wirklich nicht behaupten. Er fragte sich bereits jetzt schon, wann er wohl das nächste Mal Gelegenheit für einen nächtlichen Ausflug bekommen würde. Nicht ausgelastet …. Nein, wenn man Jahre um Jahre immer nur in düsteren, unterirdischen Räumen zubrachte und diese nur alle paar Wochen einmal verlassen durfte, dann war man wirklich nicht ausgelastet. Er hatte noch nie wirklich darüber nachgedacht, was dieses Leben für ihn bedeutete. Für ihn … hatte es immer nur leben bedeutet.

Aber er hatte seinen Auftrag ausgeführt. Und vorerst war er satt. Er wollte sich nur ein wenig ausruhen. Viel mehr blieb ihm hier unten auch nicht übrig. Sein Reich war, gemessen daran, dass ein Stockwerk über ihn der Kerker lag mit all seinen Zellen, die immer wieder genügend Gefangenen ihrer Freiheit beraubten, nicht gerade klein. Und er konnte sich hier frei durch die Räume seines unterirdischen Stockwerkes, durch die Katakomben, bewegen. Aber trotzdem war auch er letztendlich ein Gefangener. Gefangen in diesem Gemäuer. Gefangen in seinem Körper. Gefangen in seinem Schicksal.

Schicksal …. Nein, eigentlich glaubte er nicht daran. Es gab so was wie Schicksal nicht. Nur Bosheit. Willkür. Machtmissbrauch.

Aber er wollte jetzt nicht denken. Er wollte den Genuss der letzten Nacht noch ein wenig kosten.

Wieder zuckten seine Mundwinkel. Es war also nicht seine Frau gewesen …! Nun, der Earl war verheiratet gewesen. Aber wenn sie nicht seine Frau war, dann hatte er die richtige übersehen? Vielleicht kam er ja nächstes Mal in ihren Genuss …. Jedenfalls hatte er noch nie einen Fehler gemacht. Er würde sich um diesen kümmern. Nächstes Mal.

Er erwachte, weil er ein Geräusch wahrgenommen hatte. Er hatte geschlafen. Er hatte tatsächlich geschlafen! Etwas, was ihm schon lange nicht mehr passiert war.

Aber da war wieder dieses Geräusch. Er lauschte in die Finsternis, die ihn umgab. Langsam setzte er sich in seinem Bett auf, stellte die Füße leise auf den Boden und horchte weiter angestrengt. Er stellte fest, dass es nicht das halb vertraute Geräusch war, das die Tür zu den Treppen verursachte, die zu ihm hinunter führten. Nein, dieses Geräusch kam bereits von hier unten. Er hatte also wieder Besuch. Er hielt inne. Aber es waren keine vertrauten Schritte zu hören. Kein verräterisches Klirren der schweren Eisenschlüssel am Bund des Kerkermeisters. Keine Stimmen, die miteinander oder ihn ansprachen.

Ein leises Geräusch. Ein Knirschen von Metall auf Metall. Ein Kratzen auf Stein. Jemand löste die Fackel am Treppenaufgang aus ihrer Halterung. Dann war dieser Jemand nicht freiwillig hier. Ansonsten hätte er eine Laterne bei sich gehabt. Er sog wieder prüfend die Luft ein. Er konnte etwas riechen. Ein schwacher Duft durchwehte die Dunkelheit hier unten. Etwas Erfrischendes lag in diesem Geruch. Etwas ganz anderes, als sonst. Aber auch ein wenig Vertrautes. Der vertraute Mief von verdrecktem Stroh aus den Kerkerzellen oben. Ein Gefangener also. … Er ist nicht ausgelastet …! Spielzeug also! Beute!

Gut, die Jagd fing an. Keine Ahnung, wie lange er geschlafen hatte. Aber es konnten durchaus Tage gewesen sein. Denn er verspürte plötzlich wieder einen unsäglichen Hunger.

Leise schlich er aus seinem Raum hinaus. Er konnte den Schein der Fackel noch erkennen, als sie gerade um die nächste Ecke herum getragen wurde. Der Mensch ging auf die langen Gänge hier unten zu. Das würde ein Spaß werden! Das war mal etwas Abwechslung. Menschen durch die Gänge zu jagen, auf dass sie feststellen mussten, dass sie sich in einem Labyrinth verfangen hatten, das nur er kannte. Und die Erkenntnis zu genießen, dass sie sich ihres Verfolgers durchaus bewusst waren und ihnen das Blut vor Angst und Aufregung in heißen Strömen durch den Körper jagte. Das machte es schmackhafter für ihn. Panische Todesangst …, nicht dieses kalte Grauen, das die Menschen anfiel und regelrecht versteinern ließ, wenn er sie in ihren Häusern heimsuchte. Echte, unverhohlene Todesangst.

Mit leisen Schritten ging er hinterher. Unbemerkt von dem Menschen. Erst als er seine Fingernägel über die groben, großen Steinquader, aus denen die dunklen, klammen Wände bestanden, kratzen ließ, merkte der Mensch kurz auf. Seine Schritte kamen zum Stillstand. Anscheinend lauschte er in der Dunkelheit, lauschte auf mögliche Gefahren, darauf, ob ihn jemand verfolgte. Dann setzte der Mensch aber seinen Weg in einem ruhigen Tempo fort. Als er das Licht wieder entschwinden sah, holte er ein wenig auf und trat fester auf. Seine Schritte klangen laut durch die Katakomben, hallten in allen Korridoren nach. Ihr Echo verzerrte sie zu einem schaurigen Gemurmel der Verfolgung. Auch er vernahm nun die Schritte etwas deutlicher. Der Mensch vor ihm war aufgeschreckt. Er beeilte sich. Wurde unvorsichtig. Bewegte sich nicht mehr bedacht. Wollte nur entfliehen. Ob man den armen Teufeln, die man ihm hin und wieder zum Spielen überließ, wohl sagte, dass sie der Nächtliche Schrecken hier unten erwarten würde? Kaum vorstellbar. Andererseits hatte es auch schon welche gegeben, die sich schon am Treppenabsatz nicht mehr zu rühren vermocht hatten. Und das bestimmt nicht aus Schwäche heraus.

Er beschleunigte seinen Schritt ein klein wenig und sah von weitem vage die Gestalt, die sich vor ihm mit der Fackel in der Hand einen Weg durchs Labyrinth bahnte. Ein wenig schmächtig, wie er fand. Er war fast schon enttäuscht. Hoffentlich keine Frau! Die gellenden, hysterischen Schreie der letzten hallten ihm immer noch in den Ohren. Hätten fast seine Trommelfelle zerrissen.

