Sohn des Windes - K. Will - E-Book

Sohn des Windes E-Book

K. Will

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Beschreibung

Kieran, der neu ernannte Herrscher der südlichen Länder, kann sich nach den überstandenen Angriffen auf das Reich der Elben noch nicht um seine junge Familie kümmern: ein ominöser schwarzer Reiter überfällt seine Heimatstadt und fordert ihn zum Kampf heraus. Kieran muss sich ihm stellen und dafür seine Familie zurücklassen, die sich allerdings auf den Weg macht ihn zu suchen, als es nach Wochen noch immer keine Nachricht von Kierans Verbleib gibt. Und so gerät auch Emily wieder in höchste Gefahr, aus der sie aber ein fremder junger Mann rettet - und sich in sie verliebt ... Er bleibt an ihrer Seite, da auch Emily, die in einer Wüstenstadt zwar einen verheerenden Sandsturm überlebt, dabei aber ihr Gedächtnis verloren hat, nicht weiß wer sie ist. Kieran ist wie vor den Kopf geschlagen, als er davon hört, und muss als Herrscher reagieren - und schickt sie so in die Verbannung.

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Seitenzahl: 750

Veröffentlichungsjahr: 2015

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K. Will

Sohn des Windes

- Der Hüter der Pferde -

 

 

 

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Inhaltsverzeichnis

Titel

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10

Kapitel 11

Kapitel 12

Kapitel 13

Kapitel 14

Kapitel 15

Kapitel 16

Kapitel 17

Kapitel 18

Kapitel 19

Kapitel 20

Kapitel 21

Kapitel 22

Kapitel 23

Kapitel 24

Kapitel 25

Kapitel 26

Kapitel 27

Kapitel 28

Leseprobe

Impressum neobooks

Kapitel 1

1.

Kieran saß nachdenklich in der kleinen Empfangshalle und hatte sein Kinn schwer auf seine Fäuste gestützt, die er vor sich auf den Tisch gelegt hatte. Es war schon eine ganze Weile her, dass der Bote ihm die Nachricht gebracht hatte. Aber er wusste noch immer nicht, was er davon zu halten hatte. Es gefiel ihm nicht, was er gehört hatte, natürlich nicht, aber da steckte noch mehr dahinter, als nur ein Aufbegehren gegen einen neuen Herrscher, wenn einer der Stammesfürsten der südlichen Länder mit ihm brach. Bei der Vereidigung vor einigen Wochen noch waren sie alle da gewesen und hatten ihm die Treue geschworen, die alten Bündnisse waren erneuert worden, und jetzt das? Kieran schüttelte unwillig den Kopf. Da steckte etwas anderes dahinter. Das wusste er nur zu genau. Aber was?

Er würde sich mit seinem Vater beraten. Am besten würde er ihm noch heute eine Nachricht zukommen lassen, dass er sich auf den Weg zu ihm machte.

Während er so dasaß, bemerkte er gar nicht, dass jemand den Raum betreten hatte. Erst als dieser jemand vor ihm stand, blickte er durch den Schleier seiner langen, schwarzen Haare, die ihm ins Gesicht gefallen waren, auf und musste lächeln.

     „Schlechte Nachrichten?“ Emily setzte sich ihm gegenüber an den Tisch und griff nach seinen Händen, während sie ihn mit ihren großen, grünen Augen besorgt ansah.

Kieran streckte eine Hand aus und griff nach einer Strähne ihrer langen, goldenen Haaren und ließ sie nachdenklich durch seine Finger laufen. Es war nur eine kleine unbedeutende Geste, aber er tat das immer, wenn er nachdenken musste. Seine junge Frau wusste das mittlerweile und sah ihn noch besorgter an. „Kieran?“, fragte sie vorsichtig nach.

Er atmete tief ein, bevor er antwortete.

     „Ich weiß es nicht. Ich werde mit Vater darüber sprechen. Gut ist es jedenfalls nicht!“

     „Wirst du zu ihm gehen oder hast du vor ihn herkommen zu lassen?“, fragte Emily nach. Sie freute sich stets auf ihren Schwiegervater. Auch wenn er bei einer solchen Unterredung wohl eher nicht viel Zeit für sie haben würde. Aber allein ihr Sohn freute sich immer wie wild seinen Großvater zu sehen, und Emily ergötzte sich jedes Mal an seinen leuchtenden Augen, wenn er ihn auf den Arm nahm.

     „Ich denke, ich werde nach Al-Alef reiten.“, unterrichtete sie Kieran über sein Vorhaben. „Aber um ehrlich zu sein, möchte ich dich lieber hier wissen, als dir jetzt diesen Ritt aufzubürden.“

Emily schnaubte gespielt beleidigt.

     „Ich bin schwanger, nicht krank!“

Kieran stand lächelnd auf, ging um den Tisch herum und trat hinter sie, um sie in den Arm zu nehmen. Seine Hand strich ihr liebevoll erst den Rücken herunter, dann um ihre Taille herum und blieben auf ihrem Bauch liegen.

     „Ganz genau. Und das möchte ich auf gar keinen Fall in irgendeiner Art und Weise gefährdet wissen.“ Er strich ihr die langen Haare zur Seite, um ihren Nacken zu küssen.

     „Warum kann er dann nicht einfach hierher kommen?“, wollte sie von ihm wissen.

     „Weil ich mich mal wieder bei meinem Volk sehen lassen sollte.“, entgegnete ihr Kieran. „Gerade jetzt, wo der Fürst von Bahi-Dun mir seine Treue abgeschworen hat!“

     „Er hat was? Aber warum?“ Emily war erstaunt. Es war doch erst einige wenige Wochen her, dass man ihn allseits als neuen Herrscher anerkannt hatte.

Kieran zuckte mit den Achseln.

     „Einen Grund dafür konnte mir der Bote auch nicht überbringen. Aber er schien mehr als angespannt zu sein. Fast so als hätte er große Angst und würde nicht einfach nur eine Nachricht aus rein politischem Kalkül überbringen.“

     „Dann sollte ich mir wohl Sorgen machen, wenn ich dich alleine wegreiten lasse!“, entschied Emily, in der Hoffnung, dass er es sich vielleicht noch anders überlegen würde.

     „Nein, nein.“ Kieran schüttelte schnell den Kopf. „Sorgen brauchst du dir nicht gleich zu machen. Es wird nichts geschehen. Wahrscheinlich will er einfach nur unabhängig und niemandem mehr verpflichtet sein. Das hat es schon öfter gegeben nach einem Machtwechsel.“

     „Und deswegen hatte der Bote solche Angst?“ Emily hob die Augenbrauen und sah ihn an.

     „Ach, Emily, ich weiß es doch auch nicht. Aber du brauchst dir keine Gedanken zu machen. Ich werde sehe, was Vater von alledem hält und dann sehen wir weiter!“

Emily missfiel es, wenn er immer so tat, als wäre alles in Ordnung, nur um sie in Sicherheit zu wiegen, sich aber gleichzeitig selber Sorgen machte. Sie durchschaute ihn sehr genau, und Kieran wusste es eigentlich ebenso genau. Er konnte ihr nichts vormachen, und doch versuchte er es ständig. Und das konnte Emily nicht leiden. Sie war schließlich nicht dumm!

Jung und unerfahren vielleicht, aber nicht dumm.

Kieran sah ihren Blick und versuchte sie wieder etwas umzustimmen.

     „Lass uns nicht darüber streiten. Ich weiß, dass ich dir nichts vormachen kann. Aber es reicht, wenn sich einer von uns Sorgen macht. Außerdem werde ich nicht gleich los reiten. Ich werde ihm erst einmal eine Nachricht schicken.“ Er drehte sie zu sich herum und blickte ihr tief in die Augen, und fingerte schon wieder an einer Haarsträhne herum. „Wo ist eigentlich Asrar?“, wollte er plötzlich wissen.

Emily neigte ihren Kopf zur Seite, um ihm damit anzudeuten, dass er draußen wäre.

     „Culogh ist vorbeigekommen.“, sagte sie nur schlicht.

Kieran schüttelte schon wieder lachend den Kopf. Culogh! Er konnte sich einfach nicht vorstellen, was dieser Faun an seinem Sohn fand, dass er beinahe schon jeden Tag herkam, um mit dem kleinen Jungen zu spielen. Er, ein erwachsener Faun und darüber hinaus ein Krieger Meraldas! Natürlich konnte Asrar jeden mit seinem unschuldigen Lächeln verzaubern, aber Culogh war der Einzige, der sich wirklich stets um ihn bemühte und Emily ihren Sohn immer wieder abnahm, damit sie sich zwischendurch anderen Aufgaben widmen oder einfach nur mal etwas verschnaufen konnte. Und er war auch der Einzige, der darauf bestand als Onkel bezeichnet zu werden!

