Die Vergiftung der Welt - Mariah Blake - E-Book

Die Vergiftung der Welt E-Book

Mariah Blake

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Beschreibung

»Fesselnd ... Blakes findige Chronik eines der größten moralischen Skandale unserer Zeit ist ein Buch, das sich niemand von uns entgehen lassen darf.« The Washington Post Nachdem er mehrere Freunde und Verwandte durch Krebs verloren hatte, begann ein unscheinbarer Versicherungsmakler aus Hoosick Falls, New York, im Jahr 2014 zu vermuten, dass seine Wasserversorgung verschmutzt war. Als er sein Leitungswasser testete, entdeckte er gefährliche Mengen an PFAS – sogenannten Ewigkeitschemikalien, die sich nicht abbauen lassen und mit verschiedensten Krankheiten in Verbindung stehen. Dies löste eine Kette von Ereignissen aus, die dazu führte, dass Milliarden Menschen rund um den Globus erfuhren, dass ihr Trinkwasser verseucht ist. Auch in Deutschland. Eine fesselnde Untersuchung der jahrzehntelangen Kampagne der chemischen Industrie, die Gefahren von Ewigkeitschemikalien zu verschleiern. Die investigative Journalistin Mariah Blake erzählt sie anhand der Geschichte einer Kleinstadt, die sich an vorderster Front einer epischen Krise der öffentlichen Gesundheit befindet. Eines der besten Bücher des Jahres von The Washington Post und Scientific American

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Veröffentlichungsjahr: 2026

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Inhalt

Vorwort von Daniel Drepper

Anmerkung der Autorin

Einleitung

1 Nur ein kleines Hindernis

2 Teflon Town

3 Luzifers Gas

4 Verbannt auf die Teufelsinsel

5 In der Zwickmühle

6 Biologisches Dynamit

7 Geheimnisse im Blut

8 Der Wendepunkt

9 Willkommen im schönen Parkersburg, West Virginia

10 Ein Stein im Getriebe

11 »They Poisoned the World«

12 Das Blatt wendet sich

13 Wolke Sieben

14 Dreckiges Wasser, dreckiger Deal

15 Aktivisten wider Willen

16 Worst-Case-Szenarien

17 Eine Mauer des Widerstands

18 Sieg

19 Bis an alle Enden der Welt

Nachwort

Dank

Anmerkungen

Leseempfehlungen für Deutschland, Österreich und die Schweiz

Index

1

Nur ein kleines Hindernis

Am Morgen des 5. Oktober 2010 begann der Tag wie fast immer bei Familie Hickey. Ersel Hickey, ein 68-jähriger Schulbusfahrer in der kleinen Ortschaft Hoosick Falls, New York, stand noch vor Sonnenaufgang auf. Er zog seine Jeans an, setzte eine Baseballkappe auf und machte einen Abstecher zu Stewarts Minimarkt, um sich einen Kaffee zu holen. Dann fuhr er los auf seine Morgentour. Ersels Schulbusroute führte durch den Zweiten Bezirk des Ortes – ein Quartier mit alten Backsteinfabriken und in die Jahre gekommenen viktorianischen Häusern mit US-Flagge an der Veranda –, dann weiter in die karge Hügellandschaft mit ihren rostigen Wohntrailern und heruntergekommenen Farmhäusern. Während der Fahrt machte Ersel Witze, verteilte Süßigkeiten und ließ die Kinder über die Lautsprecheranlage des Busses laut ihre Musik abspielen.

Nachdem Ersel an diesem Morgen die Kinder an der Schule abgesetzt hatte, fuhr er zurück zu dem mit braunen Schindeln verkleideten Häuschen, in dem er mit seiner Frau Sue lebte. Er aß eine Kleinigkeit, ging dann auf die Toilette, um sich zu erleichtern – und stellte entsetzt fest, dass die Toilettenschüssel voller Blut war. Ersel rief Sue herbei, der beim Anblick des rot verfärbten Wassers der Atem stockte, und fuhr sofort zur Praxis von Marcus Martinez, dem langjährigen Hausarzt der Familie.