Er nahm einen anderen Gang, bog nach links ab und nahm den übernächsten Gang zur Rechten. Und kam unmittelbar vor der Gestalt in ihren Gang eingebogen. Sie blieb stehen. Sagte nichts. Rührte sich nicht. Nur die Fackel wurde etwas höher gehoben, um etwas mehr Licht auf sein Antlitz fallen zu lassen. Er mochte den Schein des Lichtes nicht. Schon gar nicht direkt vor seinen Augen. Mit einer unwilligen Handbewegung und einem Knurren aus tiefster Kehle schlug er die Fackel zur Seite. Sie entglitt dem Menschen und polterte zu Boden. Das gab ihm Gelegenheit sich den Menschen anzusehen. Seine Augen waren Dunkelheit gewöhnt. Und er war enttäuscht tatsächlich eine Frau vorzufinden. Aber sie griff wieder nach der Fackel, statt sich panisch von ihm abzuwenden und zu fliehen. Das wäre für ihn eine normale Reaktion gewesen. Oder in Hysterie zu verfallen. Aber die Frau hier stand einfach mit der Fackel in der Hand da und machte ansonsten keine Anstalten. Langsam kam er noch einen Schritt näher und sog noch einmal die Luft ein. Etwas Unerwartetes lag in der Luft. Zu seinem Erstaunen konnte er keine Furcht wittern. Das machte keinen Spaß!

Ein letzter Schritt von ihm brachte ihn ganz nah an sie heran.

„Wag es nicht …!“, drohte sie ihm überdeutlich und sehr betont mit fester Stimme. Er zuckte ganz kurz zurück. Das war neu! Keine Panik, sondern Widerstand?

„Und was, wenn doch?“, fragte er in seiner tiefen Tonlage. Ein überaus kräftiger Tritt gegen sein Knie war die Antwort, die er bekam. Kräftig genug, dass er kurz mit den Beinen einknickte. Eigentlich eher aus der Überraschung heraus. Aber das hatte der Frau ausgereicht. Schneller, als er es für möglich gehalten hatte, hatte sie die Flucht nach hinten angetreten. Er setzte ihr nicht nach. Er nahm wieder die Verbindungsgänge, um ihr so den Weg abzuschneiden, und bekam sie gerade noch am Arm zu packen, als sie vor ihm durch den Gang in den nächsten huschen wollte.

Sie stieß nur kurz erschrocken die Luft aus. Dann packte er mit seiner rechten Hand ihre Kehle und drückte die Frau unbarmherzig an die Wand. Sehr langsam kam er ganz nah heran und sog ihren Geruch ein. Er ließ seine Nase langsam über ihr Haar gleiten, seitlich hinab zum Hals und verharrte dann kurz oberhalb der Halsbeuge. Er sog noch einmal den Geruch ein. Er wunderte sich ein wenig darüber, dass er noch immer nichts von Todesangst riechen konnte. Aber die Frau hielt erstaunlicherweise still und war ganz ruhig. Dann gruben sich seine Zähne in ihren Hals … und etwas überaus Heißes und Grelles mit einem stechenden und brennenden Schmerz in seinen Nacken. Mit einem kurzen Aufschrei ließ er sie los, schlug ihr die Fackel wieder aus den Händen und nach seinen Haaren, die Feuer gefangen hatten, gerade als er einen dumpfen Tritt in seinen Eingeweiden spürte. Ein weiterer Tritt, wieder vor sein Knie, und ein gezielter Schlag auf seine linke Schläfe verwirrten ihn vollends. Er war noch nie auf Gegenwehr gestoßen. Er wollte gerade wieder zupacken, als sich die Frau duckte und nach der Fackel griff. Mit Kraft schlug sie ihm die Fackel quer durchs Gesicht. Das Feuer verbrannte augenblicklich seine Wimpern und Augenbrauen. Und das gereichte seiner Beute zur Flucht. Was ihn noch wütender machte, als er nun ohnehin schon war. Aber er konnte kaum mehr etwas erkennen. Seine Augen wollten im Moment nichts mehr sehen, wollten ihm keine Bilder mehr zeigen. Sie waren geblendet. Laut brüllend lehnte er sich gequält an die rückwärtige Wand und verbarg sein Gesicht in den Händen. Er zwang sich zur Ruhe. Schließlich gab es kein Entkommen von diesem Ort. Und sie war nur ein Mensch. Sie konnte sich hier verstecken. Aber nicht für immer. Und sie konnte ihm auch gewiss nicht anderweitig schaden. Das einzige was ihm schadete war dieses grelle Licht. Zornig trat er die Fackel aus, die der Frau nach ihrer Attacke aus den Händen entglitten war. Und die gewohnte Dunkelheit umfing ihn wieder, beruhigte seine geschundenen Augen. Einen Moment stand er noch an der feuchten, kalten Wand gelehnt und presste sich noch mal die Hände auf die Augen. Dann schüttelte er sich kurz seine Pein ab, wie ein verwundetes Raubtier, und erhob sich wieder zu seiner vollen Größe. Langsam bekam er seine Augen auf. Aber er verließ sich noch nicht darauf, was sie ihm zeigten. Er lauschte angespannt nach einem leisen Geräusch. Und versuchte ihre Witterung aufzunehmen. Er streifte mit langen Schritten durch die Katakomben, eine Hand immer an den Wänden lassend, Führung suchend. Er durchmaß die Flure und Gänge. Und lauschte immer wieder. Ein sehr leises Geräusch nur verriet ihm, dass sie sich noch immer in Bewegung befand. Immer auf der Flucht vor ihm. Eine Flucht, die keinen Ausweg finden würde. Es gab keinen.

Es war einige Zeit vergangen, als er seine Suche vorerst abbrach. Er gab niemals auf. Hatte er noch nie getan. Würde er auch niemals tun. Aber sie war anders, als die Menschen gewöhnlicher Weise waren. Sie hatte ihn überrascht. Und sie befand sich noch immer auf der Flucht. Und er hatte sie bislang nicht gefunden. Und das war etwas, mit dem er sich gar nicht arrangieren wollte. Er hatte ihr Blut geschmeckt. Ganz kurz nur, aber es hatte ausgereicht. Er fuhr sich mit der Zunge noch einmal über seine Lippen. Ein kleiner Tropfen ihres Blutes klebte noch darauf. Nicht genügend, um einen Rausch heraufzubeschwören. Aber genug, um die angenehme Besonderheit darin zu schmecken. Aber sie hatte ihn überrascht mit ihrem Angriff. Und er musste erst einmal seine Sinne wieder beieinander bekommen, bevor er die Jagd richtig eröffnen konnte. Und dann würde er in Genuss von mehr kommen. Von sehr viel mehr. Sie würde das nicht überleben. Er würde sie bis auf den letzten Tropfen leer trinken.

Tageslicht sickerte sehr sparsam und träge durch winzige Ritzen und marode Lüftungsschächte nach unten, als er sich auf sein Bett legte. Es war wieder Tag. Bestimmt würde er heute wieder unliebsamen Besuch bekommen. Etwas Unterhaltung für das Biest, um es bei Laune zu halten. Er wollte heute gerne darauf verzichten. Aber sein Wunsch wurde natürlich nicht erfüllt.