Kieran trat hinter Emily durch die breite Eingangstür nach draußen und sah sich um. Keine Spur von dem Faun! Nur ein leises Flötenspiel verriet ihm, dass er mit seinem Sohn in der Nähe war. Gemeinsam stiegen sie die Treppe hinunter, die sich um den mächtigen, alten Baum wand, in dem man ihnen ihr neues Zuhause gebaut hatte. Unten angekommen folgten sie den leisen Tönen aus Culoghs Flöte und kamen dann zum Fluss. Der Faun hatte sich mit dem Baby im Schoss im Gras nieder gelassen und spielte dem Kleinen sanfte Wiegenlieder auf seiner Flöte vor. Asrar rührte sich nicht. Er schien entweder wie gebannt auf die Lieder des Faun zu lauschen, die ihren eigenen Zauber hatten, oder war bereits eingeschlafen. Sehr leise traten sie an die beiden im Gras heran und Kieran grüßte Culogh mit einem Kopfnicken, bevor auch er und Emily sich ins Gras nieder ließen.

Der Faun erwiderte seine Begrüßung ohne in seinem Spiel zu unterbrechen. Erst als er seine Melodie beendet hatte, sprach er die beiden leise an.

     „Seid mir gegrüßt! Euer Sohn benimmt sich wirklich vorbildlich artig!“ Culogh grinste die beiden an. „Wie steht es bei euch? Hat der Bote guten Nachrichten gebracht?“ Eigentlich war die Frage überflüssig. Culogh hatte ihn gesehen, und auch die Angst, die in seinem Blick gestanden hatte.

     „Nein, nicht wirklich. Aber ich werde erst sehen müssen, was das zu bedeuten hat.“, erklärte ihm Kieran. „Eigentlich sollte ich am besten direkt einen Späher mit einer Nachricht zu Achaz schicken.“ Er stand wieder auf und wandte sich um. „Ich bin gleich wieder da!“, sagte er noch, bevor er dann auch prompt verschwand.

Culogh sah Emily an und lächelte.

     „Dein Mann ist wirklich sehr gewissenhaft in allem!“

Sie sagte nichts und seufzte nur, als sie sich nach hinten hinüber ins Gras fallen ließ. Kieran hatte ja recht! Das waren nicht die Angelegenheiten, um die sie sich zu kümmern hatte. Das konnte er besser mit seinem Vater besprechen. Aber trotzdem würde sie gerne mitkommen!

     „Irgendwann kommt für eine Frau der Zeitpunkt in ihrem Leben, da sie auch die Verantwortung für ihre Familie übernehmen muss!“, sagte Culogh altklug zu ihr und grinste sie breit an. „Asrar wird es dir irgendwann danken, wenn du ihn hier aufwachsen lässt und nicht auf dem Rücken eines Pferdes.“

     „Sehr komisch.“, gab Emily gedehnt zurück. „Aber Erek würde es gutheißen.“

     „Erek gilt nicht, der ist ein Zentaur!“, wehrte Culogh ab.

Emily sah ihn lachend von der Seite her an.

     „Hast ja recht, Culogh! Ich werde mich benehmen und mit Asrar hier bleiben, wenn Kieran wegreitet.“

     „Oh, ich dachte ich könnte mir deinen Sohn ausleihen. Weißt du, wir haben doch endlich wieder die alten Feste ins Leben gerufen in Meralda, und wir treffen uns in vier Tagen auf der Lichtung, nur die Dryaden und wir Faune, ganz wie in alten Zeiten.“ Culogh sah sie mit großen Augen an.

     „Und was soll Asrar dabei?“

     „Man kann nie früh genug damit anfangen, sein Kind die Wunder der Welt zu zeigen und ihn mit Sitten und Gebräuche vertraut zu machen.“ Culogh sah sie noch immer mit großen, bittenden Augen an.

Emily schüttelte leicht den Kopf.

     „Culogh, du brauchst ganz dringend eine eigene Frau und einen ganzen Stall voll eigener Kinder!“

     „Aber bis es soweit ist, leihe ich mir deinen kleinen Sohnemann aus!“, rief er vergnügt.

     „Culogh, er ist noch ein Baby!“ Emily rollte mit den Augen.

     „Und gerade Babys reagieren auf Musik besonders empfindsam! Kannst ja mitkommen.“, lud er sie ein.

Emily dachte einen Moment nach. Vielleicht war es gar keine schlechte Idee. Ein wenig Abwechslung würde auch ihr gut tun. Sie hatte in den letzten Wochen nicht viel erlebt, als die morgendliche Übelkeit, die ihre Schwangerschaft mit sich brachte. Außerdem würde Kieran nicht da sein und alleine zu bleiben, danach stand ihr auch nicht unbedingt der Sinn.

Langsam nickte sie. Ja, sie würde mitkommen! Dann hätte sie auch endlich Gelegenheit die Dryaden wieder zu treffen. Sie hatte schon so lange nichts mehr von ihnen gehört. Es musste mittlerweile fast ein Jahr her sein, dass sie mit ihnen nach Norden gegangen war.

Dryaden … Baumgeister!

Emily musste lächeln, als sie sich an ihr Abenteuer zurückerinnerte. Der ständige Singsang mit dem sich die Dryaden ihr immer mitgeteilt hatten, die Horde von Gnomen, auf die sie im Wald getroffen war und der riesige Wolf, Ferris, der sie dann weiter auf ihrem Weg in die unterirdischen Tunnel durch das Bergmassiv im Norden und Nordwesten Aldomarks und Meraldas begleitet hatte …! Und daran, wo sie letztendlich gelandet war! Nämlich genau dort, wo Kieran sie nicht hatte haben wollen: in den Händen seines verhassten Bruders! Sie hatte eine Menge erlebt in ihrem jungen Leben, aber jetzt war plötzlich Ruhe eingekehrt! Ruhe und Sicherheit. Und eine Geborgenheit, die sie sich in ihrer alten Heimat im Norden immer gewünscht hatte, als sie ganz allein war, ohne Familie, ohne Freunde. Hier hatte sie jetzt alles! Es war ein schönes, befriedigendes Gefühl der Geborgenheit! Sie sollte eigentlich rundum glücklich sein. Und sie war es eigentlich auch. Außer wenn Kieran weg musste und sie nicht mitnehmen wollte oder konnte!

Wer weiß, wahrscheinlich werden sie ohnehin keine Zeit für mich haben und es würde nur stinklangweilig werden, wenn ich den ganzen Tag im Palast herum hocken müsste!, dachte sie. Nein, sie würde hier bleiben, beziehungsweise mit Culogh nach Meralda reiten, um an diesem Fest teilzunehmen.

     „Dann darf ich euch beiden wieder in meinem bescheidenen Häuschen willkommen heißen!“, sagte Culogh zufrieden und nickte ebenfalls.

     „Ihr beiden heckt doch bestimmt schon wieder etwas aus!“, stellte Kieran fest, der wieder zurückgekommen war. „Wenn man euch beide so ansieht …!“

     „Ich habe deine Frau gerade zum Fest mit den Dryaden in vier Tagen eingeladen.“, berichtete Culogh ihm. „Ich hoffe du hast nichts dagegen!“

     „Nein, im Gegenteil. Geht ruhig. Ich habe Asafir darum gebeten meinem Vater die Nachricht zu überbringen, dass ich in zwei, drei Tagen zu ihm kommen werde. Und nirgendwo anders auf der Welt ist meine Familie ohne mich besser aufgehoben, als bei euch in Meralda.“, bestätigte ihm Kieran.

Culogh nahm Asrar auf und legte ihn sanft in Emilys Arme, dann ging er zu Kieran und zog ihn unauffällig ein kleines Stück von den beiden im Gras Liegenden weg.

     „Deine Frau ist eine Kämpferin. Warum solltest du dich darum sorgen, was ist, wenn du mal ein paar Tage nicht hier bist? Dich bekümmert doch etwas, sonst würdest du so etwas erst gar nicht andeuten.“, flüsterte er leise.

Kieran vermied es den Faun direkt anzusehen. Culogh hatte so eine gewisse durchschauende Art an sich, dass Kieran sich direkt ertappt fühlte.

     „Ich finde es mehr als eigenartig, dass der Fürst von Bahi-Dun unser Bündnis brechen will.“, sagte er nur ebenso leise.

Culogh sah ihn mit hochgezogenen Augenbrauen von unter her an.

     „Allerdings!“, sagte er nur. „Mach dir keine Sorgen, sie sind bei uns beide gut aufgehoben! Sieh du nur zu, was du in Erfahrung bringen kannst.“

Kieran nickte nur und klopfte Culogh dankend auf die Schulter.

     „Nun, ich werde euch drei jetzt wohl mal wieder alleine lassen.“, flötete Culogh gut gelaunt zu Emily hinüber und hob eine Hand zum Abschiedsgruß.

     „Willst du denn nicht hier bei uns bleiben?“, fragte sie ihn verwundert.

     „Nein, nein, ich habe mir ein Zimmer im Tal reserviert!“, gab Culogh zurück. „Dann brauche ich nachts nach dem Tanzen nicht so weit laufen!“ Er zwinkerte ihr zu. „Bis später also.“

Emily winkte ihm noch fröhlich lächelnd zu, als sich der Faun zum Gehen umwandte, dann aber sah sie lange Kieran an. Er verzog nervös die Mundwinkel. Das konnte nichts Gutes bedeuten!

     „Kieran?“, fragte sie vorsichtig.