Marcus untersuchte ihn, machte ein paar Röntgenaufnahmen und beschloss, ihn über Nacht für ein paar Tests ins Krankenhaus einzuweisen. Als er gerade dabei war, telefonisch alles Nötige in die Wege zu leiten, tauchte Ersels jüngster Sohn Michael in der Praxis auf, um nach ihm zu sehen. Marcus hielt die Hand über den Hörer und beruhigte ihn: Wahrscheinlich habe Ersel nur Verstopfung. Nach den unvermeidlichen Witzchen über das, womit Ersel wohl »vollgestopft« sei, fuhr Michael ihn ins Krankenhaus.

Michael, ein 31-jähriger Versicherungskaufmann, der fest von der Macht des positiven Denkens überzeugt war, fuhr am nächsten Tag zur Arbeit. Anschließend besuchte er zusammen mit seiner Verlobten Angela einen Kurs für werdende Eltern. Sie war im neunten Monat schwanger mit ihrem ersten Kind, und Michael versuchte schon seit einiger Zeit, sie von der Schönheit des Vornamens »Ersel« zu überzeugen – bislang allerdings ohne Erfolg. Als er nach dem Elternkurs seine Mutter anrief, hörte er sofort ihrer Stimme an, dass etwas nicht stimmte. »Ich wollte es dir eigentlich nicht am Telefon sagen«, meinte Sue. »Aber es ist schlimmer, als wir dachten: Es sieht so aus, als ob dein Vater Nierenkrebs hat.«

Michael war wie vor den Kopf gestoßen; es fiel ihm schwer, sich einen so vitalen Menschen wie seinen Vater als schwer krank vorzustellen. Doch er beschloss, sich nicht von Horrorszenarien entmutigen zu lassen. Am nächsten Abend luden er und Angela Ersel zum Dinner ein, und Michael beruhigte seinen Vater, alles würde gut werden. Ersel würde die Behandlung durchstehen und dann endlich seinen Traum verwirklichen, mit dem Wohnmobil durchs Land zu fahren. »Dies ist nur ein kleines Hindernis auf dem Weg zu den Orten, an die du fahren willst«, sagte er.

Als Angela während des Essens einmal kurz vom Tisch aufstand, konnte Michael es sich nicht verkneifen, einen Witz zu machen. »Vielleicht kann ich sie ja doch noch von ›Ersel‹ überzeugen«, sagte er und lehnte sich zu seinem Vater hinüber. »Wer weiß – vielleicht kommt ja am Ende sogar noch was Gutes dabei heraus.« Michael hatte seinen Vater bislang nur ein einziges Mal weinen sehen, doch als Ersel hörte, wie sein Sohn von seinem zukünftigen Enkel sprach, begann er leise zu schluchzen.

Etwa zwei Wochen später wurde festgestellt, dass sich von dem Tumor in Ersels Niere winzige Blutgerinnsel lösten und die Harnwege verstopften. Er wurde ins St Peter’s Hospital im nahe gelegenen Albany gebracht, wo ihm die Niere entfernt werden sollte. Angela, die zu diesem Zeitpunkt schon über den Geburtstermin hinaus war, ließ im selben Krankenhaus ihre Wehen einleiten, sodass die ganze Familie bei Ersels Operation dort sein konnte.

Am Tag von Ersels Operation standen Angela und Michael gegen vier Uhr morgens auf, packten ein paar Babysachen zusammen und fuhren in der kühlen Morgendämmerung des Herbsttages nach Albany. Als sie im St Peter’s Hospital ankamen, saß Sue bereits in einem leeren Wartezimmer – zusammen mit Michaels Schwester Katy, seinem Bruder Jeff und Ersels Bruder Rich. Michael versuchte, sich mit einem Heft der Sports Illustrated abzulenken, doch nach ein, zwei Stunden starrte er wie gebannt auf einen LCD-Bildschirm an der Wand, auf dem die Namen von Patienten in verschiedenen Farben angezeigt wurden: Dunkelblau stand für »präoperativ«, Pink für »im OP«, Flieder für »postoperativ unter Beobachtung«.

Allmählich füllte sich das Wartezimmer. Menschen in OP-Kleidung eilten durch die Schwingtüren zu den OP-Sälen. Ein Patient nach dem anderen wechselte auf dem Bildschirm von Dunkelblau zu Pink, dann zu Flieder und verschwand schließlich ganz. Nur Ersels Eintrag blieb hartnäckig in Pink stehen. Schließlich, gegen zwei Uhr nachmittags, kam der Chirurg ins Wartezimmer. Der Eingriff sei komplizierter gewesen als erwartet, sagte er. Aber Ersel habe alles gut überstanden – und sei nun krebsfrei. Erschöpft, aber erleichtert warf die Familie einen kurzen Blick auf Ersel, der bewusstlos in einem Aufwachraum lag. Dann gingen Michael und Angela eine Etage tiefer auf die Entbindungsstation, wo Angela ihren Sohn zur Welt bringen sollte.