„Mein Gott, wie siehst du denn aus?“, entfuhr es dem Monarchen, als er wieder zu ihm in den Raum kam. Es waren Tage vergangen, seit der letzten Unterredung, die sich nur zu schnell totgelaufen hatte.

„Redet mich besser nicht mit Gott an, den gibt es hier wohl eher nicht. Und sprecht mich auch nicht auf mein Äußeres an! Was für eine Raubkatze habt Ihr mir denn da auf ein Spielchen vorbeigeschickt?“, grollte er. „War ja mal was ganz anderes!“

„Freut mich, dass es dich amüsiert hat.“, erwiderte der König unsicher.

„Doch, ja, kann man nicht anders sagen! Wer war sie? Was hat man ihr angelastet? Hat sie etwa jemanden ermordet?“, fragte er weiter, tatsächlich recht interessiert.

„Sie wurde der Hexerei bezichtig!“, bekam er nur knapp zur Antwort.

„Lasst mich raten, wer ihr wohl so etwas nachgesagt hat …“, überlegte er sarkastisch.

„Das tut jetzt überhaupt nichts zur Sache. Deswegen bin ich nicht hier. Ich habe …“, erklärte der König.

„Natürlich nicht. Was kümmert Euch schon das Leben eines unbedeutenden Menschen!“, unterbrach er seinen Herrn rüde.

„… mit dir zu reden!“, fuhr der Monarch unbeirrt, aber in einem strengeren Tonfall weiter fort. „Keine Fehltritte mehr! Haben wir uns verstanden? Wir sind auf das Wohlwollen eines gewissen Paters angewiesen. Und nicht nur auf ihn!“

Er stieß nur kurz verächtlich die Luft aus.

„Leth! Du vergisst, dass du längst nicht mehr am Leben wärst …! Also reiß dich zusammen! Und tu nur genau dass, was man dir sagt.“ Der König ging vor ihm im Raum auf und ab. Er stand sichtlich unter Anspannung. Wahrscheinlich hatte er wieder den Überlegungen des Paters lauschen müssen, wie man sich seiner am besten entledigen könnte. Dabei war es genau dieser Pater, der damals zugestimmt hatte, ihn für ihrer beider Absichten zu missbrauchen.

„Ich habe getan, was man mir gesagt hat!“, gab Leth zu bedenken. „Ich kann nichts dafür, wenn sich ehrliche Leute des Nachts in den falschen Betten befinden.“

„Das glaubst du doch selber nicht!“, herrschte der König ihn an. „Du hast den Earl of Werren nie leiden können. War das deine Rache dafür, dass er dich damals gefangen genommen hat?“ Leth sah nur mit einem eiskalten Blick auf. „Oh ja, ich sehe es nur zu deutlich in deinen Augen!“, behauptete der König. „Aber wir können uns so was nicht erlauben!“

„Wir?“, gab Leth angewidert zu bedenken. „Ich kann mir eine ganze Menge erlauben. Nur Ihr müsst für Recht und Ordnung sorgen und dabei Euer Gesicht wahren. Könnt Ihr dabei eigentlich noch in den Spiegel sehen?“

„Wer von uns beiden ist denn wohl eine Bestie, ein gewissenloser Mörder?“, fragte der König nicht weniger sarkastisch zurück.

„Der, der nur Befehlen gehorcht, oder der, der diese Befehle ohne mit der Wimper zu zucken gibt?“, riet Leth böse.

„Genug!“, donnerte wieder die Stimme seines Herrn durch den unterirdischen Raum. „Halte dich an deinen Schwur!“ Dann wandte er sich um und verließ mit einem Rauschen seines Umhangs sein kleines, dunkles Reich.

Er war wieder auf der Jagd gewesen. Er hatte sie gesucht. Ihr Geruch hing noch in der Luft. Aber sie schien nicht mehr da zu sein. Und das war völlig unmöglich. Von hier gab es kein Entrinnen ….

Aber er hatte sie tatsächlich nicht gefunden. Nur ein Kleidungsstück. Einen Schal. Der ihren Geruch trug. Er war mehr als aufgebracht darüber. So etwas war ihm noch nie passiert! Er machte keine Fehler. Hatte er nie getan! Aber jetzt waren ihm innerhalb weniger Tage gleich zwei Fehler unterlaufen. Das musste er wieder in Ordnung bringen. Niemand, den er zu seinem Opfer auserkoren hatte, überlebte. Absolut niemand!

Aber er hatte die Frau einfach nicht mehr wieder finden können. Unzählige Male war er inzwischen sämtliche Gänge und Flure entlang geschlichen, hatte jeden noch so kleinen Mauervorsprung untersucht. Aber das Ergebnis war jeden Tag, jede Nacht das gleiche.

„Du wirkst unruhig.“, stellte sein täglicher, königlicher Besucher fest.

„Ich habe allen Grund dazu.“, grollte er nur ohne ihn anzusehen.

„Warum? Was ist denn passiert?“, wollte der Mann in seinem roten Umhang wissen.

„Was passiert ist? Tja, wie soll ich es Euch sagen?“, höhnte er ausweichend. „Man hat mich vor gut zwölf, dreizehn Jahren hier eingesperrt.“ Er sah den Mann grimmig herausfordernd an. Er konnte ihm ja wohl schlecht erzählen, was wirklich passiert war.

Aber der König hielt dem Blick seines Gefangenen stand. Lange genug, um ihm damit nicht im Unklaren zu lassen, dass er ihn nicht fürchten würde.

„Du möchtest wieder auf die Jagd gehen?“, fragte er ihn fast freundlich, wäre da nicht der schwelende Unterton in seiner Stimme gewesen. „War dir das Dorf nicht genug? Müsstest du nicht noch immer satt sein? Was war denn mit dem verkommenen Weibsbild letzte Tage? Nicht dein Geschmack gewesen? Aber vielleicht habe ich da was für dich.“, überlegte er laut. „Lord Cunningham hat sich angekündigt. Er beharrt noch immer auf seinen Forderungen.“

„Lasst mich raten …!“, merkte Leth freudig böse auf, fuhr aber nicht weiter fort. „Seine Ländereien reichen sehr weit.“, gab er nur zu bedenken.

„Genau!“ Der König begann wieder unruhig auf und ab zu gehen, während Leth sich auf sein Bett niederließ und sich betont lässig gab. Er verschränkte die Arme wieder hinter seinem Kopf und lehnte sich zurück. „Dieser Mann dürfte nicht so viel Macht besitzen. Er ist nur ein kleiner …“, fuhr der König fort.

„… aber nicht unbedeutender …“, unterbrach ihn Leth mitten im Satz.

„… Lord!“, beendete der König diese Überlegung, und maß ihn mit einem grimmigen Blick. Er mochte es nicht unterbrochen zu werden. Er mochte auch nicht, dass dieser … Mensch, … Leth … ständig seine Gedanken zu erraten schien.