     „Hm?“ Kieran schreckte auf. Er war mit seinen Gedanken schon wieder ganz wo anders.

Emily holte tief Luft.

     „Ja, ja. Aber ich soll mir keine Gedanken machen!“, ermahnte sie ihn in einem leicht spöttischen Ton.

Kieran sah sie erst ein wenig verdutzt an, dann aber lachte er leise auf.

     „Du hast recht. Ich sollte erst einmal abwarten, bevor ich mir den Kopf über Dinge zerbreche, die vielleicht nie eintreffen werden!“ Er war mit zwei Schritten bei ihr und legte sich neben sie auf die Seite ins Gras, um sie still zu beobachten.

     „Was?“, fragte sie nach einer ganzen langen Weile des Schweigens. Kieran lächelte sie nur offen an. Er wusste, dass sie es nicht unbedingt leiden konnte beobachtet zu werden, und er machte sich stets einen Spaß daraus, sie damit ein wenig zu ärgern. Aber er sagte noch immer nichts.

Emily schnaubte verächtlich und stemmte sich auf die Ellbogen hoch. Aber Kieran hielt sie davon ab sich aufzusetzen. Er schob sich schnell über sie, um sie zu küssen. Als Kieran dann wieder aufstand, rollte Emily nur mit den Augen.

     „Manchmal frage ich mich, ob ich nur ein oder zwei Kinder habe!“

     „In ein paar Monaten werden es sogar drei sein!“ Kieran grinste sie breit an und hielt ihr seine Hand hin, um ihr aufzuhelfen. Dann nahm er Asrar auf den Arm und ging mit Emily im Arm zurück zu ihrem kunstvoll geschnitzten Haus in den Bäumen.

Nach dem gemeinsamen Abendessen, als sich die meisten der Elben dem allabendlichen Singen und Tanzen zuwandten, stand Kieran im Gespräch vertieft mit einigen anderen Elben am Rande der großen Senke inmitten des alten, mächtigen Waldes, der die Heimat der Elben bildete. Er ließ Emily aber nicht aus den Augen. Irgendwie machte ihn die ganze ungewohnte Situation nervös. Zum ersten Mal musste er sich nun um politische Dinge kümmern, von denen er nicht die rechte Ahnung hatte, und dafür auch noch seine Frau alleine lassen. Natürlich würden es nur ein paar Tage sein, ehe er zurückkam, aber trotzdem bemerkte er, dass er wieder unsicher wurde.

     „Wenn Emily in Meralda ist, dann kann ich dich ja begleiten.“, bot Damaso ihm an.

     „Als ob du auch nur die leiseste Ahnung von Politik hättest!“, spottete Dakun vergnügt und schob Damaso spielerisch zur Seite. „Aber mal ernsthaft: Wenn es um Bahi-Dun geht solltest du bedenken, dass Fürst Hakkar derjenige war, der deinem Bruder die meisten Truppen für seinen Angriff zur Verfügung gestellt hat …!“ Dakun sah Kieran sehr ernst an.

Kieran erwiderte seinen Blick nicht minder ernst, allerdings schob er eine Augenbraue leicht missbilligend in die Höhe und ein Mundwinkel zuckte.

     „Und was war mit dir?“, fragte er trocken, ohne den riesigen Kerl neben sich dabei aus den Augen zu lassen. „Du hast in diesem Punkt alle anderen noch übertroffen!“

    „Wann wirst du es endlich begreifen, Kleiner?“ Dakun rollte mit den Augen. „Es war ein Fehler und obendrein sehr kurzsichtig gedacht. Meine Gründe mit ihm einen Handel einzugehen waren ganz andere, als die deines Bruders euch anzugreifen.“

     „Und damit ich nicht genauso dastehe wie du, werde ich mir eine solche Kurzsichtigkeit nicht erlauben!“, gab Kieran leicht gereizt zurück. Er stand mit auf der Brust verschränkten Armen da und musterte den um einiges größeren Mann vor sich. Er konnte es absolut nicht leiden, wenn er ihn Kleiner nannte. Vor allem nicht vor all seinen Freunden. Auch wenn es nun mal stimmte, und Kieran auch noch gut zehn Jahre jünger war als er, aber neben Dakuns riesenhafte Gestalt sah jeder lächerlich klein aus!

Er war nur hier, weil er sich um seinen eigenen Sohn kümmern wollte, von dem er acht Jahre nichts gewusst hatte. Das machte ihn noch lange nicht zu einem von ihnen, und schon gar nicht zu einem Anführer des Elbenvolkes. Er hatte damals, als er seine Ausbildung als Magier beendet hatte, sich von den Elben abgewandt, um als Herrscher in sein eigenes Land zurückzukehren. Im Gegensatz zu Kieran. Er war geblieben. Wenn er auch nun Herrscher der südlichen Länder geworden war, und damit über Menschen gebieten sollte, schlug sein Herz aber eindeutig für Aldomark, für das Land der Elben und seine Bewohner. Sie waren jetzt führerlos, nach der Schlacht, die schon so lange Monate her war, aber er würde diesen Posten nicht übernehmen. Ebenso wenig wie Dakun es jemals könnte, man würde ihn in dieser Verantwortung nicht akzeptieren, Damaso aber ebenfalls nicht, nicht weil er ein Halbblut war, halb Mensch, halb Elb, sondern weil er tatsächlich schlichtweg keine Ahnung von Politik hatte. Ein Problem, das er mit seinen Freunden aufgreifen würde, wenn er wieder da wäre!

     „Lass sie alle beide hier, dann können sie sich wieder heimlich an deine Frau heran machen, während ich dich begleite.“ Markward legte Kieran freundschaftlich einen Arm um die Schultern und grinste ihn frech an.

     „Vorsicht!“, warnte ihn Kieran. „Ich kann solche Anspielungen gar nicht komisch finden.“ Nicht wegen Damaso, fügte er in Gedanken hinzu. Damaso war schließlich sein Freund. Aber Dakun wollte er in dieser Beziehung noch immer nicht so recht vertrauen. Er hatte eine viel zu lange Zeit mit seiner Frau als Gefangene, mit Emily, verbracht, das Schlimmste für ihn war aber, dass Dakun bei der Geburt seines Sohnes dabei gewesen war, und nicht er! Kieran schüttelte unmerklich den Kopf, bevor er Markward ansah und ihm dann zunickte. „Also schön, lass uns übermorgen los reiten.“, sagte er nur knapp.

     „Dann hör jetzt endlich auf dir Sorgen zu machen und Trübsal zu blasen und tanz endlich mit deiner Frau, bevor es Damaso wieder tut, und du sie den Rest der Nacht nicht wieder zurückbekommst!“, feixte Dakun und hielt seinerseits Ausschau nach Silva, die mit seinem Sohn hier irgendwo sein musste.

Damaso sah Kieran verschmitzt von der Seite her an.

     „Wer sie zuerst fragt hat sie die ganze Nacht über für sich!“, forderte er ihn auf und lief mit langen, ausholenden Schritten los.

     „Untersteh dich!“, rief ihm Kieran hinterher und machte sich daran ihm nachzusetzen. Aber Damaso war schneller, und Emily legte Kieran nur mit einem augenzwinkernden Lächeln ihren Sohn in die Arme, bevor sie sich von Damaso zum Tanzen fortführen ließ. Aber eigentlich war es Kieran auch ganz lieb so. Er hatte das Tanzen noch immer nicht wirklich gelernt und sah lieber den beiden zu, statt selber tanzen zu müssen.

Irgendwann bedeutete er Emily mit einem Kopfnicken, dass er mit Asrar zurückgehen würde, um ihn Schlafen zu legen. Emily folgte ihm kurz darauf.

Am übernächsten Tag wurde Emily morgens von einem langen Pfiff geweckt. Sie schreckte auf, als sie merkte, dass es draußen schon hell war. Die Sonne schickte ihre sanften Strahlen durch die seidigen Vorhänge der Fenster und Vogelgezwitscher war leise zu hören. Kieran lag schon nicht mehr neben ihr im Bett. Schnell zog sie sich an und ging nach draußen auf den Balkon, der ihr luftiges Haus in den Bäumen umrahmte, und schaute sich um. Kieran stand inmitten des grünen Streifens, der zwischen dem Waldrand und dem Fluss lag und wartete. Kurze Zeit später kamen zwei Pferde im leichten Galopp heran und hielten vor ihm an. Er begrüßte die Tiere und schien dem einen Pferd etwas zuzuflüstern, was sich daraufhin wieder in Bewegung setzte und durch den Wald trabte. Emily erkannte es als Markwards Pferd und lächelte. Sie hatte noch immer keine Ahnung davon, wie Kieran es anstellte mit den Pferden zu kommunizieren, so dass sie jedes Mal, wenn er sie brauchte, zu ihm kamen und sich von ihm zu ihren Besitzern weiterschicken ließen. Wahrscheinlich war das ebenfalls eine Seite seiner ganz eigenen Magie. Aber wegen dieses Geschicks hatten die Elben ihm damals ihre Pferdeherden in der Grenzmark anvertraut. Vielleicht lag es an seiner Abstammung. Sein Vater war selber ein Mann, der sich hervorragend auf Pferde verstand und eine der bedeutendsten Zuchten der südlichen Länder führte. Es war ihm anscheinend in die Wiege gelegt worden.