Die Hickeys verbrachten den größten Teil des nächsten Vormittags damit, zwischen Angelas und Ersels Krankenzimmern hin- und herzupendeln, während Angelas Verwandte im kaugummirosa ausgestatteten Gebärzimmer eine Runde Rommé spielten. Am frühen Nachmittag setzten bei Angela heftige und häufige Wehen ein. Doch es ging nicht so recht voran, und nach sechs oder sieben Stunden intensiver Wehen begann die Herzfrequenz des Babys unregelmäßig zu werden. Der Arzt war schon dabei, einen Kaiserschnitt vorzubereiten, als plötzlich das Baby in den Geburtskanal rutschte und seinen Darminhalt entleerte – eine Substanz, die für ein Neugeborenes lebensgefährlich sein kann, wenn sie eingeatmet wird. Der Arzt forderte alle Anwesenden außer Angelas Eltern und Michael auf, den Raum zu verlassen.

Was dann geschah, verschwamm in einem Nebel – Krankenschwestern liefen eilig hin und her, und man hörte das Klacken der Schuhe von Angelas Vater, der hinter dem Vorhang, den man um ihr Bett gezogen hatte, auf und ab ging. Gegen 22 Uhr schließlich presste Angela ein letztes Mal – und das Baby war da. Angelas Mutter schnitt die Nabelschnur durch, und ein Atemspezialist erklärte den Jungen für gesund. Die Verwandten, die draußen auf dem Gang gewartet hatten, eilten nun unter Tränen ins Zimmer. Michael zitterte so sehr, dass er sich setzen musste. Dann legte Katy ihm das in eine Decke gewickelte Neugeborene in die Arme, und Michael hielt es ganz fest, zu Tränen gerührt von den pausbäckigen Wangen und dem winzigen Grübchen am Kinn.

Später, als das Baby schlief, bat Michael die Krankenschwester um eine Kopie der Geburtsurkunde. Er nahm sie mit in das Zimmer seines Vaters und pinnte sie an ein Regal neben dem Bett, sodass Ersel den Namen des Babys sehen konnte: Oliver Ersel Hickey. »Du wirst gesund nach Hause kommen, und Angela hat sich breitschlagen lassen, als zweiten Vornamen ›Ersel‹ zu nehmen – also ein voller Erfolg für alle«, sagte Michael. Ersel war noch so benommen von der OP, dass er kaum die Augen öffnen konnte, doch er lächelte matt.

Nach Ersels Operation änderte sich vieles. Er war immer ein Arbeitstier gewesen – fast die ganze Zeit seit Michaels Geburt hatte er nicht nur den Schulbus gefahren, sondern zusätzlich in der Nachtschicht einer örtlichen Fabrik gearbeitet. Er klagte kaum einmal, aber seine endlos langen Arbeitszeiten hatten ihn lange davon abgehalten, Dinge zu tun, von denen er träumte – etwa mit der Familie im Wohnmobil durchs Land zu fahren oder den Badlands-Nationalpark in South Dakota zu besuchen.

Nun schien er endlich Zeit dafür zu haben. Da es für Ersel nach der OP schmerzhaft war, mit dem Schulbus über die holprigen Landstraßen seiner Route zu fahren, ließ er sich auf Teilzeit setzen und verbrachte fast seine gesamte freie Zeit mit seinem kleinen Enkel. Als Olivers Babysitterin einmal für mehrere Monate ausfiel, sprang Ersel kurzerhand ein – obwohl er vor Olivers Geburt kaum einmal eine Windel gewechselt hatte. Jeden Morgen tauchte er mit seiner Zeitung und seinem Kaffee von Stewarts Kiosk bei Michael und Angela auf, spielte tagsüber mit dem Kleinen auf dem Fußboden oder schob ihn stolz im Kinderwagen durch die Stadt.