Aber auch genau das schien Leth zu erraten. Seine Mundwinkel zuckten ein wenig und der Monarch erkannte eine leichte Amüsiertheit darin.

„Ich schätze es gar nicht, wenn man meine Gedanken belauscht!“, schnappte er wütend.

„Was glaubt Ihr, was ich alles nicht schätze?“ Leth erhob sich drohend von seinem Lager und kam mit einem unheilvollen Funkeln in seinen dunklen Augen direkt zu dem kleineren Mann hinüber.

„Schon gut! Setz dich wieder!“ Die Stimme des Königs klang trotzdem fest und befehlend, während er mit seinen Händen eine beschwichtigende Geste machte. „Cunningham kommt morgen her und wird erst gegen Abend abreisen. Du wirst bis zum Morgengrauen warten! Er muss weit genug von unseren Ländereien weg sein.“

„Gefolge?“, erkundigte sich Leth nur knapp.

„Natürlich!“, entgegnete der König in leichter Verwirrung.

„Natürlich hat er Gefolge! Wie viele, will ich wissen?“, fragte Leth ungeduldig und böse.

„Keine Ahnung!“

„Kutsche oder Pferd?“, bohrte Leth weiter.

Der Monarch sah ihn vollends verwirrt an.

„Woher soll ich das wissen? Was interessiert es dich? Das war doch noch nie ein Problem für dich! Was soll das jetzt?“

„Konversation.“, grollte Leth.

„Konversation?“ Der Mann wusste nicht, was das jetzt sollte.

„Konversation.“, bestätigte Leth. „Seid Ihr nicht auch deswegen hierher gekommen?“

Der König schnappte hörbar nach Luft.

„Seit wann legst du Wert auf Unterhaltungen?“

„Und seit wann behelligt Ihr mich nicht mehr mit Eurem wohl gewählten Wortschwall, um Eurer verderbten Seele Luft zu verschaffen?“

„Seit dem du einfach nur zuzuhören und zu gehorchen hast!“

„Auch gut.“ Leth ging wieder zu seinem Bett hinüber und legte sich entspannt hin. Er wusste nur zu gut, was jetzt kommen würde. Er tat das immer, wenn er ihm etwas anordnete. Wahrscheinlich um sich von seinem Ballast zu befreien, der ihm zu schaffen machte. Um sich Bestätigung zu holen, dass das, was er anordnete, gerecht war in seinen Augen, dass er keine andere Wahl hatte und nur geschehen würde, weil andere ihm keinen anderen Handlungsspielraum zubilligten. Um sein Gewissen zu beruhigen. Lästig ein Gewissen zu haben. Er kam prima ohne klar.

Aber er tat so, als würde er tatsächlich zuhören. Und irgendwann, nachdem er ermüdet gegähnt hatte, trollte sich sein hochwohlgeborener Besuch mit einem böse beleidigten Seitenblick wieder in seine eigenen Gemächer.

Leth wusste alles, was er wissen musste. Alles weitere Geplänkel war reine Höflichkeit. Er war nie höflich. Wozu auch?

Er lag still auf seinem Bett und griff nach dem Schal, den er gefunden hatte. Er drehte ihn kurz in Händen hin und her. Dann sog er den Geruch, der dem Schal anhaftete, tief in sich auf. Morgen also. Morgen Nacht. Er hatte also noch Zeit.

Der Mond stand schon hoch am Himmel, als endlich die schwere, eisenbewehrte Tür aus dicker, massiver Eiche geöffnet wurde. Langsam stieg er die steinernen Treppen hinauf und ging durch die langen Flure. Die Festung lag still da. Nirgends war ein Geräusch zu vernehmen. Nur das dunkle, Unheil verkündende Hallen seiner Tritte auf dem Steinboden war zu hören. Und es war dunkel. Bis auf den Schein einer Laterne, der noch zu sehen war. Jemand beeilte sich leise vor ihm weg zukommen. Jemand, der seine Tür geöffnet hatte. Jemand, der von König Davington den Befehl bekommen hatte, die Bestie freizulassen.

Ein Hauch von Furcht hing noch in der Luft. Selbst die Männer des Königs fürchteten sich. Vor ihm. Seine Mundwinkel zuckten wieder. Schwächlinge. Allesamt. Niemand, der in der Lage war ihm die Stirn zu bieten. Und sie waren die starke Hand, die das Königreich bewachten, es beschützen sollten, vor Mördern, Dieben und Gesindel, vor Dämonen wie ihm. Lächerlich!

Gierig sog er die frische Nachtluft ein, als er durch das Eingangsportal nach draußen gelangte und sah sich um. Er betrat eine kleine Anhöhung an der Festungsmauer. Die Wälder ringsum lagen still und unbewegt da. Nirgends konnte er etwas Ungewöhnliches ausmachen. Der Mond erhellte die Auen am Flusslauf. Er hörte das leise Plätschern des Wassers in der Ferne, wie es über die Steinchen im Flussbett ran, bis hierher. Ein Kauz schickte einen verirrten Ruf durch die Wälder der Nacht.

Bedächtig stieg er von seinem Aussichtspunkt eines Felsens herunter. Er benutzte diesen Ort immer zur Orientierung. Ein einsamer Felsen an der Mauer der Festung. Groß genug, um von ihm aus über die Wipfel der Bäume sehen zu können. Aber es war nichts zu sehen. Nichts, was ihn interessierte. Aber ein Geruch lag in der Luft. Sehr schwach nur. Aber mittlerweile schon fast vertraut. Wieder und wieder witterte er mit hocherhobenem Kopf in die Nacht. Aber er würde sich zuerst einen Überblick darüber verschaffen, wie weit weg sich dieser Cunningham befand. Dann erst konnte er sich um seine Angelegenheiten kümmern.

Mit großen Schritten durchmaß er die Wälder, lautlos und schnell.

Und traf bald auf die Männer Cunninghams. Sie lagerten am Flusslauf, an der Grenze zu Cunninghams Ländereien. Leth hockte sich in die Schatten des niedrigen Unterholzes und beobachtete das Lager. Also schön. Er hatte noch etwas Zeit. Sie waren den Abend bis nach Anbruch der Nacht durchgeritten, um bis hierher zu gelangen. Nun rasteten sie. Sie würden nicht vor dem Morgengrauen weiterziehen. Zeit genug, um auf die Suche gehen zu können.

Immer wieder hob er prüfend den Kopf und versuchte Witterung aufzunehmen. Sein Weg führte ihn vom Fluss weg. Und weiter in den Wald hinein, der schon zu Cunninghams Land gehörte. Im Wald konnte er ihren Geruch deutlicher wahrnehmen. Er wunderte sich ein wenig darüber, wie es möglich sein konnte. Wie hatte sie es geschafft zu entkommen? Aber es war ganz eindeutig ihr Geruch!