Kieran tätschelte seiner Stute den Hals und flüsterte auch ihr etwas zu. Das Pferd kam langsam hinter ihm her, als er wieder zurückging, um seine Sachen zu holen, und wartete artig unten an der Treppe.

     „Oh, ich wollte dich nicht wecken!“, rief Kieran erstaunt aus, als er oben auf dem Balkon Emily antraf. Er nahm sie in seine Arme und küsste sie. „Guten Morgen, mein Engel!“

Emily sah ihn lauernd an.

     „Guten Morgen! Du wolltest dich doch wohl nicht einfach davon machen?“, schalt sie ihn mit einem leicht vorwurfsvollen Ton, lächelte ihn aber gleichzeitig an.

     „Natürlich nicht! Wie könnte ich wohl, ohne dich noch einmal im Arm zu halten …!“ Er zog sie noch etwas fester an sich heran und bedeckte jede noch so kleine Stelle ihres Gesichts mit leidenschaftlichen Küssen.

     „Kieran, bist du soweit?“, drang irgendwann eine Stimme von unten zu ihnen hinauf. „Kieran?“

     „Hm?“, machte er nur und küsste weiter versonnen seine Emily.

     „Kier …!“ Auch Emily versuchte ihn daran zu erinnern, dass Markward gekommen war, um ihn abzuholen. Aber er ließ sie erst gar nicht zu Wort kommen.

     „Kieran?“ Markward war von Pferd abgestiegen. Seine Schritte waren nun auf dem Holz der Treppe zu hören.

Nur widerwillig löste sich Kieran von seiner jungen Frau.

     „Weißt du was ich jetzt viel lieber täte?“, raunte er ihr ganz leise ins Ohr und fing an, daran herumzuknabbern. „Mit dir?“

     „Dann solltest du dich beeilen, wieder zu mir zurückzukommen.“, erwiderte sie ihm ebenso leise und funkelte ihn verführerisch lächelnd aus ihren großen, grünen Augen an.

     „Ach herrje!“, entfuhr es Markward, der ihre Blicke sah. Er war oben auf dem Balkon angekommen. „Das ist ja nicht zum Aushalten mit euch beiden.“

Kieran warf ihm nur einen grimmigen Blick zu. Er hätte sich ja ruhig noch etwas Zeit lassen können!

     „Bestell deinem Vater schöne Grüße von mir und richte ihn das hier aus.“, gab Emily Kieran mit auf den Weg und drückte ihn kräftig. „Und das hier!“ Und damit küsste sie ihn auf die Wange.

Kieran lächelte sie nur an und nickte.

Markward griff nach Kierans Satteltasche, die bereits fertig gepackt in der Tür stand.

     „Komm schon. Sonst werden wir erst um Mitternacht da sein! Ich sag dir was: Du wirst ganz schön weich!“

     „Bist ja nur neidisch!“, zischte Kieran ihn an und küsste Emily noch ein letztes Mal zum Abschied.

     „Tja, ist lange her, dass mich mal jemand geküsst hat!“ Markward grinste Emily schief an und nickte ihr schon zum Abschied zu, als Emily ihn an der Schulter zurückhielt.

     „Dass du mir ja meinen Mann schnell wieder zurückbringst! Und keine blöden Bemerkungen mehr.“ Sie lächelte ihn kurz an, dann gab sie ihm einen innigen Kuss auf die Wange. Jetzt war es Markward, der sich kaum mehr rühren konnte und wie versteinert dastand.

     „Komm schon!“, spottete Kieran. „Sonst kommen wir noch zu spät in Al-Alef an. Du musst zeitig ins Bett!“ Er stieg bereits die Treppe hinunter.

Markward sah noch immer einigermaßen verdattert Kierans Frau an. Als sie ihn aber an der Schulter herumschubste, damit er hinter Kieran herkam, fasste er sie noch einmal schnell im Nacken und stahl sich noch einen flüchtigen Kuss von ihren Lippen, bevor er dann endlich zusammen mit Kieran die Treppe hinunter verschwand.

     „Das habe ich jetzt nicht gesehen …“, sagte Kieran nur trocken und zog eine Augenbraue hoch.

     „Dann ist ja gut!“, Markward grinste ihn an. „Jedenfalls verstehe ich dich jetzt!“

Schweigend führten sie ihre Pferde nebeneinander her bis hinunter zum Fluss. Dort wartete Damaso schon auf sie, wie stets, um seine Freunde zu verabschieden.

     „Tu mir den Gefallen und kümmere dich um sie. Und behalte Dakun im Auge!“, bat ihn Kieran mit leiser Stimme. Dann saß er auf und sah zu Markward hinüber, der Damaso zum Abschied nur zunickte. „Wir werden in vier bis fünf Tagen wieder zurück sein!“

     „Mach dir keine Gedanken. Ich werde sie zu dem Fest nach Meralda begleiten.“, rief Damaso ihnen noch hinterher, als sie über die Brücke über den Fluss davon trabten.

Damaso wandte sich um und ging zu Emilys Haus, wo sie noch immer auf dem Balkon stand und ihn beobachtete, wie er zu ihr aufblickte. Freudig lächelnd winkte sie ihm zu und bat ihn zum Frühstück herein. Damaso begrüßte sie oben angekommen herzlich und nahm sie erst einmal in die Arme.

     „Ich werde dich heute nach Meralda begleiten.“, eröffnete er ihr.

     „Ach, schickt dich mein Mann wieder, um auf mich aufzupassen?“ Emily musste lachen.

Aber Damaso sah sie ernst an.

     „Du tust ihm unrecht!“, meinte er. „Er macht sich nun mal Gedanken um dich!“

     „Er macht sich immer Gedanken, oder nicht?“, fragte sie.

     „Du doch wohl auch!“, entgegnete ihr Damaso. „Aber es ist ja nicht so, als würde er an dir zweifeln. Er hat Sorge, dass dir etwas passieren könnte. Und in der Vergangenheit ist ja wohl auch zuviel passiert, oder nicht? Er liebt dich, Emily! Es ist ganz normal, dass man sich um die sorgt, die man liebt.“ Er strubbelte ihr durchs Haar. „Ich mache mir ja auch stets Gedanken um dich!“

     „Damaso!“ Emily zog ihre Stirn in Falten. „Wie gut, dass das jetzt nicht Kieran mitbekommen hat!“

     „Nein, nein, ich glaube er hat begriffen, dass ich einfach nur in dich vernarrt bin. Ich werde bestimmt keine ernsthafte Bedrohung für euch beide sein.“ Damaso lachte kurz auf. Dann aber wurde er wieder sehr ernst. „Versuch ihn zu verstehen. Er hat lange Zeit allein verbringen müssen. Conall hat uns die ganzen zehn, elf Monate, oder wie lange es auch immer war, voneinander getrennt gefangen gehalten. Während ich das Glück hatte mit einigen anderen meine Zelle zu teilen, hat ihn sein Bruder in einem ganz anderen Gebäude gefangen gehalten. Ganz alleine und in der Gewissheit, dass alle seine Freunde tot wären. Und ohne irgendeine Gewissheit über dich und dein Verbleib. Glaube mir, nach ein paar Wochen fängt man an selber tot zu sein, innerlich nur, aber man möchte am liebsten sterben. Dass er dich zurückbekommen hat, wohlbehalten und obendrauf noch mit seinen Sohn, ist für ihn mehr, als nur ein Geschenk des Himmels. So etwas beschützt man mit seinem Leben!“

Emily war nachdenklich und still geworden. Ein leichter Schauer fuhr ihr bei Damasos Worten kalt den Rücken hinunter. Sie hatte sich nie vorstellen können, was Conall seinem Bruder angetan hatte. Sie hatte Kieran gesehen, ausgemergelt und am Ende seiner Kräfte, aber sie hatte nie gewusst, was es tatsächlich bedeutet hatte - über die körperliche Folter hinaus.

Lange standen sie schweigend in Gedanken versunken da. Damaso hatte seinen Arm um sie gelegt und sie ihren Kopf an seine Schulter gelehnt. Erst Culogh freudiges „Hallo!“ brachte die beiden in die Wirklichkeit zurück.

     „Na, was herrscht denn hier für eine tolle Laune?“, flötete er leicht sarkastisch. „Eigentlich wollte ich euch abholen kommen! Wo ist denn mein kleiner Asrar?“ Culogh ging an den beiden vorbei ins Haus hinein und zielstrebig in Asrars Zimmer. Emily wandte sich schweigend von Damaso ab und ging Culogh hinterher.

Asrar war gerade wach geworden. Schläfrig schaute er den Faun an, der sich über sein Bettchen beugte und gluckste freudig, als er ihn erkannte, und grabschte mit seinen Händchen ungeschickt nach ihm.

     „Na, wenigstens einer, der sich hier freut!“, lächelte Culogh den kleinen Jungen an.

Emily schüttelte hinter ihm nur lächelnd den Kopf. Dann nahm sie ihren Sohn hoch und nach einer herzlichen Begrüßung fing sie an ihn zu waschen und anzuziehen.