Wenn Ersel sich nicht mit Oliver beschäftigte, spielte er Golf oder fuhr mit Freunden in seiner gelben Corvette zu Stock-Car-Rennen. Wie jedes Jahr im Frühling rollte er die Münzen, die er im Laufe des Jahres gesammelt hatte, und legte sie als Benzingeld in einen Eimer. Dann fuhren er und Sue mit dem Wohnmobil nach Myrtle Beach in South Carolina, wo viele Arbeiterfamilien aus Hoosick Falls ihre Ferien verbrachten. Sue, die wegen geschädigter Nerven in den Beinen auf einen Gehstock angewiesen war, konnte diesen Ausflügen nichts abgewinnen. »Ich finde, einmal im Jahr im Urlaub hätte ich es verdient, dass mal jemand anderes mein Bett macht und nicht immer ich«, grummelte sie. Aber Ersel fand es toll, auf dem Golfplatz Nachbarn zu treffen und dann, wenn sie mit ihren Familien im Pool planschten, Kreuzworträtsel zu lösen.

Im darauffolgenden Juni, nach einer routinemäßigen Computertomografie (CT), bat das Krankenhaus Ersel, noch einmal zu einer zusätzlichen Untersuchung zu kommen. Niemand machte sich deswegen große Gedanken – die ganze Familie war viel zu sehr damit beschäftigt, die große Highschool-Abschlussparty vorzubereiten, die sie für das älteste Enkelkind von Sue und Ersel schmeißen wollte. Am Tag der Party tauchte Ersel bei Katy mit postergroßen Fotos von seinem Enkel beim Basketballspielen auf. Als allmählich immer mehr Gäste eintrafen, mischte er sich wie ein Kommunalpolitiker unter die Menge, machte Witze, fachsimpelte über Sportereignisse und erkundigte sich nach Familienmitgliedern der Leute, mit denen er redete. Irgendwann schaute auch Marcus kurz vorbei, was Sue ein bisschen merkwürdig fand. »Er war gleich wieder weg, und irgendwie hatte ich dabei gar kein gutes Gefühl«, erinnerte sie sich. Aber Ersel schien daran nichts Ungewöhnliches zu finden. Gegen 23 Uhr, als nur noch Verwandte und enge Freunde da waren, zündete er ein paar chinesische Himmelslaternen an, die er aus South Carolina mitgebracht hatte, und beobachtete gebannt, wie die leuchtenden Lampions in den Nachthimmel aufstiegen.

Am nächsten Morgen bekam Ersel die Ergebnisse der CT: Der Krebs war zurück, dieses Mal in der Lunge. Verzweifelt versammelten sich die Hickeys auf Sue und Ersels Veranda und nahmen sich vor, die gemeinsame Zeit, die ihnen noch verblieb, möglichst intensiv zu genießen. Michael begann sofort, einen Trip in den Badlands-Nationalpark von South Dakota zu planen. Zwei Wochen später stieg der gesamte Hickey-Clan – immerhin 14 Leute – in ein Flugzeug, alle in orangefarbenen T-Shirts mit der Aufschrift »Hickey Family Vacation«. Orange ist die Farbe der Aufklärungskampagne über Nierenkrebs – und auch die der Cleveland Browns, Ersels Lieblings-Footballteam. Ersel war begeistert von der außerirdischen Landschaft der Badlands und den filmreifen Relikten aus der Zeit des Wilden Westens. Nach einem Besuch des Saloons der Ortschaft Deadwood, in dem »Wild Bill« Hickok beim Pokern erschossen worden war, bestand Ersel darauf, Olivers Kinderwagen selbst den Hügel hinauf bis zum Friedhof zu schieben, wo sie das Grab des legendären Revolverhelden besuchen wollten.

Kurz nach ihrer Rückkehr begleitete Michael seinen Vater auf dessen alljährlichem Roadtrip mit seinen Golfpartnern, wie schon in den Jahren zuvor. Die beiden Männer hätten kaum unterschiedlicher sein können: Ersel war ein sehr umgänglicher Typ, der mit jedem sofort ins Gespräch kam, Michael dagegen ein notorischer Nuschler, dem es oft bei gesellschaftlichen Zusammenkünften an Selbstvertrauen fehlte.1 Er mochte Designerklamotten und teure europäische Autos. Manche Leute im Ort hielten ihn für geldgierig, doch Ersels Freunde behandelten ihn wie ein Familienmitglied. Während Ersel das Wohnmobil fuhr, saßen die anderen hinten, tranken Bier und spielten Karten. Den Rest des Wochenendes verbrachten sie auf Golfplätzen in der Umgebung von Syracuse im Bundesstaat New York. Obwohl Ersel sich für Golf begeisterte, spielte er notorisch schlecht, und es kam durchaus vor, dass er vor Wut den Schläger weit von sich schleuderte oder ein paar deftige Flüche zum Besten gab, wenn die Runde für ihn nicht so gut lief. Doch auf dieser Reise schien ihn nichts aus der Ruhe zu bringen – Michael hatte das Gefühl, dass sein Vater einfach nur froh war, überhaupt dabei sein zu können.