Schritt für Schritt bewegte er sich leise zwischen die Bäume hinweg. Eilig genug, um keine Zeit zu vertrödeln. Und doch so bedacht, dass nicht ein einziges Mal ein Knacken eines Astes zu hören gewesen wäre. Nach wenigen Kilometern kam er an eine Siedlung. Einsam und still im Wald. Verborgen, um nicht entdeckt zu werden. Er hielt kurz inne und schaute sich um. Sie wirkte verlassen, so wie sie sich ihm darbot: Die meisten Häuser waren tatsächlich nicht mehr als einfache Hütten, größtenteils sogar aus einfachen, dickeren Ästen und Zweigen zusammengefügt, teilweise vom Moos überwachsen machte diese Siedlung nicht wirklich den Eindruck, als wäre sie noch bewohnt. Er schloss die Augen und versuchte etwas wahrzunehmen. Er hörte leise Stimmen, die sich unterhielten. Er vernahm den rhythmischen Atem mehrerer Menschen. Die Siedlung war ganz und gar nicht verlassen. Die meisten schliefen einfach nur friedlich. Ohne Ahnung, was vor ihren Türen stehen mochte.

Lautlos glitt er an einem Häuschen nach dem anderen vorbei, hielt kurz vor der Tür inne, und ging dann weiter. Bis er endlich dort angekommen war, wohin ihn sein untrüglicher Instinkt geleitet hatte. Ihr Geruch war überdeutlich zu vernehmen. Die Tür gab auf sein drängendes Verlangen hin geräuschlos nach. Leise schlich er sich ins Haus. Es war fast schon zu einfach. Mit einem schnellen Blick hatte er die Lage sofort erkannt. Das Bett war unberührt. Niemand befand sich darin. Über einen Schemel lagen Kleider. Er ging hin und hob sie von dem Hocker auf. Nur kurz schnupperte er daran. Ja, eindeutig sie! Aber sie war nicht da. Er war enttäuscht. Aber er konnte es nicht ändern. Zumindest wusste er nun, wo er sie finden konnte. Aber jetzt musste er sich erst mal um seine Aufgabe kümmern. Die Nacht würde nicht mehr allzu lange andauern.

Er verließ ebenso lautlos, wie er gekommen war das Häuschen und die Siedlung und machte sich wieder auf den Weg durch den Wald zum Fluss hinunter, zum Lager Cunninghams. Alles lag noch still und unbewegt da, als er zurück war. Nach nur einem Augenblick auch die beiden Wachen, die das Lager bewachen sollten. Sie waren für ihn kein Problem gewesen. Sie waren ihm nicht gewachsen, in keinster Weise. Ein kurzer Blick zum Mond sagte ihm, dass es nun Zeit wurde. Er schlich lautlos durch das Lager, geradewegs auf das größte der Zelte zu. Cunningham würde sich dort befinden. Er wollte ihn zuerst. Dann erst kam der Rest dran.

Der Morgen dämmerte tatsächlich schon, als er mit seiner Aufgabe fertig war. Er wischte sich mit dem Handrücken über die Lippen, um sich das Blut abzuwischen. Blut, das mal ausnahmsweise nicht durch und durch nach Furcht schmeckte. Und er hatte es in reichlichen Mengen genießen können. Er war durchaus zufrieden. Und satt. Er würde nun wieder zurückgehen. Es würde schließlich bald hell werden.

„Du warst lange weg.“, stellte Daren fest. Der König sah ihm fest in die Augen. Aber Leth reagierte nicht darauf. Er hatte den Sonnenaufgang beinahe vollends mit angesehen. Es hatte ihn ein wenig fasziniert. Aber das behielt er für sich. Er konnte sich nicht mehr daran erinnern, wann oder ob er ihn schon einmal gesehen hatte.

Nachdem niemand etwas sagte, zog Leth nur die Schultern hoch.

„Ich bin wieder da.“, sagte er nur knapp.

„Ja“, nickte Daren, „in der Tat. Du hast es lange ausgenutzt.“ Wieder entstand ein Schweigen. Und wieder war es Leth, der es brach.

„Wollt Ihr mir etwas damit sagen?“, fragte er in einem gelangweilten Ton. Aber Daren schüttelte nur den Kopf.

„War nur eine Feststellung.“, behauptete er. Aber er behielt ihn fest im Blick und schwieg wieder. Irgendwann hatte Leth genug von diesem Spielchen. Er schlenderte betont lässig zu seinem Bett hinüber und legte sich wieder hin, wie er es immer tat, die Arme hinterm Kopf verschränkt.

„Sagt was Ihr zu sagen habt und lasst mich dann in Ruhe.“, forderte er.

Aber der König schüttelte nur wieder mit dem Kopf.

„Vergiss nur nicht, rechtzeitig zurückzukommen. Du weißt, was geschehen wird, sollte dich der Tag erwischen.“

„Dann werdet Ihr mich endlich los.“, entgegnete er tonlos. Es klang fast so, als wäre das auch sein Wunsch. Endlich befreit zu werden von diesem … Zustand, den man nicht Leben nennen konnte.

„Sei kein Narr.“, erhob Daren nun ärgerlich die Stimme. „Du wirst gebraucht. Du musst dich nur davor hüten, alleine am Tage aufgegriffen zu werden.“

„Und wofür braucht Ihr mich?“, fragte Leth. Er drehte den Kopf zu seinem Besucher um, der es sich am Tisch auf einem der einfachen, aber stabilen Stühle bequem gemacht hatte und zu ihm hinüber dah.

„Du wirst mit uns reiten!“, verkündete Daren dann.

Leth erhob sich wieder.

„Ich werde … was tun?“, fragte er ein wenig erstaunt.

„Du wirst mit uns reiten.“, bestätigte der König seine Worte. „Schon morgen Abend. Wir werden nach Cunshar reiten. Und wir werden wohl auf Widerstand stoßen, nun, da Cunningham tot ist.“

„… wollt Ihr natürlich keine Zeit verlieren und Euch seine Ländereien unter den Nagel reißen.“, schlussfolgerte Leth. Daren nickte nur. „Aber wozu braucht Ihr mich?“, fragte Leth weiter. „Ich hatte doch noch nie das zweifelhafte Vergnügen an der Seite Eurer Männer zu reiten.“

„Ich brauche jemand an der Spitze meines Heeres, der schlichtweg unbesiegbar ist. Cunningham hat sehr viele Männer mehr, als unsere Truppen stark sind.“, sagte Daren.

„Aber Cunningham ist tot.“, gab Leth zu bedenken.

„Richtig. Aber nicht alle seine Heerführer. Und die werden nicht gleich aufgeben, sondern ihr Reich noch ein wenig verteidigen wollen.“, klärte Daren ihn auf. „Ich erwarte dich also morgen bei Sonnenuntergang an den Ställen. Und wasch dich! Wenn dich meine Männer so sehen … blutverschmiert, wie du bist …!“ Er sprach den Satz erst gar nicht zu Ende. Dann erhob er sich wieder, um zu gehen, blieb aber noch im Türrahmen stehen und blickte sich noch einmal kurz zu Leth um. „Und reiß dich zusammen!“, warnte er ihn.