Derweil machte Damaso sich daran ein Frühstück für sie alle herbeizuzaubern. Noch während Emily damit beschäftigt war Asrar zu stillen, saßen Damaso und Culogh vergnügt schwatzend beim Frühstück. Später dann, als auch Emily dazu gekommen war etwas zu essen, machten sie sich endlich auf den Weg nach Meralda.

Am späten Nachmittag erreichten sie dann auch endlich Culoghs Haus, was er ihnen großzügigerweise überließ, während er sich schon auf den Weg zur Waldlichtung machte, um noch einige Vorbereitungen fürs Fest zu treffen.

Während Emily sich abends den Gesang der Dryaden und dem Flötenspiel der Faune hingab, stattete Damaso Erek einen Besuch ab. Der Zentaur stand umgeben einiger anderer in der Nähe der Grenzmarken, am Rande des Waldes von Meralda. Erstaunt sah er Damaso an, als er den Elb sah.

     „Was führt dich hierher, mein Freund?“, begrüßte Erek ihn.

     „Ich habe Emily und Culogh zu ihrem Fest begleitet. Allerdings bin ich nicht so romantisch veranlagt, dass ich mir das den ganzen Abend antun muss.“ Damaso grinste ihn entschuldigend an.

Erek nickte nur.

     „Geht uns genauso! Sei willkommen in unserer Runde!“

     „Die Dryaden und Faune verbindet eine sehr viel ältere Freundschaft, da werden wir uns nicht einmischen. Wir sind außerdem nicht unbedingt musisch veranlagt.“, sagte jemand anderes.

     „Dafür können wir kämpfen!“, fuhr ein weiterer Zentaur fort.

Ein einstimmiges kurzes, schroffes Lachen erklang, als sich alle anwesenden Zentauren kurz anblickten.

     „Wo ist den Kieran?“, wollte Erek dann wissen. „Er lässt seine Frau doch fast nie mehr alleine!“

     „Das stimmt! Aber er musste nach Al-Alef, um sich mit seinem Vater zu beraten. Einer der Stammesfürsten hat ihm wohl die Treue entsagt. Er wollte ihr den Ritt nicht mehr zumuten.“, berichtete Damaso.

Erek grinste.

     „Und du sollst auf sie aufpassen?! Hast du ein Glück! Endlich kannst du mal wieder etwas Zeit mit ihr alleine verbringen, was?“

     „Bring mich nicht in Versuchung!“, warnte ihn Damaso, doch schüttelte er nur den Kopf dazu.

Aber Erek war mit seinen Gedanken schon wieder woanders.

     „Und ich dachte wir hätten jetzt ein für alle Male Ruhe!“

Damaso sah ihn erstaunt an.

     „Glaubst du etwa, da steckt mehr dahinter, als wir im Moment annehmen?“ Aber Erek antwortete nicht sofort. „Du meinst, wir sollten uns Sorgen machen!“, kam Damaso die Erkenntnis.

Erek sah in die Runde, bevor er wieder zu Damaso hinüber blickte.

     „Was denkst du?“, fragte er schlicht.

Damaso zog die Achseln hoch.

     „Ich habe keine Ahnung, was das bedeuten könnte! Darüber sollen sich andere den Kopf zerbrechen!“

     „Wir können weitere Angriffe zurzeit gar nicht gebrauchen! Ich will nicht über so etwas nachdenken müssen!“ Erek senkte den Blick. „Der letzte Krieg hat mehr Opfer gefordert, als nötig gewesen wäre.“

     „In der Tat.“ Damaso musste an Aldoin und Bastaho denken, die das Volk der Elben all die langen Jahre angeführt hatten. Und an einige seiner Freunde. Sie waren alle tot. Gefallen in der letzten großen Schlacht, die nunmehr bald ein Jahr zurücklag. Dakun hatte vielleicht recht. Fürst Hakkar war Conall angetan gewesen. Er hatte ihm damals alle seine Männer zur Verfügung gestellt. Und nun … was? Wollte er nur einfach nicht ausgerechnet Kieran, Conalls Bruder, verpflichtet sein? Es war zu hoffen! Einen Bündnispartner zu verlieren hieß noch lange nicht einen Feind zu haben. Die andere Möglichkeit ließ gar nichts Gutes vermuten!

Aber das sollten Kieran und sein Vater ausknobeln. Achaz hatte die Länderein schließlich sehr viele Jahre regiert. Wenn nicht er wusste, was zu tun, wie zu handeln war, wer sonst?

Nein, Damaso wollte sich heute Abend nicht den Kopf über ungeschehene Dinge zerbrechen. Er suchte einfach nur etwas Gesellschaft. Eine, mit der er persönlich etwas mehr anfangen konnte, als mit den singenden Dryaden. Eine Männerrunde halt!

Emily und Asrar waren bei den Faunen gut aufgehoben, und auch Damaso war mit der Wahl seiner Gesellschaft zufrieden. Während tief in Meralda noch am nächsten und übernächsten Tag gesungen und getanzt wurde, statte Damaso wieder Erek einen Besuch ab. Doch der Zentaur war nicht besonders gesprächig. Die Nachricht, die Damaso ihm überbracht hatte, hatte ihn nachdenklich gemacht.

Aber erst an dem darauf folgenden Tag, als Damaso Emily wieder eingesammelt hatte und sich mit ihr auf dem Weg zurück befand, hellte sich seine Stimmung ein wenig auf. Auch Kieran würde heute, oder spätestens morgen wieder zurück sein und sie alle würden dann vielleicht ein wenig mehr wissen.

Damaso war auf Emilys Einladung hin noch zum Abendessen geblieben. Irgendwann zu später Stunde verabschiedete er sich von ihr.

     „Ich mache mich jetzt besser auf den Weg. Ich bin hundemüde. Danke für das Essen, und mach dir keine Gedanken, er wird bald da sein!“ Damaso griff draußen auf dem Balkon noch einmal nach ihren Händen und gab ihr einen langen Abschiedskuss auf die Wange, bevor er die Treppe hinunter stieg und in der Dunkelheit verschwand. Emily war ebenso müde und legte sich neben Asrar hin. Aber sie konnte keinen Schlaf finden. Sie wartete. Unnötig eigentlich. Sie wusste ja nicht, wann Kieran zurückkommen würde. Es war mittlerweile sehr spät geworden und er wäre bestimmt nicht zu einem ungünstigen Zeitpunkt in Al-Alef aufgebrochen. Wahrscheinlich würde er erst morgen kommen. Aber trotzdem brauchte sie sehr lange um einschlafen zu können, und war am nächsten Tag dementsprechend müde. Aber das gab ihr Gelegenheit sich in Ruhe mit ihrem kleinen Sohn zu beschäftigen und sich des Mittags zusammen mit ihm hinzulegen. Es war schon deutlich am Nachmittag, als sie endlich wieder wach wurde. Kieran würde bestimmt bald zurück sein, hungrig und todmüde vom langen Ritt! Emily lächelte. Sie würde ihn mit einem regelrechten Festmahl willkommen heißen.

Den Rest des Nachmittages brauchte sie für die Vorbereitungen. Aber der Abend dämmerte bereits und von Kieran war noch immer nichts zu sehen. Geduldig wartete sie, bis es stockfinster geworden war. Langsam beschlich sie ein komisches Gefühl. Unwahrscheinlich, dass er jetzt noch kommen würde. Nicht mitten in der Nacht! Aber er sollte heute wieder da sein. Vier bis fünf Tage hatte er gesagt!

In dieser Nacht schlief sie noch schlechter, als die Nacht zuvor. Sie machte sich langsam Sorgen.

Damaso kam früh am nächsten Morgen, um Kieran zurückzubegrüßen und stutzte, als Emily ihm erzählte, dass er noch nicht da wäre.

     „Ist denn Markward auch noch nicht wieder da?“, wollte er wissen. Aber natürlich würde Markward seinen Freund nicht alleine lassen. Sie würden natürlich zusammen zurückkommen.

Emily sah ihn sorgenvoll an.

     „Nein.“ Sie schüttelte den Kopf.

2.

     „Ich habe schon bereits vor drei Tagen einen Späher losgeschickt. Kieran verspätet sich nicht einfach um fast eine Woche, ohne etwas zu sagen!“ Emilys Herz schlug wie wild, als sie Damaso ansah. Sie war mittlerweile mehr als beunruhigt, und er tat immer noch so, als würde sie überzogen reagieren!

Langsam nickte Damaso mit dem Kopf.

     „Also schön. Du hast recht. Eine knappe Woche Verspätung sieht ihm wirklich nicht ähnlich. Was hat der Späher denn berichtet?“, wollte Damaso wissen.

     „Er ist gar nicht zurückgekommen!“ Sie sah ihn aus Augen an, die jeden Moment vor Verzweiflung weinen wollten.

Damaso sah sie nachdenklich an.

     „Oh!“, machte er. Das war keine gute Nachricht! „Aber das heißt nicht, dass etwas passiert sein muss!“

     „Damaso!“, herrschte sie ihn an. „Hör endlich auf so zu tun, als wäre noch immer alles in Ordnung! Er ist nicht zurückgekommen, er hat keine Nachricht geschickt, und der Späher ist auch verschwunden! Nichts ist in Ordnung, wenn du mich fragst! Und ich werde nicht weiterhin tatenlos abwarten!“

     „Beruhige dich. Dann werden wir eben noch weitere Späher ausschicken.“, entgegnete er ihr.