Im August fuhren Ersel, Katy und Sue die drei Stunden nach Boston ins Beth Israel Deaconess Medical Center, wo Ersel sich seiner ersten einwöchigen Behandlung mit einem neuen, sehr wirksamen Medikament unterzog. Danach verbrachten Ersel und Sue jede zweite Woche in Boston. Michael und Katy organisierten ihre Arbeitszeiten so, dass immer einer von ihnen mitkommen konnte. Zuerst traten nur geringe Nebenwirkungen auf; Ersel war zwar oft müde, doch in den behandlungsfreien Wochen spielte er weiterhin Golf, kümmerte sich liebevoll um Oliver und holte sich jeden Tag von Stewarts Kiosk einen Kaffee und einen Lottoschein.

Doch mit fortschreitender Behandlung bekam Ersel Probleme mit dem Blutdruck, starke Gelenkschmerzen und eine derart penetrante Pilzinfektion im Mund, dass er nicht mehr schlucken konnte. Michael, der sich selbst nie für besonders wissbegierig gehalten hatte, begann fieberhaft, alles über Nierenkrebs zu recherchieren – in der Hoffnung, etwas zu finden, das die Beschwerden seines Vaters lindern könnte. Zwischen seinen Recherchen und den Fahrten nach Boston blieb ihm kaum noch Energie für seine Verlobte und seinen Sohn, aber Angela hatte Verständnis für seine Lage. »Jeder von uns war bereit, alles zu tun, damit Ersel die Therapie durchstand«, sagte sie. »Wir dachten alle, dies wäre nur eine Phase, und sobald Ersel wieder gesund wäre, würde alles wieder normal werden.«

Der Höhepunkt von Ersels Jahr war immer seine alljährliche Weihnachts-Shoppingtour – ein ganzer Tag, der angefüllt war mit zwei der Aktivitäten, die ihm am meisten Freude machten: Familienausflüge und Geschenke aussuchen. Meistens fuhren er, Katy, Michael und ein paar andere Familienmitglieder in die Crossgates Mall nach Albany, und Ersel drückte jedem einen Umschlag mit Geldscheinen in die Hand, um damit Geschenke für die eigene Familie zu kaufen. Dann steuerte er zielstrebig Hannoush Jewelers an, einen eleganten Familienbetrieb direkt neben Forever 21, um etwas Besonderes für Sue zu finden. Anschließend erledigten Ersel und Katy im Eiltempo ihr Shopping: Sportklamotten für die Enkel und Schals für die Damen, die bei der örtlichen Kreditgenossenschaft arbeiteten (in deren Vorstand Ersel einen Sitz innehatte). In manchen Jahren stellte er sogar eine Liste mit den Namen aller Kinder zusammen, die er auf seiner Schulbusroute durch die Gegend fuhr, und besorgte auch für sie Geschenke. Wenn sämtliche Einkäufe erledigt waren, lud Ersel alle zu einem schönen Dinner und einer lebhaften Unterhaltung ein – seine liebste Stunde an seinem Lieblingstag.

Michael und Katy waren entschlossen, ihrem Vater zuliebe diese Tradition fortzuführen. Also fuhren sie Anfang Dezember zusammen mit Angela und Ersel, der gerade seine letzte Behandlung hinter sich gebracht hatte, in die Crossgates Mall. Dieses Mal war er so schwach, dass er nur ein paar Runden der Infusionstherapie durchhielt. In der Mall suchte er noch ein Diamantcollier für Sue aus, aber mehr schaffte er nicht. Am ersten Weihnachtstag saß Ersel – der sonst immer früh aufgestanden war, um Frühstück zu machen und Geschenke zu verteilen – in sich zusammengesunken in seinem Ruhesessel.