„Ja, ja.“, antwortete ihm Leth, während er davon ging. „Aber nur, wenn mir keiner dumm kommt.“, ergänzte er noch leise.

Er hatte sich nicht allzu lang ausgeruht. Aber der nächste Tag war schneller vorbei, als er darüber nachdenken konnte. Er hatte in der letzten Nacht viel darüber nachgedacht, was mit dieser Frau war. Hexerei …! Sie versteckte sich also ganz offensichtlich dort in dieser Siedlung. Das brachte ihn zu der Frage, was mit den anderen Menschen dieser Siedlung wohl sein mochte. Waren es ebenfalls alle Geächtete, Schurken, Mörder, Diebe, Hexer? Er würde es schon noch herausfinden. Aber nun hatte er nicht mehr sehr viel Zeit. Man erwartete ihn bald. Er lief bereits seit einer geraumen Zeit unruhig, wie ein gefangenes Tier hin und her, ohne, dass es ihm selber aufgefallen wäre. Erst als er wieder das Geräusch der Tür hörte, wurde es ihm bewusst. Und es ärgerte ihn. Es ärgerte ihn fast schon maßlos. Warum war er nur so aufgekratzt? Es ging schließlich nur in eine Schlacht. Ein Festessen für ihn! Es sollte ihn nicht beunruhigen, sondern erfreuen.

Schlecht gelaunt trat er in den oberen Flur hinaus. Einige Männer waren dort unterwegs. Sie maßen ihn kurz und möglichst unauffällig mit ihren Blicken, die nichts von ihrem Inneren verraten wollten, es aber sehr offensichtlich taten. Sie mochten ihn nicht. Sie kannten ihn nur als eine Art Scharfrichter, ein Mann ohne Ehre, der in der Gunst des Königs ganz oben stand. Was niemand wirklich verstand. Was sie aber verstanden war, dass er gefährlich war. Selbst unter den Männern des Königs verbreiteten sich Gerüchte und setzten sich dort fest, wo sie auf offene Ohren trafen. Sie fürchteten sich vor ihm.

Leth verzog keine Miene und schlug den direkten Weg zu den Ställen ein.

Er wurde bereits schon erwartet. König Daren of Davington stand vor seinen fast vollzählig versammelten Männern, in einem schwarzen, ledernen Umhang gehüllt und hatte gerade seine kleine Ansprache beendet. Wortlos drehte er sich zu Leth um und drückte ihm die Zügel eines Pferdes in die Hand. Der Heerführer wechselte einen unsicheren Blick mit seinem Herrn.

„Wofür brauchen wir denn den da?“, knirschte er unwillig. Sein Blick heftete sich starr auf Leth, der ihn um gut eine Kopflänge überragte. Bevor Davington etwas sagen konnte, war Leth direkt vor ihm und sah den kleineren Mann seinerseits durchdringend an. Er sagte nichts. Nur die Muskeln an seinen Kiefern arbeiteten. Daren befürchtete, er würde ihn ohne großes Federlesen gleich töten.

„Leth!“, warnte er ihn daher scharf. Dann bedeutete er allen aufzusitzen, und sie ritten los.

Daren hielt Leth neben sich an der Spitze des Tross.

„Keine Dummheiten!“, warnte er ihn wieder. „Wir brauchen jeden Mann. Ob es dir passt oder nicht: Du wirst dich zurückhalten! Und noch etwas: Niemand sollte erfahren was du wirklich bist. Töte Cunninghams Männer, schnell und unblutig, wenn ich bitten darf. Und lass deine Finger von unseren Männern!“

Leth antwortete ihm Nichts. Er ritt schweigend hoch erhobenen Hauptes an seiner Seite dahin und würdigte ihn keines Blickes. Er hielt nichts von geheuchelter, respektvoller Unterwürfigkeit in aller Öffentlichkeit. Er war nicht unterwürfig. Er unterwarf selber. Alle, die sich ihm in den Weg stellten. Zumindest hätte er es tun können. Er besaß die Macht dazu. Er, nicht diese jämmerliche Gestalt von einem Mann, der sich König nannte. Er reichte ihm nicht einmal bis zu den Schultern. Er stellte nichts dar. Und wie es mit seiner geistigen Größe bestellt war … nun ja, darüber durfte sich jeder sein eigenes Bild machen. Allerdings schienen die meisten ein völlig falsches zu haben.

Sie kamen gut voran. Man folgte ihm fast schon vertrauensvoll durch die einbrechende Dunkelheit bis spät in die Nacht hinein. Man konnte sich auf seine Augen in der Dunkelheit verlassen, die einfach sehr viel mehr sahen, als es sonst irgendjemandem möglich wäre. Und so passierten sie nach nur wenigen Stunden die Grenzen zu Cunninghams Reich. Der Regen hatte wieder eingesetzt und trommelte im Gleichklang mit den schmatzenden Geräuschen der Pferdehufe auf dem durchweichten Boden. Die Männer murrten bereits. Niemand von ihnen schätzte es sonderlich mitten in der Nacht bei strömenden Regen Stunde um Stunde reiten zu müssen. Nur ihm machte es nichts aus. Für ihn bedeutete es schlichtweg, dass er etwas Abwechslung fand. Er unter Menschen. Seite an Seite reitend bis in den Kampf. Er hatte die Männer noch nie kämpfen gesehen. Er war gespannt. Es dürfte amüsant werden. Zu sehen, wie sich Menschen gegenseitig die Köpfe einschlugen. Als gäbe es für sie keine andere Bedrohung.

Daren hatte sein dunkles, ledernes Cape fester um sich gezogen. Er war wahrscheinlich der einzige, der vom Regen nicht bis auf die Knochen durchweicht war, und dementsprechend auch nicht so erbärmlich fror, wie die meisten seiner Männer. Seine Stimme klang zwar leise, damit niemand anderes seine Worte hören konnte, als Leth, dem sie galten, aber fest und bestimmend.