     „Vielleicht sollte sich jemand selber auf den Weg machen?“, fragte Emily lauernd und leicht drohend. Wenn es einer wagen konnte, aus dem Reich der Elben in das Land der Menschen zu reisen, dann er. Er war, neben ihr, der Einzige der nicht auffallen würde, der einzige Nichtalb, der sich unter die Menschen mischen konnte.

Aber Damaso verstand ihre Anspielung entweder nicht oder hatte schlichtweg keine Lust sich selber auf den Weg zu machen.

     „Niemand …“, sagte ihr Damaso und sah sie sehr eindringlich an, „… absolut niemand wird ihnen hinterher reiten, um festzustellen, was los ist! Hast du verstanden? Wir werden Späher schicken! Und du wirst dich gedulden müssen!“ Damit drehte sich Damaso von ihr weg und ging davon. Er würde sich erst mit den anderen beraten. „Ich habe deinem Mann versprochen, mich um dich zu kümmern.“, sagte er noch laut im Weggehen. „Und ich werde auf dich aufpassen! Aber ich werde jetzt erst mit Liam und Breando reden, und du wirst hier bleiben!“

Emily schnaubte hinter ihm wütend und verschränkte die Arme vor der Brust. Was fiel ihm ein sie so zu behandeln? Sie hatte allen Grund sich Sorgen zu machen und es war ihr gutes Recht Fragen nach dem Verbleib ihres Mannes zu stellen! Kurz zögerte sie noch selbst, als ihr die Idee in den Sinn kam selber nach ihm zu suchen. Dann aber fragte sie sich, warum sie es sich nicht zutrauen sollte? Sie hatte es nicht einmal gewusst, als sie mit Asrar schwanger war, und hatte eine unheimliche Wanderung mutterseelenallein durch dunkle Tunnel gemacht, sie war fast vergiftet worden, hatte gekämpft und einen Dreiwochenritt hinter sich gebracht. Warum sollte sie sich jetzt nicht zutrauen nach Al-Alef zu reiten? Es war nur ein Ritt von einem einzigen Tag!

Als Damaso wenig später wieder zurückkam, um ihr mitzuteilen, dass die anderen ihrer Meinung waren und entschlossen hatten, dass Damaso sich auf die Suche machen sollten, fand er ihr Haus verlassen vor. Er suchte sie überall und schickte schließlich auch einen der Falken zu Culogh, um sich zu vergewissern, dass sie bei dem Faun wäre. Aber als der Falke nach Stunden zurückkam, konnte er Damaso nichts über Emilys Verbleib berichten. Aufgebracht rannte Damaso zurück ins Tal im Wald und fand die Elben noch immer alle versammelt vor.

     „Sie ist weg!“, sagte er atemlos. „Ich habe überall nach ihr gesucht. Und Culogh weiß auch nicht, wo sie steckt!“ Er sah der Reihe nach in die Gesichter der anderen.

     „Und dann stehst du hier noch rum?“, fuhr Dakun ihn an. „Du solltest dich dann doch wohl ebenfalls längst auf den Weg gemacht haben!“

     „Was?“ Damaso wusste nicht worauf er hinaus wollte. „Auf den Weg wohin? Ich weiß nicht, wo sie steckt!“

     „Es gibt nur einen Ort, an dem sie sein wird, nur einen einzigen!“ Dakun sah ihn mit einer Mischung aus … ja, was eigentlich? - an. Wut? Verachtung? Damaso zuckte unmerklich zusammen.

     „Sie wird doch nicht mit dem Kind nach Al-Alef aufgebrochen sein! Das glaubst du doch selber nicht!“, entgegnete ihm Damaso halbwegs entsetzt.

Aber Dakuns Blick verriet ihm, dass er genau das glaubte, mehr noch - es wusste!

     „Diese Frau hat sehr viel mehr Schneid und Tatendrang als du!“, stellte Dakun grimmig fest. „Breagan?,“ wandte er sich dann übergangslos an seinen Sohn. „Geh zu Silva und sage ihr, was geschehen ist. Und bleibe bei ihr bis ich wiederkomme. Ich werde Emily und Asrar suchen gehen!“

Dakun ging mit schnellen Schritten davon, um sein Pferd zu holen, das Einzige im ganzen Wald, das nicht auf den weiten Grasebenen weidete, so wie all die anderen Pferde. Dakun hielt es stets in seiner Nähe. Jetzt wusste er auch selber warum. Mit gekonnten, schnellen Griffen sattelte er es auf und schwang sich augenblicklich in den Sattel.

     „Warte!“, rief Damaso ihn an.

     „Worauf? Dass du endlich deinen Hintern hochkriegst und was unternimmst?“ Dakun wandte sein Pferd um und trieb es vorwärts. Liam und Breando waren hinter Damaso her gekommen.

     „Dakun!“, rief Liam ihm nach.

     „Was? Ich bin der einzige Mensch, der Einzige, der unter den anderen Menschen nicht auffallen wird. Versucht doch mich aufzuhalten!“, rief er ihm verächtlich entgegen. Er trieb sein Pferd noch schneller voran und preschte im Galopp zum Wald hinaus.

     „Verflucht!“, wetterte Damaso.

     „Es war deine Aufgabe auf sie aufzupassen. Und es war deine Aufgabe Dakun im Auge zu behalten!“, stellte Breando grimmig nickend fest. „Tu was!“

     „Sie zu, dass du hinter ihm herkommst!“, sagte auch Liam trocken. „Wir sind Elben. Wir können uns nicht unter das Volk der Menschen mischen. In Al-Alef vielleicht noch, aber nirgends anders wo sonst. Und ich fürchte, dass euch die Suche nach den beiden sonst wo hinführen könnte!“

Einen kurzen Augenblick stand Damaso noch mit gesenktem Blick da und fluchte leise vor sich hin, dann wandte er sich aber endlich um, um seine Sachen zu packen und sein Pferd zu holen.

So ein Irrsinn, dachte Damaso grimmig, als es nach wenigen Stunden bereits stockfinster geworden war. Er hatte es nicht geschafft Dakuns Vorsprung aufzuholen. Er fragte sich wie viel Vorsprung Emily vor ihnen hatte. Er hatte sie verlassen, als es noch früher Vormittag war. Erst am zeitigen Nachmittag war er zurückgekommen, um nach ihr zu sehen. Wenn sie direkt vormittags los geritten war, dann hatte sie einen halben Tag Vorsprung. Einen halben Tag! Er hatte eindeutig zu lange gezögert!

Bestimmt war Dakun auch jetzt in der Nacht einfach weiter geritten. Und auch Emily traute er es zu. Sie hatte Schneid, gar keine Frage! Wenn sie nicht sogar schon in Al-Alef angekommen wäre! Dementsprechend konnte er ja wohl kaum schwächeln und sich eine Pause gönnen! Kieran würde ihm den Kopf abreißen …!

Emily war am späten Abend am Stadttor von Al-Alef angekommen. Statt der erwarteten Erleichterung endlich hier zu sein, wich ihr aufkeimendes Gefühl der Befriedigung darüber den langen Ritt gemeistert zu haben, einem ganz und gar ungutem Gefühl. Was sie sah erschreckte sie zutiefst. Rauch! Überall schwelten Feuer. Dicker Rauch hing in der Luft, der aus den einzelnen Häusern heraus quoll. Offenbar waren die Brände bereits dabei zu ersterben. Etwas Schreckliches war hier geschehen! Sie fasste ihren kleinen Sohn, den sie, fest in einem Tuch eingewickelt, vor sich am Körper trug, noch etwas fester, wie um ihn instinktiv zu schützen, und trieb ihr Pferd weiter durch die totenstillen, verlassenen Gassen der Stadt. Der Rauch begleitete sie, und ein beißender, ekelerregender Gestand. Emily zog instinktiv den Stoff ihres Ärmels über ihre Hand und schützte damit Mund und Nase, und achtete darauf, dass auch Asrar nichts von dieser verseuchten Luft einatmete, indem sie dem Kleinen ihren Seidenschal um den kleinen Kopf wickelte. Erst als sie in eine Gasse abbog, die sie zum Palast ihres Schwiegervaters bringen sollte, sah sie das Grauen sich ausbreiten: Tote! Die Gasse war gesäumt von unzähligen Toten. Ein eisigkalter Schauer lief ihr den Rücken hinunter. Sie konnte in dem schwindenden Licht nicht die Gesichter der Toten erkennen, was ihr auch eigentlich ganz lieb so war! Aber sie konnte an ihrer Kleidung erkennen, dass es sich hauptsächlich um Männer der Palast- und der Stadtwache hielt, die in einem brutalen Kampf ihr Leben gelassen hatten. Aber sie sah auch, dass die Türen der einzelnen Häuser, in denen es noch immer schwelte, von außen verbarrikadiert worden waren. Was das bedeutete, wollte sie sich erst gar nicht ausmalen! Eine jähe Furcht überkam sie und ließ ihr Herz noch schneller schlagen, und eine plötzliche, bislang noch nie da gewesene Übelkeit! Sie gab dem Pferd die Sporen und ritt im zügigen Tempo durch das große Tor in den Innenhof des Palastes. Das Bild, was sich ihr hier darbot war das gleiche, wie in den Strassen!