Im darauffolgenden Monat waren die Schmerzen in Ersels Knien und Hüften so unerträglich, dass er die paar Meter von der Küche ins Wohnzimmer nur noch mit einem Rollator schaffte. Er hatte keinen Appetit mehr und schlief fast den ganzen Tag. In diesen Wochen schien halb Hoosick Falls bei ihnen zu Hause ein- und auszugehen, um Essen zu bringen oder Ersel einen Besuch abzustatten – Golfpartner, Mitglieder des Gemeinderats, Eltern, die früher selbst bei ihm im Bus gesessen hatten und deren Kinder inzwischen mit ihm gefahren waren. Irgendwann im Januar 2013 besuchte einer der Organisatoren der St-Patrick’s-Day-Parade Ersel, um ihm mitzuteilen, dass er in diesem Jahr zum Grand Marshal ernannt worden sei – eine der höchsten Ehrungen in dem irisch-katholisch geprägten Ort. Ersel war überglücklich. »Unsere ganze Hoffnung war, dass er bis zur Parade durchhält, weil er sich das so sehr gewünscht hatte«, sagte Katy.

Doch mittlerweile hatte Marcus schon den Verdacht, dass der Krebs gestreut hatte. Anfang Februar ließ er einen PET-Scan machen. Katy stand am nächsten Morgen zufällig in der Küche ihrer Eltern, als Marcus kam, um ihnen das Ergebnis mitzuteilen: Der Krebs hatte sich auf Ersels Knochen ausgebreitet. Als Katy den Arzt fragte, ob ihr Vater wohl noch sechs Wochen bis zum St Patrick’s Day durchhalten würde, verzog Marcus das Gesicht und schüttelte den Kopf. Dann ging er ins Schlafzimmer, um es Ersel persönlich zu sagen.

2

Teflon Town

Während eines großen Teils seiner Geschichte war Hoosick Falls vor allem als Heimat von Grandma Moses bekannt, einer Landarbeiterin im Ruhestand, die ganz unerwartet zum Darling der Kunstwelt wurde. Anna Mary Robertson Moses, geboren 1860, begann erst zu malen, als sie schon über 70 war – nach dem Tod ihres Mannes und weil ihre von Arthritis geplagten Finger zu steif zum Sticken geworden waren. Auf einem alten Drehstuhl in der Küche sitzend, bannte sie nostalgisch-bäuerliche Szenen auf die Leinwand – farbenfrohe Landschaften mit fröhlichen Darstellungen von Menschen bei der Feldarbeit oder bei jahreszeitlichen Ritualen wie in ihren Gemälden Apple Butter Making und Catching the Thanksgiving Turkey.1

Moses’ frühe Werke blieben zunächst weitgehend unbeachtet. Als sie auf der County Fair einige ihrer Bilder, eingemachtes Obst und selbstgemachte Himbeermarmelade einreichte, gewannen nur die Obstkonserven Preise. Doch 1938 entdeckte ein Kunstsammler aus Manhattan, der zufällig durch Hoosick Falls kam, einige ihrer Gemälde, die verstaubt im Schaufenster einer Apotheke standen. Schon bald darauf wurde ihre Kunst im Museum of Modern Art ausgestellt und millionenfach auf Briefmarken und Grußkarten von Hallmark reproduziert. Der legendäre Maler Norman Rockwell verewigte Grandma Moses in einem seiner Gemälde. Präsident Harry Truman lud sie nach Washington ein und bezeichnete sie als eine der »beliebtesten und originellsten Malerinnen« der Vereinigten Staaten.2

Im Jahr 1953 brachte das Nachrichtenmagazin Time eine Titelgeschichte mit Grandma Moses auf dem Cover: Sie stand auf einer verschneiten Landstraße, trug ein schweres Kleid mit Spitzenkragen, das silbergraue Haar zu einem Bibliothekarinnendutt aufgesteckt, und ihre lebhaften grauen Augen blickten staunend auf etwas jenseits des Bildrands. Der Artikel begann mit einer Beschreibung der Landschaft vor ihrem Haus nördlich von Hoosick Falls – »die brachliegenden Mais- und Tomatenfelder, die sanft zum Hoosic River hin abfallen«, dahinter Hügel, »gesäumt von Birken- und Ahornwäldern und Flecken von verschneitem Weideland«. Es war diese Landschaft, die sie inspirierte und erdete. Generationen von Bewohnern von Hoosick Falls sahen in ihren Bildern ein Stück Heimat und waren stolz auf ihre enorme Popularität.3