„Du bleibst an meiner Seite, hast du verstanden? Bis zum Morgengrauen ist die Burg gestürmt. Dann müssen wir uns ins Innere zurückziehen. Du musst dich ins Innere der Burg zurückziehen! Ich will nicht, dass dich jemand näher sieht! Denk daran! Und ich möchte nicht unbedingt mit irgendwelchen Befehlshabern reden müssen. Habe ich mich klar ausgedrückt?“ Daren schaute mit festem Blick zu Leth hinüber. Aber der saß unbewegt auf seinem Pferd. „Leth?“, rief ihn der König an. „Habe ich mich klar ausgedrückt?“

Leth wandte nur den Kopf in seine Richtung, sagte aber noch immer nichts. Natürlich hatte er verstanden. Darens Stimme war kraftvoll und klar, nicht zu überhören. Und er wusste es auch. Ebenso, wie er selber. Die Kommandierenden allesamt töten, um sich bei Anbruch des Tages in dunkle Kammern zurückzuziehen. Was war daran missverständlich? Letztendlich bedeutete es nur wieder eine Nacht, wie schon zahlreiche zuvor. Was hatte er auch erhofft? Eine ruhmreiche Schlacht? Ein offener Kampf? Gegen ebenbürtige Männer? Lächerlich! Es würde werden, wie sonst auch. Schnell, lautlos, unvorhersehbar, was ihn betraf. Die anderen mochten sich abmühen und kämpfend und schreiend sterben. Keinem der Männer traute er soviel Kampfkunst zu, dass das, was vor ihnen lag, nicht einem Schlachten von Vieh gleichkam. Aber was sollte es! König Daren hatte Zweifel, dass er es ohne seine Hilfe schaffen würde. Und er hatte seinen Befehlen Folge zu leisten. Ob es ihm nun passte, oder nicht.

„Ja.“, grollte er nur düster und trieb sein Pferd schneller vorwärts.

„Leth!“, hörte er Daren nur hinter sich her schimpfen. Aber der Regen ließ alle weiteren Worte ersterben.

Der Mond hatte keine Kraft gegen die Regenwolken anzukämpfen. Die Schwärze der Nacht mochte für die anderen Männer ein Problem sein. Aber nicht für ihn. Leth würde dadurch nur umso schneller töten können, weil er nicht aufpassen musste sich zu verraten. Und so waren die ersten drei Männer, denen er an der Befestigungsmauer von Cunshar begegnete, schon tot, bevor sie darüber überrascht sein konnten.

Sie hatten die Pferde im Wald zurückgelassen und hatten sich lautlos über die letzte Distanz zur Burg herüber geschlichen. Jedenfalls hoffte man, dass es lautlos gewesen war. Leth schüttelte nur unmerklich den Kopf darüber. Wie ein Schatten drang er tiefer in die Festung ein. Tötete die Männer, die ihm unvorsichtigerweise über den Weg liefen, weil sie meinten etwas gehört zu haben, und achtete kaum darauf, ob die anderen Männer mit ihm Schritt halten konnten.

Aber natürlich waren sie nicht lautlos. Nicht die Männer, die in ihrer leichten Rüstung über den Hof eilten und sich in die Schatten zu drücken versuchten, wenn sie eine Bewegung auf dem Burghof wahrnahmen. Allzu oft hörte man Metall auf Stein schleifen und klirren. Leth ärgerte sich maßlos über die Männer. Wie konnte man sich als Soldat dermaßen fahrig, achtlos, fast schon tollpatschig geben? Er hätte alleine herkommen sollen. Er hätte die Männer Cunninghams alleine beseitigen können. Einen nach dem anderen. Lautlos und schnell.

Sehr bald wimmelte es im Hof von alarmierten Soldaten, die herbeieilten, um ihre Burg zu verteidigen. Und ebenso bald erscholl der Innenhof wider vom Schlachtenlärm, von gebrüllten Kommandos und dem Schreien der sterbenden Männer ringsumher. Trotz allem schien der Überraschungsangriff mitten in der Nacht geglückt. Cunninghams Männer waren deutlich in der Überzahl. Waren! So schnell, wie sie starben dauerte dieser Zustand nicht lange an. Dennoch leisteten sie erbittert Gegenwehr. Und Leth kämpfte Seite an Seite mit seinem Herrn. Er hatte diesem Mann niemals allzu viel Schneid zugetraut. Er hatte fast nicht damit gerechnet, dass er sich sogar an der Spitze seiner Männer in die Schlacht stürzen würde. Aber er kämpfte hier, an vorderster Front. Natürlich ständig umgeben von sechs seiner treuesten und besten Männer. Und von ihm. Du wirst an meiner Seite bleiben …! Mit seiner Gewissheit konnte er sich natürlich in den Kampf stürzen! Und das brachte ihm den unabdingbaren Respekt und Gehorsam seiner Männer ein! Aber nicht Leths. Das war erbärmlich!

Leth warf ihm einen gering schätzenden Blick zu, den Daren aber nicht auffing. Er kämpfte. Tatsächlich parierte er immer nur einige ganz wenige Schwerthiebe, bevor dann einer seiner Männer seinen Angreifer zu Boden streckte. Ja, so konnte man sich auch gut in Szene setzen.

Angewidert schaute Leth auf die blutige Klinge seines Schwertes, als er es aus einem sterbenden Körper herauszog. Schwertkämpfe! Nichts für ihn. Er kämpfte lieber im direkten Körperkontakt. Ohne Waffen. Er war selbst die Waffe. Er ließ sein Schwert zu Boden fallen und ging dazu über, den ihn angreifenden Männern ohne viel Aufwand und Mühe das Genick zu brechen. Schnell und unblutig …! Aber selbst das machte keinen Spaß! … unblutig … unlustig!

Nein, das Töten machte keinen Spaß. Hatte es allerdings noch nie getan. Er hatte keine Probleme damit Menschen zu töten, wenn es dafür einen berechtigten Grund gab, wenn es notwendig war. Wenn er Nahrung brauchte. Aber das hier war sinnlos. Wieder einmal. Und es hatte ihm noch nie sonderlich gefallen. Daren mochte von ihm denken, was er wollte, aber er war trotzdem nicht das Tier, das der König in ihm sah.

Langsam entfernte er sich immer mehr von seinen Männern und kämpfte für sich allein. Der Ansturm von Cunninghams Männern schien fast kein Ende nehmen zu wollen. Aber sie hielten sich gut. Soweit er es sehen konnte. Obgleich … eigentlich waren immer weniger von Darens Männern zu sehen. Sie hielten sich doch nicht ganz so gut. Nur die Männer direkt um Daren herum. Und er. Er hatte kein Problem damit, mit nur einem Griff seiner starken Hände zwei Männer gleichzeitig sterben zu lassen. Nicht unbedingt die eleganteste Art zu kämpfen, dafür aber äußerst effektiv und wirkungsvoll. Aggressiv und brutal. Ja, das war eher sein Stil. Er vermochte irgendwann nicht mehr zu sagen, wie vielen er ein allzu schnelles Ableben verschafft hatte. Es war auch egal. Solang es noch Soldaten gab, die auf ihn einstürmten.

Aber dann geschah es. Ein Verteidiger platzierte einen Schwerthieb gegen ihn so, dass eine blutige Schramme auf seinem Gesicht zurückblieb. Er griff nach der Klinge des Soldaten und entriss ihm zornig das Schwert mit seinen bloßen Händen. Ein kurzer, unmenschlich kräftiger Hieb gegen seinen Kopf ließ den Mann dann tot zusammensacken. Leth stand kurz da und fuhr sich mit der Hand durchs Gesicht. Und wischte sich dabei sein eigenes Blut über die Lippen. Seine Zunge spürte danach. Nahm den Geschmack auf. Sein Blick flackerte kurz auf …, bevor er dann in eine unheilvolle Raserei verfiel.