     „Nein!“, flehte sie mit leiser, zittriger Stimme, als sie sah, was hier vor sich gegangen war. Auch hier waren die Türen von außen verriegelt worden. Im Inneren suchte sich noch immer dicker, schwarzer, nach Tod und Verderben stinkender Rauch seinen Weg nach draußen. „Nein, bitte nicht!“ Sie war dem Weinen nahe, als sie eilig vom Pferderücken sprang, und auf das große Eingangstor zulief, um die schweren Balken, die gegen die Türflügel gestemmt waren, mit aller Anstrengung, die sie aufzubringen vermochte, zu entfernen. Als sie die Tür mit Wucht aufschlug, ergoss sich der schwere, schwarze Qualm in zäh wallenden Wolken quer über den Innenhof. Abrupt drehte sie sich um und wich über den gesamten Innenhof zurück, um Asrar nicht diesem Rauch auszusetzen, und zog wieder schützend ihren Ärmel über Mund und Nase. Eilig blickte sie sich nach ihrem Pferd um. Die Stute stand noch immer still da, wo Emily sie hatte stehen lassen. Trotzdem führte sie sie am Zügel zur Palastmauer, und band sie dort an. Dann machte sie sich daran Asrar in seinem Tragetuch sicher und fest an dem Sattel zu binden.

     „Pass gut auf ihn auf, Fesherra!“, flüsterte sie eindringlich ihrem Pferd zu. „Ich bin gleich zurück!“ Das Pferd, mit dem goldfarbenen Fell sah sie kurz mit seinen großen Augen an und schlug einmal mit dem Kopf, so als wollte es ihr zu verstehen geben, dass es durchaus verstanden hatte. Eilig und zittrig ging Emily wieder auf den Eingang des Hauses zu und spähte durch den Rauch hinein. Schon in der Eingangshalle waren deutlich Menschen zu erkennen. … Oder was von ihnen übrig geblieben war. Sie sah sich um und fand ein langes Stück Holz, das ihr noch eine kurze Zeit lang als Fackel dienen konnte, und ging weiter in die Dunkelheit des verkohlten Hauses hinein. Hier hatte ein grausames Feuer gewütet, dem niemand entkommen war. Sie sah zahlreiche Tote, verbrannt bis zur Unkenntlichkeit. Nur an einigen Uniformen und Kleidungsstückresten konnte sie noch erkennen, um wen es sich gehandelt haben musste. Die meisten Leute hier am Hofe hatte sie nur flüchtig gekannt, wenn überhaupt. Diener, die sie bei ihrem letzten Besuch hier kennen gelernt hatte. Und an dessen Kleidung sie sich jetzt erinnern konnte, jetzt, da ihre Gesichter allesamt schwarz verkohlt und leblos waren, entstellt bis zur Unkenntlichkeit. Aber dann blieb ihr Blick auf einem Kleidungsfetzen einer Person am Boden hängen, und eine große, dunkle Leere griff nach ihrem Herzen, als wollte sie Emily in einen finsteren, unendlichen Abgrund stürzen. Es war nicht mehr viel von ihm zu erkennen, aber die Tunika, die er trug, war die, die er auf ihrer Hochzeit getragen hatte. Am unteren Saumende konnte sie noch deutlich die Goldstickereien erkennen: Achaz! Keuchend brach Emily in die Knie. Eine halbe Ewigkeit schien gerade vor ihr abzulaufen. Unfähig irgendetwas zu denken, irgendwie zu reagieren, irgendwie zu handeln, hockte sie da und starrte den Toten an. … Und konnte sich nur noch der dunklen Leere überlassen.

Irgendwann rief sie sich ins Gedächtnis, dass sie hier nicht so sitzen bleiben konnte. Sie konnte nichts mehr für ihn tun. Und sie war schließlich auch nicht alleine. Asrar war immer noch draußen bei ihrem Pferd, alleine. Eilig wischte sie sich die Tränen aus dem Gesicht und stand wieder auf. Schwer atmend und mit wild klopfendem Herzen ging sie suchend durch den gesamten Eingangsbereich. Wenn Achaz hier gewesen war, dann war Kieran mit Sicherheit auch nicht weit weg. Aber so sehr sie sich auch anstrengte jemanden erkennen zu können, sie fand ihn nicht. Sie überlegte kurz, was er angehabt hatte, als er fort geritten war. Aber Kieran bevorzugte stets die Farbe Schwarz. Er hatte schlichte, schwarze Sachen angehabt. Im Grunde konnte es jeder von ihnen hier sein! Unwillig schüttelte sie den Kopf, als ihr die Erkenntnis kam, dass sie unmöglich noch herausfinden würde, wer von all den Toten hier Kieran war! Und diese Unsicherheit nicht herausfinden zu können, wer hier wohl Kieran war, machte sie ganz schwindelig, machte, dass ihr Herz stolperte und raste, machte sie atemlos, bis sie kaum noch Luft bekam, und sich immer weitere, dickere Tränen ihren Weg bahnten.

Erst als sie von draußen das ungeduldige Schnauben ihres Pferdes hörte, löste sie sich aus ihrer erschrocken, verzweifelten Erstarrung. Eilig ging sie wieder zu Achaz hinüber und zog seinen Körper mit sich nach draußen auf den Hof. Sie wollte ihn nicht einfach so liegen lassen. Sie konnte ihn doch nicht einfach so hier lassen! Sie konnte auch Kieran nicht einfach … Emily musste sich zwingen tief Luft zu holen. Sie musste Achaz beerdigen. Wenigstens das wollte sie noch für ihn tun können!

Eine Bewegung auf dem Hof ließ sie zusammenzucken. Blitzschnell griff sie nach ihrem Messer, das sie im Gürtel steckten hatte, und drehte sich mit einer schnellen, geschmeidigen Bewegung um. Männer liefen mit langsamen Schritten über den Hof. Ihre Köpfe wanderten ungläubig und suchend hin und her. Einer von ihnen schaute direkt zu ihr hinüber und sagte etwas zu den anderen. Mit Entsetzen sah Emily, wie sie sich ihr näherten, und sie hob automatisch die Hand, die ihr Messer hielt, ein wenig höher, wie um ihnen zu zeigen, dass sie nicht unbewaffnet und wehrlos war. Aber statt des erwarteten Angriffs verneigte sich einer nach dem anderen unterwürfig vor ihr.

     „Sayyidda!“, wurde sie angesprochen. Man hatte sie erkannt. Erleichtert atmete sie auf und musste bitter schlucken. Jetzt erkannte sie auch anhand ihrer Kleidung und an den langen, gebogenen Stäben, die sie bei sich trugen, dass es sich bei den Männern um Hirten handeln musste! Kein Grund also in Panik zu geraten! Aber sie sprach die Männer nicht ihrerseits an. Sie scheute sich noch immer, die Sprach der Südländer zu sprechen. So lange Zeit sie auch hier in diesem Land, und mit Kieran und seinem Vater schon verbracht hatte, so wenig sicher war sie im Sprechen der Sprache. Sie konnte sie mittlerweile verstehen, aber das Sprechen fiel ihr einfach noch immer schwer. Sie starrte nur weiterhin die Männer an, die sich langsam erhoben und sie ihrerseits ansahen. Die Furcht und Verwirrung in Emilys Augen verriet ihnen, dass sie keine Ahnung davon hatte, was sich hier abgespielt haben könnte. Wieder wurde sie angesprochen. Aber der Dialekt, den sie sprachen war ihr nicht unbedingt geläufig. Sie verstand nur ganz vereinzelte Worte. Das Wort Sayyid Az-Hchal war gefallen. Es klang wie eine Frage und sie sah zu dem Leichnam hinter ihr auf dem Boden. Die Bestürzung, die die Männer regelrecht anfiel, sagte ihr, dass sie getreue Diener Achaz waren. Und sie begriffen, was diese Frau vor ihnen gerade getan hatte. Sie traten an Emily vorbei und nahmen den toten Körper vorsichtig auf, um ihn quer über den Hof zu tragen, zu einer Ecke, an dem die Verwüstung, die hier um sich gegriffen hatte, nicht so unmittelbar zu erkennen war.

Eilig machten sich zwei der Männer daran jedes noch brauchbare Stückchen Holz, das sie finden konnten, zusammenzutragen, während ein anderer all das Holz zu einem Scheiterhaufen aufstapelte und bestürzte Worte murmelte, die für Emily wie ein Gebet klangen. Sie verstand, dass die Männer dabei waren, Achaz die letzten Ehren nach den Gebräuchen ihres Landes zukommen zulassen.