Aber es gab auch eine andere Seite der Geschichte dieser Gegend, die in Grandma Moses’ nostalgischen Bildern nicht zu sehen war: ihre stark industriell geprägte Vergangenheit. Als der Ort im Jahr 1827 offiziell zu einer Gemeinde wurde, zählte er gerade einmal 200 Einwohner; die Post brachte ein Junge, der zu Fuß aus einem Nachbardorf kam. In den 1850er-Jahren begann schließlich ein unternehmungslustiger Schmied, eine riesige Landmaschinenfabrik aufzubauen – komplett mit eigenem Kraftwerk und Güterbahnhof. Die Einwohnerzahl schnellte auf über 7.000 in die Höhe. Rings um die Dorfmitte entstanden stattliche viktorianische Villen, Geschäfte, ein Opernhaus und ein Straßenbahnnetz. Die Fabrik schloss kurz nach dem Ersten Weltkrieg ihre Pforten, doch mit der Zeit zog die industrielle Infrastruktur des Ortes weitere Industrielle an – darunter auch einen Mann namens Cleveland E. Dodge Jr.4

Clee, wie er genannt wurde, stammte aus einer wohlhabenden Industriellenfamilie mit guten Beziehungen. (Sein Großvater war ein enger Freund und Berater von Präsident Woodrow Wilson gewesen.)5 Seit Generationen hatten Männer der Familie Dodge im eigenen Bergbaukonzern gearbeitet und in der feinen New Yorker Gesellschaft verkehrt, doch Clee war entschlossen, seinen eigenen Weg zu gehen. Nach seinem Abschluss an der Princeton University und dem Dienst als Marinekommandant im Zweiten Weltkrieg trat er einen Job als Einkäufer bei General Electric an. Dort wurde er einem geheimen Programm zugeteilt, das Raketen für das beginnende Wettrüsten im Zuge des Kalten Krieges entwickelte. Doch das Projekt geriet ins Stocken: Die Drähte, mit denen die elektronischen Bauteile verbunden wurden, brannten ständig durch. Auf der Suche nach einer Lösung stieß Clee auf eine Firma namens Warren Wire in Vermont. Ihre Produkte waren mit einem neuartigen Kunststoff namens Teflon beschichtet, der sie deutlich unempfindlicher und hitzebeständiger machte als Leitungen mit herkömmlicher Ummantelung.6

Clee war so begeistert vom Potenzial des Teflon, dass er seinen Job bei General Electric kündigte, eine Stelle bei Warren Wire annahm und sich mit seiner Familie am Fuße der Green Mountains in Vermont niederließ. Schon bald versuchte er, seinen neuen Chef davon zu überzeugen, auch andere Materialien mit Teflon zu beschichten, doch der zeigte kein Interesse. Also machte Clee sich selbstständig und gründete 1955 direkt hinter der Bundesstaatsgrenze in Hoosick Falls, New York, eine Firma namens Dodge Fibers Corporation.7

Dodge Fibers begann als kleiner Betrieb mit nur sechs Mitarbeitern, konnte aber schon bald Großaufträge von Luft- und Raumfahrtfirmen an Land ziehen. Im Jahr 1961 errichtete Dodge eine mittelgroße Fabrik direkt neben dem Wasserwerk des Ortes – ein Standort, dem damals niemand Beachtung schenkte. Gegen Ende der 1960er-Jahre hatte das Unternehmen mehrere weitere Fabriken in Hoosick Falls gekauft, Niederlassungen in Rhode Island und New Jersey eröffnet und ein Vertriebsnetz in über einem Dutzend Ländern aufgebaut.8

Zudem stellte das Unternehmen inzwischen eine große Bandbreite an teflonbasierten Produkten her – Kabelbäume für Raketen, Isolierband für Elektroarbeiten, Gewindedichtband für Klempnerarbeiten, Polsterstoffe für Autos und mit Teflon beschichtete Aluminiumplatten namens »Slipfoil«, die auf die Unterseite von Bügeleisen aufgebracht wurden, damit diese leichter über den Stoff glitten.9 Angespornt von Dodges Erfolg, stiegen auch andere Unternehmer der Region in das Geschäft mit Teflon ein. Im Jahr 1968 etablierte der Gründer von Warren Wire die ChemFab Corporation