II.

Die Sonne stand bleich am verhangenen Himmel. Freudlos und blass.

Sie sollte eigentlich nicht hier sein. Gut, es war nicht mehr Davingtons Land, sondern Cunninghams, und hier war sie einigermaßen sicher. Aber eben nur einigermaßen. Sie sollte nicht alleine umherstreifen. Sie hätte besser im Wald bleiben sollen. Aber sie hatte in der Nacht nicht schlafen können. Etwas war geschehen. Etwas, das sie beunruhigte. Was das war, das ihr den Schlaf geraubt hatte, das sah sie erst jetzt.

Sie schaute vom Waldrand her über das seicht abfallende Tal zu der Burg hinüber, die nicht weit entfernt trotzig dastand. Das Burgtor war oben, sämtliche Läden standen offen und überall lagen tote Männer. Selbst außerhalb der Burg, hier, in der Nähe des Waldes. Sie traute sich nicht weiterzugehen. Sie hatte keine Ahnung davon, was hier vorgefallen war. Oh, natürlich wusste sie was vorgefallen war, aber nicht warum. Und sie hatte auch keine Ahnung welche Männer da vor ihr am Boden lagen. Sie hatte ja noch nicht einmal Ahnung davon, wo genau sie sich befand. Sie wusste nur, wie sie zurückkommen würde. Den Weg hatte sie sich eingeprägt. Man hatte ihn ihr gezeigt. Weil man wollte, dass sie zurückkommen würde. Man hatte ihre Dienste gut brauchen können, dort wo sie gewesen war. Und man war froh, eine wie sie in ihrer Mitte zu wissen. Auch wenn andere Leute das ganz anders sahen.

Sie schluckte und schob vorsichtig einen Fuß weiter vorwärts. Dicht an einem mit weit geöffneten Augen daliegenden toten Körper vorbei. Fast schon hatte sie Angst, dass er wieder zu Leben erwachen könnte. Voller Grauen sah sie sich um. Tot. Sie waren alle tot. Soldaten offensichtlich, die zwei verschiedenen Truppen angehört haben mussten. An ihren Uniformen konnte sie es erkennen. Aber mittendrin lag ein Mann, der keine Uniform trug. Er war einfach gekleidet, ganz in Schwarz. Und in seiner Brust steckte tief ein gefiederter Bolzen. Was sie daran wunderte, wurde sie erst ein wenig später gewahr. Es sollte in einer Schlacht, wie die, die hier statt gefunden hatte, etwas völlig Normales sein. Aber tatsächlich war ansonsten kein einziger Pfeil oder Bolzen zu entdecken. Die Männer sahen auch nicht unbedingt alle so aus, als seien sie durch ein Schwert gestorben. Die meisten lagen einfach nur in unmöglichen Verrenkungen da, ganz so, als hätte man ihnen erst ihre Arme und Beine, dann ihre Köpfe abgeknickt.

Eine kleine Bewegung ließ sie plötzlich aufschrecken. Sie hatte aus den Augenwinkeln etwas gesehen. Nur was das war, konnte sie nicht sagen. Sie ließ ihren Blick suchend über die toten Männer schweifen. Da! Sie sah es wieder. Das Zucken einer Hand. Einer der Männer lebte noch. Der Mann ganz in Schwarz. Eine leichte Panik stieg in ihr hoch. Was sollte sie tun? Nach der Verwüstung, die hier um sich gegriffen hatte, dürfte keiner eine Überlebenschance gehabt haben. Es wäre wahrscheinlich das Klügste den armen Menschen zu erlösen. Wer wusste denn schon …. Sie konnte ja nicht einmal sagen, ob hier Freund oder Feind miteinander gekämpft hatten. … So aus ihrer Sicht gesehen …!

Ihre zittrigen Hände fanden ihr Messer, dass sie immer am Gürtel trug, und ihre ebenso zittrigen Beine bahnten sich einen Weg zu dem Mann auf dem Hügelkamm. Sie stieß ihn vorsichtig mit dem Fuß an. Als er nicht reagierte kniete sie sich direkt neben ihn und blickte ihn an. Eigentlich wollte sie sich nur darüber vergewissern, dass er keine Chance haben würde und sie das Richtige tat. Aber dann packte er plötzlich ihr Handgelenk mit dem Messer, machte die Augen auf und sah sie direkt an. Sie zuckte ein wenig zusammen, ließ sich aber nichts anmerken. Sie begegnete seinem Blick, der aber bereits wieder flackerte und ihn wieder davon dämmern ließ. Ein sehr zaghaftes Kopfschütteln war das Letzte, was sie von diesem Mann an Lebenszeichen wahrnahm.

Sie wartete eine scheinbar unendlich lange Zeit. Aber nichts tat sich mehr. Und erst, als sie sich sehr sicher war, dass er sie nicht wieder so plötzlich überraschen würde, legte sie zögerlich ihr Ohr auf seine Brust und lauschte … und hielt den Atem an. … Er lebte! Er lebte noch immer! Und er hatte ihr zu verstehen gegeben, ihn nicht zu töten. Eilig sah sie sich um. Hier konnte sie nichts für ihn tun. Aber was sollte sie machen?

Die Pferde …! Sie hatte vorhin im Wald Pferde gesehen. Reiterlos, aber gesattelt. Sie waren dort zurückgelassen worden. Sie warteten. Darauf, dass ihre Reiter zurückkommen würden. Aber das würden sie nicht mehr. Nie mehr.

Hastig sprang sie wieder auf die Füße und lief zum Wald hinüber. Sie bewegte sich vorsichtig durch die Bäume, um die Tiere nicht zu erschrecken. Und sie fand sofort ein treues Tier, das neugierig seinen langen Hals nach ihr ausstreckte. Sie griff nach den Zügeln des Tieres und zog es mit sich auf den Schlachtplatz. Dicht an den Mann heran, der noch immer leblos dalag. Sie griff nach einem Bein des Tieres, und es hob es gehorsam, und zog ihm mit den Zügeln den Kopf herum bis auf die gegenüberliegende Schulter. Dann zog sie noch etwas kräftiger, sowohl am Bein, als auch an den Zügeln und drückte das Tier so herunter. Es sträubte sich erst gegen diese ungewohnte Behandlung, konnte aber dem Druck mit nur einem Vorderbein und ohne freien Hals nicht standhalten, und ließ sich geräuschvoll auf den Boden plumpsen. Sofort kniete sie sich mit einem Bein auf den Hals des Tieres, um es am Aufstehen zu hindern. Dann zog sie mit aller Kraft den Mann an den Armen mit dem Oberkörper seitlich auf das Pferd.