Erst nachdem die Flammen hoch aufloderten, und den ihnen überlassenen, toten Körper vollständig eingehüllt hatten, sprach sie wieder einer der Männer an. Emily verstand nicht, was er sagte. Sie war noch zu sehr benommen von den ganzen Vorkommnissen der letzten, ewig lange dauernden Augenblicke. Sie wischte sich schniefend die heißen Tränen aus den Augen, um den Mann ansehen zu können. Er sprach in einem sehr beruhigenden Ton auf sie ein, doch sie verstand nicht wirklich, was er ihr sagte. Bis sie aus seinen Worten den Namen Kieran heraushörte!

     „Kieran?“, fragte sie hellhörig und erneut schossen ihr Tränen über die Wangen. Aber der Mann lächelte sie leicht verunglückt an, schüttelte vorsichtig den Kopf und deutete mit einer ausholenden Armbewegung hinaus aus dem Hof in Richtung Stadt, und sagte immer wieder etwas, in dem immer wieder Kieran zu hören war. Emily verstand ihn noch immer nicht und bedeutete ihm das ihrerseits mit einem Kopfschütteln. Der Mann fasste sie sanft an der Schulter und zog sie hinter sich her zum Palasttor und deutete dann wieder in die zuvor schon angegebene Richtung. Ganz allmählich verstand sie, was er ihr mitteilen wollte. Kieran war nicht hier gewesen! Er war woanders gewesen, als hier alles in Flammen stand. Der Mann sah sie eindringlich an. Und Emily begriff plötzlich. Eilig holte sie ihr Pferd und kam zu ihm zurück. Er schien auf sie zu warten. Der Mann nickte kurz den anderen Männern zu, stimmte sich stumm nickend mit ihnen ab, und führte sie dann durch die endlosen Gassen der Stadt, hinaus durch das kleine Hintertor in der Stadtmauer und deutete dann in die Ferne.

    „Bahi-Dun.“, war alles was sie verstand, als er ihr etwas erklären wollte. Dann verneigte er sich höflich, drehte sich wieder um und ging davon.

Emily hatte verstanden! Sie wusste zwar nicht, wie weit weg Bahi-Dun lag, aber sie würde es herausfinden! Kieran hatte damals den weiten Weg von Bahi-Dun nach Gibal hinter sich gebracht, um sie zu retten. Vage konnte sie sich daran erinnern, dass er von einer Ewigkeit als Zeitangabe gesprochen hatte. Aber ihr selber war es eine Ewigkeit lang vorgekommen, als man sie nach Gibal verschleppt hatte. Wenn sie diese Ewigkeit von Kierans Ewigkeit abzog … nun, was würde sich dann für ein Zeitraum ergeben? Müßig darüber nachzudenken! Sie stieg auf ihr Pferd, band sich den kleinen Jungen wieder fest um, der sie artig mit großen Augen anlächelte, und ritt einfach drauflos!

Sehr früh am nächsten Morgen war Dakun in der zerstörten Stadt angekommen. Der Schein eines noch hoch auflodernden Feuers hatte ihn weiter ins Stadtinnere getrieben. Suchend blickte er sich um, fand aber nicht wonach er suchte. Zum Glück! Aber er fragte sich, was hier passiert war. Eine solche Zerstörung war eine offene Kriegserklärung! Und das Feuer sagte ihm, dass noch nicht viel Zeit vergangen war, seit man es angezündet hatte. Aber er hatte keine Truppen erkennen können. Die nächst gelegene Stadt war Hal-Abun im Norden Al-Alefs. Er hätte irgendetwas in der Steppe nördlich der Stadt sehen müssen, bevor er die Stadtmauern Al-Alefs erreicht hatte. Aber er hatte nichts, rein gar nichts erkennen können, was ihm Truppenaktivitäten verraten hätte.

Zügig durchritt er die Stadt. Nur kurz hielt er am Palast an, um sich mit einem schnellen Blick zu vergewissern, dass Emily nicht hier war. Sie war mit ihrem Pferd unterwegs. Das konnte man nicht einfach verstecken! Er hätte es gesehen! Sie besaß genügend gesunden Menschenverstand, um sich hier nicht länger aufzuhalten. Aber wohin war sie geritten? Er trieb sein Pferd immer weiter vorwärts, zum Westende der Stadt und zum Tor hinaus. Aber auch hier war weit und breit nichts zu sehen.

Und dennoch …. Er würde weiter nach Westen reiten. Er gab seinem Pferd die Sporen, aber das Tier kam nach dem langen, schnellen Ritt, den er ihm aufgebürdet hatte, nur noch sehr langsam in die Gänge. Er musste zugeben, dass er schon früher die Pferde aus der Zucht von Az-Hchal bewundert hatte, die Pferde, die Kieran und sein Vater gezüchtet hatten waren sehr viel härter, sehr viel kleiner zwar, weswegen er sie immer belächelt hatte, aber sehr viel ausdauernder. Er würde mit seinem Pferd nicht mehr weit kommen, wenn er ihm nicht eine Ruhepause gönnte. Fluchend saß er ab und führte das Pferd zurück zur Stadtmauer. Er würde sich nach Wasser umsehen müssen, bevor er weiter konnte. Ihm fiel der Stadtbrunnen auf dem Marktplatz ein, und lenkte seine Schritte in diese Richtung.

Er hatte sich im Schatten des Brunnens nieder gelassen und hatte noch gar nicht so lange dort verweilt, als er in der aufgehenden Sonne im Osten eine Bewegung gewahr wurde, die auf ihn zuhielt. Kampfbereit griff er nach seinem Messer an seiner linken Seite und nach dem Dolch zu seiner Rechten, und hockte sich unauffällig hin, um dem Ankommenden nicht zu verraten, dass er ihn gesehen hatte, und mit einer Bewegung auf den Füßen wäre, um ihn seinerseits anzugreifen, wenn es von Nöten wäre.

Aber der Ankömmling sprach ihn erleichtert an.

     „Dakun! Endlich!“ Damaso ritt in einem Bogen aus dem Sonnenlicht heraus, damit Dakun ihn erkennen konnte.

     „Damaso?“ Dakun schien fast überrascht ihn hier zu sehen. Er nickte dem Halbelben zu. „Ich hätte nicht gedacht, dass du dich tatsächlich auf den Weg machen würdest. Aber trotzdem: Schön dich zu sehen!“

     „Hast du schon was entdecken können?“, fragte Damaso ohne Umschweife.

     „Sie ist nicht hier.“, entgegnete er ihm knapp.

     „Was ist mit Kieran und Markward? Hast du einen von ihnen gefunden?“, bohrte Damaso weiter.

     „Nein.“ Dakun erhob sich und sah sich um. „Bei all dieser Zerstörung hier … glaubst du wirklich, dass hier noch jemand lebt? In suche sie, sonst keinen mehr!“

Damaso sah Dakun an, aber erwiderte nichts darauf. Er schluckte nur schwer. Dakun hatte recht! Es würde vielleicht Tage dauern, bis sie unter all den Toten Kieran und Markward herausgefunden hätten. Aber was hätte es ihnen genutzt? Nein, sie mussten Emily finden. Das war jetzt wohl wichtiger.

     „Aber wo könnte sie sein, wenn sie nicht hier ist?“, fragte Damaso nach einer Weile.

Dakun sah ihn mit hochgezogenen Augenbrauen an.

     „Wer von uns kennt sie wohl besser? Du oder ich?“, fragte er.

     „Ich denke: Du!“ Damaso sah in fest an. Er musste sich eingestehen, dass er zwar viel Zeit mit ihr verbracht hatte, aber eigentlich nicht viel über das Mädchen aus dem Norden wusste. Nicht genug, um zu wissen, was in ihr vorgehen mochte, nachdem sie all das hier gesehen hatte. Er schüttelte betreten den Kopf und sah sich ebenfalls um.

     „Sie wird weiter geritten sein. Da sie uns nicht entgegen gekommen ist, wird sie nach Norden, oder was ich für wahrscheinlicher halte, nach Westen unterwegs sein.“, erklärte ihm Dakun.

     „Was für einen Grund sollte sie haben, einfach weiter zureiten?“ Damaso schüttelte schon wieder den Kopf. Nein, das machte für ihn keinen Sinn!

     „Vielleicht hat sie hier nicht gefunden, wonach sie gesucht hat?“, gab Dakun gereizt zurück.

     „Und woher willst du wissen, dass sie überhaupt weiter geritten ist? Vielleicht ist sie noch hier irgendwo und braucht unsere Hilfe, vielleicht ist sie verletzt …!“, begann Damaso und wurde von Dakun rüde unterbrochen.

     „Oder vielleicht tot!“, schnaubte er. „Nein“, sagte er dann aber sofort und sah Damaso an. „Nein, sie ist nicht hier! Sie ist stark und sie ist eine Magierin. Sie wird sich nicht so leicht töten lassen! Und sie hat die Gabe zu Heilen!“

     „Dann sollten wir uns sofort auf den Weg machen!“ Damaso sah ihn auffordernd an.

Dakun verstand die Anspielung, schüttelte aber leicht den Kopf.

     „Mein Pferd braucht eine Pause!“, gab er zu. „Aber während du die Pferde tränkst, werde ich mich draußen vor der Stadt umsehen. Vielleicht kann ich irgendetwas erkennen!“, sagte Dakun und wandte sich zum Gehen um.